Ute Lubosch – Mit 65 läuft noch alles rund

Was mit 65 bei Ute Lubosch rund lief, läuft auch mit 66 noch. Liebe, Glück und Arbeit – ist alles noch beisammen. Ein kleiner Rückblick auf ihr Leben.

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Es gibt schon seltsame Zufälle. Sie feiert ihren 65. Geburtstag und unsere Freundschaft wird zwanzig. Habe ich eben in meinem Archiv entdeckt. „Wir sind in Lübben, genießen die Sonne und ich will mit meinen drei Weibern nachher essen gehen“, sagt Ute Lubosch am Telefon. Sie spricht  von ihrer Tochter Maria und ihren beiden Enkelinnen. Sohn Marc ist als Kameramann unterwegs. Den ganzen Tag schon wollte ich die Schauspielerin anrufen. Es wäre mir fatal gewesen, ihr ausgerechnet zum 65. nicht zu gratulieren. Sie lacht. „Du rufst doch jedes Jahr an, seit wir uns kennen.“

FIL7188Eine Liebe fürs Leben. Ute Lubosch lernte ihren Mann, den Journalisten Rolf Grevelmann, 1994 kennen. Am 10. März wurde die Schauspielerin 65 Jahre. © Reinhold Hack

Lübben ist schön, aber dass sie hier ist, hat den Grund, dass sich ihr Mann sich in der Reha-Klinik befindet. „Er hält das nur aus, weil ich mit hier bin“, sagt…

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Wally Schmitt und Wolfgang Winkler zum 76.: „Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben“

Per Zufall stieß ich in meinem Archiv auf mein Doppel-Interview, das ich vor sechs Jahren mit Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler gemacht habe, und erinnerte mich, wieviel Spaß wir dabei hatten über Alter und Sex, Enkelkinder und ein Rentnerdasein zu reden, das beide nicht wollen. Der Anlass war damals der 70. Geburtstag der Schauspieler. Beide Märzkinder des Jahres 1943 – sie wurde am 9. März 76, er feierte sieben Tage zuvor, am 2. März.  Freunde, Vertraute sind sie seit ihren ersten Schritten auf dem beruflichen Weg.

Szene aus „Kalendergirls“ mit Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann Wally Schmitt und Ursula Karusseit
Die „Kalender Girls“ in der Dresdner Comödie Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann Walfriede Schmitt und Ursula Karusseit © Robert Jentzsch

Seit einigen Jahren findet Walfriede Schmitt nicht mehr so häufig auf dem Bildschirm statt. Das findet sie nicht so schklimm. Zuletzt sahen wir sie 2017 in der Episode „Schmerzhafte Einsichten“ der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ und 2018 in „SOKO Leipzig – Missing in Action“. Davor begeisterte sie 2013 in der Dresdner Comödie in „Kalendergirls“ und drei Jahre später in der Komödie „(K)ein guter Tausch“. Mit dem österreichischen Regisseur und Filmproduzenten Christian Frosch hatte sie bereits für sein Kinodrama „Von jetzt an kein Zurück“ zusammengearbeitet. Seine autobiografisch gefärbte Geschichte ist im katholisch geprägten Milieu einer westdeutschen Kleinstadt 1967 angesiedelt und Walfriede Schmitt spielt die gewalttätige Klosterschwester Agathe. „Mit der Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch in ihren Mauern und den Folgen für die Betroffenen tut sich die katholische Kirche ja bis heute schwer“, nimmt Wally Schmitt Stellung. Dem Puls der Zeit spürt die Schauspielerin auch in ihren literarisch-musikalischen Programmen nach. Aktuell mit ihrem Tucholsky-Abend  „Affenkäfig Berlin“, bei dem sie von dem bekanntn Jazz-Posaunisten Conny Bauer begleitet wird.  22 Jahre gehörte die Berlinerin zum Ensemble der Berliner Volksbühne, arbeitete mit namhaften Theaterregisseuren wie Benno Besson, Heiner Müller, Matthias Langhoff, Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Johann Kresnik zusammen. Inzwischen hat sie sich selbst aufs Schreiben verlegt. Nach ihrem Erstling „Gott ist zu langsam“ (Thurneysser Verlag) arbeitet sie nun an einem zweiten Buch.

André Kowalski
Wolfgang Winkler beim Interview 2013  © André Kowalski

Für Wolfgang Winkler hat sich sein Wunsch, nach dem Abschied vom „Polizeiruf 110“ noch mal mit einer schönen Altersrolle beschenkt zu werden, erfüllt. Seit 2015 bringt er mit seinem kongenialen Partner Tilo Prückner in der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“ die Zuschauer zum Schmunzeln. Zwei reaktivierte Kommissare a. D., Konkurrenten und Freunde in einem, lösen im Zeitalter der digitalen Technik auf analoge Weise kleine und größere Kriminalfälle.  Humorige Dialoge, die wie ein Nadelstich in die Alltagsrealität pieken, sind die Würze in den Geschichten.

Wolfgang erhebt sein Glas: „Lasst uns auf den Jahrgang 1943 anstoßen.“

Wie  geht es euch, wenn ihr daran denkt, jetzt das siebte Lebensjahrzehnt  angebrochen zu haben?
Wally: Ich weiß nicht, wie es dir geht Wolfgang, aber je älter ich werde, desto erstaunter gucke ich in den Topf, der diese Welt ist. Und bei der Vorstellung, dass ich am 9. März aufwache und mir sage, ich bin jetzt 70 Jahre auf der Welt, muss ich lachen. Das bringe ich mit mir nicht zusammen. Deshalb sage ich ganz oft: Kinder, lasst mich in Ruhe, ich bin schon alt. Damit ich das verinnerliche. Das Alter hat ja auch eindeutig Vorteile, man wird mit sich einig, hat mehr Freude an seinem Ich, weiß mehr! Gut, man hat’s auch in den Gelenken, wird ein bisschen vergesslich…
Wolfgang: Die Vergesslichkeit macht mir manchmal Sorge. Hatte ich früher was vergessen, habe ich das nicht so ernst genommen. Aber jetzt denke ich: Ist das der Beginn von Demenz?
Wally: Ach, Quatsch! Du musst dich nur daran erinnern, wo du das gedacht hast, und genau an den Platz zurückgehen. Da hängt der Gedanke noch an der Decke. Wenn er dich sieht, plumpst er runter. Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an den Platz…
Wolfgang: Manchmal funktioniert’s ja. Das tröstet mich dann auch.

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In der DDR waren sie beide A-Promis © André  Kowalski

Macht euch das Alter in irgendeiner Weise Angst?
Wolfgang: Es gibt ja nur die zwei Möglichkeiten: früher Tod oder alt werden. Da wähle ich lieber die zweite.
Wally: Neulich hat eine Freundin zu mir gesagt: „Jetzt haben wir schon zwei Drittel hinter uns…“ Ich fragte, von welchen zwei Dritteln redest du? Es ist getan. Es ist getan! Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben.
Wolfgang: Du hast vollkommen recht, Wally.
Wally: Das sind Geschenke. Da kann man sich drüber freuen, jeden Tag, jeden Moment!

Drängt es euch nicht mehr zur Arbeit?
Wolfgang: Doch, ja, der Ehrgeiz ist noch da. Ich würde gern noch richtig viel spielen, weil ich in mir noch Kraft und Saft spüre.  Da ich nicht zu den A-, sondern zu den B-Promis gehöre, kommt leider nicht mehr soviel. Was im Augenblick noch nicht ins Gewicht auffällt, weil Jaecki und ich mit unserem Buch unterwegs sind. Gäbe es das nicht, wäre es wahrscheinlich komplizierter. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist nicht so angenehm.

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Walfriede Schmitt mit Bürger Lars Dietrich in „(K)ein guter Tausch 2015 in der Dresdner Comödie  © Robert Jentzsch

Wally: Ich schreie nicht mehr nach Arbeit. Als die Serie „Für alle Fälle Stefanie“ 2004 beendet war, hatte ich natürlich damit gerechnet, dass man sich nach mir „sehnt“. Aber ich bin weder gekränkt noch unglücklich, dass sich die Angebote in Grenzen halten.  Ich schreibe – 2009 erschien mein Roman „Gott ist zu langsam – Also denn um sechse bei Werner“ – bin mit meinen literarisch-musikalischen Programmen unterwegs. Habe zweimal an der Komödie am  Ku’dammspielen dürfen. Jetzt spiele ich an der Comödie Dresden „Kalender Girls“. Und ich habe vor vier Jahren eine  künstlerische Heimat in Thomas Rühmanns „Theater am Rand“ in Zollbrücke gefunden. Da wird mein Buch als szenische Lesung aufgeführt. Also ich werde mich auch in Zukunft nicht langweilen…
Wolfgang: Und dann hat sie in Mecklenburg ein wunderschönes Häuschen mit Garten. Da durften Jaecki und ich schon zu Gast sein …
Wally: Und ihr habt meine Nachbarin „verhaftet“. Daraus ist sie noch heute stolz.

Walfriede Schmitt und Kollege Wolfgang Winkler mit Bärbel BeuchlerDas Geburtstagsinterview 2013 ©André Kowalski

War das Schreiben für dich eine Flucht in neue Beschäftigung?
Wally: Nein, ich hatte mal für mich eine Figur erfunden, so eine Miss Marple, und habe das einem befreundeten Autor gezeigt. Der hat mich dann ermutigt, weiterzuschreiben. Das war kein Ausreißen, sondern eine völlig getrennte Geschichte, die mir zum Glück geworden ist. Wenn ich in meinem Häuschen sitze, und ich merke, was ich für ein Leben in mir habe, wie das in meinem Gehirn wirbelt, was da für Ideen sind. Da brauche ich keine Anrufe.
Wolfgang: Dieses Talent hätte ich auch gern.

Euch zu beobachten ist herrlich. Wie lange kennt ihr euch eigentlich?
Wolfgang: Ewigkeiten. In Halle standen wir in Schillers „Räuber“ zusammen auf der Bühne. Sie war Amalia, auf die alle scharf waren, der Franz, der Karl und der Grimm – also ich.
Wally: Ein ganz starkes Erlebnis ist für mich die Fernsehproduktion „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, die wir 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet haben. Eine herrliche  satirische Komödie von Bulgakow.
Wolfgang:  Es ist eine sehr schöne Arbeit geworden!  Das Fernsehspiel wurde dann aber wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr später kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

Ändert man mit dem Älterwerden seine Essgewohnheiten?
Wally: Essen ist der Sex des Alters. Ich versuche, Trennkost zu essen, so lange ich das durchhalte.
Wolfgang: Ich esse kaum noch was… (lacht)

Und wie ist das mit dem echten Sex?
Wally: Bärbel, die Liebe höret nimmer auf…
Wolfgang: Ich bin doch noch jung verheiratet, was glaubst du denn!

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Ohne Frage, Sex im Alter muss sein © André Kowalski

Guckt ihr sexy Typen hinterher?
Wally: Aber immer! Ob Mann oder Weib, ein schöner Körper ist inspirierend.
Wolfgang: Ich kann nicht sagen, dass ich weggucke, wenn ich eine  schöne Frau sehe!
Wally Bei Männern ist das ja immer noch was anderes als bei einer alten Frau. Alte Männer können immer noch eine Chance haben. Die Welt ist ja noch von männlichem Denken dominiert. Das kannst du an fast jeder Plakatsäule sehen. Die Frau ist noch lange nicht gleichberechtigt, obwohl es im letzten Jahrhundert viel schöner und freier geworden ist.
Wolfgang: Du hättest Wally mal als Amalia sehen sollen! So eine Wespentaille! Wir Räuber waren hin und weg.
Wally: Siehste Wolfgang, und das habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. So ist das mit den Selbstzweifeln.

Was haltet ihr von der Sexismus-Diskussion?
Wally:
Das ist lächerlich.
Wolfgang: Ich mache meine Späße drüber … Diese Diskussion ist ungesund.
Wally: Und sie ist spießig.

Denkt man mit 70 schon über den Tod nach?
Wally:  Man sollte sich schon darauf vorbereiten, weil der Tod das Einzige im Leben ist, was todsicher ist. Nur schade, dass man hinterher nicht davon erzählen und sagen kann: So schlimm war’s gar nicht. Ich bin einverstanden. (lacht): Ich kann mir eine Welt ohne Wally so schwer vorstellen.
Wolfgang: Mir ist schon lange  klar: Wenn du weg bist, geht das Leben einfach normal weiter, wie immer.
Wally: Ja, das ist ja das Dumme! Man ist nicht mehr dabei.

Von welchen Eitelkeiten habt ihr euch verabschiedet?
Wolfgang: Früher hatte ich mit Eitelkeiten nichts am Hut. Jetzt plötzlich komme ich eben darauf, abzunehmen. Um meine Knochen weniger zu belasten. Und man sieht natürlich auch besser aus! Das gefällt mir schon.
Wally: Meine Eitelkeiten sind im Laufe der Jahre auf ein Minimum geschrumpft. Und ich  würde auch nicht sagen, dass ich nicht mehr kämpfe! Doch ich wäge ab, ob sich der Einsatz lohnt.

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Vertraut, befreundet für immer © André Kowalski

Was erhofft Ihr euch noch für die letzten Lebensjahre?
Wolfgang: Noch denke ich, es muss doch noch was kommen. Ich will ja spielen.
Wally: Du darfst auch nicht aufhören, noch etwas zu wollen. Das Alter wird erst gefährlich, wenn du darauf hörst. Und du hast Recht, Schauspielen ist eine Sucht. Du kannst für dich beschließen, dich in dein Dorf zurückzuziehen. Da genügt ein Anruf: „Wir machen jetzt „Kalender Girls“ und würden Sie gern dabei haben, Frau Schmitt“, und schon erwacht der Spieler!

Wie feiert Ihr euren Geburtstag?
Wolfgang: Meine Kinder haben etwas in Görlitz organisiert – vielleicht ein Essen mit Nicolas Cage.
Wally: Ich war noch nie in Görlitz.
Wolfgang: Da musst du aber noch mal hin – vor dem Tod.
Wally: Hetz mich nicht.
Wolfgang: Ich habe ja nicht gesagt, dass du in den nächsten zehn Jahren fahren sollst…

 

Sein Erbe sind „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ und „Die Märchenbraut“

Ich hatte gerade den Nachruf für die Schauspielerin Ursula Karusseit in meinen Blog gestellt, als im Radio die Nachricht kam, dass Václav Vorlíček tot ist. Vor diesem Moment habe ich mich schon eine Weile gefürchtet. Ganz gegen seine Art hatte er auf meine Mails zu Weihnachten nicht geantwortet, auch nicht auf die Neujahrswünsche. Ich wusste, dass er nicht gesund war. Aber er tat das immer ab. Im Juni 2017 antwortete er auf meine Geburtstagsglückwünsche zu seinem 87: „Danke vielmals und ich grüsse Dich herzlich so viel, wie möglich! Dein treuer und noch lebender Freund V.V. “ Im Oktober des Jahres zuvor hatten wir uns noch einmal getroffen, als ich mit meinem Mann zu einem Kurzbesuch in Prag war. Schon damals machte ich mir Sorgen, denn der sonst so Humorvolle und Gesprächige war sehr still. Es gehe ihm nicht so gut, gestand er da. Am 5. Februar hat der Krebs das Leben des wunderbaren Menschen und großartigen Regisseurs Václav Vorlíček ausglöscht.

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Václav Vorlíček bei der Arbeit im Filmstudio Barrandov  Foto: Boris Trenkel

Meine Freundschaft mit Václav Vorlíček begann im November 2007, als ich mit ihm für die SUPERillu über seinen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sprach. Seit 48 Jahren ist sein romantisches und  humorvolles Märchen die weltweit erfolgreichste Verfilmung des Aschenbrödel-Stoffes. Es war Ende November 2007, ein scheußliches Wetter. Der Wind fegte über die Karlsbrücke und uns stürmischen Schneeregen ins Gesicht, als ich mich mit Václav Vorlíček traf. So ungefähr war es auch, als er im November 1972 mit den Dreharbeiten für »Aschenbrödel« begann. Gespannt wartete ich mit dem Fotografen Boris Trenklel nahe der Karlsbrücke. Wir kannten uns nicht, und doch erkannten wir uns sofort, als er vor dem Café Savoy an der Vítězná aus der Straßenbahn stieg. Ein eleganter älterer Herr, hochgewachsen, mit kariertem Hut und Lederjacke. Eine große Brille betonte die freundlichen blauen Augen.

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Der Regisseur mit einer Darstellerin seines Films „Saxanas Reise ins Märchenland“ Foto: Boris Trenkel

Siebenundsiebzig war er damals, wirkte weit jünger. Eine wunderbare Freundschaft entstand zwischen uns, der ich aufregende Begegnungen mit den Märchenhelden meiner Kindheit und hier nun zu lesende Geschichten verdanke. Ich lernte Marie Kyselková und Josef Zíma kennen, Prinzessin Lada und Prinz Radovan aus meinem Lieblingsmärchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Für einen Beitrag zu seinem Film „Die Prinzessin und der Abendstern“ trommelte Václav Vorlíček für mich die Hauptdarsteller Zlata Adamovská, Julie Jurístová, Ivana Andrlová und Juraj Durdiak  zusammen. Der „Prinz“ reiste extra aus dem 300 km entfernten Bratislava an.

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Ivana Andrlová und Juraj Durdiak mit ihrem „Vacek“ im Mai 2010 vor Schloss Ploskovice, das die Kulisse für das Märchen „Der Prinz und der Abendstern“ war. Foto: Jürgen Weyrich

Wenn „ihr Vacek“ sie brauchte, waren seine Schauspieler zur Stelle. Verschoben sogar Theaterproben oder nahmen sich von Großmutterpflichten ein paar Stunden frei, wie Marie Kyselková. Sie hat in der Nacht zum 21. Januar ihre freundlichen, liebevollen Augen geschlossen.

Václav Vorlíček war immer auf der Suche nach Stoffen für neue, phantasievolle Geschichten. Neben seinem Bett stapelten sich links und rechts Bücherberge, hatte er mir mal augenzwingernd verraten, Quellen seiner schier unerschöpflichen Kreativität.  „Irgendwoher muss ich meine Ideen ja nehmen“, hat er damals lachend gestanden. Fast hundert Filme, Fernsehserien, Drehbüchern und Dokumentationen hat er in seine mehr als 60 Arbeitsjahren geschaffen. Angefangen hat es 1953 mit dem Kurzfilm „Politická karikatura“ , den er als Student drehte. Gleich nach dem Studium drehte er seinen ersten Kinderfilm, die Abenteuergeschichte „Der Fall Lupinek“. Viele seiner Arbeiten gewannen Preise, wurden ins Ausland verkauft wie die Parodie „Wer will Jessie umbringen?“, das utopische  Comedy-Abenteuer á la 007 „Das Ende des Geheimagenten W4C“ oder die Komödie „Sir, Sie sind eine Witwe!“, die dem damals 36-jährigen Regisseur internationales Ansehen bis in die USA einbrachten. Für sein Lebenswerk wurde Václav Vorlíček 2017 mit dem Kristallglobus des Internationalen Filmfestivals in Karlovy Vary ausgezeichnet.

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Mit Václav auf der Brücke an der Insel Kampa Foto: Boris Trenkel

„Ich habe das Glück, Filme machen zu können, die international verständlich sind“, erzählte er mir. Der amerikanische Produzent William Snyder lud ihn und Autor Miloš Macourek 1969 nach New York ein. Zwei Monate waren sie dort und arbeiteten an einem Remake von „Wer will Jessie töten“ in Farbe mit. Das Original war schwarzweiß. Dieser Reise erwuchs die verrückte Komödie „Sir, Sie sind eine Witwe!“, die wiederum ein Publikumserfolg auch im Ausland wurde. Danach kam die Märchenkomödie „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ mit der populären Sängerin Petra Černocká. In Tschechien bewegte sich Václav Vorlíček damit nach ganz oben auf der Liste der Film- und Fernsehregisseure. Sein Meisterstück wurde 1972 „Tři oříšky pro Popelku“„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. In Amerika zu bleiben kam ihm nicht in den Sinn. „Ich hatte meine Frau und zwei Töchter in Prag, und es ist nicht das Land für tschechische Patrioten.“ Von Letzterem ist er bis heute überzeugt, auch wenn der Sozialismus in der damaligen ČSSR nicht das Non-plus-Ultra seiner Lebensvorstellung war.

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Mit Václav Vorlíček und Maria Horaková  2012 in Prag im Gespräch über den FilmWie man Prinzessinnen weckt“ Foto:Jürgen Weyrich

Der 1930 geborene Prager hatte ein ausgeprochenes Gespür für filmische Wirkungen und immer Ideen, wie man sie erzielt. Poesie, Witz und Humor waren die Basis, Kulisse, Kostüme, die Auswahl der Darsteller und die Filmmusik machten sein Erfolgsrezept komplett. Schon in seinen Studentenfilmen favorisierte er Parodie und Komödie als sein Genre. Er wagte sich das auch bei politischen Themen. In seinem Diplomfilm „Die Richtlinie“ (1955) nahm er das Reiseverbot ins Ausland aufs Korn. „Wir durften nicht mal nach Warschau fahren“, erklärte er.

Mit seinem Konzept schaffte er es, Top-Schauspieler wie Vlastimil Brodský (bekannt aus dem DEFA-Film „Jakob der Lügner“) und Miloš Kopecký zu bekommen. Sie drehten ohne Honorar. Diesen Film entdeckte Vorlíčeks Enkel Tomas, heute Drehbuchautor, während seines Studiums im Archiv der Filmhochschule und hat ihn für den Großvater digital kopiert. Es wurde sein Geburtsgeschenk zu dessen 80. Die Überraschung war gelungen. „Ich wusste nicht, dass der Film noch existiert“, erzählte mir Václav bei meinem Besuch 2011.

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Im Juli 2013 trafen wir uns auf der Kampa mit Jaromír Hanzlík, der die Titelrolle in der Märchenkomödie „Wie ertränkt man Dr. Mraček…“ spielte. Foto: Jürgen Weyrich

Als ich Vacláv einmal fragte, ob er manchmal ans Aufhören denke, schüttelte er nur den Kopf. Seit dem Tod seiner Frau Sofíe 2009 sorgten die Töchter Katja und Suzanna dafür, dass sein Kühlschrank immer voll war, seine Enkelin kümmerte sich um den Haushalt des Großvaters. „Ich bin gut versorgt, mach dir keine Sorgen“, beruhigte er mich nach seinem schweren Unfall 2013, als ich ihn ein paar Monate später wieder einmal zum Interview traf. Ein Auto hatte ihn am Fußgängerüberweg überfahren. „An mir war kein Knochen heil. Aber der liebe Gott“, er lachte und zeigte mit dem Stock nach oben, „hat noch keinen Platz für mich.“

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Mit Václav Vorlíček beim Interview in den Prager Barrandov-Filmstudios 2007 Foto: Boris Trenkel

Wir saßen bei unseren Gesprächen oft auf der Prager Insel Kampa. Sein Lieblingsplatz. „Als Jungs sind wir hier in der Moldau getaucht, obwohl die Erwachsenen uns das verboten haben. Uns würden die Wassermänner holen, warnten sie. Ganz tief unten auf dem Grund sollten sie hausen, die letzten Herrscher der  böhmischen Gewässer. Wir hatten  Angst, aber wir waren auch neugierig und sind von einem Felsen in die Moldau gesprungen.  Wir versuchten, auf den Grund zu tauchen. Aber wir haben nie einen Wassermann zu Gesicht bekommen.“ Also ließ er als Erwachsener seine Fantasie spielen und holte sie in seinem Film „ Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ ans Licht. Unter seinen vielen Filmen sind die beliebtesten seine acht Märchen. Deren Zauber liegt in ihrer Poesie, die Václav Vorlíček so wunderbar filmisch umzusetzen vermochte. Sie werden noch von Generationen geliebt werden.

 

Ursula Karusseit: Sie hätte gern noch eine Figur wie Miss Marple gespielt

„Fang mal an“, ermuntert sie mich, als ich am Telefon zögerte und nicht wusste, wie ich das heikle Thema angehen sollte. Das war im Oktober 2015. Seit 1998 hatte Ursula Karusseit alias Charlotte Gauss in keiner Folge der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ gefehlt. Zum ersten Mal musste sie in dem Jahr lange mit den Dreharbeiten aussetzen. Ich hatte erfahren, dass die Drehbuchautoren die robuste und lebensfrohe Chefin der Cafeteria zur Kur geschickt haben, weil ihre Darstellerin schwer erkrankt war. „Herzschrittmacher, chronisches Nierenversagen, es kam alles auf einmal“, erzählte sie mir dann.

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Im Oktober 2015 stand Ursula Karusseit nach ihrer Erkrankung erstmals wieder in der „Sachsenklinik“ vor der Kamera. Das Foto machte ihr Mann Johannes Wegner bei den Dreharbeiten

Nicht im vollen Besitz ihrer Kräfte zu sein, hilflos, habe sie verrückt gemacht. Ohne Dialyse und Tabletten ging nichts mehr. Mit der ihr eigenen Energie und der Hilfe ihres Mannes Johannes Wegner kämpfte sich die da gerade 76-Jährige in ihr eigenständiges Leben zurück, stand wieder in ihrer Serienrolle und 2016 für den ZDF-Film „Exodus – Flucht der Kinder“ vor der Kamera, amüsierte ihr Theaterpublikum mit heiter-besinnlichen Geschichten von Stefan Heym in der musikalischen Lesung „Und immer sind die Weiber weg“. Sie konnte nicht loslassen. „Einfach aufhören, meinen Ruhestand genießen, das wäre nichts für mich. Jede Rolle ist eine neue Herausforderung, eine eigene kleine Welt, die man sich erschließt. Das hält den Kopf frisch“. Am Ende unseres Telefonats damals verabredeten wir, uns bei nächster Gelegenheit wieder zu treffen. Das wäre jetzt, wenige Monate vor ihrem 80. Geburtstag, ein Gespräch über ihr neues Buch „Zugabe“ gewesen, das zur diesjährigen Frühjahrsbuchmesse erscheinen soll. Ein unvermitteltes Herzversagen setzte einen Schlusspunkt unter unser Vorhaben, ehe es beginnen konnte, sowie unter alles andere, was für Ursula Karusseit noch kommen sollte. Sie erlag am Vormittag des 1. Februar im Krankenhaus Berlin-Buch den Folgen ihrer so lange tapfer bekämpften Krankheit. 

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„Theater soll Horizonte erweitern“, sagte sie.  „Mitten in Amerika“ war so eine Geschichte, die Ursula Karusseit 2010 mit Tobias Morgenstern, Thomas Rühmann und Uwe Bogadtke (v. l.) im „Theater am Rand“ spielte. Quelle: sett-festival.eu

Da wir nicht mehr zusammenkommen konnten, bleibt mir nur ein Abschied mit der Erinnerung an unser Gespräch über die Wege ihres Lebens, kurz vor ihrem 75. Geburtstag, für das ich sie in Zollbrücke besuchte. Weit draußen, an der Oder, fand sie im „Theater am Rand“, das ihr  „In aller Freundschaft“ – Kollege Thomas Rühmann (Chefarzt Dr. Heilmann) 1998 mit Musiker Tobias Morgenstern aufgezogen hatte, eine Bühne, die ihr gab, was ihr nach der Wende an ihren einstigen Spielstätten verloren gegangen war: ihr grundsätzlicher Spaß am Theater. „Wenn ich sehe“, sagte sie, „was jetzt passiert, dass Kunst dem Verfall preisgegeben wird, dem Amüsierbetrieb weichen soll, kann ich da nicht mehr mitmachen. Es wird nicht mehr nach Inhalten gefragt, sondern nur noch: Wie verkauft sich das?“, erzürnte sich die Mimin, die ihr Handwerk 1960 bis ’62 mit Brecht und Stanislawski an der Staatlichen Schauspielschule (seit 1981 HfS „Ernst Busch“) in Berlin erlernte hatte und deren Theaterideal von dem geprägt worden ist, was in den 70er Jahren an der Berliner Volksbühne gelaufen ist. Einer der größten Erfolge des Theaters war die Inszenierung des Brechtstückes „Der gute Mensch von Sezuan“ mit ihr in der Doppelrolle der Shen Te und des Vetters Shui Ta. Im Rückblick ihr Lebenswerk. „Das war mit Witz arrangiert und betraf uns in unserem abgeschotteten Leben in der DDR weniger. Die gesellschaftliche Betroffenheit spürte ich bei unserem Gastspiel damals in Italien, als ich sah, wie ein Junge mit einer Ziege, Essen aus der Mülltonne holte. Und heute haben wir die Probleme vor unseren Augen. Bettler, Obdachlose, Kriminelle.“ Usch Karusseit war Realistin, ging mit offenem Blick durchs Leben, ließ sich nicht täuschen. So prägte sie auch ihre Figuren.

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1973 spielte sie in Konrad Wolfs episodischer Filmsatire „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ die Frau des missverstandenen Bildhauers Kemmel Foto: DEFA-Stiftung/W. Bangemann, A. Kühn

Während sie erzählte, schminkte sie sich vor einem kleinen Handspiegel. An dem Tag waren im „Theater am Rand“ Proben für die grimmige Geschichte über die Zerstörung der Natur und lukrative Schweinemastanlagen. Eine wunderbare Möglichkeit für die Schauspielerin, die Possen und Witz, das Schräge und Kantige mochte, ihr besonderes Talent auszuspielen – kraftvoll ernsthaft, böse, zynisch und komisch gleichsam zu sein. Wolfgang Heinz, 1961-1963 Intendant der Berliner Volksbühne, hat ihre große Begabung seinerzeit erkannt, holte sie bereits während des Studiums immer wieder an sein Theater und engagierte die Absolventin 1962. „Ich hatte viel Glück gehabt, und ein Teil dessen verdanke ich meinem Naturell“, sagte sie im Rückblick. Thomas Rühmann beschrieb das so: „Sie reißt die Dinge gern an sich, aus einem schauspielerischen Impuls heraus, ist um jede Pointe traurig, die nicht funktioniert.“ Jeden Sommer seit 2000 spielte sie im Theater am Rand. Urlaub machen, als Tourist die Welt erkunden, war nicht ihrs. Zum Leidwesen ihres Mannes Johannes, der 40 Jahre an ihrer Seite war und sich im Alter nun auf mehr Zeit mit ihr freute. „Für mich“, sagte sie, „ist diese Sache hier die Verbindung zur Welt, zum Leben, dieses kleine, lebendige Theater. Was da entstanden ist, wurde von den Leuten aus der Region gebaut. Es wird gehämmert, gesägt, geschraubt und bis zuletzt ausprobiert. Wir erzählen Geschichten, bei denen alles mitspielt, was uns umgibt. Das Publikum fühlt sich eingebunden.“

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Schauspieler Thomas Rühmann (l.) und Musiker Tobias Morgenstern gründeten 1998 das „Theater am Rand“ in Zollbrücke Foto: Theater am Rand

Unterhalten und dabei im Dialog mit den Zuschauern sein, war der Reiz, den für sie das „Theater am Rand“ ausmachte. Und sie war eine leidenschaftliche Spielerin. Usch Karusseit – kaum einer nannte sie Ursula – hatte ein freundliches Wesen. Witz, Charme, Natürlichkeit waren ihr eigen. So empathisch wie sie sein konnte, fehlte es ihr auch nicht an Resolutheit und Pragmatismus. Als ich sie fragte, ob ihr das Älterwerden, um nicht zu sagen Altwerden, etwas ausmache, guckte sie sichtlich erstaunt. Alter sei doch sehr relativ. Und darüber nachzudenken hatte sie bislang wenig Lust. Ihren 60. habe sie mit ihren Geschwistern bei sich zu Hause auf ihrem Grundstück Senzig gefeiert. Ein Sommerfest in ihrem Garten, wo gesungen wurde und alle sich freuten. „Und jetzt“, sagt sie, „wo ich 75 werde, denkt man darüber nach, dass nicht mehr viel Zeit ist. Du kannst dir nichts ausrechnen, der Tod verrät dir nichts, er wird auch nicht mit sich handeln lassen. Wenn du von 100 Zentimetern 75 wegnimmst, kommst du schon ins Grübeln, wenn du den Rest siehst.“ Das klingt nicht bedauernd, eher nüchtern, rational. Das Altersproblem, sagt sie, sei zum Teil ein objektives, in der Weltdramatik wimmele es nicht gerade von älteren Frauen.

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Als Witwe Luise Hornbostel – hier mit Arno Wyzniewski zeigte sie in der DEFA-Literaturverfilmung „Die Gänse von Bützow“ ihre wunderbare komische Seite Foto: DEFA-Stiftung/Dieter Lück

In ihrem Beruf fühlte sie sich lange als Lernende. Die kleinste Rolle war ihr groß genug, um eine nächste hilfreiche Erfahrung zu machen. Und wie sah es mit Träumen aus, die doch in jedem schlummern? Wie fühlte sie sich, wenn sie enttäuscht wurde? Wir spazierten durch das kleine Dorf zu den Wiesen am Ufer, setzten uns auf einen tiefen Ast einer Weide. Nein, sie habe nie nach zu hohen Trauben gegriffen oder an hochgesteckten Träumen gehangen. Insofern konnte sie nicht verbittern, wenn etwas, dass sie gern gemacht hätte, nicht eintraf. „Ich habe den richtigen Beruf für mich ergriffen und übe ihn gern aus. Natürlich“, gestand sie ein, „wir haben auch Weichteile im Gemüt, und je älter man wird, umso poröser wird mitunter das Selbstbewusstsein. Solche Gedanken fliegen dir zu, aber zum Glück auch wieder weg.“

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1966 spielte sie die Elsa in Bessons Inszenierung „Der Drache“ am Deutschen Theater Foto: Privatarchiv Karusseit

Ursula Karusseit und ich lernten uns 2002 bei der Gala zur „Goldenen Henne“ kennen. Schauspielerin Uta Schorn machte uns miteinander bekannt. Als Schaupielerin war sie für mich kein unbeschriebenes Blatt. Ich hatte sie in vielen DDR-Fernsehfilmen wie „Wege übers Land“, „Daniel Druskat“, „Märkische Chronik“ und Levins Mühle“ gesehen. 1967 besuchte meine Klasse im Deutschen Theater eine Vorstellung von Jewgeni Schwarz‘ Stück „Der Drache“ mit ihr in der Rolle der Elsa. „Die Premiere spielten wir 1966 in Paris. Von meinem Hotelfenster konnte ich das riesige Werbeplakate sehen. Die Begeisterung der Pariser war unfassbar.“ Und das fühlte sich für sie fünf Jahrzehnte immer noch wohlig an. Es war die zweite Inszenierung, die sie unter der Regie des Schweizers Benno Besson spielte. Ihre Zusammenarbeit hatte 1965 begonnen. Besson besetzte die damals 26-jährige Karusseit in seiner Inszenierung „Moritz Tassow“ als „Rote Rosa“. Ursula Karusseit schilderte, wie verklemmt sie zunächst war, mit dem großen Besson zu arbeiten. Als sich ihre Verkrampfung endlich gelöst hatte, war es mit dem Stück vorbei. Nach neun Aufführungen wurde es verboten. Ein Jahr später wechselte Ursula Karusseit ans Deutsche Theater. Besson wollte sie als Elsa. Die berufliche Zusammenarbeit glitt ins Private über. Als sie 1969 seine Frau wurde, war ihr gemeinsamer Sohn Pierre zwei Jahre alt. „Benno war ein besonderer Mensch, der wenig Rücksicht nahm. Er konzentrierte sein Leben ganz auf die Bühne. Ich fand keinen Zugang zu dieser Einseitigkeit, weil es für mich noch andere schöne Dinge gibt. Ich habe gern Besuch, koche gern und bin gern in meinem Garten zugange“, begründet sie ihre Trennung nach zwölf Jahren. Verheiratet blieben sie noch bis 1995. „Wir feierten unseren 25. Hochzeitstag, dann ließen wir uns in Lausanne scheiden. In Deutschland hätte das viel Geld gekostet.“ Ursula Karusseit wollte klare Verhältnisse. Sie war inzwischen seit 1978 mit dem technischen Leiter der Berliner Musikhochschule Johannes Wegner glücklich. Vier Jahre nach ihrer Scheidung heirateten sie.

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Nach 20 Jahren gemeinsamen Lebens heirateten Ursula Karusseit und Johannes Wegner 1998 Foto: Privatarchiv Karusseit

Handfeste, starke Frauen, gestandene Weibsbilder, Menschen mit gebrochenen Lebensläufen wie ihre Mutter – das waren ihre Rollen. Kein flehendes Gretchen, keine schmachtende Julia haben sie je gereizt. Auch wenn die Luise Miller in „Kabale und Liebe“ einmal alle Gefühle des Teenagers Ursula Karusseit freilegen sollte. Es war ihr nicht in die Wiege gelegt, dass sie einmal zu den bekanntesten Schauspielerpersönlichkeiten des DDR-Theaters gehören würde. Ursula Karusseit kam am 2. August 1939 im westpreußischen Elbing (Elbląg heute Polen) zur Welt. Am 1. September überfiel Hitler Polen, der zweite Weltkrieg war angezettelt. Sie war fünf, als Oma, Tante und Mutter mit ihr und den drei Geschwistern im Januar 1945 vor den nahenden Russen floh. Eigentlich sollte sie mit der „Wilhelm Gustloff“ wie Tausend andere aus den deutschen Ostgebieten über die Ostsee evakuiert werden. Als sie in Gotenhafen ankamen, war das Schiff überfüllt. „Das war unser Glück, es rettete uns das Leben“, erzählt Ursula Karusseit. Denn am 30. Januar 1945 wurde die „Gustloff“ von russischen Torpedos vor der Küste Pommerns versenkt, 9000 Menschen ertranken in der Ostsee.

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„Stunde der Töchter“ 1980 war ein wenig gelobter Gegenwartsfilm, weil zu klischeehaft. Ursula Karusseit spielte eine Ingeneurin auf der Ostseewerft FotoDEFA-Stiftung/F. Bredow, K. Zähler

Die Erlebnisse der Flucht haben sich dem fünfjährigen Mädchen tief eingeprägt. „Es war ein eiskalter Winter, minus 15 Grad, als man uns holterdipolter rausjagte. Wir konnten nichts mitnehmen, nicht mal die Kuchen, die Mutter als Wegzehrung gebacken hatte. Ich höre noch meine Oma rufen: Da, guck unterm Schnee, ein Schlitten! Aber das war der erste Tote, den ich sah“, erinnerte sie sich. Vom Hafen waren sie zum Bahnhof gezogen, wo Güterzüge für die Flüchtlinge aus Ostpreußen bereitstanden. „Die Menschen hingen auf den Waggondächern an den Schornsteinen, um sich zu wärmen. Die Räder waren an den Gleisen angefroren. Als die  Züge mit einem Ruck anrollten, fielen die Leute herunter“, schilderte sie mir ihre Erinnerungen. Während sich Oma, Tante und Mutter angstvoll sorgten, ob sie überleben werden, sahen die Kinder das als Abenteuer.  „Wir haben die Tragik des ganzen ja gar nicht erfasst.“

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In dem Märchenkomödie „Die vertauschte Königin“ war sie 1984 in der Doppelrolle Königin/Schmiedin zu sehen Foto: DEFA-Stiftung Siegfried Skoluda

Sie landeten in Parchim, wo sie der Vater nach seiner Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft 1946 fand. Der Stellmacher ernährte seine Familie mit dem Schnitzen von Holzpantinen, bis er dem Aufruf Neulehrer in Gera zu werden folgte. „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, aber immer fröhlich.“ Die Eltern, streng gläubige Baptisten, erzogen ihre Kinder zu Bodenständigkeit, Wahrhaftigkeit und Widerstand gegen den schönen Schein. Das hat sich im Leben von Ursula Karusseit nie verloren. Aber die Eltern hatten kein Verständnis für den Wunsch ihrer jungen Tochter, ins Theater zu gehen, geschweige denn, Schauspielerin zu werden. Theater war für sie ein Ort der Leichtfertigkeit und Sittenlosigkeit. Ein einziges Mal besuchte Ursula Karusseit in Gera eine Theatervorstellung. Man zeigte „Kabale und Liebe“. Ein Erlebnis, das sie seelisch und emotional mitnahm und vielleicht ihren künftigen Lebensweg vorzeichnete. Wo die Keime dafür lagen, wusste die Schauspielerin nicht zu sagen. Lachend zitiert sie Goethe: „Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen. Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“

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Die Karusseit als Schmiedin in der DEFA-Märchenkomödie „Die vertauschte Königin“ Foto: DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Sie bewarb sich heimlich für ein Schauspielstudium, während sie brav nach dem Gebot des Vaters Stenotypistin lernte und einige Jahre in einer Maschinenfabrik WMW in Gera als Sachbearbeiterin arbeitete. Nebenher spielte sie heimlich im Laienkabarett. Sie musste den Vater für alles um Genehmigung bitten. Als die Zulassung zum Studium kam, erhob sie die inzwischen 21-Jährige das erste Mal gegen ihre Eltern. Als die sie dann aber im März 1962 in der Fernsehaufzeichnung des Max-Frisch-Dramas „Biedermann und die Brandstifter“ sahen und die Ernsthaftigkeit des Berufs begutachten konnten, drehte sich ihre Meinung um 180 Grad. Während ihrer Filmarbeiten für „Wege übers Land“ 1968 ließ die Mutter den Vater wochenlang allein zu Haus, fuhr mit an die Drehorte in Mecklenburg, um sich ihren neun Monate alten Enkel Pierre zu kümmern.

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Unvergessen bleibt sie als Gertud Habersaat in Helmut Sakowskis fünfteiligem Fernsehroman „Wege übers Land“ Foto: Privatarchiv Karusseit

In  55 Jahren hat Ursula Karusseit ungezählte Theater- und Filmrollen gespielt, die Figuren mit ihrer Schauspielkunst geprägt. Hat uns Gesichter ins Gedächtnis gebrannt wie die Gertrud Habersaat in „Wege übers Land“. Auch nach der Wende hatte sie immer zu tun . Sie „besaß nicht den Hochmut, Rollen, seien sie auch klein, abzusagen“.  Eine Rolle hätte sie jetzt gern noch gespielt: eine Figur wie Marple, eine schrullige alte Dame mit Köpfchen und Ambitionen… Das wäre ihre Altersrolle gewesen.

 

Wer ist eigentlich Frau Puppendoktor Pille?

Als Urte Blankenstein vor 50 Jahren im „Abendgruß“ des DFF ihre erste Sprechstunde als Puppendoktor Pille abhielt, hatte ich gerade mein Volontariat beim Fernsehen begonnen, war der Sandmännchen-Gemeinde also lange entwachsen. Eines Sonntags saß ich dann aber doch einmal justament vor dem Fernseher, als Puppendoktor Pille Dienst hatte. Ich guckte und horchte – etwas irritierte mich. Stimme, Aussehen – das passte zu meiner Erinnerung, die zehn Jahre zurück lag, und auch wieder nicht. Ist sie es oder ist sie es nicht, „meine“ Puppendoktor Pille?

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Von 1959 bis 1963 hielt Helga Labudda als Puppendoktor Pille im Abendgruß ihre Sprechstunden ab. Die Schauspielerin starb 2014 Quelle: Privatarchiv

Es war nicht Helga Labudda, die ich als Puppendoktor Pille kannte. Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment der Erkenntnis ein kleines bisschen traurig war. Aber so ist das, wenn sich Gewohntes plötzlich verändert. Sie hatte die Figur 1959 eingeführt und ziemlich schnell die Zuschauerkinder erobert. Wenn sie sich am Schluss der Sendung mit der freundlichen Aufforderung verabschiedete: „Habt Ihr Kummer oder Sorgen, dann schreibt gleich morgen an Frau Puppendoktor Pille mit der großen klugen Brille …“, konnte die Abendgruß-Redaktion gewiss sein, dass ihr die Briefe zuhauf auf den Tisch flatterten. Nach Helga Labudda füllte Schauspielerin Angela Brunner fünf Jahre diesen Platz aus.

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Urte Blankenstein 1968 als„Puppendoktor Pille“ im Abendgruß des DFF Foto: Privatarchiv

1968 übernahm schließlich Schauspielerin Urte Blankenstein Stethoskop und Arztkittel und hat beides bis dato nicht abgelegt. Nicht mehr auf dem Bildschirm, ihre Abendgrüße wurden 1988 eingestellt. Das tat weh. Vor allem die Begründung war makaber. „Man wollte wegen der großen Beliebtheit der Figur nicht riskieren, dass es bei meinem Ableben zu einer solchen Staatstrauer kommt wie 1976 beim Tod von Eckhart Friedrichson, der den Meister Nadelöhr gespielt hatte. Ich war damals 44!“
Trost waren ihr ihre Bühnen-Programme für Kinder, mit denen sie schon seit 1970 als Puppendoktor Pille in Schulen, Kindergärten, auf Stadtfesten aufgetreten ist. Ihre Texte und Lieder schreibt und bearbeitet sie am Computer selbst. Sie war 50, als sie sich die neue, die digitale Technik angeeignet hat. „In meinen Vorstellungen, die kleine, interaktive Theaterstück sind, geht um Gesundheit, Sport, Spiel, alles eingebettet in Musik. Ich spreche die Kinder an und nehme sie mit in eine Stunde, in der sie Spaß haben und ganz nebenbei etwas lernen. Sogar die, die sonst Rabauken sind oder schüchtern, machen mit.“ Das hält die 75-Jährige selbst fit. „Als ich 50 geworden war, dachte ich, dass ich nicht ewig Pille sein kann. Inzwischen verschwende ich daran keinen Gedanken mehr“, fügt sie hinzu.

Urte Blankenstein steht mit einem so strahlenden Gesicht in ihrer kleinen Wohnung am Berliner Sterndamm, das keinen Zweifel an dem Gesagten zulässt. Sie trägt heute nicht ihren weißen Kittel und hat auch die Zopfperücke nicht aufgesetzt. Ich erlebe „Puppendoktor Pille“ ganz privat. Mit blondem Lockenschopf statt braunen Zöpfen mit weißer Schleife, in Jeans und Bluse. So, wie sie die Leute auf der Straße und beim Einkauf sehen – und über Jahrzehnte nicht erkannt haben. Bis zur Wende wussten nicht einmal ihre Nachbarn im Haus, in dem sie seit 1978 wohnt, um ihre Profession als „Pille“.

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Schauspielerin Urte Blankenstein 2018 Foto:Uwe Toelle/SUPERillu

Auf dem Tisch steht eine verlockende Erdbeer-Bananen-Torte mit scheinbaren Sahnehäubchen. Erdbeermatsch nennt sie ihre Kreation. Unserem Versprechen, dass wir es uns schmecken lassen werden, begegnet sie mit einer Warnung. „Stellt euch nicht auf Süßes ein. Was aussieht wie Sahne ist Mozzarella, die Schokoladensoße über den Früchten ist eine Vinaigrette aus Balsamico, Ingwer und Pfeffer.“ Mental gerüstet langen wir zu und sind hin und weg. Es wird ein langer Besuch. Urte Blankenstein kramt aus ihren Erinnerungen immer mehr hervor. Ihre Gedanken springen, produzieren Lücken, die mir beim Schreiben auffallen. Viele Mails gehen hin und her. Die letzte erhielt ich eben.  Der Text war schon online. Doch nun ist wohl alles stimmig.

Ihre Kindheit begann in keiner guten Zeit. Drei Tage vor Weihnachten 1943 kam Urte Blankenstein in der ostpreußischen Hafenstadt Pillau – heute Baltisk – zur Welt. Es war das vierte Jahr des zweiten mörderischen Weltkrieges, den Deutschland entfacht hatte. Mit Beginn des Jahres 1944 ging es für die deutschen Truppen nur noch rückwärts. Im Westen stießen die Alliierten England, USA und Frankreich gegen Deutschland vor, im Osten die Rote Armee. In den deutschen Ostgebieten setzte eine riesige Fluchtwelle ein. Zehntausende verließen Haus und Hof, um ihr Leben zu retten.

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Urte und ihre zweijährige Schwester Elke im Februar 1944 Foto: Privatarchiv

Am Abend des 24. Januar 1945 drängten sich im Hafen von Pillau die Menschen zu Hunderten. Alle hofften, über die Ostsee in Sicherheit zu gelangen.  Der ausrangierte Reichspostdampfer „Pretoria“, der seit 1940 als Marine-Wohnschiff am Pier lag, diente nun als Flüchtlingsschiff.  Urtes Familie  hatte Glück und kam an Bord. Als Lotse durfte ihr Großvater seine Angehörigen in einer Kabine unterbringen und sie mussten nicht wie andere Passagiere in der Eiseskälte auf den Planken ausharren. Nach sieben Tagen und Nächten erreichten das Schiff unbeschadet Stettin. Endstation für die  Flüchtlinge aus Ostpreußen, die von da an sich selbst überlassen waren. Über 9.000 Passagiere des Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“, das zur gleichen Zeit mit etwa 10.300 Menschen unterwegs war, hatten nicht so viel Glück.  Für sie wurde die Ostsee vor der Küste Pommerns am späten Abend des 30. Januar zum Grab. Russische Torpedos versenkten den Dampfer. Etwa 1200 Menschen konnten aus dem eisigen Wasser lebend geborgen werden.

Stettin war von englischen Luftangriffen schwer zerstört, die Versorgung mit Lebensmitteln schlecht, als Suselene Blankenstein mit ihren Kindern die „Pretoria“ verließ. Sie wollte zu Verwandten nach Wismar. Ihre Eltern und Schwiegereltern  flüchteten weiter nach Hamburg. Urtes Schwester Elke litt an Kinderlähmung. Sie brauchte einen Arzt und Medikamente. Zwei Wochen fanden Suselene Blankenstein und die Mädchen in Stettin Aufnahme bei einer Familie. Im Februar 1945 wurde die deutsche Bevölkerung aus der Stadt evakuiert. „Mit Hunderten anderer Flüchtlinge  quetschte sich meine Mutter mit uns in einen Güterzug in Richtung Hamburg. In Bad Kleinen sind wir ausgestiegen, dann ist sie mit uns an der Hand bis Wismar zu Fuß weiter. Im Nachhinein bewundere ich diese Frau, die sich ohne Mann durch den Krieg und das schwere Leben danach geschlagen hat“, sagt Urte Blankenstein.

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Wismar 1946. Urte (l.) und ihre Schwester Elke (r.) spielten mit einem kleinen Nachbarskind in den Trümmern. Foto: Privatarchiv

Irgendwann kamen sie in Wismar an. Eigentlich hätte sich Suselene Blankenstein mit ihren KIndern wie alle Kriegsflüchtlinge auf dem Land ansiedeln müssen. Doch da es dort an medizinischer Versorgung fehlte, auf die die dreijährige Elke angewiesen war, bekamen sie in der Stadt ein Zimmer mit Kochstelle. Toilette und den Ausguss zum Abwaschen musste sich Suselene Blankenstein mit etlichen anderen Mietern auf dem Flur teilen. „Eine Schlimme Zeit. Wir aßen vergammeltes Gemüse, weil es kaum etwas zu essen gab. Und dann hat jemand unseren einzigen Kochtopf geklaut“, weiß Urte von ihrer Mutter. Sie sprach mit ihren Töchtern oft über die Ereignisse, die ihr Leben und das der Mädchen gelenkt hatten. „Das war Elke und mir auch wichtig, weil wir wissen wollten, was unsere Kindheit geprägt hat.“ Urte war damals anderthalb Jahre. Zu klein, um sich selbst zu erinnern. Aber eins hat sich ihr ins Gedächtnis gepflanzt. Der Duft und der Geschmack von Bratäpfeln. „Im obersten Stock des Hauses wohnte ein alter Zahnarzt. Zu ihm durften wir Kinder manchmal hoch. Er hat dann für uns Bratäpfel gemacht.“

Die schweren anglo-amerikanischen Luftangriffe auf Wismar in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 überlebte Suselene Blankenstein mit ihren Kindern unversehrt. Nach Kriegsende erhielten sie eine Zwei-Zimmerwohnung mit Küche unterm Dach. Oft stand Urte auf einem Küchenstuhl und guckte mit ihrer Schwester durch die Dachluke. „Elke zeigte nach draußen und sagte zu mir: Da, das ist die Welt! Das werde ich nie vergessen: Ich sah aus der Dachluke die Welt.“

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Elke und Urte im September 1949. „Wir hatten eine glückliche Kindheit“, sagen die Schwestern heute. Foto: Privatarchiv

Suselene Blankenstein hatte in Wismar eine Stelle als Schreibkraft am Gericht bekommen, weil sie perfekt Sütterlin lesen und Maschine schreiben konnte. Fast alle Dokumente waren damals in dieser Schreibschrift verfasst.  Urte und ihre Schwester wusste die Mutter im Kindergarten gut aufgehoben. Von der Not der Nachkriegszeit bekamen die Mädchen nichts mit. Es gab zu essen, sie spielten. Verschmitzt erzählt die Schauspielerin von ihren seltsamen Berufswünschen, die sie damals hatte. „Ich verliebte mich in einen kleinen dicken Jungen, den Sohn vom Bäcker. Eines Tages hatte er sich ein Bein gebrochen, und ich habe für ihn geweint. Irgendwann stand für mich fest, ich werde Bäckersfrau. Dann wollte ich Förstersfrau werden, um den kleinen Rehen die Flasche zu geben. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mir noch alles aussuchte.“ Sie hält einen Moment inne. „Aber ich wollte immer Frau werden, fällt mir gerade auf.“ Nun ja, irgendwie hat sich das auch erfüllt. Sie wurde Frau Puppendoktor.

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Ihre Abendgrüße hat sie auf Videos gesammelt Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Der Vater spielte in Urtes Leben keine Rolle. Er arbeitete während des Krieges als Bauingenieur in München und kehrte nicht zu seiner Familie zurück. Die Eltern wurden geschieden, und Suselene Blankenstein sorgte so gut sie konnte für ihre Kinder. „Meine Mutter hatte von zu Hause einen Koffer voll Wolle mitgenommen, aber die Stricknadeln vergessen. Mit Fahrradspeichen strickte und häkelte sie für uns, verkaufte Wollsocken an die Russen. Die Kaserne war auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir waren arm, haben uns aber nie so gefühlt.“ Urte erinnert sich, wie sie auf der Straße gekreiselt und Ball gespielt haben. Als sie vier oder fünf Jahre alt war, schenkte ihr die Mutter eine Puppe mit einem Porzellankopf. Der hatte mitten durch das Gesicht einen Riss. „Zu Weihnachten oder zum Geburtstag bekam die Puppe neue Strickkleidchen. Das waren unsere Geschenke. Und wir haben uns darüber gefreut. Ein Fahrrad hätten Elke und ich gerne gehabt, aber das konnte sich Mutti nicht leisten.“ Die Schauspielerin kann bis heute nicht Radfahren.

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Oktober 1951. Die Schwestern leben im Kinderheim Salzemen, nahe Magdeburg, wo ihre Mutter studiert.  Foto. Privatarchiv

Suselene Blankenstein war eine selbstbewusste, gebildete Frau. Sie wusste, dass sie nur mit einem Beruf das Leben für sich und Kinder ohne Sorgen gestalten kann. Wie die meisten jungen Mädchen aus gut bürgerlichem Hause hatte sie Hauswirtschaft gelernt und war auf die Ehe vorbereitet worden. In der DDR standen ihr die Wege nun offen, etwas zu lernen, das für sie einen Sinn machte. Im Januar 1951, da war sie 36 Jahre alt, nahm sie ein Studium an der Medizinischen Fachschule in Magdeburg auf und machte eine Ausbildung zur Krebsfürsorgerin. Da es keine Verwandten oder sonst jemanden gab, der sich um ihre Kinder kümmern konnte, verbrachten Urte und Elke die vier Jahre während des Studiums der Mutter im Kinderheim. Zuerst in Elbenau, wo sie ein Jahr blieben, weil die Dorfschule nur drei Klassen hatte. „Im September 1951 kam meine Schwester in die vierte Klasse, und wir zogen um nach Salzelmen“, erinnert sich Urte. Das Heim gibt es nicht mehr. Die Schwestern haben es in bester Erinnerung. „Es ging uns dort sehr gut. Wir hatten Schweine, Schafe und Hühner. Ich habe Schafe gehütet, und für die Hühner haben wir Engerlinge gesammelt. Es fehlte uns an nichts.“

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Das Kinderheim Elbenau mit dem Dorteich davor. Urte Blankenstein erinnert sich gut daran, wie sie im Winter über den Teich geschlittert sind. Foto frei: Quelle http://www.elbenau.de/geschichte/

An den Wochenenden fuhren die Schwestern mit der Straßenbahn nach Magdeburg und besuchten ihre Mutter im Studentenwohnheim. Die Leiterin des Kinderheims in Salzelmen, in dem 30 Kinder lebten, hieß Frau Heuer. „Ihr verdanken wir unsere erste musische Bildung. Wir hatten einen Chor, in dem Elke und ich solo oder zweistimmig sangen. Bei Ausscheiden heimste unser Chor immer Preise ein“, schwärmt Urte. So legten die vier Jahre, die die Schwestern in Salzelmen verbrachten, den Grundstein für ihre Zukunft. Elke studierte Opernregie und Urte ist Schauspielerin geworden.

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Dieses Zeitungsfoto zeigt Urte (r.) und ihre Schwester Elke (M) im Ferienlager. Sie hat es aufbewahrt. Faksimile / Privatarchiv

1954 zog Suselene Blankenstein mit ihren Kindern nach Schwerin. Sie arbeitete für die Stadt als Krebsfürsorgerin. Ihre neue Wohnung lag in der Straße zum Theater. Urte ging in die 5. Klasse, als sie das erste Mal daran dachte, Schauspielerin zu werden. Erzählt hat sie das keinem. Sie zog es vor, als Berufswunsch Dramaturgin anzugeben, wenn sie gefragt wurde. „Das klang nicht so versponnen. Außerdem war ich so naiv zu glauben, dass man mich schon entdecken würde, wenn ich erst mal am Theater bin“, erklärt sie. „Hätte ja sein können.“
Dass sie das Zeug zur Dramaturgin hatte, erschien weder Lehrern noch Mutter abwegig. Urte glänzte in der Schule mit ihren Aufsätzen, beeindruckte in Geschichte durch ihre sehr lebendigen Erzählungen. Sie inszenierte mit ihren Mitschülern  Sketche, die sie selbst schrieb. Einige hat sie noch und lacht: „Die waren grauenhaft.“

Mit fünfzehn begann sie im Schweriner Arbeitertheater „Kolonne Links“ mitzuspielen, war mit Feuereifer dabei. Hier konnte sie erste Bühnenerfahrung sammeln, ihr schauspielerisches Talent testen. „Wir spielten Stücke von Hans Sachs, ,Anne Frank‘, Brechts  Mutter Courage“, erzählt sie. Als sie im Sommer 1960 ihren Schulabschluss in der Tasche hatte und sich in Berlin bei der Schauspielschule „Ernst Busch“ meldete, musste sie jedoch eine große Enttäuschung hinnehmen. Die Aufnahmegespräche für das Studienjahr 1960/61 waren schon abgeschlossen. „Ich musste nun auf die Termine im Jahr darauf warten.“ Lang wurde ihr die Zeit nicht. Die Arbeit am Theater nahm sie voll in Anspruch. „Wir probten oft bis spät abends, bauten anschließend noch die Kulissen für die Aufführungen.“ Da ihre Mutter nach Kleinmachnow umgezogen war,  musste die 17-Jährige allein zurechtkommen. Ihre Schwester Elke studierte inzwischen an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Berlin. Ihren Unterhalt verdiente sich Urte im „VEB Vorwärts“, einem großen Autoreparaturbetrieb. Manchmal war sie tagsüber so müde, dass sie während der Arbeit heimlich aufs Klo verschwand, um mal kurz zu schlafen.

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Vier Stunden erzählte mir Urte Blankenstein aus ihrem Leben. Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

1961 packte  Urte Blankenstein ihre Sachen und zog zur Mutter nach Kleinmachnow. Sie wagte einen neuen Versuch an der Schauspielschule in Berlin, diesmal rechtzeitig. Ihre Hoffnung auf das Schauspielstudium zerschlug sich nach dem Vorspielen. Sie wurde abgelehnt. Ungeeignet, sagte man ihr. Doch so ganz hatte sie ihren Traum nicht begraben. „Ich blieb bei meiner Mutter in Kleinmachnow und habe dort ein Dreivierteljahr im Säuglingsheim gearbeitet. Die Kinder waren Waisen oder von ihren Eltern zurückgelassen worden, als die vor Grenzschließung 1961 in den Westen geflüchtet sind. Unvorstellbar! Manche wurden in letzter Minute gefunden.“ Urte holt tief Luft, bevor sie sagt: „Wir waren glücklich, wenn ein Kind adoptiert wurde. Deshalb erbost es mich, wenn heute nur von Zwangsadoptionen und schlimmen Zuständen in DDR-Heimen gesprochen wird. Das gab es, und man soll es nicht vom Tisch wischen. Nur haben viele Heimkinder, wie meine Schwester und ich, andere Erfahrungen gemacht.“

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Hunderte Frösche bevölkern die Wohnung der Schauspielerin. Mitbringsel und Geschenke ihrer Fans  Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Eine Geschichte berührt sie noch immer. Tränen stehen ihr in den Augen, wenn sie sie erzählt. 1984 bis 1988 moderierte sie die Fernsehsendung „Von Polka bis Parademarsch“. Dabei lernte sie den Dirigenten des Orchesters des Wachregimentes kennen. „Ein sympathischer Mann Ende Dreißig. Seine Mutter ist in den Westen abgehauen. Ihn und seine kleine Schwester hatte sie zu Hause eingeschlossen. Die Wohnung lag im dritten Stock, er konnte nicht aus dem Fenster klettern, um Hilfe zu holen. Weil sie nichts zu essen hatten, zerkaute er Papier und steckte es seiner Schwester in den Mund. Zum Glück wurde ein paar Tagen später ein Gerüst vor dem Haus aufgebaut. Darüber ist er rausgeklettert. Die beiden kamen ins Heim. Ihm wurde ermöglicht ein Instrument zu erlernen und Musik zu studieren. Von solchen Geschichten hört und liest man in den Medien so gut wie nichts. Das macht mich wütend.“

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Diese Käthe-Kruse-Puppe bekam Urte Blankenstein von einem Fan geschenkt. Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Nun ist Kleinmachnow mit seiner Nähe zu Berlin ein Ort, der immer schon Intellektuelle, Künstler, Schauspieler und Schriftsteller angezogen hat. Das Einwohnerverzeichnis nennt aus der Zeit, in der Urte Blankenstein dort wohnte, prominente Namen wie Herbert Köfer, Agnes Kraus, Helga Göhring, Gisela Steineckert, Christa und Gerhard Wolf, Maxi und Fred Wander. Urte Blankenstein weiß nicht mehr, wer ihr den Tipp gab, sich doch beim Nachwuchsstudio des Fernsehens in Adlershof zu bewerben. Gereift, mit mehr Lebenserfahrung, stellte sie sich dort vor und begann 1964 endlich die langersehnte Schauspielausbildung. Sie zog nach Berlin und lernte ziemlich bald den 16 Jahre älteren Rundfunkjournalisten Günther Kuhfeld kennen. Er imponierte ihr mit seinem Wissen. „Ich hörte ihm staunend zu, wenn er mir die Welt erklärte, die Sterne, die Natur.“ So, wie es vielleicht ihr Vater getan hätte. Sie heirateten, 1965 kam ihr Sohn Mathias zur Welt.

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Im Kleist Theater Frankfurt/Oder spielte sie 1966 das „Aschenputtel“ Pressefoto/Privatarchiv

Ihr erstes Engagement bekam die junge Mutter 1966 am Kleist-Theater in Frankfurt/Oder. Ihre erste Rolle war das „Aschenputtel“. Sie spielte damals schon gern für Kinder. „Sie sind in Reaktionen so direkt, gehen mit den Figuren mit. Jede Vorstellung brachte Überraschungen“, erinnert sich die Schauspielerin. Dennoch, wirklich glücklich war die damals 23-Jährige  nicht. „Manchmal fühlte ich mich überfordert. Ich hatte meinen kleinen Sohn bei mir und musste für die Vorstellungen jemanden finden, der ihn abends betreut.“  Einmal war sie so fertig, dass sie heulte, weil sie sich auf der Bühne eine Laufmasche geholt hatte. Bei ihrem Mann fand sie keine Ermutigung, keine Hilfe. Im Gegenteil. Er redete alles klein, was sie machte. Die psychische Belastung wollte sie sich und ihrem Sohn, der sehr unter den Spannungen litt, nicht auf Dauer antun. Sie trennte sich von ihrem Mann. 1969 wurden sie geschieden.

Im Sommer 1967 war Urte Blankenstein nach Berlin zurückgekehrt. Günter Puppe, ein Regisseur des Kinderfernsehens, auf der Suche nach einer jungen Schauspielerin für die Hauptrolle seiner Sendung „Eine Reise mit Hein Pöttgen“, hatte sie als Aschenputtel gesehen und fand, sie würde passen. „Er lud mich zum Vorsprechen ein, was eher ein Vorsingen war, bei dem ich vor Aufregung kaum einen Ton herausbracht“, erinnert sich die Schauspielerin.  Sie bekam die Rolle der Puppe Kathrinchen trotzdem. Mit Helga Piur und Horst Torka als Spielgefährten und Dieter Perwitz, später Klaus Bergatt, als Hein Pöttgen, ging sie im Studio Adlershof auf lustige Seefahrt. Nun war sie da, wo sie eigentlich hingewollt hatte: beim Fernsehen.

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So kennen die Kinder heute Urte Blankenstein alias Puppendoktor Pille Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Die Sendung lief immer am Sonntagnachmittag. Der Zufall wollte es, dass in dieser Zeit die Schauspielerin Angela Brunner als Puppendoktor Pille im Abendgruß des Sandmanns abgelöst werden sollte. Unter 150 jungen Schauspielerinnen wurde Urte Blankenstein ausgesucht, eine zierliche 24-Jährige mit großem Schmollmund und einer sehr sanften, aber markanten Stimme. „Unser Casting bestand darin, dass wir Hustentropfen auf einen Teelöffel Zucker träufeln mussten. Ich habe dabei so gezittert, dass ich erstaunt war, dass man mich genommen hat.“

Dass aus ihren kleinen Abendgruß-Auftritten eine lebenslange Liebe werden würde, hätte die Schauspielerin nimmermehr erwartet, als sie am 12. Juni 1968 zum ersten Mal als Puppendoktor Pille vor der Kamera stand. Im Nachhinein muss man Günter Puppe für sein gutes Gespür loben. Urte Blankenstein war den Kindern 20 Jahre lang in mehr als tausend Sendungen eine tröstende, Rat gebende und vertrauensvolle Freundin. Doch nicht nur für die kleinen Fernsehzuschauer. Oft baten Eltern um pädagogische schreibt dieHilfe per Bildschirm. Dann hat die Redaktion die Abendgruß-Sprechstunde auf das Problem zugeschnitten. „Am Anfang“, sagt die Schauspielerin, „war es nur eine Rolle, die ich gespielt habe, die mir Spaß machte, weil ich gern mit Kindern umgehe. Doch mit jedem Jahr mehr ist sie tiefer in mein Leben eingeflossen. Sie macht mich aus.“ Schon deshalb kann sie  „Pille“ „Pille“ nicht sein lassen.

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Von 1967 bis 1969 lief die Sendung „Reise mit Hein Pöttgen“ im DDR-Kinderfernsehen mit Urte Blankenstein als Kathrinchen und Klaus Bergatt als Hein Pöttgen Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Als die Sendereihe „Reise mit Hein Pöttgen“ 1969 auslief, hatte sie außer den Dreharbeiten zwei-, dreimal im Jahr für den Abendgruß nichts. Die inzwischen alleinerziehende Mutter brauchte ein regelmäßiges Einkommen. Und wieder war es Regisseur Günter Puppe, der ihr eine Perspektive gab. Als Regie-Assistentin drehte sie mit ihm die wöchentliche Satire-Sendung „Tele“-BZ“ (lief bis 1971), in der sie auch als Schauspielerin in Tochterrollen agierte. Andere Unterhaltungssendungen kamen dazu. „Ich habe als Assistentin die Kuss-Umfrage für die Unterhaltungssendung ,Außenseiter – Spitzenreiter‘ gemacht, einmal im Jahr Tele-Lotto moderiert. Es war alles sehr abwechslungsreich“, erzählt Urte Blankenstein. Nur in Fernsehfilmen hat  man die Schauspielerin nicht besetzt. Die Zuschauer würden in ihr nicht die Rollenfigur sehen, sondern Puppendoktor Pille, hieß es. Zwei Unterhaltungssendungen machten sich ihre Popularität zu nutze. Von Mitte der 80er Jahre bis zum Ende des DDR-Fernsehens 1991 führte Urte Blankenstein als Moderatorin durch die Sendungen „Von Polka bis Parademarsch” und die Operettensendung „Musikalisches Intermezzo“. „Ich habe dabei unglaublich viel über Musik gelernt“, schwärmt sie.

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 Lieder und Texte schreibt sie selbst Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

1969 hatte sie begonnen, sich ein Live-Programm für „Puppendoktor Pille“ zu erarbeiten. Ein Jahr hat es gedauert, dann ging sie damit auf die Bühne. Lampenfieber, Herzklopfen und die bange Frage: Wie nehmen die Kinder die Fernsehfigur in der Realität an? Die Premiere konnte nicht besser laufen. Was danach folgte, hätte sie sich nicht schöner erträumen können. Keine Veranstaltung, nach der die Kinder nicht am Bühnenausgang auf ihre Puppendoktor Pille warteten, sie mit Fragen löcherten. Das beflügelte Urte Blankenstein, und sie wagte 1981 den Schritt in den Westen. Zuerst in einer gemeinsamen Show mit Dr. Peter Kersten, dem berühmten Zauberpeter. Doch sie merkte sehr schnell, dass sie es auch allein schafft.

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Frosch Quaki ist Urte Blankensteins Spielpartner, der den Kindern im Saal nur Unsinn beibringen will. Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

„Zunächst hatte ich Angst vor den antiautoritär erzogenen Westkindern“, blickt sie zurück. „Aber ich habe das große Glück, für ein Alter zu spielen, in dem sie noch ganz offen sind, unverbildet, wissbegierig und zutraulich. Die Kinder im Westen waren nicht anders als die bei uns. Heute sehe ich es als großes Geschenk, dass mir die Rolle gegeben wurde.“ Allerdings durfte Urte Blankenstein außerhalb der DDR nicht als Puppendoktor Pille auftreten. Also nannte sie sich Frau Puppendoktor Spiel-Spaß. Den Kindern war es egal. Durch ihre guten Verbindungen zu Veranstaltern in der alten BRD blieb der damals 57-Jährigen nach der Wende Arbeitslosigkeit erspart. „In den ersten zwei Jahren bin ich mit meinem Kinderprogramm verstärkt in die Städte im Westen gegangen, in denen ich schon zu DDR-Zeit aufgetreten war. Ich hatte zwar mein zweites Standbein beim DDR-Fernsehen als Moderatorin für die Musiksendungen „Von Polka bis Parademarsch“ und „Klassisches Intermezzo,“ doch damit war’s mit dem Aus des DFF 1991 vorbei. Pille hat überlebt.“ Sie lacht. „Das hätte ich nie geglaubt.“ In den heimischen Gefilden fasste sie wieder Fuß, als Veranstalter Mario Behnke vom Show Express Könnern sie entdeckte.

Ein böser Traum ereignete sich 2014, als Helga Labudda, die erste Puppendoktor Pille, starb. In großen Lettern prangte auf der Titelseite einer Zeitung: „Puppendoktor Pille ist tot“. Da stand zwar Helga Labudda in der Unterzeile, aber kaum jemand wusste, dass die heutige Puppendoktor Pille Urte Blankenstein heißt. „Anfangs habe ich noch lachen können“, sagt sie, „später bin ich erschauert. Die Reaktionen der Menschen waren überwältigend und beängstigend zugleich. Menschen haben auf Facebook über mich so emotional und bewegend geschrieben, dass es mir sehr nahe ging. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, denn es wurden auch Veranstaltungen abgesagt. Ich musste beweisen, dass ich noch am Leben bin.“

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Urte Blankenstein zeigt uns den Zeitungsartikel, der sie von den Toten auferstehen ließ. Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

Ein befreundeter Journalist aus dem Schwarzwald, mit dem sie viele Benefizveranstaltungen für krebskranke Kinder gemacht hat, rückte mit einem Artikel bei DPA alles wieder zurecht. Immer wieder spürt Urte Blankenstein, wie sehr sie, respektive Pille, in den Kindheitserinnerungen vieler Erwachsener verankert ist. „Ein Taxifahrer sagte mir neulich, dass er mich an meiner Stimme und den Augen erkannt hätte.“ Puppendoktor Pille ist über die fast 50 Jahre, die Urte Blankenstein in dieser Rolle unterwegs ist, zu ihrer Bestimmung geworden. Eltern und Großeltern geben die Liebe zu ihr an Kinder und Enkelkinder weiter. Nach vielen Mühen ist die Zeit der Ernte gekommen.

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Urte Blankenstein heute und in ihrer Rolle als Kathrinchen 1969 Foto: Uwe Toelle/SUPERillu

 

Rolf Hoppe – er lebte aus dem Körper heraus

Gespräche mit Rolf Hoppe wird es nicht mehr geben. Es waren viele in den 21 Jahren, die wir uns kannten. Und es war uns gegenseitig immer eine Freude, uns in seinem Refugium, einer kleiner Blockhütte in seinem Garten, gegenüber zu sitzen und zu reden oder am Telefon miteinander zu plaudern. So hielten wir zuletzt Kontakt, nachdem er sich aus dem Schauspielerleben zurückgezogen hatte. Am 14. November ist der wunderbare Mensch und hochverehrte Schauspieler von dieser Welt gegangen. Still und leise im Einklang mit sich und den geliebten Menschen, die er zurückließ. „Ich bin ein Harmonisierer, ich will keine Aggressivität“, beschrieb er mir seine Art zu leben. In drei Wochen hätte er seinen 88. Geburtstag gefeiert. Die Kraft reichte nicht mehr bis dahin und weiter. Wie ich es ihm vor einem Jahr noch gewünscht hatte. Er entgegnete mir mit dem ihm eigenen Realitätssinn: „Ach, weißt du, man darf nicht vergessen, dass es doch ein schönes Alter ist, 87 zu sein. Und so lange es so geht, wie es geht, ist es gut. Da arbeite ich auch noch ein bisschen. Und wenn es nicht mehr weitergeht, werde ich es schon merken.“ Er lachte und sagte mit seiner sanften Stimme „Tschüss, danke für den Anruf“.

Im Sommer 2015 habe ich Rolf Hoppe anlässlich seines 85. Geburtstages interviewt. Wie immer fand das Gespräch in seinem Refugium statt. Im Hintergrund Bilder seiner Rollen. © York Maecke

Zu Ostern telefonierten wir noch einmal. Es klang nicht, als wäre es das letzte Mal. Er freute sich, dass es in seinem Garten wieder zu grünen und zu blühen begann. Jeden Strauch, jeden Apfelbaum, jedes Pflänzchen sind ein Stück von ihm. Er hat sie selbst gepflanzt, im Laufe der Jahre eine Steingartenlandschaft mit seinen Mitbringseln aus aller Herren Länder angelegt. Das Blockhaus mit dem Garten im Schönfelder Hochland bei Dresden war so ein Traum von ihm, den er sich mit 61 Jahren erfüllt hat. „Ein Irrsinn, sich als alter Zausel noch ein solches Haus zu bauen“, erklärte er mir mit einem Schmunzeln und Leuchten in den Augen, als ich ihn 1997 das erste Mal besuchte. Wir wanderten damals durch seine grüne Oase, und er erzählte mir von seiner Kindheit im Harzstädtchen Ellrich, wo er am 6. Dezember 1930 wie ein  Nikolausgeschenk für seine Eltern zur Welt kam.

Am Rande von Dresden schuf Rolf Hoppe für sich und seine Familie eine grüne Oase. © York Maecke

Der Vater besaß eine Bäckerei, die der Sohn übernehmen sollte. So wie der Vater von seinem Vater. Der Gedanke, sein Leben lang Teig zu kneten, war dem Kind aber ein Graus. „In mir steckte schon als kleiner Junge eine große Lust zum Spielen.“ Dennoch lernte er das Handwerk. Rolf Hoppe war acht Jahre als der zweite Weltkrieg in das Leben der Menschen eingriff und es für immer veränderte. „Da, wo ich aufgewachsen bin“, erinnerte er sich. „in Ellrich, war eins der brutalsten Arbeitslager. Dort wurde die V2 hergestellt. Was wirklich passiert ist, wusste ich nicht. Tagtäglich haben die Schornsteine des Krematoriums geraucht. Und nur 500 Meter von meinem Geburtshaus entfernt, im Bürgergarten, war ein KZ. Es ist für mich grauenvoll, wenn ich daran denke.“

Ohne Bart fühlte sich Rolf Hoppe nackt. 2010 musste er ihn für die Rolle eines Stasi-Oberst abnehmen. © Boris Trenkel

Das sind Dinge, die er gern vergessen wollte, es aber nicht konnte. Ellrich war einst eine lebendige Stadt. Der Krieg hatte ihren Menschen das Lachen genommen. Auch ihm selbst. „Ich bin dem Lachen nachgerannt, ich wollte wieder lachen und dass sich die Menschen wieder am Leben erfreuen.“ Darum wollte er Clown werden, aber seine Neigung zum Schauspiel war stärker. „Das Clowneske in mir habe ich behalten. Lachen ist Lebenshilfe, ohne Humor kann der Mensch nicht sein“, sagte er. 

Viele Kämpfe focht er auf in den DEFA-Indianerfilmen mit Gojko Mitic aus. Im Leben waren sie gute Freunde. © Boris Trenkel

Ihn machte es glücklich, wenn die Menschen zu ihm kamen,  ihm zuhörten. Jenseits von Bühne und Kamera liebte er es, in der Erde zu buddeln. Er tat es, solange die Kraft dafür noch da war. „Es ist noch so viel Platz in meinem Garten, ich müsste wieder etwas pflanzen“, sinnierte er, wenn ich ihn bei unseren Telefonaten nach seinem Lieblingsort fragte. Leise, fast ein bisschen traurig, erklärte er dann: „Ich genieße es lieber, in der Sonne zu sitzen, dem leisen Rauschen der Bäume zu lauschen.“ Vor zwei Jahren sprachen wir noch darüber, dass ich im Frühling mit ihm zusammen buddele. Mittlerweile umgibt ein dichter Rasenteppich die zwei Birken vor dem Haus. Er nannte sie Josephine und Christine. Es sind die Lebensbäume seiner beiden Töchter.

Zärtlich drückt Rolf Hoppe seine Friederike an sich. Am 19. August haben sie noch ihren 55. Hochzeitstag gefeiert © York Maecke

Die starke Kiefer ein Stück weiter hinten im Garten taufte er Friederike. „Sie ist stark wie meine Frau, kein Sturm kann sie brechen“, erklärte er mir. Denn ohne seine Frau hätte es sein Leben so, wie es war, nicht gegeben. „Sie war mein Rückhalt, hat unsere Mädels großgezogen, war für ihre Sorgen und Nöte da, während ich durch die Welt schwirrte.“ Wochenlang hat er für die DEFA-Indianerfilme in der Sowjetunion gedreht, in der Mogolei, in Rumänien. Er war in China und Japan, spielte schon zu DDR-Zeiten sieben Jahre in Salzburg den Mammon im „Jedermann“. „Mein Riekchen“, wie er seine Frau liebevoll rief, „hat sich nie beschwert.“ Es war ihm wichtig, dies zu sagen. Rolf Hoppe hat seine Verantwortung für das Glück seiner Familie immer ernst genommen. Dafür hat er viel gearbeitet. Aber das Spielen war ihm auch eine Lust. Wie einem Kind, das sich daran erfreut, wenn es andere mit seinem Spiel begeistert. „Ich will den Menschen, die mir zuschauen, etwas geben, das ihnen hilft, wenigstens eine kurze Zeit den Druck des Alltags zu vergessen, ein bisschen Kraft für sich ziehen.“

Im Juni 2006 besuchte ich Rolf Hoppe bei den Dreharbeiten für die ARD-Serie „Commissario Laurenti“ in Triest, in der er den Pathologen Calvano spielte © York Maecke

Über 400 Rollen füllte Rolf Hoppe Zeit seines Lebens auf der Bühne und vor der Kamera aus. Prall gefüllte Jahre von der Kindheit im Harzstädtchen Ellrich bis zum vielfach geehrten Schauspieler. Zuerst war es das Puppentheater, das er mit zehn Jahren von seinen Eltern geschenkt bekam und das er vor dem Laden des Vaters aufstellte. Mit einem Freund spielte er Grimms Märchen, später wirkte er im Laienzirkel der Antifa-Jugend mit. Zuvor durfte er seiner Leidenschaft für Pferde nachgehen, indem er nach der Befreiung 1945 als Panje-Kutscher für die sowjetische Kommandantur arbeitete. 1951 begann sein Weg auf die Theaterbühnen der DDR und bald zum Film. Nach der Wende erfüllte er sich noch einen dritten großen Traum: Er kaufte einen Dreiseithof und schuf in Weißig das Hoppesche Hoftheater. „Ich wollte ein Theaterchen, ganz klein, wo das Leben nur eine Stufe ist: das gespielte Leben, das geträumte Leben und das wirkliche Leben im Parkett, das ineinander überfließt.“

1983 drehte Rolf Hoppe unter der Regie von Peter Schamoni „Frühlingssinfonie“.  In dem Film geht es um die Liebe zwischen Robert und Clara Schumann. Als ehrgeiziger Vater vereinnahmt er die Tochter (Nastassja Kinski)  @DEFA-Stiftung/Sybille U. Werner

Rolf Hoppe überraschte nicht nur die Zuschauer mit der Vielseitigkeit seines schauspielerischen Talents, das von der diffizilen Darstellung des Generals Göring über Künstler, Professoren und Jidden mit ihrem speziellen Humor bis hin zu gutherzigen Märchenfiguren wie den König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Hans Röckle und der Teufel“ reicht. Rolf Hoppe verfügte über die Gabe einer schönen Ironie. Süffisanz mischte sich mit Verletzlichkeit. Er verstand es, das Boshafte im Guten zu verstecken. „Jeder Mensch besitzt diese zwei Seiten“, sage er, „die Gefährlichkeit liegt darin, dass sich das Böse mit Menschlichkeit tarnt.“

1974 spielte Rolf Hoppe die Titelfigur in dem DEFA-Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ © Icestorm/DEFA-Stiftung/Uwe Fleischer

Man wusste bei ihm nie so genau, was Hoppe und was Rolle ist. Er war in den kleinsten Auftritten authentisch. Ich fragte ihn einmal, ob er es denn wüsste. Da grinste er mich an. „Nee, das ist ja meine Lebensaufgabe, das herauszukriegen. Ich bin ja immer wieder erstaunt und neugierig, wie der Hoppe sich verhält. Ich lebe aus dem Körper heraus, der immer wieder neu ist.“ Nach seinem oscarprämierten Erfolg in István Szabós „Mephisto“ standen dem damals 51-Jährigen die Türen in Amerika offen. Doch es war keine Option für ihn. „Ich kann nur dort leben und spielen, wo ich mit meiner Sprache und meinen Gefühlen zu Hause bin. Ich versuche immer, den Menschen in einer Rolle zu finden. Ich muss in der Sprache auch denken können“, sagte er. Wie ein Hochstapler habe er sich gefühlt, als er mit Volker Schlöndorff 1998 in Florida auf englisch den Psychokrimi „Palmetto“ gedreht hat.

Im Februar 2008 besuchten wir Schloss Wackerbarth bei Radebeul. Im Weinkeller spielte eine Szene des DEFA-Films „Orpheus in der Unterweltmit Rolf Hoppe in der Titelrolle © York Macke

Rolf Hoppe hat den Tod nie aus seinen Gedanken verdrängt. „Ich habe mich in meinem Beruf immer mit der Frage beschäftigt, wo komme ich her, was will ich hier, wo gehe ich hin? Das ist der Kreislauf des Lebens. Der Tod gehört zum Leben. Woher wissen wir, dass er nicht zum Schönsten im Leben gehört? Nur die Frage wie beantworte ich nicht. Vor solchen Gedanken habe ich Angst.“ In den vergangenen beiden Jahren hat er, der immer unermüdlich unterwegs war, ohne Arbeit nicht sein konnte, sich gestattet, sich alle Zeit für sich, für sein Dasein zu nehmen. „Der Beruf war mein Leben, aber mit dem Alter muss man bescheidener werden. Die Zeit wird wertvoller.“  Und dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: „Ich würde sogar mit den Engeln auf Wolke Sieben ein Theater aufziehen. Zu meiner Freude und der der Leute.“

Schauspieler Rolf Hoppe im Porträt von York Maecke

Christel Bodenstein: Aus dem Leben einer Prinzessin

Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich zwölf. Wie Millionen andere Mädchen umfing auch mich die Schönheit der Prinzessin in dem Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“. Einmal so ein Kleid tragen… ein Traum. Im Laufe der Zeit und meines Erwachsenwerdens kamen andere Filme mit Christel Bodenstein dazu: „Revue um Mitternacht“ , „Minna von Barnhelm, „Was ihr wollt“ oder „Beschreibung eines Sommers“. Eine breite Palette an Rollen. Doch die Prinzessin haftet ihr bis heute an. Ich hatte das Glück – dank meines Berufes – der Schauspielerin und dem Menschen Christel Bodenstein nahezukommen. Aus der Sympathie, die mit unserem ersten Interview 1996 begonnen hatte, ist Freundschaft geworden. Am 13. Oktober feierte Christel Bodenstein nun ihren 80. Geburtstag. Wir hatten uns vorab zu einer kleinen Zeitreise durch ihr Leben verabredet. Ich besuchte sie und ihren Mann Hasso von Lenski in Borgsdorf, wo sie auf der schmalen Insel zwischen Oranienburger- und Oder-Havel-Kanal seit 20 Jahren die Zeit von Mai bis Oktober verbringen.

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Christel Bodenstein spielte als 19-Jährige die Prinzessin in dem DEFA-Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“ Foto: @ Icestorm/DEFA-Stiftung /Kurt Schütt

Die Oktobersonne gibt noch einmal ordentlich Feuer. Der Herbst verkleidet sich als Sommer. In einem weißen Leinenanzug steht Christel Bodenstein wartend auf dem grünen Wiesenhügel, der bestückt ist mit jungen Apfel- und Birnenbäumen. Die Kleingartenanlage ist gut gesichert. Ihr Mann muss das eiserne Tor an der Einfahrt aufschließen, damit wir hineinkommen. Es ist eine Weile her, dass ich hier war. Zehn Jahre! „Ans Wasser können wir heute nicht“, sagt Hasso von Lenski. Die Holztreppe zum  Deich hinauf ist morsch geworden, nicht mehr begehbar. Eine neue müsste gebaut werden. „Vielleicht wird’s im nächsten Jahr“, sagt der 76-Jährige leichthin.
Er hat für uns einen kleinen Tisch und bequeme Gartenstühle vor blühenden Eibisch gerückt. „Gibst du mir eine Zigarette“, bittet Christel. Hasso lächelt. Er hat sie parat, ebenso den Aschenbecher. Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, bei dem sie nicht geraucht hätte. „Ohne Zigarette geht gar nichts.“ Rau und dunkel ist der Klang ihrer Stimme. Der sanfte klare Ton der „Prinzessin“ ist lange Vergangenheit.

Christel Bodenstein
 Christel – eigentlich Christa – Bodenstein  ist am 13. Oktober 1938 in München geboren   Foto: © Nikola

Achtzig – ist das der Zeitpunkt, wo einen Angst ergreift vor dem, was kommen kann? Was macht die Zahl mit einem, die sagt, dass man alt ist? Ich schaue in Christels Gesicht. Es ist kein altes Gesicht. Ich sehe Falten um den Mund, wenn sie spricht. Sie verschwinden, wenn sie lacht, wobei sich dann die Nase lustig kräuselt. Ich sehe ihr Strahlen, die leichte Verschmitztheit in ihrem Blick. Und, frage ich sie, wie fühlt es sich an, die letzten Dekaden des Lebens anzutreten? „Es ist furchtbar!“ Sie nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. „Die 65 und die 70 konnte ich gut aushalten. Aber jetzt begreife ich, dass ich 80 bin an dem, was ich nicht mehr machen kann. Zwei Harkenstriche im Garten und mein Rücken schreit: Biste verrückt! Wenn ich Unkraut zupfe, bräuchte ich eigentlich rechts und links eine Stütze, damit ich wieder hochkomme. Es wird nicht besser, und davor fürchte ich mich.“

Christel Bodenstein
 Die Schauspielerin sagt im Rückblick auf ihr Leben, sie sei ein Glückskind Foto: © Nikola

Sie meint das ernst und dennoch lacht sie dabei. Sie verweigert der Furcht, sie zu beherrschen. Und sollte so ein Moment kommen, denkt sie an ihr Motto: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Das half ihr, ihren Weg zu finden und ihn zu gehen, auf den holprigen Pflastersteinen seelischer Tiefs und auf glatter Bahn, wenn sie glücklich war. „Ich denke ganz viel über mein Leben nach, das immer ein bisserl hektisch war. Und Ärger musste auch verkraftet werden“, beginnt sie zu erzählen. „Am Ende komme ich immer zu dem Schluss: Ich bin ein Glückskind, meine Kindheit in München ausgenommen. Ab dem Punkt, als meine Mutter mit mir im September 1949 nach Leipzig zog, haben sich meine Träume erfüllt.“ Der Entschluss der Mutter war auch für die Tochter eine lebenswichtige Entscheidung, was diese als Elfjährige nicht ahnte.

Ein knappes Jahr vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges kam Christel Bodenstein in der Münchener Frauenklinik in der Mozartstraße zur Welt. Die Eltern hatten nach ihrer Hochzeit Mitte der 30er Jahre ihre Heimatstadt Erfurt verlassen. Wilhelm Bodenstein bekam als Kaufmann eine Anstellung in einem großen bayerischen Sämereigeschäft. Ein großes Glück in der Zeit der allgemeinen Weltwirtschaftskrise, die von Massenarbeitslosigkeit geprägt war. „Wir lebten in Waldtrudering in einem kleinen Holzhaus mit Rundumlaufbalkon, einem Garten und einem Waschhaus, in dem meine Mutter für andere Leute wusch. Sie hatte den Traum, Pianistin zu werden. Aber die damaligen Zeiten ließen das nicht zu. Vor mir bekam sie meine Schwester Eva und musste uns allein versorgen, als unser Vater an die Front musste. Ich stand unter der Fuchtel meiner gerade mal ein Jahr älteren Schwester, und das war nicht schön“, erinnert sich die heute 80-Jährige. Sie war sieben, als der grauenvolle Krieg mit dem Sieg Alliierten 1945 beendet wurde. „Ich habe noch das Geheul der Sirenen im Ohr, wenn Bomber über München flogen. Meine Mutter rannte dann mit uns Kindern ins Nachbarhaus, das aus Stein war und einen Keller hatte, in dem wir Schutz suchten.“

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„Wir Kriegskinder“ nannte Christel Bodenstein das plastische Bild von sich und ihrer ein Jahr älteren Schwester Eva

Tief eingeprägt hat sich in das Bewusstsein des Kindes der Hunger, den es aushalten musste. „Als mein Vater aus der Gefangenschaft kam, ist er mit dem Rad über die Dörfer gefahren und tauschte, was wir entbehren konnten, gegen Brot, Milch, Eier und Butter ein. Oder er kolorierte Fotos gefallener Soldaten für ihre Familien . Manchmal kam er auch mit leeren Taschen zurück, und es gab nichts zu Essen.“ Sie hatte immer Hunger. Dieses Gefühl verfolgt sie heute noch, treibt sie manchmal zu früh aus dem Schlaf. Dann muss sie essen. Sonst schläft sie nicht wieder ein. Eine Zeit lang hatten Amerikaner Quartier im Haus der Bodensteins in Waldtrudering bezogen. Sie mochten die aufgeweckte Christel, und sie durfte mit der Milchkanne Essen vom Versorgungsstandort der Soldaten holen. „Ich war ganz stolz, meine Familie versorgen zu können.“

Der Krieg hatte die Eltern entzweit. Sie ließen sich scheiden. Das Gericht sprach dem Vater die Mädchen zu. Die Mutter, ohne Beruf und Arbeit, hatte dem nichts entgegenzusetzen. Sie musste weg aus dem Haus, neu anfangen. Ihr Bruder aus Leipzig half, bot ihr an, zu ihm zu kommen. Es gäbe eine freie Stelle bei der Post. Ein Schock für Christel. Um nichts in der Welt wollte sie bei Vater und Schwester bleiben, die Mutter allein ziehen lassen. „Mein Herz hing so sehr an meiner Mutter, dass ich ein schauderhaftes Theater machte, bis mein Vater mich mit nach Leipzig gehen ließ.“ Ihre Erinnerung an ihn verbindet sich mit Strenge und Härte. „Er watschte gern. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich mal liebevoll in den Arm genommen hätte. Was ich allerdings von ihm Gutes habe ist die innere Stärke, Sachen aus der Erde zu stemmen, zu erreichen, was ich will. Er war auch künstlerisch begabt, malte und bastelte.“

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Erna und Wilhelm Bodenstein en miniature von ihrer Tochter Christel  modelliert

Diese Seite des Vaters schlägt sich in ihrem Hobby nieder, dass sie 1984 für sich entdeckte, als ihr Sohn Mirko mal Modelliermasse aus dem Trickfilmstudio mit nach Hause brachte, um eine Arbeit zu erledigen. „Ich nahm ein Stück in Hand und es fühlte sich so warm an.“ Sie begann zu kneten und zu formen, noch ungelenk. Doch sie fand soviel Freude daran, dass es ihr zur liebsten Beschäftigung geworden ist, wenn sie nicht arbeitete. „Christel vertieft sich dabei so sehr in ihre Figuren, dass sie über Stunden alles um sich herum vergisst“, sagt Hasso. Manchmal beschwert er sich: „Kommst du auch mal wieder zurück?“ Aber er weiß, sie braucht dieses Abtauchen. Es ist ihre Ausgleichgymnastik für die Seele. Unter diesem Titel stand auch die erste Ausstellung ihrer Bilder und Figuren 1990. Sehr bald hat die Hobbykünstlerin eine große Fertigkeit im Modellieren ihrer Miniaturen entwickelt. Es sind witzige, berührende und fantasievolle Figuren, die sie dem Leben um sich herum entlehnt. Die kleinen Kunstwerke setzt sie in Bilderrahmen. Diese Form plastischer Bilder entstand aus Mangel an Platz in ihrer Berliner Zwei-Zimmer-Wohnung, die inzwischen einer Galerie gleicht. „Ich konnte die vielen Figuren bald nirgends mehr hinstellen.“ Die Künstlerin gibt so gut wie keines ihrer Schöpfungen weg. Verkaufen? Undenkbar. Es zerisse ihr das Herz. „Einige habe ich an besondere Freunde verschenkt. Mit Schmerzen und Freude zugleich“, erzählt sie.

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Das plastische Bild von ihrem Sohn Mirko, der als Illustrator und Animator arbeitet, zeigt die große Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem Regisseur Konrad Wolf (†1982)

Die Verbindung zu Vater und Schwester ist ein paar Jahre nach dem Umzug abgebrochen. Zweimal verbrachte Christel die Sommerferien aufgrund eines Gerichtsbeschlusses, den Wilhelm Bodenstein erwirkt hatte, in München. „Er holte mich nicht zu sich, weil er mich liebte. Er strafte mich damit, weil ich mit meiner Mutter weggegangen bin. Ich musste die ganzen Ferien bei ihm in der Wäscherei arbeiten. Das hielt ich aber nicht lange durch.“ Christels späterer Versuch, sich mit dem Vater zu versöhnen, scheiterte. „Ich hatte ihm nach so vielen Jahren verziehen und wollte ihm nach Mirkos Geburt mein Baby zeigen. Er lehnte ab, uns zu sehen. Zu meiner Schwester fand ich nie mehr Kontakt. Um sie tut es mir leid.“

In Leipzig begann für das Mädchen aus Bayern ein neues, vor allem anderes Leben. Die Stadt gefiel ihr sofort. „Wir kamen spät in der Nacht an. Ich war fasziniert von den vielen Laternen, die wie Sterne leuchteten“, hat Christel noch ihre erste Begegnung mit ihrer neuen Heimat im Sinn. „Kurz vor Gründung der DDR, gerade noch rechtzeitig, hatte sich meine Mutter entschieden, das Angebot ihres Bruders anzunehmen. Ich weiß nicht, was aus mir im Westen geworden wäre. Mit Sicherheit keine Märchenprinzessin“, ist sie sich sicher. Leicht fiel ihr die Eingewöhnung damals nicht.

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So sieht sich Christel Bodenstein in ihrer Rolle als Prinzessin Tausendschön

Es gab Verständigungsschwierigkeiten. „Sächsisch war für mich eine Fremdsprache und mein bayerischer Dialekt für die anderen.“ Vergebens bemühte sich die Tante, ihrer Nichte Sächsisch beizubringen. Im Unterricht wurde zum Glück hochdeutsch gesprochen. Die Schauspielerin erinnert sich gern an ihre Schulzeit. „Das Schönste war für mich, dass es in der großen Pause für jedes Kind ein Brötchen und einen viertel Liter Milch gab.“ Als die Pionierorganisation gegründet wurde, war sie  mit Feuer und Flamme dabei. „Es überraschte meine Mutter sehr, als ich eines Tages mit weißer Pionierbluse und blauem Halstuch aus der Schule kam. Ich glaube, sie hat meine Begeisterung nicht geteilt.“  Die Mutter belächelte ihre Tochter und schlug ihr vor, das Tuch auch zum Nachthemd umzubinden. Der nächste Schock folgte für die arme Frau auf dem Fuße, als Christel ihr eröffnete, dass sie unbedingt zur Balletschule wollte.

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Christel als kleine Ballerina, die roten Spitzenschuhe sind künstlerische Überhöhung.

Leipzig steht im Leben der Schauspielerin vor allem für ihren großen Traum, Tänzerin zu werden, den sie sich mit großer Zielstrebigkeit auch erfüllte. Auf dem Schulweg war ihr eines Tage ein Plakat von einer jungen französischen Ballerina aufgefallen, die in Leipzig eine Matinee gab. Heiß schoss in dem quirligen Mädchen der Wunsch hoch, so tanzen zu können. Als sie etwas später die russische Primaballerina Galina Ulanowa in dem Ballettfilm „Romeo und Julia“ erlebte, konnte sie nichts mehr davon abbringen, eine große Ballerina werden zu wollen. Die Mutter stöhnte auf, doch sie schneiderte ihrer verrückten Tochter ein schwarzes „Tütü“ aus einem alten Rock und aus einem weißen Kissenbezug ein Oberteil. Stich für Stich nähte sie alles mit der Hand. Nur die teuren Spitzenschuhe konnte sie ihrer Tochter nicht kaufen. Weil am Ende aber doch nicht genug Geld für privaten Ballettunterricht übrig war, musste Christel die Tanzschule bald wieder verlassen. Die Zwölfjährige entdeckte eine andere Möglichkeit. Sie tanzte einer Eignungskommission beim Tanz- und Gesangsensemble der „Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“ vor und wurde aufgenommen. Nach dem Schulabschluss – sie war 14 – absolvierte Christel Bodenstein eine dreijährige Ausbildung an der Leipziger Ballettschule und bekam 1955 ihr erstes – und letztes – Engagement am Landestheater Halle. Denn sie wurde für den Film entdeckt.

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Christel Bodenstein als 14-Jährige in der Ballettschule Foto privat

Lebhaft erinnert sich sie an den Tag, an dem eine Begegnung am FKK von Ahlbeck ihren Lebensweg ins DEFA-Studio lenkte. Sie ahnte damals nicht die Schicksalhaftigkeit dieser kuriosen Episode. „Ich hatte vor Beginn meines Engagements in Halle Ferien und wurde von ein paar jungen Schauspielern eingeladen, mit ihnen an die Ostsee zu fahren.“ Die 17-Jährige, die noch nie Urlaub gemacht hatte, sagte freudig zu. Eines Vormittags, die jungen Leute spielten Ball, kam ein Mann mit zwei Windspielen den Strand entlang. Die Schauspieler rannten auf ihn zu und begrüßten ihn stürmisch. Dann stellten sie ihm die etwas abseits stehende Christel vor. So lernte sie den berühmten DEFA-Regisseur Prof. Kurt Maetzig kennen, der die junge Tänzerin auf den Weg zu einer vielgeliebten Schauspielerin führte. Maetzig war ein freundlicher Herr, der sie wohlwollend betrachtete und – nach einem längeren Gespräch am nächsten Tag – zu Probeaufnahmen nach Babelsberg einlud. Er suchte damals gerade eine Hauptdarstellerin für seinen Film „Schlösser und Katen“.  „Dass ich splitternackt eine Rolle angeboten bekam, ist mir nur einziges Mal passiert“, lacht Christel. Bei den Probeaufnahmen musste sie eine Liebesszene spielen. „Ich fand es gewagt, was Prof. Maetzig mir zumutete. Aber ich hatte noch nie Angst vor einer Kamera. Und damals waren das noch Ungetüme“, erzählt sie. Mit ihrer gar zu mädchenhaften Erscheinung passte sie aber nicht in Rolle, denn am Ende des Films war die Figur 70 Jahre alt. Maetzig besetzte die 26jährige Karla Runkehl.

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Christel Bodenstein 2016 als Kräuterhexe (mit Steffi Kühnert) vor ihrem Konterfei von 1957 in der ARD-Verfilmung des Märchens „Das singende, klingende Bäumchen“ Foto: © MatthiasB Photography

Zwei andere bekannte DEFA-Regisseure, die ihre Probeaufnahmen gesehen hatten, interessierten sich für die 17-Jährige. Slatan Dudow besetzte sie in seiner Filmkomödie „Der Hauptmann von Köln“ als Partnerin des namhaften Theaterschauspielers Rolf Ludwig. Parallel drehte sie unter der Regie von Helmut Spieß den Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“ und tanzte außerdem noch ihre Rollen am Landestheater Halle. „In dem Jahr 1956/1957 spielte sich mein privates Leben hauptsächlich im DEFA-Auto ab, das mich zwischen Halle und Babelsberg hin und her brachte. Der Kraftfahrer hatte er mir auf dem Rücksitz ein Bett gebaut, damit ich schlafen konnte. Er sorgte sich  wie ein Vater und verwöhnte mich mit Obst und belegten Brötchen. Ich schwebte wie auf Wolken.“ Es war der Beginn ihrer DEFA-Zeit, von der sie heute sagt, dass es die glücklichste in ihrem Leben war. Im Sommer 1957, am Ende der Theatersaison, verabschiedete sich Christel Bodenstein von der Bühne und ihrem Traum, eine große Ballerina zu werden. Sie folgte dem Rat ihres Entdeckers Kurt Maetzig und besuchte die Filmhochschule in Babelsberg.  Auch ein Naturtalent braucht Handwerkszeug, hat sie bei den Dreharbeiten für ihre beiden Filmdebüts erkannt. Doch auch während des Studiums stand sie oft vor der Kamera. Gleich im ersten Studienjahr bekam sie die Rolle, für die sie seit 61 Jahren geliebt wird: die Prinzessin in dem Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“.

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Mit viele Liebe zum Detail schuf Christel die Figuren für das Memory-Spiel „Das singende, klingende Bäumchen“

Am 13. Dezember 1957 erlebte der Film seine Premiere in den Kinos der DDR, ab dem 14. September 1958 zog er die Kinder im Westen Deutschlands in seinen Bann. In den ersten beiden Jahren hatte er bereits sechs Millionen Zuschauer. Mit ihrem ersten Mann, dem Regisseur Konrad Wolf, wohnte Christel Bodenstein damals in Babelsberg gegenüber einer Schule. Wenn sie aus der Tür trat oder das Fenster öffnete, riefen ihr die Kinder zu: „Guten Tag, Prinzessin“. Mit dieser plötzlichen Popularität umzugehen, war für die junge Schauspielerin nicht einfach. „Ich musste lernen, zu akzeptieren, dass nicht ich, sondern die Figur gemeint ist.“ 1960 kürten die Leser des Jugendmagazins „Neues Leben“ sie zur beliebtesten Schauspielerin der DDR. Inzwischen ist sie dankbar für die Liebe ihrer Fans, die sie als Mütter und Großmütter weitergeben. Und wenn ein Kind sagt: „Du siehst aber nicht aus wie die Prinzessin“, antwortet sie lachend: „Auch Prinzessinnen werden alt.“

Christel Bodenstein
Foto: © Nikola

Ihre Beziehung mit Konrad  Wolf ist dem Erfolg des Films „Das singende, klingende Bäumchen“ geschuldet. 1960 wurde er auf der DEFA-Filmwoche in Helsinki gezeigt und sie war als Hauptdarstellerin dabei. Zum Kreis der DEFA-Delegation gehörte ebenfalls der Regisseur Konrad Wolf, Sohn des international hoch geachteten Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf („Cyankali“, „Prof. Mamlock“). Zum Abschluss des Festivals hatten finnische Filmleute die DEFA-Kollegen zu einem gemütlichen Beisammensein eingeladen. Ein Abend, an dem sich Christels Bodensteins Leben für die nächsten 18 Jahre entschied. „Wir aßen Krebse, anschließend wurde getanzt. Koni war ein Riese von zwei Metern, trotzdem sehr scheu, sogar schüchtern. Ich mochte ihn sofort“, erzählt sie.  Er fragte, ob sie mit ihm tanze wolle. Natürlich wollte sie. Er nahm sie in den Arm. Sie schaute zu ihm hoch und redete unentwegt, bis er sie bat, aufzuhören, er müsse die Takte zählen. Im September 1961 kam Sohn Mirko zur Welt und ein Jahr später, einen Tag vor Weihnachten 1962, wurde geheiratet. Eigentlich wollten sie das nicht. Es waren äußere Zwänge, die das bestimmten. Unverheiratete bekamen in Hotels kein Doppelzimmer und – das wog schwer – wollte man von offizieller Seite, dass der bekannte Regisseur, der zudem Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst und Präsident der Akademie der Künste war, kein uneheliches Lotterleben führt. In diesem Punkt war die Partei ganz konservativ, geradezu spießbürgerlich.

Der kleine Prinz
Szene aus dem Film „Der kleine Prinz“ mit Christel Bodenstein in der Titelrolle und Eberhard Esche als Pilot. Foto © DFF/Icestorm/DEFA-Stiftung

Ein leichter Wind streicht über die Blütensträucher. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Wird es regnen? „Ich denke nicht“, sagt Hasso. Er holt eine neue Flasche Wasser. Christel hat die dritte oder vierte Zigarette beim Wickel, als wir auf ihre 18 Jahre an der Seite von Konrad Wolf zurückblicken. Mit ihrem Mann hat sie nur einen einzigen Film gedreht, weil er es hasste, wenn Regisseure ihre Frauen in die Hauptrollen holten. Nur einmal wich er von seinem Prinzip ab.

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Der kleine Prinz mit seiner Rose. Figur by Christel Bodenstein

1966  gab er seiner Frau in seinem Film „Der kleine Prinz“ die Titelrolle. Er machte diese Ausnahme, weil er wusste, wie sehr sich Christel Bodenstein diese Rolle insgeheim wünschte. Die Erzählung von Antoine de Saint- Exupéry war ihre „Bibel“ seit sie das Buch als junges Mädchen bekam. Er schenkte ihr die Rolle zum Geburtstag. „Es war Wochenende und hatte er vergessen, ein Geschenk zu besorgen. Das habe ich erst vor sechs Jahren von unserem gemeinsamen Freund Angel Wagenstein erfahren“, erzählt sie. „Die beiden hatten zusammen an dem Film gearbeitet.“ Sie mochte es damals nicht glauben, als ihr Mann sie damit diesem Geschenk überraschte, weil sie wusste, wie genau Konrad Wolf über Besetzungen nachdachte, er sich für einen Schauspieler entschied. „Als ich nachfragte, sagte er, er sei überzeugt, dass ich das kann. Es wurde eine sehr schöne Arbeit mit großartigen DDR-Schauspielern.“ Nur dauerte es 50 Jahre bis der Film aus dem Archiv endlich in die Kinos kam. Er war nicht unter die politischen Räder gekommen. Er durfte nicht gezeigt werden, weil das DDR-Fernsehen vor der Produktion 1966 vergessen hatte, sich bei Antione de Saint-Exépurys Buchverlag Editions Gallimard die Verfilmungsrechte zu sichern.“ 2015 waren die Autorenrechte abgelaufen und der Film für Aufführungen frei.

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Fotograf Nikola bei der Arbeit

Das Resümee ihrer Ehe mit dem Regisseur fällt nicht so begeistert aus. „Wir hatten schöne Zeiten, aber der Alltag lag auf meinen Schultern. Ich drehte, kümmerte mich um unseren Sohn. Ohne die Hilfe meiner Mutter hätte ich das nicht bewältigt.“ Ihr Traum von einem Familienleben, wie sie es sich gewünscht hatte, löste sich in Luft auf. 1978 ließen sie sich scheiden. Für Konrad Wolf – er drehte 14 der wichtigsten DEFA-Filme – war die Arbeit immer wichtiger als seine Familie.

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Von 1955 bis 1980 schuf Konrad Wolf 14 Filme, die die DEFA-Stiftung als DVD-Box herausbrachte

Es gab wenig Zeit für ihre seelischen Tiefs, die sich aus zunehmend unbefriedigenden Rollen ergaben, ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit und für den gemeinsamen Sohn. „Ich glaube, Koni bemerkte nicht einmal mehr, wie sehr es mir fehlte, seine Liebe zu spüren. Ich fühlte mich wie ein Möbelstück, das einfach da war, wenn er nach Hause kam. Heute stelle ich fest, wie wenig ich von ihm weiß. Wir konnten uns ja nie richtig kennenlernen. Das ist eine sehr traurige Erkenntnis.“ Der

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Hasso von Lenski, vier Jahre jünger, ist Schauspieler und Dramaturg Foto: © Nikola

Mit Hasso von Lenski lebt Christel Bodenstein seit 41 Jahren zusammen, 26 davon sind sie verheiratet. Bei ihm spürt sie, was Konrad Wolf ihr nicht zu geben vermochte: Wärme, Liebe, Aufmerksamkeit. „Wir haben unser gemeinsames Leben bei Null angefangen. Das waren oft harte Zeiten, die wir zusammen durchstanden. Wir schliefen bei Freunden im Wohnwagen, bis wir unsere Wohnung, in der wir heute noch leben, im Plänterwald bekamen“, erinnern sich beide. Für Christel ist Hasso das ganz große Glück. „Seit wir uns kennen, hatte ich nie mehr das Gefühl von Einsamkeit und Alleinsein“, macht sie ihrem Mann eine Liebeserklärung. Begegnet sind sich die beiden Schauspieler 1976 in der Kantine der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, ohne zu ahnen, dass sich ihre Weg 1977 wieder kreuzten und von da an gemeinsam verlaufen sollten. „Hasso machte auf mich so einen fröhlichen, jungenhaften Eindruck. Am meisten gefielen mir seine neugierigen frechen Augen. Wie der einen anschaute!“ erinnert sich seine Frau lachend.

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Christel Bodenstein 1962 als Grit mit Manfred Krug in dem DDR-Gegenwartsfilm  „Beschreibung eines Sommers“ Foto: © Icestorm/DEFA-Stiftung/Max Teschner

Sie hat das DEFA-Ensemble, dem sie seit Ende ihres Studiums angehört hatte, 1973 verlassen. „Mich reizten die Rollen der freundlichen, lustigen Mädchen nicht mehr. Ich wäre gern ins ernste Fach gewechselt, doch solche Rollen bot man mir nicht an.“ Die einzige Ausnahme war 1962 die FDJ-Sekretärin Grit in dem Gegenwartsfilm „Beschreibung eines Sommers“ an der Seite von Manfred Krug. Für diese Rolle hatte Christel Bodenstein gekämpft. „Es war das einzige Mal, dass ich einen Regisseur bat, mich zu besetzen.“ Sie bekam die Rolle, nicht zuletzt auch, weil sich Manfred Krug für sie bei Regisseur Ralf Kirsten stark gemacht hat. Mit dem 2016 verstorbenen Schauspieler verband sie eine lange Freundschaft. „Wir kamen zur selben Zeit als Scheidungskinder nach Leipzig. Manfred hat mich immer beschützt.“

Drei Jahre war Christel Bodenstein als freischaffende Künstlerin zunächst mit eigenen Liedern aufgetreten, dann mit dem Feuilletonisten Hans-Georg Stengel zusammen, der seine Texte auf die Bühne bringen wollte. Sie gewannen zwei Goldmedaillen der Unterhaltungskunst und waren in der ganzen Republik unterwegs. Die Sache hatte nur den Haken, dass Christel Bodenstein in dieser Zeit ihren Sohn Mirko allein lassen musste. Diesem Problem entsprang Idee, ein Kleinkunst-Theater in Berlin zu gründen. Es wurde ein langer, beschwerlicher Weg bis dahin. Doch schließlich eröffnete 1978 unter dem Dach des Friedrichstadtpalastes die Kleine Bühne DAS EI. Christel stand in dem Eröffnungstück „Was soll das Theater“ als Clown auf der Bühne, Hasso von Lenski führte Regie.

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Christel Bodenstein als Clown in dem Stück „Was soll das Theater“

„Bei den Proben haben Hasso und ich uns wiedergetroffen, und es ging mitten ins Herz“, erzählt Christel. „Wir haben wunderschöne Abende veranstaltet. Ich habe gern dort gespielt. Doch ich brauche Harmonie für meine Arbeit. Ich hasse Ungerechtigkeiten, Spannungen, Verlogenheit und Boshaftigkeit, die leider irgendwann die Atmosphäre vergiftet haben.“ 1989 verließ sie ihr kleines Theater schweren Herzens, die Situation war für sie unerträglich geworden. Hasso, der Dramaturg und Leiter der Kleinen Bühne DAS EI war, ging mit ihr. „Ich hätte nicht erwartet, dass er für mich seine Arbeit dort aufgibt“, sagt Christel.

Im Friedrichstadtpalast fanden beide eine neue berufliche Heimat. Christel wurde als Regieassistentin für die „Kleine Revue“ engagiert. Sie weiß noch gut, wie schmerzvoll es sich anfühlte, nicht mehr als Schaupielerin auf der Bühne zu stehen, sondern von unten hinauf zu schauen und ein ganz anderes Metier zu bedienen. „Mein Zustand war  nicht der beste. Ich musste das verarbeiten und gleichzeitig mit dem Neuen umgehen lernen.“ Aber: Christel schafft alles, was sie will. Sie verspürte bald das Bedürfnis, ihre Ideen für Inszenierungen selbst umzusetzen. Als erste eigene Regiearbeit brachte sie den musikalisch-literarischen Abend „Claire“ auf die Bühne, ein Jahr später feierte sie mit der Revue „Sommernachtsträume“ einen großen Erfolg. Die Wende 1989 setzte noch einmal Fragezeichen für die Zukunft. Was wird aus unseren Träumen? Mit unseren Idealen? Was fangen wie an mit unserem Weltbild? Als die Kleine Revue 1997 geschlossen wurde, gab Christel Bodenstein den Sprecherkindern des Friedrichstadtpalastes Schauspielunterricht und übernahm 1998 einen Teil der Regiearbeit für die Märchenrevue „Hänsel und Gretel“.

Christel Bodenstein
Seit 41 Jahren sind Christel und Hasso ein Paar Foto: © Nikola

An ihrem 60. Geburtstag fand Christel Bodenstein, es ist an der Zeit, in die Ausruhphase des Lebens zu treten. Tatsächlich gestaltete sich das jedoch nur als Rahmen, um ausschließlich das zu tun, was ihr Spaß macht. Acht Jahre lud sie zu Talkshows mit ehemaligen DEFA-Kollegen ins „Café Nass“ nach Berlin-Johannisthal ein. 2006 veröffentlichte sie ein Bildertagebuch aus ihrem Leben Einmal Prinzessin, immer Prinzessin“, mit dem sie seither auf Lesereise geht. Begleitet von ihrem Mann Hasso, der zu ihren Geschichten die Bilder auf eine Leinwand projiziert. Immer ein unterhaltsamer Abend für das Publikum.

Mit ihrem Mann zusammenzuarbeiten ist für Christel das Schönste. Gemeinsam entwickelte sie 2012 mit ihm und ihrem Sohn Mirko das Memory-Spiel „Das singende, klingende Bäumchen“ für die ganze Familie.  Mirko, der als Illustrator und Trickfilmzeichner arbeitet, schuf nach ihren Figuren die Zeichnungen,  Hasso war für das Marketing und die Logistik zuständig.

Bäumchen
Der Spaß für große und kleine Märchenfans ist bei der DEFA-Stiftung erhältlich

Ich frage Christel Bodenstein, ob es Träume gibt, die sich noch nicht erfüllt haben. „Ja, natürlich gibt es die“, sagt sie. „Als Filmschauspielerin ist es mir nicht nicht gelungen, ins ernste Fach einzusteigen. Es wäre traumhaft“, verrät sie mit einem Sehnsuchtsseufzer, „jetzt, im hohen Alter, noch einmal eine Charakterrolle zu spielen.“ Es geschehen immer wieder Wunder. Warum nicht auch in diesem Fall.

 

Christel Bodenstein
 Foto: © Nikola

Übers Erzählen ist es später Nachmittag geworden. Das Spiel der dunklen Wolken hat die Sonne verdeckt. Der Himmel gibt sich mystisch. Christel und Hasso begleiten uns zum Auto. Er muss das Tor wieder aufschließen. Noch ein paar letzte Fotos an der Schaukel, die sich im Wind bewegt. Ich entdecke noch Blüten an den Apfelbäumchen. Das passiert, wenn der Sommer lang und warm ist.

Morten Grunwald – der ewige Benny. Die Olsenbande wird 50!

Dieser Tagen im Juli 1968 gingen im Kopenhagener Vorort Valby die Dreharbeiten für den ersten Coup der „Olsenbande“ zu Ende. Wer erinnert sich nicht: Nach einem missglückten Einbruch in ein Zigarrengeschäft wandert Egon Olsen ins Kittchen und kommt nach zwei Jahren mit einem „genialen“ Plan wieder raus. Mit Werkzeugen wie Wollknäuel, Stricknadel und Kaugummi will er mit seinen Kumpels Kjeld Jensen und Benny Frandsen das Nationalmuseum um einen kostbaren Schatz „erleichtern“ . Alle drei träumen vom großen Geld. Sie haben die Nase voll von ihrem eintönigen Alltagsleben, dem Malochen, wenn sie gerade mal einen Job haben. Ab in den Süden und es sich gut gehen lassen – das ist ihr Ziel. Egon Olsen, Gentlemanverbrecher, erfindungsreich und Perfektionist, ist Chef und Namensgeber der Olsenbande. Seine Spezialität ist das Knacken von Tresoren, wozu er nicht mehr braucht als ein Stethoskop und Fingerspitzengefühl am Zahlenschloss. Sie tricksen den tollpatschigen Polizei-Assistenten Mortensen und den schießwütigen Provinz-Sheriff aus. Trotzdem landet Egon am Ende wieder hinter Gittern und kann neue Pläne schmieden.

Morten Grunwald
Morten Grunwald (Benny Frandsen in Filmreihe „Die Olsenbande“ am 5. April 2018 zu Besuch in der dänischen Botschaft in Berlin © Uwe Toelle/SUPERillu

In Dänemark klingelten die Kinokassen nur so, denn das Gauner-Trio hatte die Herzen des Volkes erobert. Ein Millionen-Coup für die Produktionsfirma Nordisk Film und Start für dreizehn weitere, von Drehbuchautor und Spezialeffekte-Mann Henning Bahs und Regisseur Erik Balling ausgetüftelte Kriminalkomödien, wie es sie seit Chaplins Zeiten nicht mehr gab. Ove Sprogøe (Egon Olsen), Morten Grunwald (Benny) und Poul Bundgaard (Kjeld) erlangten als Protagonisten der „Olsenbande“ weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus Kultstatus. Sprüche wie Egons „Ich habe einen Plan“ oder Bennys „Mächtig gewaltig, Egon“ sind geflügelte Worte geworden. Insbesondere in der ehemaligen DDR.

Morten Grunwald
Ein kariertes Sakko trägt Morten Grunwald immer noch. Die gelben Socken sind passé ©Uwes Tölle/SUPERillu

Ich traf Morten Grunwald bei einer Talkshow in der dänischen Botschaft. Für Millionen Fans wird der Schauspieler und Theaterleiter immer Benny sein, der lange Kerl mit dem braunkarierten Sakko und den gelben Socken unter Hochwasserhosen, der als unbekümmerter Bruder Lustig linkisch hinter seinem Chef Egon herhüpft.

Herr Grunwald, 50 Jahre Olsenbande, mit welchen Gedanken blicken Sie zurück?
Damals hat keiner von uns geahnt, dass unsere Arbeit eine solche Erfolgsgeschichte werden würde, denn der zweite Film, „Die Olsenbande in der Klemme“, brachte nicht den gleichen Erfolg. Für einen neuen Versuch fehlte Geld. 1971 ging es weiter. Mit der genialen Filmkulisse und der Geschichte „Die Olsenbande fährt nach Jütland“ haben sich Bahs und Balling selbst übertroffen. Von da an wartete das Publikum sehnsüchtig auf eine Fortsetzung im nächsten Herbst. Es stimmt mich wehmütig, dass fast alle, die an den Filmen mitgewirkt haben, nicht mehr unter uns weilen.

Morten Grunwald
Morten Grunwald gibt in der dänischen Botschaft in Berlin Autogramme ©Uwe Tölle/SUPERillu

Eine Zäsur gab es 1974. Mit dem sechsten Streich sollte die Reihe enden.
Sechs Filme lang war die Olsenbanden-Saga bis ins Kleinste erzählt. Wir Drei – Ove, Poul und ich – waren darauf gefasst, dass Schluss ist. Dann brachte Balling das Manuskript für „Die Olsenbande stellt die Weichen“. Ein programmatischer Titel. Es gab fortan Schauplätze, die den Autoren Platz für Parodien und Satire boten.

Wie ist die „Olsenbande“ überhaupt entstanden?
Die Idee hatte Hennig Bahs schon im Kopf, als wir 1967 in Piräus die Filmkomödie „Martha“ drehten. Bei Nachtaufnahmen skizzierte er die Geschichte von drei Gaunern, die in Valby leben. Kleine Leute, die, komme, was wolle, reich werden wollten. Balling und Bahs hatten für die Rollen von Anfang an Ove, Poul und mich im Auge, weil wir gut harmonierten, und schnitten die Charaktere auf uns zu. So war es für uns nicht schwierig, in die Figuren zu schlüpfen.

Morten Grunwald
 Morten Grunwald ließ uns hinter die Kulissen blicken ©Uwe Toelle/SUPERillu

Wie war das Arbeiten?
Völlig unkompliziert. Wenn wir morgens nach Valby kamen, brachte Ove auf seinem Fahrrad eine Karton mit Pfannkuchen vom Bäcker mit. Manchmal gab es in Ballings Büro einen Schnaps. Ove war sehr humorvoll. Es schmerzte ihn, dass Balling ihm als Egon nicht ein bisschen davon gönnte. Poul hingegen war wie Kjeld, der gute Freund, der Wogen glättete, aber auch losschimpfen konnte.

Was verbindet einen Theatermann wie Sie mit dem fröhlich hüpfenden, tänzelnden Benny?
Ich fühlte mich in der Rolle wie ein Fisch im Wasser. Es war ein unbeschwertes und anregendes Arbeiten. Das ganze Gegenteil meines Theaterlebens. Als Schauspieler, Regisseur und Intendant musste ich immer auf mehreren Hochzeiten tanzen, hatte Hindernisse zu überwinden. Benny hat eine Gabe glücklich zu sein, um die man ihn beneiden kann. Ich habe ihn geliebt, aber manche Szenen kosteten mich Überwindung. Zum Beispiel als er in der Spielzeugfabrik an Bälle klopft, die dann komische Laute von sich geben. Oder als er Lachdosen verkaufen sollte. Da hatte ich ziemlich zu schlucken. Doch wer zu Balling kam, musste in Topform sein. Also habe ich meine gute Laune mobilisiert und mich hineingestürzt.

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©Uwe Tölle/SUPERillu

Die Olsenbande hatte Millionen Fans in der DDR. Waren Sie eigentlich mal da?
Ja, DDR-Fernseh-Intendant Heinz Adameck hatte uns für den 26. Dezember 1982 persönlich zur „Nacht der Prominenten“ eingeladen, uns Kaviar und Krim-Sekt geschickt, damit wir auch wirklich kommen. Wir kamen alle drei in unseren Kostümen, liefen das Manegenrund im Zirkus ab und gingen dann auf eine Bühne, wo ein riesiger Tresor stand – natürlich ein Modell Franz Jäger. Egon hat ihn geknackt, und da sprangen unsere Synchronsprecher heraus. Damals lernte ich meine Synchronstimme, den Schauspieler und Kabarettisten Karl-Heinz Oppel, kennen. Wir waren uns sympathisch. Ich finde bis heute, dass die Filme durch die hervorragende DEFA-Synchronisierung sehr gewonnen haben. Ich sagte damals: „Die Dialoge sind besser als im Original.“

Morten Grunwald
Morten Grunwald signiert ein Portät seines zweiten Ichs ©Uwe Tölle/SUPERillu

Wie war die Begegnung mit ihren Fans in der DDR?
Das war unglaublich. Wo wir gingen und standen, überall kamen die Menschen auf uns zu. Und im Café durften wir nicht mal unseren Kaffee selber bezahlen. Wir sind dann natürlich auch über den Checkpoint Charlie nach Westberlin gegangen, und da hat sich niemand für uns interessiert. Das brachte uns wieder auf den Boden der Tatsachen.

Was haben die Filme für Ihre Karriere bedeutet?
Ich habe nicht den Eindruck, dass „Die Olsenbande“ etwas Spezielles in meinem Leben bewirkt hat. Es war, wie Poul Bundgaard (Kjeld) sagte: „Wir haben auch anderes gemacht. Natürlich waren es insgesamt 14 Olsenbanden-Filme, die wir gedreht haben, und sie haben einen Teil meines Arbeitslebens ausgemacht. Aber es gibt noch so vieles mehr. Ich habe in 73 anderen Filmen mitgewirkt. Ich habe Theater gespielt, inszeniert. Ich war oft zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Manchmal war es so ein Glücksumstand als würde man in die Nationalmannschaft gewählt.

Als die Kirsten Walther, die Darstellerin der Yvonne, 1987 starb, war die Filmreihe beendet. Trotzdem haben Sie 1998 noch einmal einen Film gedreht. Wie kam das?
Als wir 1996 in unseren Kostümen in Kjelds Wohnzimmer saßen, weil wir mit unserem alten Regisseur Erik Balling einen Werbefilm für einen dänischen Energieversorger gedreht hatten, „Der Energiesparplan der Olsenbande“, fühlten wir uns so, als hätten wir uns erst am Tag zuvor verabschiedet. Nach zwei Tagen waren wir fertig, guckten uns fragend an: Und was wir morgen?  – Am besten einen Film, kam es wie aus einem Munde. Wir brauchen ja nur eine Packung Kaugummi, eine Rolle Garn – und drei Rollstühle (lacht). Das inspirierte Balling zu einer neuen Geschichte: Egon ist senil geworden und in psychiatrischem Gewahrsam gelandet. Er denkt sich immer groteskere Pläne aus, die sorgfältig protokolliert und in einem „Institut für theoretische Kriminalität“ , das Bahs erfand, aufbewahrt werden. Wir sind zwar alle alt geworden, aber die Gesellschaftssatire steckt uns noch immer im Blut. Am 18. Dezember 1998 hatte der Film in Dänemark Premiere.

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 ©Uwe Tölle/SUPERillu

Was war Ove Sprogoe für ein Mensch?
Ove war ein sehr besonderer Freund, ein großer Teil meines Arbeitslebens. Wir kannten uns über 40 Jahre und haben mehr als 40 Filme und Theaterproduktionen zusammen gemacht. So wie Ove arbeitete war, er selbst. Was ihn auszeichnet, Temperament, Liebe zu seinen Mitmenschen, er war sehr sozial, ein großer Humanist, und er hatte einen sehr warmen Humor. Diese warme gute Laune war die Grundlage seines Charakters.

Heute kommuniziert man viel übers Internet, Facebook, twittert. Haben Sie da Berührungsängste?
Nein, ich nutze das Internet. Vor allem dann, wenn ich etwas über Menschen wissen will, die mich interessieren. Auf der Leipziger Buchmesse 2012 habe den Autor Uwe Tellkamp kennengelernt, ein großer Olsenbanden-Fan. Neulich war ich Harold-Pinter-Filmseminar und habe erlebt, wie er in seinen eigenen Filmen gespielt hat. Ich war ganz begeistert. Im Internet findet man sehr lange Filmsequenzen mit ihm. Harold Pinter war ein britischer Theaterautor und Regisseur, Literaturnobelpreisträger. Er starb 2008.

Sie tragen ein Metallarmband am rechten Handgelenk. Was bedeutet das?
Das ist ein Silberarmband mit der Gefangenen-Nummer 6 66 4 von Nelson Mandela. Diese Armbänder werden weltweit verkauft und der Erlös geht in die Nelson-Mandela-Foundation zur Bekämpfung von Aids. Die Foundation hat weltweit Botschafter. In den USA ist das Morgan Freeman, in Dänemark gehöre ich mit drei anderen Prominenten dazu. Mandela ist für mich eine der wenigen großen Persönlichkeiten, die die Welt zu einen besseren Ort gemacht haben. Deshalb unterstütze ich seine Stiftung.

Morten Grunwald
©Uwe Tölle/SUPERillu

Sind Sie ein eher ernster oder frohgemuter Charakter?
Sowohl als auch. Allerdings hüpfe ich nicht wie Benny vor Freude. Das ist nicht unbedingt charakteristisch für mich. Balling beobachtete meine Theaterarbeit, und mit den Jahren fügte er Bennys Bewunderung für Egons Ideen kritische Nuancen hinzu. Ich durfte skeptisch sein.

Die Olsenbande wollte reich werden. War das auch Ihr Traum?
Naja, ich bin der glücklichen Lage, dass ich solche Träume nicht zu haben brauchte. Ich war unglaublich privilegiert. Vom Abschluss der Schauspielschule an hatte ich keinen freien Moment. Ich hatte immer eine wunderbare Arbeit, immer zu tun. Ich habe meine große Liebe, die Schauspielerin Lily Weiding, geheiratet, habe Kinder, Enkel, ein Haus, Bilder, Bücher… dafür bin ich dankbar. Und ich teile dieses Glück, in dem ich den Menschen mit meiner Arbeit Freude mache.

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Morten Grunwald wurde am 9. Dezember 1934 im dänischen Odense geboren ©Uwe Tölle/SUPERillu

Ihre Frau hat Ihnen vor fast 20 Jahren das Leben gerettet.
Ich wog 40 Kilo mehr als heute und litt an Diabetes II. Hätte meine Frau nicht darauf gedrungen, dass ich meinen Le­­bens­­stil ändere, gäbe es mich nicht mehr. Wir haben das in den Griff bekommen, doch die Krankheit lauert wie eine Kobra im Körper. Sie kann jederzeit zuschlagen, wenn ich nicht aufpasse.

War das ein Grund, sich 2017 vom Theater zu verabschieden?
Wenn man alt wird, ich bin 83, gibt es Einschränkungen. Ich kann die physischen Anforderungen, die die Bühne verlangt, nicht mehr bedienen. Aber eine angemessene Filmrolle würde ich gern annehmen.

 

Kulturtipp:

Vom 4. Juli 2018 bis 17. Februar 2019 zeigt das Filmmuseum Potsdam die Sonderausstellung „Mächtig gewaltig. Die Olsenbande im Museum“ . Zu bestaunen sind originale Exponate aus den Filmen, die Akteure  Egon, Kjeld, Benny und Yvonne werden vorgestellt, ebenso die Menschen hinter der Kamera.

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Die Olsenbande eruiert im Filmmuseum Potsdam die Lage: Egon (Ove Sprogøe), Kjeld (Poul Bundgaard) und Benny (Morten Grunwald)  ©Michael Lüder/FMP

Das kleine, feste Team um Drehbuchautor und Spezialeffekte-Erfinder Henning Bahs und Regisseur Erik Balling spielte eine wichtige Rolle im dänischen Kino und Fernsehen. Sie produzierten weit mehr, als nur die „Olsenbanden“-Filme. Ein hauptsächlicher Fokus der Ausstellung widmet sich der Frage, wie die dänischen Filme ein Teil der ostdeutschen Identität werden konnten. An ihre ungeheure Medienpräsenz in der DDR, weit über die Olsenbanden-Filme hinaus, wird die Ausstellung ebenso erinnern.

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Vom 4. Juli 2018 – 17. Februar 2019 ist „Die Olsenbande“ im Filmmuseum Potsdam ©Michael Lüder/FMP

An allererster Stelle steht jedoch der familienfreundliche, große Spaß, den die Filme auch heute immer noch bereiten. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Kunsthalle Rostock und unendlich vielen Leihgebern aus Dänemark und Deutschland. Ein umfassendes Begleitprogramm mit einer Retrospektive aller Teile in Kooperation mit dem rbb Fernsehen und ein Konzert mit Jes Holtsø, dem ehemals kleinen Børge sind geplant, auch einige Macher werden zu Gast im Filmmuseum sein.

De Olsenbande kommt nach Potsdam

Angelica Domröse: Mit Petticoat, engem Pulli und Pferdeschwanz zum Film

Seit dem Tod ihres Mannes Hilmar Thate vor zwei Jahren ist es still um Angelica Domröse geworden. Am 4. April feierte die Schauspielerin ihren 77. Geburtstag. Die „Berliner Pflanze“ gehört zu den auserwählten Größen des deutschsprachigen Films der letzten hundert Jahre, die einen Stern auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz bekommen haben. Ihre Karriere begann vor 60 Jahren mit der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“.

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Im April 2011 wurde Angelica Domröse mit einem Stern auf dem Berliner „Bolulevard der Stars“ geehrt. Ihr Mann Hilmar Thate starb im September 2016. Quelle: SUPERillu ©Adolph Press/Welscher

Mancher mag für sie  für divenhaft, kapriziös halten, was Ausdruck ihres Anspruchs ist, den sie sich im Laufe ihres Lebens erarbeitet hat. Hartnäckig, unbeirrbar. „Ich bin in der Banalität groß geworden, aber ich hatte immer eine tiefe Abscheu dagegen.“ Sie wollte weg aus diesem Milieu. Studieren, Filme machen. Mit 14 Jahren schon hatte sie diese ganz feste Lebensvorstellung. Heute kann jeder sehen, dass sie sich ihre Träume erfüllt hat. Auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ glänzt ein goldener Stern mit ihrem Namen, neben anderen Filmgrößen wie Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Romy Schneider, Hanna Schygulla, Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder. Nicht zuletzt wegen solcher Filme wie dem DEFA-Kultstreifen „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Die zweite Haut“ und „Hanna von acht bis acht“  sowie ihrer herausragenden Theaterleistungen. Sie spielte am Berliner Ensemble die Hure Betty in der „Dreigroschenoper“ und die Näherin Babette in Brechts Parabelstück Die Tage der Pariser Commune“. 1966 wurde Angelica Domröse in der DDR zur „Besten Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Im selben Jahr wechselte die damals 25-Jährige zu Benno Besson an die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz und wurde als Cleopatra“ und Die schöne Helena“ gefeiert. In einer Inszenierung von George Tabori brillierte sie 1987 als „Stalin“ und 2001 mit ihrem Mann Hilmar Thate im Theater am Kurfürstendamm in „Josef und Maria“.

Sie war gerade mal 17 Jahre, als sie bei Slatan Dudow in ihrer ersten Filmrolle vor der Kamera stand und noch heute bezaubert sie als Siegi in der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“ mit einer Mischung aus unschuldiger Naivität und verführerischem Sexappeal. In einem Interview mit mir blickte Angelica Domröse noch einmal hinter die Kulissen von damals.

Angelica Domröse
 Schauspielerin Angelica Domröse im Spetember 2010 ©Jürgen Weyrich

Welche Erinnerungen haben Sie  noch an jenen Mai 1958?
Er war aufregend. Ich hatte in der „Berliner Zeitung“ eine Annonce entdeckt, mit der die DEFA für eine Hauptrolle in einem heiteren Spielfilm eine natürliche, fröhliche 16- bis 20-Jährige suchte, Größe ca. 1,60.  Für mich war klar: Die meinen mich!

Wie Sie dachten 1500 Mädchen…
Natürlich, solche Annoncen erschienen ja nicht jeden Tag. Das war etwas Besonderes. Am Tag der Vorstellungsgespräche saßen Hunderte Mädchen in der S-Bahn zum Griebnitzsee. Wie eine Schar Gänse sind wir den Weg zum DEFA-Studio geflattert.

Und wie hat diese Schar versucht, den Regisseur zu beeindrucken?
Wir haben alle unsere Vorzüge hervorgehoben (lacht). Hatten die Taille ganz eng geschnürt, Petticoats unterm Rock, enge Pullis, die langen Haare offen oder als Pferdeschwanz. Ja, und dann saßen wir da und warteten. Regisseur Slatan Dudow hat mit jedem Mädchen gesprochen.

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Regisseur Slatan Dudow mit Angelica Domröse und Stefan Lisewski bei den Dreharbeiten für die Hochzeitsszene in „Verwirrung der Liebe“ 1958 ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wie war Ihr erster Eindruck vom Studio?
Das war alles gigantisch für mich und neu. Respekteinflößend. Und es hat mich angezogen. Aber es ist alles mehr über den Bauch gegangen als über den Intellekt. Ich war ein Kinofreak, sah auch gern Theaterstücke. Aber es hatte mich eigentlich nie interessiert, wie das zustande kommt. Schmerzliche Erfahrung habe ich erst beim Drehen gemacht.

Was ist passiert?
Szenen, die wir oft geprobt haben, sind mir beim Drehen dann sehr schwer gefallen. Da gab es einen Tag, an dem ich anfing zu weinen. Mich hat plötzlich die Stille im Atelier gestört, als es hieß: Kamera läuft, Ton ab. Ich hörte mich selbst. Alles war auf mich fokussiert. Das hat mir Angst eingejagt. Dudow hat dann alle aus dem Atelier geschickt und mich ausheulen lassen. Es war für mich mit einem Mal ganz schwer, auf die Rolle zu kommen. Später habe ich das beim Theater öfter erlebt, dass ich nach der xten Vorstellung vollkommen neben der Rolle lag. Und das ist die Schwierigkeit in unserem Beruf: die Abrufbarkeit des Handwerklichen, die Genauigkeit beim Spiel und gleichzeitig muss es wie gerade geboren wirken.

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Für die Zeitungen waren Sie die Favoritin. „Junge Welt“ und „Filmspiegel“ schrieben über Sie. Warum hat sich Slatan Dudow für Sie entschieden?
Er hat es mir später mal gesagt.  Ich hatte die unschuldige Naivität und Natürlichkeit, die er sich für die Rolle der Siegi vorgestellt hatte. Es ist eben etwas anderes, wenn eine 17-Jährige vor der Kamera steht, die noch nie gedreht hat, als wenn es eine 25-jährige Schauspielerin ist. Und dass ich die Rolle bekam, verdanke ich auch Annekathrin Bürger. Sie spielte die Kunststudentin Sonja, deren Freund sie beim Fasching mit Siegi  verwechselt. Das ist ja der Ausgangpunkt der Geschichte. Und ich hatte die gleiche Statur wie sie.

Wurde Slatan Dudow nicht ungeduldig, wenn Sie beim Drehen nicht auf die Rolle kamen?
Nein, überhaupt nicht. Er hat auf mich geachtet wie auf ein rohes Ei. Ich habe ihm wirklich viel zu verdanken. Wenn er sich nicht bei der Filmhochschule für mich verwendet hätte, wer weiß, ob sie mich überhaupt genommen hätten.

Sie standen mit renommierten DDR-Schauspielern – außer Annekathring Bürger waren das Ulrich Thein, Stefan Lisewski, Willi Schrade und Marianne Wünscher – vor der Kamera. Hatten Sie keine Hemmungen?
Meine Idole waren Weltstars aus  französischen und amerikanischen Filmen. Die Schauspieler, mit denen ich in dem Film spielte, kannte ich gar nicht. Ich sage das ohne Arroganz. Mich hat bis dahin künstlerisch niemand geleitet. Dudow war der Erste, dann  war es die Schauspielschule. Danach lernte ich am Berliner Ensemble und bei Benno Besson in seiner großen Zeit an der Berliner Volksbühne was Qualität und was Mist ist.

Wie reagierte Ihre Mutter darauf, dass Sie ausgewählt wurden?
Sie hat Sekt gekauft und mit mir und dem Produzenten angestoßen. Sie musste ja den Vertrag unterschreiben, da ich minderjährig war. Ich weiß noch, wie ihre Hand gezittert hat…

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Mit der Verwechselung der Produktionsarbeiterin Siegi auf dem Fasching der Kunsthochschule beginnt die „Verwirrung der Liebe“ ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Warum wollten Sie eigentlich Schauspielerin werden?
Das Kino spielte in meiner Kindheit und Jugend eine enorme Rolle. Ich bin fast jeden Tag ins Kino gerannt, habe mir auch Filme zehnmal angesehen. Das war meine Lebensschule, so wie die Straße. Ich war eine Asphaltassel, bin in den Berliner Trümmern großgeworden. Als ich klein war, habe ich bei einem traurigen Filmende immer gedacht: Wenn du morgen ins Kino gehst, ist der Schluss besser. Und ich war ganz traurig, dass es wieder wie vorher ausging. Mit vierzehn, fünfzehn hatte ich dann schon eine feste Vorstellung von meinem Leben. Ich wollte raus aus dem Milieu, in dem ich lebte, studieren.  In den 50ern war das etwas Besonderes, Student zu sein.

Wie haben Sie denn gelebt?
Meine Mutter verkaufte Fahrkarten am S-Bahnhof Nordbahnhof, mein Stiefvater war Eisenbahner. Es war für mich nicht schön zu Hause. Ich wollte auf Leute mit anderen Interessen treffen. So kam es auch.

Sie waren Sachbearbeiterin beim Deutschen Innen- und Außenhandel. Und plötzlich standen Sie – gerade mal 17 – vor einer Filmkamera. Wie war das, als Sie für „Verwirrung der Liebe“ an der Ostsee die Nacktszene gedreht haben?
Ich hatte da keine Hemmungen. Die Kamera war weit weg. Damit hatte Dudow mir die Scheu genommen. Ihm schwebte bei der Szene, als ich aus dem Wasser steige,  Botticellis „Geburt der Venus“ vor.  Nun hatte ich damals keine Ahnung, wie die aussah noch wer Botticelli war.

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Angelica Dömrose und Willi Schrade als Liebespaar, dessen Herzen eigentlich anderen gehören ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wo wurde gedreht?
An einem FKK-Strand an der Ostsee. Wir waren angezogen, die Urlauber nackt. Das ging natürlich nicht. Wenn wir drehen wollen, hat der Produktionsassistent durchs Megaphon gerufen: Alles anziehen! Die Statisten, die meisten waren Urlauber,  stöhnten. Nach dem Dreh hieß es dann: Sie dürfen sich wieder ausziehen! Das war absurd. Wie surrealistische Malerei. Einige Szenen wurden im Studio gedreht, weil am Strand nicht das richtige Licht war. Dafür wurde tonnenweise Ostseesand ins Studio nach Babelsberg gebracht.

Nach diesem Film ging es für Sie Schlag auf Schlag weiter?
Ich bin in eine Zeit geraten, in der das Fernsehen explodiert ist. Mit Filmen wie „Papas neue Freundin“ und „Vielgeliebtes Sternchen“ entstand auch eine große Popularität.

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Filmszene mit Erwin Geschonneck 1966 in der DEFA-Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ © DEFA-Stiftung/E. Schweda, H. Wenzel

Mit Erwin Geschonneck drehten Sie 1966 „Ein Lord am Alexanderplatz“.
Ich habe den Film wegen des Geldes gemacht. Am Theater, ich war damals am Berliner Enselmble, verdiente man nicht viel. Obwohl es die Weigel nicht gern sah – Film war für sie Afterkunst – wollte ich drehen. Das war mein Spielbein. Mein Standbein war das Theater. Immer. Mit Geschonneck zu spielen war ein großes Vergnügen. Ich hatte gehört, was für tolle Rollen er am BE gehabt hatte. Man bekommt  – auch wenn man so jung ist schon mit – wer Gewicht hat. Privat war er sehr lustig. Geschonneck hatte stets Stullenpakete mit, Kaffee in einer Thermosflasche  – und einen Klappstuhl. Darüber habe ich immer lachen müssen. Heute verstehe ich ihn. Eh‘ du fragst: Wo kann ich mich mal hinsetzen, sorgst du besser selbst für dich.

Sie wurden bejubelt und hoch geehrt. Was letztlich auch an Ihre Substanz ging.
Ja, kein Erfolg ohne Misserfog. Keine Lust ohne Schmerz. Ich weiß, dass mir der Beruf sehr viel gegeben hat. Durch ihn habe ich zur Literatur, zur Malerei, zur Architektur gefunden. Ich habe Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Habe Länder gesehen, in die ich vielleicht nie gekommen wäre. Es ist ein ganz wunderbarer Beruf, und ich bin dem außergewöhnlichen Dudow dankbar, dass er mir das Tor dahin aufgemacht hat. Aber man muss auch mal loslassen können und mit der Biologie gehen. Mit über 70 ist doch klar, dass der größte Teil der Lebenszeit, in dem man gearbeitet und geliebt hat, mal oben, mal unten war, hinter einem liegt. Der Rest ist sehr kostbar. Ich nutze ihn nur noch für mich.

 

Ute Lubosch – Mit 65 läuft noch alles rund

Es gibt schon seltsame Zufälle. Sie feiert ihren 65. Geburtstag und unsere Freundschaft wird zwanzig. Habe ich eben in meinem Archiv entdeckt. „Wir sind in Lübben, genießen die Sonne und ich will mit meinen drei Weibern nachher essen gehen“, sagt Ute Lubosch am Telefon. Sie spricht  von ihrer Tochter Maria und ihren beiden Enkelinnen. Sohn Marc ist als Kameramann unterwegs. Den ganzen Tag schon wollte ich die Schauspielerin anrufen. Es wäre mir fatal gewesen, ihr ausgerechnet zum 65. nicht zu gratulieren. Sie lacht. „Du rufst doch jedes Jahr an, seit wir uns kennen.“

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Eine Liebe fürs Leben. Ute Lubosch lernte ihren Mann, den Journalisten Rolf Grevelmann, 1994 kennen. Am 10. März wurde die Schauspielerin 65 Jahre. © Reinhold Hack

Lübben ist schön, aber dass sie hier ist, hat den Grund, dass sich ihr Mann sich in der Reha-Klinik befindet. „Er hält das nur aus, weil ich mit hier bin“, sagt sie. Ich erinnere mich noch, wie sie mir in unserem ersten Interview 1998 erzählte, dass er nach „Missgriffen“ wieder Licht in ihr Leben gebracht hat.  „Rolf ist ein Westberliner mit Ossi-Herz.“ Wir saßen in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung oben unterm Dach in der Schwedter Straße im Prenzlauer Berg. Nachdem sich ihr Sohn eine eigene Bleibe gesucht hatte, war damals auch ihre 21-jährige Tochter ausgezogen. „Ohne meine Kinder fühle ich mich ein bisschen wie ein Hund ohne Schwanz“, sagte sie. Sie hat ihre Kinder allein großgezogen. „Ich bin froh, dass mir das in der DDR passiert ist“, sagt sie mit Blick auf die wenig sozialen gesellschaftlichen Umstände für Mütter heute. Die enge Bindung ist geblieben, auch zu den Enkelinnen, die ihre Oma über alles lieben.

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Mit Dieter Mann 1980 in Herrmann Zschoches Film „Glück im Hinterhaus“ © DEFA-Stiftung/Christa Köfer

Seit Ute Lubosch 1970 als lesbische Beziehung von Jutta Hoffmann in dem seinerzeit viel diskutierten DEFA-Film „Der Dritte“ – Regie Egon Günther (†31.8.2017) – das erste Mal vor der Kamera stand, hat sie vor allem in der  Film- und Fernsehlandschaft der DDR ihre Spuren hinterlassen. Mehr als 90 Figuren hat sie geprägt. Sie war erst 16 Jahre, als sie wegen ihrer besonderen Begabung an der Theaterhochschule Leipzig aufgenommen wurde. „Ich bin als letztes von fünf Kindern auf die Welt gekommen. Mein Vertrauen in meine Persönlichkeit war so gering, dass ich die größte Erfüllung empfand, wenn ich fremden Charakteren Profil verleihen konnte“, erklärt sie ihren Berufswunsch. Diese Unsicherheit wandelte sich während des Studiums in starkes Selbstvertrauen. „Für mich hat mein Beruf mit Verwandlung, inhaltlichem Engagement für die Figur zu tun“, sagt sie.

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Ute Lubosch (r.) mit Karin Düwel in der DDR-Fersehserie „Johanna“  Quelle: mdr

So kämpfte sie hartnäckig für ihre Serienfigur „Johanna“ – dreifache Mutter, Ehefrau, engagiert in der Gewerkschaft. „Solche Frauen gab es“, sagt Ute Lubosch, „aber sie waren nicht so, wie das DDR-Fernsehen sie darstellen wollte. Immer lächelnd, einen flotten Spruch auf den Lippen, auch nach 14 Stunden Stress.“ Jeden Tag der zweijährigen Dreharbeiten 1987-1989 rang sie um Realitätsnähe. Am Ende brach sie nervlich zusammen. Aber sie hat erreicht, dass sich die werktätigen Frauen in Johanna wiederfanden. „Ich bedauere, dass die Bürgerbewegung nach dem 9. November 1989 die Chance versäumte, aus diesem Land etwas anderes zu machen, als es jetzt ist,“ resümiert sie.

Die Schauspielerin hatte sich in der DDR selbst sehr früh politisch kritisch engagiert. Nie fehlte ihr der Mut zum Widerspruch. „Ich versuchte, ein Sandkörnchen im Getriebe der Maschinerie zu sein, die alles beschönigte, Probleme glättete, Wahrheiten verzerrte. Niemand muss mir heute sagen, dass er keine Möglichkeiten hatte, sich einzumischen.“ In ihrem Wohnbezirk im Prenzlauer Berg gehörte Ute Lubosch seit 1982 zur Initiative für „Frieden und Menschenrechte“. Ihre Kinder gab sie in einen kirchlichen Kindergarten, um ihnen auch diese Seite der Bildung zu ermöglichen. Sie erinnert sich an eine besondere Aktion: „Als die Stasi 1987 die Umweltbibliothek ausräumte und die Leute verhaftete, holten wir sie durch Mahnwachen aus dem Knast. Nach dem Beitritt zur BRD hat sie die Bürgerwegung verlassen. „Ich konnte mich mit den Aktionen des Neuen Forums unter Bärbel Bohley nicht mehr identifizieren.“

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Ute Lubosch (2.v.l.) 1990 in Peter Kahanes kritischem DDR-Film „Die Architekten“ © DEFA-Stiftung/Christa Köfer

1983 hatte sie für heftige Aufregung bei der Leitung des DDR-Fernsehens gesorgt, weil sie es ablehnte, ihre Rolle in den Gegenwartskapiteln des 7-teiligen Fernsehromans „Märkische Chronik“ fortzusetzen. „Die Darstellung politischer Ereignisse wie des 17. Juni 1953 war mit so vielen Lügen und Verdrehungen behaftet, dass ich mein Gesicht dafür nicht hergeben wollte“, erinnert sie sich. Man bot ihr an, ihre Rolle umzuschreiben, aber darum ging es ihr nicht. „Das wollten oder konnten die Verantwortlichen damals nicht begreifen.“ Sie blieb konsequent, eine andere Schauspielerin musste ihren Part übernehmen. „Erstaunlicherweise hatte es keine Konsequenzen für meine Karriere in der DDR“, wundert sich Ute Lubosch noch heute. Sie drehte danach Fernsehfilme wie „Paulines zweites Leben“, „Das wirkliche Blau“, „Grüne Hochzeit“, spielte in mehreren „Polizeiruf 110“-Filmen.  Und 1987 bekam sie die Rolle der Straßenbahnfahrerin Johanna in der gleichnamigen Alltagsserie des DDR-Fernsehens, in der sie bis 1989 die Herzen der Zuschauer eroberte.

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Ute Lubosch mit Karl Thiele 1975 in Roland Gräfs DEFA-Film „Bankett für Achilles“ © DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann

Der Rückblick auf die ersten Jahre nach Wende ist ein Blick in Tiefen: ABM-Projekte, Synchronarbeit, mager bezahlte Theater-Gastspiele und auch mal eine kleine Kino- oder TV-Rolle. „Meine Kinder mussten nicht hungern, aber ab 1991 saß ich in einem Existenzangstloch. 1996 war es so still, dass sie sich mit zwei Liebesgeschichten an einem Autorenwettbewerb der Berliner Zeitung beteiligte und den Hauptpreis gewann. Ute Lubosch machte Urlaub, ließ die Seele baumeln und dachte darüber nach, wie sie wieder Fuß fassen kann. Sie ist kein Mensch, den es in die Öffentlichkeit drängt. Doch sie kam zu der Einsicht: Es geht heutzutage nicht anders, du musst gesehen werden. Auf der Berlinale 1997 traf sie den DEFA-Regisseur Frank Beyer wieder, der sie in seiner Verfilmung von Manfred Krugs Buch „Abgehauen“ 1998 mit der Rolle der Schriftstellerin Christa Wolf betraute. „Christa Wolf faszinierte mich immer schon als Autorin und in ihrer menschlichen und politischen Haltung. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, mit meiner Filmfigur inhaltlich übereinzustimmen“, sagt sie. Ein Jahr später lernte sie Tom Tykwer kennen. Den damals jungen Nachwuchsregisseur reizte die Eigenwilligkeit ihrer Persönlichkeit, so dass er Ute Lubosch in seinem Kinofilm „Lola rennt“ (1999) die Rolle der Mutter übertrug.

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Dieses Foto entstand während der Dreharbeiten zu „Peng!“ © Jan Maroske

Es gibt gute und weniger gute Zeiten, was Rollenangebote betrifft. Aber Ute Lubosch klagt nicht. „Ich bin ja  immer noch da“, lacht sie. Man sieht sie in der bayerischen Heimatserie „Dahoam is Dahoam“, im April in „SOKO Stuttgart“, „SOKO Wismar“ und in der ZDF-Serie „Die Spezialisten“. 2017 war ein stressiges Jahr. Denn neben den Dreharbeiten hat sie seit einigen Jahren auch als Lehrbeauftragte an der Musik- und Theaterhochschule Rostock gut zu tun. Eine Arbeit, die ihr vor allem Spaß macht und berufliche Erfüllung gibt.  Dann erzählt sie begeistert von dem Kurzspielfilm „Peng! – Die Pistole“, den sie während der Berlinale 2017 mit dem Filmemacher Jan Maroske gedreht hat.

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Ute Luboschs letzte Saison 2013 in der „Müritz-Saga“. 8. Folge „Gottesfurcht im Niemandsland“  © Gerlind

Die 65-Jährige fühlt wohl in ihrem Leben, wie es ist. „Ich muss nicht darben“, scherzt sie, „habe den besten Mann. Und so lange wir zusammen sind, kann uns nichts passieren.“ In einer Jazz-Kneipe hatte sie den Westberliner Journalisten Rolf Gevelmann 1994 kennengelernt. Im Juli 2009 haben sie in Waren-Müritz geheiratet. Ute Lubosch spielte im Freilichttheater Waren seit 2006 in der „Müritz Saga“.  Und so wurde nach dem Standesamt eine zünftige Mittelalterhochzeit gefeiert. Beide finden, dass sie ein gutes Team sind. „Berufsfrust und Tiefschläge nehme ich durch Rolf leichter. Ich bin dankbar, dass wir uns getroffen haben“, bekennt die Schauspielerin.

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Mit Hilmar Eichhorn 1978 in „Addio, piccola mia“. DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann

Anfang Mai beziehen beide wie jeden Sommer ihren „Landsitz“ in Mecklenburg. Ein Schnitterhaus ohne Luxus, mit großem Garten. „Wir mutieren langsam zu Selbstversorgern. Auf meinem Fensterbrett in Berlin stehen kleine Kartoffelpflanzen, und die Auberginen treiben auch schon aus.“ Ute Lubosch sprüht geradezu vor Freude. Der fünfte Sommer, den sie stressfrei genießen wird. Von 2006-20013 stand sie in der Zeit jeden Tag in der „Müritz-Saga“ auf der Freilichtbühne Waren. „Ich merkte plötzlich, dass der Spaß weg war.“ Sich quälen und Zeit versäumen, die sie besser verbringen kann, das will sie sich nicht mehr antun. Ob sie das alter merkst? Ja, wenn wieder ein Kollege oder Freund vom „Schnitter“ geholt wurde. „Bei mir läuft alles noch rund. Ich jogge jeden Tag durch den Wald oder fahre Rad. Im letzten Jahr habe ich Englisch gelernt, jetzt ist Französisch dran.“ Dafür braucht sie keine Volkshochschule. Das macht sie autodidaktisch. Hut ab!

 

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