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Heiner Carow & Benno Pludra – Mit Sheriff Teddy fing der „Ärger“ an

„Sheriff Teddy“ – eins meiner liebsten Kinderbücher. Keine Ahnung, wie oft ich es gelesen habe. Wohl sehr oft, denn die Ecken des Einbands sind ziemlich abgestoßen. Es lag 1959 auf meinem Geburtstagstisch. Für meine Eltern wäre es Frevel gewesen, ein Buch wegzuwerfen. So zog Sheriff Teddy“ über all die Zeit immer mit uns um und blieb in meinem Blickfeld. Es war mein erstes Buch von Benno Pludra. Wenn ich mich zurückversetze, spüre ich noch die Faszination, die ich beim Lesen empfand.

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Kalle alias Sheriff Teddy (Gerhard Kuhn, r.) fällt es schwer, sich in der neuen Schule in Ostberlin einzugewöhnen. Er gerät mit seinem Rivalen Andreas (Axel Dietz, l.) aneinander © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Die Geschichte von Kalle alias Sheriff Teddy spielt in der gleichen Zeit, in der auch ich Kind war. Ich wohnte in einem Dorf bei Potsdam, er im geteilten Berlin, wohin ich als Kind nie gekommen bin. Sein Leben verlief so ganz anders als meins. Ich hatte keine Vorstellung, wie es ist, wenn man erst im Westen gewohnt hat, dort zur Schule ging und dann in den Osten kam, wo es ganz anders zuging. Und man zwischen den Fronten hin und her gerissen wird. Benno Pludra lotste mich mit seiner Erzählweise so durch Kalles problembeladene Tage, dass ich mich einfühlen und hineindenken konnte. Mit jeder Buchseite kam ich ihm näher. Meine Welt dehnte sich aus. Das habe ich als Zehnjährige so nicht reflektiert, wohl aber gespürt.IMG_9003
Dass mir das Buch gerade jetzt wieder in den Sinn kam, hat mit der Verleihung des Heiner-Carow-Preises zu tun, zu der ich ins Berliner Kino International eingeladen war. Er wird seit 2013 von der DEFA-Stiftung im Rahmen der Berlinale an einen Spiel-, Dokumentar- oder Essayfilm aus der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ vergeben und ist dem 1997 verstorbenen Regisseur gewidmet. Heiner Carow hat das Profil der DEFA mit Filmen wie „Sie nannten ihn Amigo“ (1958), „Die Russen kommen“ (1968), „Die Legende von Paul und Paula“ (1972), „Ikarus“(1975) entscheidend mit geprägt. Wie in jedem Jahr wurde auch an diesem Abend einer seiner Filme gezeigt. Es war der kaum noch bekannte Kinderfilm „Sheriff Teddy“ aus dem Jahr 1956 nach dem gleichnamigen Buch von Benno Pludra.

Das Buch war damals gerade mit Illustrationen von Hans Baltzer im Kinderbuchverlag Berlin erschienen und hatte sogleich für Furore gesorgt. Benno Pludra und Hans Baltzer gewannen beim Preisausschreiben für Kinder- und Jugendliteratur des Ministeriums für Kultur der DDR dafür gleich mehrere Preise. Etwa zum gleichen Zeitpunkt war der damals 27-jährige Heiner Carow auf der II. Leipziger Woche für Kultur- und Dokumentarfilm für seinen Dokumentarkurzfilm „Martins Tagebuch“ mit der Silbernen Taube, dem Preis des Clubs der Filmschaffenden der DDR, ausgezeichnet worden.

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Szene aus Heiner Carows Kurzfilm „Martins Tagebuch“, den er mit Kameramann Helmut Bergmann drehte. @ DEFA-Stiftung/ Helmut Bergmannn

Sensibel und genau geht er den Problemen eines Jugendlichen nach, dessen Eltern für seine Träume und Wünsche kein Verständnis haben. Dieser Film zeigte sehr deutlich Heiner Carows Neigung zum Spielfilm. „Martins Tagebuch“ öffnete dem jungen Regisseur, der beim DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme arbeitete, endlich die Tür ins DEFA-Studio für Spielfilme. Mit „Sheriff Teddy“ begann für Heiner Carow ein harter Weg, auf dem er sechzehn der bewegendsten DEFA-Filme schuf.

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Kalle hat eine andere Sicht auf die Regierungszeit von Friedrich II als Lehrer Freitag (Günter Simon) © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Meine Erinnerungen an den Film „Sheriff Teddy“ waren schon sehr verblasst. Ich hatte ihn Anfang der 1960er Jahre in der „Flimmerstunde, einer Kindersendung des Deutschen Fernsehfunks, gesehen. Natürlich verknüpfte sich mein Blick auf das Geschehen jetzt mit dem gewachsenen Wissen um die historischen Ereignisse im Berlin der 50er Jahre. Damals kannte ich Berlin nicht, wie gesagt. Inzwischen lebe ich seit 40 Jahren in der Stadt. Ich erkannte die Drehorte um den Rosenthaler Platz herum und die Zionskirche, die Brunnenstraße, den Alex und die Friedrichstraße, die Wollankstraße im Westteil der Stadt, die ich als Kind nie gesehen hatte. So wurde der Film, den ich so spannend fand wie als Kind, für mich auch zur Zeitreise. Wie harmlos liefen doch damals Prügeleien auf dem Schulhof ab. Es ging in einer Auseinandersetzung nicht darum, jemanden „kaltzumachen“. Da gab es noch eine Gewaltschwelle, die nicht überschritten wurde. Wer am Boden lag, wurde nicht noch getreten.

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Zigarettenpause. Heiner Carow und Kameramann Götz Neumann © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Ich habe Heiner Carow im August 1996 kennengelernt. Er war ein großer stattlicher Mann. Voller Ruhe, von einer Freundlichkeit, die eine Unterhaltung leicht macht. Ich durfte ihn in seinem Haus nahe des DEFA-Studios Babelsberg besuchen. Mit offenen Armen lehnte er in der Couch, während er mir aus seinem Leben erzählte, warum er Regisseur geworden war, was ihn antrieb und was ihm diesen Beruf schwer machte. Schon während seiner Schulzeit in Rostock hatte er Stücke geschrieben und inszeniert. Er wollte Regisseur werden. Das war sein erklärtes Ziel. Nach dem Abitur 1949 gründete er ein Jugendtheater. „Wir sind wir über die Dörfer gezogen und haben in Gasthöfen vor den Bauern gespielt“, erzählte er. Bei der ersten Vorstellung in der Aula seiner Schule saß zufällig eine Schauspielerin im Publikum neben seiner Mutter und fragte sie: „Das hat ein Schüler der 12. Klasse gemacht? Der sollte sich mal beim DEFA-Nachwuchsstudio bewerben.“ Davon hatte Heiner Carow geträumt. Er bewarb sich und bestand die Aufnahmeprüfung. „1952 wurde die Schule geschlossen. In meinem Abschlusszeugnis stand, dass ich für den Beruf des Regisseurs ungeeignet sei, allenfalls Dramaturg werden könnte“, verriet er amüsiert.“ Er ließ sich nicht beirren und nahm eine Stelle als Regie-Hilfe im Studio für Populärwissenschaftliche Filme an. „Ich wurde nur einmal als Assistent eingesetzt, dann habe ich eigene Filme gemacht.“

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Regisseur Slatan Dudow 1963 bei Dreharbeiten für „Christine“ @ DEFA-Stiftung/ Herbert Kroiss/Waltraut Pathenheimer

Entscheidend für seinen Entschluss ist eine Begegnung mit dem bulgarischen Filmregisseur Slatan Dudow gewesen, der einige der wichtigsten Nachkriegsfilme der DEFA gedreht hat, wie „Familie Benthin“, Frauenschicksale“, Stärker als die Nacht“ und „Christine“. Carow erinnerte sich: „Ich erlebte Dudow 1950 bei der Premiere seines Films ,Unser täglich Brot‘. Die Besessenheit, mit der er davon sprach, die Kunst dafür zu nutzen, dass es keinen Krieg mehr gibt, dass Gerechtigkeit herrscht, hat mich begeistert. Ich war 15, als man uns kurz vor Kriegsende 1945 noch mit der Panzerfaust in Richtung Berlin schickte. In den Dörfern lagen die Frauen in den Fenstern und schrien: ,Nicht die Kinder, nicht die Kinder‘. Das hat sich mir eingebrannt. Kurz vor Schwerin war dann alles vorbei, der Führer war tot und alles löste sich auf. Die Amerikaner griffen uns auf. Ich bin auf eine merkwürdige Art aus dem Lager gekommen. Jemand hatte mir einen Zettel geschrieben, ich sei kein Soldat.“ Dudows Traum wurde auch Carows Traum. „Ich wollte Filme machen, die die Menschen etwas angehen.“

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Benno Pludra 1955 in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus in Berlin-Friedrichshagen. © Horst E. Schulze

Ich nenne es einen schicksalhaften Zufall, dass Benno Pludra und Heiner Carow damals in Leipzig aufeinandertrafen. Sie lagen in ihrem künstlerischen Anliegen auf einer Linie. Jeder reflektierte auf seine Weise die soziale Wirklichkeit im Land und beschrieb, wo sie nicht zu den offiziellen Wunschprojektionen passte. Ihr erstes Zusammentreffen hatte Heiner Carow noch lebhaft in Erinnerung: „Es war sehr lustig. Wir saßen uns während der Leipziger Dokfilm-Woche 1956 im Presseclub gegenüber und ich hatte ihm gesagt, dass ich einen Film aus seinem Buch machen möchte. Benno lehnte in seinem Sessel und schwieg. Ich dachte, er schläft. Plötzlich sagt er: ,Wo wohnst’n du?‘ Ich: ,In Babelsberg.‘ Er: ,O Gott!‘ Ich: Wieso O Gott? Er: ,Ich wohne in Friedrichshagen, genau am anderen Ende. Das war nicht optimal, aber wir haben das Drehbuch zusammen gemacht.“

Am 29. November 1957 hatte „Sheriff Teddy“ in Berlin-Lichtenberg im „Haus der Jungen Pioniere“ Premiere. Die Presse reagierte sehr wohlwollend. Der Film sei unverfälscht und menschlich wahr, schrieb der Theater – und Filmkritiker Christoph Funke am 3. Dezember 1957 im „Morgen“. Er nehme die Kinder ernst, verniedliche und belehre nicht und sei nicht gönnerhaft, lobte die DDR-Filmpublizistin Rosemarie Rehan in ihrem Artikel „Jungenschicksal – heute und gestern“ in der Wochenpost“ am 14. Dezember 1957. Heiner Carow erwies sich in der Arbeit mit den jungen Darstellern als atmosphärisch genau und feinfühlig, ist im „film-dienst“ zu lesen. So entstand ein spannender Kinderfilm, in dem sich das geteilte Berlin im Alltagsleben von Dreizehnjährigen spiegelt.

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Kalle hat die Schnauze voll von seiner neuen Schule und dem Vater, der seine Schmöker zerristen hat, und will zu seinem Bruder Robbi (Hartmut Reck) nach Westberlin. Robbi überredet ihn, ihm bei einem Einbruch zu helfen © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Ein halbes Jahr später hat sich der Wind gedreht. Heiner Carow geriet mit Sheriff Teddy“ in ein politisches Kreuzfeuer. Der Film gehörte zu einer ganzen Reihe Berlin-Filme, die die DEFA damals produzierte – und von denen heute noch gesprochen wird: Alarm im Zirkus“, „Berlin, Ecke Schönhauser“ oder „Die Berliner Romanze“, Arbeiten von Regisseur Gerhard Klein und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Sie alle standen auf der Filmkonferenz im Juli 1958 im Fokus der Kritik durch die Kulturfunktionäre der SED. Man wollte wohl besonders den jungen Filmemachern klar machen, wo sie lang zu marschieren haben. „Es war meine erste Konfrontation mit der offiziellen Kulturpolitik. Man warf mir eine revisionistische Sicht vor, so, wie ich das Leben im geteilten Berlin darstelle. Damals war ich noch jung und versuchte lange Zeit zu glauben, dass irgendetwas dran sein muss, wenn so viele alte weise Männer das gleiche sagen“, beschrieb mir Heiner Carow seine damalige Situation.

Er unterwarf sich der Selbstzensur und quälte sich damit zehn Jahre, die er nur durchhielt, wie er mit einer tiefen Dankbarkeit in der Stimme sagte, weil seine Frau Evelyn ihn immer bestärkt hat. Evelyn Carow war eine der bedeutendsten Schnittmeisterinnen der DDR und hat die wichtigsten DEFA-Filme, darunter auch die ihres Mannes, montiert. Seinen Film „Die Russen kommen“ hat sie komplett umschneiden müssen, nachdem die erste Fassung kurz vor der Premiere 1968 verboten wurde.

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Gert Krause-Melzer als Günter © DEFA-Stiftung/Jürgen Brauer

Der Film spielt im Frühjahr 1945 in einem Ort an der Ostsee und erzählt vom Schicksal des 15-jährigen Günter, der noch an den Endsieg glaubt. Auf der Jagd nach einem russischen Fremdarbeiter, einem Jungen in seinem Alter, ist er der schnellste und stellt ihn. Der Dorfpolizist erschießt den Jungen. Kurz nachdem sowjetische Soldaten den Ort besetzt haben, verhaften sie Günter wegen Mordes an dem Fremdarbeiter. Er wird in einen Keller gesperrt, verrät aber den wahren Mörder nicht. Doch der Fall wird aufgeklärt. All die Ereignisse stürzen Günter in tiefe Verwirrung und lassen ihn seine Schuld erahnen.

Heiner Carow hat hier eigene Erlebnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit verarbeitet. „Ich wurde als 17-Jähriger wegen illegalen Waffenbesitzes von den Russen ein halbes Jahr in einen Keller eingesperrt und kam damit noch glimpflich davon. Sie hätten mich auch erschießen können.“ Bei der ersten Abnahme im Schneideraum heulten alle. Was für ein liebenswürdiger, wunderschöner Film, hieß es. Ein paar Wochen später kam die Abnahme durch die Hauptabteilung Film des Kulturministeriums und die Aufführung wurde verweigert. Der Film psychologisiere den Faschismus, warf man dem Regisseur vor. „Ich denke, er erinnerte wohl einige Leuten unliebsam daran, dass auch sie sich nicht gefragt haben: Auf welcher Seite stand ich?“, rekapitulierte Carow. Vielleicht hatte auch die Brisanz der Ereignisse im August 1968 eine Rolle gespielt, als Truppen des Warschauer Vertrages zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in Prag einmarschiert sind.

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Victor Perewalow als russischer Junge © DEFA-Stiftung/Jürgen Brauer

Der Regisseur änderte den Film komplett. Diese Selbstverstümmelung, wie er es bezeichnete, bereitete ihm schlaflose Nächte. Der Film wurde dennoch vernichtet. „Da begriff ich“, sagte Carow, „dass sie nicht recht haben. Sie haben nicht recht, wenn sie  dich loben, und sie haben nicht recht, wenn sie dich tadeln. Du musst tun, was du für richtig hältst. Slatan Dudow hat irgendwann mal zu mir gesagt: es war ein Fehler, wir haben geschwiegen. Bei uns wurde sehr viel geschwiegen.“ Seine Frau Evelyn hatte jedoch eine Arbeitskopie gesichert und mit nach Hause genommen. So konnte der Film 1987 doch noch ins Kino kommen.

Fast alle Carow-Filme gerieten durch ihre gesellschaftskritische Sicht an den Abgrund zur Versenkung. Voll Bitterkeit sprach er von der Zeit nach seinem Film „Bis daß der Tod euch scheidet“, den er 1978 gedreht hatte. „Mit dieser tragischen Ehegeschichte hatte ich mich zu weit vorgewagt. Der Film wurde zwar nicht verboten, aber ich bekam von der DEFA Jahre keine Aufträge mehr.“ Erst 1986 konnte er mit „So viele Träume“ wieder einen Film fertigstellen. Seine letzten großen DEFA-Arbeiten waren „Coming out“ (1989) und „Die Verfehlung“ (1991). Heiner Carow hatte sich mit 67 Jahren wohl aufgezehrt und verstarb an einem Hirnschlag.

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Benno Pludra und Heiner Carow blieben sich in alle den Jahren verbunden. Als 1965 Pludra Buch „Die Reise nach Sundevit“ erschien, machten sich beide sogleich an das Drehbuch. Am 20. Mai 1966 lief er in den DDR-Kinos an. Für Regie, Kameraführung und Dramaturgie gab es 1967 den Heinrich-Greif-Preis I. Klasse. Erstaunlicherweise, denn der Film hatte es besonders schwer, wie sich Benno Pludra erinnerte.

Der Kinderbuchautor schaffte es in seinen Büchern, geschickt die Forderungen der Kulturverantwortliche zu umschiffen. „Die wollten immer, dass wir positive Bücher über angeblich typische Helden und Kollektive schreiben sollten. Aber das geht doch gar nicht, das kann doch nur eine Farce werden“, mokierte er sich mal auf einem Spaziergang Mitte der 80er Jahre, als ich ihn mit meinem Mann, seinem Neffen, in Nedlitz besucht habe. „Der Gedanke, darf ich oder darf ich nicht, war wahrscheinlich immer Hinterkopf. Daraus entstanden manchmal Ausweichgeschichten“, sagte er, als ich ihn fragte, wie er das gemacht habe, die Zensur zu umgehen. Er sei beim Schreiben immer seiner inneren Stimme gefolgt. Wenn die wieder mal einen Knall hatten, wie er meinte, dann habe er eben etwas nicht so geschrieben, er es eigentlich wollte, um nicht Wasser auf die Mühlen zu geben.

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Tim hat die Abfahrt ins Zeltlager nach Sundevit verpasst, weil er erst noch etwas erledigen musste. Er fährt hinterher und gerät durch Unvorsichtigkeit auf ein Manövergelände © DEFA-Stiftung/Horst Blümel

Es gab natürlich Erfahrungen, die waren schwierig und traurig. „Mit den Filmen, die nach meinen Büchern gedreht wurden, gab es aber immer Ärger. Die Regisseure sind ja alle Füchse“, erklärte er. „Sie erschnuppern das Brisante, worüber man in der Literatur eher drüber weg liest, und bringen es nach vorn. Heiner Carow war ja einer der besten Regisseure der DEFA gewesen und hat ununterbrochen Filme gemacht, die bestimmte Leute auf die Barrikaden getrieben haben.“

Es ging in der Kulturpolitik der DDR seitens der Funktionäre schon sehr kleinkrämerisch, demagogisch zu. Wieviel Unsicherheit im Glauben an die eigene Sache musste sie beherrscht haben, um so zauberhaften, berührenden Filmen wie „Lütt Matten und die weiße Muschel“ und „Insel der Schwäne“, die von Hermann Zschoche verfilmt wurden, vorzuwerfen, sie würden die DDR-Realität verzerren, das Bild von der sozialistischen Gesellschaft beschädigen. Benno Pludra hatte stets im Sinn, dass am Ende Hoffnung für Kinder sein muss. Ihm lag daran, die ihr Denken und Fühlen zu beflügeln. Es war seine große Begabung, so mit der Sprache umgehen zu können, dass man ihr nicht entkommen konnte. Lakonisch, knapp und bedächtig, emotional, eindringlich und unpathetisch verhalten lockte sie ihre Leser hinein in die Welt, von der er erzählte. Lakonisch, knapp und unpathetisch geht auch eine Unterhaltung mit ihm.

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Benno Pludra 2002 auf seinem Grundstück in Nedlitz.  Zum Nachdenken saß er gern hier oder ging mit seinem Hund Olex spazieren © privat

Das Schreiben lag immer schon in ihm drin, erzählte er, und dass er nie Lust gehabt hatte, Bücher für Erwachsene zu machen. Er fühle sich zuständig für die Kinder, weil sich die Eltern – jedenfalls die meisten – für ihre Wünsche und Träume nicht interessieren, ihre Bedrängnisse, Nöte und Sorgen nicht ernst nehmen. Er nahm sie ernst und knüpfte seine phantasievoll-realistischen Alltagsgeschichten, die auch mal Märchen sein konnten, in denen seine jungen Leser Wege aus ihren eigenen Kümmernissen finden konnten. Seine Kritik an den Erwachsenen, an Umständen im real-sozialistischen Alltag, verwob er in schönen Sätzen (seine Worte) mit leisem Humor. Nie guckt einen da ein ideologischer oder politisch-pädagogischer Zeigefinger an. Seine immer spannend geschriebenen Erzählungen stimmen auf unmerkliche Weise ganz von selbst nachdenklich. Das macht sein Schaffen für die Kinder- und Jugendliteratur so bedeutsam.

Benno Pludra hatte von Kind an eine unbändige Sehnsucht nach dem Meer. Das war weit weg von seinem Heimatort Mückenberg in der Niederlausitz, wo er am 1. Oktober 1925 als Sohn eines Metallgussformers zur Welt kam und aufwuchs. Seine Eltern ließen ihn ziehen, als er mit 16 Jahren nach Hamburg ging, um die Seefahrtsschule der Handelsmarine zu besuchen. „Deshalb musste ich nicht Soldat werden und mich womöglich mit Schuld beladen.“ Welches Glück das für ihn war, begriff er erst später.

Im Kriegssommer 1943 begann der nicht gerade groß gewachsene schmale Junge auf dem Segelschulschiff „Padua“ seine Matrosenausbildung. Mit dem Tampen bekam er da die Seetüchtigkeit auf den Hintern gebläut, erinnerte er sich. Sie segelten in der Rigaer Bucht. „Es war uns wie im Frieden. Und wenn du den Krieg nicht spürst, bleibt er dir fern. Wir hatten auch nicht genug Verstand, um zu begreifen, war passiert.“

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Benno Pludra 1958 auf seinem Segelboot „Mobby Dick“ vor der Insel Hiddensee, wohin er jeden Sommer fuhr © privat

1944 heuerte der Jungmatrose Pludra auf dem Erzfrachter Ditmar Koel an. Da rückte der Krieg schon näher. Stets auf der Hut vor Torpedo-Flugzeugen, fuhren sie nur nachts. „Am 7. Dezember 1944 machten wir klar zur Ausfahrt aus der Bucht vor Bergen, als es knallte und das Heck sank“, erzählte er mir im Sommer 2003 in einem Interview für die Zeitschrift SUPERillu. Er wollte sich retten und sprang in Wasser. Der Sog zog ihn unweigerlich nach unten. „Ich dachte: jetzt bist du am Ende. Dann habe ich wieder oben rausgeguckt und jemand hievte mich in ein Rettungsboot.“ Mit dem Bewusstsein überlebt zu haben, kam das Entsetzen. „Das wirst du nicht mehr los“, sagte er.  In diesem Jahr wurden die Haare des 19-Jährigen weiß.

Ende der 80er  Jahre lernte Benno Pludra auf einem Freundschaftstreffen der norwegischen Widerstandsbewegung auf den Shetlandinseln den Mann kennen, der 1944 die „Ditmar Koel“ torpediert hatte. „Er erzählte mir von seinen Schuldgefühlen. Es hat ihn sein Leben lang beschäftigt, dass er junge deutsche Seeleute, die keine Soldaten waren, in den Tod geschickt hat. Ich versuchte, ihm das auszureden. Ich sagte: es war Krieg, wir hatten da nichts zu suchen. Wir trennten uns als Freunde. Das sind so Begegnungen, die ein ganzes Buch auslösen können“, erklärte der damals 78-Jährige. Benno Pludra hat das Buch geschrieben. Das Schicksal des Leichtmatrosen Daniel Bloom, der mit Segelschulschiff „Pandora“ untergeht, ist seine Geschichte. „Aloa-héist Pludras einziger Roman der für Erwachsene.

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In „Aloa-hé“ hat Benno Pludra seine Erlebnisse auf dem Segelschulschiff „Padua“ und seinen Untergang mit der „Ditmar Koel“ verarbeitet

Nach dem Krieg ging Benno Pludra zurück zu seinen Eltern, die inzwischen nach Großenhain in Sachsen umgezogen waren. Es gab keine Schiffe mehr, auf denen er hätte anheuern können. Aber Lehrer brauchte die Stadt. Er bewarb sich und schickte ihn für acht Monate zu einem Neulehrer-Kurs nach Riesa. Das gefiel ihm ganz gut. Der Praxis fühlte er sich der 20-Jährige am Ende nicht gewachsen. Den schnatternden Haufen kleiner Mädchen gab er nach zwei Tage wieder ab. „Die hatten sich immer was zu erzählen, das war mir zu anstrengend. Und mit den zehn- und elfjährigen Jungs, die ich dann bekam, gab es andere Probleme. Es war ja eine harte Zeit, unmittelbar nach dem Krieg.“ Jeden Morgen, wenn er zu seiner Arbeit in die Schule ging, hämmerte der Satz in seinem Kopf: Das hältst du nicht aus. Nicht dein ganzes Leben. Er gab auf, fand aber später, dass ihm die Zeit als Lehrer sehr von Nutzen war.

Mittlerweile 21 Jahre, machte er an der Arbeiter- und Bauernfakultät sein Abitur nach und studierte Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte, erst in Halle, dann Berlin. Nebenher arbeitete er als Reporter für die Märkische Volksstimme. Nach einer Reportage aus dem Oderbruch schrieb er seine erste Erzählung Ein Mädchen, fünf Jungen und ein Traktor“. Im Sommer darauf schickte ihn der Chefredakteur der Schulpost, Gerhard Holtz-Baumert – von ihm stammen die beliebten Geschichten über den Pechvogel Alfons Zitterbacke – ins Pionierlager an den Hölzernen See. „Ich sollte mich da mal umsehen und dann was schreiben“, erzählte Benno Pludra ein halbes Jahrhundert später. Er wohnte mit einer Gruppe Jungs in einem Zelt und das habe ihm gut gefallen. „Da ging es noch lockerer zu als in den Ferienlagern später.“

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Benno Pludra 1953 mit Sohn Thomas © privat

Dann hörte er von dem Aufruf für neue Kinderbücher. „Ich dachte: Da schreibst du was.“ Er hatte inzwischen Frau und Kind, die er versorgen musste. Mit dem einjährigen Thomas, seinem ersten Sohn auf dem Schoß, tippte er die Ferienlagergeschichte „Die Jungen von Zelt 13“ in die Maschine, die 1952 mit dem 1. Preis für Kinder- und Jugenliteratur ausgezeichnet wurde. Benno Pludra: „Zuerst sollte ich keinen Preis kriegen. Die was zu sagen hatten, fanden: so sind unsere Kinder nicht. Aber ich habe sie so gesehen. Anständige Kerle im Grunde, die sich bloß bestimmte Freiheiten genommen haben.“

Im noch jungen Kinderbuchverlag, er war am 1. Juli 1949 gegründet worden, ermunterte man ihn: Komm schreib, schreib! Und er schrieb weiter neben seiner Arbeit als Redakteur bei der Rundfunkzeitung, zu der er gewechselt war. Ab 1952 war er freischaffender Schriftsteller.

Das Meer hat Benno Pludra nie losgelassen. In vielen seiner Geschichten spielt es mit. „Bootsmann auf der Scholle“, „Tambari“, „Lütt Matten und die weiße Muschel“, „Die Reise nach Sundevit“ erzählen von der Sehnsucht nach dem Unergründlichen, der Schönheit und den Gefahren. Jeden Sommer verbrachte der Dichter mit seiner Familie auf Hiddensee, segelte mit seinem Boot „Mobby Dick“ im Bodden. Manchmal durften auch seine beiden Jungen Thomas und Matthias mit.

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In fünf Jahrzehnten Jahren dichtete, erfand und schrieb Benno Pludra ein stattliches Oeuvre von fast 50 feinsinnigen, spannenden und poetischen Erzählungen und Romanen für Kinder und Jugendliche, auch Verse für die ganz Kleinen, mit einer Gesamtauflage von mehr als 5 Millionen Exemplaren. „Kinder brauchen Literatur, die gut und stark macht, in der der Humor nicht fehlt, sie sollen nachdenken, aber auch lachen“, so das Credo eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren, dem er auch nach der Wende treugeblieben ist. All seine Bücher waren ihm wichtig. Manche waren wichtiger, andere haben die Zeit nicht überdauert. Vor fünf Jahren, am 27. August 2014, verstarb Benno Pludra nach langer Krankheit.

 

„Sheriff Teddy“ – Der Film

Der 13-jährige Kalle Becker lebt in Westberlin. Als sein Vater seine Arbeit verliert, zieht die Familie in den Osten. Herr Becker ist Heizer. Das System ist ihm gleichgültig, bot ihm aber eine sichere Arbeit, Einkommen und Wohnung. Berlin ist zwar eine geteilte Stadt, aber mit offener Grenze. Man setzt sich in die S-Bahn und fährt vom Alexanderplatz im Osten zum Gesundbrunnen im Westen. Kalle fällt es schwer, sich in dem neuen Umfeld einzugewöhnen. Am Gesundbrunnen hatte er seine Clique, die Teddy-Bande, und er war der Chef, Sheriff Teddy, sein Vorbild aus einem der Schmöker, die er zu Dutzenden verschlingt.

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Kalle verhökert auf dem Schulhof seine alten Schmöker.© DEFA-Stiftung/ Eberhard Daßdorf

Die Schmöker sind im Osten verboten, aber auch hier heißbegehrter Lesestoff bei Kalles neuen Klassenkameraden. Als er die Heftchen auf dem Schulhof verhökert, kommt er in die Bredouille. Er gerät mit Andreas, den er als Kontrahenten ausmacht, aneinander. Die Schlägerei hat Folgen. Kalles Vater, ein jähzorniger Mann, zwingt ihn die Schmöker zu zerreißen. Andreas trägt Kalle die Prügelei nicht nach, doch der will sich rächen und aktiviert die Teddy- Bande.

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Andreas soll in eine Falle gelockt werden © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Sie wollen Andreas in für eine Nacht in einer Ruine festhalten und ihn dann mit herausgeschnittenem Hosenboden wieder freilassen. Was für eine Schmach! Der Plan missglückt. Kalle kann Andreas nicht in die Falle locken. Damit ist er bei der Teddy-Bande unten durch. Die beiden Kontrahenten beginnen sich anzufreunden.

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Kalle findet, dass Andreas gar nicht so übel ist © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Andreas hat ein Fahrrad und schlägt Kalle vor, ihm auch eins zusammenzubauen. Auf der Suche nach den Teilen schwärmt Andreas von einem Tacho, den er für sein Rad gern gehabt hätte.

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Kalle klaut den Tacho aus dem Lehrmittelschrank der Schule. © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Kalle will dem neuen Freund eine Freude machen und ihm den Geschwindigkeitsmesser von seinem Taschengeld kaufen. Weil das nicht reicht, stiehlt er den Tacho aus dem Lehrmittelschrank der Schule. Es wird bemerkt. „Du bist ein Dieb, das hätte ich nicht von dir gedacht“, wendet sich Andreas enttäuscht von ihm ab. Auch die anderen aus der Klasse lassen ihn stehen. In seiner Verzweiflung sucht Kalle Hilfe bei seinem großen Bruder Robi, der im Westen von krummen Geschäften lebt, und lässt sich in dessen kriminelle Machenschaften hineinziehen: Wenn er Robbi und dessen Kumpanen hilft, aus einem Ostberliner Lager Fotoapparate zu stehlen, wird er ihm das Geld für den Tacho zu geben.

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Andreas hat die Polizei gerufen. Bis die kommt, halten die Jungs die Verbrecher fest @ DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

 Kalle ist dabei nicht wohl, aber sagt zu. Im richtigen Moment sind Andreas und die andern und verhindern den Coup. Zum ersten Mal spürt Kalle, der abgemusterte Bandenchef Sheriff Teddy, was echte Freundschaft ist.

DEFA-Regisseur Egon Günther ist tot

Gestern, am  31. August, ist der Potsdamer Autor und Regisseur Egon Günther nach langer schwerer Krankheit im Alter von 90 Jahren gestorben. In seinem Nachruf schreibt das Filmmuseum Potsdam. „Wir haben mit ihm einen der wichtigsten und erfindungsreichsten Regisseure des DEFA-Films verloren.“  Bekannt wurde Günther durch Verfilmungen wie „Lotte in Weimar“,Der Dritte“ und „Junge Frau von 1914“, alles Filme mit Jutta Hoffmann, seine bevorzugte Darstellerin. Über ihre Zusammenarbeit sagt sie: „Egon wusste, wie es geht.“  Für ihn war Veränderung gleichbedeutend mit Leben. Ohne Veränderung konnte er sich seine Arbeit nicht vorstellen. Unentwegt hat er – oft zum Leidwesen der Schauspieler  – die Drehbücher noch am Drehort umgeschrieben. So erlebte es Jutta Hoffmann in Krakow beim Drehen des Films „Die Schlüssel“ 1974.

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Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz 1974 im DEFA-Film „Die Schlüssel“ ©Icestorm/DEFA-Stiftung

Ein Film, der verboten wurde, wie vier Jahre später der Streifen „Ursula“ . Erlöst wegen seiner surrealistischen Bildsprache und freizügigen Szenen einen Skandal aus. Nach der Fernsehpremiere 1978 verschwand der Film sofort im sogenannten Giftschrank der DEFA. Egon Günther trat aus dem Verband der Film- und Fernsehschaffenden aus und folgt bald darauf einem Angebot in den Westen. Er kehrte erst nach der Wende nach Potsdam zurück.

Weiter heißt es in Nachruf: „Dem Filmmuseum Potsdam hat Egon Günther über Jahre die Treue gehalten, war Gast, Laudator, kritischer Gesprächspartner. Sein äußerliches Markenzeichen blieb die Jeansjacke, gleichsam das nach außen gekehrte Innere eines aufmüpfig jungen Geistes. Eine Szene seiner Arbeit: 1994 probte er mit Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „King Lear“. Er las, er schwieg laut, er dirigierte, er spielte an. Geprobt und gedreht wurde im kleinen Atelier des ehemaligen Dokumentarfilmstudios in Alt Nowawes. Der Darsteller des Lear war Rolf Ludwig, der langjährige Freund und einer seiner bevorzugten Schauspieler.

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Egon Günther mit Jutta Hoffmann bei den Dreharbeiten zu „Der Dritte“ Quelle: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“

Der gebürtige Schneeberger hatte Pädagogik, Germanistik und Philosophie in Leipzig studiert und war seit 1958 bei der DEFA beschäftigt. Ihn interessierte die Gegenwart in der DDR – und genau dieser kritische, bisweilen extravagante Blick auf das aktuelle Leben machte seine Filme für die Oberen zu Verbotsobjekten: „Wenn du groß bist, lieber Adam“ wurde gar nicht erst fertiggestellt, geriet in die Mühlen des 11. Plenums der SED 1965, „Abschied“ kurz nach seinem Kinostart nicht mehr aufgeführt. Nach „Die Schlüssel“ verlegte sich Egon Günther auf das scheinbar unverfängliche Genre der Literaturverfilmungen, drehte 1975 „Lotte in Weimar“ mit Lillie Palmer und weitere Filme, die sich Leben und Werk von Johann Wolfgang Goethe zuwenden: die Klassik als Flucht und Chance, Brücken zur Gegenwart zu bauen. 1977 dann der Austritt aus dem Verband der Film- und Fernsehschaffenden und ein Jahr später die Übersiedlung in die Bundesrepublik.

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Egon Günther (r.) mit Rolf Ludwig am Set von „Stein“ ©Filmmuseum Potsdam

Mit „Stein“ kehrte Egon Günther 1990 zur kriselnden DEFA zurück, wiederum mit dem überzeugenden Rolf Ludwig in der Hauptrolle. 1999 folgte sein letzter Spielfilm „Die Braut“ – und alles andere als nebenbei arbeitete er mit seinen Studenten an der HFF.

Im Rahmen der Film- und Veranstaltungsreihe „Junger Werther, neuer Werther“ zur Weimarer Klassik im Film vom 6. – 15. Oktober 2017 würdigt das Filmmuseum Potsdam Egon Günther. Er bleibt für uns unvergessen.

Filmtag mit Rolf Losansky

Am 15. September verstarb im Alter von 85 Jahren der Regisseur Rolf Losansky. Mehr als dreißig Jahre hat er Filme für Kinder und Jugendliche gedreht. „Ein Schneemann für Afrika“, „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „… verdammt, ich bin erwachsen!“ begeisterten ein großes Kinopublikum. Das Filmmuseum Potsdam lädt am 3. Dezember zu einem fröhlichen Beisammensein mit Weggefährten, Freunden und der Familie ein.

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Regisseur Rolf Losansky mit Andreas Bieber und Marlene Marlow 2013 in Langerwisch, wo „Hans im Glück“ entstand. Foto: Boris Trenkel

Für Kinder läuft um
14:30 Uhr  „WIE MAN EINE KUH REITET“
Making Of „Hans im Glück”, 1999, Dok., R: Konstanze Weidhaas, ORB
15:00 Uhr  HANS IM GLÜCK, 1998,
Regie: Rolf Losansky
Die erfrischende Filmadaption des gleichnamigen Grimm-Märchens war Rolf Losanskys letzte abendfüllende Regiearbeit.

 

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Filmszene aus „Abschiedsdisco“  Quelle: Ost-Film

17:00 Uhr  „ABSCHIEDSDISCO“
Regie: Rolf Losansky, 1990, Darsteller: Holger Kubisch, Jaecki Schwarz
Inhalt: Henning ist erst fünfzehn Jahre alt, als seine erste Freundin stirbt. Um in Ruhe zu trauern, besucht er seinen Großvater, der als einer der letzten am Rande eines Braunkohlegebietes lebt, wo Bagger die Landschaft immer weiter abtragen. Henning durchstreift die verlassene Gegend und begegnet verlorenen Gestalten. Nachdenklich studiert er die sterbende Umgebung und pflanzt am Ende symbolisch einen Baum.

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Holger Kubisch als Henning in »Abschiedsdico“. Quelle: Ost-Film

Den Stoff wollte Rolf Losansky bereits 1983 verfilmen, doch wurde das Szenarium wurde durch die Hauptverwaltung Film abgelehnt. Hintergrund: Die ökologischen wie auch sozialen Auswirkungen des Braunkohlentagebaus galten lange als Tabu.  Auch 1986 konnte Rolf Losansky das  vorgelegte Drehbuch nicht realisieren.  Abschiedsdisco gehörte zu einer Reihe von Filmen, die nach längerer Verbotszeit im Jahr 1989 umgesetzt werden durften. „Damit war natürlich die Brisanz verpufft“, sagte der Regisseur in einem Interview später.

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall
14467 Potsdam
Tel: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Adé, lieber Rolf Losansky. Dein „Schulgespenst“ wird immer weiter fliegen

Er wollte nicht, dass Tränen fließen. Er wollte keinem Schmerz bereiten. Und so hat er, so gut es eben ging, halbseitig gelähmt, dem Sprechen nicht mehr mächtig, seine Späße gemacht, wenn man zu Besuch war. Er vermochte es, einem die Traurigkeit zu nehmen, die einen beschlich, und zum Lachen zu bringen.

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Rolf Losansky 1977 bei Dreharbeiten 

Rolf Losansky, dieser große Menschenfreund und Regisseur, für den Filme machen für Kinder- und Jugendliche eine Herzenssache war, starb am 15. September 2016 an den Folgen eines schweren Schlaganfalls, den er drei Jahre zuvor erlitten hatte . Am 6. Oktober fand der 85-Jährige in dem wildromantischen Friedhofsgarten von Bornstedt seine letzte Ruhestätte,  zwischen riesigen Eichen, alten Eiben und verholztem alten Efeu. Schon der Schriftsteller Theodor Fontane empfand diesen Ort als Paradies. Er schrieb: „Was in Sanssouci stirbt, wird in Bornstedt begraben.”

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Danka Losansky und seine Schwester Doris (r.) nehmen Abschied 

Groß war die Zahl derer, die sich an diesem traurigen Tag von Rolf Losansky verabschiedeten. Und es weinte nicht nur der Himmel. In der Kapelle gedachten fast 200 Trauernde dem Vater, Bruder, Freund, Kollegen. Die weiße Urne auf der Stele umgab ein Meer aus bunten Herbstblumen, gelben, roten, weißen Gerbera, Chrysanthemen, Sonnenblumen, Rosen und Lilien. „Danke, es war schön mit dir“, darunter die Skizze eines weinenden Mädchens, schickt ihm seine Tochter Danka auf einer weißen Schleife mit auf die Reise.

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Autorin und Freundin Christa Kozik mit ihrer Mini-Litfaßsäule 

Dieser Gedanke vereinte die Anwesenden. Kinderbuchautorin Christa Kozik, von der   einige seiner schönsten Filmgeschichten stammen, wie „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „Ein Schneemann für Afrika“, hatte dem Freund als Grabbeigabe eine kleine Litfaßsäule gebastelt und dahin all ihre guten Wünsche für ihn in dem anderen Leben getan. Gojko Mitic, sein Indianerhäuptling aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“, verneigte sich ebenso wie die Schauspieler Wolfgang Winkler, der Smutje der MS Wismar auf der Reise nach Afrika, und Ernst-Georg Schwill. Er spielte in Losanskys erstem Erfolgsfilm „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ die Rolle des hilfsbereiten Hauptwachmeisters Löffelholz.

„Mit seiner unkomplizierten Herzlichkeit, seinem Schnurrbart und seiner Nickelbrille war Rolf Losansky wie eine Figur aus seinen Filmen. Trotz aller Erfolge, Auszeichnungen und Preise war er vollkommen uneitel. Für ihn waren seine Filmkinder die Stars. Er trat hinter seine Geschichten zurück, in denen er Kindheit und Kinder nie idealisierte. Er wusste um die Bedrängnisse Heranwachsender, ihre Einsamkeit, Überforderung. Er verschloss nicht die Augen vor ihren Ängsten und Nöten und erinnerte uns daran, genau hinzusehen, uns ihnen zuzuwenden, so wie er sich immer um andere gekümmert hat. Er gab mehr als er vom Leben bekam“, hob Filmjournalist Knut Elstermann in seiner Trauerrede hervor.

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Zu fast all seinen Filmkindern hielt der Regisseur wie ein Vater Kontakt. Einige von ihnen waren gekommen: Schauspielerin Julia Jäger, die zusammen mit Dirk Müller als Moritz ihre erste Rollen in dem philosophisch-poetischen Film „Moritz in der Litfaßsäule“ spielte. Frank Träger, der Träumer Alex aus dem „Langen Ritt zur Schule“, ist KfZ-Mechaniker geworden, Ralf Schlösser, einst Kinderdarsteller in Rolf Losanskys Filmen „Blumen für den Mann im Mond“ und „…verdammt, ich bin erwachsen“, arbeitet als Schauspieler und Regisseur. Mit ihm und hundert Erkner Kindern hat Rolf Losansky 2011/12 sein letztes Filmprojekt „Wer küsst Dornröschen“ realisiert.

Zwei Minuten läuteten die Glocken der berühmten Persius-Kirche vor der letzten Zeremonie, der Aussegnung durch Pfarrer Friedhelm Wizisla. Vielleicht ist es ein Trost, daran zu denken, dass Rolf Losanskys Filme bleiben, dass noch viele Generationen mit seinem menschenfreundlichen Werk aufwachsen.

Zum Tod von Rolf Losansky: Sein Herz schlug für die Kinder

Wer ihn kannte und mochte, wünschte, er wäre nach seinem schweren Schlaganfall im Juli 2013 wieder auf die Beine gekommen und hätte das tun können, was ihm immer das Liebste gewesen war: Mit seinen wunderbaren Filmen zu Kindern reisen, sich ihren Fragen stellen und hören, was sie denken – über die Knirpse aus dem Kinderheim, die sich auf die Suche nach dem Dieb des „Wunderbunten Vögelchens“ machen, über „Moritz in der Litfaßsäule“ oder über Alex, der sich in seiner Phantasie jeden Tag als Indianer auf den „Langen Weg zur Schule“ begibt.

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Mai 2015. Regisseur Rolf Losansky (l.) mit seinen Darstellern Gojko Mitic und Frank Träger aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“

Die Aussicht war gering. Sein Sprachzentrum war schwer geschädigt, eine rechtsseitige Lähmung zwang den unermüdlich rotierenden Kinderfilm-Regisseur in den Rollstuhl. Doch er hat gekämpft, wollte es zwingen. Das verrieten mir seine Augen, als ich ihn vor ein paar Monaten besucht habe. Dieser Tage wollte ich wieder zu ihm nach Potsdam fahren. Zu spät. Gestern früh, am 15. September, hat Rolf Losansky aufgehört zu kämpfen. Vor drei Wochen war eine Gesichtsrose bei dem 85-Jährigen ausgebrochen. „Sie war sehr schmerzhaft, ich musste Papa ins Krankenhaus bringen. Zum Schluss wollte er nicht mehr“, erfahre ich von seiner Tochter Danka. „Drei Tage saß ich an seinem Bett, hielt seine Hand, als er ging“, sagt sie und: „Es tut sehr weh, aber es ist jetzt gut so.“

„Er war ein Kämpfer, warmherzig, immer fröhlich, manchmal auch mufflig, aber nie böse. Er ging freundlich mit den Menschen um, sogar mit seinen Neidern“, beschreibt sie ihren Vater, den seine DEFA-Kollegen, Schauspieler, Filmkinder und Freunde genau so in Erinnerung behalten werden. Wenn er mir von seinen Dreharbeiten erzählte, schwang darin immer eine Verschmitztheit und Komik mit, die – neben der großen Nachdenklichkeit – auch in seinen Filmen zu spüren ist. Rolf Losansky hat sich den Träumen, Sehnsüchten und Sorgen der Kinder angenommen, ihren Alltag in seinen Geschichten trickreich mit phantastischen Elementen verwoben, sodass Lehrreiches nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkam.

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Szene aus dem Film „Das Schulgespenst“ 1986

Seine Filme sind Gegenwartsmärchen, die mit einer komödiantischen, ironischen Erzählweise begeistern. „Das Schulgespenst“ (1986), „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) oder „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) haben in ihrer Thematik nichts an Aktualität verloren. „Ich habe 23 Spielfilme für Kinder gemacht“, erzählte er mir einmal. „Wenn ich sie heute zeige und die Kinder Zugabe rufen, weiß ich, dass ich es richtig gemacht habe. Kinder sind sehr kritisch. Sie sind ehrlich. Sie heucheln keine Begeisterung.“ Nie waren ihm ihre Fragen zuviel.

Nach der Wende hat er noch drei Filme gedreht, 1992 „Zirri – das Wolkenschaf“, 1993 „Friedrich und der verzauberte Einbrecher“ (gespielt von Rufus Beck) und 1998 die Märchenverfilmung „Hans im Glück“.

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Im Juni 2013 mit Andreas Bieber und Marlene Marlow, Hauptdarsteller in Losanskys Märchenfilm „Hans im Glück“

Persönliche Schicksalsschläge nahmen ihm die Kraft. Der ungeklärte Tod seines Sohnes, der Kapitän eines Containerschiffes war und im Bermuda Dreieck ums Leben kam, brach ihm das Herz. Posttraumatische Erinnerungen aus seiner Kindheit machten ihm zu schaffen. „Ich komme aus Frankfurt/Oder von der polnischen Seite, habe sowohl Panzerangriffe erlebt als auch schwere russische und amerikanische Bombenangriffe in Augsburg, wohin wir geflohen waren. Ich kann heute noch in keinen kleinen Keller gehen. Mit der Kraft der Jugend konnte ich die Bilder von Leichen, an denen ich vorbei gerannt bin, verdrängen. Je älter ich werde, desto häufiger suchen sie mich heim“, erzählte er in unserem ersten Interview. Als Berater und Mentor arbeitete er dann mit jungen Regisseuren. Er wollte in ihnen das Feuer wecken, das noch immer in ihm loderte. So wie die Altmeister der Regie Martin Hellberg, Kurt Maetzig und Andrew Thorndike in den 50er und 60er Jahren dieses Feuer in ihm entfacht hatten.

losanskyRolf Losansky ist auf Umwegen Regisseur geworden. Am 18. Februar 1931 als Sohn eines Schriftsetzers und einer Krankenschwester geboren, lernte er nach der Schule zunächst Buchdrucker. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät, studierte dann drei Semester Medizin, bevor ihn als 24-Jährigen „der Virus Film mit Haut und Haaren fraß“. Seine erste Regie-Assistenz bekam er bei DEFA-Regisseur Frank Beyer bei den Dreharbeiten für den Film „Königskinder“ mit Annekathrin Bürger und Armin Mueller-Stahl in den Hauptrollen. Mit seinem aufmerksamen Blick ersparte er dem Regisseur damals eine große Peinlichkeit und der DEFA hohe Kosten, hätte man den Fehler erst beim Schnitt entdeckt.  Im Atelier wurde eine Flugszene simuliert. Dazu ließ man hinter den Fenstern der Flugzeugattrappe auf einer Leinwand Wolken vorbeiziehen. Frank Beyer konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Schauspieler und übersah, dass die Wolken das Flugzeug überholten. Rolf Losansky, der später dazu kam, erfasste das mit einem Blick und rief: „Kamera aus!“ Man hatte den Film falsch herum eingelegt. „Das war so ein Tag, an dem man als Regie-Assistent abends zufrieden ins Bett geht. Und ich brannte darauf, bald selbst so ein Leben erzählen zu können“, erinnerte er sich beim Erzählen dieser Episode.

img_3885Als Regie-Assistent suchte er für den Film „Nackt unter Wölfen“ die Kinderdarsteller aus und merkte, dass ihm die Arbeit mit Kindern lag und Spaß machte. Seine Frau Annelore, die Liebe seines Lebens, brachte ihn auf die Idee, Filme für Kinder und Jugendliche zu drehen. Sie waren 35 Jahre glücklich verheiratet, als sie 1991 starb. „Sie war Lehrerin und hielt unsere Familie in Schwung“, erzählt Danka.  1963 drehte er dann mit dem Abenteuerfilm „Geheimnis der 17“ seinen ersten eigenen Kinderfilm und noch im selben Jahr dreht er mit der „Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ seinen ersten Erfolgsfilm.
Der Abschied von Rolf Losansky fällt schwer. Ich hoffe sehr, dass seine Filme, die er am Leben erhalten hat, nicht vergessen werden.

Günter Meyer: Die Abenteuer seines Lebens

Wer ist Günter Meyer? Ein Mann mit einem Allerweltsnamen. Setzt man jedoch das Wort Regisseur davor, spuckt Google eine interessante Biografie aus und eine lange Filmliste. Zugegeben, ich hatte ihn – wie wohl viele Leser dieses Beitrags – nicht auf dem Schirm, seine TV-Serien „Spuk unterm Riesenrad“, „Spuk im Hochhaus“ und „Spuk von draußen“ allerdings schon. Die haben mich genauso gefesselt wie Millionen andere in den 70-er und 80-er Jahren. Inzwischen sind sie zum Kult avanciert. Und das brachte mich auch in persönlichen Kontakt mit Günter Meyer, dem Regisseur. Das erste Mal 2013, als ich für die Leser der SUPERillu herausfinden wollte, wie der Spuk unters Riesenrad kam.

Mit meiner Bitte stieß ich bei ihm auf offene Ohren und einen unendlichen Fundus an abenteuerlichen Begebenheiten, die er von den Dreharbeiten zu erzählen wusste. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem Fisch, den der Riese im Mund hat, als er aus der Spree auftaucht. Für Schauspieler Stefan Lisewski eine Tortur. Meyer erzählt die Episode in seinem warmen Timbre in der Stimme und erzgebirgischem Akzent. Auch nach 50 Jahren Aufenthalt in Berlin hat sich der nicht verwischt.

Spuk unterm Riesenrad
Das Riesenrad im Berliner Plänterwald war der Ausgangspunkt für die TV-Serie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort traf ich mich mit Regisseur Günter Meyer und den Darsteller Katrin Raukopf (Keks), Stefan Lisewski (Riese) und Henning Lehmbäcker (Tammi). Foto: Boris Trenkel

Und so war das: „Der Requisiteur, ein netter Kerl, hatte den präparierten Fisch in der Werkstatt im Filmstudio Babelsberg versehentlich liegen gelassen. Nur die Gräte – aus Zucker – befand sich bei den Requisiten, die wir an dem Tag brauchten. Er bastelte einen Ersatzfisch aus Pappe. Ich sagte, das geht so nicht, das sieht man. Er besorgte einen echten Fisch. Wir schnitten den Kopf ab und Stefan steckte ihn in den Mund. Er kaute darauf herum, dann kam ein Schnitt, und er hatte nun die süße Gräte im Mund.“ Was sich dann zutrug, kann sich jeder vorstellen. Kaum hatte Günter Meyer die Einstellung mit dem üblichen Ruf „Gestorben“ beendet, kotzte Lisewski wie ein Reiher.

Von seinem Vergnügen, Filme zu drehen – Kinderfilme zu drehen– und mancher Hürde dabei, hat der 75-Jährige ein Buch geschrieben, „Die Geister, die ich rief…“ (DEFA-Stiftung, 2011). Günter Meyer gehörte wie Rolf Losansky („Moritz in der Litfaßsäule“, „Ein Schneemann für Afrika“), Walter Beck („König Drosselbart“, „Käuzchenkuhle“), Siegfried Hartmann („Das Feuerzeug“, „Hatifa“) und Hans Kratzert („Hans Röckle und der Teufel“, „Ottokar der Weltverbesserer“) zu den wichtigen DDR-Regisseuren, die sich dem Kinderfilm verschrieben hatten. Wenn man sich mit ihm unterhält, er über die Dreharbeiten an diesem oder jenem Film spricht, wird eins ganz deutlich: Er nahm es sehr genau. Schon als junger Regisseur teilte er die Haltung „Das versendet sich“ manch „alter“ Hasen nicht.

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Verschmitzt guckt er in die Kamera von Fotograf Nikola Kuzmanic

„Meine Regieziele waren nicht Bildschirm oder Leinwand, sondern der Film und sein Publikum. In meinen Augen lohnt es sich, einen Kinder- oder Jugendfilm so zu machen, dass man ihn auch in zwanzig Jahren noch mit Vergnügen ansehen kann.“ Und das ist ihm gelungen. Ob es die „Spuk“-Filme sind, das Abenteuer „Kai aus der Kiste“ nach Wolf Durians gleichnamigem Buch oder die beiden spannenden Märchenkrimis „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“ und „Der Dolch des Batu Khan“.

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Regisseur Günter Meyer gratuliert Friedrich Linder, der während der Dreharbeiten zu „Spuk am Tor der Zeit“ 13 Jahre geworden ist. Foto privat

Seine Filmlaufbahn begann der Absolvent der Filmhochschule Babelsberg 1965 als Regie-Assistent im DEFA-Spielfilmstudio. Weil sich eigene Projekte immer wieder zerschlugen, nahm er 1969 das Angebot des DEFA-Dokumentarfilmstudios an, als Regisseur Dokumentarfilme für Kinder zu machen. „Wenn ich die Themen meiner ersten dokumentarischen Filme wie auch der Spielfilme für Kinder Revue passieren lasse, merke ich heute noch deutlich, dass es einer meiner ersten Berufswünsche war, Lehrer zu werden. Fast alle Filme sind mit einem dezent erhobenen pädagogischen Zeigefinger gedreht, der in ein buntes, fantastisch-märchenhaftes Kostüm gehüllt ist.“

Eine verantwortungsbewusste Kunst für Kinder, eine Kunst für Menschen also, die in eine Welt hineinwachsen, die sie verstehen und zu bewältigen lernen müssen – und wollen –, kann sich ihrer erzieherischen Funktion nicht entziehen. Walter Beck, der sich mit der Kinderfilmkunst sehr beschäftigt, formuliert in seinem autobiografischen Kaleidoskop „Mär und mehr“: „Unsere Zuschauer sollen … ihre ureigene mitschöpferische Rolle erkennen in unseren Filmen… Erstrebenswerte Wirkung unserer Kunst ist jene, dass Kinder durch unsere Filme den Begriff der fließenden, alles verändernden Zeit zu fassen kriegen, und sei es nur an einem Zipfel. Wer den heute festhält, zieht morgen mehr vom Ganzen an sich heran.“

Glück, Mut, Respekt vor anderer Leute Arbeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit – ethisch-moralische Fragen, die das Werte-Bild der Kinder prägen, wollte Günter Meyer mit seinen Filmen ins Bewusstsein der jungen Zuschauer rücken. Immer natürlich aus dem Blickwinkel heraus, dass sie Spaß daran haben, dass die Filme ihnen spannende Unterhaltung sind, dass sie mit ihren Helden mitleben. Günter Meyer selbst ist jemand, der sich von Klein auf zu Märchenhaftem, Unwahrscheinlichem hingezogen fühlt, der seine blühende Fantasie als Erwachsener in seinen Filmen umsetzte. Figuren aus der Märchen- und Sagenwelt geraten bei ihm in die Jetztzeit, Menschen aus Gemälden werden lebendig oder umgedreht reisen Kinder von heute in die Fantasiewelt.

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Günter Meyer (r.) mit Katja Paryla und Heinz Rennhack – sie spielten die verfluchten Wirtsleute – bei den Dreharbeiten für die Serie „Spuk im Hochhaus“ 1982 in Berlin (Repro)

Die Eintrittskarte in diese herrliche bunte Märchenwelt war für ihn das Regieangebot für die siebenteilige Serie „Spuk unterm Riesenrad“. „Ich war 30, als die fantastischen Abenteuer meiner Kinderträume plötzlich Wirklichkeit werden sollten“, erinnert er sich heute, über viereinhalb Jahrzehnte später. „Im Szenarium von C.U. Wiesner, einem Starautor der Satire-Zeitschrift Eulenspiegel fand ich alle Zutaten, die einen wirkungsvollen Familienfilm ausmachen: Eine spannende, aber einfach gebauten Story, drei sympathische Kinderfiguren mit witzigen Sprüchen, drei Märchenfiguren, die das Hier und Heute ordentlich durcheinander wirbeln. Und natürlich Geheimgänge und Verliese auf einer alten Burg, Zaubertricks und Spukszenen.“

Günter Meyers Publikum geht mit ihm auf Entdeckungsreise. Leider werden viele seiner spannenden und abenteuerlichen Filme, gerade auch die Kinderdokumentarfilme, nicht mehr gezeigt, wie „Die verschwundene Burg“ (1980), eine Geschichte über die Ritter des Mittelalters. Oder „Unterm Pflaster von Berlin“ (1984), eine Reportage über die Kanalisation der Millionenstadt. Die Kamera begleitet die Arbeiter hinunter in die Gewölbe der Kanalisation und berichtet von ihrer Arbeit. Heute, wo Gewalt in den Schulen fast an der Tagesordnung ist, bei kleinsten Konflikten gehen Schüler aufeinander los, könnte Günter Meyers erster Spielfilm „Die Squaw Tschapajews“ ihnen zeigen, dass es auch anders geht. Zwei Schulklassen müssen Punkte sammeln, um eine Ostsee-Reise zu gewinnen. In der einen Klasse aber gibt es zwei rivalisierende Gruppen. Nur wenn die Anführer ihren Zwist beiseitelegen, haben sie eine Chance auf den Sieg.

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Über wichtige Jahre seiner eigenen Kindheit erzählt der 1940 im erzgebirgischen Thum geborene Wahlberliner in seinem Roman-Erstling „Die Männer meiner Mutter“ (Edition Freiberg, 2015). Mit Humor spiegelt er aus der Sicht des zwölfjährigen Werner die Nachkriegsjahre 1945 bis 1949 in seiner Heimatstadt im Erzgebirge.
Kurz nach seinem 75. Geburtstag am 25. November letzten Jahres besuchte ich ihn für ein Interview.

Gespräch mit Günter Meyer 

Alter im Spiegel der Zeit, die dahin rast – 50, 60, 70, 75. Meine Großmutter war für mich schon mit 50 alt, mit 75 waren die Leute früher Greise.  Bei der Betrachtung des eigenen Alters betrügt einen die Empfindung ja meistens. Wie sehen Sie sich?
Für mich gilt das auch. Von ‚innen‘ gucke ich raus, als wäre ich 50, aber der Körper zeigt mir schon immer, dass ich 75 bin, wenn er mich, z.B. beim Toben mit den Enkeln altersgemäß ausbremst. Wobei ich seit meinem Unfall 1995 ohnehin Probleme beim Laufen habe.

Der Unfall war ein Frontalzusammenstoß auf einer Landstraße, verursacht von drei betrunkenen Jugendlichen. Dass Sie überlebt haben, grenzt an ein Wunder.
Ja, ich bin den Ärzten sehr dankbar, dass Sie sich so viel Mühe gegeben haben, damit meine Frau und ich nicht im Rollstuhl landen. Es passierte auf einer einspurigen Landstraße bei Magdeburg. Die Jungs auf der Gegenspur rasten beim Überholen mit 150 Sachen auf uns zu. Es blieb uns nicht mal Zeit, um Angst zu haben.

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Das Kamerateam und der Regisseur

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Zuerst hatte ich den Eindruck, mein Leben ist zu Ende. Ich lag ein Vierteljahr im Bett, ich konnte nicht aufstehen, nicht mal einen Stift halten anfangs. Danach bekam vieles eine ganz andere Wertigkeit, es war ja für mich und auch meine Frau wie ein geschenktes zweites Leben. Ich habe meine Vergegenständlichung in der Kunst zurückgefahren. Nicht mehr die Arbeit und der Beruf, sondern die Familie wurde zum Lebensmittelpunkt.

 Im Oktober hatten Sie und ihre Frau Heide Messinghochzeit, das sind 45 Ehejahre. Eine lange Liebe.
Sie ist noch länger. Wir lernten uns 1963 Jahren auf einem Zeltplatz an der Ostsee in Altenkirchen kennen. 1970 haben wir geheiratet. Meine Frau ist promovierte Soziologin. Sie arbeitete an der Bauakademie der DDR. Da wir beide beruflich stark engagiert waren, haben wir Haushalt und Kinderbetreuung als ‚Gemeinschaftsprojekt‘ angesehen. Wenn sie auf Dienstreise war, habe ich es so eingerichtet, dass ich zu Hause an Drehbüchern oder Stoffentwicklungen gearbeitet habe, sozusagen gelebte Gleichberechtigung.

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Günter Meyer und seine Frau Heide sind seit 52 Jahren zusammen. Foto Nikola Kuzmanic

 Sie lagen über 100 Tage im Krankenhaus. Kriegt man da nicht einen Koller?
Meine Tochter Katrin hat mir einen Laptop gekauft. Der lag auf meinem Bauch, und ich habe über das Geschehen im Krankenhaus Tagebuch geführt. Wenn ich das jetzt so nachlese, schwingt viel Bitterkeit mit, auch über manche Situationen mit Ärzten und Pflegern. Es war aber auch eine Therapie für mich, mir Frust und Ärger von der Seele zu schreiben. Viel half natürlich, dass ich jeden Tag Besuch hatte. Meine Familie, Kollegen vom rbb-Fernsehen und vor allem C.U. Wiesner, mit dem ich die „Spuk“-Geschichten erfunden habe, standen mir sehr zur Seite. Ich habe im Krankenbett das Drehbuch für „Spuk aus der Gruft“ geschrieben.

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Das Dreamteam der „Spuk“-Filme Günter Meyer und C. U. Wiesner. Foto: André Kowalski

Die „Spuk“-Filme sind immer noch sehr beliebt.
Ulli Wiesner und ich hätten 1979 nach „Spuk unterm Riesenrad“ nicht vermutet, dass diese Geschichten eine solche Popularität, ein solches Eigenleben entwickeln. Bei Drehbeginn der einen Serie haben wir schon mit dem Schreiben des nächsten „Spuks“ begonnen. Manchmal gab’s mit der neuen Idee Probleme, weil wir ja immer ein bisschen stichelten. Aber bei Kinderfilmen schaute die Leitung auch nicht so genau hin. Es machte uns Riesenspaß, satirische Spitzen über die reale Wirklichkeit, in der wir lebten, mit Gags noch ein bisschen aufzuziegeln. Zum Beispiel werden die Geister auf dem Alex von Männern in schwarzen Lederjacken beobachtet. Bei der Abnahme fingen Katja Paryla, die die Hexe gespielt hat, und Stefan Lisewski an der Stelle so zu lachen an, dass Wiesner und ich laut hüstelten, um die Abnahmekommission, in der Leute von der Kulturabteilung des ZK der SED saßen, abzulenken.

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Im brandenburgischen Stücken entstand „Spuk aus der Gruft“

Wie kamen Sie eigentlich zum Kinderfilm?
Das war nicht geplant. Ich wollte Krimis drehen. Meine Diplomarbeit an der Filmhochschule habe ich über die Figur der DDR-Agenten in den DEFA-Filmen „For Eyes Only“ und „Schwarzer Samt“ geschrieben. Nach vier Jahren als Regieassistent beim DEFA-Spielfilm bot mir das Dokumentarfilmstudio eine selbständige Regie an für einen Kurzfilm über Kinderzeichnungen. Er hieß „Immer lebe die Sonne“. Ich habe Kinder malen lassen, was sie interessiert. Wir stellten die Bilder auf der Straße aus und befragten Passanten dazu. Ich merkte, dass ich gut mit Kindern kann und sie mit mir, und dass es mir Spaß macht, Filme über und mit Kindern zu drehen. 1972 kam dann der erste Spielfilm, „Die Squaw Tschapajews“, den ich übrigens im Erzgebirge drehte.

Würden Sie heute wieder Kinderfilmregisseur werden?
Ja. Das Tolle an diesem Beruf ist, dass er so viele Möglichkeiten bietet. Als Kind habe ich mir ausgemalt, wie es wäre, unsichtbar zu sein oder einen fliegenden Teppich zu haben. Ich habe kleine Geschichten erdacht, sie auf den Rechnungsblöcken meines Großvaters aufgeschrieben und meinem jüngeren Bruder erzählt. Mit dem Szenarium von C. U. Wiesner zu „Spuk unterm Riesenrad“ öffnete sich das Tor zu einer phantastischen Welt, die ich im Film zur Wirklichkeit werden lassen konnte. Das ist schon toll, wenn man sich als Erwachsener die Märchenträume seiner Kindheit erfüllen kann.

Wenn Sie so viel Freude dabei hatten, warum haben Sie 2005 aufgehört, Filme zu drehen?
Ich war 65 und dachte mir, dass ich mir mehr Zeit für die Enkel nehmen muss. Ich wollte mit ihnen erleben, wie sie die Welt entdecken. Das ist ja bei meinen eigenen Kindern durch die intensive Arbeit bei Film und Fernsehen etwas zu kurz gekommen. Deswegen genieße ich dieses Glück jetzt. Die familiären Bindungen zwischen uns sind sehr eng. Das hat uns meine Mutter vorgelebt.

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Mit seiner Mutter Margarete, die in der Serie „Spuk von draußen“ einen Knopf-Laden hatte. Foto: DEFA-Studio

Ihre Mutter war für Sie und Ihren Bruder die wichtigste Person, denn Ihr Vater kam aus dem Krieg nicht zurück. Sie muss eine kluge und warmherzige Frau gewesen sein, so wie Sie sie in Ihrem Buch „Die Männer meiner Mutter“ beschreiben.
Ja, das war sie. Meine Mutter hat uns Kinder ernst genommen, hat uns viele Freiheiten gelassen, aber mein Bruder und ich mussten natürlich kräftig zu Hause mit anpacken. Das haben wir, nicht immer freudig, ohne Murren gemacht, weil die Mutter uns leid tat ohne einen Mann, der ihr half.

Haben Sie noch eine Erinnerung an Ihren Vater?
Nur über meine Mutter, die das Bild vom Vater sehr emotional in uns wach gehalten hat. Mit Erzählungen, Bildern und später, nach ihrem Tod, erfuhr ich viel aus den Briefen, die sich die Eltern, fast täglich, während des Kriegs geschrieben haben. Meine Mutter trug sie immer bei sich, wenn wir bei Bombenalarm in den Keller mussten. Und so sind sie auch nicht mit unserem Haus verbrannt. Wir fanden immer, er war der beste Vater der Welt, dieses Bild hat sie in uns lebendig gehalten.

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Der zweijährige Günter mit seinem Vater Werner Meyer

Haben Sie einen Vater vermisst?
Nein, der Bruder meiner Mutter war für uns Vaterersatz. Und sein Bauernhof, in den er eingeheiratet hat, war für uns Kinder ein Freizeitparadies. Wir durften reiten, im Heu schlafen. Oder er ist mit uns nachts in den Wald gegangen, um mit uns die Sterne zu beobachten. So etwas mache ich heute auch mit den Enkeln, natürlich ohne den Bauernhof! Meine Mutter hat später noch einen guten Mann und Vater für uns gefunden. Er starb leider bald an Magenkrebs.

Als die Schulbehörde Ihnen 1954 den Besuch der Erweiterten Oberschule und damit das Abitur verweigerte, weil sie der Enkel eines „Ausbeuter“ waren – Ihr Großvater hatte bis zur Enteignung 1945 eine kleine Baufirma in Thum – ist Ihre Mutter mit Ihnen nach Berlin gefahren, zum Ministerium für Volksbildung.
Ja. Sie war eine Powerfrau. Ohne einen Termin zu haben, ist sie bis zum zuständigen Staatssekretär vorgedrungen, hat ihm mein Zeugnis der siebten Klasse auf den Tisch gelegt, und als wir wieder in Thum ankamen, war ich an der Oberschule aufgenommen.

Ihr Großvater sprach immer davon, dass nun „die Roten“ das Sagen haben. Wie sind Sie als Kind mit der Zwiespältigkeit zurechtgekommen, dass Sie zu Hause etwas anderes als in der Schule hörten?
Der Begriff „Rote“ war bei den ehemaligen „Honoratioren“ von Thum ein geflügeltes Wort. Ich habe nicht daran gezweifelt, dass es stimmt, was in der Schule gelehrt wurde. Aber mein Großvater war ein kleiner Bauunternehmer. Wenn er mir sagte, dass er seine Leute nicht ausgebeutet hat, habe ich ihm auch geglaubt. Ich ließ beides nebeneinander stehen, musste nur aufpassen, dass ich mich in der Schule nicht verplappere. Mit diesem ‚Zwiedenken‘ sind viele in der DDR aufgewachsen.

Filmregisseur Guenter Meyer
Der Regisseur Günter Meyer zeigt mir Bilder aus seiner Kindheit. Foto Nikola Kuzmanic

Und später, waren Sie ein Opportunist?
Nein. Ich habe den sozialistischen Weg für möglich gehalten. Für mich war es nur das falsche Personal, das an der politischen Spitze agierte. Gerade in der Kulturpolitik gab es vieles, das ich richtig fand: Dass man versucht hat, allen sozialen Schichten Theaterbesuche zu ermöglichen, die Menschen animierte, gute Literatur zu lesen. Jetzt kommen Theater und Bücher bei vielen gar nicht mehr an. Wir haben auch mit unseren Filmen immer versucht, eine Botschaft und, ja, Ideale zu vermitteln.

Wie ist Ihnen der Übergang in die neue Zeit gelungen? Viele Regisseure in Ihrem Alter – Sie waren 50 als alles anders wurde – bekamen keine Aufträge mehr.
Während der Umbruchzeit habe ich ständig gedreht, weil ich vorher einige Projekte bei der DEFA und beim Fernsehen angeschoben hatte, die fast parallel in Produktion gingen. 1989 habe ich den Film „Olle Hexe“ gedreht, der 1990 ins Kino kam, fast zur gleichen Zeit begannen die Vorbereitungen zur neunteiligen Serie „Sherlock Holmes und die sieben Zwerge“, eine der letzten Produktionen des DDR-Fernsehens. Dazwischen gab es noch zwei Dokumentarfilme, einen davon über den Troja-Ausgräber Heinrich Schliemann. 1992 habe ich dann mit Autor Andreas Püschel für den ORB, inzwischen rbb, die Kriminalreihe „Täter, Opfer, Polizei“ entwickelt, die heute noch läuft.

1993 drehten Sie die Serie „Die Trotzkis“, die damals einen „Aufstand“ ausgelöst hat. Sie sei eine Verhöhnung der DDR-Bürger.
Es war eine Comedy-Serie, vielleicht nicht in allen Punkten geglückt, aber auf die Idee für den Serienvorspann bin ich heute noch stolz: Eine DDR-Familie (mit Heinz Rennhack als Vater) sitzt auf dem Sofa, jeder beißt genüsslich in eine Banane und im Fernsehen brüllen die Nachrichten „Wir sind ein Volk“. Die „Bildzeitung“ hat damals eine heftige Kampagne gegen uns gestartet. Einen Medienangriff in so kompakter Form hatte ich noch nicht erlebt. Aber wir hatten sehr hohe Einschaltquoten – immer sechs, sieben Millionen Zuschauer.

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Bei den Dreharbeiten für „Kai aus der Kiste“ 1987. Links Christoph Zeller als Kai. Foto: Dieter Jaeger

Welche Jahre waren für Sie die besten?
Wenn ich drehen konnte, war es immer ‚die beste Zeit‘ für mich. Jeder Film, den ich gerade machte, war mein Favorit. In der DDR war es aber ein anderes Arbeiten. Da stand nicht der Kommerz dahinter, da ging es um Themen, in meinem Fall für Kinder: Ist es interessant für sie, kann man es attraktiv, bei mir oft lustig, erzählen und passt es auch politisch!

Welcher Ihrer eigenen Filme ist Ihr Lieblingsfilm?
Schwere Frage. Sicher gehört „Kai aus der Kiste“ dazu. „Spuk unterm Riesenrad“ ist die bekannteste Serie, aber mein Herz hängt an „Spuk von draußen“, nicht nur, weil er im Erzgebirge spielt. Der skurrile Opa Rodenwald und sein Geheimkeller begeisterten nicht nur Kinder. Da gibt es viele Szenen, die auch heute meinen fernsehgewöhnten Enkeln gefallen.

Guenter Meyer -30
Opa Rodenwald aus „Spuk von draußen“ ist ein Roboter. Das ist sein „echter“ Kopf

Die Geschichte im Erzgebirge anzusiedeln war Ihre Idee. Pflegen Sie noch die Traditionen Ihrer Heimat, da Sie ja seit 50 Jahren in Berlin leben?
Ja, natürlich. Weihnachten schmücke ich die Wohnung mit Engeln, Pyramiden, Bergleuten, Lichttürken, Räuchermännchen – dazu brauche ich fast eine Woche, so viele sind es inzwischen geworden. Ganz besonders wird die Heiligabend-Tradition bei uns gepflegt, so wie ich es aus meiner Kindheit kenne. Da gibt es das ‚Neinerlää‘, neun verschiedene Gerichte mit symbolischer Bedeutung: Bratwurst vom Schwein, damit man das ganze Jahr „Schwein hat“, Linsen fürs Kleingeld, Klöße fürs große Geld, Semmelmilch – in Milch eingeweichte Semmeln – für die sanfte schöne Haut der Frauen, Pilzsuppe und Heidelbeeren für die Gesundheit und Selleriesalat zur Stärkung der männlichen Potenz, dazu Salz und Brot. Meine Frau peppt die karge Mahlzeit für die Schwiegersöhne noch etwas auf, in dem sie Luft (Ente) und Wasser (Fisch) hinzufügt.

Essen spielt eine große Rolle in Ihrem Buch. Haben Sie Hunger gelitten?
Als Kinder hatten wir immer Hunger. Ich erinnere mich an Suppe aus Brennnesseln oder Mangold oder die ‚Fitzfädensuppe‘, da schwammen geriebene Kartoffelfädchen im Wasser. Gegen den faden Geschmack gab es viel Petersilie dazu. Toll in Erinnerung habe ich den Mohnkuchen meiner Großmutter. Der Belag war allerdings kein Mohn, sondern Kaffeesatz mit etwas Zucker. Da haben wir Kinder immer gierig zugelangt. Wenn ich sehe, was Menschen heute so an Essen wegwerfen, blutet mir das Herz.

Ihr Buch ist auch eine Hommage an die alleinstehenden Mütter der Nachkriegszeit.
Ja. Die Männergesellschaft hat mit dem Krieg den Karren in den Dreck gefahren und wer musste ihn wieder herausziehen? Millionen Frauen wie meine Mutter hielten ihre Familie über Wasser, sie haben ihre Kinder – meine Generation – großgezogen, ernährt, ihnen den fehlenden Vater ersetzt und dabei immer wieder auf eigene Wünsche verzichten müssen. Es war aber bei allen Schwierigkeiten auch eine Zeit, in der es viel Anrührendes gab, die Menschen haben sich geholfen. Es war – trotz allem – eine schöne Kindheit, wie man im Buch nachlesen kann.

In memorium DEFA-Legende Kurt Maetzig. Sein Prinzip hieß Wahrheit

Es gibt Menschen, die sollten, nein, dürften nie vergessen werden. Für das, was sie bewegt haben, für das, was sie wollten und dafür, dass sie einfach großartige Menschen waren. Für mich ist DEFA-Regisseur Kurt Maetzig so ein Mensch. Heute, am 25. Januar, wäre er 105 Jahre alt geworden. Insofern lichtet sich die Reihe derjenigen, die ihn kannten, denen sein Name noch etwas sagt oder die seine Filme gesehen haben. „Ehe im Schatten“, „Die Buntkarierten“ ,„Rat der Götter“, „Schlösser und Katen“ – die heute eigentlich wieder in den Geschichtsunterricht gehörten – oder sein zweiteiliges Epos über den kommunistischen Arbeiterführer Ernst Thälmann, das ihn in die Ecke eines Parteipropagandisten beförderte.

Ich habe all diese Filme als Zwölf-, Dreizehnjährige im Testprogramm des Deutschen Fernsehfunks gesehen, das jeden Tag mittags von halb zwei bis drei Uhr lief. Mit ihnen ging ich in eine Zeit, die ich nicht erlebt habe, die aber als jüngste Vergangenheit noch nah genug war, um mental in Beziehung mit dem Geschehen zu treten. Damals hätte ich nie vermutet, dass ich einmal den Mann, der sie gemacht hat, kennenlernen und ihm in Gesprächen näher kommen würde. Am 8. August 2012 ist Kurt Maetzig gestorben. Da war er 101 und ein halbes Jahr alt. Von einem Tag auf den anderen konnte er die Beine nicht mehr bewegen, war ans Bett gefesselt. Sein wacher Geist, der kurz zuvor noch in einem beweglichen Körper wohnte, konnte das nicht hinnehmen. Er schaltete die Lebensfunktionen ab.

Der Filmemacher Maetzig war ein Avantgardist, ein mehrfacher. „Einer muss immer der Erste sein“, sagte er mit der Weisheit des Alters. Bei ihm habe es sich aus den Umständen ergeben. Mit zwölf baute er sich sein erstes Radio, noch bevor es etwas zu empfangen gab. Erst nach Wochen tat sich etwas in dem Apparat. „Es rauschte, dann hörte ich wie eine Stimme meldete: Sie hören die erste Probesendung der Berliner Funkstunde. Ich holte mir bei der Post ein Abonnement und war der Radiohörer Nummer 1 in Berlin.“

Das erfuhr ich so nebenbei, als ich Kurt Maetzig 2008 zum ersten Mal besuchte. Er blieb Zeit seines Lebens ein Technik-Freak. Zum 90. Geburtstag schenkte die DEFA-Stiftung dem Mitgründer der international renommierten DDR-Filmstudios in Babelsberg eine Homepage. Er kaufte sich einen Computer und eroberte sich das Internet als Tor zur Welt, als Kommunikationsmittel. Das Wichtigste war ihm, immer den Durchblick im politischen und gesellschaftlichen Weltgeschehen zu haben.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Bambi-Premiere – Regisseur Kurt Maetzig erhielt 1948 für seinen Film „Ehe im Schatten“ den gerade ins Leben gerufenen Kinopreis der „Film-Revue“

Der Anlass für meinen Besuch damals war ein ganz besonderer. Die Verleihung des „Bambi“ feierte in dem Jahr 60. Geburtstag. Die Auszeichnung war 1948 von dem Karlsruher Verleger Karl Fritz und seiner Zeitschrift »Film-Revue« als Kinopreis ins Leben gerufen worden. In der Liste der Preisträger standen für das Jahr die Schauspieler Jean Marais und Marika Rökk. Den damals wichtigsten „Bambi“-Gewinner hatte man vergessen: den DEFA-Regisseur Kurt Maetzig. Sein Debütfilm „Ehe im Schatten“ war 1947 die erfolgreichste Kinoproduktion und 1948 zum besten deutschen Nachkriegsfilm gewählt worden. Der gerade 37-Jährige – und hier war er wieder Avantgardist – hat sich als erster deutscher Regisseur auf der Leinwand mit dem Antisemitismus und den Folgen der Nürnberger Rassengesetzen im „Dritten Reich“ auseinandergesetzt. „Ehe im Schatten“ ist die Geschichte des Schauspieler-Ehepaares Joachim Gottschalk und seiner jüdischen Frau Meta, das 1941 den Freitod wählten, statt ihre Liebe preiszugeben.

Geschehnisse, die auch mit Maetzigs Leben zu tun hatten. Seine Mutter war die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Hamburger Teehändlerfamilie. Die Eltern ließen sich scheiden, damit der Vater seinen Betrieb, eine Film-Kopieranstalt, nicht verliert. Der Sohn blieb bei der Mutter und konnte nicht verhindern, dass sie sich 1943 vergiftete, nachdem sie den Deportationsbescheid erhalten hatte. „Als ich 1945 zur DEFA kam, war nicht klar, dass ich Regisseur werde. Aber als die Novelle Es wird schon nicht so schlimm von Hans Schweikart auf meinem Schreibtisch lag, wusste ich, das muss ich selbst machen“, erinnerte sich der Sohn. Der Schauspieler und Regisseur Schweikart († 1975), in erster Ehe mit der jüdischen Schauspielerin Käthe Nevill verheiratet, geriet wie Maetzigs Eltern unter den Druck der Rassengesetze. Käthe Nevill wanderte nach Palästina aus. Den „Halbjuden“ Kurt Maetzig bewahrten seine Forschungen auf dem Gebiet der Filmtechnik und der Photochemie vor dem KZ, denn der Film war für die Nationalsozialisten zu einem wichtigen Instrument der ideologischen Manipulation des deutschen Volkes geworden, und seine Arbeiten wurden als wichtig angesehen.

Die Befreiung im Mai 1945 begrüßte Maetzig, der ein kleines Labor in Werder betrieb, zusammen mit 20 Zwangsarbeitern, zu denen er Kontakt bekommen hatte. „SS-Leute hatten vor meinem Labor einen Franzosen niedergeschlagen und liegen gelassen. Ich habe ihn reingeholt, in mein Bett gelegt und gesund gepflegt. Diese kleine Geste, die für mich selbstverständlich war, brachte mir das Vertrauen der Leute ein. Als die Rote Armee einrückte, versammelten wir uns in meiner Wohnung, und ich habe eine Flasche Wein aufgemacht, einen 1933er Chateau d’Yquem. Er war in dem Jahr gekeltert worden, in dem Hitler an die Macht kam. Ich hatte mir damals geschworen, die Flasche an dem Tag zu öffnen, an dem seine Macht zu Ende ist“, erzählte er.

Fortan ging es ihm um nichts mehr und nichts weniger als eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus, eine Welt, in der die Menschen Frieden haben. Er gehörte zu den Leuten, die das Ende als Anfang verstehen konnten. Nichts schien in dieser Zeit nach einem Krieg mit fast 70 Millionen Toten einleuchtender, als die Gesellschaft anders zu machen. Für diese Überzeugung, dieses Ideal trat er mit seinen Filmen an, wollte die gute Sache befördern. Kompromisslos sein in der Auseinandersetzung mit Vergangenem wie Gegenwärtigem. In einem Gespräch anlässlich seiner Ehrung mit dem DEFA-Stiftungspreis kurz vor seinem 100. Geburtstag resümierte er: „Wie meine Mutter immer sagte: Alles hat seine zwei bis 17 Seiten. Und wenn nicht 17, so ist doch zu erkennen, dass die Kunst fast immer mehrere Deutungen zulässt. Das sind ihre Schönheit und Stärke, aber auch die Quelle von Misshelligkeiten und Enttäuschungen. Mein Bestreben, mich immer der Wahrheit zu nähern und künstlerisch zu gestalten, war die feste Linie in meinen Planungen. Es ist nicht immer gelungen.“

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Kurt Maetzig 2006 zum 60-jährigen DEFA-Jubiläum mit Berlins OB Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Foto: Michael Handelmann

Sein gesellschaftskritischer Film „Das Kaninchen bin ich“, wanderte 1965 wie viele andere DEFA-Produktionen dieses Jahres als „staatsfeindlich“ in den Giftschrank. Zwei Jahre später kam „Das Mädchen auf dem Brett“ in die Kinos, in seinen Augen der ehrlichste Film in der nachfolgenden Zeit der Kompromisse. Ausnahme vielleicht „Januskopf“ mit Armin Mueller-Stahl, der die aktuellen Probleme der Humangenetik visionär vorwegnahm. 1975 drehte Kurt Maetzig seinen letzten Film, nahm mit 65 Abschied von der DEFA, die jahrzehntelang seine Heimat war. Die ihm „mehr als das Land oder der Ort oder die Straße oder der familiäre Umkreis“ bedeutet hat. „Ich wollte keine Kompromisse mehr machen, die ja nicht weniger geworden wären.“ Ich fragte ihn, welchen Film er drehen würde, wenn er die Chance dazu hätte. „Ich würde Voltaires „Candide oder Der Optimismus“ verfilmen. Candide geht durch alle Schrecknisse der Welt, ausgerüstet mit den Lehren seines Lehrers Pangloss, der ihm gesagt hat: Es ist zwar schrecklich auf der Welt, es passieren überall furchtbare Sachen, aber es ist doch die bester aller Welten, die beste, die wir uns vorstellen können.“  Und so empfand es auch der Filmemacher Maetzig.

 Interview aus dem Jahr 2008.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Regisseur Prof. Kurt Maetzig am 26. 3. 2008 in seinem Haus. Foto: Boris Trenkel

Was war das Besondere an „Ehe im Schatten“? 
Die Aufführung des Films 1947 war ein kulturelles Ereignis ersten Ranges. Und das wurde auch dadurch unterstrichen, dass es der einzige und letzte deutsche Film war, der in allen vier Berliner Sektoren am selben Tag seine Uraufführung erlebte – am 3. Oktober 1947. Und er fand im Osten wie im Westen große Beachtung. „Ehe im Schatten“ ist der erste deutsche Film, der sich mit der Verfolgung der Juden in der Nazizeit beschäftigt hat. Und das in einer Form, die die verhärteten Herzen aufzuschließen vermochte. In Westdeutschland hat man das Thema überhaupt nicht aufgegriffen. Man hat es verscharrt. Weg damit, gar nicht daran denken. Und möglichst nicht darüber reden.

Wie reagierte das Kinopublikum?
Als der Film zu Ende war, blieben die Leute erschüttert sitzen. Tief betroffen und oft sehr erschüttert. Es gab keinen Beifall, es stand auch niemand auf, um wegzugehen. Es war minutenlang still – und ich weiß als Regisseur, wie lang eine Minute ist. Dann standen sie auf und verließen schweigend das Kino. Nicht nur in Berlin, auch in München und Hamburg, wo ich zu den Premieren war. Diese Erschütterung des Publikums war einmalig in dieser Zeit, in der große Depression herrschte, weil sich das, woran die Leute geglaubt hatten, nicht eingestellt hatte. Der Endsieg war nicht eingetroffen, das Hitlerreich zusammengebrochen. Und nun plötzlich ein so tiefes Erlebnis, ein so tiefer emotioneller Zugang zur Gegenposition zu dem, was sie zwölf Jahre von den Nazis gehört hatten. Das war eine enorme Sache.

Prof. Kurt Maetzig , erster Bambigewinner
Nach 60 Jahren darf ich ihm im Dezember 2008 eine Kopie seines ersten Bambis, das zerbrochen ist, seinem Haus in Wildkuhl überreichen. Foto: Boris Trenkel

Was empfanden Sie? 
Das hat die Presse natürlich registriert und gedeutet. Und es hat auch in mir Hoffnungen und vielleicht sogar Illusionen ausgelöst darüber, was die Kunst vermag. Ob sie tief eingewurzelte Vorurteile wie Antisemitismus zu überwinden vermag. Ich hatte mir gedacht, wenn das überall so ist – und das war überall so –, dass das Ansehen dieses Films eine solche Erschütterung auslöst, wird das auch in der Tiefe die Einstellung der Menschen zu Fragen wie Antisemitismus von Grund auf verändern. Es passierte nicht. Er kommt wieder. Eine Sache auszumerzen, die sich über tausend Jahre im deutschen Volk und auch anderen Völkern verwurzelt hat, ist nicht mit einem Film und auch nicht mit zehn guten Filmen zu leisten.

Glauben Sie heute noch, dass Kunst die Menschen beeinflussen kann?
Das war meine Überzeugung, die mich durch die Jahrzehnte meiner schöpferischen Tätigkeit geleitet hat. Dafür bin ich angetreten. Ich gehe nicht so weit, dass ich heute sage, Kunst hat überhaupt keine Wirkung. Ich glaube nach wie vor, dass eine solche verändernde Wirkung möglich ist. Doch ich schränke das jetzt sehr ein. Die Kunst wirkt tropfenweise über lange Strecken. Nicht so schnell, so direkt und so eindeutig, wie wir uns das gedacht und gewünscht haben. Es sind doch nur begrenzte Wirkungen.

Also hatten Sie sich – und alle, die daran glaubten – einer Illusion hingegeben? 
Es war eine Utopie, eine richtige Utopie. Eine, die danach drängt, sich zu verwirklichen. Sie bleibt ein Fernziel, dem man sich schrittweise nähern kann. Es als Illusion abzutun, würde ich nicht für richtig halten. Das wäre der Ausschlag des Pendels nach der anderen Seite. Alles Große, was die Menschheit geschaffen hat, begann als Utopie, wird angestrebt und schrittweise verwirklicht. Die Demokratie ist auch so eine Utopie. Das heutige System, das wir haben, schon als Demokratie zu bezeichnen, halte ich für übertrieben. Wahlen allein machen keine Demokratie. Die sind nur ein Schritt auf dem Weg.

Warum haben Sie „Ehe im Schatten“ gemacht?
Hans Schweikart, damals Intendant der Münchner Kammerspiele, schickte mir auf vier Schreibmaschinenseiten eine Erzählung, die der Abriss für den Film wurde. Als ich sie gelesen hatte, wusste ich sofort, ich muss diesen Film selbst machen, denn ich hatte im Familienkreis, auch im Kreise meiner Freunde ähnliche schreckliche Schicksale in allen Nuancen erlebt. Und dieses Gefühl: Das muss ich machen, war mein Antrieb.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Er war dem Leben und den Menschen zugetan. Foto: Boris Trenkel

Also war der Film für Sie die Verarbeitung der eigenen Familiengeschichte? Ihre Mutter war jüdischer Abstammung und nahm sich 1943 das Leben. 
Ja. Aber nehmen Sie bitte ernst, was im Vorspann des Films steht. „Dieser Film ist all denen gewidmet, die als Opfer fielen.“ Das sind die vielen jüdischen Opfer, aber nicht nur sie. Es ist ein antifaschistischer Film geworden. Mir war wichtig, dass das ein Film wird, der die beiden Gegenpole, die Faschisten auf der einen und die Opfer auf der anderen Seite, nicht als Extreme zeigt. Der Film beschränkt sich auf ein ganz kleines Spektrum von Menschen – Künstler, Intellektuelle. Mir hat sehr daran gelegen, das Thema der Judenverfolgung in Deutschland mit dem Opportunismus der bürgerlichen Intellektuellen zu verweben. Darum kommen immer wieder solche dummen Sprüche vor wie: „Es wird schon nicht so schlimm“. Und: „Das betrifft uns doch gar nicht…“ Statt gegen die Sache zu kämpfen, versuchte jeder, nur durchzukommen. Also reiner Opportunismus. Man konnte sich das Schrecklichste auch gar nicht vorstellen. Die Unterdrückung und schließlich Vernichtung der Juden vollzog sich in kleinen Schritten. Es kamen immer neue Gesetze. Und ich hörte: „Na ja, damit ist ja nun die äußerste Grenze erreicht. Nun kann nichts Schlimmes mehr passieren…“ Diese enge Verknüpfung des Opportunismus der Intellektuellen mit dem Thema der Judenverfolgung ist das, was ihn künstlerisch zur Tragödie macht. Diese eigene Mitschuld an dem, was passierte, ist keine Schuld im politischen Raum, keine Schuld, für die man jemand vor Gericht stellen könnte.

Sie waren 1933, als Hitler an die Macht gehievt wurde, 22 Jahre. Hatten Sie damals schon eine Ahnung, wohin dieser Weg führt?
Natürlich habe ich nicht von Anfang an gewusst, was Hitler uns bringt. Es hat sich mir stückweise entschleiert. Und ich habe die Nazizeit als ein Antifaschist erlebt und fest damit gerechnet, dass der Faschismus am Ende des Krieges besiegt sein wird. Ich habe immer darauf gehofft, dass das ganze Volk Hitler bekämpft, wenn es erkennt, welches Unheil er über die Welt bringt.

100. Geburtstag von Kurt Maetzig
Meine letzte persönliche Begegnung mit Kurt Maetzig bei der Gala anlässlich seines 100. Geburtstages im Filmmuseum Potsdam. Foto: Boris Trenkel

Das war sehr mutig.
Was ist Mut? Die Überwindung der Angst. Und ich hatte Angst. Ich habe sehr genau gewusst, wie gefährlich es ist, sich gegen Hitler zu stellen, und ich musste meine Angst überwinden. Ich habe mich damals in schwerster Situation auch an den deutschen Klassikern festgehalten. Bei Schiller habe ich in der „Vorrede zur Geschichte des Abfalls der Niederlande“ den Satz gefunden: „Groß und beruhigend ist der Gedanke, dass gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist. Dass der Widerstand eines ganzen Volkes auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, edelmütige Beharrung seine Hilfsquellen endlich erschöpfen kann.“ Solche Gedanken haben mich geleitet, dadurch bin ich Antifaschist geworden.

Sie haben sich dann mit Ihrer Kunst für den Sozialismus engagiert. Trifft es Sie, wenn man Sie als einen Propagandisten der DDR bezeichnet?
Nein, das trifft mich überhaupt nicht. Propaganda heißt ja nichts anderes, als eine Sache befördern wollen. Und die Ziele, die sich dieser Staat gestellt hat, waren auch meine Ziele. Was glauben Sie, was es für eine Erschütterung war, als wir 1956 von den stalinistischen Verbrechen erfuhren. Von den umgebrachten unschuldigen Menschen. Wie sollte man damit weiterleben? Da habe ich mich damals zu der Sicht durchgerungen: Das, was da geschehen ist, hat die Idee des Sozialismus beschmutzt, die Sache, der wir gedient haben, diskreditiert. Aber das Ziel, das wir erreichen wollen, eine Welt ohne Faschismus und Krieg, bleibt unbeschädigt. Es ist auch heute mein Ziel, nach wie vor gültig als Ideal. Es ging immer darum, eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus und Krieg zu haben. Und das hatte bis 1989 auch eine große Strahlwirkung auf Westdeutschland.

 

 

Václav Vorlíček – Der König der Märchenkomödien

Prag eine Sehnsucht, die mich nie losgelassen hat, seit ich in den Siebzigern zum ersten Mal über den Wenzelsplatz gelaufen bin, mit staunenden Augen durch die verschlungenen Gassen der Altstadt schlenderte und das Flair Jahrhunderte langen Lebens in mich aufnahm.

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Auf dem Altstädter Ring

Abends saß ich damals mit Freunden in einem kleinen, urigen Weinkeller, dessen Namen ich vergessen hatte, und den ich später auch nicht wieder fand. Im Gedächtnis behielt ich nur das vage Bild einer steilen Wendeltreppe, die in ein tief unten gelegenes Gewölbe führt. Das Internet half mir jetzt auf die Sprünge: U Stare Studny – Am alten Brunnen – heißt die unterirdische Weinstube, in die sich kaum ein Tourist verirrt. So versteckt liegt der Eingang zwischen zwei Schaufenstern auf der Mala Strana.

Inzwischen ist es auch schon wieder eine Ewigkeit her, dass mich ein Interview mit dem Regisseur des Märchenklassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“  fast drei Jahrzehnte später wieder in die „Goldene Stadt“ verschlug. Es war Ende November 2007, scheußliches Wetter. Der Wind fegte über die Karlsbrücke und uns Schneeregen ins Gesicht, als ich mich mit Václav Vorlíček traf. Wir kannten uns nicht, und doch erkannten wir uns sofort, als er vor dem Café Savoy an der Vítězná aus der Straßenbahn stieg. Ein eleganter älterer Herr, hochgewachsen, mit kariertem Hut und Lederjacke. Eine große Brille betont die tief dunkelbraunen Augen, die Freundlichkeit und Wärme ausstrahlen.

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Mit Vacláv Vorlíček auf der Karlsbrücke. Foto: Boris Trenkel

Siebenundsiebzig war er damals, wirkte jedoch weit jünger. Daran hat sich nichts geändert. Auch wenn er sich heute wegen eines Unfalls auf einen Stock stützt. Eine wunderbare Freundschaft entstand damals zwischen uns, der ich aufregende Begegnungen mit den Märchenhelden meiner Kindheit und hier nun zu lesende Geschichten verdanke. Ich lernte Marie Kyselková († 21. Januar 2019) und Josef Zíma kennen, Prinzessin Lada und Prinz Radovan aus meinem Lieblingsmärchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Für einen Beitrag zu seinem Film „Der Prinz und der Abendstern“  trommelte Václav Vorlíček für mich die Hauptdarsteller Zlata Adamovská, Julie Jurístová, Ivana Andrlová und Juraj Durdiak zusammen. Der „Prinz“ reiste extra aus dem 300 km entfernten Bratislava an, wo er lebt und ein Theater leitet.

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Ivana Andrlová und Juraj Durdiak mit ihrem „Vacek“ vor Schloss Ploskovice, das die Kulisse für das Märchen „Der Prinz und der Abendstern“ war. Foto: Jürgen Weyrich

Wenn „ihr Vácek“ sie braucht, sind seine Schauspieler zur Stelle. Verschieben Theaterproben oder nehmen sich von Großmutterpflichten ein paar Stunden frei. Das habe ich immer wieder erlebt. Nur eine fand nie Zeit. Libuše Šafránkova, seine „Popelka“, wie Aschenbrödel auf tschechisch heißt. Ich werde nie die Traurigkeit im Gesicht des alten Mannes vergessen, als sie zwei Minuten vor dem Termin ein versprochenes Interview zu seinem Film Wie ertränkt man Dr. Mràček – oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ absagte, in dem sie eine Hauptrolle spielte.

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1973 bei den Dreharbeiten für Aschenbrödel.

Vor 40 Jahren öffnete Václav Vorlíček der damals 19-Jährigen mit der Hauptrolle in seinem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ das Tor zu einer großen Karriere, verschaffte ihr eine bis heute andauernde internationale Popularität. Er mochte die hübsche Libuše Šafránkova, die reiten konnte wie der Teufel und ihn mit ihrem Talent und ihrer Natürlichkeit als perfekte Darstellerin für das arme, aber emanzipierte und freche Aschenbrödel überzeugte. Über all die Jahre hielten sie Kontakt. „Es waren immer fröhliche Gespräche, wenn wir uns getroffen haben“, erinnert er sich. Diese Freundschaft hat die Schauspielerin an jenem Tag im Juli 2013 zerstört. Wir sprachen nie wieder von ihr.

Als ich kurz vor Weihnachten mit Václav Vorlíček telefonierte, erzählte er, dass ihn eine norwegische Filmproduktion eingeladen hat. „Sie wollen ein Remake von meiner Popelka mit norwegischen Schauspielern drehen.“ Ihm hatte man die Regie angeboten. Er war skeptisch. Vor einigen Tagen nun rief ich ihn an, um zu hören, wie er ins neue Jahr gekommen ist und was er vorhat. Denn er ist immer auf der Suche nach neuen Filmstoffen. Neben seinem Bett stapeln sich links und rechts Bücherberge. Augenzwinkernd hat er mir mal verraten: „Irgendwoher muss ich meine Ideen ja nehmen.“ Und die führten bis jetzt zu fast hundert Filmen, Fernsehserien, Drehbüchern und Dokumentationen. Viele gewannen Preise, wurden ins Ausland verkauft wie die Parodie „Wer will Jessie töten? und das utopische Comedy-Abenteuer à la 007 „Exit-Agent W4C“, die dem damals Mittdreißiger internationales Ansehen bis in die USA einbrachten. „Ich habe das Glück, Filme machen zu können, die international verständlich sind“, erzählte er mir. Sein besonderes Talent.

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Im November 2007 durften Fotograf Boris Trenkel und ich Václav Vorlíček im Studio Barrandov besuchen, wo er gerade „Saxana und die Reise ins Märchenland“ produzierte

William Snyder, der bekannte amerikanische Filmproduzent, holte das Erfolgsduo Václav Vorlíček und Miloš Macourek – er war der Drehbuchautor – 1969 nach New York. Zwei Monate waren sie dort und arbeiteten an einem Remake von „Wer will Jessie töten“ in Farbe mit. Das Original war schwarzweiß. Dieser Reise erwuchs die verrückte Komödie „Sir, Sie sind eine Witwe!“, die wiederum ein Publikumserfolg wurde, auch international. Danach folgte die Märchenkomödie „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ mit der populären Sängerin Petra Černocká in der Titelrolle. Vacláv Vorlíček bewegte sich nun nach ganz oben auf der Liste der wichtigsten tschechischen Film- und Fernsehregisseure. Sein Meisterstück wurde 1973 Tři oříšky pro Popelku“ – „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Die Frage, in Amerika zu bleiben, stand für ihn damals übrigens nicht. „Ich hatte meine Frau und meine zwei Töchter in Prag, und Amerika ist nicht das Land für tschechische Patrioten.“ Davon ist er bis heute überzeugt, wenngleich der Sozialismus in der damaligen ČSSR nicht das Non-plus-Ultra seiner Lebensvorstellung war.

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Ich kann immer nur wieder staunen über die schier unerschöpfliche Kreativität dieses wunderbaren Menschen. Film, Fernsehen, Theater – Václav Vorlíček hat gut zu tun, als Regisseur und Autor.  Auch ist sein Urteil gefragt, wenn es um die Regiearbeit junger Filmemacher geht. Für das bevorstehende tschechische „Junior-Festival“ hat er ein volles Programm. „Ich muss mir über 50 Filme ansehen und meine Meinung dazu abgeben“, sagt er.  Das norwegische Angebot für die Regie des Remakes von „Popelka“ hat er nicht angenommen. „Ich müsste verrückt sein, noch mal einen Film zu drehen, den ich schon gemacht habe. Außerdem habe ich mir geschworen, nie wieder einen Film im Winter zu drehen. Sollen sie es machen, wie sie wollen. Aber es wird schwer sein, eine Cinderella wie Libuschka zu finden“, erklärt er. Und er weiß, wovon er spricht.

Es war  eisig als „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Januar/Februar 1973 in Svihov und Moritzburg gedreht wurde. Minus 17 Grad. Für Mensch und Tier unvorstellbare Strapazen. Um schnell fertig zu werden, ins Warme zu kommen, arbeitete er jeden Tag fast ohne Pause. „Ich hatte für den Notfall immer eine Rolle Kekse und eine Wurst in der Tasche“, erinnerte er sich in unserem Interview 2007. Anstrengung, unregelmäßiges Essen – er holte sich eine schwere Entzündung der Gallenblase. Nach seiner Operation stand für ihn fest, er wird nie wieder einen Film im Winter drehen.

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Václav Vorlíček produzierte die meisten der tschechischen Märchen. Foto: Boris Trenkel

Es hat seiner Karriere nicht geschadet.  Als ich ihn jetzt fragte, ob er manchmal ans Aufhören denke, schüttelte er nur den Kopf. Seit dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren sorgen die Töchter Katja und Suzanna dafür, dass sein Kühlschrank immer voll ist, seine Enkelin kümmert sich um den Haushalt des Großvaters. „Ich bin gut versorgt, mach dir keine Sorgen“, beruhigte er mich vor zwei Jahren nach seinem schweren Unfall. Ein Auto hatte ihn am Fußgängerüberweg überfahren. „An mir war kein Knochen heil. Aber der liebe Gott“, er lachte und zeigte mit dem Stock nach oben, als wir uns einige Monate später sahen, „hat noch keinen Platz für mich.“

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Szene aus „Saxana und die Reise ins Märchenland“

In den letzten Jahren hat er viel fürs  Fernsehen gearbeitet und nebenher die Fortsetzung der Fantasiegeschichte „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ gedreht. „Saxana und die Reise ins Märchenland“ kam 2011 ins Kino. Irgendwann habe ich ihn mal gefragt, worin das Geheimnis seines Erfolgs liegt. Er zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Es gibt keins.“

Der 1930 geborene Prager hat eben ein Gespür für filmische Wirkungen und immer Ideen, wie man sie erzielt. Poesie, Witz und Humor sind die Basis. Kulisse, die Auswahl der Darsteller und die Filmmusik machen sein Erfolgsrezept komplett. Schon in seinen Studentenfilmen favorisierte er Parodie und Komödie als sein Genre. Er wagte sich das auch bei politischen Themen. In seinem Diplomfilm „Die Richtlinie“ (1955) nahm erdas Reiseverbot ins Ausland aufs Korn. „Wir durften nicht mal nach Warschau fahren“, erklärte er mir. In der ČSSR war die Lage Anfang der 50er Jahre sehr schwierig. Eine Inflation hatte zu einer Abwertung der Währung geführt.

Mit seinem Konzept, das heikle Thema mit Witz und Ironie zu betrachten, schaffte es der damalige Student der Film- und Fernsehfakultätder Akademie der musischen Künste in Prag, der FAMU, Schauspielergrößen wie Vlastimil Brodský (bekannt aus dem DEFA-Film „Jakob der Lügner“) und Miloš Kopecký  für seinen Abschlussfilm zu gewinnen. „Ja, wenn das eine Komödie wird, machen wir das“, willigten sie ein. Sei drehten ohne Honorar. Den Film entdeckte Vorlíčeks Enkel Tomas, heute Drehbuchautor, während seines Studiums im Archiv der Filmhochschule und hat ihn für den Großvater kopiert. Für den war das eine echte Überraschung, denn er wusste nicht, dass der Film noch existiert.

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Im Juli 2013 trafen wir uns auf der Insel Kampa mit Jaromír Hanzlík, der die Titelrolle in der Märchenkomödie „Wie ertränkt man Dr. Mraček…“ spielte. Foto: Jürgen Weyrich

Mit Miloš Kopecký verband Václav Vorlíček bis zu dessen Tod 1996 eine enge Freundschaft. 1974 drehten sie zusammen die herrlich groteske Märchenkomödie „Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“. Damit ließ Vacláv Vorlíček eine Legende lebendig werden, die ihn und seine Freunde als Kinder zu großen Mutproben herausgefordert hatte. Wir saßen bei unserem Gespräch über den Film auf der Prager Moldau-Insel Kampa, seinem Lieblingsplatz. „Als Jungs sind wir hier getaucht, obwohl die Erwachsenen uns das verboten haben. Uns würden die Wassermänner holen, warnten sie. Ganz tief unten auf dem Grund sollten sie hausen, die letzten Herrscher der böhmischen Gewässer. Wir hatten Angst, aber wir waren auch neugierig und sind von einem hohen Felsen in den Fluss gesprungen. Versuchten, auf den Grund zu tauchen. So sehr wir uns auch bemühten, einen Wassermann haben wir nie zu Gesicht bekommen“, lachte er. Also ließ er als Regisseur seine Fantasie spielen und holte die Fabelwesen in einem Film ans Licht.

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Freunde auf Lebenszeit. Foto: Jürgen Weyrich

Unter seinen vielen Filmen sind seine acht Märchen die beliebtesten. Nun hat er das Drehbuch für ein neuntes auf dem Tisch. Es geht um eine Prinzessin mit goldenen Haaren, drei Brüder – Immobilienverwalter – und ihre Reise in die Märchenwelt. 50 Millionen Kronen soll der Film schätzungsweise kosten. 2017, so hofft Vacláv Vorlíček, hat er das Geld beisammen, und dann kann es losgehen.

Rolf Losansky: Ein Schlaganfall warf ihn aus der Bahn

Diesen Besuch wollte ich schon lange machen – seit fast zwei Jahren. Die Zeit fehlte – oder die Traute, diesen wunderbaren, vor Geschichten übersprühenden Menschen auf einmal sprachlos zu sehen: den Kinderfilmregisseur Rolf Losansky

veröffentlicht: suil 9/11 S.98 Babelsberg / Potsdam 26.01.2011 FOTO : YORCK MAECKE Rolf Losansky deutscher Filmregisseur und Drehbuchautor, der einer der erfolgreichsten Kinderfilmer der DEFA in Potsdam-Babelsberg war wird am 18.Feb.2011 80 Jahre alt. Herzlichen Glueckwunsch !!!!!!!
Rolf Losansky im Studio Babelsberg. Er hat über 20 Kinder- und Jugendfilme gedreht. Foto York Maecke

Als ich nun vor ein paar Tagen beim Sortieren meiner Recherchen über den Ordner Rolf Losansky „stolperte“, schob ich den Besuch nicht wieder hinaus. Das war ich ihm einfach schuldig. Er hatte immer Zeit, wenn ich ihn bat, mir für einen Artikel über einen seiner einzigartigen Kinderfilme etwas zu erzählen. Meistens trafen wir uns mit seinen Hauptdarstellern, und ich erfuhr, was aus den Filmkindern von damals geworden ist. Rolf blieb mit allen in Kontakt. Die heute Erwachsenen schwärmten von den Dreharbeiten mit „Rolfi“. Es waren für sie die schönsten Zeiten ihrer Kindheit, denn sie erlebten unerwartete Abenteuer.

Im Juli 2013 erlitt der beliebte Kinderfilmregisseur einen Schlaganfall, der ihn rechtsseitig gelähmt und sein Sprachzentrum schwer beschädigt hat (globale Aphasie). „Er ist seiner Wohnung zusammengebrochen und konnte sich nicht bemerkbar machen. Seine Bekannte fand ihn“, erzählte mir seine Tochter Danka. Das war Glück im Unglück. Viele Wochen verbrachte der damals 82-Jährige in Krankenhaus und Reha-Klinik. Danka bangte um das Leben ihres Vaters. „Nicht, weil er nicht mehr wollte. Es ging ihm dort nicht gut. Er wollte nach Hause, in seine gewohnte Umgebung.“

Foto: Jürgen Weyrich
Rolf Losansky im September 2012. Foto Jürgen Weyrich

Doch dazu musste seine kleine Wohnung im Hochparterre eines Mehrfamilienhauses Rollstuhl gerecht umgebaut und ein mobiler Treppensteiger angeschafft werden, um mit dem Rollstuhl die fünf Stufen im Hausflur zu überwinden. Die Hürden der Bürokratie in Rolfs Heimatstadt Potsdam waren schier unüberwindlich.  Doch Freunde und ehemalige DEFA-Kollegen wie die Schauspieler Gojko Mitic und Jaecki Schwarz ließen ihn nicht im Stich und unterstützten seine Tochter Danka. Im Januar 2014 war es geschafft. Rolf war wieder zu Hause. Es war seine Lebensrettung. Auch wenn rund um die Uhr jemand da sein muss, der ihn betreut, fühlt er sich hier wieder als Mensch. Das bewahrte ihn vor Depressionen, die sich oft als Begleiterscheinung bei diesem Krankheitsbild einstellen.

Als ich zur verabredeten Zeit klingele, war er mit seiner Pflegerin Sissy gerade von der täglichen „Ausfahrt“ zurück. „O ja, er wartet schon, wollte schnell nach Hause“, sagt sie mit ungarischem Akzent beim Blick aus dem Fenster. Rolf hat noch den Mantel an, als ich eintrete. Er sitzt im Rollstuhl, sein gebräuntes Gesicht überzieht eine gesunde Frische. Sissy zieht ihm den Mantel aus. Ich helfe ihr und spüre, es ist ihm in meiner Gegenwart unangenehm, sich nicht selbst behelfen zu können. Aber es ist nur ein winziger Moment. Er drückt mit seiner Linken meine Hand, umarmt mich. Es ist gut, dass ich gekommen war.

Wir zwei sind über die Arbeit Freunde geworden. Ich habe ein kleines Album mit Fotos zusammengestellt, die bei unseren Interviews entstanden sind. Er legt es auf sein Knie und blättert. Seinen leuchtenden Augen sehe ich an, wie sehr er sich darüber freut. Er versucht etwas zu sagen, wird traurig, weil ich ihn nicht verstehe. Also übernehme ich das Reden und erzähle erst einmal, was ich so mache. Im Juni 2013 hatten wir uns das letzte Mal getroffen. Drei Wochen später passierte das Unglück.

6. Juni 2013. Treffen mit Rolf Losansky und seinen Darstellern Andreas Bieber und Marlene Marlow (r.) in Langerwisch
6. Juni 2013. Treffen mit Rolf Losansky und seinen Darstellern Andreas Bieber und Marlene Marlow (r.) in Langerwisch, wo er seinen Film „Hans im Glück“ gedreht hat. Foto Boris Trenkel

Wir schauen auf ein Foto, das uns damals zusammen mit Marlene Marlow und Andreas Bieber bei diesem Treffen an der alten Paltrockmühle in Langerwisch bei Potsdam zeigt. Ich wollte eine Geschichte über seinen Film „Hans im Glück“ schreiben, den er 1998 hier gedreht hatte. Andreas Bieber spielte den lustigen Müllerburschen und Marlene den verkleideten Gänsejungen. Rolf zupft wie gewohnt an seinem Schnauzer und blickt mich an. Ich ahne, was er mir jetzt mit wahrer Begeisterung von den Dreharbeiten und den Tücken des Objekts erzählen würde. Dass die Kuh nicht wollte wie sie sollte, dass Andreas wie ein Torero um sie herum gesprungen ist und sie doch nicht animieren konnte den Stier zu geben. Auch, dass ihm nur 1,5 Mio. Mark und 16 Drehtage zur Verfügung standen. Was selbst für einen alten Regiehasen wie ihn knapp war. Aber keiner seiner Schauspieler – und es waren Mimen wie Rolf Hoppe, Karl Dall, Walfriede Schmitt und Fred Delmare – gab ihm einen Korb, weil das Honorar so gering war. Sie alle spielten mit großem Spaß ihre Episodenrollen – Freundschaftsdienste für einen, den sie schätzten. Auch wir hatten viel Spaß an diesem Sommertag.

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Rolf Losansky mit seinen Hauptdarstellern im Film „Der lange ritt zur Schule“ Gojko Mitic (Sportlehrer) und Frank Träger (Alex)

Wie viel ihm die Freundschaft bedeutet, erkenne ich, als wir uns Bilder mit Schauspieler Gojko Mitic, Filmkind Frank Träger und Autorin Christa Kozik ansehen. Er tippt auf sich und zeichnet einen Kreis in der Luft und meint damit den Freundeskreis, der um ihn gebildet hat. Seine Augen werden feucht.

Gojko Mitic und Frank Träger , mit Regisseuer Ralf Losansky zur zur DVD-Reihe zum Film
Mai 2012. Gojko Mitic, das ehemalige Filmkind Frank Träger und ich plaudern mit Regisseur Rolf Losansky über die Dreharbeiten zum Film „Der lange Ritt zur Schule“ im Filmpark Babelsberg. Foto: Boris Trenkel
Im filmpaGojko Mitic und Frank Träger , mit Regisseuer Ralf Losansky zur zur DVD-Reihe zum Film
In der Kulisse der Westernstadt.

Ich gebe ihm mein Handy und lass das Video laufen, das ich gemacht habe, als wir uns mit Gojko Mitic und Frank Träger im Filmpark Babelsberg getroffen hatten. Rolf hatte 1981 den ersten Kinderwestern in Deutschland gedreht. Den Funktionären der DDR-Volksbildung war der Film ein Dorn im Auge. „Nur wer Spaß am Spaß hat, staunen und spinnen kann, sollte ihn sich ansehen“, stand im Programmheft. Der Sportlehrer, gespielt von Gojko Mitic, reitet in der Fantasie des Jungen Alex als Indianerhäuptling durch die Stadt, verfolgt von Trappern, der Schuldirektor erscheint als Sheriff und trägt einen Cowboyhut. Das ging alles gar nicht. DDR-Kinder träumen nicht von Cowboys, hieß es. Darüber konnte der Kinderversteher Rolf Losansky nur lachen. Der Film wurde so schnell ins Ausland verkauft wie kein anderer.

„Hans im Glück“ war der letzte Film, den er gedreht hat. Aber losgekommen ist er nicht davon, wurde Berater und Mentor für junge Regisseure. „Ich will in ihnen das Feuer wecken, das noch immer in mir lodert“, hat er mir in unserem ersten Interview 2011 erklärt.

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Rolf Losansky beim Dreh seines Film „Wer küsst Dornröschen“, 2012 in Erkner. Für den Film wurde kein Kind abgelehnt, das sich bewarb. Die Idee kam von Ralf Schlösser, einem ehemaligen Filmkind. (www.schauspielschule-drehbuehne.de)

Sein Herz gehört den Kindern. Man muss sich um sie kümmern. 2012 erfüllte er hundert Kindern aus Erkner bei Berlin einen Riesenwunsch. Er drehte mit ihnen das Märchen „Wer küsst Dornröschen“. Keiner der begeisterten kleinen Rollenanwärter musste traurig wieder nach Hause gehen, weil er nicht geeignet war. Für alle hatte Rolf Losansky eine Rolle. Und so kam es, dass es eben nicht einen, sondern zehn Prinzen gab, die Dornröschen aufwecken wollten. Die Idee hatte Ralf Schlösser von der Schauspielschule Drehbühne. Er war 1974 Hauptdarsteller in Rolf Losanskys Jugendfilm „… verdammt, ich bin erwachsen“. Und prominente Schauspieler Gojko Mitic, Karin Düwel und Bruno F. Apitz mimten den Koch, die böse Fee und den Hauptmann der Wache – aus Spaß an der Freude und ihrem hoch geschätzten Rolfi zuliebe.

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In seinem Märchenfilm „Wer küsst Dornröschen“ bekam jedes Kind, das mitspielen wollte, eine Rolle. Hier bereitet er die Prinzen auf die Szene vor. Foto: Ralf Schlösser (www.schauspielschule-drehbuehne.de)

Mir nichts, dir nichts, ohne Vorwarnung warf das Schicksal den Kinderfilmregisseur am 26. Juli 2013 aus dem Leben, das ihm so viel bedeutete.  Ein Tag, der eigentlich ein schöner werden sollte. Am 26.Juli 1963 hatte er mit dem Abenteuerfilm „Geheimnis der 17“ sein Debüt als Regisseur bei der DEFA in Potsdam-Babelsberg gegeben. Die Uraufführung – noch vor der Kinopremiere im Oktober – fand in Wittstock statt, wo der Film gedreht worden war. Das Jubiläum sollte nun dort mit einem Fest gefeiert werden. Es fand statt, nur ohne die Hauptperson.

Rolf Losansky.mit Figuren seiner Filme
Rolf mit Keramikfiguren seiner Filme. Foto: Uwe Toelle

Noch heute lieben die Kinder Rolf Losanskys poetische Filme, in denen sich eine spannende reale Handlung und kindliche Fantasie zu modernen Märchen mischen. Es könnten ihre Erlebnisse sein, die sie auf der Kinoleinwand sehen. Da spielt es keine Rolle, ob sie im Osten oder Westen, Norden oder Süden der Welt zu Hause sind.

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Schneemann Kasimir mit seinen Menschen. Foto: Uwe Toelle

Seit über 50 Jahren zieht „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ die Kleinen in Bann. Oder „Ein Schneemann für Afrika“, „Zirri – Das Wolkenschaf“ und „Das Schulgespenst“. Dafür sammelte Rolf Losansky auf internationalen Kinderfilm-Festivals Preise ein, in Kairo, Rio de Janeiro, San Francisco, Gijón. Der kleine, fast zierliche Mann mit dem freundlichen Lächeln hinter dem Schnauzer ist mit seinen Filmen auch nach der Wende gern unterwegs – gewesen, muss man nun sagen. Es machte ihm Freude, mit den Kindern zu sprechen, ihre Frage zu beantworten. Bis nach Indien ist er mit seinem Film „Ein Schneemann für Afrika“ vor vier Jahren noch gereist. Kinder brauchen einen wie ihn.

Regisseur ROLF LOSANSKY und Autorin CHRISTA KOSIK. Foto: Juergen Weyrich /
1983 verfilmte Rolf Losansky die Geschichte  „Moritz in der Litfaßsäule“  von Autorin Christa Kozik. Foto: Jürgen Weyrich

Ich habe noch seine Antwort im Kopf, die er mir gab als ich ihn fragte, warum er nur Kinderfilme dreht. „Es muss auch Verrückte geben, die sich darum kümmern. Denn wer sich dem Kinderfilm verschreibt, muss verrückt sein. Dem sagt man nach: Der kann nichts anderes. Aber ich bin so ein Verrückter.“ Schon als Student half er Regisseuren bei der Auswahl von Film-Kindern. „Als ich merkte, dass mir das lag und die Kinder mich mochten, dachte ich: Dabei bleibste.“ Eine Entscheidung, die er nie bereut hat – und seine kleinen und großen Zuschauer noch viel weniger. „Ich würde das auch nicht eintauschen, wenn ich noch mal auf die Welt käme. Ich würde wieder Kinderfilme drehen.“ Ein Schleier überzieht nun seine blauen Augen. Der Anruf meiner Tochter bringt ihn zum Lachen. Ich erzähle ihm, dass sie sich nach der Arbeit die Heimfahrt im Auto verkürzt, indem sie mich anruft und drauflos schwatzt. Diesmal ging es nicht.

Sissy bringt uns Kaffee mit viel Milch. So mag es Rolf und ich auch. Ich erfahre von ihr, dass er oft Besuch hat. Ziemlich regelmäßig kommt seine gute Freundin, die Autorin Christa Kozik, mit der er oft zusammengearbeitet hat. Sie schrieb die Geschichte vom „Schneemann für Afrika“ und die Abenteuer von „Moritz in der Litfaßsäule“. 2012 haben sie den Film als Theaterstück auf die Bühne gebracht. Seitdem steht es auf dem Spielplan vieler Kinder- und Jugendtheater. Am 19. November läuft es in Gießen.

MORITZ_IN_DER_LITTFASSSAEULE Regisseur ROLF LOSANSKY und Autorin CHRISTA KOSIK. Foto: Juergen Weyrich / 19.09.2011
Interview mit Rolf Losansky und Christa Kozik. Foto: Jürgen Weyrich

Der 84-Jährige hat noch viel vorgehabt. Die Geschichte seines jüdischen Freundes, der als Kind in die Gaskammer abtransportiert wurde, wollte er mit seinen Studenten verfilmen. Das lag ihm am Herzen. Er weiß, dass das ein Traum bleiben wird. Aber er will wenigstens wieder sprechen können. Dazu muss die rechte Hirnhälfte die Arbeit der linken Seite übernehmen, wo das Sprachzentrum sitzt. Rolf Losansky kämpft um seine Sprache. Neben der Therapie liest er viel, sieht fern, um fit im Kopf zu bleiben, beschäftigt sich. Ob die Therapie Erfolg haben wird, ist nicht sicher. Das weiß er, schließlich hat er drei Semester Medizin studiert, bevor er sich dem Film verschrieb. Ich frage ihn, ob er zuversichtlich ist. Er sieht mich an und sagt: Ja.