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Lutz Jahoda: „Die schnellen Jahre haben begonnen.“

Mit Wiener Charme und Schwejkschem Humor erklomm er die Höhen, durchmaß die Tiefen und überwand die Klippen des Lebens, in das er im Brünner Krankenhaus mit einer „sanften Garotte“ geholt wurde. Nun feiert Lutz Jahoda seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass traf ich ihn zum Interview für die SUPERillu (Heft 27/17) in seinem Domizil am Wolziger See. Fesch sah er aus in seinem hellen Anzug. Das Gesicht leicht gebräunt, ja, jugendlich frisch. Die 90 erscheint absurd. Beim Laufen nimmt er einen Stock, schwarz mit silbernem Griff. „Ich bin altersschwach.“ Er meint das ernst, sodass ich es glauben muss, was mir schwerfällt. Unter dem schattigen Dach zweier mächtiger Erlen nehmen wir im Garten Platz. Ein halbes Jahrhundert ist er hier am Wolziger See schon zu Hause. Seine Heimatstadt ist Brünn, heute Brno, in Tschechien. Dort wurde er geboren, erlebte als Elfjähriger den Einmarsch der deutschen Wehrmacht, mit 16 die erste Liebe und wie aufregend Theater sein kann. Bevor er im Februar 1945 in den Zug von Brünn nach Wien stieg, um als freiwilliger Offiziersanwärter der deutschen Luftwaffe – die es zu dem Zeitpunkt nicht mehr gab! – an der Donau im Schützengraben zu landen.

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August 1930 in Brünn. Der dreijährige Lutz mit seiner Mutter Elisabeth (35), der elfjährigen Schwester Elsi und seinem 13-jährigen Cousin Leo aus Wien ©privat

„Der 18. Juni war ein Samstag, der Monat  kühl und feucht. Opernsänger und Grabredner trugen einen Schal. Ich hatte mir mit meiner Wurstelakrobatik zum Ausgang die Nabelschnur zweimal um den Hals geschlungen. Keine gute Ausgangsposition, um ins Leben zu rutschen“, beschreibt Lutz Jahoda seinen Eintritt in die Welt und kommentiert: „Ungerufen kommt Schnitter Tod am liebsten; doch manchmal kommt er auch vergebens.“ Als Schauspieler, Sänger, Moderator und perfekter Entertainer zählte er zu den beliebtesten Künstlern in der DDR. Ihm verdanken die Freunde der heiteren Muse Hits wie den „Kartäuser Knickebein-Shake“,  „Die Blasmusik von Kickritzpotschen“ oder auch „Das Lied vom alten Plattenschrank“. Von 1972 bis 1982 gehörte seine musikalische Revue-Reihe „Mit Lutz und Liebe“, für die er auch die Texte schrieb, zu den besten Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens.

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Lutz Jahoda und seine Mutter Anfang der 60er Jahre ©privat

Seine Wurzeln mütterlicherseits liegen in Wien, die seines Vaters im Böhmisch-Mährischen. Brünn war ein bedeutendes industrielles und kulturelles Zentrum der Habsburger Monarchie, danach der ersten Tschechoslowakischen Republik, die 1938/39 von Hitlerdeutschland annektiert wurde. Lutz Jahoda hat das Zeitgeschehen, in das er hineingeboren wurde, stets mit wachem Blick beobachtet, in Tagebuchaufzeichnungen festgehalten und die Irrationalität der deutschen Politik auf seine Art mit Wiener Schmäh und tschechischem Witz kommentiert.

Das Interview in voller Länge:

So gut drauf wie Sie, möchte ich meinen 90. Geburtstag auch erleben. Haben Sie sich für Ihr Lebensalter irgendwann einmal ein Ziel gesetzt?
Ich hatte mir selten Gedanken darüber gemacht, wie lange meine Lebensuhr ticken wird. Alter spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Aber jetzt, da ich neunzig werde, erlaube ich mir den Übermut und sage: START 90 – ZIEL 100. Ob mir das gelingen wird, bezweifle ich.

Warum das denn?
Ein Arzt wollte mich, als ich erst vierzig war, mit folgendem Satz trösten: „Gemach, gemach, der Mensch fällt stufenweise ins Grab.“ Kein Wunder, dass so ein Satz sofort wieder aktuell wird, wenn man das Gefühl hat, täglich gleich einen ganzen Treppenabsatz hinter sich gebracht zu haben. Die Zeit der schnellen Jahre hat begonnen. Und fest steht schon heute, wer gewinnen wird.

Lutz Jahoda
Am 26. Mai 2017 im Interview mit der Autorin. Lutz Jahoda erzählt schmunzelnd von seinem „Wettrennen“ mit Täve Schur 1960 beim Empfang der Olympiateilnehmer im vollbesetzten „Stadion der Hunderttausend“ in Leipzig ©Michael Handelmann

Was haben Sie sich für die Zeit der schnellen Jahre vorgenommen?
Mich endlich auszuruhen und zu beobachten, ob und wie meine neueste Arbeit fruchten wird. Wenn alles gut geht, wird mein Buch „Lustig ist anders“ bereits im Hochsommer im Handel sein. Die farbige Illustration besorgte der Karikaturist Reiner Schwalme, bekannt als Zeichner der Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel “ und inzwischen auch des Berliner „Tagesspiegel“.

Alles andere als lustig war wohl jene Zeit, als Sie mit siebzehn in den letzten Kriegswochen an die Front mussten?
Wohl wahr. Da sollte ich südöstlich von Wien die Dritte Ukrainische Front aufhalten. Seither weiß ich Vogelgezwitscher zu schätzen und zu hassen, was Atemluft bleihaltig macht. Um nicht eingekesselt zu werden, kam bald der Befehl, die Stellungen zu verlassen. Da hatte das Maschinengewehrfeuer zum Glück aufgehört. Noch heute frage ich mich, wieso ich plötzlich allein unterwegs war. Die einzigen Begleiter waren links und rechts die Einschläge explodierender Granaten. Später reimte ich: Wie tarnt man beim Verdrücken als Vormarsch seinen Lauf? Das Koppelschloss am Rücken, den Helm verkehrt rum auf! Das einzig gute Gefühl aus jener Zeit: Ich brauchte niemanden zu erschießen.

Lutz Jahoda
Sein Buch „Lutz im Glück und was sonst noch schieflief“ erschien 2001 im Verlag Das Neue Berlin ©Michael Handelmann

Schon in Ihren Memoiren „Lutz im Glück und was sonst noch schieflief“ haben Sie das politische Zeitgeschehen mit Ironie und Spott kräftig gegen den Strich gebürstet als könnten Sie nicht anders.
Das einzig Ererbte, wovon ich heute noch zehre. Dabei war mein Erscheinen auf dieser Welt alles andere als humorig. Ich würde es eher als suizidverdächtig bezeichnen: Ich hatte die Nabelschnur um den Hals. Der Arzt sprach von einer „petitesse“, doch sein Gesichtsausdruck soll nicht nach Geringfügigkeit ausgesehen haben. Die Hebamme bemühte sich um die „Kleinigkeit“, die der Doktor eine „sanfte Garotte“ nannte. Meine Mutter hatte „Karotte“ verstanden und sich gefragt, was an einer Mohrrübe hätte sanft sein sollen, wo doch mein Gesicht eher nach Blaukraut aussah. Doktor Spaßvogel hatte Würgeeisen gemeint, und so muss es mir auch vorgekommen sein.

Sie sind im tschechischen Brünn geboren. Ihre Eltern gehörten zur deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei. Wenn Sie an Ihre Jugend denken, was ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?
Meine Jugendliebe. Sie war fünfzehn, ein Jahr jünger als ich, und saß im Englischunterricht an der Handelsschule in Brünn hinter mir. Für mich war Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt in die Zeitspanne eines Wimpernschlags gefallen. Gern denke ich auch an die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die mein Vater für mich binden ließ.

Nur zur Erklärung: Das war die erste Berliner Wochenzeitung. Sie erschien am 4. Januar 1892 zum ersten Mal. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Verleger-Familie Leopold Ullstein vertrieben und das Blatt bis zum Kriegsende ein Organ der NS-Propagandisten.
Mein Vater hatte die Zeitschrift abonniert und den Jahrgang 1927 für mich binden lassen. So wusste ich schon als Knabe, was in der Welt zur Zeit meiner Geburt vorgegangen war bis hin zu den unheilvollen Tagen, als Deutschland dem Hakenkreuz hinterherzulaufen begann. Und so denke ich gern an die erste Tschechoslowakische Republik zurück, die Flüchtlingen aus Deutschland Schutz gewährte. Heinrich und Thomas Mann zum Beispiel erhielten einen tschechischen Pass. Aus dieser Jugendzeit stammt auch meine Sehnsucht, nach Art des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch ein Mann der Zeitung zu werden.

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Der 17-jährige Lutz bringt seiner Freundin Puzzl ein Ständchen. Acht Monate später fährt er an die Front bei Wien ©privat

Dennoch wurden Sie ein Mann des Theaters.
Ein Bursche vorerst. Ich meldete mich zur Freiwilligen Feuerwehr, um der vormilitärischen Ausbildung bei der Hitlerjugend zu entgehen. Brünn stand nach der Annexion der ČSR ab 1939 unter deutschem Protektorat. Der Chef der Feuerwehr war gleichzeitig Inspizient am Brünner Stadttheater, sodass ich entweder in Uniform hinter der Bühne stand oder im Dritten Rang Dienst hatte, allerdings gelegentlich auch als Kleindarsteller in einer stummen Rolle über die Bühne laufen oder sogar etwas tragen durfte.

Ernsthaft beschritten haben Sie Ihren künstlerischen Weg erst, als Hilde Engel und Erich Elstner, die Eltern von Showmaster Frank Elstner, Sie unter ihre Fittiche nahmen. Mit ihnen gelangten Sie 1946 nach Berlin.
Hilde Engel war Berlinerin. Sie hatte Wohn- und Bleiberecht in der zerstörten Stadt. Und nur so konnte ich als noch nicht Volljähriger, dem Schoß der Familie Elstner zugehörig, mit in Berlin bleiben. Ich erhielt dort privaten Ballettunterricht und von Erich Elstner die Grundausbildung, um in kleinen Rollen bereits bestehen zu können. Elstner brillierte schon in der ersten Inszenierung des Metropoltheaters nach dem Krieg mit Sonja Ziemann, dem späteren Filmstar, singend und tanzend in der Operette „Nächte in Shanghai“ und gründete später das „Theater in der Kaiserallee“.

Wie kam es zu der Bekanntschaft mit dem Schauspielerpaar?
Erich Elstner und Hilde Engel waren in Brünn Theaterstars. Gegen Kriegsende 1945 kam ich in sowjetische Kriegsgefangenschaft und entdeckte Erich Elstner in der slowakischen Hauptstadt Bratislava in einem Lazarett der Roten Armee. Ich erkannte ihn lediglich an der Stimme. Er hatte Gewebswassersucht und ich gerade eine Ruhrerkrankung hinter mir. Russische Ärzte hatten uns kuriert. Wir trafen uns nach der Entlassung im Spätsommer 1945 in Wien wieder. Meine Tante Mary gab Erich Elstner, seiner Frau und ihrem kleinen Sohn Tim – aus dem später Frank wurde – in ihrer Villa Unterkunft. Ich hatte einen Job als Übersetzer in einem amerikanischen Offizierscasino und übermittelte die Wünsche der Amerikaner den Wiener Köchen. Damit gelangte ich in den Genuss, Essen mitnehmen zu dürfen. Was mir augenzwinkernd gestattet wurde, obwohl dies bestimmt gegen die offizielle Order verstieß. Ich versorgte so Onkel, Tante und die Elstners.

Lutz Jahoda
Im Gespräch am 26. Mai 2017 ©Michael Handelmann

Warum sind Sie nicht in Wien geblieben und machten dort eine Schauspielausbildung?
Weil sich dort die vielen Schauspieler der einst zahlreichen deutschen Theater in Böhmen und Mähren gegenseitig auf die Füße traten. Die deutsche Minderheit, die seinerzeit mehrheitlich „Heim ins Reich“ gerufen hatte, wurde im April 1945 aus Böhmen und Mähren ausgewiesen, sämtliche Theater waren wieder tschechisch. Und Österreich hatte nur wenige Städte mit einer maßgeblichen Bühne. Es war ein großes Abenteuer.

In Berlin nahmen Sie auch Ihren Traum in Angriff, Journalist zu werden.
Ich bewarb mich beim Berliner „Nachtexpress“. Die Elstners hätten meinen Journalistenwunsch toleriert. Doch die ersten Theaterangebote kamen schneller als die Zusage der Zeitung für ein Volontariat. Hilde Engel, die viele Theaterleiter kannte, hatte das für mich eingerührt.

Haben Sie noch Kontakt mit Frank Elstner?
Im August 2014 hatte er mich nach Wien eingeladen. Ich zeigte ihm die Villa von Tante Mary, an die er sich, der damals erst vier Jahre alt war, nur noch schwach erinnern konnte. Wir fuhren auch nach Brünn. Das Theater wurde gerade renoviert. Dennoch durften wir auf die Bühne, wo sein Vater Erich Elstner einst ein Star war und ich in dem Reimstück „Die goldene Eva“, gespielt von Hilde Engel, einen Lehrling mimte. Ganze neun Silben hatte meine erste Sprechrolle. Das war 1944, kurz bevor sämtliche deutschen Theater schließen mussten, weil die Künstler an die Front geschickt wurden, nachdem Goebbels den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte. Franks Mutter erfuhr übrigens erst in Wien, dass ich jener war, der ihr damals in der Handwerkerkomödie kurz begegnete.

Sie gehören zu den Pionieren des DDR-Fernsehens, zählen zu den populärsten Unterhaltungskünstlern jener Zeit, wurden als Entertainer mit Ihrer Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ zum Fernsehliebling gekürt – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Fühlten Sie sich gut aufgehoben in der DDR?
Es wäre undankbar von mir, dies zu verneinen. Heinz Quermann setzte mich immer wieder in seinen von ihm redaktionell betreuten Sendereihen ein. Unvergesslich, wie er nach einem Auftritt von mir in der Kongresshalle Leipzig das Publikum zu „Zeugen Jahodas“ machte. Natürlich gab es auch für mich als Liedertexter Schwierigkeiten. Dem gesungenen Wort wurde kritische Aufmerksamkeit geschenkt. Da verschwand schnell etwas in der Schublade, und es war ärgerlich, wenn eine ähnliche Textidee eines Tages im Westen auftauchte und großen Erfolg hatte.

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1951 sang er als Buffo im Volkstheater Halberstadt in Ludwig Schmiedseders Operette „Heimkehr nach Mittenwald“ ©Böttcher

Warum sind Sie nicht, wie viele andere Künstler, in den Westen gegangen?
Ich war ja im Westen, hatte meinen Wohnsitz in Berlin-Westend, spielte aber 1947-1951 am Theater der Altmark in Stendal und am Volkstheater in Halberstadt. Im September 1951, zu Beginn der neuen Spielzeit, verließ ich das Theater und ging mit meiner zweiten Frau nach Garmisch-Partenkirchen, weil meine Mutter dort lebte. Da ich weder Bergsteiger noch Skilehrer war und auch beim Almauftrieb und Abtrieb den Kühen nur im Weg gestanden hätte, waren es wieder die Amerikaner, bei denen ich mein Brot verdiente. Ich stand mehr in ihrem Post Exchange, einem Laden für Militärangehörige, als auf der Bühne des Zimmertheaters in Garmisch. Wir spielten auch im Schneefernerhaus unterhalb der Zugspitze. Das höchste Theater Deutschlands mit der niedrigsten Gage.

Was trieb Sie in die DDR? Sie hatten das Kapitel Ostdeutschland doch abgehakt.
Eine veränderte Situation. Nach den Unruhen in Ostberlin im Jahre 1953 erhielt ich gute Nachrichten von Kollegen aus Halberstadt. Gelobt wurde das kulturelle Umfeld. Die DDR sei im Begriff, ein Künstlerparadies zu werden. Ich hatte von meiner ersten Frau meinen Sohn Axel in Magdeburg, mein zweiter Sohn Peter wurde in Garmisch geboren. Und so verließ ich 1954 das Werdenfelser Land, sondierte die Lage in Westberlin, die für Künstler nicht rosig war. Eine Reihe von Kunstschaffenden mit Wohnsitz im Westen der Stadt arbeiteten deshalb im Berliner Osten. Sie erhielten vom Westberliner Senat einen Teil ihrer DDR-Gage 1:1 in Westgeld umgetauscht, um Miete, Strom und Heizung bezahlen zu können. Leider traf dieses Entgegenkommen auf mich nicht zu, weil ich durch meinen mehrjährigen Aufenthalt in Garmisch polizeilich in Westberlin abgemeldet war. Damit war ich Bundesbürger und nicht mehr Westberliner. Als ich 1955 einen Vertrag an den Städtischen Theatern Leipzig bekam, wurde ich DDR-Bürger. Nicht ganz freiwillig. Meine DDR-Monatsgage wäre beim Umtauschkurs 4:1 von Ost- in Westmark vollständig für die Miete meiner Wohnung in Westberlin draufgegangen. Aber bereut habe ich den Staatenwechsel nicht. Es ging mir in der DDR immer gut.

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Der Osten hat ihn wieder. 1955 begann seine Karriere am Operettentheater Leipzig ©privat

Wie sahen Sie den Mauerbau 1961?
Ich liebte Berlin als ungeteilte Stadt, war demnach „not amused“, wie es die Queen ausgedrückt hätte, begriff allerdings schnell, dass die Abschottung aus wirtschaftlichen Gründen notwendig war. Die nicht wegzuleugnende glanzvoll strahlende Wirklichkeit des Westens lockte Zigtausende aus dem Osten weg. Und beängstigend viele Westberliner hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, preiswert Westgeld in Ostgeld umzutauschen und im Osten der Stadt einkaufen. Kaviar, Champagner, die „Wässerchen“ Stolitschnaja, Meißner Porzellan, Kürschnerwaren vom Brühl in Leipzig. Ich erinnere mich, dass der Wiener Schlagersänger Willy Hagara für seine Villa an einem der Rheinhänge Gardinen im Großeinkauf erwarb. Meine dritte Frau, die später mit der morgendlichen Radioreihe „Turnen mit Brigitte“ bekannt wurde, hatte Hagara seinerzeit beratend hilfreich begleitet.

Hatten Sie sich bespitzelt gefühlt?
Die Staatssicherheit hatte ein wachsames Auge auf alles und jeden. Wir dürfen nicht vergessen, was im Lauf deutscher Geschichte Kommunisten und Sozialdemokraten auszustehen hatten, sei es in der Weimarer Republik oder später unter der Hitlerdiktatur. Diese Erfahrung bestimmte Denken und Handeln der DDR-Regierung. Und so gesehen kann die gegenwärtig großflächige Überwachung der Welt durch die zahlreichen Geheimdienste der westlichen Allianz unter Führung von NSA und CIA vorwiegend uns Deutsche mit Osterfahrung nicht schrecken. Wir sind stark durch diesen Heimvorteil.

Lutz Jahoda
Der Sänger, Schauspieler, Autor im amüsanten Gespräch mit mir in seinem Garten unter alten Erlen ©Michael Handelmann

Sie haben sechsmal geheiratet, sind fünfmal geschieden. Konnten Sie dem Weiblichen nicht widerstehen?
Diese Frage wurde mir schon vor Jahren in einer „Riverboat“-Gesprächsrunde gestellt. Damals gestand ich mit schuldhafter Miene: „Ich bin offenbar ein OmH – ein Opfer meiner Hormone.“

Darf ich das so sehen: Mann sieht Frau, Frau sieht Mann, Frau schaut weg, Mann bleibt dran?
Sie sehen das richtig, und Sie machen mich nachdenklich. Als Kind habe ich zur Klavierbegleitung meiner Schwester besonders gern die Lieder mit den Textzeilen „Die süßen Mäderln im Trikot“ und „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n, mein Herz ist groß …“  gesungen. Da war ich erst Fünf!

Klingt wie ein vorweggenommenes Credo Ihres Lebensweges. Ihr Vater war Monarchist, kannte die Geschichte der Habsburger wie ein studierter Historiker und hätte Sie gern als Priester gesehen.
Da hätte ich den Herren Gottschalk und Jauch und vielen männlichen Prominenten bundesdeutscher Fernsehunterhaltung einiges vorausgehabt: Die waren alle nur Ministranten.

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1947 im Theater der Altmark in Stendal. Er war der  jüngste Operettenbuffo im deutschsprachigen Raum.  Hier traf er Ehefrau Nr. 1, die Tänzerin Helga ©privat

Wie haben Sie Eva erobert, Ihre sechste Ehefrau? Immerhin besteht zwischen Ihnen ein Altersunterschied von 44 Jahren. Sie waren damals 67, Eva 23 Jahre alt.
Ich betreute 1994 für „Radio 50plus“ eine Musiksendung, die einmal wöchentlich mit zweimal 50 Minuten ausgestrahlt wurde und aus kurzweilig interessanten Wortbeiträgen und musikalischen Neuvorstellungen bestand. Um festzustellen, wie genau die Hörer meinen Textbeiträgen folgen, baute ich einen Fehler ein. Eva hatte die „Falle“ entdeckt und einen Preis gewonnen, den ich, als ich das beigelegte Foto von ihr sah, zu einem Studio-Nachmittag an meiner Seite erweiterte. Eva durfte Titel ansagen, erhielt ein Lob des Tonmeisters, der uns ansah und schließlich sagte: „Und wann werdet ihr heiraten?“

Die Hochzeit war 1999. Und wie ist es diesmal: Treue bis zum Sternenstaub?
Ich merke, dass Sie meine Bücher gelesen haben. Eva schenkte uns einen Sohn, der inzwischen neunzehn ist. Ich war zum ersten Mal bei der Entbindung dabei und erwartete das übliche in Film und Fernsehen vorgeführte Szenario. Doch die Schmerzensschreie blieben aus. Gojko Mitic, als Fernsehindianer am Marterpfahl, hätte Mühe gehabt, diese Selbstbeherrschung meiner Frau derart überzeugend nachzuvollziehen. Ich weiß nicht, ob das im Kreißsaal so üblich ist: Ich jedenfalls applaudierte Eva.

Standing Ovation. Waren Sie allen Söhnen ein guter Vater?
Da treffen Sie einen Schmerzenspunkt in mir. Immer unterwegs, im Kopf immer auf Suche nach neuen Programmideen. Auch in der DDR eine Notwendigkeit, wer freischaffend bestehen wollte. So muss ich eingestehen: Was ich meinen anderen Söhnen aus Tourneegründen nicht sein konnte, durfte ich diesem letzten Sohn schenken. Die Halbbrüder verstehen sich bestens. Schade, dass Peter Jahoda, der in Garmisch geborene zweite Sohn, nicht mehr unter uns weilt. Er war ein begnadeter Schauspieler am Hans-Otto-Theater in Potsdam und dabei, auch das Fernsehen zu erobern. Er wollte immer gern seinen Geburtsort Garmisch kennenlernen. Die DDR-Administration ließ ihn nicht reisen. Als er nach der Wende hätte reisen können, war es Schnitter Tod, der ihm dies verwehrte.

Lassen Sie mich einfügen: Ihr Sohn Peter litt an Epilepsie. Am 31. Januar 1991 ist er an einem besonders heftigen Anfall erstickt.
An dieser Geißel, die ihn eines Tages unvermittelt traf, litt er seit Jahren. Aber niemals behelligte ihn das Leiden abends auf der Bühne. Immer geschah es aus der Ruhe heraus. An jenem letzten Januartag 1991 war er allein in der Wohnung. Seine Frau war an diesem Morgen bereits zur Arbeit unterwegs. Es ist so bitter schade um ihn.

Ich habe noch Fragen.
Bitte.

Wie sieht Ihre Lebensbilanz aus?
Gewiss hätte ich beruflich mehr und vielleicht auch Besseres abliefern können. Dies mit dem Brecht-Satz „Doch die Verhältnisse, die war’n nicht so!“ abzutun, wäre leicht, aber ungerecht. Dass ich die Chance ergriff, meine Zweitbegabung zu nutzen, um diese geschichtlich und auch literarisch geglückte Romantrilogie „Der Irrtum“ zu schreiben, wie auch jetzt das letzte Buch „Lustig ist anders“, war mir sehr wichtig. Danken möchte ich Juri Klugmann in Kanada, für dessen Monatsblatt „Deutsche Rundschau“ ich einige Jahre schreiben durfte.

Lutz Jahoda
Seit Mitte der 60er Jahre lebt der gebürtige Tscheche am Wolziger See ©Michael Handelmann

Welche Tiefpunkte schmerzen?
Als wir bei unserer Friedrichstadtpalast-Revue „Strandkorb Nummer 13“ im sonst immer ausverkauften Haus von vielen unbesetzten Stuhlreihen überrascht wurde. Es war im Hochsommer 1961. Ich gehörte zu den Hauptdarstellern, war tagsüber zu Dreharbeiten für den Kinofilm „Das verhexte Fischerdorf“ auf dem Darß. Die Mauer stand und dem Friedrichstadtpalast fehlte das Westberliner Publikum. Der zweite Tiefpunkt kam zwei Jahre darauf, als die Beatles die Musikszene zu verändern begannen, worunter die Rundfunktanzorchester und die Gesangsinterpreten in West und Ost gleichermaßen litten. Und der dritte Tiefpunkt ereilte mich nach der Wende. Eine Bank ließ mich ins offene Messer laufen, indem sie die Kreditwürdigkeit meines Geschäftspartners nicht überprüfte und mich meine Bürgschaft nun bis zu meinem hundertsten Geburtstag belasten wird. Rechtschaffenheit gehört nun einmal nicht zum Geschäftsmodell des Neoliberalismus wie uns die Gegenwart immer noch an vielen Beispielen lehrt.

Sehnen Sie sich nach einer Lutz-Jahoda-Show?
Mit Helene Fischer ist die Showwelt optimal ausgereizt. Mehr geht nicht. Ich genieße die Humorspender und die Vertreter erstklassiger Politsatire, erfreue mich am Schauspielernachwuchs, den ich neidlos allabendlich im Fernsehen bewundere.

Lutz Jahoda
Kaum zu fassen. Er wird 90! ©Michael Handelmann

Zum Schluss noch eine Frage, die ich nicht aussparen möchte: Haben Sie eine Empfehlung zum Thema „Jugendliche Frische im Alter“?
Keinesfalls mit übertrieben sportlicher Aktivität oder gar mit Unterstützung von Appetitszüglern dem „Dorian-Gray-Symptom“ verfallen. Meinetwegen gern Oscar Wildes Buch zum Wahn ewiger Jugend lesen, aber keinesfalls Körper und Geist spalten lassen, was offenbar zum gegenwärtigen Zeitgeist gehört: im Interesse von Umsatzsteigerung und selten zum gesundheitlichen Nutzen der Verbraucher. Da möchte ich gern auf den bekannten Erkenntnissatz zurückgreifen: „Nichts ist schlimmer im Alter als im Körper eines jungen Menschen gefangen zu sein“.

Vielleicht noch etwas Heiteres im Hinblick auf Ihr Geburtsdatum am Sonntag?
Nun bin ich neunzig, was mich schon sehr wundert.
Nicht immer hab ich meiner Pflicht genügt.
Es könnte sein, dass demnächst nichts mehr zundert,
sagte mein Doktor. Der wird morgen hundert.
Da kann ich nur noch hoffen, dass er lügt.

 

 

 

 

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Wolfgang Winkler – Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin

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Zwei meiner Lieblingsschauspieler. Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler. Er feiert heute Geburtstag. Sie zieht am 9. März nach. 73 ist der „alte Knabe“ geworden. Und hält sich gut. „Muss ich und will ich auch“, sagt er. Für wen? „Für mich, sonst funktioniert es nicht.“ Dass seine Frau Marina, mit 61 immer noch aktiv als Tanzlehrerin, ihm gewissermaßen ein Ansporn ist, versteht sich von selbst. Und dann mag er auch kein Rentner sein – gleichwohl er es faktisch ja ist.

11180365_10204239465211321_286104416_o Kopie Porträt von André Kowalski

Loslassen vom Job kann und will Wolfgang Winkler einfach noch nicht. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin“, sagt er mir am Telefon. Und bis dahin – so Gott will – hat er noch eine Menge Zeit. Vor genau einem Jahr hat der ehemalige Hallenser „Polizeiruf 110“-Kommissar – nach 50 Fällen mussten er und sein Partner…

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Abschied von Hilmar Thate

Berlin. Der Himmel war bedeckt, doch für den letzten Auftritt von Hilmar Thate öffnete er sein Wolkenfeld und ließ die Sonne scheinen. Es ist der 30. September, die Stunde zwischen elf und zwölf, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße. In der lichtdurchfluteten Trauerhalle fällt mein Blick über die Reihen der Angehörigen, engen Freunde, gemochten Kollegen auf das gerahmte Schwarzweiß-Porträt des Schauspielers. Sein Blick schaut nachdenklich, ein bisschen versonnen, in der Hand eine Zigarette. Er ist so nah und doch so fern.

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Der Sarg aus mattiertem Kirschholz mit nur zwei Sonnenblumen darauf, daneben Kränze aus bunten Herbstblumen geflochten, zeugt von der Unwiderruflichkeit des erloschenen Lebens eines Menschen, der ein besonderer war. Als Schauspieler, als Freund, als Gesprächspartner. Charmant, sensibel und zugleich kraftvoll. Unbeugsam in seiner Haltung, seinem Sinn für Gerechtigkeit. Er fehlt nun. Und vor allem seiner Frau, der Schauspielerin Angelica Domröse. Ihre Liebe war ein enges Bündnis voller Emotionen und einer bewegten, ja, oft stürmischen Realität. Hilmar Thate starb am 15. September mit 85 Jahren. Letztlich an den Folgen eines schweren Sturzes, der ihm die Lebenskraft nahm, wie ich heute erfuhr.

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Tapfer nimmt Angelica Domröse die Kondolenzen entgegen. Links neben ihr Hilmar Thates Sohn Hanno

Es wird ein stiller Abschied, so wie er ihn sich gewünscht hat. Keine Trauerrede. „Hilmar wollte keine Rede zum Abschied. Das hat er mir gesagt, das hat er Angelica gesagt. Lasst uns also jetzt und hier im Stillen und jeder mit seiner Erinnerung an einen besonderen Menschen und unvergesslichen Schauspieler denken“, sind die einzigen Worte des Abschieds. Gesprochen von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, einem Freund, in dessen DEFA-Film „Der Fall Gleiwitz“ Hilmar Thate 1960 die Schlüsselrolle spielte.

Für diese Minuten des Innehaltens hatte Angelica Domröse eine bizarre Straßenmusik ausgesucht, die sie vor Jahren auf einer Party gehört hatte und sich von dem Gastgeber überspielen ließ. „Sie hat uns so gefallen“, sagt sie. Als danach „Pablos’s Blues von Miles Davis“ verklungen war, geben wir Hilmar Thate das letzte Geleit. Neben mir läuft Schauspieler Christian Grashof, hinter mir sehe ich Schauspielerin Jutta Hoffmann mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Nikolaus Haenel, und Schauspieler Carl Heinz Choynski.

Mein letzter Gruß ist eine weiße Rose.

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„Ich höre auf zu leben, aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern und mit Lust und scheue den Tod nicht.“ Zitat aus „Egmont“, von Johann Wolfgang von Goethe.

 

Zum Tod von Hilmar Thate: Zurück ins Universum

Die einen sehen ihn als aufmüpfigen LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (DDR-TV-Serie 1976), die anderen behalten ihn als „König von St. Pauli“ (ARD-TV-Serie 1997), den menschelnden Besitzer des Striptease-Lokals „Blaue Banane“ auf St. Pauli, in Erinnerung. Zwei Rollen, die Hilmar Thate populär gemacht haben – auf konträre Weise in konträren Gesellschaften. In diesen hinterließ er ebenso nachhaltige Spuren auf dem Theater: in Berlin – Ost und West –, München, Hamburg, Bochum, Wien, Basel… Wenn er auf der Bühne stand, war es wie ein Sog, mit dem er die Zuschauer schier atemlos hielt. Herausragend sein Spiel als „Richard III.“ 1972 am Deutschen Theater oder als Mephisto 1990 in der „Faust“-Inszenierung des Schillertheaters.

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Mit Hilmar Thate 2006. Foto: York Maecke

Für mich war Hilmar Thate mehr als nur der brillante Schauspieler. Er war seit 2006, als wir uns für ein Interview trafen und sofort einen Draht zueinander fanden, ein Freund und ein wundervoller Gesprächspartner. Neben dem Ernst der Sache, wenn wir diskutierten über die Belange des Lebens, Politik und was uns bewegte, beim Blick auf die Welt, haben wir viel gelacht. Schon am Mittwoch, es war der 14. September, hat Hilmar Thate dieses Leben verlassen. Er war 85 Jahre alt geworden. Zurück bleiben seine Frau Angelica Domröse sowie seine Söhne Hanno und Sebastian.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Vor dem Kino Babylon mit seiner Frau Angelica 2009 Foto: André Kowalski

Er hat dieses Leben verlassen – es so zu formulieren, ist legitim. „Unsere Existenz ist ein Kreislauf. Wir haben als kleine Elementarteilchen schon beim sogenannten Urknall existiert. Ich kann mich nicht mit der Erde zufrieden geben“, philosophierte er einmal, als er gerade Stephen Hawkins Buch „Der große Wurf. Die neue Erklärung des Universums“ las.

Ich habe ihn mal gefragt, ob der Tod ihm Angst mache, und er antworte mit Schiller: „Der Körper ist der Attentäter des Geistes.  – Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst.“

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Faksimile aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, Lübbe 2006

Es war mir unvorstellbar, dass etwas seinen regen Geist, der so tiefgründige Gedanken hervorbrachte, auslöschen könnte. Es ging ihm schon eine Weile nicht gut, wie ich von Angelica Domröse bei meinen sporadischen Anrufen erfuhr. Als wir Ende Juli telefonierten, erzählte sie: „Er geht nicht mehr ans Telefon, aber ich frage ihn, ob er dich sprechen möchte.“ Er wollte nicht. Und wir hatten oft und lange miteinander telefoniert. „Die Krankheit schlich sich langsam ein, über drei, vier Jahre“, sagte sie.

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Mit Manfred Krug 1976 in „Daniel Druskat“, Repro aus „Neulich, als ich noch Kind war“

Und so lange ist auch mein letztes Interview mit ihm her. Damals fragte ich ihn, was ihn in seinem Alter – er war gerade 80 geworden – noch vorwärts treibe. „Das Denken“, antwortete er. „Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.“

Zeit seines Lebens suchte er nach dem Sinn seines Daseins. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin, ich weiß nur, dass es anfängt und wieder aufhört irgendwann. Dazwischen passieren lustige Erlebnisse, schöne Dinge, reizvolle Zustände. Es gibt Spaß und Schmerz. Das, was man Leben nennt.“ Er wollte nie lebend ein Elend ertragen und musste doch machtlos hinnehmen, dass ihn sein Körper verriet. Dass das Denken aufhörte. Angelica Domröse, mit der er 40 Jahre die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens durchmaß, beschützte ihn, schirmte ihn ab. Sie brachte soviel Kraft auf, wie sie nur konnte, für ein würdiges Dasein in den letzten Monaten.

img_3690Beide hatten 1980 die DDR verlassen. Nicht freiwillig. Nach der Unterzeichnung der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 gerieten sie in Konflikte mit dem Staat. Man drängte sie, die Unterschrift zurückzunehmen. Sie taten es nicht. „Wir wurden unserer Existenzgrundlage beraubt, ich bekam keine Rollen mehr. Aber ich bereue meine Unterschrift im Nachhinein nicht eine Sekunde“, stand Hilmar Thate zu der Entscheidung. Es war nicht wegen Biermann, sondern ihr Protest gegen die ideologische Gängelung der Kunst. Hilmar wurde erlaubt, in Basel zu spielen. 1978 am Theatre Nanterrre. Nach der Rückkehr wurde es immer schwieriger für beide Spitzenschauspieler. Ein Angebot vom Schiller-Theater ließ den Gedanken ans Weggehen aufkeimen.

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Als George mit Ehefrau Angelica Domröse in der Titelrolle „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Foto: Anneliese Heuer (Repro)

Eine Zerreißsituation, in der sie Rat bei einem guten Freund, dem Schriftsteller Stefan Heym, suchten. „Tut es, ihr gehört auf die Bühne, das ist hier nicht möglich“, riet er ihnen. Hilmar Thate schrieb einen Brief an des Politbüro der SED. „Auf jeden Satz kam es da an. Als ich ihn zur Poststelle des ZK am Hausvogteiplatz brachte, plagte mich eine Beklemmung“, erinnerte er sich, als wir über diese Zeit und ihren Ausreise sprachen. Aber das Angebot, in der DDR wohnen bleiben und dauerhaft im Westen arbeiten, lehnte Hilmar Thate aus moralischen Gründen ab. „Ich komme vom Dorf, mein Vater war Schlosser, ich wollte kein Privilegierter sein.“
1980 siedelten sie nach Westberlin über. „Es gibt keine  Rückkehr für euch“, gab ihnen DDR-ChefideologeKurt Hager persönlich mit auf den Weg. „Die Riege der alten Männer an der Spitze der DDR hat mit ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit das Land ruiniert“, war Hilmar Thate überzeugt.

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Der zehnjährige Hilmar

Ein neuer Anfang in einer Welt des Kapitalismus, die eigentlich nicht ihre war. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in Peter Zadeks Inszenierung „Jeder stirbt für sich allein“ und zusammen mit Angelica im Schlosspark-Theater als George in Edward Albees († 16.9.2016) Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Sie bauten sich ein neues Leben auf.

Thate hatte über 30 DEFA- und Fernsehfilme in der DDR gedreht, parallel zu seiner Theaterarbeit. 1954 holte Wolfgang Staudte den  Schauspieldebütanten vom Cottbuser Theater vor die Kamera für seinen Film „Einmal ist keinmal“. 1958 gelang dem Jungschauspieler, von Helene Weigel ans Berliner Ensemble engagiert zu werden, das er bis 1970 mitgeprägt hat. „Wir traten wie Weltklasseleute auf – und vielleicht waren wir es auch dann und wann“, resümierte er die Zeit und das Theater. Für seine Darstellung des Daniel Druskat bekam er den Nationalpreis der DDR und hat ihn nicht zurückgegeben nach der Wende. Die das taten, waren für ihn Opportunisten. Er hat seine kritische Sicht auf die Gesellschaft auch im Westen behalten und dies auch in seinen Rollen spüren lassen. Er arbeitete unter der Regie von Peter Zadek, Ingmar Bergman und George Tabori, stand für Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Dieter Wedel vor der Kamera. Hilmar Thate war ein leidenschaftlicher Schauspieler, kraftvoll, hochsensibel. „Immer wieder stehe ich vor jeder neuen Rolle wie der Ochs vorm neuen Tor“, beschrieb er seine Arbeit. Er selbst zählte zu seinen schönsten Arbeiten die Rolle des Sportreporters Robert Krohn in Rainer Werner Fassbinders Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ an der Seite von Rosel Zech, mit der ihn bis zu ihrem Tod 2011 eine enge Freundschaft verband.

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Als Herodot 1949 am Theater Cottbus

Für den Film „Hitlerkantate“ stand Hilmar Thate 2004 das letzte Mal vor der Kamera. Er mochte nicht mehr spielen, was ihm angeboten wurde. Seine unablässige Lust, vor Publikum zu spielen, erfüllte er sich mit Soloauftritten, in denen er Lieder und Texte von Brecht und Weill vortrug oder mit Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“. Der Dorfjunge, der immer wissen wollte, wie die Welt weitergeht hinter dem Ende von Dölau, hat seine Sehnsucht stillen können. Ob er den Sinn seines Daseins gefunden hat? Jetzt am Ende, wo es aufgehört hat? Als „Sternenasche“, wie er es formulierte, kehrt er zurück in den Kreislauf des Universums.

Mehr über den Schauspieler in dem Beitrag Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche 

Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche

„Die Zeit ist unerbittlich und läuft immer schneller, merkwürdigerweise. Man muss das akzeptieren. Man kann nicht unentwegt darüber sinnieren, wie viel einem noch bleibt. Das sind die großen Ungewissheiten im Leben.“

So begann mein erstes Interview vor 15 Jahren mit Hilmar Thate. Sein 70. Geburtstag hat uns damals zu einem sehr langen philosophischen Gespräch über das Leben veranlasst, das ihn wie auf einer Achterbahn rauf und runter schickte. Wir redeten darüber, welchen Sinn alles Geschehene gemacht hat. Ich weiß es noch wie heute: Mit meinem PC bin ich zu ihm nach Charlottenburg gefahren, und wir haben die Gedanken sortiert, an Fragen und Antworten gefeilt. Es war uns wichtig, dass es genau wird und einen Humor hat. Es machte großen Spaß. Der zierliche Mann mit der strubbligen Punk-Frisur, die ihm die Natur geschenkt hat, ist ein sehr witziger Mensch. Unter der Überschrift „Ich bin ein Guerillero“ erschien es am 17. April 2001 in der „Morgenpost“.

Hilmar Thate
In seinem Lieblingsitaliener stoßen wir 2006 auf seinen 75. Geburtstag an. Foto: Yorck Maecke

Damals begannen wir uns gut leiden zu können und legten das Fundament Vertrauen für spätere Begegnungen, an deren Ende ein Interview stand. An besonderen Geburtstagen waren sie gesetzt. Nur in diesem Jahr, zu seinem 85., musste die Plauderei, der Rückblick mit neuen Erkenntnissen ausfallen. „Es geht nicht“, sagt Angelica Domröse, die nur knapp zwei Wochen zuvor, am 4. April, ihren 75. Geburtstag beging. „Wir sind nicht auf der Höhe.“ Mehr ist von ihr nicht zu erfahren.

Seit 40 Jahren geht das Paar zusammen durchs Leben. Nicht ohne große Krisen, an denen ihre Beziehung jedoch nicht gescheitert ist. Im Gegenteil. „Wir haben uns geschützt und gestützt. Es ging um mehr als unsere Liebe. Die Ereignisse nach dem Verlassen der DDR haben uns vor eine ganze Problemserie gestellt. Ihre Bewältigung hat uns zu einem großen Bündnis gemacht“, beschreibt es Hilmar Thate. In diesem Bündnis ist es jetzt Angelica Domröse, die ihn, ihre  Lebensliebe schützt und stützt. Zuletzt trafen wir uns 2013 zur Premiere der Filmkomödie „Hinterm Horizont, dann links!“ über den Aufstand einer Seniorengruppe mit einer sehr aufmüpfigen Angelica. Er wirkte zerbrechlich, aber es war Freude in seinen Augen.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Angelica Domröse und Hilmar Thate vor dem Kino Babylon zur Preisverleihung der DEFA Stiftung 2008. Foto: André Kowalski

Gespräche mit Hilmar Thate haben mich immer bereichert. Ich profitierte von der Tiefgründigkeit seiner Gedanken, der Weisheit, seiner Suche nach dem Sinn des Daseins der Menschheit seit dem Urknall „Gegen Erdbeben ist kein Kraut gewachsen. Aber was an technischem Unfug gemacht wird, ohne die Risiken zu bedenken, grenzt an Lebensmüdigkeit.“ Thate hat sich und sein künstlerisches Tun stets in Beziehung zur Welt gesetzt. So erlernt bei Brecht am Berliner Ensemble, dem er zehn Jahre angehört hat, und mit dem er um die Welt reiste als Givola in „Arturo Ui“ (1959) oder als Aufidius in „Coriolan“. In der Erinnerung an diese Zeit schwärmt er von Helene Weigel, der Prinzipalin. „Unser Verhältnis entwickelte sich allmählich. Helli war eine Urwienierin, mit Schmäh und Verspieltheit. Sie kochte vorzüglich. Wir spielten zusammen in Mutter Courage, Coriolan, Frau Flinz. Eine grandiose Schauspielerin! Ihre Schützlinge hat sie umsorgt und war außerdem eine Frau mit Geschmack und großem ästhetischen Feingefühl. Das übertrug sich besonders auf uns junge Schauspieler. Angelica, die 1960 kam, hat ihr die Leidenschaft für Antiquitäten zu verdanken.“

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Hilmar Thate in„Wahlverwandtschaften“, 1974 Foto:  DEFA/Goldmann (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich , als ich noch Kind war“)

In den vergangenen sechs Jahrzehnten deutscher Theater- und Filmgeschichte hat Hilmar Thate eine kräftige Spur hinterlassen mit seinen markanten Interpretationen  von Gestalten wie Shakespeares „Richard III.“ ( 1972),  Galy Gay in Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ (1969) oder auch dem LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (1976, DDR-Fernsehen). Seine letzte Rolle vor der Kamera ist der Komponist Hanns Broch in dem Drama „Hitlerkantate“ (2004), in dem es letztlich um die Frage geht, welche Verantwortung ein Einzelner für den Gang der Geschichte trägt. Welche Rolle dem Künstler in der Gesellschaft zukommt. Für Thate heißt künstlerische Auseinandersetzung, „wach zu sein, neugierig, hirnfähig, das mit zu verarbeiten, was ich erlebe. Doch nicht vordergründig.“

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Baby Hilmar 1932, Foto: privat

Thate kam am 17. April 1931 in Dölau zur Welt. Der Vater war Lokomotivbauer und darüber hinaus ein Musenmensch. Er mochte Wagner, Verdi, sang und hatte immer die Sehnsucht, mehr wissen zu wollen. Diesen Drang gab er an seine drei Kinder weiter. Hilmar, der sich sehr früh für Literatur interessierte, entdeckte bald den Reiz des Theaters für sich. „Ich war ein Dörfler und wollte immer die Welt hinter Dölau kennenlernen. Das Theater hatte für mich eine höchste Merkwürdigkeit. Schauspieler waren für mich besondere Menschen. Auf der Straße habe ich ihnen immer hinterher geguckt. Über die Staunerei fühlte ich mich herausgefordert, das auch zu schaffen.“

An der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik Halle wurde der Grundstein gelegt. 1949, mit Achtzehn, stand der Dorfjunge in Cottbus auf der Bühne. Der Oberspielleiter Hans Albert Schewe erkannte sein Potenzial und schickte ihn zu Brecht nach Berlin. Diese Begegnung gehört zu den nachhaltigsten Höhepunkten in Thates Leben. „Ich saß in Brechts Wohnung in Weißensee. Er unterhielt sich eine Stunde mit mir, und wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Vorsprechtermin. Helene Weigel, die Prinzipalin und hochgeschätzte Schauspielerin, lehnte ihn ab. „Geh, Buberl, lern’, erst ’mal sprechen“, sagte sie ihm. Er sah sich noch Mutter Courage im Theater an und fuhr dann kleinlaut nach Cottbus zurück.

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Porträt von 1949. Foto privat

Zweifel nagten, er wollte den Beruf aufgeben. Doch was dann? – Thate ging nach Berlin zurück. Seine Schule wurden das Theater der Freundschaft und das Gorki Theater. „Es war generell in meinem Leben immer eine Angststufe zu überwinden, eine sehr hohe Hürde, um dann loszulegen“ sagte im Interview 60 Jahre später. 1959, zwei Jahre nach Brechts Tod, schaffte er es, die Weigel zu überzeugen, dass er bei ihr spielen kann. Die Zeit am Berliner Ensemble prägte ihn entscheidend. Dennoch verließ er das BE 1970. „Das Theater war in seiner Weltberühmtheit erstarrt und fing an, sich selbst zu zitieren. Meine Hoffnung auf ein Team, einer Denkgemeinsamkeit, auf Übereinstimmung, was Themen betrifft, das hat sich nicht erfüllt. Ich habe mich für die freie Wildbahn entschieden und bin ein Guerillero geblieben.“

Nach einem Intermezzo an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielte er ab 1972 am Deutschen Theater, umjubelt als „Richard III“. Wirklich glücklich war er nicht. „Es war kein Haus, das Leute offenherzig aufnahm. Ich wurde nur schwer geduldet“, erinnerte er sich in seinem Rückblick. Aber: „Erfolg und Erfüllung von Sehnsüchten fliegen einem nicht wie gebratene Tauben in den Mund. Es gab mehr Zäsuren, Hochs und Tiefs als ich geahnt habe, mehr Feinde als Freunde. Das gehört zu dem großen Spiel, das da Leben heißt.“

In der DDR feierte Hilmar Thate vor allem auch als Filmschauspieler große Erfolge. Schon 1954 holte Regisseur Wolfgang Staudte den jungen Schauspieler vor die Kamera. „Einmal ist keinmal“  wurde Thates Leinwanddebüt. Er entwickelte sich zu einem erstklassigen Charakterdarsteller und begreift sich als politischer Schauspieler, der seinen Figuren Leidenschaft und Energie verleiht.

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Mit Raimond Schelcher in „Das Lied der Matrosen“ 1958 (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

Es sind ausnahmslos jene, die sich  positionieren, meistens fortschrittlich-revolutionär, idealistisch: 1958 im DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“, 1960 in „Professor Mamlock“, 1974 in Goethes „Wahlverwandtschaften“, 1976 den LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ im gleichnamigen TV-Fünfteiler. Für diese Rolle wurde er mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Später, im Westen, fasziniert er auch auf der Seite des Bösen. Er verleiht dem Kindermörder im Tatort „Ein mörderisches Märchen“ eine menschliche Gestalt voller Widersprüche wie auch dem Zuhälter in der TV-Serie „Der König von St. Pauli“. Thate ist der Mephisto, nie der Faust. Er sagt dazu: „Mich fasziniert die Kraft, ,die stets das Böse will und stets Gutes schafft’, von der Mehrdeutigkeit, die in diesem Gedanken steckt, mal ganz abgesehen.“

Das Jahr 1976 war auch das Schicksalsjahr für Hilmar Thate und Angelica Domröse. Im Juli heirateten sie. Das gehört zu den schönen Ereignissen. Die schlimmen folgten, nachdem sie die Petition kritischer DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatten. „Es ging uns nicht um die Person. Aber man kann nicht einen rausschmeißen und Tausende nicht rauslassen. Deshalb haben wir das gemacht.“ Man hat sie bedrängt, ihre Unterschrift zurückzunehmen. Die Oberen der DDR wollten das bekannte Schauspielerpaar nicht verlieren. Der Chefideologe Kurt Hager selbst bemühte sich um sie. Als man merkte, dass sie nicht widerrufen würden, kam die Strafe. Die Theater versagten Hilmar Thate Rollen, auch Filmangebote bekam er nicht mehr. Der Fernsehfilm „Fleur Lafontaine“ 1978 war für ihn die letzte Arbeit in der DDR.

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1978 in „Fleur Lafontaine“ mit seiner Frau Angelica (Repro aus  Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

„Es war nicht unser Trachten, die DDR zu verlassen. Weder Angelica noch ich mochten das kapitalorientierte System im Westen. Aber man hatte uns die Existenzgrundlage genommen, und wir wollten uns nicht verbiegen lassen. Wir waren genötigt, eine Entscheidung zu treffen.“ 1980 siedelten sie nach Westberlin über. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in „Jeder stirbt für sich allein“, Angelica drehte „Don Quichottes Kinder“. Sie bauten sich ein neues Leben auf. Und sie stehen viel zusammen auf der Bühne. Am Schlosspark-Theater in „Virginia Woolf“ oder in George Taboris Inszenierung „Stalin“ 1988. ein Zwei-Personen-Stück von Gaston Salvatore. Tabori besetzte Angelica Domröse in der Titelrolle, Thate spielte den jüdischen Schauspieler, der als Spielball für den Diktator herhalten muss. Das ungleiche Duell zweier hochintelligenter Männer trieb die Spiellust der Beiden zur Grandiosität. „Diese Arbeit gehört durch den hohen Grad ihrer Ungewöhnlichkeit zu den wertvollsten in meinem Theaterleben“, resümiert Thate in seiner Autobiografie.

Thate arbeitete unter Regie-Größen wie George Tabori, Peter Zadek, Ingmar Bergman unter anderem in Wien und Salzburg. Mit Rainer Werner Fassbinder drehte er „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und ist den Fernsehzuschauern im Westen als schillernder Bordellbesitzer Rudi Kranzow in Dieter Wedels Fernsehserie „Der König von St. Pauli“ bekannt geworden. 2004 stand er für den Film „Hitlerkantate“ das letzte Mal vor der Kamera. Es lag an den Angeboten. Er mochte sie nicht spielen. Es sind nun mehr seine Soloauftritte mit Liedern und Texten von Brecht und Weill oder Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, mit dem er seine Freude an Auftritten vor Publikum stillt.

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Die Autobiografie erschien 2006

Zu seinem 80. Geburtstag  2011 habe ich ihn gefragt, was ihn noch vorwärts treibt. Er antwortete: „Das Denken. Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.

Thate 2011 zu Fragen seines Lebens

Erstaunt es Sie, so alt zu sein?
Ja. Ich habe nie gedacht, dass ich mal diesen Geburtstag erlebe. Ganz lange Zeit war ich immer der Jüngste, jetzt bin ich plötzlich einer der Ältesten. Das ist komisch. Es ist ein gewisser Glückszustand, dass ich mich fühle wie jetzt. Man merkt natürlich, dass die Energie kürzer zu fassen ist, dass man eher ermüdet. Aber man muss sich diesen Zustand an die Brust ziehen und sagen: Sei mein!

Was, wenn’s mal anders wird?
Ich möchte nie nicht lebend ein Elend ertragen. Meinem Hausarzt und Freund habe ich gesagt: „Wenn ich in einer dreckigen Situation bin, halt den Schierlingsbecher bereit.“

War der Gang in den Westen nicht eine Befreiung von Zwängen, wenn auch unfreiwillig?
Aber ja. Du kannst Leute nicht unentwegt abgrenzen, ohne dass sie dabei Schaden nehmen. Wir müssen die Welt in Gänze wahrnehmen können. Sonst wird man unfähig, mit Realität umzugehen. Das ist in der DDR leider passiert. Ich habe als positiv angenommen, dass ich die Welt sehen konnte, Leute wie Rainer Werner Fassbinder, Rosl Zech und Ingmar Bergman kennenlernte. Andererseits ist die Freiheit hier, auch nicht der letzte Schrei. Wir sind ebenso Zwängen unterworfen. Nur wie die Goldfische in der Flasche merken wir nicht, dass es keine Freiheit ist, sondern eine große Flasche.

Dahinter steckt aber viel Ironie.
Ja, natürlich. Sonst hätte ich keine Freunde. Und ich habe wirklich Freunde.

Was würden Sie anders machen, wären Sie noch mal jung?
Ich habe neulich erst gedacht, dass ich heute wahrscheinlich nicht mehr in diesen Beruf gehen würde. Theater war immer ein Seismograph für die Befindlichkeit der Gesellschaft. Heute stehen Schauspieler aufgereiht an der Rampe mit einem Fragezeichen über dem Bauch. Und gestellt wird auch nur die Bauchfrage – die keineswegs abendfüllend ist: Wer bin ich? Ohne Beziehung zur Welt, deren Gefährlichkeit, deren sozialen Verwerfungen. Theater ist abgesackt in die Beliebigkeit. Es kommt nicht mehr zu dem, was wir uns leisten konnten – über eine Theorie, ein Modell nachzudenken. Da war übrigens das weltberühmte Berliner Ensemble in der DDR eine Enklave.

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Repro aus der Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“

Das heutige Theater liegt nicht mehr auf Ihrer Wellenlänge?
So ist es. Ich will nicht mehr Theater spielen. Wirkliche Ensemblearbeit gibt es nicht mehr, jeder bewegt sich gegen jeden. Wie in der Gesellschaft. Es müsste eine ganz neue Denkweise einsetzen, um etwas zu verändern. Ich trete gern auf, aber allein. Singe meine Lieder, lese Brecht oder aus meinem eigenen Buch. Das macht mir Spaß. Und es gefällt dem Publikum, das gern Frage- und Antwortspiel treibt

Der gelernte DDR-Bürger hat sich gemeinhin für einen politischen Menschen gehalten.
Wir waren vermeintlich politisch. Genau genommen waren wir aber Duckmäuser, haben uns mit einer gewissen niedrigen Anspruchsweise identifiziert. Sonst hätten wir etwas getan. Die DDR und der Westen hatten einiges gemeinsam – das deutsche Kleinbürgertum. Das hat es immer gegeben. Hüben wie drüben.

Der sozialistische Gesellschaft war eine Utopie. 
Wir Menschen brauchen Utopien, Träume, Hoffnungen. Die DDR ist ja nicht vom Himmel gefallen. Es war ja ein Ereignis, das historisch entstanden ist. Das wird nie erwähnt. Für mich war das Land lange Zeit ein historisches gesellschaftliches Experiment. Etwas Neues nach dem fürchterlichen Krieg.Ohne Wirtschaftswunder. Durch Verkrustung und Verfilzung mutierte die DDR zu einem kleinbürgerlichen Laubenpiepergebilde. doch der Marxismus ist nach wie vor eine Denkleistung, die nicht einfach in den Wind gehauen werden kann.

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Angelica Domröse, 2009. Foto: Jürgen Weyrich

Seit 1976 sind Sie mit Angelica Domröse verheiratet. Eine so lange Ehe ist unter Schauspielern nicht die Norm. Worin liegt Ihr Geheimnis?
Wir haben immer wieder entdeckt, dass wir uns doch wichtiger sind, wesentlicher als die Alternativen. Ich habe für mich keinen wesentlicheren Menschen gefunden. Und sie wohl auch nicht.

Sind Sie sich eigentlich sehr ähnlich?
Ja, was den künstlerischen und Lebensanspruch betrifft. Und in den Gefühlen liegen wir auf fast gleichem Niveau.

Was unterscheidet Sie?
Ich bin radikaler als Angelica. Ich habe erfahren müssen, dass Frauen praktischer sind als Männer, und in dem Sinn auch intelligenter. Sie durchschauen schneller als wir. Männer – nicht alle natürlich – neigen zur Spinnerei.

Halten Sie sich für einen erotischen Mann?
Na und ob! Meine Schärfe hat etwas mit der Gegenseite der Medaille zu tun, mit meiner Liebesfähigkeit. Weil ich eigentlich Innigkeit suche. Ich umarme gern, will Neigung spüren. Wenn ich Angelica in den Arm nehme, ist sie glücklich. Wir gehen gern Hand in Hand.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?
Ich vertrage keinen Ärger mehr, keine Reizungen. Ich brauche gute Laune, Spaß. Früher konnte ich sehr böse werden, ich war jähzornig. Das ist einer Grundfreundlichkeit gewichen, weil ich gemerkt habe, dass es mir damit körperlich besser geht. Schlicht und einfach. Der Kreislauf sackt bei mir sofort ab, wenn ich schlechte Laune habe. Das ist für mich ein Maßstab geworden für Lebenshaltung.

Verspüren Sie Angst vor dem Tod?
Schiller hat mal gesagt: Der Körper ist der Attentäter des Geistes. Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst. Schiller hat ja auch poetisiert Freude schöner Götterfunken…

 

 

Wolfgang Winkler – Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin

Zwei meiner Lieblingsschauspieler. Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler. Er feiert heute Geburtstag. Sie zieht am 9. März nach. 73 ist der „alte Knabe“ geworden. Und hält sich gut. „Muss ich und will ich auch“, sagt er. Für wen? „Für mich, sonst funktioniert es nicht.“ Dass seine Frau Marina, mit 61 immer noch aktiv als Tanzlehrerin, ihm gewissermaßen ein Ansporn ist, versteht sich von selbst. Und dann mag er auch kein Rentner sein – gleichwohl er es faktisch ja ist.

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Porträt von André Kowalski

Loslassen vom Job kann und will Wolfgang Winkler einfach noch nicht. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin“, sagt er mir am Telefon. Und bis dahin – so Gott will – hat er noch eine Menge Zeit. Vor genau einem Jahr hat der ehemalige Hallenser „Polizeiruf 110“-Kommissar – nach 50 Fällen mussten er und sein Partner Jaecki Schwarz den Dienst quittieren – seinen Polizeidienst auf dem Bildschirm wieder aufgenommen. In der ARD-Vorabendserie „Die Rentnercops – Jeder Tag zählt“. Zusammen mit Schauspieler Tilo Prückner ist er als Kommissar a. D. im TV-Dezernat 12 der Kripo Köln-Mühlheim aktiv. Ein aktuelles Thema. Der Polizei fehlt der Nachwuchs. Wie im wahren Leben.

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Mit Wolfgang Winkler im Café des Schauspieler Christian Kahrmann in Berlin. Foto: Boris Trenkel

„So eine Figur zu spielen ist ein Geschenk und wirklich ein Glück. Auch für das Selbstwertgefühl. Wenn du Kollegen in deinem Alter siehst, die gerade wieder einen großen Film gemacht haben, kannst du dir sagen: Du hast auch was Neues gemacht. Du bist auch noch präsent. Das hilft schon, die Erfolge der anderen zu ertragen. Ich könnte mich auch zurücklehnen und sagen: Lass die anderen machen. Aber da sitzt so ein kleiner Teufel im Nacken und piekst.“

Im Mai geht es nun weiter mit den humorigen Krimi-Geschichten. „Wir hatten gute Einschaltquoten. Die zwei alten Zausel, die 40 Jahre zusammen gearbeitet und den Erfolg des anderen immer mit Missgunst beobachtet haben und sich auch jetzt nichts schenken, machen den Zuschauern Spaß.“

Eine Krimi-Serie mit Augenzwinkern, die den Schauspieler vergessen lässt, dass Altwerden keinen Spaß macht. „Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu sagen, jedes Alter hat seine Schönheiten. Man muss mit den Gegebenheiten des Alters leben, aber schön ist es meistens nicht. Man fängt an zu sagen: Ich bin ja bald 80. Früher hat man sich gern älter gemacht, um ins Kino zu kommen. Jetzt macht man sich älter, um zu hören: Ach, das sieht man Ihnen gar nicht an. Den Satz hört man ja gern. Aber eigentlich ist er auch Mist.“

Aber sich deshalb in Depressionen hineinzusteigern, liegt Wolfgang Winkler fern. Da schiebt schon sein Humor einen Riegel vor. Und die Enkel und sein Freund Jaecki Schwarz. Die beiden sind mindestens einmal im Monat zu heiteren Lesungen mit ihrem Buch „Herbert & Herbert. Bloß gut, dass ich mit dir nicht verheiratet bin“ unterwegs. Zu Ostern sind sie in Lichtenhagen bei Rostock.

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„Buddha bei die Fische“ – Das Team will einen heiter-nachdenklichen Film übers Altwerden drehen

Was ihm jetzt noch am Herzen liegt, ist die Verwirklichung eines Drehbuches, das ein junger Kollege geschrieben hat, Jörg Gahr. „Eine wichtige Geschichte, die sich ums Zurechtkommen mit dem Altwerden dreht. Dafür haben wir – Marie Gruber, Andreas Schmidt-Schaller, Ernst Georg Schwill und ich – einen Trailer gedreht, um das Geld für die Produktion zusammen zu bekommen. Dass sich eine Produktionsfirma oder ein TV-Sender findet, der dafür Geld gibt, das wünsche ich mir.“ Ich drücke die Daumen.

Rolf Hoppe – Der Mann mit den vielen Gesichtern

Ein großer Star wird 85. Ein Porträt von Rolf Hoppe

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Er ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler und für mich ein ganz besonderer Mensch. In wenigen Tagen, genauer, am 6. Dezember, feiert Rolf Hoppe seinen 85. Geburtstag. Die Geschichten über sein Leben hat er in zwei Büchern erzählt – und einiges davon mir, seit wir uns  1997 für ein Porträt kennengelernt haben. Seitdem telefonieren wir so zwei-, dreimal im Jahr oder auch öfter. Es sind stets vergnügliche Plaudereien, bei denen hin und wieder eine Verabredung herauskommt. Wie im Mai, weil man sich gern wieder sieht.

Mein Hausbesuch bei diesem Mimen – bei ihm diese Formulierung nicht zu hochgegriffen – führte zu einer ganz besonderen Titelgeschichte in der SUPERillu (Heft 23/15). Denn zum ersten Mal war seine Frau Frederike dabei. Zur großen Freude ihres Mannes. Nachdem sie sich aber zunächst wie immer konsequent geweigert hatte, „in einem Artikel zu erscheinen“. Sie habe da nichts verloren. Punkt. Wohl aber doch, so sieht das Rolf Hoppe. Doch dazu später noch mehr.

Hoppes Haus2795 Rolf Hoppe war 62, als er…

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Gojko Mitic – Noch nicht reif für die Bärenhaut

Wie geht ein Indianerhäuptling seinen 75. Geburtstag an? Keine Ahnung. Vielleicht mit einem großen PowWow. Unser Lieblingshäuptling Gojko Mitic, der alte DEFA-Chefindianer a. D., Held unserer Kindertage und Jugend, reitet  als Graf Hans Georg von Arnim über die Odertal-Freilichtbühne in Schwedt. „Die Verschwörung von Chorin“ heißt das Fantasiespektakel. Jetzt ist er in der Endphase der Proben und hat nur Zeit für ein kurzes Telefongespräch. „Am 12. ist die Premiere, danach wird ein bisschen gefeiert, und wenn die Turmuhr Zwölf schlägt, stoßen wir auf meinen Geburtstag an. Das war’s.“

Muskulös, attraktiv und eine Ausstrahlung, die ihn zum Helden machte. Gojko als Weitspähender Falke. Foto: privat
Muskulös, attraktiv und eine Ausstrahlung, die ihn zum Helden machte. Gojko als Weitspähender Falke. Foto: privat

Er hat Feiern noch nie gemocht, schon gar nicht an Geburtstagen. Eine Ausnahme waren die Kindergeburtstage seiner Tochter Natalie, die inzwischen 22 Jahre und eine hübsche junge Frau ist. Sie wird natürlich bei der Premiere ihres Vaters in der Zuschauerarena sitzen und ihm die Daumen drücken, dass es ein Erfolg wird. Aber ist das überhaupt eine Frage? Die Uckermärkischen Bühnen jedenfalls haben daran keinen Zweifel. Sie setzen auf die Beliebtheit und Popularität von „Tokei-ihto“, „Ulzana“ & Co.

Gojko als Hans Georg von Arnim im Spektakel „Die Verschwörung von Chorin“
Gojko als Hans Georg von Arnim im Spektakel „Die Verschwörung von Chorin“. Foto: Udo Krause/Uckermärkische Bühnen

Schmuck sieht er aus in seinem Kostüm. Sein grauer Schopf ist unter einer Perücke mit langen dunklen Locken verschwunden. Ein „Musketier“-Bart ziert sein Gesicht. Irgendwie erinnert er mich an D’Artagnan, den er 1980 in Thale spielte. „Als ich mich bei den Proben das erste Mal mit Kostüm und Maske im Spiegel sah, war ich echt verblüfft“, sagt er. „Da guckte mich ein 40-Jähriger an“, lacht er. Das Temperament, die Sportlichkeit hat er allemal. Und wie 75 sieht er ohnehin nicht aus.

Gojko mit mir am Ufer seines Grundstücks. Foto: Boris Trenkel
Am Ufer seines Grundstücks. Foto: Boris Trenkel

Eigentlich wollte er diesen Sommer nicht auf der Bühne stehen, sondern sich ein bisschen um sich und seinen Garten kümmern, sein Häuschen genießen, das er sich 2011 gebaut hat. Mit Fußbodenheizung, großen Fenstern, den Blick auf Garten und Dahme. Das war immer sein Traum gewesen. Nun ja… Gojko ist jemand, der nicht nein sagen kann. Und so nahm er die Rolle an, als man ihn bat, dem Theater mit seiner Anwesenheit auf der Bühne ein bisschen unter die Arme zu greifen. „Und es war insofern verlockend: Die Zeit ist überschaubar und ich bin nicht so weit weg von zu Hause.“

Schlossfestspiele Schwerin, Musical SORBAS, mit Gojko Mitic in der Hauptrolle, als Alexis Sorbas. Freilichtbühne vor dem Schweriner Schloss. Premiere am 08.08.2009  Copyright: Andre Kowalski, Leibnizstrasse 45, 10629 Berlin, E-Mail: andrekowalski@t-online.de, fon: +49172 390 12 95, +493021476500, Bank: Berliner Bank AG, Konto-Nr.: 363 59 23 800, BLZ: 100 200 00, BIC: BE BE DE BB, IBAN: DE36 1002 0000 3635 9238 00, Veroeffentlichung nur gegen Honorar laut aktueller MFM-Liste, Urhebervermerk und Belegexemplar! Es gelten die AGB von Andre Kowalski, einzusehen unter www.andrekowalski.de!
Plauderei am Rande der Schweriner Schloss-festspiele 2009, wo Gojko „Alexis Sorbas“ sang

Bis 31. Juli gibt der Serbe den Grafen und schlägt einen Bogen zu seiner ersten Komparsenrolle in den englischen Historien-Schinken „Lanzelot“. Da führte er in gewichtiger Rüstung als Double des damals bekannten Schauspielers und Regisseurs Cornel Wilde den Reitertross mit Lanze und Schwert in die Filmschlacht.

Gojko (l.) mit seinen Schulkameraden in seinem Heimatort Leskovac
Gojko (l.) mit seiner Abiturklasse in seinem Heimatort Leskovac

Tja, und wenn in Schwedt der letzte Beifall verklungen ist, wird auch nichts damit, die Seele baumeln zu lassen. „Winnetou“ hat ihn wieder eingeholt. Der österreichische Regisseur Philipp Stölzl („Der Medicus“) verfilmt für RTL drei der Karl-May-Geschichten neu, mit Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand. Gojko Mitic wird die Rolle des Indianers Tangoa übernehmen. Er hat gerade den Vertrag unterschrieben. „Es ist eine negative Figur“, sagt er. „Tangoa hat sich mit den Weißen verbündet und ist dem Alkohol verfallen. Am Ende wird er aber doch mit seinen roten Brüdern kämpfen.“ Was sonst, ein bisschen Gut muss schon sein, wenn Gojko am Werke ist.

Gojko als Häuptling Wakadeh (r.) mit Pierre Brice als Winnetou und Stewart Granger als Odl Shatterhand in „Unter
Gojko als Häuptling Wakadeh (r.) mit Pierre Brice als Winnetou und Stewart Granger als Old Shatterhand in „Unter Geiern“ (1964, F/BRD). Foto: privat

Einer der Produzenten ist Rialto Film, und es scheint nicht abwegig, dass von hier der Anstoß kam, eine der Indianer-Rollen mit Gojko Mitic zu besetzen. Denn gleich nach „Lanzelot“ ging es für den Sportstudenten als Komparse in italienischen Abenteuerfilmen weiter – „Römische Mädchen“, „Die Sieben von Theben“ und „Venezianische Katakomben“.

1963 bekam der damals 23-jährige Student seine erste Rolle als Indianerhäuptling in der deutsch-italienischen Koproduktion „Old Shatterhand“ mit Lex Barker in der Titelrolle und Pierre Brice als Winnetou. „Sein Tod hat mich getroffen, obwohl wir uns nur wenig kannten“, sagt Gojko. „Ich habe in Jugoslawien drei Filme mit ihm als Winnetou gedreht, nach Old Shatterhand noch Winnetou II und Unter Geiern. Als ich dann 1992 sein Nachfolger in Bad Segeberg wurde, habe ich einmal unter seiner Regie gespielt. Er inszenierte 1999 bei den Karl-May-Spielen Halbblut. Es ist traurig, dass er mit gerade 86 Jahren an einer Lungenentzündung starb.“

 Gojko und die Autorin 2013 in der Kalkbergarena Segeberg. Foto: York Maecke
Gojko und die Autorin 2013 in der Kalkberg-Arena Bad Segeberg. Foto: York Maecke

Der Tod fragt nicht, ob er gelegen kommt. Aber Gojko tut alles, um ihn sich lange vom Leib zu halten. Tägliches Schwimmen in der Dahme, wenn er Frühling beginnt, Rudern und Radfahren gehören immer noch zu seinem Tagesablauf, wenn er nicht gerade unterwegs ist. Wie jetzt. Die Dreharbeiten für die neuen Winnetou-Filme, die Ende des Sommers beginnen sollen, führen Gojko an die alten Schauplätze in Kroatien zurück. Eine Rückkehr zu den Wurzeln in seiner Heimat Serbien, die er 1968 verlassen hat.

Gojko als Tokei-ihto in seinem ersten DEFA-Film  „Die Söhne der großen Bärin
Gojko als Tokei-ihto in seinem ersten DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin

„Die Entscheidung fällte damals eigentlich das Publikum in der DDR“, sagt er. „Es hat mich nach „Die Söhne der Großen Bärin“ und „Chingachgook – Die große Schlange“ so gefeiert und ins Herz geschlossen, da konnte ich nicht mehr zurück.“ Und außerdem war schon der nächste Film bei der DEFA auf ihn programmiert, „Spur des Falken“. Das ging so weiter, die DEFA drehte mit ihm insgesamt 134 im Hinstorff Verlag Indianerfilme in den folgenden Jahren. „Seitdem ist Berlin sein Zuhause. „Ich fühle schon nach drei Tage Heimweh hierher, wenn ich weg bin. Aber Serbien wird immer mein Heimat bleiben“, sagt er.

Pferdewechsel im Galopp war für Gojko kein Problem. Foto: privat
Pferdewechsel im Galopp war für Gojko kein Problem. Foto: privat

Es war in Gojkos Lebensplan eigentlich nicht vorgesehen, dass Schauspieler zu werden. Er hat in Belgrad ein Sportstudium absolviert und das Diplom zu Sportpädagogen gemacht. „Als Komparse während meiner Studienzeit habe ich die Schauspielerei als Hobby betrachtet, um ein paar Dinare zu verdienen. Ernst wurde es, als mich DEFA-Produzent Hans Mahlich als Tokei-ihto besetzt hat.“

012 Vorpremiere Chemnitz Mai 82
Im Gespräch mit Chemnitzer Schülern nach der Vorpremiere des Films „Der lange Ritt zur Schule“

Den Häuptlingen folgten viele andere Rollen und Gelegenheiten, sich in zahlreichen Fernsehproduktionen als Charakterdarsteller zu profilieren. Regisseur Rudi Kurz gab ihm 1972 im Mehrteiler „Das Geheimnis der Anden“ eine Hauptrolle, dann in „Visa für Ocantros“.

Bei Moskau drehte er die DDR-Fernsehserie „Archiv des Todes“
1978 drehte er  die DDR-Fernsehserie „Archiv des Todes“

Noch während der Dreharbeiten sagte er dem Bergtheater Thale für die Rolle des „Spartacus“ zu. Er bestand die Feuerprobe auf dem Theaterboden glanzvoll und feierte in den Jahren darauf weitere Erfolge als „Diener zweier Herren“ und als D‘Artagnan. An der Seite von Inge Keller, der Grande Dame der Schauspielkunst, überzeugte er als korrupter Höfling in der Literaturverfilmung „Die Liebe und die Königin“. Mit Agnes Kraus bringt er in der Komödie „Alma schafft alle“ seine komische Seite zum Klingen. Und er spielte gern in Kinderfilmen mit. Regisseur Rolf Losansky besetzte ihn oft, so in „Der lange Ritt zur Schule“. Wieder mal mit Rolf Hoppe als Cowboy. Die beiden Männer verbindet seit „Spur des Falken“ eine herzliche Freundschaft.

Gojko Mitic mit der Autorin   in Belgrad. Hier auf der Kalemegdan-Festung.  Foto Boris Trenkel
Gojko Mitic mit der Autorin in Belgrad. Hier auf der Kalemegdan-Festung. Foto Boris Trenkel

Nach dem Fall der Mauer startete er mit kleinen Rollen wie in „Der Kinoerzähler“. Der Durchbruch kam für Gojko 1995 mit der Hauptrolle neben Gudrun Landgrebe im ARD-Film „Herberge für einen Frühling“. Inzwischen sind reichlich neue Rollen dazugekommen. Als Killer in den TV-Krimireihen „Der Solist“, „SOKO Leipzig“, „SOKO Wien“, im Kinofilm „Esperanza“ und der SAT.1-Prduktion „In einem wilden Land“. Kürzlich sah man ihn in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“. Nach seinem Erfolg als „Sorbas“ pflegt er nun auch wieder sein musikalisches Talent wieder. Spielt Gitarre, wie einst als Student in Belgrad, und arbeitet an einem musikalischen Programm. Auftritte, Lesungen – es nimmt kein Ende. „Und das ist auch gut so“, sagt Gojko. Man darf sich im Alter nicht auf die Bärenhaut legen, dann ist das Leben bald vorbei.“ Na, dann bleib noch lange gesund, Gojko!

Peter Reusse – Sie nannten ihn James Dean des Ostens

Peter Reusse – gibt es den noch? Aber sicher! Er ist quicklebendig und ungeheuer produktiv – als Schriftsteller, Maler, macht Keramiken und bildhauert. Allerdings hat er sich vor Jahren weggemacht aus der Großstadt Berlin, als nach der Einheit der Kampf um den Altbau in der Geschwister-Scholl-Straße 4 gegen die Investoren nicht zu gewinnen war und die Straße zur Baustelle wurde. Zu Hause ist er seitdem am Kollberg, der höchsten Erhebung im Landkreis Dahme-Spree. Da besuchte ich ihn kürzlich, um den Leser von SUPERillu zu erzählen, was so hinter der Kamera bei den Dreharbeiten der DEFA-Films „Ein irrer Duft von frischem Heu“ passiert ist. Kann man in Heft 24 lesen, die DVD erscheint in der Kultkino-Reihe mit Heft 25, am 11. Juni. Peter Reusse kam das recht. „Es gibt da so Gerüchte“, sagt er bei der Terminabsprache am Telefon, „ich hätte mich hier draußen vergraben. So ein Quatsch!“ Na, dann räumen wir die Gerüchte doch einfach aus.

Lässig mit Lotte
Lässig mit Lotte

Eigentlich sieht er aus wie er immer aussah. Kleine blitzende Augen im inzwischen leicht durchfurchten Gesicht, die lockigen Haare – in schönem Schneeweiß – unter einem Hut versteckt. Peter Reusse hat etwas Jungenhaftes, das sich scheinbar nicht verliert. Egal wie alt er wird. Die Zeitung taz stilisierte den in der DDR sehr bekannten Schauspieler zum „James Dean des Ostens“. Das half ihm allerdings, im neuen Land gut besetzt zu werden.

Aber es ist schon komisch:  Reusse kam wie der Hollywoodschauspieler im Februar zur Welt, nur zehn Jahre später, 1941. Dean starb 1955 mit 24 Jahren bei einem Autounfall. Er fuhr gegen einen Baum. Wie er im Alter von Reusse ausgesehen hätte? Vermutlich so jungenhaft und zerknautscht wie er.

Die Begrüßung am Tor zum grünen Paradies der Reusses, mit hohen Bäumen, Sträuchern, Blumen, Keramiken ist herzlich. Umarmung gleich über den Zaun, auch mit Ehefrau Sigrid Göhler. Wir kennen uns lange, haben uns aber auch lange nicht gesehen. Und dann kommt Lotte angerannt, ein Mischling mit Beagle-Anteil aus Spanien. Verrückt nach Streicheleinheiten und freigebig mit Hundeküsschen.

Hinter Reusses' Haus aiuf dem Kollberg erstreckt sich ein Garten Eden
Hinter Reusses Haus auf dem Kollberg, der höchsten Erhebung im Landkreis Dahme-Spree erstreckt sich ein Garten Eden

Sigrid Göhlers rechter Arm steckt in einer Bandage, fest installiert am Körper. Sie ist auf die Schulter gestürzt, dabei sind Sehnen gerissen, erfahre ich. Die Operation war gerade. Es schmerzt. Peter Reusse umsorgt seine Frau. Die zwei feierten kürzlich ihre Goldene Hochzeit, haben zwei Kinder und vier Enkel. Auch Hündin Lotte nimmt Rücksicht, ist brav. „Den ganzen Sommer muss ich mit dem Ding rumlaufen, das wird nicht lustig“, stöhnt ihr Frauchen. „Na ja…“

Hündin Lotte sitzt brav vor Frauchen Sigrid Göhler und schaut, was Herrchen will
Hündin Lotte sitzt brav vor Frauchen Sigrid Göhler und schaut, was Herrchen will

Die Schauspielerin war die erste Frau im der DDR-Kriminal-filmreihe „Polizeiruf 110“, zuvor „Blaulicht“. Als Leutnant Arndt ermittelte sie des öfteren gegen ihren Mann. Peter Reusse wurde beim DDR-Fernsehen gern als Typ besetzt, der nicht ganz astrein ist. „Wir amüsieren uns inzwischen, wenn wir zufällig im Fernsehen mal alte Filme sehen und sie mich verhaftet“, sagt er, als wir auf seine Schauspieler-Vergangenheit zu sprechen kommen, die 1961 mit der DEFA-Komödie „Das Rabauken-Kabarett“ begann. Da war er Student an der Filmhochschule Babelsberg. 80 Filme sind es bis 1993 geworden. Eine Unmenge „Polizeirufe 110“, aber auch großartige Filme wie „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1964), „Heimkehr in ein fremdes Land“ (1976) oder die Literaturverfilmung „Zwischen Pankow und Zehlendorf“ 1991 nach Rita Kuczynskis Roman „Wenn ich kein Vogel wär“.

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Die meisten Filmrollen nach der Wende hatten jedoch wenig mit dem zu tun, was er als Schauspieler von sich erwartete. „Sie waren belanglos“, sagt er. Auch wenn er mit Iris Berben, Nadja Tiller, Gaby Dohm (sie bekam 1992 von ihm ihren ersten Filmkuss) und Charles Aznavour gedreht hat.

Der Absturz 1993 kam für den Schauspieler unvermittelt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er traf ihn, als er eine wirklich gute Rolle hatte, die Proben gut liefen, er den Regisseur mochte, die Arbeit Spaß gemacht hat. Am 22. März 1993, drei Jahre nach der Einheit, bei einer simplen Durchlaufprobe zu Eugene O’Neils Stück „Der Eismann kommt“ erlitt er auf der Bühne des Deutschen Theaters einen Gedächtnisverlust. Ein klassisches Burnout, das hieß damals nur nicht so.

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Peter und Lotte beim Kuscheln. Sie ist der dritte Hunde der Familie

Drei Monate Therapie in der Bonhoeffer-Nervenklinik, Suche nach Antworten, warum ihm das passiert ist. Peter Reusse will heute nicht mehr über diese Lebenskrise reden. Ohne seine Frau hätte er die Zeit vermutlich nicht überlebt. Der Gedanke an sie, die ihn immer gestützt hat, bewahrte ihn davor, sich aus dem Leben zu bringen. In seinem Buch „Der Eismann geht“ (Fischer Taschenbuch Verlag, 1996) hat er alles aufgeschrieben, sein Schicksal reflektiert. Eine Bühne oder ein Filmset hat er seit damals nicht mehr betreten.

Eismann Reusse
Während seiner  Therapie schrieb Peter Reusse Tagebuch. Daraus entstand 1996 sein Buch „Der Eismann geht“

Nach der Therapie nahm er einen neuen Lebensanlauf, in dem er nun seine anderen Talente, die er immer so nebenher als Hobby pflegte, in seinen beruflichen Mittelpunkt zu rückte. Das Malen zum Beispiel. Es war sein „Bier“ nach den Vorstellungen am Deutschen Theater, an dem er 30 Jahre engagiert war. „Ich habe keine Humpen gestemmt mit den Kollegen, sondern bin nach Hause und habe mich an die Staffelei gesetzt oder Skizzen gemacht, um mich runter zu trudeln.“ In seiner Freizeit hat er Keramiken modelliert.

Er hätte auch Maler werden können, Bildhauer, eine Zulassung zum Studium an der Kunsthochschule Weißensee hatte er. Aber er war auch an der Filmhochschule angenommen worden. Und warum ging er dorthin? Es waren die lukrativeren Aussichten, rumzukommen in der Welt. Das wollte er immer.

Zum Wichtigsten Lebenselement ist das Schreiben geworden. „Ich habe immer schon geschrieben, seit meiner Schulzeit“, sagt Reusse. Er schrieb Geschichten, Artikel, Reiseberichte für Zeitungen, Theaterstücke, Künstlerporträts. „Unter Pseudonym“, sagte er. Sogar die Partei (SED) beschäftigte sich wegen eines Artikels mit ihm bzw. Sascha Rüs wie er sich nannte. Seine Geschichte „Knock Out“, die im Jugendmagazin „neues leben“ erschienen war, hatte für den Geschmack der Funktionäre zu viele Anglismen. Heute fällt aus dem Rahmen, wer keine benutzt.

Hier ReusseNach dem „Eismann“ erschienen im selben Jahr seine ironisch-satirischen Ost-West-Geschichten unter dem Titel „Hier und drüben und drunter“. Von da an veröffentlichte er fast jedes Jahr ein Buch. Sehr amüsant zu lesen sind seine Schauspieler-Anekdoten „Da capo für eine Leiche“, poetisch „Indian Summer“. Aktuell steht seine satirische Wendegeschichte „Bürzel – oder Steh auf im Land Sibebe“ in den Buchläden. Sie erzählt von einem Gemüsehändler aus dem Prenzlauer Berg, der ein Buch geschrieben hat und mit seinem Trabi in die noch alten Bundesländer fährt, um es zum Verlag zu bringen.  Durch eine Verwechselung landet er bei Helmut Kohl. Der muss gerade über einen Millionenkredit für die Noch-DDR entscheiden. Und Bürzel hat plötzlich die Chance, den zu bewilligen.

Peter Reusse ist zufrieden, nein, glücklich geworden mit dem neuen Leben. Er muss sich nicht mehr in fremde Hände begeben, um eine Sinnerfüllung in seinem Tun zu finden. Er braucht nicht mehr auf gute Rollen zu warten, gute Regisseure. Die Hast, die Aufregung, die sein Schauspielerleben bestimmten, ist einer inneren Ruhe gewichen. Er hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden, so sagt man wohl. Und das nicht zuletzt, weil er mit seiner Mine eine starke Frau an seiner Seite hat. Vor 50 Jahren haben sie sich versprochen: „Du bist min, ich bin din.“ Und das lebenslänglich, wie er in seinem Buch „Der Eismann geht“ schreibt.

Peter Reusse, Schauspieler, Schriftsteller, Maler. Heidensee 30.04.2015 Foto: Nikola Text: Beuchler Peter Reusse 40.jpg
Im Atelier. Peter Reusse bringt mich zum Lachen

Vieles, was früher war, hat er als Erinnerungsstücke in einer Laube im Garten. Auf dem Weg dahin kommen wir an einem Männerkopf aus Keramik auf einem Baumstumpf vorbei. Reusse grinst. „Das ist der Schuster des Zaren, dem gehörte das Haus mal.“ Ob er wirklich so aussah? „Keine Ahnung“, sagt Reusse, „auf jeden Fall hatte er  einen Kosakenschnauzer.“

In der Hütte sausen meine Augen hin und her. Überall hängt was. Ein Steckbrief, ein Bauarbeiterhelm, Filmfotos, eine Eintrittskarte zu einem Joe-Cocker-Konzert, Zeitungsausschnitte, Szenenfotos vom Theater. Bilder und Zeichnungen, die er gemalt hat, Skizzen. Eine Staffelei ist auch da. Neben einem alten Ohrensessel. Ich mit meinen 1,75 m musste beim Eintreten den Kopf einziehen. „Das ist mein Atelier, und die hier“, er nimmt eine olle Schiffermütze vom Haken. „mein Lebensretter.“  Dieses Utensil, sprich Requisit, trug er, als ihm bei den Dreharbeiten für die Rudi-Strahl-Komödie „Ein irrer Duft von frischem Heu“ 1977 ein Eisenhaken aus drei Meter Höhe mitten auf den Schädel knallte. „Die Mütze verteilte die Fallkraft. Sonst wäre ich tot gewesen, sagte mir der Arzt damals.“ Er lacht, ich muss tief Luft holen. Wir verlassen das Refugium und streifen durch den Garten. Nikola Kusmanic, der Fotograf, braucht noch ein paar Motive.

Fotograf Nikola Kusmanic mit Peter Reusse im Disput
Fotograf Nikola Kusmanic mit Peter Reusse im Disput

Wer Peter Reusse heute sehen will, muss nachts durch die Programm von RBB und MDR zappen, da laufen immer noch mal Filme mit ihm. Leibhaftig trifft ihn auf Veranstaltungen, in denen er zusammen mit seiner Frau aus seinen Büchern liest. Eigentlich erzählen sie die Geschichten und Anekdoten wie Hörspiele. Denn in beide sind ja von Hause aus Schauspieler. Dieses Erbgut haben sie übrigens gut angelegt in ihrem Sohn Sebastian und Enkelin Linn Reusse, Kind ihrer Tochter Bettina.

Rolf Hoppe – Der Mann mit den vielen Gesichtern

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler und für mich ein ganz besonderer Mensch. In wenigen Tagen, genauer, am 6. Dezember, feiert Rolf Hoppe seinen 85. Geburtstag. Die Geschichten über sein Leben hat er in zwei Büchern erzählt – und einiges davon mir, seit wir uns  1997 für ein Porträt kennengelernt haben. Seitdem telefonieren wir so zwei-, dreimal im Jahr oder auch öfter. Es sind stets vergnügliche Plaudereien, bei denen hin und wieder eine Verabredung herauskommt. Wie im Mai, weil man sich gern wieder sieht.

Mein Hausbesuch bei diesem Mimen – bei ihm ist diese Formulierung nicht zu hoch gegriffen – führte zu einer ganz besonderen Titelgeschichte in der SUPERillu (Heft 23/15). Denn zum ersten Mal war seine Frau Friederike dabei. Zur großen Freude ihres Mannes. Nachdem sie sich aber zunächst wie immer konsequent geweigert hatte, „in einem Artikel zu erscheinen“. Sie habe da nichts verloren. Punkt. Wohl aber doch, so sieht das Rolf Hoppe. Doch dazu später noch mehr.

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Rolf Hoppe war 62, als er sich seinen Traum von einem kanadischen Blockhaus erfüllt hat

Kurz nach meinem Besuch in seinem Domizil in Weißig war Rolf Hoppe mit dem Deutschen Schauspielerpreis geehrt worden. Nicht für eine Rolle, sondern für sein Lebenswerk, für  60 Jahre darstellerisches Schaffen. Weit über 400 Rollen prägte er auf der Bühne, vor der Kamera oder in Hörspielen, jede eine Zäsur.

Schauspieler Rolf Hoppe
Das Porträt von Rolf Hoppe fotografierte York Maecke

Der Deutsche Schauspielerpreis wurde 2012 ins Leben gerufen. Eine Anerkennung von Schauspielern für Schauspieler. Im letzten Jahr wurde Senta Berger mit diesem Preis geehrt, die beiden Jahre zuvor Götz George und Katharina Thalbach. Rolf Hoppe empfindet es als große Ehre, ihn bekommen zu haben. „Du kennst mich ja. Ich bin in solchen Sachen ein Fluchttier, wie meine Frau. Aber da bin ich hingegangen, weil ich mich sehr gefreut habe über diese Anerkennung. Dass Menschen an einen denken, denen man mit seiner Arbeit Freude gebracht hat, ist das eine. Aber dass es Kollegen sind, die meine Arbeit würdigen, macht mich froh. Man wird ja schnell vergessen, wenn man alt und nicht mehr so präsent ist.“ Eine bittere Wahrheit für viele andere, nicht für den Mimen mit dem weißen Bart, der so gern lacht und Späße beim Gespräch macht. Der sich vor fast 70 Jahren die Kindheit  in die Tasche gesteckt hat.

Schauspieler Rolf Hoppe
Interview mit dem Schauspieler in seinem Refugium. Hier bewahrt er Erinnerungen an seine Kindheit als Bäckerlehrling in seinem Heimatort Ellrich und seine Filmrollen auf

Nicht mehr präsent! Davon kann bei ihm  wirklich nicht die Rede sein. Erst im Sommer stand er für den Kinofilm „Die Blumen von gestern“ vor der Kamera. Hoppe spielt einen Historiker, dessen Spezialgebiet der Holocaust ist. Im letzten Jahr hat er in Irland für den ZDF-Zweiteiler „Pfeiler der Macht“  gedreht und davor den Fernsehfilm „Ohne dich“. Es sind inzwischen die Rollen der Alten, Weisen, Intellektuellen, Juden, Familienoberhäupter mit geheimnisvollen Punkten im Leben, die den fast 85-Jährigen noch ein-, zweimal im Jahr vor die Kamera locken. „Es ist alles nicht mehr so ideal. Das ganze Drumherum bis ich vor der Kamera stehe ist anstrengender geworden“, sagt er. „Aber es ist schön, dass man mich Alten noch will.“ Inzwischen begleitet Enkel Oscar seinen Großvater bei den Produktionen. „Dann bin ich nicht so allein und habe jemanden, der weiß, wann ich wo sein muss.“

Frau Hoppe schaut zu, wie York Maecke ihren Mann fotografiert
Frau Hoppe schaut zu, wie York Maecke ihren Mann fotografiert

Schauspieler mit der Gabe eines Rolf Hoppe sind selten. Regisseur István Szabó, in dessen Film „Mephisto“ er als Nazi-General Göring 1981 international berühmt wurde – trotzdem mag er die Rolle nicht besonders – sagte über ihn: „Er ist der Mann fürs Ambivalente. Hoppe kann mächtig und zugleich zerbrechlich wirken. Das Böse verbirgt sich bei ihm hinter verführerischer Leutseligkeit, scheinbar Gutem. Das Heuchlerische und Intrigante, das Doppelbödige hinter Liebenswürdigkeit, scheinbarer Ehrlichkeit.“

Zärtlich drückt Rolf Hoppe seien Frau an sich. Seit 55 Jahren sind sie zusammen
Zärtlich drückt Rolf Hoppe seine Friederike an sich. Seit 55 Jahren sind sie zusammen.

Hoppe hat einen klaren Anspruch an den Beruf. Für ihn bedeutet Schauspieler zu sein, Geschichten erzählen, Menschen in ihrem Widerspruch zeigen. „Wenn einer dumm wirkt, muss er einen hellen Geist haben. Wenn einer dick ist, muss er agil sein“. Populärstes Paradebeispiel ist der Indianerhasser Bashan im DEFA-Film „Spur des Falken“, in dem der schwergewichtige Hoppe mit seiner Wendigkeit beim Reiten selbst Gojko Mitic verblüffte. Die hohe Kunst des Schauspielers zeigte sich in seiner Rolle als Präfekt in „Mario und der Zauberer“ unter der Regie von Klaus Maria Brandauer. Dessen Worte: „Dieser  Hoppe ist genial. Er beherrscht die Szene ohne etwas zu sagen. Nur mit seinen Blicken, seinen Gesten.“  Seine Körpersprache, seine Mimik und vor allem seine Stimme mit den unendlich vielen Modulationen sind Hoppes Kapital, in dem das Geheimnis seines Erfolgs liegt.

Rolf Hoppe will mit seinem Spiel aufklären, nicht dogmatisch, sondern auf eine unterhaltende Weise, die zugleich den Ernst erkennen lässt. Er macht das auf so wunderbare Weise, dass selbst die Kinder es verstehen. Für sie hat er besonders gern gedreht. Zu seinen liebsten Rollen gehören für ihn der verschlagene und der gute König in dem Kinderfilm „Lorenz im Land der Lügner“ und der wundersame Schneider „Meister Röckle“.

Die Skulptur ist das Geschenk eines Bildhauers
Die Skulptur ist das Geschenk eines Bildhauers. Irgendwie hat sie Ähnlichkeit mit Hoppe

Der Dresdner Filmkritiker Karl Knietzsch fand in einem Gespräch mit Hoppe für die DDR-Kinozeitschrift „Filmspiegel“ ein treffsicheres Bild. „Rolf, wenn du’n Pferd geworden wärst (Hoppe mag Pferde), dann außen ‘n Kaltblüter, aber innen todsicher ‘n Vollblut!“ Diese besondere Fähigkeit ist es, die diesen leisen, fast schüchtern wirkenden Mann so besonders und für Regisseure immer wieder anziehend macht. „Ich suche in einer Figur das, was sie menschlich macht. Frage, wovon versteht sie was, wovor hat sie Angst. Egal, wie groß oder klein eine Rolle ist. Bei den kleinen ist am schwersten, macht aber am meisten Spaß“, erzählt er mir. Das ist sein Credo.

Hoppe ist ein Weltstar, auch wenn er sich als solchen nicht empfindet. Er ist nicht der Typ, der nach vorn prescht ins Rampen- oder Scheinwerferlicht. Keiner, der immer das Sagen haben will. Mit solchen Leuten kommt er schwer zurecht. „Wenn ich merke, da hat einer das Bedürfnis an der Spitze zu sein, bin ich ganz still und lasse ihn. Henry Hübchen ist so einer – über den darf ich das sagen, der weiß es.“ Sie haben zusammen für die Krimi-Reihe „Commissario Laurenti“ in Triest gedreht. Hübchen in der Titelrolle, Hoppe spielte den alten Doktor Galvano.

die Autorin mit Rolf Hoppe als Dr. Galvano in der Serie „Commissario Laurenti“ 2006 in Triest
Die Autorin mit Rolf Hoppe als Dr. Galvano in der Serie „Commissario Laurenti“ 2006 in Triest Foto: York Maecke

Rolf Hoppe, der am Nikolaustag 1930 im Harzstädtchen Ellrich das Licht erblickte, hat nie etwas anderes gewollt, als Schauspieler zu sein. Seit er als Kind ein Puppentheater geschenkt bekam und den Spaß am Spielen, Verwandeln entdeckte. Und – dass man den Menschen damit, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Lachen geben kann. Der Krieg hatte es den Menschen genommen. Diesem Traum ist er nachgegangen. So intensiv, dass er 1950 im Märchenstück „Die Prinzessin und der Schweinehirt“ mit Fieber auftritt und nach mehreren Vorstellungen die Stimme verliert. „ Lähmung der Stimmlippen, weil ich mich überschrien hatte. Ich wusste nicht damit umzugehen. Das war die schlimmste Zeit, die ich erlebt habe.“

Die Bühne war passé, aber er gab nicht auf, arbeitete als Tierpfleger im Zirkus Aeros, und fand in Halle einen Professor für Logopädie. Er lernte wieder sprechen. Statt  Zigaretten zu rauchen, empfahl ihm Prof. Wizzak, es mit der Pfeife zu probieren, die schade der Stimme nicht. „Ich war baff“, sagt Hoppe. Die Pfeife wurde ihm zum unabkömmlichen Requisit.

Wie eine kleine Robbe sieht der schwarze Stein aus.  Von allen Drehorten brachte sich der Schauspieler Steine mit
Wie eine kleine Robbe sieht der schwarze Stein aus. Jeder Stein ist ein Mitbringsel von n den Drehorten – Erinnerungen an den Kaukasus, China, Amerika, die Mongolei, Rumänien… er wollte und hat die Welt gesehen

1946 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne, in der Titelrolle von  Friedrich Wolfs Stück „Prof. Mamlock“ im Laientheater in Ellrich. Es wurde für ihn ein Riesenerfolg. Sein erster. Von da an stand für ihn fest, dass er die Schauspielerei ernsthaft, als Beruf, betreiben will. Nach zwei Ablehnungen für eine Schauspielausbildung in Weimar und Halle studierte er 1949/50 an der Schauspielschule des Theaters Erfurt. Das ist ein ganz Besessener, der zerrupft sich für eine Rolle – hieß es unter den Studenten. Rolf Hoppe ist ein Perfektionist. Es muss stimmen, was er spielt. So ließ er sich nicht davon abbringen, in der Operette „Feuerwerk“ mit den zur Rolle gehörenden Clownslatschen 2,50 Meter über dem Boden auf einem Drahtseil zu balancieren. Er schaffte das bis zur Generalprobe. Da stürzte er ab und landete mit Prellungen und Platzwunden im Geraer Krankenhaus.

Das war 1960. Ein Aufenthalt mit Folgen. Die drei Jahre jüngere OP-Schwester Friederike fand Gefallen an ihm und er an ihr. Von da an wird sie ihn durchs Leben begleiten, seine Träume mittragen, in denen es auch zwei Kinder gibt. Mit großer Zärtlichkeit erzählt er von seinen Töchtern Josephine und Christine, die in seine Fußstapfen getreten sind. Christine hat die große Präsenz ihres Vaters, wenn sie am Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne steht. „Das Mädel spielt die ganz großen Rollen, mit großer Wirkung.“ In seiner Stimme schwingt unbändiger Stolz mit.

Der Denker hinterm Fenster
Der Denker hinterm Fenster

Für Rolf Hoppe waren Träume nie Schäume. Was im Leben nicht ging – und das war wenig, denn sogar der Traum vom eigenen Hof-Theater erfüllte sich 2005 – erspielte er sich. Vor allem in seinen Filmrollen. Da ritt der Pferdenarr in den Indianerfilmen durch den Wilden Westen. Er war Gaukler, Artist, König, Lokführer. Doch das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn ihm seine Frau Friederike nicht den Alltag abgenommen hätte. Dafür hat sie ihren Beruf aufgegeben. „Wir sind seit 55 Jahren zusammen, nie konnte ich sie auch nur zu einem Foto für die Zeitung überreden, dabei gehört sie doch zu meinem Leben. Ohne sie wäre ich manchmal hilflos gewesen“, gesteht er. Es machte ihn traurig.

Frederike Hoppe hat Spaß beim Zugucken
Friederike Hoppe hat Spaß beim Zugucken

Dann passierte das große Wunder. Während Fotograf York Maecke nach meinem Gespräch Aufnahmen von Hoppe machte, erzählte mir seine Frau Friederike von ihrem Leben an der Seite des Workaholics. Ja, das war Rolf Hoppe. Um so mehr genoss die Familie die Zeit mit ihm, die Ferien in Ungarn, als Szabó ihn für seinen Film gewinnen wollte. Seine Frau und die beiden Töchter Josephine und Christine begleiteten ihn nach Salzburg, wo er sieben Jahre den Mammon im „Jedermann“ spielte.

Die  kleine, resolute Frau ließ ihn seinen Beruf ausleben, der ihn glücklich macht. „Dass ich Rolf kennenlernte, war die Erfüllung einer unbestimmten Sehnsucht. Ich wollte einen Mann, der einen besonderen Beruf hatte. Aber ich wusste nicht, was für einen.“ Als Rolf wieder gesund war damals, ging sie zu ihm ins Theater und bat ihn, ihr zwei Karten zu besorgen. „Ich war hin und weg von seiner Eleganz und habe mich in ihn verliebt.“ Es war eine glückliche Fügung. Zum Abschied unseres Besuches fragte mich Rolf Hoppe noch: „Wie hast du das nur angestellt, dass sie dir so viel erzählt. Sie weiß doch, dass du Journalistin bist. Und dass sie sich auch noch fotografieren ließ! Ich bin so glücklich darüber.“

Das muss man nicht kommentieren.

PS: Wer Lust auf einen Besuch in Rolf Hoppes Hof-Theater hat, hier findet er Spielplan und Adresse.

http://www.hoftheater-dresden.com

TV Sendetermine:

′ OHNE DICH | Regie Alexandre Powelz
25.11.2015 | 20:15 Uhr |ARTE

ROLF HOPPE
Portrait zum 85. Geburtstag
06.12.2015 | 12:40 Uhr | MDR

DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL | Regie Václav Vorlíček
29.11.2015 | 12:00 Uhr | KiKa
06.12.2015 | 14:20 Uhr | WDR

MEPHISTO | Regie István Szabó
07.12.2015 | 23:40 Uhr | MDR