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Die Goldene Stimme von Prag ist verstummt. Meine Erinnerungen an den Sänger Karel Gott

Als ich meinen Blog 2015 eingerichtet habe, musste ich nicht lange überlegen, welches meiner Interviewfotos am besten für mein Anliegen steht, über Künstler und Schauspieler zu schreiben, die von Millionen Menschen im Osten geliebt und verehrt werden. Das war und bleibt die „Goldene Stimme von Prag“, Karel Gott. Er schlief in der Nacht zum 1. Oktober 2019 für immer ein. Karel Gott, der am 14. Juli 80 Jahre alt geworden war, starb an einer akuten Leukämie, nachdem er in den vier Jahren zuvor zwei schwere Krebserkrankungen überstanden hatte. Millionen Menschen werden ihn mit seinen Liedern im Herzen behalten, die auf mehr als 150 Alben verewigt sind. Bei uns machten ihn vor allem „Fang das Licht“, Babička“, „Einmal um die ganze Welt“, „Lady Carneval“ und natürlich „Die kleine Biene Maja“ populär, in Tschechien sind es unendlich mehr. In seiner Heimat trägt er den Ehrentitel „Mistr“ (Meister), der vor ihm nur an den Reformator Jan Hus (1370-1405) vergeben wurde.

Karel Gott
Während meines Besuches bei Karel Gott machten wir einen Spaziergang an der Modau @ Handyfoto Bärbel Beuchler

Für mich ist es der Mensch Karel Gott, den ich kennen und schätzen gelernt habe, an den ich mich immer erinnern werde.  Meine erste Begegnung hatte ich mit ihm im November 2006, als er in Berlin sein erstes Album mit Wiegenliedern vorstellte. Animiert dazu hatte ihn seine fünf Monate zuvor geborene Tochter Charlotte Ella. In dem kurzen Interview, das ich damals mit ihm führte, erzählte er voller Wärme: „Es ist interessant zu beobachten, wie sie reagiert. Ihre Augen werden ganz weit, wenn ich singe und Tränen versiegen sofort.“

Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich ihn für ein langes Gespräch in seinem Haus im Prager Stadtteil Smíchov treffen würde. Es sollte um seine Rolle in dem Märchenfilm „Teuflisches Glück“ gehen, den „SUPERillu“ 2014 in ihrer DVD-Kultkino-Edition veröffentlichte. Aus dem Anlass wurde eine Reflektion seines damals 75-jährigen Lebens, seiner Karriere, die ihn durch zwei Welten trieb, und die Suche nach dem Glück. Ein Star – nahbar, ehrlich im Denken.

Müßig, einem Prager Taxifahrer die Adresse zu nennen. Jeder Einheimische kennt sie: Nad Bertramkou 18, im Pager Stadtteil Smíchov. Die Straße endet in einem Rondell vor einem Hügel, gesäumt von Villen aus den 30er Jahren. In diesen Tagen, seit dem Tod von Karel Gott, zieht sich ein nicht enden wollender Strom aus Blumen, Kerzen und Abschiedsbriefen die Straße hinunter. Von überall her kamen die Menschen, um seiner Frau Ivana und seinen Töchtern Charlotte Ella und Nelly Sophie ihr Beileid zu bekunden. Die Beisetzung war am 12. Oktober, zuvor hatten Tausende Menschen an seinem Sarg Abschied genommen.

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Tausende Menschen waren am 11. und 12. Oktober 2019 über die Karlsbrücke zum Prager Sophienpalast gezogen, um Karel Gott die letzte Ehre zu erweisen. Sein Sarg, der im großen Saal stand, war mit weißen Rosen bedeckt © Bärbel Beuchler

Es war ein heißer Tag damals, der 7. Juli 2014, als wir unseren Interviewtermin mit  Karel Gott hatten. Er hatte uns zu sich nach Hause eingeladen. Ich war aufgeregt wie selten vor einem Interview. Dem Fotografen Boris Trenkel ging es ähnlich. Und dann standen wir auch noch 20 Minuten zu früh vor dem Gartentor zu seinem Grundstück. Dicht gewachsene Lärchen und Tannen schirmen das Haus ab. Das Tor war nicht verschlossen, eine Klingel gab es nicht. Wir hätten hineingehen müssen, um zu klingeln. Nein, das hätte seine Familie vielleicht in Verlegenheit gebracht. Wir warteten also im Schatten einer riesigen Konifere, die sich hinter dem Zaun in den Himmel reckt. Und wir hatten gut daran getan. Denn kurz vor unserem Termin um elf öffnete sich die Haustür und seine Frau Ivana kam mit ihren Töchtern Charlotte Ella und der zwei Jahre jüngeren Nelly Sophie heraus. Ein freundliches „Dobrý den“ und „Na shledanou!“, und schon waren die Drei weg. „Sie geht mit den Mädchen auf den Spielplatz“, erklärte Karel Gott, der in dieser Minute in der Tür stand und uns hereinbat. Die Kinder haben nichts in seiner Medienöffentlichkeit zu suchen.

In der kleinen Diele standen Schuhe und hingen Kindermäntel und Jacken. Man spürte, dass in diesem Haus gelebt wird. Karel Gott führte uns ins Wohnzimmer. Mein Blick schweift über die Einrichtung. Sie zeigt Geschmack und Stil des Hausherrn. Und, dass in diesem Haus gelebt wird. Es sei, so wie es gebaut ist, erklärte er später auf dem Weg an die Moldau, wo er gern spazieren ging, mit einem großen Wohnraum unten, einer Küche und drei kleineren Zimmern in der oberen Etage, nicht für eine Familie mit zwei Kindern geeignet. Deshalb hat er sein Arbeitszimmer oben für die Mädchen geräumt und ist mit Schreibtisch und Computer nach unten gezogen. „Ich habe jetzt hier eine kleine Ecke“, sagte er und lächelte. Die Kinder dürfen überall spielen, nur sein Arbeitsplatz ist für sie tabu.

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Mein Gespräch mit Karel Gott am 7. Juli 2014 in seinem Haus. Im Hintergrund seine Arbeitsecke. An der Wand Bilder, die er selbst gemalt hat. Er wollte eigentlich Malerei studieren, bestand aber sie Aufnahmeprüfung an der Prager Kunstschule nicht. © Bärbel Beuchler

„Möchten Sie Kaffee, Tee, Wasser?“ Karel Gott war ein perfekter Gastgeber, freundlich, zugewandt, charmant, obwohl ihn seit Tagen Journalisten mit Interviews anlässlich seines damals bevorstehenden 75. Geburtstages und seiner ersten Autobiografie „Zwischen zwei Welten“ nervten. Karel Gott war sich des Vorzugs bewusst gewesen, ein „Doppelleben“ führen zu können. Er sagte mir damals: „Viele haben mir nach der Wende vorgeworfen, dass ich Privilegien hatte. Das ist so eine oberflächliche, dumme Sicht. Jeder, der im System gearbeitet hat, wurde vom System bezahlt. Die Staatsmacht hat mich reisen lassen, weil ich dem Land Devisen brachte.“ Es hätte nur die Möglichkeit für ihn gegeben, zu emigrieren. Aber das wollte er nicht. Er wollte bleiben, arbeiten und für sein Publikum singen. „Ich verstand mich als musikalischer Botschafter für mein Land. Das haben die meisten meiner Landsleute auch so verstanden.“ Dafür nahm er in Kauf, vor jedem Auslandsgastspiel im Westen zu bangen, dass ihm die Gastspielagentur Prago-Konzert trotz oder gerade wegen seiner Popularität den Pass verweigerte. „Man ließ mich spüren: Wir zeigen mit dem Daumen rauf oder runter.“ Zeit seines Lebens vertrat Karel Gott die Ansicht, dass Politik und Kunst besser zu trennen sind. „Gesang ist keine Kanone“, fügte er mit Nachdruck hinzu.

Karel Gott , besuch in Prag
Karel Gott hatte für seine Töchter Charlotte und Nelly sein Arbeitszimmer geräumt. Komponiert und geprobt hat am Klavier im Wohnzimmer © Boris Trenkel

Unser Gespräch begann in der Küche, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Dann führte uns Karel Gott auf die Terrasse und zeigte uns den malerischen Blick auf Prag, den er sehr geliebt hat. Wie auf einem Silbertablett breitete sich die Stadt hinter dem Fluss vor uns aus. Auf der Wiese, die hinten leicht abfällt, eine Schaukel für die Mädchen. Karel Gott hatte das Haus Ende der 60er Jahre für sich und seine Eltern gekauft.

Karel und Marie Gott waren 1945 mit ihm von Pilsen nach Prag gezogen. Da war er sechs Jahre alt. Er habe bis zu dem Zeitpunkt, als sich der zweite Weltkrieg dem Ende neigte, eine schöne, behütete Kindheit – den Umständen entsprechend gesehen, hatte er im Rückblick noch hinzugefügt. „Wir fühlten uns relativ sicher, die Schrecken des Krieges schienen an uns vorüber zu gehen.“ Als Ende 1944, Anfang 1945 die Bomben der englischen und amerikanischen Alliierten auf die Stadt und die Škoda-Werke fielen, wurde auch das Haus in der Slovanská-Straße, in dem die Familie Gott wohnte, getroffen. „Wir hatten Glück, dass wir alle am Leben geblieben sind.“ Verstanden hatte der Fünjährige den Angriff auf die Wohnhäuser nicht. In seiner Erinnerung ist die Frage an seinen Vater hängengeblieben: „Die sind doch unsere  Freunde, die Alliierten, oder? Warum werfen die dann Bomben auf uns?“, als wieder einmal Tiefflieger über Pilsen kreisten. „Auf die Schnelle wusste mein Vater darauf keine Antwort.“

Der Krieg war vorbei, doch die Familie Gott war ohne Dach über dem Kopf. „Ich blieb bei meiner Oma auf dem Land, während meine Eltern in Prag eine neue Bleibe suchten. Mein Vater fand eine neue Anstellung und wir zogen in die Hauptstadt.” Zuerst lebten sie im Stadtteil Kobylisy, später dann in Smíchov.  Bis zur Wende ein Arbeiter- und Industrieviertel mit Textilfabriken, Brauereien und einem Eisenbahnwagonwerk, in dem die berühmten Tatra-Bahnen gebaut wurden. Das Werk wurde abgerissen. Auf dem Platz steht heute die Prager O2-Arena, in der Karel Gott Konzerte gegeben hat. „So bin ich nach der Wende zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“, erzählte er.

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Hinter Karel Gott und mir der Blick von seiner Terrasse auf Prag.  „Lassen Sie uns reingehen, es wird auf der Terrasse um Mittag herum sehr heiß“, meinte er wissend. Ich hätte den Blick noch ewig genießen können. Es entspann sich ein sehr offenes Gespräch. © Boris Trenkel

Die Musik war nicht die erste Wahl des jungen Karel. Seine künstlerischen Ambitionen gehörten seit seiner Schulzeit der Malerei. Die Mutter schenkte ihm Bücher mit Bildern der großen Meister, Rubens, Botticelli…, die er versuchte nachzumalen. Sein Klassenlehrer half ihm, sich auf ein Studium an der Kunstschule UMPRUM vorzubereiten. „Ich bestand die Aufnahmeprüfung aber nicht und machte eine Lehre zum Starkstrom-Elektromonteur im Straßenbahnwerk ČKD, wo mein Vater gearbeitet hat. Als ich 1957 meinen Facharbeiterbrief in der Hand hielt, war er stolzer als ich“ erinnerte sich der Sänger. Die Lehre hatte ihm nicht gerade eine Freude bereitet.

Seit der Kindheit gehörte seine Leidenschaft neben der Malerei dem Film und der Musik. Während seiner Lehrzeit trieb es ihn in die Prager Nachtklubs, wo handgemachte Musik gespielt wurde. Seinen Freundinnen gaukelte er vor, er sei Film- und Theaterschauspieler. Das war zeitlebens seine stille Sehnsucht. Hin und wieder durfte er in Filmen mitspielen, aber meistens als er selbst. „In dem Märchenfilm Teuflisches Glück trat ich zum ersten Mal als jemand auf, der nichts mit mir zu tun hatte.“ Er spielte sowohl den Teufel Luzifer und als auch Gott. „Ich war ein Teufel mit menschlichem Antlitz, streng, aber nicht böse, sondern sympathisch.“ 2018 erfüllte sich für Karel Gott ein unerwartetes Glück. Er spielte zusammen mit seinen Töchtern und seinem Enkelsohn Aleš die Hauptrollen in dem zauberhaften tschechisch-slowakischen Märchenfilm „Das Geheimnis des zweiköpfigen Drachen“.

Seine ersten Platten Anfang der Fünfziger schickte ihm seine Tante, die in Hessen wohnte. „Das war Westmusik. Rock’n’Roll. Diese Art von Musik gab es bei uns in der Zeit nicht, die geprägt war vom Stalinismus. In den 60ern wurde die politische Lage offener gegenüber Westmusik. Ich steckte mein ganzes Geld in Platten. Es waren Schätze, die wir zusammengetragen haben. Das hatte etwas von Rebellion. Wir empfanden uns als Botschafter, die diese Musik hierhergebracht haben“, erinnerte er sich. Es war für ihn Freude und gleichzeitig Investition. „Ohne diese Stadt, ohne die Platten wäre ich nie Musiker geworden.“ Sein Deutsch lernte er übrigens auch in dieser Zeit mit Hilfe von Zeitschriften, die die Tante mit in ihre Pakete legte.

Die Musik ließ Karel Gott nicht mehr los. Er lernte Gitarre und begann die Titel auf den Platten mit- und a cappella nachzusingen. In der Badewanne, auf der Straße, in der Fabrik vor den Kollegen. 1957 hatte er auf einer Country-Musikveranstaltung in der Nähe von Prag seinen ersten Auftritt vor unbekanntem Publikum. Zwei Jahre später hörte ihn die tschechische Jazzlegende Karel Krautgartner bei einem Wettbewerb und holte ihn als Sänger in sein Orchester. „Obwohl ich damals bei einem Talentwettbewerb durchgefallen war. Krautgartner sagte mir damals: ,Mach dir nichts draus, Junge. Wichtig ist, dass es dem Publikum gefallen hat. Das ist das Entscheidende. Wenn du mit uns singen willst, komm zu unserer Jamsession.‘ Seine Worte waren Musik in meinen Ohren. Es war für mich unglaublich aufregend, mit diesen berühmten Profis zu arbeiten.“

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Es machte Spaß, dem Sänger beim Erzählen zuzuhören. Er sprach im Interview Deutsch. Gelernt hatte er aus bunten Zeitschriften, die ihm seine Tante aus dem Westen schickte. © Bärbel Beuchler

Schnell entwickelte sich der gutaussehende junge Amateursänger zum Geheimtipp in der Prager Musikszene. Bald holten ihn auch andere Bands als Frontmann und Musik und Arbeit in der Fabrik ließen sich nicht mehr vereinbaren. Der Anfang 20-Jährige musste sich entscheiden, in welche Zukunft ihn sein Weg führen sollte. Und die hieß für ihn erst einmal Studium am Konservatorium. „Eine zusätzliche Motivation, die mit der Musik und den bescheidenen Gagen nicht viel zu tun hatte: Ich hatte als Sänger meine ersten weiblichen Fans! Für einen jungen Mann war es der Traum schlechthin, von schönen Frauen verliebt angeguckt zu werden. Es hat meine Seele gestreichelt. Ich hatte viele Freundinnen, oft mehrere gleichzeitig. Als Fabrikarbeiter lagen einem die Mädchen nicht wirklich zu Füßen“, verriet er mit schelmischem Blick. „Deshalb habe ich bei meinen Dates als Lehrling auch immer geflunkert und mich als Schauspieler ausgegeben.“

Man muss kein Schlagerfan sein, um von dem Sänger und seinen Liedern berührt zu werden. Was im Übrigen ohnehin zu eng betrachtet wäre. Karel Gott bediente weit mehr Genres. Er sang Rock’n’Roll, Jazz, Blues, Country , Opern- und Operetten. Karel Gott hat in seiner Stimme Klarheit und Seele vereint. Woher er die „Goldene Stimme” habe, wollte ich von ihm wissen. Die Antwort kleidete er in eine Episode.
Einer seiner Lehrer war der russische Tenor Konstantin Karenin. „Karenin brachte mir nicht nur die Kunst des Belcanto bei, sondern tolerierte auch meine Pop-Ambitionen. Er war ein alter Charmeur. Man hat gespürt, dass er in seiner Zeit ein Gentleman war. Mit 70 hat er bei seiner Schülerin, als sie mit dem Studium fertig war, um ihre Hand angehalten. Er starb auf einer Bank im Park mit einem Buch in der Hand und einem Lächeln um den Mund. So glücklich war er“, erzählt sein Meisterschüler Gott.

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Fotograf Boris Trenkel filmte unser Gespräch mit meinen Handy. Ich habe Screenshots davon gemacht. © Bärbel Beuchler

1963 erschien seine erste Single, die tschechische Version von „Moon River“. Noch nicht 30 Jahre alt avancierte Karel Gott in seiner Heimat zum Superstar. 1966 hörte ihn der Chef der Plattenfirma Polydor auf einem Festival in Bratislava und war sofort überzeugt, dass dieser junge Mann auch in Deutschland die Schlagerfreunde begeistern würde. Er hatte sich nicht geirrt. Karel Gotts erste Single in Deutschland wurde mit dem Titel „Weißt du wohin“ sofort ein Riesenerfolg. Seinen wirklichen Durchbruch feierte er 1970 mit dem Schlager „Einmal um die ganze Welt“, den er in der DDR nicht singen durfte. Der sich darin spiegelnde Traum des aus einfachen Verhältnissen kommenden Sängers wurde aus politischer Engstirnigkeit verboten. Es war die Angst, die DDR-Bürger könnten es zur Hymne gegen das Reiseverbot in den Westen erheben. Als Hit wurde es hier trotzdem gefeiert. Man hörte schließlich Westradio!

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Zum Abschluss meines Besuches signierte mir Karel Gott sein Buch

Die Anfangs holprig beginnende Karriere der „Goldenen Stimme aus Prag“, ein Label, das die Polydor erfand, nahm von da an einen steilen Verlauf. 1967/68 folgte der Einstieg in Amerika. Ein halbes Jahr Las Vegas. Ein No-Name aus dem Ostblock sollte und wollte das amerikanische Publikum gewinnen, dass so ganz andere Vorstellungen von einem Entertainer auf der Bühne hat. Man präsentierte ihn als den ersten Künstler „from behind the Iron Curtain“, als ersten Kommunisten auf einer Bühne in Las Vegas. „Ja, so wurde ich verkauft“, erinnerte er sich. „Man hatte alles schon mal in Las Vegas, aber jemanden aus dem ,Reich des Bösen‘, als lebendes, singendes Ausstellungsobjekt noch nie.“ Sein Protest, dass er nie Kommunist gewesen ist, wurde weggewischt. Das sei Showbusiness. „Es war eine so harte Schule, dass ich alles locker fand, als ich zurückkam. Normalerweise hätte mir die Konkurrenz, die es in der damaligen BRD für mich gab, schweres Lampenfieber vor jedem Auftritt und Magengeschwüre verursacht. Aber mein Manager in Las Vegas hat mir eingetrichtert: Du musst hier mit der Überzeugung auf die Bühne gehen, dass sich die Leute glücklich schätzen können, dich sehen und hören dürfen. Die Leute wollen einen a priori Sieger sehen. Das waren die Gebote, und die klangen nach teurem Zirkus. Ich kehrte sehr selbstbewusst und ein bisschen frecher zurück.“

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Seine erste Autobiografie war kurz vor meinem Besuch 2014 erschienen. © Bärbel Beuchler

Nur eins hatte er sich nicht angenommen. Die Arroganz der amerikanischen Künstler. Man hatte ihm gesagt: Nur nicht bedanken. Und das lag nicht im Charakter von Karel Gott. Menschen, die ihm seinen Erfolg brachten, verdienten seinen Dank, seine Achtung. Trotz seines Erfolges war er einer, der bescheiden geblieben ist. „Ich bin keiner, der sich hinter Bodygards versteckt, der sein Publikum stehen lässt oder gar beschimpft, wie ich es bei Judy Garland erlebt habe. Ich gehe allein durch Hamburg, durch Paris. Ich brauche diese Schau nicht. Ich bin ein Romantiker. Am Ufer entlanggehen, in die Sterne gucken, sich inspirieren lassen von schönen Frauen, die vorbeigehen und denken: Wie soll mein nächstes Lied klingen. Das ist meine Vorstellung.

Und wieder waren wir beim Thema Frauen. Karel Gott bezeichnete sich selbst immer als ewigen Junggesellen. „Das hat mit meinem Lebensgefühl zu tun. Ich denke immer, das Beste kommt noch. Ich brauchte die ständige Verliebtheit, um etwas zu kreieren. Ich hatte Angst, wenn ich heirate kommt die Romantik abhanden. Manch eine hat bei mir gefrühstückt, aber nie bekam eine den Haustürschlüssel.“ Das änderte sich, als er die 37 Jahre jüngere Fernsehmoderatorin Ivana Macháčková kennenlernte. Sie war die Erste, der er einen Schlüssel zu seinem Haus und zu seinem Herzen gab. „Ich musste mir ihr Vertrauen erarbeiten. Sie ließ sich nicht sofort auf mich ein. Wir haben uns aber auch sieben Jahre Zeit gelassen, bis ich ihr in Las Vegas einen Heiratsantrag gemacht habe. Die Trauzeugen haben wir uns im Hotel gesucht. Zwei Kellner im Anzug.“ Er lacht. Sie heirateten am 7. Januar 2008 in der Graceland Hochzeitskapelle des Hotels „New Frontier““. Keine Blitzhochzeit, weil die zweite Tochter Nelly Sofie war unterwegs. Dass es sein Leben miteinander verbringen will, wusste das Paar spätestens seit der Geburt ihrer Tochter Charlotte Ella 2006.

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Ein glücklich strahlender Ehemann und Vater. Karel Gott hatte am 7. Januar 2008 die Mutter seiner Tochter Charlotte Ella (*20.4. 2006) in Las Vegas geheiratet. © Karel Gott Privatarchiv

Woher nehmen Sie nun als Vater und Ehemann Ihre Inspiration, wollte ich wissen. Er lächelt, die braunen Augen sprachen von einem großen Glück in ihm. „Ich bin kreativ durch die Freude der Kinder, die morgens am Bett stehen, fröhlich sind und sagen: ‚Vati, Schlafmütze, aufstehen!‘ Oder mir ihre Errungenschaften zeigen. Zeichnungen, ein neues Kleid … Das ist eine Herausforderung, die mich glücklich macht. Ich habe die Stimulation durch eine Famile verkannt“, gestand er.“ Seine beiden erwachsenen Töchter Dominika (*1973) und Lucie (*1987) wuchsen bei ihren Müttern auf. Er war 23, als Dominka geboren wurde, und gerade auf dem Weg, sich die Musik zu erobern. Vater und Töchter lernten sich erst kennen, als sie junge Mädchen waren. „So war das mit den Müttern so abgemacht, aber ich habe immer für sie gesorgt, denn ich liebe alle meine Töchter“, versicherte er.

Immer wieder wurde Karel Gott für seine künstlerischen Leistungen im In- und Ausland geehrt. In seiner Heimat Tschechien hat man ihn mehr als 40 Mal zum Sänger des Jahres gekürt. 41 Mal gewann er den tschechoslowakischen Musikwettbewerb „Goldene Nachtigall”, kurz nachdem er einen Lymphdrüsenkrebs überstanden hatte. Nach einer mühsamen Therapie ging es ihm eine Zeit lang besser, und er stürzte er sich wieder in die Arbeit. Die Fotos zeigten einen jünger wirkenden Mann, der Lebensfreude ausstrahlte.

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Kurz vor seinem Geburtstag im Juli hat Karel Gott das Duett „Srdce nehasnou” mit seiner Tochter Charlotte Ella aufgenommen. Er sprach danach mit großer Bewunderung von der Professionalität der 13-Jährigen. Begleitet wurden sie von Richard Krajčo und seiner Popgruppe „Kryštof“. Anders als gewohnt, wurde das Lied nicht zuerst auf CD, sondern auf dem Youtube-Kanal von Supraphon veröffentlicht. Mehr als 1,4 Mio. Menschen haben es bisher gehört  Foto: Screenshot

Im Mai entstand der Titel „Srdce nehasnou“ – Herzen erlöschen nicht – auf. Ein bewegendes Duett, das der bekannte tschechische Schauspieler und  Songschreiber Richard Krajčo  für ihn und seine 13jährige Tochter Charlotte geschrieben hat. Nach diesem Lied habe er sich schon lange gesehnt, sagte Karel Gott. Es trage die emotionale Tiefe und Energie eines Dialogs zwischen einem Vater und seiner heranwachsenden Tochter in sich, sagte der Sänger, – und die Nachdenklichkeit über die Endlichkeit des Lebens.

Herzen erlöschen nicht

Manchmal weiß man, was der liebe Gott vorhat
Und dass man nicht alle Orte mehr erreichen wird
Aber er ist ein Guter, ein Altruist
Denn er hat mir dich gegeben, ein Zuhause, einen Hafen.
Und in ihm bist du
Meine ganze Welt
Deine gütige Umarmung
Ein wilder Flug
Und um uns herum die Musik
Eine der Schönheiten
Wenn uns der Frost
Über den Rücken läuft.

Du weißt, dass die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren
Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern,
Weiterhin leuchten
Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann musst du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten

Ich fühle jetzt, wie die Zeit sprintet
Bevor ich einschlafe, möchte ich deine Stimme hören
Damit auch diese paar Augenblicke unendlich bleiben
Als du mit voller Kraft gesungen hast
Ich weiß, deine Wurzel ist zäh wie ein Stamm
Und Bäume wachsen weiter, vergiss das nicht
Auf deren Wipfel führen tausende Wege
Am Ende eines jeden werden wir uns wiedersehen.

Du weißt, dass die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten
Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann mußt du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten
Du weißt, daß die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten

Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann musst du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir weiterhin leuchten
Manchmal weiß man, was der liebe Gott vorhat

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Von Brecht bis C. U. Wiesner – zum Tod von Stefan Lisewski

Heute, am 6. Juli, wäre Stefan Lisewski 83 Jahr alt geworden. Er starb vor vier Monaten, am 26. Februar 2016. Ich hatte das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen. Seine Filme haben mich in meiner Jugend begleitet: Der DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“, seine erste Filmrolle 1958, „Verwirrung der Liebe“, „eine Handvoll Noten“ oder der Kinderfilm „Die Jagd nach dem Stiefel“ gehören zu meinen Erinnerungen an ihn.

prominentimostblog

Es macht traurig. Schauspieler Stefan Lisewski ist tot. Er starb am 26. Februar im Alter von 82 Jahren. Unerwartet für alle. Ich habe ihn weniger auf der Bühne des Berliner Ensembles erlebt, wo er in nahezu allen Brecht-Stücken Hauptrollen spielte, als vielmehr in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen. Rothaarig, sportliche 1,90 Meter hochgewachsen und mit einer einprägsamen, ausdrucksstarken Stimme, war er ein besonderer Typ. Überzeugend in seinen künstlerischen Darstellungen und von Kollegen, insbesondere Filmpartnerinnen, zudem wegen seiner humorvollen Art, seiner Jungenhaftigkeit besonders gemocht. „Mit ihm zu drehen war stets ein Vergnügen“, erinnerte sich Annekathrin Bürger in einem unserer vielen Interviews. In den Erinnerungen an ihren ersten Film „Verwirrung der Liebe“ (1959) verriet mir Angelica Domröse, dass ihr Stefan Lisewski imponiert habe. „Er hat am BE gespielt!“

12144691_1074751285880407_90651267554558913_n.jpg Stefan Lisewski 2009 beim Filmtreff in Quedlinburg c/o Hans-Jürgen Furcht

Da, wo sie hin wollte, gehörte Lisewski von 1957 an zu den wichtigsten Schauspielern. Mit der Übernahme…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.065 weitere Wörter

In memorium DEFA-Legende Kurt Maetzig. Sein Prinzip hieß Wahrheit

Es gibt Menschen, die sollten, nein, dürften nie vergessen werden. Für das, was sie bewegt haben, für das, was sie wollten und dafür, dass sie einfach großartige Menschen waren. Für mich ist DEFA-Regisseur Kurt Maetzig so ein Mensch. Heute, am 25. Januar, wäre er 105 Jahre alt geworden. Insofern lichtet sich die Reihe derjenigen, die ihn kannten, denen sein Name noch etwas sagt oder die seine Filme gesehen haben. „Ehe im Schatten“, „Die Buntkarierten“ ,„Rat der Götter“, „Schlösser und Katen“ – die heute eigentlich wieder in den Geschichtsunterricht gehörten – oder sein zweiteiliges Epos über den kommunistischen Arbeiterführer Ernst Thälmann, das ihn in die Ecke eines Parteipropagandisten beförderte.

Ich habe all diese Filme als Zwölf-, Dreizehnjährige im Testprogramm des Deutschen Fernsehfunks gesehen, das jeden Tag mittags von halb zwei bis drei Uhr lief. Mit ihnen ging ich in eine Zeit, die ich nicht erlebt habe, die aber als jüngste Vergangenheit noch nah genug war, um mental in Beziehung mit dem Geschehen zu treten. Damals hätte ich nie vermutet, dass ich einmal den Mann, der sie gemacht hat, kennenlernen und ihm in Gesprächen näher kommen würde. Am 8. August 2012 ist Kurt Maetzig gestorben. Da war er 101 und ein halbes Jahr alt. Von einem Tag auf den anderen konnte er die Beine nicht mehr bewegen, war ans Bett gefesselt. Sein wacher Geist, der kurz zuvor noch in einem beweglichen Körper wohnte, konnte das nicht hinnehmen. Er schaltete die Lebensfunktionen ab.

Der Filmemacher Maetzig war ein Avantgardist, ein mehrfacher. „Einer muss immer der Erste sein“, sagte er mit der Weisheit des Alters. Bei ihm habe es sich aus den Umständen ergeben. Mit zwölf baute er sich sein erstes Radio, noch bevor es etwas zu empfangen gab. Erst nach Wochen tat sich etwas in dem Apparat. „Es rauschte, dann hörte ich wie eine Stimme meldete: Sie hören die erste Probesendung der Berliner Funkstunde. Ich holte mir bei der Post ein Abonnement und war der Radiohörer Nummer 1 in Berlin.“

Das erfuhr ich so nebenbei, als ich Kurt Maetzig 2008 zum ersten Mal besuchte. Er blieb Zeit seines Lebens ein Technik-Freak. Zum 90. Geburtstag schenkte die DEFA-Stiftung dem Mitgründer der international renommierten DDR-Filmstudios in Babelsberg eine Homepage. Er kaufte sich einen Computer und eroberte sich das Internet als Tor zur Welt, als Kommunikationsmittel. Das Wichtigste war ihm, immer den Durchblick im politischen und gesellschaftlichen Weltgeschehen zu haben.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Bambi-Premiere – Regisseur Kurt Maetzig erhielt 1948 für seinen Film „Ehe im Schatten“ den gerade ins Leben gerufenen Kinopreis der „Film-Revue“

Der Anlass für meinen Besuch damals war ein ganz besonderer. Die Verleihung des „Bambi“ feierte in dem Jahr 60. Geburtstag. Die Auszeichnung war 1948 von dem Karlsruher Verleger Karl Fritz und seiner Zeitschrift »Film-Revue« als Kinopreis ins Leben gerufen worden. In der Liste der Preisträger standen für das Jahr die Schauspieler Jean Marais und Marika Rökk. Den damals wichtigsten „Bambi“-Gewinner hatte man vergessen: den DEFA-Regisseur Kurt Maetzig. Sein Debütfilm „Ehe im Schatten“ war 1947 die erfolgreichste Kinoproduktion und 1948 zum besten deutschen Nachkriegsfilm gewählt worden. Der gerade 37-Jährige – und hier war er wieder Avantgardist – hat sich als erster deutscher Regisseur auf der Leinwand mit dem Antisemitismus und den Folgen der Nürnberger Rassengesetzen im „Dritten Reich“ auseinandergesetzt. „Ehe im Schatten“ ist die Geschichte des Schauspieler-Ehepaares Joachim Gottschalk und seiner jüdischen Frau Meta, das 1941 den Freitod wählten, statt ihre Liebe preiszugeben.

Geschehnisse, die auch mit Maetzigs Leben zu tun hatten. Seine Mutter war die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Hamburger Teehändlerfamilie. Die Eltern ließen sich scheiden, damit der Vater seinen Betrieb, eine Film-Kopieranstalt, nicht verliert. Der Sohn blieb bei der Mutter und konnte nicht verhindern, dass sie sich 1943 vergiftete, nachdem sie den Deportationsbescheid erhalten hatte. „Als ich 1945 zur DEFA kam, war nicht klar, dass ich Regisseur werde. Aber als die Novelle Es wird schon nicht so schlimm von Hans Schweikart auf meinem Schreibtisch lag, wusste ich, das muss ich selbst machen“, erinnerte sich der Sohn. Der Schauspieler und Regisseur Schweikart († 1975), in erster Ehe mit der jüdischen Schauspielerin Käthe Nevill verheiratet, geriet wie Maetzigs Eltern unter den Druck der Rassengesetze. Käthe Nevill wanderte nach Palästina aus. Den „Halbjuden“ Kurt Maetzig bewahrten seine Forschungen auf dem Gebiet der Filmtechnik und der Photochemie vor dem KZ, denn der Film war für die Nationalsozialisten zu einem wichtigen Instrument der ideologischen Manipulation des deutschen Volkes geworden, und seine Arbeiten wurden als wichtig angesehen.

Die Befreiung im Mai 1945 begrüßte Maetzig, der ein kleines Labor in Werder betrieb, zusammen mit 20 Zwangsarbeitern, zu denen er Kontakt bekommen hatte. „SS-Leute hatten vor meinem Labor einen Franzosen niedergeschlagen und liegen gelassen. Ich habe ihn reingeholt, in mein Bett gelegt und gesund gepflegt. Diese kleine Geste, die für mich selbstverständlich war, brachte mir das Vertrauen der Leute ein. Als die Rote Armee einrückte, versammelten wir uns in meiner Wohnung, und ich habe eine Flasche Wein aufgemacht, einen 1933er Chateau d’Yquem. Er war in dem Jahr gekeltert worden, in dem Hitler an die Macht kam. Ich hatte mir damals geschworen, die Flasche an dem Tag zu öffnen, an dem seine Macht zu Ende ist“, erzählte er.

Fortan ging es ihm um nichts mehr und nichts weniger als eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus, eine Welt, in der die Menschen Frieden haben. Er gehörte zu den Leuten, die das Ende als Anfang verstehen konnten. Nichts schien in dieser Zeit nach einem Krieg mit fast 70 Millionen Toten einleuchtender, als die Gesellschaft anders zu machen. Für diese Überzeugung, dieses Ideal trat er mit seinen Filmen an, wollte die gute Sache befördern. Kompromisslos sein in der Auseinandersetzung mit Vergangenem wie Gegenwärtigem. In einem Gespräch anlässlich seiner Ehrung mit dem DEFA-Stiftungspreis kurz vor seinem 100. Geburtstag resümierte er: „Wie meine Mutter immer sagte: Alles hat seine zwei bis 17 Seiten. Und wenn nicht 17, so ist doch zu erkennen, dass die Kunst fast immer mehrere Deutungen zulässt. Das sind ihre Schönheit und Stärke, aber auch die Quelle von Misshelligkeiten und Enttäuschungen. Mein Bestreben, mich immer der Wahrheit zu nähern und künstlerisch zu gestalten, war die feste Linie in meinen Planungen. Es ist nicht immer gelungen.“

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Kurt Maetzig 2006 zum 60-jährigen DEFA-Jubiläum mit Berlins OB Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Foto: Michael Handelmann

Sein gesellschaftskritischer Film „Das Kaninchen bin ich“, wanderte 1965 wie viele andere DEFA-Produktionen dieses Jahres als „staatsfeindlich“ in den Giftschrank. Zwei Jahre später kam „Das Mädchen auf dem Brett“ in die Kinos, in seinen Augen der ehrlichste Film in der nachfolgenden Zeit der Kompromisse. Ausnahme vielleicht „Januskopf“ mit Armin Mueller-Stahl, der die aktuellen Probleme der Humangenetik visionär vorwegnahm. 1975 drehte Kurt Maetzig seinen letzten Film, nahm mit 65 Abschied von der DEFA, die jahrzehntelang seine Heimat war. Die ihm „mehr als das Land oder der Ort oder die Straße oder der familiäre Umkreis“ bedeutet hat. „Ich wollte keine Kompromisse mehr machen, die ja nicht weniger geworden wären.“ Ich fragte ihn, welchen Film er drehen würde, wenn er die Chance dazu hätte. „Ich würde Voltaires „Candide oder Der Optimismus“ verfilmen. Candide geht durch alle Schrecknisse der Welt, ausgerüstet mit den Lehren seines Lehrers Pangloss, der ihm gesagt hat: Es ist zwar schrecklich auf der Welt, es passieren überall furchtbare Sachen, aber es ist doch die bester aller Welten, die beste, die wir uns vorstellen können.“  Und so empfand es auch der Filmemacher Maetzig.

 Interview aus dem Jahr 2008.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Regisseur Prof. Kurt Maetzig am 26. 3. 2008 in seinem Haus. Foto: Boris Trenkel

Was war das Besondere an „Ehe im Schatten“? 
Die Aufführung des Films 1947 war ein kulturelles Ereignis ersten Ranges. Und das wurde auch dadurch unterstrichen, dass es der einzige und letzte deutsche Film war, der in allen vier Berliner Sektoren am selben Tag seine Uraufführung erlebte – am 3. Oktober 1947. Und er fand im Osten wie im Westen große Beachtung. „Ehe im Schatten“ ist der erste deutsche Film, der sich mit der Verfolgung der Juden in der Nazizeit beschäftigt hat. Und das in einer Form, die die verhärteten Herzen aufzuschließen vermochte. In Westdeutschland hat man das Thema überhaupt nicht aufgegriffen. Man hat es verscharrt. Weg damit, gar nicht daran denken. Und möglichst nicht darüber reden.

Wie reagierte das Kinopublikum?
Als der Film zu Ende war, blieben die Leute erschüttert sitzen. Tief betroffen und oft sehr erschüttert. Es gab keinen Beifall, es stand auch niemand auf, um wegzugehen. Es war minutenlang still – und ich weiß als Regisseur, wie lang eine Minute ist. Dann standen sie auf und verließen schweigend das Kino. Nicht nur in Berlin, auch in München und Hamburg, wo ich zu den Premieren war. Diese Erschütterung des Publikums war einmalig in dieser Zeit, in der große Depression herrschte, weil sich das, woran die Leute geglaubt hatten, nicht eingestellt hatte. Der Endsieg war nicht eingetroffen, das Hitlerreich zusammengebrochen. Und nun plötzlich ein so tiefes Erlebnis, ein so tiefer emotioneller Zugang zur Gegenposition zu dem, was sie zwölf Jahre von den Nazis gehört hatten. Das war eine enorme Sache.

Prof. Kurt Maetzig , erster Bambigewinner
Nach 60 Jahren darf ich ihm im Dezember 2008 eine Kopie seines ersten Bambis, das zerbrochen ist, seinem Haus in Wildkuhl überreichen. Foto: Boris Trenkel

Was empfanden Sie? 
Das hat die Presse natürlich registriert und gedeutet. Und es hat auch in mir Hoffnungen und vielleicht sogar Illusionen ausgelöst darüber, was die Kunst vermag. Ob sie tief eingewurzelte Vorurteile wie Antisemitismus zu überwinden vermag. Ich hatte mir gedacht, wenn das überall so ist – und das war überall so –, dass das Ansehen dieses Films eine solche Erschütterung auslöst, wird das auch in der Tiefe die Einstellung der Menschen zu Fragen wie Antisemitismus von Grund auf verändern. Es passierte nicht. Er kommt wieder. Eine Sache auszumerzen, die sich über tausend Jahre im deutschen Volk und auch anderen Völkern verwurzelt hat, ist nicht mit einem Film und auch nicht mit zehn guten Filmen zu leisten.

Glauben Sie heute noch, dass Kunst die Menschen beeinflussen kann?
Das war meine Überzeugung, die mich durch die Jahrzehnte meiner schöpferischen Tätigkeit geleitet hat. Dafür bin ich angetreten. Ich gehe nicht so weit, dass ich heute sage, Kunst hat überhaupt keine Wirkung. Ich glaube nach wie vor, dass eine solche verändernde Wirkung möglich ist. Doch ich schränke das jetzt sehr ein. Die Kunst wirkt tropfenweise über lange Strecken. Nicht so schnell, so direkt und so eindeutig, wie wir uns das gedacht und gewünscht haben. Es sind doch nur begrenzte Wirkungen.

Also hatten Sie sich – und alle, die daran glaubten – einer Illusion hingegeben? 
Es war eine Utopie, eine richtige Utopie. Eine, die danach drängt, sich zu verwirklichen. Sie bleibt ein Fernziel, dem man sich schrittweise nähern kann. Es als Illusion abzutun, würde ich nicht für richtig halten. Das wäre der Ausschlag des Pendels nach der anderen Seite. Alles Große, was die Menschheit geschaffen hat, begann als Utopie, wird angestrebt und schrittweise verwirklicht. Die Demokratie ist auch so eine Utopie. Das heutige System, das wir haben, schon als Demokratie zu bezeichnen, halte ich für übertrieben. Wahlen allein machen keine Demokratie. Die sind nur ein Schritt auf dem Weg.

Warum haben Sie „Ehe im Schatten“ gemacht?
Hans Schweikart, damals Intendant der Münchner Kammerspiele, schickte mir auf vier Schreibmaschinenseiten eine Erzählung, die der Abriss für den Film wurde. Als ich sie gelesen hatte, wusste ich sofort, ich muss diesen Film selbst machen, denn ich hatte im Familienkreis, auch im Kreise meiner Freunde ähnliche schreckliche Schicksale in allen Nuancen erlebt. Und dieses Gefühl: Das muss ich machen, war mein Antrieb.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Er war dem Leben und den Menschen zugetan. Foto: Boris Trenkel

Also war der Film für Sie die Verarbeitung der eigenen Familiengeschichte? Ihre Mutter war jüdischer Abstammung und nahm sich 1943 das Leben. 
Ja. Aber nehmen Sie bitte ernst, was im Vorspann des Films steht. „Dieser Film ist all denen gewidmet, die als Opfer fielen.“ Das sind die vielen jüdischen Opfer, aber nicht nur sie. Es ist ein antifaschistischer Film geworden. Mir war wichtig, dass das ein Film wird, der die beiden Gegenpole, die Faschisten auf der einen und die Opfer auf der anderen Seite, nicht als Extreme zeigt. Der Film beschränkt sich auf ein ganz kleines Spektrum von Menschen – Künstler, Intellektuelle. Mir hat sehr daran gelegen, das Thema der Judenverfolgung in Deutschland mit dem Opportunismus der bürgerlichen Intellektuellen zu verweben. Darum kommen immer wieder solche dummen Sprüche vor wie: „Es wird schon nicht so schlimm“. Und: „Das betrifft uns doch gar nicht…“ Statt gegen die Sache zu kämpfen, versuchte jeder, nur durchzukommen. Also reiner Opportunismus. Man konnte sich das Schrecklichste auch gar nicht vorstellen. Die Unterdrückung und schließlich Vernichtung der Juden vollzog sich in kleinen Schritten. Es kamen immer neue Gesetze. Und ich hörte: „Na ja, damit ist ja nun die äußerste Grenze erreicht. Nun kann nichts Schlimmes mehr passieren…“ Diese enge Verknüpfung des Opportunismus der Intellektuellen mit dem Thema der Judenverfolgung ist das, was ihn künstlerisch zur Tragödie macht. Diese eigene Mitschuld an dem, was passierte, ist keine Schuld im politischen Raum, keine Schuld, für die man jemand vor Gericht stellen könnte.

Sie waren 1933, als Hitler an die Macht gehievt wurde, 22 Jahre. Hatten Sie damals schon eine Ahnung, wohin dieser Weg führt?
Natürlich habe ich nicht von Anfang an gewusst, was Hitler uns bringt. Es hat sich mir stückweise entschleiert. Und ich habe die Nazizeit als ein Antifaschist erlebt und fest damit gerechnet, dass der Faschismus am Ende des Krieges besiegt sein wird. Ich habe immer darauf gehofft, dass das ganze Volk Hitler bekämpft, wenn es erkennt, welches Unheil er über die Welt bringt.

100. Geburtstag von Kurt Maetzig
Meine letzte persönliche Begegnung mit Kurt Maetzig bei der Gala anlässlich seines 100. Geburtstages im Filmmuseum Potsdam. Foto: Boris Trenkel

Das war sehr mutig.
Was ist Mut? Die Überwindung der Angst. Und ich hatte Angst. Ich habe sehr genau gewusst, wie gefährlich es ist, sich gegen Hitler zu stellen, und ich musste meine Angst überwinden. Ich habe mich damals in schwerster Situation auch an den deutschen Klassikern festgehalten. Bei Schiller habe ich in der „Vorrede zur Geschichte des Abfalls der Niederlande“ den Satz gefunden: „Groß und beruhigend ist der Gedanke, dass gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist. Dass der Widerstand eines ganzen Volkes auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, edelmütige Beharrung seine Hilfsquellen endlich erschöpfen kann.“ Solche Gedanken haben mich geleitet, dadurch bin ich Antifaschist geworden.

Sie haben sich dann mit Ihrer Kunst für den Sozialismus engagiert. Trifft es Sie, wenn man Sie als einen Propagandisten der DDR bezeichnet?
Nein, das trifft mich überhaupt nicht. Propaganda heißt ja nichts anderes, als eine Sache befördern wollen. Und die Ziele, die sich dieser Staat gestellt hat, waren auch meine Ziele. Was glauben Sie, was es für eine Erschütterung war, als wir 1956 von den stalinistischen Verbrechen erfuhren. Von den umgebrachten unschuldigen Menschen. Wie sollte man damit weiterleben? Da habe ich mich damals zu der Sicht durchgerungen: Das, was da geschehen ist, hat die Idee des Sozialismus beschmutzt, die Sache, der wir gedient haben, diskreditiert. Aber das Ziel, das wir erreichen wollen, eine Welt ohne Faschismus und Krieg, bleibt unbeschädigt. Es ist auch heute mein Ziel, nach wie vor gültig als Ideal. Es ging immer darum, eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus und Krieg zu haben. Und das hatte bis 1989 auch eine große Strahlwirkung auf Westdeutschland.