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Die goldene Gans. Sie konnte einfach nicht den Schnabel halten

Wohl kein ein Kind wächst ohne die Hausmärchen der Gebrüder Grimm (Jacob 1785-1863 und Wilhelm 1786-1859) auf: „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“,Dornröschen“ oder „Die goldene Gans“. Viele der Märchen hat die DEFA verfilmt. Sie sind immer noch präsent, als DVD oder werden – wie jetzt zur Weihnachtszeit – im Fernsehen ausgestrahlt. Für mich war es jedesmal ein großes Vergnügen, mit den Schauspielern über ihre Erlebnisse und Erinnerungen an die Dreharbeiten zu sprechen. Meine Märchenretropspektive beginne ich hier mit einem Interview, das ich im Sommer 2007 mit den Hauptdarsteller des Märchenfilms „Die goldene Gans“ geführt habe.

Diese Geschichte vom Schusterjungen Klaus und seiner wundersamen Gans hat die DEFA 1963 mit dem damals 21-jährigen Kaspar Eichel in der Hauptrolle verfilmt. Die schöne Prinzessin, der vor Langeweile in ihrem Schloss das Lachen verging, spielte Karin Ugowski. Ich traf mich mit den Beiden auf dem malerischen Gehöft von Karin Ugowski und ihrem Mann Günter Horn am Kummerower See. Da ich die Schauspieler gut kenne, sprechen wir uns mit Du an.

Kaspar Eichel und Karin Ugowski schauen durch ein imaginäres Fenster. Das Ölgemälde von Andreas Freitag ist eins von vielen Bildern an der Landstraße zum Gehöft von Karin Ugowski © Michael Handelmann

Schier endlos zieht sich die Straße, ehe man das rotbraune, hinter Feldern und Seen versteckte Gehöft von Karin Ugowski und ihrem Mann erreicht. An der Seite des Malers Günter Horn hat die Schauspielerin inmitten der mecklenburgischen Schweiz den Raum zum Leben gefunden, der sie glücklich macht. Einige von Horns origi­nellen Bildern stehen auf Staf­feleien montiert am Wegesrand. Landschaftsbilder in der Land­ schaft.

Vielen Dank für die Einladung. Hier bekommt man glatt Urlaubsgefühle

Karin Ugowski: Ja, wenn ich im Dorf an der Kirche vorbei bin und in den Weg zum Gehöft einbiege, vergesse ich Babelsberg und den Stress der Dreharbeiten. Ich atme die wunderbare Luft ein und freue mich auf meinen Garten, meinen Mann. (Karin Ugowski spielte von 2005 bis 2009 in der Daily-Soap eine durchgehende Rolle)

Kaspar Eichel: Ihr habt es ist wirklich schön hier. Du musst mit mir einen Rundgang machen.

Kaspar Eichel und die goldene Gans. Als wir 2007 diese Aufnahmen im Wald von Grammenthin machten, war es eine Attrappe, 1964 eine echte Gans. Damals war der Schauspieler noch Student und gerade mal 21 Jahre alt © Michael Handelmann; DEFA-Stiftung/Horst Blümel (kl. Foto)

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erzählt mir doch bitte etwas über eure nachthaltigste Erinnerung an den DEFA-Märchenfilm „Die goldene Gans

Kaspar Eichel: Bei mir ist es so eine Hassliebe. Man wird als Schauspieler oft mit einer Rolle identifiziert, die einem selbst gar nicht so wichtig war. Wie diese, auf die ich immer wieder angesprochen werde. Wenn die Leute dann aber sagen: „Nun ham’se sich mal nicht so, Herr Eichel, wir sind mit ihnen groß geworden, sie waren unser Vorbild für die Schule“, dann ist das schon ein schönes Gefühl.

Sie kleben an der goldenen Gans: der Musikant (Karl Heinz Oppel), der Wirt (Fritz Schlegel), die Schwestern Gret (Renate Usko) und Lies (Katharina Lind) und Klaus (Kaspar Eichel) © DEFA-Stiftung/Roland Dressel)

Karin Ugowski: Für mich war die Rolle ja noch mal was anderes als für Kaspar, der schon vorher in Werner Holtgespielt hatte. Ich war das Jahr zuvor die Goldmarie in „Frau Holle“. Als ich dann für die Prinzessin ausgesucht wurde, haben mich meine Kommilitoninnen richtig doof angemacht: Na, du mit deinem Aussehen kannst ja bloß Märchen spielen. Deshalb wollte ich die Prinzessin gar nicht so gern spielen. Außerdem hatte ich zu der Zeit das Angebot, im Hans Otto Theater Potsdam die Ophelia zu spielen. Der Rektor entschied dann: Wir sind eine Filmhochschule, du drehst.

Ihr habt das also als eine Enttäuschung empfunden?

Kaspar: Nein. Wir waren frisch von der Schule runter. Dass man da so eine Rolle bekommen hat, war ein tolles Gefühl. Aber wir erwarteten größere Herausforderungen. Ich fand, Klaus braucht mehr Action, wie es heute heißt. Das hat man dann geändert. Ich durfte mit Prinz Störenfried ordentlich fechten. Das war vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit der jungen Aufstrebenden.

Die Langeweile hat der Prinzessin (Karin Ugowski) das Lachen genommen. Ihr Vater (Heinz Scholz), der König, versucht zu aufzuheitern DEFA-Stiftung/Roland Dressel

Karin: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich sagen: Am Anfang war ich traurig, verletzt, dass ich eben Märchen gespielt habe und die durften sich Herausforderungen stellen. Im Nachhinein sehe ich das ähnlich wie Kaspar und muss lachen, wenn ich an die Bemerkungen meiner Kommilitoninnen denke. Die mich belächelt haben, drängelten sich später danach, Märchenfilmen zu drehen. Auch solche, bei denen sich die Kinder gegruselt haben. Wenn ich mal nicht mehr bin – die Märchenfilme bleiben, werden immer wieder gern gesehen, wie es sich zeigt. Da kann ich doch nur froh sein und mir sagen: Gut, die Theaterrolle, die du wolltest, hast du nicht gekriegt. Aber das weiß außer dir keiner. Damit habe ich mich getröstet.

Kaspar: Ich verstehe Karins Komplexe damals. Sie war der Typ „bürgerliche Schönheit“, gefragt war aber der proletarische Typ. Bei meiner Rolle war es genauso. Ich habe bloß erst hinterher erfahren, dass die Kollegen, die sie vor im Brustton der Überzeugung abgelehtn haben, heimlich nachts zu Probeaufnahmen waren.

Kaspar Eichel und Karin Ugowski hatten viel Spaß beim Drehen ©DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Karin: Die Sticheleien haben mich ganz schön fertig gemacht. Das war ganz schlimme, wenn ich hörte, du hast eine bürgerliche, sogar spätbürgerliche Ausstrahlung. Fast noch Marika Rökk oder Ufa. Das ging soweit, dass ich die Rolle der Ehefrau von Göring in István Szábos Film „Mephisto“ abgeölehtn habe. Die wurde dann von Christine Harborth gespielt. Ich hatte leider kein Hinterland wie Kaspar, das mir jemand den Rücken stärkte. Du wusstest durch deinen Vater, wie man in der Branche tickt.

Dein Vater war Wito Eichel. Hat er dich animiert, Schauspieler zu werden?

Kaspar: Mein Vater war künstlerischer Leiter im Synchronstudio und später Rektor an der Filmhochschule Babelsberg. Vielleicht hat mich das unbewusst beeinflusst. Ich wollte von Anfang an Schauspieler werden. In der Schule war ich der Kasper und nur gut, wenn wir Stücke gelesen haben. Ich las oder besser, spielte den DorfrichterAdam in Shakespeares „Der zerbrochene Krug“. Das war für mich das Größte. Schule hat mir erst Spaß gemacht, als ich auf die Schauspielschule ging. Da fand ich alles fantastisch und habe im Unterricht immer zugehört.

Wie bekamt ihr beiden eure Rollen?

Uwe-Detlev Jessen und Peter Dommisch als die faulen Brüder Kunz und Franz Foto: Screenshot ©DEFA-Stiftung; Karl Plintzner

Kaspar: Regisseur Siegfried Hartmann kam nach Senftenberg, wo ich am Bergarbeiter-Theater schon das Märchenstück „Die goldene Gansgespielt habe. Autor war Günter Kaltofen, der dann auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat. Ich wurde zu Probeaufnahmen eingeladen und bekam die Rolle. Mein Oberspielleiter am Theater, Uwe-Detlev Jessen, wurde gleich mit eingekauft. Er spielt im Film den faulen Kunz.

Gab es einen Karrieresprung?

Kaspar: Eigentlich nicht. Es ging kontinuierlich weiter. Ich habe vorwiegend Theater gespielt. Aber auch gedreht, das stimmt. 1965 „Tiefe Furchen“ und „Berlin um die Ecke“. Das war der vierte Film der Berlin-Reihe, der wurde aber erst nach der Wende gezeigt. Regisseur Gerhard Klein und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaaseerzählten realistisch vom Alltag kleiner Leute in dieser Zeit. Da ging es um Probleme, die man damals lieber verschwieg.

War dieses Doppelleben problematisch für dich?

Kaspar: Es war schon stressig. Tagsüber spielte ich in Senftenberg zwei Vorstellungen. Abends holte mich ein Fahrer der DEFA mit dem Auto ab und fuhr mich nach Babelsberg. Wir haben dort dann nachts gedreht. Das Gemeine aber war, dass Günter Kaltofen für das Drehbuch die Bühnendialoge einfach nur umgestellt hat. Da nicht durcheinander zu kommen, das war schon mühsam. Aber es hat sich für ihn sicher gelohnt. Der Film wurde in alle Welt verkauft, lief sogar in New York am Broadway.

Kaspar Eichel mit Jochen Thomas (M), der den Raufbold spielteund, Gerhard Rachold als Prinz Störenfried ©DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Karin: Da fällt mir ein: Bei der Premiere in Berlin saß der kleine Sohn von dem Raufbold, der immer so gebechert hat, mit im Kino. Als der nun seine Suffnase ins Bild steckte, rief der Kleine. „Das ist mein Papa“, und das ganze Kino lachte.

Karin hatte früher lange blonde Haare, wie die Prinzessin. Hattest du auch Locken wie Klaus?

Kaspar: Nein. Der Maskenbildner hat sie mir jedenTag mit der Lockenschere gebrannt.

Karin: Ich trug aber auch eine Perücke, weil ich dieses Zopfkrönchen auf dem Kopf hatte. Das immer neu zu flechten hätte zu lange gedauert.

Schuster Klaus hat die Prinzessin zum Lachen gebracht und ihr Herz gewonnen © DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Ich staune jedemal, wenn ich den Film sehe, wie ruhig die Gans mitgespielt hat.

Kaspar: Das täuscht. So ruhig war die gar nicht. Sie schnatterte manchmal ganz schön laut. Wir mussten dann warten, bis sie sich beruhigt hat. Damit ich sie überhaupt halten konnte, waren ihre Beine zusammen gebunden.

Karin: Man glaubt gar nicht, welche Kraft diese Vögel in den Flügeln haben.

Wo habt ihr gedreht? Es ist ja wirklich eine märchenhafte Kulisse.

Kaspar: Alles wurde im Studio aufgebaut. Die DEFA-Handwerker hatten es drauf, dass selbst der künstleiche Wald echt aussah.

Mit welchem Trick zog eigentlich die Gans Menschen und Gegenstände an? Hat man Magneten versteckt? Damals gab ja es noch keine Computer.

Katharina Lind und Kaspar Eichel mit der goldenen Gans. Das Tier wurde mit Goldlack besprüht. Damals hatte man keine andere Möglichkeit © DEFA-Stiftung/Horst Blümel

Kaspar: Man befestigte ganz dünne Kupferlongen an den Sachen, an dem ein Techniker dann ganz vorsichitg zog. So schwebten die Geige und der Geigenbogen auf die Gans zu, die Röcke der Mädchen oder das Florett von Prinz Störenfried, als ich mit kämpfe. Manchmal riss der Draht,  und das Ganze musste noch mal gedreht werden. Es war ziemlich aufwendig. Hätte es damals schon Computer-Tricks gegeben, hätte man die Gans auch leicht einfärben können. Unsere wurde mit Goldbronze besprüht, was ihr nicht so gut bekam.

Ralph. J. Böttner spielt den Hauptmann des Königs Foto: screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Karin: Erinnerst du dich, wie der Kameramann den Hauptmann der königlichen Wache ewig am Schwanz vom Esel hängen ließ?

Kaspar:  Klar, den konnte keiner so recht leiden. Und Karl ließ ihn die Einstellung zigmal wiederholen und tat, als ob er das filmte. Dabei hatte er gar keinen Film in der Kamera.

Karin: Wir haben die Einstellung aber auch tatsächlich x-mal gedreht, weil die ORWO-Filme unterschiedliche Farbstiche hatten. Mal waren sie bläulich, mal grün- oder rotstichig. Im Schnitt mussten die Farben dann aber übereinstimmen.

Katharina Lind musste sehr aufpassen, als sie auf die Wippe kletterte. Kaspar Eichel hielt sie aber gut fest Foto: Screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Ein paar Szenen sahen ja gefährlich aus. Zum Beispiel, als alle auf die Wippe stiegen.

Karin: Das war schon nicht ohne, als Katharina mit der Gans auf die Wippe klettern musste. Dem Regisseur mangelte es da etwas an Phantasie, dass dabei auch etwas passieren könnte. Katharina, also die Lies, wurde leicht hysterisch. Sie hätte sich bei der Aktion sämtliche Gräten dabei brechen können.

Eine halsbrecherische Aktion. Jochen Thomas hängt als Hauptmann der Wache an einem Flaschenzug. Franz (Peter Dommisch) muss ihn hochziehen Foto: screenshot © DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Kaspar: Gefährlich war es auch, als wir die Kiste mit dem Flaschenzug nach oben zogen. Die hatte ein ziemliches Gewicht, und wir mussten uns ganz schön an das Seil hängen. Einmal krachte sie runter. Uwe-Detlev Jessen und Peter Dommisch, meine faulen Brüder, konnten gerade noch so zur Seite springen.

Kaspar, du hast vorhin das Synchronstudio angesprochen. Das ist ja inzwischen dein zweites Zuhause. Die Liste deiner Rollen ist lang. Man hört dich unter anderem als Robert Redford. Was ist das für ein Gefühl?

Kaspar Eichel 2020 im „DEFA-Zeitzeugengespräch“ © DEFA-Stiftung/Teubner

Kaspar: Ehrfurcht ist schon da, aber wenn die Arbeit losgeht, ist es ein ganz normaler Job. Dass ich den Redford spreche, ist ein Riesenglücksfall. Aber ich gebe auch anderen bekannten Hollywoodschauspielern die Stimme: Richard Dreyfuss und Dennis Hopper. Es macht einfach einen Riesenspaß.

Gibt es Gedanken ans Aufhören? Ihr steht ja beide kurz vor der Rente.

Ich traf Karin Ugowski 2007 auf ihrem Gehöft, dem Kunsthof, in Grammentin © Michael Handelmann

Karin: Nein, obwohl ich mir jedes  Jahr vorgenommen habe: Nun nicht mehr. Der Beruf ist eine Droge. Und wenn man gute Kollegen hat, macht er doppelt Spaß. Allerdings habe ich Zeit für mein Privatleben, für Streicheleinheiten.

Kaspar: Ich werde in Rente gehen, doch nicht aufhören zu spielen. Aber nur noch das, was Spaß macht.