Junges Kino trifft „alte“ DEFA-Filme – Andres Veiel

Im Mai 2016 jährte sich die Gründung der DEFA zum 70. Mal. Die DEFA-Stiftung nimmt das Jubiläum zum Anlass, nicht nur auf herausragende Produktionen aus fünf Jahrzehnten aufmerksam zu machen, sondern auch dem Fortwirken des DEFA-Erbes im aktuellen Filmschaffen nachzuspüren. Aus diesem Grund lädt sie das ganze Jahr über jüngere deutsche Regisseurinnen und Regisseure dazu ein, im Kino Arsenal DEFA-Filme vorzustellen, die sie besonders beeindruckt oder in ihrer Arbeit beeinflusst haben.

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Andres Veiel Foto: Wilfried Böing

Andres Veiel (Jg. 1959) absolvierte nach einem Psychologiestudium Ende der 1980-er Jahre eine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung am Berliner Künstlerhaus Bethanien, begann dann aber Dokumentarfilme zu drehen. Bekannt wurde er mit seiner Dokumentation „Black Box BRD“ (2001). Es folgten u. a. „Die Spielwütigen“ (2004), „Der Kick“ (2005) und dann 2011 sein erster Spielfilm „Wer, wenn nicht wir“.

Andres Veiel präsentiert den DEFA-Film „Ich war neunzehn“ mit Jaecki Schwarz  der Rolle des jungen Deutschen Gregor Hecker. Es ist die Geschichte des Regisseurs Konrad Wolf, der in der Roten Armee diente. Schwarz wurde 1968 mit dem Film populär. „Das war mein erster Glücksfall als Schauspieler. Und er hängt mir 50 Jahre da­­nach noch an – im positiven Sinne. Erst kürzlich hielt ich an der FU Berlin einen Vortrag über den Film und die Arbeit mit Regisseur Konrad Wolf. In der Diskussion zeigte sich, dass auch die jungen Leute heute die Problemstellung verstehen“, erzählt er im Interview. Jaecki Schwarz‘ Vater war ein junger russischer Offizier, in den sich seine Mutter verliebt hatte.  Noch vor Jaeckis Geburt wurde sein Vater in die Sowjetunion zurückgeschickt. „Ich habe ihn nie kennengelernt“, sagt der heute 70-jährige Schauspieler.

Jaecki Schwarz (Gregor Hecker) und Dieter Mann (Unteroffizier) in "Ich war neunzehn"
Jaecki Schwarz und Dieter Mann Foto: DEFA-Stiftung

Filmabend am 6. 12. 2016 im Arsenal
19:00 Uhr
ICH WAR NEUNZEHN   (DDR 1967, R: Konrad Wolf, 119 min)
 Gregor Hecker, der mit seinen Eltern in die Sowjetunion emigriert war, kehrt 1945 als Leutnant der Sowjetarmee in seine Heimat zurück und versucht, Antworten auf Fragen nach Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Der nach Erinnerungen Konrad Wolfs facettenreich in Episoden gestaltete Antikriegsfilm beschreibt ohne Pathos und Larmoyanz die Schrecken des Krieges und macht die Schuld der Deutschen deutlich.

Im Anschluss ein Filmgespräch zwischen Andres Veiel und Dr. Ralf Schenk (DEFA-Stiftung)

21:30 Uhr  frühe Dokumentarfilme von Volker Koepp
TAG FÜR TAG (DDR 1979, 32 min)
Porträt einer selbstbewussten Schweißerin in einem Betrieb für Landtechnik in Schwaan (Mecklenburg)
FEUERLAND (DDR 1987, 30 min)
Das Alltags- und Nachtleben in Berlin-Mitte zwischen Chaussee-, Invaliden- und Wilhelm-Pieck-Straße
In Koepps frühen Filmen sind die Menschen organischer Teil einer Gegend, verwoben mit deren Vergangenheit und Gegenwart – einer Gegenwart, die sich vor allem in Arbeitsabläufen manifestiert. Sie sind Momentaufnahmen, die Wandelbarkeit und Beständigkeit des menschlichen Lebens zugleich dokumentieren.

Kino Arsenal
Potsdamer Straße 2,
10785 Berlin
Telefon: 030 26955100

 

 

Vom singenden, klingenden Bäumchen und anderen Märchen

Märchen begleiten mich, seit ich denken kann. Eine Geschichte, die mir immer zuerst einfällt, wenn ich mich zurückbesinne, ist die vom „kleinen Häwelmann“. Wie er in seinem Bett des nachts durchs Zimmer rollt, die Wand hinauf, an der Decke entlang bis der Mond einen Strahl durchs Schlüsselloch schickt. Auf dem fährt Häwelmann hinaus und in der Weltgeschichte umher…

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Diese kleine Erzählung, die sich Theodor Storm 1849 als Gute-Nacht-Geschichte für seinen Sohn ausdachte, hat mich als Kind sehr beschäftigt und vielleicht deshalb nicht losgelassen. Ich war Fünf, als ich sie von meiner Oma hörte. Als ich die Geschichte jetzt mal gegoogelt habe, stellte ich fest, dass sie ein Klassiker ist und vielfach verlegt wurde. Bei YuoTube fand ich eine Hörspielplatte von Litera, mit Arno Wyzniewski als Erzähler. Wunderschön.

Natürlich erzählte mir meine Oma auch Märchen wie „Der Wolf und sieben Geißlein“, „Rotkäppchen“ und „Tischlein deck dich“. Als ich dann lesen konnte, wurden „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ zu meiner ersten Lektüre. Die vier Bände des Kinderbuchverlages Berlin, die ich 1957 geschenkt bekam, sehen ziemlich zerlesen aus, stehen jedoch immer noch griffbereit im Bücherregal. Inzwischen sind viele der Märchen verfilmt worden, und ich gebe zu: Für einen schönen Märchenfilm lasse ich jeden Krimi sausen. Verrückt.

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Christel Bodenstein war die erste DEFA-Prinzessin. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt

Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal Prinzessinnen und Prinzen treffen werde, die in den Märchenfilmen mein Kinderherz erobert hatten. Dieses Glück hat mir meine Arbeit als Journalistin beschert. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört das DEFA-Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“. Der Film von Regisseur Francesco Stefani aus dem Jahr 1957 gilt als eine der reizvollsten und erfolgreichsten Märchenproduktionen der DEFA. Was wohl kaum jemand vermutet: Die Handlung beruht auf einem Märchenfragment der Brüder Grimm. 1964 strahlte der britische Fernsehsender BBC den DDR-Film als Miniserie in drei Teilen auf Englisch aus. Sie wurde bis 1980 mehrfach wiederholt.

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Die DEFA-Kulissenbauer zauberten einen echten See und einen Wasserfall  ins Studio. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt

Fasziniert bin ich bis heute von der farbenprächtigen Kulisse und den beiden Hauptdarstellern, Christel Bodenstein als wunderschöne, aber hochmütige Prinzessin und Eckart Dux als Prinz, der in einen Bären verwandelt wird. Nach Abschluss der Dreharbeiten haben sie sich nicht wiedergesehen, bis ich beide zum Interview über ihren Film einlud. Eckart Dux lebte damals in Westberlin, Christel Bodenstein im Ostteil der Stadt, in der DDR. Nach dem Mauerbau 1961 arbeitete Eckart Dux ausschließlich in Westdeutschland. Christel Bodenstein drehte und lebte in der DDR.

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Die Schauspielerin hat zu ihrem Märchen ein Spiel entwickelt. Foto: MatthiasB Photography

„Es war damals schwer, sich zu trennen, als es vorbei war. Die Chemie zwischen uns hat gestimmt“, gestand die heute 78-jährige Schauspielerin. „Auf die Idee aber, etwas miteinander anzufangen, kamen wir nicht. Ecki war ein schnuckeliges Kerlchen. Aber mit 18 empfindet man 30-Jährige wie Väter, außerdem  war er verheiratet“, verriet die  „Prinzessin“ und lachte. Über das Treffen nach fünf Jahrzehnten waren beide sehr glücklich. Der schöne Prinz feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag. Mit seiner Frau, einer Schnittmeisterin, und seinem Sohn lebt er in der Nähe von Wolfsburg. Manchmal arbeitet er noch als Synchron- und Hörspielsprecher.

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Glückliches Ende. Das Bäumchen singt und klingt im Zauberreich. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt  

Das Märchen-Traumpaar hatte bei den Dreharbeiten so einiges erlebt. „Mühevoll hatte man im Reich des Zwerges die Tauben verteilt. Dann wurde die Klappe geschlagen und alle stoben davon. Wir hatten eine sehr lange Pause…“, erinnerte sich Christel Bodenstein. Der Schecke des Prinzen war ein Zirkuspferd und rollte sich jedes Mal auf den Rücken, wenn er in die Knie ging. „Ich konnte reiten, wusste das aber nicht. Wir konnten es ihm auch nicht abgewöhnen. Also musste ich  abspringen, bevor er sein Kunststück machte.“

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Das Pferd aus dem Kunstschnee freizuschaufeln war für die Schauspielerin in Kraftakt. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütz

Dass „Das singende, klingende Bäumchen“ mal zum Kultfilm avancieren würde, hätte zur Produktionszeit vor 60 Jahren keiner geglaubt.  „Dass er im Zeitalter von Action- und computeranimierten Filmen noch so beliebt ist, bedeutet doch, dass sich auch die Kinder von heute gern in eine Märchenwelt hineinträumen“, meinen die beiden Hauptdarsteller. Die DEFA-Szenenbildner haben auch alles dafür getan, die Kulisse märchenhaft zu gestalten. Tief berührt hat mich der (Papp)-Fisch mit großen traurigen  Kulleraugen. Jedesmal, wenn ich den Film sehe, kommen mir die Tränen, wenn er im Eis feststeckt und das Pferd im Schnee versinkt.

Zum ersten Mal seit 1957 ist „Das singende, klingende Bäumchen“ in diesem Jahr fürs Fernsehen neu verfilmt worden. Eine Adaption der alten Geschichte mit mehr Action, umgesetzt mit den heutigen technischen Mitteln. Regie führte Wolfgang Eißler. Die Prinzessin verkörpert Jytte-Merle Böhrnsen, den Prinzen spielt Lucas Prisor und Heinz Hoenig den alten König. (Zu sehen am 25. 12. um 14.45 Uhr auf ARD)

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Christel Bodenstein und Steffi Kühnert (Amme) in der ARD-Produktion Foto: MatthiasB

Auch Christel Bodenstein hat darin eine kleine Rolle bekommen. „Ich bin eine Kräuterfrau, die es in unserem Film nicht gab.“ Gedreht wurde im Harz, im Potsdamer Schloss Belvedere sowie im Kloster Chorin. Für den Kinokenner bietet der Film noch ein kleines Extra, den sich die Filmemacher als Reminiszenz an die DEFA-Verfilmung haben einfallen lassen: Das im Schloss an der Wand hängende Porträtbild der verstorbenen Mutter der Prinzessin ist das Plakatmotiv der DEFA-Verfilmung. Ob der neue Film denselben Kultstatus erreicht wie das Original…? Die Kinopremiere auf dem 4. Thüringer Märchenfilm-Fest in Weimar war jedenfalls ein Erfolg.

Märchen aus Tschechien

Zu meinen absoluten Highlights gehört der Märchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Die tschechische Schauspielerin Marie Kyselková, die liebreizende Lada, lernte ich in Prag zusammen mit ihrem Märchenprinzen Josef Zíma kennen. Zwei Menschen, die genauso sympathisch sind wie in ihren Rollen. Schmunzelt erzählte mir die heute 80-Jährige. „Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Josef, aber Regisseur Martin Fric ließ sich darauf nicht ein.“ Erst ganz zum Schluss gestattete er den beiden einen Hochzeitskuss. Josef Zíma lacht und wiederholt die Kuss-Szene. Er ist in Tschechien ein beliebter Sänger und Moderator geworden.

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„Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ mit Josef Zíma als Prinz und Marie Kyselková als Prinzessin Foto: DEFA-Stiftung/Progressfilm

Das poesievolle Märchen, dem sein Regisseur keine große Bedeutung zumaß, ist in Tschechien Kulturerbe und dort wie in Deutschland nicht weniger Kult als Václav Vorličeks Adaption von Božena Nĕmcovás Aschenbrödel-Geschichte.
Marie Kyselková liebt ihre Rolle als Lada. Sie schwärmt: „Wenn ich unseren Film sehe, ist immer die Szene, in der wir die Ringe tauschen und uns Treue schwören, für mich der wichtigste Moment. Er weckt dieses wunderbare Gefühl des Wohlbefindens. Es ist eine starke Liebe vor der Kamera, die ans Herz geht.“

Wer ohne Märchen aufwächst, verpasst so vieles. Sie öffnen das Tor zu unserer Seele. Bringen uns dazu, uns emotional auszuleben, zu spüren, was uns berührt, was uns Angst macht. So lernen wir schon in jungen Jahren, uns mit Gut und Böse auseinanderzusetzen.
Und manchmal lernen auch Schauspieler aus ihren Märchenrollen. Wie Pavel Trávniček. Der tschechische Schauspieler spielte seine erste Rolle in der DEFA-Barrandov-Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Er war damals gerade 23 Jahre alt.

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Pavel Trávniček und Libuše Šafranková 1974 in dem Märchenfilm Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Foto: DEFA-Stiftung/Filmstudio Barrandov Jaromir Komarek

Heute erinnert er sich: „Ich war als junger Mann sorglos. Dachte, ich werde immer Prinzen spielen, immer schön sein. Ich habe den Ruhm genossen. Aber das Leben wird mit der Zeit komplizierter, musste ich lernen, und die Realitäten auf mich nehmen. Dennoch sollte sich jeder Mensch ein Stück Romantik in seinem Leben gönnen. Sie ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.“
Sein Paradies ist das Theater Skelet, das er 1997 gründete. Sein privates Paradies sind ein Haus mit großem Garten bei Prag, wo er mit seiner dritten Frau, der Sängerin Monika Trávničková lebt. Sie erwarten im Dezember ihr Baby.

Eine wunderschöne Adaption des Grimm’schen Märchens von „Dornröschen“ schuf übrigens Václav Vorliček 1977 mit seinem Film „Wie man Prinzessinnen weckt“, mit der damals 17-jährigen Marie Horáková, dem 22-jährigen Jan Hrušínský und dem 24-jährigen Jan Kraus in den Hauptrollen. Der Regisseur erzählte mir, dass er auf der Suche nach der Prinzessin durch ganz Tschechien gereist war und sie dann unter Tausenden Mädchen in Prag fand. „Marie war ideal. Fotogen, geistreich und nicht auf den Mund gefallen. Sie konnte sich wunderbar in die lebenslustige Rosenprinzessin einfühlen.“

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Jan Hrušínský und Marie Horákova 1977 in „Wie man Prinzessinnen weckt“ 

Die beiden Jungs wollten nicht nur im Film das Herz der Schönen erobern und beschlossen, Marie mit einer Mutprobe zu imponieren. „Wir kletterten nachts aus dem Fenster unserer Hotelzimmer und balancierten über den Sims. Ich rutschte ab und fiel durch das Glasdach des Artriums sechs Meter tief auf eine Theke. Ich hatte Glück im Unglück und und brach mir nur ein Bein“, erinnerte sich Jan Hrušínský, der als Prinz Jároslav längst das Herz der Prinzessin entflammt hatte. Jans Bein musste bis zur Hüfte eingegipst werden, was die Dreharbeiten sehr kompliziert hat. Für den Sturz in den Teich wurde er bis zum Bauch in einen wasserdichten Sack gesteckt. Trotzdem drang Wasser ein, und der Kran schaffte es kaum, ihn aus dem Tümpel zu ziehen. Der Sack war mit 9 Grad kaltem Wasser zu einem riesigen Ballon aufgequollen.

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Marie Horákova und Jan Hrušinský verstehen sich heute noch gut. Manchmal tritt sie in seinem Theater Na Jezerce  auf. Foto: Jürgen Weyrich

Heute ist Jan Hrušínský hauptsächlich Intendant, Regisseur und Schauspieler in seinem eigenen Theater, dem „Divadlo Na Jezerce“.
Maries Herz hat übrigens keiner der beiden Jans damals mit dieser waghalsigen Aktion erobert. „Es waren nette Jungs, aber zum Verlieben reichte es nicht“, erzählte Marie mit Blick zu Jan Hrušínský. Sie hat Regie und Dramaturgie für Puppentheater studiert und eine Marionettenbühne gegründet. Dass Herz der vierfachen Mutter gehört den Kindern. Oft gibt sie Vorstellungen auf Kinderstationen. „Ich habe ein reiches Leben“, sagt sie. „Schöner könnte auch ein Märchen nicht enden.“

Warum gibt es überhaupt Märchen?

Mit den Märchen halten wir einen großen Schatz in den Händen, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. So ist es seit Jahrhunderten. Doch wer hat die Geschichten von Liebe, Abenteuer, Verwandlungen, von sprechenden Tieren, Drachen, Hexen, Prinzessinnen, Prinzen, Feen… erfunden? Woher kommen die Märchen, die uns als Große noch mit Kinderaugen in eine verwunschene Welt schauen lassen, die uns immer wieder in Bann zieht?img_6489
Sie sind uralt. Schon unsere Vorfahren schufen in ihrer Phantasie mächtige Wesen, gute und böse Geister, mit denen sie Ereignisse ihrer Umwelt zu erklären suchten. In der Zeit des Mittelalters sind es hauptsächlich Armut, Not, Hunger, Krieg, die das Leben der Menschen bestimmen und sich in den Märchen spiegeln. Verwoben darin die Sehnsucht nach Wohlstand, Glück und Gerechtigkeit. Man nannte sie Hungermärchen, erzählte sie sich in Spinnstuben und Wirtshäusern.

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Hänsel (Jürgen Micksch) und Gretel (Maren-Inken Bielenberg) in der Hubert-Schonger-Produktion 1954, Regie: Walter Janssen, Foto: spondo.de

Eins der bekanntesten ist „Hänsel und Gretel“. Am Ende des 17. Jahrhunderts verstand jeder, wenn Eltern in bitterster Not ihre Kinder in der Kälte aussetzten. Die Märchen in ihrer ursprünglichen Fassungen waren – wie die Welt, in der sie entstanden – alles andere als romantisch. Wie nah liegt da doch zu wünschen, es käme eine Fee und verwandele Haselnüsse in schöne Kleider, man träfe einen Königssohn, fände ein Tischleindeckdich oder einen Goldesel.

Dass uns die Welt der Märchen heute dennoch romantisch erscheint, liegt nicht zuletzt an den Brüdern Grimm, die sie zu einer Literatur für Kinder gemacht haben, was nicht vorgesehen war. Große Leute sollten durch die Texte wieder zur kindlichen Poesie finden. Jacob Grimm vermerkte 1812 für die erste Auflage der Kinder und Hausmärchen: „Das Märchenbuch ist mir gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht und das freut mich sehr.“ In späteren Ausgaben tilgten die Brüder alles, was an Hunger und Schrecken des armen Lebens heranreicht und für Kinderträume wenig Platz ließ.

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Die DEFA verfilmte „Rotkäppchen“, 1962  mit Blanche Kommerell in der Titelrolle. Die Eltern spielten Helga Raumer und Horst Kube. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Und so kommt es, dass Märchen, in denen Böses geschieht, am Ende doch gut ausgehen. Rotkäppchen wie auch die sieben Geißlein werden aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit. Schneewittchen, dem seine eifersüchtige Stiefmutter nach dem Leben trachtet, erlangt durch die Liebe eines jungen Königs das Leben zurück. Aschenputtel bekommt trotz aller Intrigen von Stiefschwestern und Stiefmutter den Prinzen.Und Dornröschen wird durch einen Kuss aus 100-jährigem Schlaf erweckt.

Die schönsten 20 Filme präsentiert Icestorm als Adventsangebot mit Spielen und einem Prinzessinnen-Kleid in einer prachtvollen „Märchenschatztruhe“ .

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Cinéma privé – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon

Seit Geraumen lädt das Filmmuseum Potsdam einmal im Monat zu einer ganz besondern Kino-Veranstaltung ein: Cinéma privé. Bekannte Persönlichkeiten aus  Kunst, Kultur, Sport und Politik dürfen an diesem Abend ihren Lieblingsfilm präsentieren, egal, ob anerkanntes Meisterwerk oder umstrittener Streifen.  Es ist schon sehr aufschlussreich, für welche Filme sich die  Prominenten begeistern.

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„Der Postmeister“ 1940 mit Hilde Krahl und Heinrich George (Foto:FMP)

Der ganz private Lieblingsfilm von Jurist und Politiker Gregor Gysi ist der BRD-Film „Rosen für den Staatsanwalt“  (1959) von Wolfgang Staudte. Die Wahl des beliebten Film- und Theaterschauspielers Horst Krause fiel auf Gustav Ucickys „Der Postmeister“ (1940) nach einer Erzählung von Alexander Puschkin.

Am 30. November stellt die  Schauspielerin und Musikerin Maria Simon ihren Lieblingsfilm vor:  das Oberschichten-Drama „The Riot Club“ (2014).  Der britische Regisseur  Lone Scherfing wählte für seine Darsteller noch unbekannte junge Schauspieler aus, um eine größtmögliche Authentizität zu vermitteln. Sam Claflin (Alistair) gab sein Schauspieldebüt in dem Fernsehmehrteiler „Die Säulen der Erde“ als Richard von Shiring. Max Ir0ns – er verkörpert Miles –  wird 2009 durch den Film „Das Bildnis des Dorian Gray“ bekannt.

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Sam Claflin und Max Irons (v.l.)

 Der Inhalt: Bald nachdem Alistair, ein Oberschichtsprössling, und Miles, der aus der Mittelschicht stammt, ihr Studium in Oxford angetreten haben, geraten sie ins Visier des elitär-dekadenten Riot Clubs.
Beide bestehen die Aufnahmeprüfung. Was Miles zunächst als großes Glück erscheint, wird durch eines der jährlichen Dinner zu Ehren des Namensgebers des Clubs, Lord Riot, in Frage gestellt. Miles‘ aus der Arbeiterschicht stammende Freundin Lauren wird erniedrigt, der Besitzer des Pubs, in dem das in totaler Zerstörung endende Gelage stattfindet, schwer verletzt. Auch in der Schilderung des Konflikts zwischen Miles und Alistair bezieht „The Riot Club“ deutlich Stellung gegen soziale Ungleichheit, zeigt aber auch die unverminderte Macht einer sich selbst schützenden, menschenverachtenden Kaste. 

Vor Beginn des Films erzählt Schauspielerin Maria Simon im Gespräch mit radioeins-Moderator Knut Elstermann, warum sie gerade diesen Film gewählt hat.

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Präsentiert von radioeins (rbb) und Märkische Allgemeine

Termin
Mittwoch, 30. November 2016, 19.00 Uhr „The Riot Club“
Wo: 
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam

Kartenreservierung: 0331-27181-12,
ticket@filmmuseum-potsdam.de

Vorschau:
Freitag, 09.12.16 Cinéma privé. Der ganz private Lieblingsfilm von Schauspielerin Martina Gedeck mit „Manche mögen´s heiß“ von Billy Wilder.

Katharina Lind: Das wahre Leben der Pechmarie

Zwar lässt uns das milde Wetter gerade nicht an den Winter denken, aber die Zeit ist nicht mehr fern. Also geben wir uns der Fantasie hin. Schneeflocken tanzen vor den Fenstern, die grauen Dächer der Häuser haben eine glitzernde weiße Haube bekommen. Alles um uns herum wirkt wie verzaubert. Kinder bauen Schneemänner, kein Hügel ist ihnen zu flach, um sich nicht auf den Schlitten zu werfen und mit Juchhe herunter zu zu rodeln.
Ein bisschen zu romantisch gedacht? Nun ja,  aber das sind Bilder meiner Kindheit.  Und dazu gehören auch die Märchenstunden bei „Meister Nadelöhr“. Nichts konnte mich davon abhalten.

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Band I der im Kinderbuchverlag Berlin 1957 erschienenen „Kinder- und Hausmärchen“ Foto: privat

„Die Kinder- und Hausmärchen der  Brüder Grimm“  waren meine erste Lektüre, als ich lesen konnte. Stundenlang saß ich im Sessel und ließ mich in die verwunschene Welt entführen, in der Tiere sprechen konnten,  sogar Brote und Äpfel, in der es Nixen und Hexen, Drachen und tapfere Prinzen gab, die eine schöne Prinzessin befreien mussten. Für Kinder ein unerschöpfliches Reservoire,  sich selbst einzubringen, mitzuspielen. Als die Kinematografie erfunden war, gehörten die Märchen mit zu den ersten Stoffen, die verfilmt wurden. Noch vor dem Kultmärchen „Aschenbrödel“, das 1916 von dem dänischen Regisseur Urban Gad erstmals auf die Leinwand gebracht wurde, kam 1908 die Geschichte von „Frau Holle“ als kleiner Stummfilm ins Kino. Produziert von dem Dresdener Filmpionier Heinrich Ernemann. Er betrieb ab 1889 Deutschlands größtes Unternehmen für die Produktion von Foto- und Filmkameras sowie Kinoprojektoren.

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Karin Ugowski war 1963 noch Studentin an der Schauspielschule, als sie die Goldmarie spielte. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Seither hat das Grimmsche Märchen  von Goldmarie und Pechmarie eine Reihe filmischer Adaptionen erfahren. 1947 und 1961 nahm sich der westdeutsche Filmproduzent Hubert Schonger des Märchens an. Bei der ersten Verfilmung achtete er sehr darauf, dass das gesamte Drehteam mit viel Gefühl und größtmöglicher Nähe zu kindlichen Erfahrungen zu Werke ging. Seine zweite „Frau Holle“-Verfilmung (1961) legte er in die Hände von Regisseur Peter Podehl, der sein Handwerk bei der DEFA gelernt hatte. Podehl hat am Drehbuch für den „Kleinen Muck“ mitgearbeitet und war der Stiefvater von Darsteller Thomas Schmidt. Die Kritik befand den Film als zu niedlich und ziemlich altmodisch.

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Die vier Bände der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ des Berliner Kinderbuchverlages waren mit wunderschönen Illustrationen versehen. Foto: privat 

Eine der bis heute besten Märchenverfilmungen gelang dem DEFA-Regisseur Gottfried Kolwitz 1963. Es war zugleich ein Experiment.„Wir drehten nicht realer Kulisse, der gesamte Film entstand im Studio in Babelsberg und ist aufgebaut wie ein Bilderbuch“ erzählte mir Karin Ugowski, die als Goldmarie damals ihr Filmdebüt gab. Mit den Liedern und seine farbenfrohen Dekorationen wirkt er wie ein klingendes Bilderbuch. Es war die neue Art, Märchenfilme auf die Bedürfnisse kleiner Kinder zuzuschneiden, ihnen beim Zuschauen auf einfache Weise die Erkenntnis zu vermitteln, was ist gut und was ist böse, was darf man und was soll man nicht tun. Man mag über die unverhohlene moralische Absicht denken, was man will. Verkehrt ist es jedenfalls nicht, den Kindern eine Richtlinie anzubieten, die ihnen hilft, sich zu orientieren. Und das ist heute nötiger denn je.

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DVD des DEFA-Märchens „Frau Holle“ mit Karin Ugowski als Goldmarie. Erhältlich im Online-Shop bei Icestorm

Für einen Beitrag zur DVD habe ich 2008 mit der Schauspielerin Katharina Lind ein Interview geführt.  Sie lebt im Prenzlauer Berg in Berlin und mochte keinen Fotografen bei unserem Gespräch dabei haben. Daher fehlen aktuelle Fotos von ihr. Am 4. Dezember wird Katharina Lind 80 Jahre. In unserem Gespräch erzählte sie auch von sich.

Interview mit Katharina Lind

Frau Lind, warum haben Sie sich mit mir in der Alten Nationalgalerie verabredet?
Die Arbeit an diesem Film liegt so viele Jahre zurück. Ich brauche eine inspirierende Atmosphäre, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Museen sind so ein Ort, wo sich die Zeiten treffen.

Waren Sie eigentlich begeistert, als man Ihnen die Rolle der hässlichen und faulen Pechmarie anbot?
Das nicht, aber es war ein Angebot, dass man nicht ausschlägt. Auch andere große Schauspieler haben Märchenfilme gedreht. Dafür muss man sich nicht schämen. Die DEFA hat viel Sorgfalt auf ihre Kinderfilme verwendet.

Der Film wirkt wie ein Bilderbuch, in dem mit jeder Szene eine neue Seite aufgeschlagen wird. Wie empfinden Sie das heute?
Wir haben alles im Studio in stilisierten Kulissen gedreht. Das war eine völlig neue Art der Inszenierung durch die Filmschöpfer. Die einfachen Bauten und Dekorationen vermitteln eine Märchenstimmung. Sicher der Grund für die große Beliebtheit des Films bis heute.

Die Rolle der Pechmarie hat Sie damals ganz schnell populär gemacht. Erinnern sich die Leute heute noch an Sie?
Das Märchen ist ja in der Winterzeit sehr präsent, „Frau Holle“ in aller Munde. Und ich bekomme tatsächlich noch Autogrammpost. Erwachsene schreiben, dass ich für sie in der Kinderzeit ein Vorbild war. Letztens erhielt ich einen wunderschönen Brief von einer Familie aus Suhl. In dem erzählt die Mutter, dass ihr fünfjähriger Sohn so werden will wie ich. Das berührt mich.

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Die Mutter (Elfriede Florin) zwingt ihre faule Tochter, in den Brunnen zu springen. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Was fasziniert die Kinder an der Pechmarie?
Sie mögen sie, weil sie sich gewehrt hat. Es ist ja die Negativfigur in dem Film, und viele Kinder identifizieren sich mit ihren unlöblichen Charaktereigenschaften. Kinder, die nicht perfekt sind, denen es schwerfällt, gehorsam zu sein, sich einzuordnen, Aufgaben zu erfüllen. Kinder haben ja die Tendenz, gern das Gegenteil von dem zu machen, was man von ihnen erwartet. Ein Urtrieb.

Und wie sehen Sie die Pechmarie?
Sie war menschlicher als die Goldmarie. Der Mensch lässt sich nicht gern reglementieren.

Was waren Sie für ein Kind?
Ich war ein sehr eigensinnig. Bin mit viel Schimpfe groß geworden, weil ich nichts so machen wollte, wie es mir vorgeschrieben wurde.

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Marie erklärt Frau Holle (Mathilde Danegger), dass sie nicht aufstehen will. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Kannten Sie als Kind das Märchen
Ich bin nicht mit Büchern aufgewachsen. Es war Kriegszeit. Wir lebten in Neuwedell, in Pommern. Meine Eltern hatten einen großen Bauernhof. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter musste alles allein bewirtschaften. Ein hartes Leben. Da war keine Zeit zum Lesen. Dann kam die Flucht 1945. Fast ein halbes Jahr waren wir mit Pferd und Wagen unterwegs. Ich habe böse Erinnerungen. Steckengeblieben sind wir dann auf einem Rittergut in Hohen Luckow. 1948 zogen wir in das Dorf Kurzen-Techow. Über diesen Ortswechsel war ich tief unglücklich. Es war ein Dorf, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagten. Und ich war ein wissbegieriges Kind.

Was war ihr erstes Buch?
Mein erstes Buch bekam ich mit zehn, zu Weihnachten 1946. Fabeln von Iwan Krylow. Keine Ahnung, woher meine Eltern das Buch hatten.

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Statt Gold wurde die Faule mit Pech übergossen. Das war schwarzer Schaum. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Haben Sie Kinder?
Nein.

Haben Sie sich als Kind mal vorgestellt, auf der Bühne zu stehen?
Das nicht. Aber ich habe mich als etwas Besonderes gefühlt. Ich hatte immer eine eigene Meinung, eine andere Vorstellung vom Leben als meine Eltern. Meine Mutter sagte immer: Die ist nicht von uns. Die ist aus der Art geschlagen.

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Katharina Lind 1960 am Theater Meiningen in „Jeanne -oder Die Lerche. Foto: Eva Rauchstein

Inwiefern?
Die neugegründete FDJ verteilte damals Heftchen mit philosophischen Schriften. Die haben mich ungeheuer interessiert. Dann gab es die ersten Reclam-Hefte. Ich weiß noch, dass ich zuerst „Faust“ gelesen habe. Das Heft habe ich heute noch. Den „Hamlet“ las ich in der Kartoffelfurche gelesen, ich musste mich ja verstecken. Jemand der am Tage liest – das war sündhaft.

Führte Sie das zur Schauspielerei?
Nicht direkt. „Hamlet“ war Philosophie umgesetzt in Poesie. Innerlich war ich auf der Suche nach so etwas. Aber auf dem Dorf wurde mein Wissensdrang nicht befriedigt. Ich bewarb mich heimlich an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Rostock und lief mit 16 von zu Hause weg. Dieser harte Schnitt musste sein. Meine Eltern hatten kein Einsehen. Sie arbeiteten schwer und konnten keine Rücksicht auf meine Befindlichkeiten nehmen. Ich habe damals nicht daran gedacht, was ich alles zurücklasse. Aber was macht man als junger Mensch nicht alles, wenn man wissbegierig auf alles ist, was es in der Welt gibt.

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Szenenfoto aus dem DEFA-Film „Die goldene Gans“ Katharina Lind als Lies, Kaspar Eichel als Klaus und Renate Usko als Gert (v.l.) Foto: DEFA-Stiftung Roland Dressel

Was wollten Sie an der ABF studieren?
Geologie. Ich bin am 4. Dezember geboren, das ist der Namenstag der Heiligen Barbara. Sie steht für Bergwerk und Mineralogie. Und Steine hatten auf mich eine große Anziehungskraft. Ich habe Fossilien gesammelt, alles, was ich auf dem Feld gefunden habe.

Und was führte Sie 1955 an die Filmhochschule Babelsberg?
Der Zufall wollte, dass ich einen alten Zeitungsartikel fand, in dem stand, dass 1954 in Babelsberg eine Filmhochschule eröffnet worden ist. 1955 wurde das erste Schauspielfach aufgemacht, für das sie Studenten suchten. Ich fuhr nach Berlin. Total übernächtig habe ich aus „Faust“ und dem „Erlkönig“ vorgesprochen. Ich war wie im Rausch und hatte großen Eindruck hinterlassen. Dann wurde noch mal gesiebt, und ich war unter den zehn ausgewählten. Die Filmhochschule war wie ein Garten Eden. Wir gingen wie auf Wolken, hatten wirklich Flügel.

Und wie ging’s weiter?
Martin Hellberg, der bei uns lehrte, gab mir 1956 meine erste Filmrolle. Ich spielte eine Dirne in seinem Spanien-Film „Wo du hingehst“. Der Film taucht in offiziellen Filmografien von mir nie auf, weil ich da noch unter meinem Mädchennamen spielte. Roselind Vorlag. Den Namen änderte Helene Weigel, als sie mich nach meinem Studium am Berliner Ensemble engagierte. Sie fand, er passe nicht zu einer Schauspielerin. Seit 1958 lebe ich als Katharina Lind, meiner zweiten Identität.

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Die Schauspielerin 1976 Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden, wie es verlief, oder hätten sich etwas anderes gewünscht?
Ich hätte mir nichts anderes gewünscht. Der Beruf war das Bestmögliche für mich. Ich habe unter Benno Besson am Deutschen Theater gespielt, 150 Vorstellungen im„Drachen“. Dann kam der Film „Die goldene Gans“, ich sang 1968 in Eisenach in Brechts „Dreigroschenoper“ die Polly, war in Meiningen, Greifswald und Brandenburg am Theater. In spielte eine Hauptrolle in der tschechischen Fernsehserie „In einer Stunde bist du wieder da“, habe viel synchronisiert. Es war ausgefüllt mein Leben bis zur Wende. Danach kam nichts mehr.  Jetzt liebe ich es, in Museen zu gehen, zu lesen.

Sind Sie als Schauspielerin wieder in ihr Dorf zurückgekehrt?
Meine Eltern lebten ja dort, und ich habe mich auch um sie gekümmert. Nach „Frau Holle“ war ich da eine Berühmtheit. Der Schmied machte nebenbei Kunstschmiedearbeiten und schenkte mir einen kunstvollen Rosenzweig, in dem eine Amsel sitzt. Seit dem Tod meiner Eltern gibt es keine Kontakte mehr zu den Leuten im Dorf.

Würden Sie eigentlich die Pechmarie heute noch mal spielen wollen?
Wenn das ginge, würde ich die Figur sehr gern noch mal spielen. Aber ganz anders. Noch trotziger und widersprüchlicher. So, wie die Kinder heute sind.

Filmtag mit Rolf Losansky

Am 15. September verstarb im Alter von 85 Jahren der Regisseur Rolf Losansky. Mehr als dreißig Jahre hat er Filme für Kinder und Jugendliche gedreht. „Ein Schneemann für Afrika“, „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „… verdammt, ich bin erwachsen!“ begeisterten ein großes Kinopublikum. Das Filmmuseum Potsdam lädt am 3. Dezember zu einem fröhlichen Beisammensein mit Weggefährten, Freunden und der Familie ein.

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Regisseur Rolf Losansky mit Andreas Bieber und Marlene Marlow 2013 in Langerwisch, wo „Hans im Glück“ entstand. Foto: Boris Trenkel

Für Kinder läuft um
14:30 Uhr  „WIE MAN EINE KUH REITET“
Making Of „Hans im Glück”, 1999, Dok., R: Konstanze Weidhaas, ORB
15:00 Uhr  HANS IM GLÜCK, 1998,
Regie: Rolf Losansky
Die erfrischende Filmadaption des gleichnamigen Grimm-Märchens war Rolf Losanskys letzte abendfüllende Regiearbeit.

 

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Filmszene aus „Abschiedsdisco“  Quelle: Ost-Film

17:00 Uhr  „ABSCHIEDSDISCO“
Regie: Rolf Losansky, 1990, Darsteller: Holger Kubisch, Jaecki Schwarz
Inhalt: Henning ist erst fünfzehn Jahre alt, als seine erste Freundin stirbt. Um in Ruhe zu trauern, besucht er seinen Großvater, der als einer der letzten am Rande eines Braunkohlegebietes lebt, wo Bagger die Landschaft immer weiter abtragen. Henning durchstreift die verlassene Gegend und begegnet verlorenen Gestalten. Nachdenklich studiert er die sterbende Umgebung und pflanzt am Ende symbolisch einen Baum.

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Holger Kubisch als Henning in »Abschiedsdico“. Quelle: Ost-Film

Den Stoff wollte Rolf Losansky bereits 1983 verfilmen, doch wurde das Szenarium wurde durch die Hauptverwaltung Film abgelehnt. Hintergrund: Die ökologischen wie auch sozialen Auswirkungen des Braunkohlentagebaus galten lange als Tabu.  Auch 1986 konnte Rolf Losansky das  vorgelegte Drehbuch nicht realisieren.  Abschiedsdisco gehörte zu einer Reihe von Filmen, die nach längerer Verbotszeit im Jahr 1989 umgesetzt werden durften. „Damit war natürlich die Brisanz verpufft“, sagte der Regisseur in einem Interview später.

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall
14467 Potsdam
Tel: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie orden grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung,füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

Syrien – was war vor dem Krieg? Spurensuche mit Winfried Junge

Seit im Sommer 2011 die syrische Regierung unbarmherzig gegen Massendemonstrationen in Daraa, Homs und Hama vorging, sehen wir fast täglich Filmbilder von verheerenden Zuständen in Syrien.
 Sie vermitteln eine Sicht, die zu hinterfragen ist.
Zwei Reportagen der Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge – bekannt vor allem durch ihre Langzeit–Filmchronik Kinder von Golzow“ – brechen die Oberfläche auf, die sich uns mit den täglichen Nachrichten vermittelt.

Was war vor dem Bürgerkrieg? 
Im Sommer 1970 war Regisseur Winfried Junge das erste Mal in Syrien. Sein Film „In Syrien auf Montage“ begleitet DDR-Ingenieure, die Arbeiter in der Textilfabrik Homs ausbilden. Kurz nach Ende der Dreharbeiten, im November 1970, putschte sich Luftwaffenchef Hafez al-Assad an die Macht.

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1989 drehten Barbara und Winfried Junge ihren Dokumentarfilm „…der Vater blieb im Krieg“ über syrische Märtyrerkinder. c/0 DEFA-Stiftung

Zwanzig Jahre später, 1989/90, entstand der Film „… der Vater blieb im Krieg“ über ein Treffen mit syrischen Waisen in Bad Saarow, deren Väter im Libanonkrieg gefallen waren. Winfried und Barbara Junge begleiteten die Jugendlichen nach Syrien, wo sie in gesonderten, elitären „Schulen der Märtyrerkinder“ untergebracht waren.
Die Reportage reflektiert Momente aus dem Leben dieser jungen Menschen, die sich zwischen friedlich und angespannt, hoffnungsfroh und verunsichert bewegen.

Das Filmmuseum Potsdam lädt zu einem Kinoabend „Syrien dokumentieren“ mit Barbara und Winfried Junge ein.

Termin: Donnerstag, 10. November 2016, 19.00 Uhr

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam
Kartenreservierung: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Syrien: Kurzer historischer Abriss
Syrien ist ein junger Staat, der erst seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in (mehr oder weniger) seinen heutigen Grenzen existiert; 1946 erlangte er seine vollständige Unabhängigkeit. Dies kontrastiert mit Jahrtausende alten Siedlungstraditionen. Auf dem Gebiet des heutigen Syrien waren Zivilisationen beheimatet, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehören. Die syrische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch die Erfahrung von Fremdherrschaft und Imperialismus sowie die schwierige Herausbildung einer syrischen nationalen Identität, verbunden mit Fragen nach territorialer Integrität und staatlicher Einheit. Hiermit verflochten sind mit rapiden Modernisierungsprozessen einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen und der Streit um soziale Gerechtigkeit, um politische und wirtschaftliche Teilhabe. Während des Kalten Krieges distanzierte Syrien sich von der US-amerikanischen Nahostpolitik, intensivierte aber seine Beziehungen zu den sozialistischen Staaten. Syrien und Ägypten schlossen sich zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen, wodurch Syrien nicht gestärkt, sondern politisch geschwächt wurde. Ein Militärputsch beendete am 28. September 1961 die Mitgliedschaft Syriens in der VAR. Es entstand die Syrische Arabische Republik. Immer wieder kam es zu Machtkämpfen. 1964, 1965 und 1967 kam es zu einer Reihe von Protesten und Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Nach der Niederlage gegen Israel im Juni 1967 spitzten sich die Auseinandersetzungen innerhalb der syrischen Führung erneut zu. Am 16. November 1970 besiegelte Assad seine zunehmende, auf der Kontrolle des Militärs beruhende Dominanz mit einem erneuten Putsch, indem er Partei- und Staatsspitze verhaften ließ und eine neue Regierung unter seiner eigenen Führung bildete. Von 1975-1990 spielte Syrien eine entscheidende Rolle im libanesischen Bürgerkrieg, an dessen Ende es 90.000 Todesopfer, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste gab. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Ein unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ im Mai 1991 machte den Libanon bis 2005 praktisch zum syrischen Protektorat.

Wer sind Barbara und Winfried Junge?

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Die Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge c/0 Filmmuseum Golzow

Winfried Junge ist am 19. Juli 1935  in Berlin geboren. Er studierte zunächst Germanistik an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin;  wechselte 1954 als einer der ersten Studenten an die neue Deutsche Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Junge hat insgesamt mehr als 50 sehr verschiedene Filme für Kino und Fernsehen gedreht, darunter den Kinderspielfilm „Der tapfere Schulschwänzer“. Seit den 1960er Jahren  zeigen die Dokumentarfilme der Junges Menschen des Alltags. Sie führen auch ins Ausland, erzählen von Begegnungen mit Menschen in Syrien und Somalia, bevor das friedliche Aufbauwerk nach dem Vorbild der sozialistischen Staaten, das auch die DDR unterstützte, ein Ende fand und die Länder im Chaos versanken.

 

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Fast original getreu entstand Winfried Junges Schneideraum im Museum „Kinder von Golzow“ 

Barbara Junge wurde am 14. November 1943 in Neunhofen/Thürigen geboren. Sie studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und schloss mit dem Diplom als Dolmetscherin für Englisch und Russisch ab. Ab 1969 arbeitete sie als Journalistin und Regisseurin im DEFA-Studio für Dokumentarfilme und war zunächst für fremdsprachige Fassungen von DEFA-Dokumentarfilmen verantwortlich. Nach dem Ende der DDR und damit auch der DEFA führte sie mit ihrem Mann Winfried Junge das „Golzow“-Projekt in Co-Produktion mit Sendern der ARD, vor allem des RBB, weiter.

 

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Winfried Junge in der Dokumentarfilmausstellung in Golzow. c/o Filmmuseum Golzow

„Cyankali“ – Ein Film, den man sehen muss. Beklemmend aktuell

Mein Filmgedächtnis hat sich in der Zeit geprägt, als das Fernsehen noch mit analoger Technik arbeitete und bis Ende der 60er Jahre tagsüber Farbstreifen den Bildschirm zierten und ein Pfeif-, sprich: Mess-Ton das Ohr strapazierte. Um die Mittagszeit, zwischen 13.30 und 14.50 Uhr, verschwand das Testbild, und unter der Rubrik Testprogramm strahlte der DFF (Deutsche Fernsehfunk) Filme aus. Für mich die schönste Zeit des Tages. Weil unser Unterricht aber erst um 13.40 Uhr endete, rannte ich immer nach Hause, um nicht allzuviel zu verpassen.

Jeder über Fünfzig, der in der DDR groß geworden ist, wird sich an die „Halbzweifilme“ erinnern. Es waren preisgekrönte sowjetische Streifen wie das berührende Kriegsdrama „Wenn die Kraniche ziehen“, französische Filme wie „Lohn der Angst“ oder „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ mit Gérard Philipe. Selbstverständlich liefen im Testprogramm auch großartige DEFA-Produktionen wie der Welterfolg „Stärker als die Nacht“ mit Wilhelm Koch-Hooge und Helga Göring, „Rivalen am Steuer“ mit Axel Monje, „Semmelweiß –Retter der Mütter“ mit Horst Drinda oder „Carola Lamberti – Eine vom Zirkus“ mit Henny Porten.

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Hete (Grete Mosheim) versucht einen Arzt für die Abtreibung zu finden. Dr. Möller (Ludwig Andersen) lehnt ab

Das war lebendige Geschichte, die ich da jeden Tag einsog – spannend, unterhaltsam und bildend. Denn viele Filme rankten sich um historische, gesellschaftliche  und politische Ereignisse. Leider sind sie heute aus den TV-Programmen verschwunden. Vielleicht gibt es noch Filmkunst-Theater, wo sie hin und wieder über die Leinwand flimmern. Sie hätten der jungen Generation einiges zu sagen.

Es gibt Bilder, die sitzen fest in meinem Gedächtnis. Und wenn ich es bedenke, habe ich mir als Kind mit manchen Filmen viel zugemutet. Der Stummfilmklassiker „Cyankali“ gehört dazu:

Berlin, Ende der 1920er Jahre. Die junge Hete arbeitet als Büroangestellte in einer Fabrik. Dort ist auch ihr Verlobter Paul angestellt. Eines Tages stellt Hete fest, dass sie schwanger ist. Trotz seiner sozialen Not entscheidet sich das Paar für das Baby. Als Paul arbeitslos wird, zerplatzt der Traum von der kleinen Familie. Hete versucht, einen Arzt zu finden, der bereit ist, bei ihr eine Abtreibung vorzunehmen. Als sie scheitert, geht sie zu einer Engelmacherin  und erhält als Abtreibungsmittel ein Fläschchen Zyankali. Doch die Dosis, die Hete einnimmt, ist zu stark und sie stirbt qualvoll an einer Vergiftung. Einer der Ärzte, die sie aufgesucht hatte,  zeigte sie an.

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Renate Krößner als Hete 1977 im DDR-Fernsehfilm  von Jurij Kramer 

Die Beklemmung, die ich als Zwölfjährige empfunden habe angesichts der Verzweiflung, kehrte zurück, als ich mir dieser Tage den Trailer zur DVD „Cyankali“ ansah, die zusammen mit der Neuverfilmung des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1977 als Edition vom Filmmuseum Potsdam und dem Filmverlag absolut MEDIEN herausgegeben wurde. Als ich 1962 den Stummfilm von Hans Tintner sah, wusste ich nichts über die Hintergründe der Geschichte, den Abtreibungsparagraphen 218, der seit 1871 im deutschen Strafrecht verankert ist. Das Reichsstrafgesetz belegte einen Schwangerschaftsabbruch mit fünf Jahren Zuchthaus. Es wurde 1926 gelockert und diese Gesetzwidrigkeit „nur“ noch mit einer Geldstrafe oder mit Gefängnis unter drei Monaten bestraft. Eine Reform des Paragraphen 1927 legalisierte den Schwangerschaftsabbruch dann aus medizinischen Gründen. Die Angst vor der Strafe war jedoch bei den Arbeiterfrauen in den 20er Jahren lange nicht so groß wie die vor noch erdrückenderer sozialer Not, nicht zu wissen, wie man das Kind ernähren soll. So stieg die Zahl der Abtreibungen weiter.

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Filmszene aus dem Stummfilm „Cyankali“ von 1930: Hete und Paul sind verzweifelt

1926 stellte der 45. Ärztetag in Eisenach fest, dass „die Zahl der jährlichen Abtreibungen in Deutschland auf 500.000 bis 800.000 geschätzt wird, darunter 10.000 Todesfälle“. Sie geschahen, bedingt durch den Paragraphen 218, in der Illegalität. Progressive Ärzte, Wissenschaftler und Künstler wie Friedrich Wolf, die das Dilemma in den Proletarierfamilien erkannt hatten, setzten sich vehement für eine humane Gesetzgebung ein. Sie forderten die ersatzlose Streichung des § 218 oder wenigstens Straffreiheit bei einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten.  Die Frauen sollten ein Recht darauf haben, selbst darüber zu bestimmen, ob sie das Kind zur Welt bringen wollen.

Friedrich Wolf war nicht nur ein anerkannter Arzt und überzeugter Kommunist, sondern auch erfolgreicher und vielgespielter Dramatiker in der Weimarer Republik. 1928 veröffentlichte er seine Streitschrift „Kunst ist Waffe!“ und nahm unter dieser Maxime kritisch zu brennenden Problemen seiner Zeit Stellung. 1929 erschien sein Sozialdrama „Cyankali“. Das Bühnenstück löste eine gesellschaftliche Debatte um den Schwangerschaftsabbruch aus, dessen Legitimierung Vertreterinnen für die Rechte der Frauen wie die Malerin Käthe Kollwitz seit Anfang der 20er Jahre forderten. Da Friedrich Wolf aus seiner politischen Überzeugung keinen Hehl machte, versuchten seine Gegner, ihn mit dem Vorwurf illegaler Abtreibungen zu diskreditieren. Doch er genoss hohes Ansehen in der Öffentlichkeit und im Ausland, sodass die Kampagnen ins Leere liefen.

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Grete Mosheim als Hete, Filmfoto

Der ambitionierte jüdische Schauspieler und Filmproduzent Hans Tintner griff das Thema auf und realisierte 1929/30 nach Wolfs Bühnenstück den erschütternden Film . Die Zensur verbot „Cyankali“ mehrfach. Erst nach zahlreichen Schnitten gab sie den Film 1930 für die Kinos frei. Die Uraufführung fand mit großem Erfolg am 23. Mai 1930 im Berliner Kino Babylon am Bülow Platz statt. Drei Jahre später, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, verschwand der Film aus den Lichtspieltheatern. Zu den ersten Gesetzen, die das NS-Regime erließ, gehörte die Paragraphen 219 und 220 des StGB, die Schwangerschaftsabbrüche wieder stärker unter Strafe stellen.

Und wo stehen wir heute? Wirklich geändert hat sich seit 1871 nichts. Der Paragraph 218 steht noch immer im deutschen Strafgesetzbuch. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland heute noch mit einer Freiheitsstrafe bedroht, wenn auch Ausnahmen und Grenzen definiert sind. Einen Lichtblick schien es mit der 1974 vom Bundestag verabschiedeten Fristenregelung zu geben. Sie sah Straffreiheit bei Abbrüchen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten vor, wie seinerzeit von Friedrich Wolf gefordert. Im Februar 1975 wurde das vom Bundesverfassungsgericht als unvereinbar mit der im Grundgesetz verankerten Unantastbarkeit des menschlichen Lebens befunden. Am 6. Mai 1976 verabschiedete der Bundestag eine modifizierte Indikationsregelung als Kompromiss. Neben der medizinischen, der kriminologischen und der eugenischen (bei Schädigung des Kindes) Indikation bleibt eine Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen nun auch bei sozialer Notlage straffrei.
Die Reform des Paragraphen 218 ist vom Bundesverfassungsgericht immer wieder als verfassungswidrig zurückgewiesen worden. Der Kampf um den Schwangerschaftsabbruch polarisierte die Gesellschaft in der BRD bis in die 90er Jahre.

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Erstmalig erscheinen die Filmversionen von „Cyankali“ auf DVD. Die Edition enthält tolle Extras wie einen Rundfunkbeitrag von 1978 zu Friedrich Wolfs Stück. Erhältlich für 24,90 € online und im Handel

Die DDR war in puncto Selbstbestimmungsrecht der Frauen der BRD weit voraus. Sie hat den Paragraphen 218 abgeschafft. Am 9. März 1972 verabschiedete die Volkskammer der DDR ein Gesetz, das eine Fristenlösung vorsah. Jede Frau konnte innerhalb der ersten drei Monate ungestraft eine Interruption vornehmen lassen. Ohne dass sie eine Indikation erfüllen musste. Die Aufklärung über eventuelle Risiken wie die Gefahr, keine Kinder mehr bekommen zu können, übernahmen die überweisenden Gynäkologen. Gegenstimmen gab es aus religiösen Gründen von den Volkskammer-Abgeordneten der Fraktion der CDU.

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Hete stirbt. Filmszene mit Renate Krößner ( Hete), Ursula Braun (Mutter), Hermann Beyer (Paul) und Heinz Behrens (Dr. Möller) aus dem DFF-Film 1977

Dieser Fortschritt wurde 1990 mit dem Beitritt der DDR zur BRD und ihrem Rechtssystem hinfällig. Eine Kompromisslösung zwischen dem alten DDR-Recht und dem StGB der Bundesrepublik musste gefunden werden, denn die Frauen aus den neuen Bundesländern wollten ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht aufgeben.  Am 29. Juni 1995 beschloss der Bundestag das Abtreibungsrecht, nachdem die Interruption innerhalb der ersten zwölf Wochen straffrei bleibt, wenn die Frau eine nach § 218a Abs. 1 StGB vorschriftsgemäße Beratung nachweist oder eine Indikation nach § 218a Abs. 2 und 3 StGB. Damit waren die Debatten aber nicht beendet. Mit dem „Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes“ , das im Januar 2010 in kraft trat, wurden die Anforderungen an eine umfassende Aufklärung, Betreuung und Begleitung der Schwangeren bei einer möglichen medizinischen Indikation neu geregelt. Das Gesetz schreibt nun auch für Abbrüche nach der 14. SSW eine dreitägige Frist zwischen Diagnose und Schwangerschaftsabbruch vor, die es zuvor nicht gab. Die angehenden Eltern sollen nicht im ersten Schock nach der Diagnose eine Entscheidung treffen.

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Marianne Wünscher als „Engelmacherin“ Madame Heye und Renate Krößner. DFF-Film 1977

Die hochkarätig besetzte Neuverfilmung des DDR-Fernsehens von Friedrich Wolfs Theaterstück „Cyankali“ entstand 1977 aus Anlass des 5. Jahrestages der Abschaffung des Paragraphen 218 in der DDR. In der Rolle der Hete ist Renate Krößner zu sehen, Hermann Beyer spielt ihren Verlobten Paul. In den anderen Rollen hat Regisseur Jurij Kramer u. a. Annekathrin Bürger, Marianne Wünscher, Rolf Römer und Heinz Behrens besetzt.

Wenn wir uns umsehen in unserem Land, ist die Aktualität des Themas beklemmend. Den Paragraphen 218  gibt es immer noch, Abtreibung ist wie vor 145 Jahren grundsätzlich immer noch strafbar. Zeit, neu zu diskutieren.

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Ich danke dem Filmverlag absolut MEDIEN für die Fotos.

Adé, lieber Rolf Losansky. Dein „Schulgespenst“ wird immer weiter fliegen

Er wollte nicht, dass Tränen fließen. Er wollte keinem Schmerz bereiten. Und so hat er, so gut es eben ging, halbseitig gelähmt, dem Sprechen nicht mehr mächtig, seine Späße gemacht, wenn man zu Besuch war. Er vermochte es, einem die Traurigkeit zu nehmen, die einen beschlich, und zum Lachen zu bringen.

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Rolf Losansky 1977 bei Dreharbeiten 

Rolf Losansky, dieser große Menschenfreund und Regisseur, für den Filme machen für Kinder- und Jugendliche eine Herzenssache war, starb am 15. September 2016 an den Folgen eines schweren Schlaganfalls, den er drei Jahre zuvor erlitten hatte . Am 6. Oktober fand der 85-Jährige in dem wildromantischen Friedhofsgarten von Bornstedt seine letzte Ruhestätte,  zwischen riesigen Eichen, alten Eiben und verholztem alten Efeu. Schon der Schriftsteller Theodor Fontane empfand diesen Ort als Paradies. Er schrieb: „Was in Sanssouci stirbt, wird in Bornstedt begraben.”

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Danka Losansky und seine Schwester Doris (r.) nehmen Abschied 

Groß war die Zahl derer, die sich an diesem traurigen Tag von Rolf Losansky verabschiedeten. Und es weinte nicht nur der Himmel. In der Kapelle gedachten fast 200 Trauernde dem Vater, Bruder, Freund, Kollegen. Die weiße Urne auf der Stele umgab ein Meer aus bunten Herbstblumen, gelben, roten, weißen Gerbera, Chrysanthemen, Sonnenblumen, Rosen und Lilien. „Danke, es war schön mit dir“, darunter die Skizze eines weinenden Mädchens, schickt ihm seine Tochter Danka auf einer weißen Schleife mit auf die Reise.

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Autorin und Freundin Christa Kozik mit ihrer Mini-Litfaßsäule 

Dieser Gedanke vereinte die Anwesenden. Kinderbuchautorin Christa Kozik, von der   einige seiner schönsten Filmgeschichten stammen, wie „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „Ein Schneemann für Afrika“, hatte dem Freund als Grabbeigabe eine kleine Litfaßsäule gebastelt und dahin all ihre guten Wünsche für ihn in dem anderen Leben getan. Gojko Mitic, sein Indianerhäuptling aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“, verneigte sich ebenso wie die Schauspieler Wolfgang Winkler, der Smutje der MS Wismar auf der Reise nach Afrika, und Ernst-Georg Schwill. Er spielte in Losanskys erstem Erfolgsfilm „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ die Rolle des hilfsbereiten Hauptwachmeisters Löffelholz.

„Mit seiner unkomplizierten Herzlichkeit, seinem Schnurrbart und seiner Nickelbrille war Rolf Losansky wie eine Figur aus seinen Filmen. Trotz aller Erfolge, Auszeichnungen und Preise war er vollkommen uneitel. Für ihn waren seine Filmkinder die Stars. Er trat hinter seine Geschichten zurück, in denen er Kindheit und Kinder nie idealisierte. Er wusste um die Bedrängnisse Heranwachsender, ihre Einsamkeit, Überforderung. Er verschloss nicht die Augen vor ihren Ängsten und Nöten und erinnerte uns daran, genau hinzusehen, uns ihnen zuzuwenden, so wie er sich immer um andere gekümmert hat. Er gab mehr als er vom Leben bekam“, hob Filmjournalist Knut Elstermann in seiner Trauerrede hervor.

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Zu fast all seinen Filmkindern hielt der Regisseur wie ein Vater Kontakt. Einige von ihnen waren gekommen: Schauspielerin Julia Jäger, die zusammen mit Dirk Müller als Moritz ihre erste Rollen in dem philosophisch-poetischen Film „Moritz in der Litfaßsäule“ spielte. Frank Träger, der Träumer Alex aus dem „Langen Ritt zur Schule“, ist KfZ-Mechaniker geworden, Ralf Schlösser, einst Kinderdarsteller in Rolf Losanskys Filmen „Blumen für den Mann im Mond“ und „…verdammt, ich bin erwachsen“, arbeitet als Schauspieler und Regisseur. Mit ihm und hundert Erkner Kindern hat Rolf Losansky 2011/12 sein letztes Filmprojekt „Wer küsst Dornröschen“ realisiert.

Zwei Minuten läuteten die Glocken der berühmten Persius-Kirche vor der letzten Zeremonie, der Aussegnung durch Pfarrer Friedhelm Wizisla. Vielleicht ist es ein Trost, daran zu denken, dass Rolf Losanskys Filme bleiben, dass noch viele Generationen mit seinem menschenfreundlichen Werk aufwachsen.

Abschied von Hilmar Thate

Berlin. Der Himmel war bedeckt, doch für den letzten Auftritt von Hilmar Thate öffnete er sein Wolkenfeld und ließ die Sonne scheinen. Es ist der 30. September, die Stunde zwischen elf und zwölf, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße. In der lichtdurchfluteten Trauerhalle fällt mein Blick über die Reihen der Angehörigen, engen Freunde, gemochten Kollegen auf das gerahmte Schwarzweiß-Porträt des Schauspielers. Sein Blick schaut nachdenklich, ein bisschen versonnen, in der Hand eine Zigarette. Er ist so nah und doch so fern.

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Der Sarg aus mattiertem Kirschholz mit nur zwei Sonnenblumen darauf, daneben Kränze aus bunten Herbstblumen geflochten, zeugt von der Unwiderruflichkeit des erloschenen Lebens eines Menschen, der ein besonderer war. Als Schauspieler, als Freund, als Gesprächspartner. Charmant, sensibel und zugleich kraftvoll. Unbeugsam in seiner Haltung, seinem Sinn für Gerechtigkeit. Er fehlt nun. Und vor allem seiner Frau, der Schauspielerin Angelica Domröse. Ihre Liebe war ein enges Bündnis voller Emotionen und einer bewegten, ja, oft stürmischen Realität. Hilmar Thate starb am 15. September mit 85 Jahren. Letztlich an den Folgen eines schweren Sturzes, der ihm die Lebenskraft nahm, wie ich heute erfuhr.

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Tapfer nimmt Angelica Domröse die Kondolenzen entgegen. Links neben ihr Hilmar Thates Sohn Hanno

Es wird ein stiller Abschied, so wie er ihn sich gewünscht hat. Keine Trauerrede. „Hilmar wollte keine Rede zum Abschied. Das hat er mir gesagt, das hat er Angelica gesagt. Lasst uns also jetzt und hier im Stillen und jeder mit seiner Erinnerung an einen besonderen Menschen und unvergesslichen Schauspieler denken“, sind die einzigen Worte des Abschieds. Gesprochen von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, einem Freund, in dessen DEFA-Film „Der Fall Gleiwitz“ Hilmar Thate 1960 die Schlüsselrolle spielte.

Für diese Minuten des Innehaltens hatte Angelica Domröse eine bizarre Straßenmusik ausgesucht, die sie vor Jahren auf einer Party gehört hatte und sich von dem Gastgeber überspielen ließ. „Sie hat uns so gefallen“, sagt sie. Als danach „Pablos’s Blues von Miles Davis“ verklungen war, geben wir Hilmar Thate das letzte Geleit. Neben mir läuft Schauspieler Christian Grashof, hinter mir sehe ich Schauspielerin Jutta Hoffmann mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Nikolaus Haenel, und Schauspieler Carl Heinz Choynski.

Mein letzter Gruß ist eine weiße Rose.

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„Ich höre auf zu leben, aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern und mit Lust und scheue den Tod nicht.“ Zitat aus „Egmont“, von Johann Wolfgang von Goethe.

 

Geschichten über Stars, die man im Osten kennt

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