Die goldene Gans. Sie konnte einfach nicht den Schnabel halten

Wohl kein ein Kind wächst ohne die Hausmärchen der Gebrüder Grimm (Jacob 1785-1863 und Wilhelm 1786-1859) auf: „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“,Dornröschen“ oder „Die goldene Gans“. Viele der Märchen hat die DEFA verfilmt. Sie sind immer noch präsent, als DVD oder werden – wie jetzt zur Weihnachtszeit – im Fernsehen ausgestrahlt. Für mich war es jedesmal ein großes Vergnügen, mit den Schauspielern über ihre Erlebnisse und Erinnerungen an die Dreharbeiten zu sprechen. Meine Märchenretropspektive beginne ich hier mit einem Interview, das ich im Sommer 2007 mit den Hauptdarsteller des Märchenfilms „Die goldene Gans“ geführt habe.

Diese Geschichte vom Schusterjungen Klaus und seiner wundersamen Gans hat die DEFA 1963 mit dem damals 21-jährigen Kaspar Eichel in der Hauptrolle verfilmt. Die schöne Prinzessin, der vor Langeweile in ihrem Schloss das Lachen verging, spielte Karin Ugowski. Ich traf mich mit den Beiden auf dem malerischen Gehöft von Karin Ugowski und ihrem Mann Günter Horn am Kummerower See. Da ich die Schauspieler gut kenne, sprechen wir uns mit Du an.

Kaspar Eichel und Karin Ugowski schauen durch ein imaginäres Fenster. Das Ölgemälde von Andreas Freitag ist eins von vielen Bildern an der Landstraße zum Gehöft von Karin Ugowski © Michael Handelmann

Schier endlos zieht sich die Straße, ehe man das rotbraune, hinter Feldern und Seen versteckte Gehöft von Karin Ugowski und ihrem Mann erreicht. An der Seite des Malers Günter Horn hat die Schauspielerin inmitten der mecklenburgischen Schweiz den Raum zum Leben gefunden, der sie glücklich macht. Einige von Horns origi­nellen Bildern stehen auf Staf­feleien montiert am Wegesrand. Landschaftsbilder in der Land­ schaft.

Vielen Dank für die Einladung. Hier bekommt man glatt Urlaubsgefühle

Karin Ugowski: Ja, wenn ich im Dorf an der Kirche vorbei bin und in den Weg zum Gehöft einbiege, vergesse ich Babelsberg und den Stress der Dreharbeiten. Ich atme die wunderbare Luft ein und freue mich auf meinen Garten, meinen Mann. (Karin Ugowski spielte von 2005 bis 2009 in der Daily-Soap eine durchgehende Rolle)

Kaspar Eichel: Ihr habt es ist wirklich schön hier. Du musst mit mir einen Rundgang machen.

Kaspar Eichel und die goldene Gans. Als wir 2007 diese Aufnahmen im Wald von Grammenthin machten, war es eine Attrappe, 1964 eine echte Gans. Damals war der Schauspieler noch Student und gerade mal 21 Jahre alt © Michael Handelmann; DEFA-Stiftung/Horst Blümel (kl. Foto)

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erzählt mir doch bitte etwas über eure nachthaltigste Erinnerung an den DEFA-Märchenfilm „Die goldene Gans

Kaspar Eichel: Bei mir ist es so eine Hassliebe. Man wird als Schauspieler oft mit einer Rolle identifiziert, die einem selbst gar nicht so wichtig war. Wie diese, auf die ich immer wieder angesprochen werde. Wenn die Leute dann aber sagen: „Nun ham’se sich mal nicht so, Herr Eichel, wir sind mit ihnen groß geworden, sie waren unser Vorbild für die Schule“, dann ist das schon ein schönes Gefühl.

Sie kleben an der goldenen Gans: der Musikant (Karl Heinz Oppel), der Wirt (Fritz Schlegel), die Schwestern Gret (Renate Usko) und Lies (Katharina Lind) und Klaus (Kaspar Eichel) © DEFA-Stiftung/Roland Dressel)

Karin Ugowski: Für mich war die Rolle ja noch mal was anderes als für Kaspar, der schon vorher in Werner Holtgespielt hatte. Ich war das Jahr zuvor die Goldmarie in „Frau Holle“. Als ich dann für die Prinzessin ausgesucht wurde, haben mich meine Kommilitoninnen richtig doof angemacht: Na, du mit deinem Aussehen kannst ja bloß Märchen spielen. Deshalb wollte ich die Prinzessin gar nicht so gern spielen. Außerdem hatte ich zu der Zeit das Angebot, im Hans Otto Theater Potsdam die Ophelia zu spielen. Der Rektor entschied dann: Wir sind eine Filmhochschule, du drehst.

Ihr habt das also als eine Enttäuschung empfunden?

Kaspar: Nein. Wir waren frisch von der Schule runter. Dass man da so eine Rolle bekommen hat, war ein tolles Gefühl. Aber wir erwarteten größere Herausforderungen. Ich fand, Klaus braucht mehr Action, wie es heute heißt. Das hat man dann geändert. Ich durfte mit Prinz Störenfried ordentlich fechten. Das war vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit der jungen Aufstrebenden.

Die Langeweile hat der Prinzessin (Karin Ugowski) das Lachen genommen. Ihr Vater (Heinz Scholz), der König, versucht zu aufzuheitern DEFA-Stiftung/Roland Dressel

Karin: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich sagen: Am Anfang war ich traurig, verletzt, dass ich eben Märchen gespielt habe und die durften sich Herausforderungen stellen. Im Nachhinein sehe ich das ähnlich wie Kaspar und muss lachen, wenn ich an die Bemerkungen meiner Kommilitoninnen denke. Die mich belächelt haben, drängelten sich später danach, Märchenfilmen zu drehen. Auch solche, bei denen sich die Kinder gegruselt haben. Wenn ich mal nicht mehr bin – die Märchenfilme bleiben, werden immer wieder gern gesehen, wie es sich zeigt. Da kann ich doch nur froh sein und mir sagen: Gut, die Theaterrolle, die du wolltest, hast du nicht gekriegt. Aber das weiß außer dir keiner. Damit habe ich mich getröstet.

Kaspar: Ich verstehe Karins Komplexe damals. Sie war der Typ „bürgerliche Schönheit“, gefragt war aber der proletarische Typ. Bei meiner Rolle war es genauso. Ich habe bloß erst hinterher erfahren, dass die Kollegen, die sie vor im Brustton der Überzeugung abgelehtn haben, heimlich nachts zu Probeaufnahmen waren.

Kaspar Eichel und Karin Ugowski hatten viel Spaß beim Drehen ©DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Karin: Die Sticheleien haben mich ganz schön fertig gemacht. Das war ganz schlimme, wenn ich hörte, du hast eine bürgerliche, sogar spätbürgerliche Ausstrahlung. Fast noch Marika Rökk oder Ufa. Das ging soweit, dass ich die Rolle der Ehefrau von Göring in István Szábos Film „Mephisto“ abgeölehtn habe. Die wurde dann von Christine Harborth gespielt. Ich hatte leider kein Hinterland wie Kaspar, das mir jemand den Rücken stärkte. Du wusstest durch deinen Vater, wie man in der Branche tickt.

Dein Vater war Wito Eichel. Hat er dich animiert, Schauspieler zu werden?

Kaspar: Mein Vater war künstlerischer Leiter im Synchronstudio und später Rektor an der Filmhochschule Babelsberg. Vielleicht hat mich das unbewusst beeinflusst. Ich wollte von Anfang an Schauspieler werden. In der Schule war ich der Kasper und nur gut, wenn wir Stücke gelesen haben. Ich las oder besser, spielte den DorfrichterAdam in Shakespeares „Der zerbrochene Krug“. Das war für mich das Größte. Schule hat mir erst Spaß gemacht, als ich auf die Schauspielschule ging. Da fand ich alles fantastisch und habe im Unterricht immer zugehört.

Wie bekamt ihr beiden eure Rollen?

Uwe-Detlev Jessen und Peter Dommisch als die faulen Brüder Kunz und Franz Foto: Screenshot ©DEFA-Stiftung; Karl Plintzner

Kaspar: Regisseur Siegfried Hartmann kam nach Senftenberg, wo ich am Bergarbeiter-Theater schon das Märchenstück „Die goldene Gansgespielt habe. Autor war Günter Kaltofen, der dann auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat. Ich wurde zu Probeaufnahmen eingeladen und bekam die Rolle. Mein Oberspielleiter am Theater, Uwe-Detlev Jessen, wurde gleich mit eingekauft. Er spielt im Film den faulen Kunz.

Gab es einen Karrieresprung?

Kaspar: Eigentlich nicht. Es ging kontinuierlich weiter. Ich habe vorwiegend Theater gespielt. Aber auch gedreht, das stimmt. 1965 „Tiefe Furchen“ und „Berlin um die Ecke“. Das war der vierte Film der Berlin-Reihe, der wurde aber erst nach der Wende gezeigt. Regisseur Gerhard Klein und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaaseerzählten realistisch vom Alltag kleiner Leute in dieser Zeit. Da ging es um Probleme, die man damals lieber verschwieg.

War dieses Doppelleben problematisch für dich?

Kaspar: Es war schon stressig. Tagsüber spielte ich in Senftenberg zwei Vorstellungen. Abends holte mich ein Fahrer der DEFA mit dem Auto ab und fuhr mich nach Babelsberg. Wir haben dort dann nachts gedreht. Das Gemeine aber war, dass Günter Kaltofen für das Drehbuch die Bühnendialoge einfach nur umgestellt hat. Da nicht durcheinander zu kommen, das war schon mühsam. Aber es hat sich für ihn sicher gelohnt. Der Film wurde in alle Welt verkauft, lief sogar in New York am Broadway.

Kaspar Eichel mit Jochen Thomas (M), der den Raufbold spielteund, Gerhard Rachold als Prinz Störenfried ©DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Karin: Da fällt mir ein: Bei der Premiere in Berlin saß der kleine Sohn von dem Raufbold, der immer so gebechert hat, mit im Kino. Als der nun seine Suffnase ins Bild steckte, rief der Kleine. „Das ist mein Papa“, und das ganze Kino lachte.

Karin hatte früher lange blonde Haare, wie die Prinzessin. Hattest du auch Locken wie Klaus?

Kaspar: Nein. Der Maskenbildner hat sie mir jedenTag mit der Lockenschere gebrannt.

Karin: Ich trug aber auch eine Perücke, weil ich dieses Zopfkrönchen auf dem Kopf hatte. Das immer neu zu flechten hätte zu lange gedauert.

Schuster Klaus hat die Prinzessin zum Lachen gebracht und ihr Herz gewonnen © DEFA-Stiftung/Roland Drassel

Ich staune jedemal, wenn ich den Film sehe, wie ruhig die Gans mitgespielt hat.

Kaspar: Das täuscht. So ruhig war die gar nicht. Sie schnatterte manchmal ganz schön laut. Wir mussten dann warten, bis sie sich beruhigt hat. Damit ich sie überhaupt halten konnte, waren ihre Beine zusammen gebunden.

Karin: Man glaubt gar nicht, welche Kraft diese Vögel in den Flügeln haben.

Wo habt ihr gedreht? Es ist ja wirklich eine märchenhafte Kulisse.

Kaspar: Alles wurde im Studio aufgebaut. Die DEFA-Handwerker hatten es drauf, dass selbst der künstleiche Wald echt aussah.

Mit welchem Trick zog eigentlich die Gans Menschen und Gegenstände an? Hat man Magneten versteckt? Damals gab ja es noch keine Computer.

Katharina Lind und Kaspar Eichel mit der goldenen Gans. Das Tier wurde mit Goldlack besprüht. Damals hatte man keine andere Möglichkeit © DEFA-Stiftung/Horst Blümel

Kaspar: Man befestigte ganz dünne Kupferlongen an den Sachen, an dem ein Techniker dann ganz vorsichitg zog. So schwebten die Geige und der Geigenbogen auf die Gans zu, die Röcke der Mädchen oder das Florett von Prinz Störenfried, als ich mit kämpfe. Manchmal riss der Draht,  und das Ganze musste noch mal gedreht werden. Es war ziemlich aufwendig. Hätte es damals schon Computer-Tricks gegeben, hätte man die Gans auch leicht einfärben können. Unsere wurde mit Goldbronze besprüht, was ihr nicht so gut bekam.

Ralph. J. Böttner spielt den Hauptmann des Königs Foto: screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Karin: Erinnerst du dich, wie der Kameramann den Hauptmann der königlichen Wache ewig am Schwanz vom Esel hängen ließ?

Kaspar:  Klar, den konnte keiner so recht leiden. Und Karl ließ ihn die Einstellung zigmal wiederholen und tat, als ob er das filmte. Dabei hatte er gar keinen Film in der Kamera.

Karin: Wir haben die Einstellung aber auch tatsächlich x-mal gedreht, weil die ORWO-Filme unterschiedliche Farbstiche hatten. Mal waren sie bläulich, mal grün- oder rotstichig. Im Schnitt mussten die Farben dann aber übereinstimmen.

Katharina Lind musste sehr aufpassen, als sie auf die Wippe kletterte. Kaspar Eichel hielt sie aber gut fest Foto: Screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Ein paar Szenen sahen ja gefährlich aus. Zum Beispiel, als alle auf die Wippe stiegen.

Karin: Das war schon nicht ohne, als Katharina mit der Gans auf die Wippe klettern musste. Dem Regisseur mangelte es da etwas an Phantasie, dass dabei auch etwas passieren könnte. Katharina, also die Lies, wurde leicht hysterisch. Sie hätte sich bei der Aktion sämtliche Gräten dabei brechen können.

Eine halsbrecherische Aktion. Jochen Thomas hängt als Hauptmann der Wache an einem Flaschenzug. Franz (Peter Dommisch) muss ihn hochziehen Foto: screenshot © DEFA-Stiftung/Karl Plintzner

Kaspar: Gefährlich war es auch, als wir die Kiste mit dem Flaschenzug nach oben zogen. Die hatte ein ziemliches Gewicht, und wir mussten uns ganz schön an das Seil hängen. Einmal krachte sie runter. Uwe-Detlev Jessen und Peter Dommisch, meine faulen Brüder, konnten gerade noch so zur Seite springen.

Kaspar, du hast vorhin das Synchronstudio angesprochen. Das ist ja inzwischen dein zweites Zuhause. Die Liste deiner Rollen ist lang. Man hört dich unter anderem als Robert Redford. Was ist das für ein Gefühl?

Kaspar Eichel 2020 im „DEFA-Zeitzeugengespräch“ © DEFA-Stiftung/Teubner

Kaspar: Ehrfurcht ist schon da, aber wenn die Arbeit losgeht, ist es ein ganz normaler Job. Dass ich den Redford spreche, ist ein Riesenglücksfall. Aber ich gebe auch anderen bekannten Hollywoodschauspielern die Stimme: Richard Dreyfuss und Dennis Hopper. Es macht einfach einen Riesenspaß.

Gibt es Gedanken ans Aufhören? Ihr steht ja beide kurz vor der Rente.

Ich traf Karin Ugowski 2007 auf ihrem Gehöft, dem Kunsthof, in Grammentin © Michael Handelmann

Karin: Nein, obwohl ich mir jedes  Jahr vorgenommen habe: Nun nicht mehr. Der Beruf ist eine Droge. Und wenn man gute Kollegen hat, macht er doppelt Spaß. Allerdings habe ich Zeit für mein Privatleben, für Streicheleinheiten.

Kaspar: Ich werde in Rente gehen, doch nicht aufhören zu spielen. Aber nur noch das, was Spaß macht.

Schauspieler Jan Spitzer – Ein Leben lang unangepasst und gelassen

Er hatte verpennt, weil ihn niemand geweckt hat. Jan Spitzer hörte nie allein den Wecker. Das war sein Fluch. Schon immer. Wirklich zu schaffen gemacht hatte ihm das nicht. Nicht einmal, als er sich zum Abitur verspätete. Zu einem Glücksumstand geriet ihm das im Herbst 1967. Er studierte das letzte Jahr an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“. An einem Morgen hatte er es mal wieder nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft. Er kam in den Hörsaal, lümmelte sich in Jeans und Lederjacke wie immer desinteressiert in die Bank. Doch etwas war anders als sonst. „Ich wunderte mich, dass alle so aufgekratzt waren“, erinnerte sich Jan Spitzer 45 Jahre später in unserem ersten und einzigen Interview. Die Lederjacke ist mit ihm alt geworden. Er trug sie auch, als wir uns im Sommer 2012 an der Dahme im historischen Café Liebig trafen.

Im Januar 1968 begann Regisseur Egon Günther (r.) mit den Dreharbeiten für den DEFA-Film „Abschied“. Die Hauptrolle, den Bürgersohn Hans Gastl, spielt der damals 20jährige Schauspielstudent Jan Spitzer. Foto: ©DEFA-Stiftung/Peter Dietrich, Wolfgang Ebert, Repro: André Kowalski

Die Unruhe verursachten zwei Herren, die vorn neben dem Dozenten saßen. DEFA-Regisseur Egon Günther und Produktionsleiter Herbert Ehler suchten unter den Studenten nach dem Hauptdarsteller für die Verfilmung von Johannes R. Bechers autobiografischem Roman „Abschied“. Er gehörte in der DDR zur Pflichtlektüre an den Erweiterten Oberschulen. Die Handlung spielt in der Zeit zwischen der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Hans Gastl, Sohn des Münchener Oberstaatsanwaltes, rebelliert gegen Verlogenheit, Scheinmoral und vor allem die Weltsicht seines militaristisch eingestellten Vaters. Er will anders sein, als es die gesellschaftlichen Normen seiner Klasse vorgeben, sucht sich Freunde außerhalb seines Standes und lehnt den Krieg ab. Schließlich bricht er als 18jähriger mit seiner Familie und aus seinem bisherigen Leben aus.

„Abschied“ – der Film und seine Folgen

Der Versuch, in der Filmerzählung der Chronologie des Romans zu folgen, funktionierte nicht. Zu schwer, zu langatmig. Dank seiner Erfahrung als Dramaturg und Szenarist fand Regisseur Egon Günther den Ausweg. In Episoden lässt er Hans Gastl in heiter-überlegener, ironisch-distanzierter Sicht auf die eigene konfliktreiche Entwicklung zurückblicken. Dieser Hans Gastl hatte nichts mehr mit der Becherschen Romanfigur, dem Alter Ego des Dichters, zu tun. Günther zeigt die Situation sehr junger Leute, die ihren Weg finden müssen, als sich das wilhelminische Deutschland in einem nationalistischen Kriegstaumel befindet. Gedacht ist der Film für ein ebenso junges Publikum ein halbes Jahrhundert später. „Gastl war ein Aussteigertyp, nonkonformistisch“, beschrieb Jan Spitzer seine Rolle.

Hans Gastl widertrebt das Leben seiner Familie © DEFA-Stiftung/ Peter Dietrich, Wolfgang Ebert

Nicht, weil er zu spät kam, hatte der 20jährige an jenem Morgen die Aufmerksamkeit des Regisseurs auf sich gezogen. Sein ganzer Habitus entsprach dem Typ, den sich Egon Günther vorstellte. Eine Mischung aus Lässigkeit und Widerspruch, ein bisschen provokant. Von schmaler Statur, mit feinen, jungenhaften Gesichtszügen konnte Jan Spitzer sowohl den Vierzehnjährigen wie auch den fast 20jährigen Hans Gastl verkörpern. So genau definierte Jan Spitzer den Grund dafür nicht, dass Egon Günther ihn zu Probeaufnahmen nach Babelsberg bat. Er vermutete, es seien eher seine längeren Haare gewesen.

Im Januar 1968 wurden die Dreharbeiten begonnen und im Mai beendet. Jan Spitzer lieferte ein brillantes Schauspieldebüt ab. „Ich bekam einen Höhenflug durch die Rolle“, gestand er rückblickend. Es war ihm nicht zu verdenken. Man sah ihn überall in der Republik auf großen Plakaten, mit Heidemarie Wenzel, die die Rolle der Prostituierten Fanny spielt, und ihm im Bett. Er war das Gesicht des Films, der noch vor der Veröffentlichung mit dem „Staatlichen Prädikat Besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde. Erstmalig in der DEFA-Geschichte durfte die Nachricht von der Auszeichnung vorab auf der Plakatwerbung erscheinen. „Wir hatten einen phantastischen Kino-Anlauf mit ausverkauften Vorstellungen in den großen Filmtheatern. 607 000 Besucher in nur sechs Wochen!“ Es war ihm anzumerken, dass er stolz darauf war, diese Rolle bekommen zu haben.

Im Juli 2012 traf ich mich mit Jan Spitzer an der Dahme in Grünau zum Interview. Die Lederjacke ist mit ihm alt geworden. Das sah man ihr ebensowenig an wie ihm sein Alter. Er war damals 65 Jahre © André Kowalski

Bei allen Bezirkspremieren und Sondervorführungen bekamen die Künstler frenetischen Applaus. Nur im Haus der Offiziere in Strausberg erregte es Unmut bei der hochdekorierten Generalität, dass der jugendliche Held unbekümmert in Jeans auf die Bühne sprang. Jeans oder Nietenhosen, wie man damals noch sagte, waren als „Bekleidungstextil des Klassenfeindes“ unerwünscht, an den Schulen oft gar verboten. Die 60er Jahre waren ein unablässiger Kampf des sozialistischen Systems gegen westliche Einflüsse. Jeans wurden als ideologisches Bekenntnis ihres Trägers gewertet. Ein solches Statussymbol waren sie für Jan Spitzer nicht. Als solches galt ihm seine Lederjacke. „Sie war für mich in der DDR ein Stück Unangepasstheit.“

Jan Spitzer kam am 16. Mai 1947 in Sangerhausen zur Welt. Der Krieg war gerade zwei Jahre vorbei. Die stark zerstörte Stadt im Aufbau begriffen. Der Vater arbeitete in der nahen Kupferschieferzeche, als hier die Förderbänder ab 1951 wieder liefen. Die Eltern hatten bereits zwei Töchter, fast schon junge Mädchen. Der Junge war ein Nachzügler und genoss den Vorzug, besonders umsorgt zu werden. Schon als Kind zeigten sich sein Talent und seine Leidenschaft für Musik. „Ich habe acht Jahre Klavierunterricht genommen, mir das Gitarrespielen beigebracht und kleine Stücke und Lieder komponiert.“ Mit anderen Jungs aus Sangerhausen gründete er 1963 die Amateurband THE SOUNDS. Sie spielten Beatles und Stones hoch und runter, Kinks, Procol Harum… „Rocksongs wurden ganz persönlich genommen, je nach Befindlichkeit.“ Verliebt war er damals in ein Mädchen aus seiner Straße, die später seine Frau und Mutter seiner Töchter Juschka und Johanna–Julia wurde. Beide sind dem Beruf des Vaters gefolgt. Sie wollten es so.

Eigentlich hätte Jan Spitzer anstatt Schauspieler ebenso gut Musiker werden können. Aber es gab eine Sehnsucht, die die Weiche anderswohin stellte. „Immer, wenn ich in meinem Heimatkino im Zuschauerraum saß, habe ich mir als kleiner Junge gewünscht, auch einmal oben auf der Leinwand sein.“ Am 13. Oktober 1968 hat sich sein Wunsch erfüllt. Das Filmtheater Sangerhausen lud ihn und das „Abschied“-Filmteam zu einer feierlichen Vorstellung ein. Einer seiner glücklichsten Momente.

Eine Woche nach der 9. Tagung des ZK der SED im November 1968, verschwand der Film jedoch aus den Kinos. Ihm wurde Skeptizismus und Subjektivismus vorgeworfen, nachdem Staats- und Parteichef Walter Ulbricht in seinem Referat mit einem Seitenhieb auf die Kunst aufgewartet hatte: „Das humanistische Erbe ist für uns weder museales Bildungsgut noch Tummelplatz subjektivistischer Auslegungen“, zitierte das Zentralorgan Neues Deutschland am 25. Oktober 1968.

Hans Gastl findet in der Prostituierten Fanny (Heidemarie Wenzel) eine Freundin und Geliebte © DEFA-Stiftung/Peter Dietrich, Wolfgang Ebert

Von allen Seiten wurde nun heftig gegen den Film polemisiert. Organisierte Leserzuschriften im ND verrissen ihn. Vergeblich intervenierte Bechers Witwe Lilly im Kulturministerium und beim SED-Zentralkomitee. Jan Spitzer bekam eine Ausgabe des „Sonntag“ zugeschickt, in dem ein Foto von ihm und Heidemarie Wenzel mit entblößten Brüsten abgedruckt war. Daneben eine Randnotiz von Lotte Ulbricht: „Das soll unser Hans sein?!“ Ein direktes Aufführungsverbot für den Film gab es allerdings nicht. Er durfte auf Anforderung in Filmklubs, Filmkunsttheatern und Sonderveranstaltungen gezeigt werden. Erweiterte Oberschulen nahmen ihn in den Literaturunterricht der Abiturklassen als Ergänzung zu Bechers Roman auf.

Er passte in viele Schubfächer

Mit dem Film setzte ein, was Jan Spitzer so erklärte. Im Grunde genommen sei er ein phlegmatischer Typ, immer auch ein bisschen faul. Ihm sei alles in den Schoß gefallen. So wie die Rolle des Hans Gastl und alle, die danach kamen. „Ich habe mich für eine Rolle nie verbiegen müssen“, reflektierte er als 65-Jähriger.

Jan Spitzer 1968 als Dorfschmied Ruprecht mit Monika Gabriel als Ev in der DEFA-Komödie „Jungfer, sie gefällt mir“ © DEFA-Stiftung/Herbert Krois, Peter Schlaak

Er hatte das Studium gerade abgeschlossen, als ihn Regisseur Günter Reisch für sein turbulentes Spektakel „Jungfer, sie gefällt mir“ als Dorfschmied Ruprecht vor die Kamera holte. In der Adaption von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ schlägt sich der frischgebackene Schauspielabsolvent wacker neben Wolfgang Kieling – als sein Widersacher Dorfrichter Adam – und Rolf Ludwig als Schreiber Licht. Die Dreharbeiten mit Monika Gabriel als Ev hätten Spaß gemacht, ein filmisches Highlight sei das DEFA-Stück aber nicht geworden, urteilte er im Rückblick.

Jan Spitzer als Leutnant Gerd von Ducherow in der 1968 von Egon Günther gedrehten Romanverfilmung „Junge Frau von 1914“, Erstsendung 17. Januar 1970 Foto: Screenshot © DFF/Erich Gusko

Die Arbeit und die Freundschaft mit Egon Günther haben ihn geprägt, in seinen künstlerischen Ansichten und Ansprüchen, vor allem in seinem politischen Denken – die Grauzonen zwischen dem Schwarz und Weiß zu erkennen, zu wissen, wo man steht und warum. Der „Prager Frühling“ 1968 in der ČSSR hatte auch in der DDR bei vielen Menschen Zweifel und Kritik an der Parteipolitik der SED hervorgerufen. Die Kunst stand unter ideologischer Beobachtung. Zu sehen, wie man dieses Korsett mit künstlerischen Mitteln durchbrechen kann, darin war der DEFA-Regisseur Egon Günther ein Avantgardist, geriet jedoch häufig in Konflikt mit den künstlerisch und politisch Verantwortlichen. Seine Literaturverfilmungen waren jedoch immer ein Erfolg, an dem Jan Spitzer ein weiteres Mal im Sommer 1968 teilhaben durfte. Wenn auch nur in einer kleinen Rolle. Er spielte in Günthers Fernsehfilm „Junge Frau von 1914“, dem zweiten Teil der Arnold-Zweig-Trilogie Der große Krieg der weißen Männer“, den adligen Leutnant von Ducherow.

Single 1970 „Wer bist du“

Nach Abschluss der Filmarbeiten trat Jan Spitzer sein erstes Theaterengagement in Altenburg an, das ihm Freiraum ließ für seine Musik. Er profilierte sich ziemlich erfolgreich als Sänger. Es entstanden Rundfunkaufnahmen wie „Mädchen aus Berlin“ und Wer bist du?“, komponiert von Walter Kubiczek. Mit seinem Song „Ich warte noch“, nahm er am Schlagerwettbewerb 1970 teil. Anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der DDR am 7. Oktober 1969 stand in Altenburg Horst Salomons Lustspiel „Ein Lorbaß“ auf dem Spielplan mit Jan Spitzer in der Titelrolle. Es war seine Idee, das an vielen Theater gern gespielte Gegenwartsstück als Musical auf Bühne zu bringen. Er übernahm Komposition und Arrangement. Was ihm in gewisser Weise später „auf die Füße fallen“ sollte.

Nach seinem 18monatigen Wehrdienst bei der NVA in Leipzig ist er im November 1971 ans Landestheater Halle gewechselt. Inzwischen mit seiner Jugendliebe aus Sangerhausen verheiratet und Vater der zweijährigen Juschka, hatten sie in Halle eine Wohnung bekommen. Regisseur Horst Schönemann inszenierte 1972 Ulrich Plenzdorfs Die Leiden des jungen W.. Jan Spitzer hätte gern die Titelrolle gehabt. Sein Pech: Horst Schönemann hatte von seinem Erfolg als Komponist und Sänger gehört und wollte von ihm lieber die Bühnenmusik. Die Figur des aufsässigen 17jährigen Ausreißers Edgar Wibeau, der seine Lehre abbricht, einer unglücklichen Liebe verfällt und am Ende tödlich verunfallt, bekam Reiner Straube.

Für die Rolle des Edgar Wibeau in der Hallenser Theateraufführung „Die neuen Leiden des jungen W.“ war Spitzers Ausstrahlung zu westlich elitär, er wirkte nicht proletarisch © Tassilo Leher

Tatsächlich ging Jan Spitzer die Rolle jedoch verlustig, die genau seins gewesen wäre, weil ihm das Proletarische fehle, er wirke zu westlich elitär, klärte ihn die Dramaturgin auf. Er musste lächeln, als er das erzählte. Es wäre für ihn kein Akt gewesen, beides zu tun, zu spielen und die Musik für das Stück zu schreiben. Neidlos habe er damals anerkannt, dass Reiner Straube die Figur perfekt spielte, urwüchsig, komisch. Eigentlich, meinte er in unserem Gespräch, sei das ein Filmthema gewesen, die Geschichte aber für die DDR zu provokativ, zu gesellschaftskritisch. Dass in der Republik über den Umgang mit jungen Menschen, die sich die Freiheit nehmen, anders leben zu wollen, sich nicht in das soziale Gefüge einzupassen, heiß diskutiert wurde, ließ sich nicht verhindern. 1976 wurde Plenzdorfs Drehbuch in der BRD verfilmt.

Einmal noch schrieb Jan Spitzer für ein Bühnenstück die Musik. Er war 1973 mit Regisseur Christoph Schroth ans Staatstheater Schwerin gegangen. Sie planten, „Romeo und Julia“ richtig groß aufzuziehen, mit ihm als Mercuzio. Dass daraus nichts wurde, bedauerte der Schauspieler schon. Doch eine „Riesenrolle“ in der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Im Schlaraffenland“ zu spielen, war ein größerer Reiz. Mit ätzender Schärfe beschreibt Mann den Berliner Kulturbetrieb und die dekadente Schickeria der 1890er Jahre.

Erwin Geschonneck in der Rolle des Bankiers Türckheimer und Jan Spitzer als talentfreier Provinzliterat Andreas Zumsee 1974 in der Fernsehverfilmung von Heinrich Manns Roman „Im Schlaraffenland“ © DDR-Fernsehen/Helmut Bergmann, Repro: André Kowalski

Der mittellose und wenig talentierte Provinzliterat Andreas Zumsee findet durch Beziehungen und Glück im Salon des reichen Bankiers James Louis Türkheimer sein Schlaraffenland. Protegiert und finanziell von dessen Ehefrau unterstützt, steigt er in der Gesellschaft hoch auf und wird am Ende von ihr zu Fall gebracht. Eine Figur, die von Jan Spitzer in ihrer Selbstüberschätzung, Arroganz und Eitelkeit überzeugend gezeichnet wird. An seiner Seite Marylu Poolmann, Katharina Thalbach, Erwin Geschonneck und Jaecki Schwarz. Der Preis dafür, dass ihn das Theater für den Film freigab, war eine Bühnenmusik für Romeo und Julia“. Er hat sie im Zug von Schwerin nach Berlin komponiert und die Lieder eingesungen. Stolz erzählte er mir, dass er nach so vielen Jahren manchmal noch Anfragen für diese Musik bekommt, aber leider die Bänder nicht mehr habe.

So sehr es ihm auch Spaß machte, zu komponieren und zu singen, ab Mitte der 70er Jahre konzentrierte sich Jan Spitzer auf die Schauspielerei. Er passte mit seiner Wandelbarkeit in viele Schubladen. Besonders wohl hat er sich in der Abteilung Kinderfilm und Märchen gefühlt. „Die Drehbücher hatten eine hohe Qualität, sprachlich und szenaristisch. Was man heute selten findet“, bedauerte er.

Der kleine Philipp (Andij Greissel) wünscht sich eine Flöte. Der Vater (Jan Spitzer) geht mit ihm in eine Musikalienhandlung. Der Verkäufer schenkt ihm ein ganz besonderes Instrument. © DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss

Der bekannte Kinderfilmregisseur Rolf Losansky besetzte ihn 1975 in seinem zauberhaften Kinderfilm „Philipp, der Kleine“, nach der Erzählung von Christa Kožik. Warmherzig und zärtlich spielt Jan Spitzer den alleinerziehenden Vater, der als Lokomotivführer arbeitet und seinen Sohn nachts oft allein lassen muss. Eine Situation, in die sich der mittlerweile zweifache Vater gut hineinversetzen konnte. Tochter Johanna-Julia hatte gerade das Licht der Welt erblickt. Der 28jährige liebte seine Kinder sehr. Doch wie der Lokomotivführer war er für sie häufig ein abwesender Vater.

140 Vorstellungen gab er in der frivolen Show „Ständig unanständig“ in der Kleinen Revue des Friedrichstadpalastes als Ovid, hier mit und Hildegard Alex als Venus

Der Beruf habe sein Privatleben oft torpediert, erzählt er. Die Ehe hielt den häufigen Trennungen nicht stand. „Wir haben uns getrennt, es tat weh.“ Nach dem ersten Schmerz empfand er die Zeit des Ungebundenseins schön. „Da kam das Gefühl des wieder Freisein auf, man hat alles neu empfunden.“ Auch seine zweite Beziehung ging auseinander. Er kam gerade von viermonatigen Dreharbeiten für die Verfilmung von Anna Seghers Erzählung „Überfahrt“ aus Brasilien zurück. „Meine damalige Lebensgefährtin war jung, sie hatte andere Lebensziele. Sie wollte in den Westen, ich nicht.“ Die gemeinsame Tochter Emma Hipp ist heute wie ihre Halbschwestern Schauspielerin.

Jan Spitzer spielt den ältesten Sohn des Siedlers John Ruster (Kurt Böwe ), der mit seiner Familie 1756 in Nordamerika Indianerland besiedelt. Im Wald von Eiche-Golm mussten die beiden echte Rodungsarbeiten durchführen Foto: Screenshot © DEFA-Stiftung/Otto Hanisch

In Jan Spitzers Filmbiographie finden sich nur wenige Nebenrollen. Wenn ihm das Drehbuch gefiel, nahm sie gern an. Der Grund unseres Treffens damals im Juli 2012 war Kinderfilm Blauvogel“, die Geschichte des neunjährigen Sohnes weißer Siedler 1756 in Nordamerika, der von Irokesen geraubt wird. Neben Kurt Böwe, Jutta Hoffmann, Marina Krogull spielt er den ältesten Sohn der Familie. Die DEFA hatte ihn für diese Rolle aus dem Sommerurlaub in Kühlungsborn geholt. „Das war eine echte Überraschung. Ich habe dieses Buch als Kind geliebt und mich sehr gefreut, dass Ulrich Weiß mir diese Rolle gegeben hat.“ Schmunzelnd erzählt er von den Rodungsarbeiten zu Beginn des Films. „Kurt Böwe und ich haben ziemlich große Flächen wirklich gepflügt und im Wald von Eiche-Golm Bäume gefällt, so wie man es damals gemacht hat. Ulrich Weiß war sehr auf Authentizität bedacht“.
Der größte Teil des Abenteuerfilms entstand in Rumänien. „Man fuhr über eine Stunde in die Berge. Das war eine kurvenreiche Strecke. Der Fahrer fuhr wie ein Kamikaze. Ich habe noch nie so geschwitzt bei einer Autofahrt“, lässt er die Szenen noch einmal Revue passieren. Die Bedingungen im Land waren kompliziert und die Kontrollen an den Grenzen streng. Fast wären vielen Meter Negativmaterial, das Jan Spitzer beim Rückflug im Gepäck hatte, vom Zoll vernichtet worden. „Trotz eines offiziellen Begleitschreibens wollte man meinen Koffer durchleuchten“, erzählt er. Es konnte verhindert werden. Der Film machte Furore bei internationalen Kinderfilmfestivals.

Schäfer Konrad will um die Prinzessin freien und löst mit Hilfe seiner Zauberflöte alle Aufgaben, die sie stellt ©MDR/DRA/Klaus Mühlstein

Ein wunderschöner Märchenfilm ist „Der Hasenhüter“, den Ursula Schmenger mit Jan Spitzer 1976 drehte. Sein Schäfer Konrad ist ein gewitzter, fröhlicher Bursche, der erkennt, dass Reichtum nicht das Erstrebenswerte im Leben ist. Auch in Wolfgang Hübners Adaption des Grimmschen Märchens „Gevatter Tod“ ist seine Figur, der Medicus Jörg, ein Sympathieträger. Man ist bei ihm, wenn er den Tod überlistet und das Leben eines kleinen Jungen rettet. Doch er lässt sich verführen, fällt seiner Selbstüberschätzung anheim.

Jan Spitzer als intelligenter, sich aber selbst überschätzender Medicus Jörg 1980 im Märchenfilm „Gevatter Tod“ Foto: screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl-Ernst Sasse

Das Märchen erzählt, wie ein armer Bauer in der Zeit der Pest einen Paten für sein 13. Kind sucht. Er nimmt den Tod, weil er ihm gerecht erscheint. Er sei zu allen gleich, begründet es der Vater, der zuvor Gott und Teufel abgelehnt hatte. Der Tod öffnet dem Sohn die Türen zum Studium der Medizin an italienischen Universitäten. Als er dem Bürgermeister, der an der Pest erkrankt ist, vor dem Tod rettet, indem er seinen Paten überlistet, steigt er auf in die Bürgerschaft. Er wird selbstgefällig und hintergeht den Tod ein weiteres Mal, obwohl ihn dieser gewarnt hat. Arroganz und schließlich die Verzweiflung, dass er damit dem kleinen Jungen das Leben genommen hat, zeigt Jan Spitzer subtil. Gegen das Klischee vom klapperdürren Sensenmann besetzte Regisseur Wolfgang Hübner diese Rolle mit dem freundlich daherkommenden lebensprallen Dieter Franke. Das Märchen scheint mir eher für Erwachsene gedacht denn für Kinder, sowohl von der mittelalterlichen anmutenden Sprache her als auch dem tiefen philosophischen Hintergrund.

Jan Spitzer als Rittmeister von Rosen mit der polnischen Schauspielerin Marzena Trybała als Gräfin Cosel, die einflussreiche Mätresse August des Starken, in dem 1987 entstandenen zweiten Teil des sechsteiligen Fernsehfilms „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ © DDR-F/Siegfried Skoluda, Wolfgang Kroffke, Repro: André Kowalski

Immer waren es Filme großartiger DEFA-Regisseure, die Jan Spitzers Karriere befördert haben. Wie Hans-Joachim Kasprziks dreiteiliger Fernsehfilm „Abschied vom Frieden“ . Offensichtlich hinterließ der jnunge Schauspieler in seiner Nebenrolle einen Eindruck, der ihm zehn Jahre später in Kasprziks sechsteiligem Fernsehroman „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ die Rolle des attraktiven Rittmeisters von Rosen einbrachte. Mit seiner Hilfe versucht Gräfin Cosel letztmalig aus ihrer Haft auf Burg Stolpen zu fliehen. Die Filme wurden sogenannte Straßenfeger.

Autor und Regisseur Fritz Bornemann übertrug Jan Spitzer die Hauptrolle in dem bereits erwähnten Fernsehfilm „Überfahrt nach Anna Seghers gleichnamiger Erzählung, der 1984 in einer Koproduktion des DDR-Fernsehens mit Kuba entstand. Es ist die Geschichte des Erfurters Ernst Triebel, der zu unterschiedlichen Zeiten drei Seereisen von Deutschland nach Brasilien unternommen hat. Eine interessante Aufgabe für Jan Spitzer, der sich hier vom 14jährigen bis zum 50jährigen wandelt.

Jan Spitzer als Ernst Triebel nach dessen zweiter Reise mit Heidrun Welskop als seine Ehefrau Hertha © DDR-F, Repro: André Kowalski

Als Schuljunge flüchtet Triebel 1938 mit seinen Eltern in das südamerikanische Land, kehrt 1946 in die „Ostzone“ nach Deutschland zurück und begleitet 1951 als Portugiesisch-Dolmetscher einen Leipziger Wissenschaftler zu einer Ausstellung nach São Paulo. Die dritte Reise führt ihn in den 70er Jahren als promovierten Tropenmediziner nach Brasilien. Das Bindeglied für die Reisen ist Triebels Suche nach seiner Jugendliebe Maria Luisa. „Wir waren vier Monate mit einem Frachter der DSR unterwegs, mussten für die Dreharbeiten in Brasilien und Argentien auch an Land gehen“, erinnerte sich Jan Spitzer. Was er dort erlebt hat, hinterließ bei dem damals 37jährigen beklemmende Eindrücke.

Jan Spitzer als Friedrich Engels und Jürgen Reuter als Marx 1978 in der TV-Serie „Marx- und Engels – Stationen ihres Lebens“ © Waltraut Denger/FF.dabei

Es ist eine lange Liste der Filme, in denen Jan Spitzer bis zum Ende der DDR spielte. Nicht vergessen sei hier „Bürgschaft für ein Jahr“, der Fernsehmehrteiler „Broddi“ und die TV-Serie Marx und Engels –Stationen ihres Lebens“. Eine neue Weiche stellte die Wende für seine berufliche Laufbahn. Er verlegte sich aufs Synchronisieren. „Ich habe die Schauspielerei gern gemacht, aber es kamen keine Rollenangebote mehr mit künstlerischen Anspruch. Er drehte Episodenrollen in den Serien Klinik am Alex“, Für alle Fälle Stefanie“ und 2011 bei Bernd Böhlich einen letzten guten Film, Niemand ist eine Insel“ mit Iris Berben. Auf eine Alterskarriere vor der Kamera hat er 2012 nicht mehr gehofft. Das sah er ganz realistisch. Karriere nach der Wende machte er als Synchronsprecher. Eine Arbeit, die auch wieder Ruhe in sein bis dahin unstetes Leben brachte. Er hatte Zeit für seine neue Familie. Ende der 80er Jahre heiratete er eine Theaterpädagogin. Sie war ihm zuvor eine gute Freundin. Diese Liebe machte ihn glücklich. 1990, er war inzwischen 43 Jahre, wurde Jan Spitzer noch einmal Vater. Sein Sohn Maximilian studierte Journalistik, begann dann aber als Synchronsprecher zu arbeiten. Wenn man ihn hört klingt er wie sein Vater.

Ein Agenturfoto aus dem Jahr 1991. Repro: André Kowalski

Wie diese hohe Kunst funktioniert, hat Jan Spitzer bei DEFA-Synchron Take für Take erlernt. Bald galt er in der DDR und später im Westen als einer der besten Synchronsprecher. „Die Kollegen aus dem Westen waren tolerant, sie erkannten an, dass ich das Metier beherrsche.“ Ehrfurcht beschlich ihn, als er das erste Mal mit den bekannten Synchronsprechern Arnold Marquis, die Stimme von John Wayne, Kirk Douglas und Robert Mitchum, und Michael Chevalier, die Stimme von Charles Bronson und Omar Sharif, zusammen vor dem Mikrofon stand.

Er holte alles Potenzial aus seiner enorm vielseitigen Stimme heraus. „Ich habe von Rechtsanwälten, feinsinnigen Typen über die übelsten Ganoven bis hin zum sprechenden Klodeckel in einem Comic schon alles gespielt“, umschrieb er seine Rollenprofile. Anfang der 1990er gab amerikanischen und britischen Kollegen wie Michael Rudder in „Krieg der Welten“, Robert O’Reilly in „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ oder Tim Curry in der Zeichentrickserie „Mighty Ducks – Das Powerteam“ seine Stimme.

Am 23.März 2021 gab Jan Spitzer der Sprecheragentur „Die Media Paten“ ein Interview zu seiner Karriere als Synchronsprecher. Es war sein letzter Auftritt. Am 4. Novmeber 2022 ist er einer schweren Krankheit erlegen Foto: Screenshot/Die Media Paten

Chris Cooper („American Beauty“, „Die Bourne Identity“), Ted Levine und Robert Foxworth sind ebenfalls mit seiner Stimme bei uns zu hören. Geradezu geschwärmt hatte Jan Spitzer von den Zeichentrickserien, in denen er den bekannten kanadischen Sprecher Maurice LaMarche synchronisieren durfte. „Alles dreht sich um zwei Labormäuse, den etwas einfach gestrickten Pinky (LaMarche/Spitzer) und den großköpfigen, mit Intelligenz versehenen Brain, die versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Sich hier an LaMarche zu messen, hat mir unglaublichen Spaß gemacht“, erinnerte sich Jan Spitzer und gab eine stimmliche Kostprobe.

Von 1999 an hat er in allen deutschen Synchronfassungen die Rollen des amerikanischen Schauspielers J. K. Simmons übernommen. Filme wie das Sportdrama „Aus Liebe zum Spiel“ (1999) mit Kevin Costner, der Tragikomödie „Up in the air(2009) mit George Clooney, der britische Thriller Schneemann“ (2017) mit Michael Fassbender oder der Action-Thriller 21 Bridges“ (2020) stehen in den Wiederholungsprogrammen des deutschen Fernsehens. Die Kriminal-Serie Goliath und die Science-Fiction-Fantasy-Komödie „Ghostbusters: Legacy waren 2021 Jan Spitzers letzten Synchronarbeiten als J. K. Simmons.

In den 30 Jahren als Synchronsprecher gab Jan Spitzer 2387 Rollenfiguren mit seiner Stimme Charakter und Emotionen. Am 4. November 2022 ist der Schauspieler nach längerer Krankheit verstorben.