Cinéma privé – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon

Seit Geraumen lädt das Filmmuseum Potsdam einmal im Monat zu einer ganz besondern Kino-Veranstaltung ein: Cinéma privé. Bekannte Persönlichkeiten aus  Kunst, Kultur, Sport und Politik dürfen an diesem Abend ihren Lieblingsfilm präsentieren, egal, ob anerkanntes Meisterwerk oder umstrittener Streifen.  Es ist schon sehr aufschlussreich, für welche Filme sich die  Prominenten begeistern.

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„Der Postmeister“ 1940 mit Hilde Krahl und Heinrich George (Foto:FMP)

Der ganz private Lieblingsfilm von Jurist und Politiker Gregor Gysi ist der BRD-Film „Rosen für den Staatsanwalt“  (1959) von Wolfgang Staudte. Die Wahl des beliebten Film- und Theaterschauspielers Horst Krause fiel auf Gustav Ucickys „Der Postmeister“ (1940) nach einer Erzählung von Alexander Puschkin.

Am 30. November stellt die  Schauspielerin und Musikerin Maria Simon ihren Lieblingsfilm vor:  das Oberschichten-Drama „The Riot Club“ (2014).  Der britische Regisseur  Lone Scherfing wählte für seine Darsteller noch unbekannte junge Schauspieler aus, um eine größtmögliche Authentizität zu vermitteln. Sam Claflin (Alistair) gab sein Schauspieldebüt in dem Fernsehmehrteiler „Die Säulen der Erde“ als Richard von Shiring. Max Ir0ns – er verkörpert Miles –  wird 2009 durch den Film „Das Bildnis des Dorian Gray“ bekannt.

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Sam Claflin und Max Irons (v.l.)

 Der Inhalt: Bald nachdem Alistair, ein Oberschichtsprössling, und Miles, der aus der Mittelschicht stammt, ihr Studium in Oxford angetreten haben, geraten sie ins Visier des elitär-dekadenten Riot Clubs.
Beide bestehen die Aufnahmeprüfung. Was Miles zunächst als großes Glück erscheint, wird durch eines der jährlichen Dinner zu Ehren des Namensgebers des Clubs, Lord Riot, in Frage gestellt. Miles‘ aus der Arbeiterschicht stammende Freundin Lauren wird erniedrigt, der Besitzer des Pubs, in dem das in totaler Zerstörung endende Gelage stattfindet, schwer verletzt. Auch in der Schilderung des Konflikts zwischen Miles und Alistair bezieht „The Riot Club“ deutlich Stellung gegen soziale Ungleichheit, zeigt aber auch die unverminderte Macht einer sich selbst schützenden, menschenverachtenden Kaste. 

Vor Beginn des Films erzählt Schauspielerin Maria Simon im Gespräch mit radioeins-Moderator Knut Elstermann, warum sie gerade diesen Film gewählt hat.

Cinéma privé bei radioeins – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon
Präsentiert von radioeins (rbb) und Märkische Allgemeine

Termin
Mittwoch, 30. November 2016, 19.00 Uhr „The Riot Club“
Wo: 
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam

Kartenreservierung: 0331-27181-12,
ticket@filmmuseum-potsdam.de

Vorschau:
Freitag, 09.12.16 Cinéma privé. Der ganz private Lieblingsfilm von Schauspielerin Martina Gedeck mit „Manche mögen´s heiß“ von Billy Wilder.

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Katharina Lind: Das wahre Leben der Pechmarie

Zwar lässt uns das milde Wetter gerade nicht an den Winter denken, aber die Zeit ist nicht mehr fern. Also geben wir uns der Fantasie hin. Schneeflocken tanzen vor den Fenstern, die grauen Dächer der Häuser haben eine glitzernde weiße Haube bekommen. Alles um uns herum wirkt wie verzaubert. Kinder bauen Schneemänner, kein Hügel ist ihnen zu flach, um sich nicht auf den Schlitten zu werfen und mit Juchhe herunter zu zu rodeln.
Ein bisschen zu romantisch gedacht? Nun ja,  aber das sind Bilder meiner Kindheit.  Und dazu gehören auch die Märchenstunden bei „Meister Nadelöhr“. Nichts konnte mich davon abhalten.

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Band I der im Kinderbuchverlag Berlin 1957 erschienenen „Kinder- und Hausmärchen“ Foto: privat

„Die Kinder- und Hausmärchen der  Brüder Grimm“  waren meine erste Lektüre, als ich lesen konnte. Stundenlang saß ich im Sessel und ließ mich in die verwunschene Welt entführen, in der Tiere sprechen konnten,  sogar Brote und Äpfel, in der es Nixen und Hexen, Drachen und tapfere Prinzen gab, die eine schöne Prinzessin befreien mussten. Für Kinder ein unerschöpfliches Reservoire,  sich selbst einzubringen, mitzuspielen. Als die Kinematografie erfunden war, gehörten die Märchen mit zu den ersten Stoffen, die verfilmt wurden. Noch vor dem Kultmärchen „Aschenbrödel“, das 1916 von dem dänischen Regisseur Urban Gad erstmals auf die Leinwand gebracht wurde, kam 1908 die Geschichte von „Frau Holle“ als kleiner Stummfilm ins Kino. Produziert von dem Dresdener Filmpionier Heinrich Ernemann. Er betrieb ab 1889 Deutschlands größtes Unternehmen für die Produktion von Foto- und Filmkameras sowie Kinoprojektoren.

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Karin Ugowski war 1963 noch Studentin an der Schauspielschule, als sie die Goldmarie spielte. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Seither hat das Grimmsche Märchen  von Goldmarie und Pechmarie eine Reihe filmischer Adaptionen erfahren. 1947 und 1961 nahm sich der westdeutsche Filmproduzent Hubert Schonger des Märchens an. Bei der ersten Verfilmung achtete er sehr darauf, dass das gesamte Drehteam mit viel Gefühl und größtmöglicher Nähe zu kindlichen Erfahrungen zu Werke ging. Seine zweite „Frau Holle“-Verfilmung (1961) legte er in die Hände von Regisseur Peter Podehl, der sein Handwerk bei der DEFA gelernt hatte. Podehl hat am Drehbuch für den „Kleinen Muck“ mitgearbeitet und war der Stiefvater von Darsteller Thomas Schmidt. Die Kritik befand den Film als zu niedlich und ziemlich altmodisch.

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Die vier Bände der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ des Berliner Kinderbuchverlages waren mit wunderschönen Illustrationen versehen. Foto: privat 

Eine der bis heute besten Märchenverfilmungen gelang dem DEFA-Regisseur Gottfried Kolwitz 1963. Es war zugleich ein Experiment.„Wir drehten nicht realer Kulisse, der gesamte Film entstand im Studio in Babelsberg und ist aufgebaut wie ein Bilderbuch“ erzählte mir Karin Ugowski, die als Goldmarie damals ihr Filmdebüt gab. Mit den Liedern und seine farbenfrohen Dekorationen wirkt er wie ein klingendes Bilderbuch. Es war die neue Art, Märchenfilme auf die Bedürfnisse kleiner Kinder zuzuschneiden, ihnen beim Zuschauen auf einfache Weise die Erkenntnis zu vermitteln, was ist gut und was ist böse, was darf man und was soll man nicht tun. Man mag über die unverhohlene moralische Absicht denken, was man will. Verkehrt ist es jedenfalls nicht, den Kindern eine Richtlinie anzubieten, die ihnen hilft, sich zu orientieren. Und das ist heute nötiger denn je.

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DVD des DEFA-Märchens „Frau Holle“ mit Karin Ugowski als Goldmarie. Erhältlich im Online-Shop bei Icestorm

Für einen Beitrag zur DVD habe ich 2008 mit der Schauspielerin Katharina Lind ein Interview geführt.  Sie lebt im Prenzlauer Berg in Berlin und mochte keinen Fotografen bei unserem Gespräch dabei haben. Daher fehlen aktuelle Fotos von ihr. Am 4. Dezember wird Katharina Lind 80 Jahre. In unserem Gespräch erzählte sie auch von sich.

Interview mit Katharina Lind

Frau Lind, warum haben Sie sich mit mir in der Alten Nationalgalerie verabredet?
Die Arbeit an diesem Film liegt so viele Jahre zurück. Ich brauche eine inspirierende Atmosphäre, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Museen sind so ein Ort, wo sich die Zeiten treffen.

Waren Sie eigentlich begeistert, als man Ihnen die Rolle der hässlichen und faulen Pechmarie anbot?
Das nicht, aber es war ein Angebot, dass man nicht ausschlägt. Auch andere große Schauspieler haben Märchenfilme gedreht. Dafür muss man sich nicht schämen. Die DEFA hat viel Sorgfalt auf ihre Kinderfilme verwendet.

Der Film wirkt wie ein Bilderbuch, in dem mit jeder Szene eine neue Seite aufgeschlagen wird. Wie empfinden Sie das heute?
Wir haben alles im Studio in stilisierten Kulissen gedreht. Das war eine völlig neue Art der Inszenierung durch die Filmschöpfer. Die einfachen Bauten und Dekorationen vermitteln eine Märchenstimmung. Sicher der Grund für die große Beliebtheit des Films bis heute.

Die Rolle der Pechmarie hat Sie damals ganz schnell populär gemacht. Erinnern sich die Leute heute noch an Sie?
Das Märchen ist ja in der Winterzeit sehr präsent, „Frau Holle“ in aller Munde. Und ich bekomme tatsächlich noch Autogrammpost. Erwachsene schreiben, dass ich für sie in der Kinderzeit ein Vorbild war. Letztens erhielt ich einen wunderschönen Brief von einer Familie aus Suhl. In dem erzählt die Mutter, dass ihr fünfjähriger Sohn so werden will wie ich. Das berührt mich.

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Die Mutter (Elfriede Florin) zwingt ihre faule Tochter, in den Brunnen zu springen. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Was fasziniert die Kinder an der Pechmarie?
Sie mögen sie, weil sie sich gewehrt hat. Es ist ja die Negativfigur in dem Film, und viele Kinder identifizieren sich mit ihren unlöblichen Charaktereigenschaften. Kinder, die nicht perfekt sind, denen es schwerfällt, gehorsam zu sein, sich einzuordnen, Aufgaben zu erfüllen. Kinder haben ja die Tendenz, gern das Gegenteil von dem zu machen, was man von ihnen erwartet. Ein Urtrieb.

Und wie sehen Sie die Pechmarie?
Sie war menschlicher als die Goldmarie. Der Mensch lässt sich nicht gern reglementieren.

Was waren Sie für ein Kind?
Ich war ein sehr eigensinnig. Bin mit viel Schimpfe groß geworden, weil ich nichts so machen wollte, wie es mir vorgeschrieben wurde.

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Marie erklärt Frau Holle (Mathilde Danegger), dass sie nicht aufstehen will. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Kannten Sie als Kind das Märchen
Ich bin nicht mit Büchern aufgewachsen. Es war Kriegszeit. Wir lebten in Neuwedell, in Pommern. Meine Eltern hatten einen großen Bauernhof. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter musste alles allein bewirtschaften. Ein hartes Leben. Da war keine Zeit zum Lesen. Dann kam die Flucht 1945. Fast ein halbes Jahr waren wir mit Pferd und Wagen unterwegs. Ich habe böse Erinnerungen. Steckengeblieben sind wir dann auf einem Rittergut in Hohen Luckow. 1948 zogen wir in das Dorf Kurzen-Techow. Über diesen Ortswechsel war ich tief unglücklich. Es war ein Dorf, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagten. Und ich war ein wissbegieriges Kind.

Was war ihr erstes Buch?
Mein erstes Buch bekam ich mit zehn, zu Weihnachten 1946. Fabeln von Iwan Krylow. Keine Ahnung, woher meine Eltern das Buch hatten.

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Statt Gold wurde die Faule mit Pech übergossen. Das war schwarzer Schaum. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Haben Sie Kinder?
Nein.

Haben Sie sich als Kind mal vorgestellt, auf der Bühne zu stehen?
Das nicht. Aber ich habe mich als etwas Besonderes gefühlt. Ich hatte immer eine eigene Meinung, eine andere Vorstellung vom Leben als meine Eltern. Meine Mutter sagte immer: Die ist nicht von uns. Die ist aus der Art geschlagen.

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Katharina Lind 1960 am Theater Meiningen in „Jeanne -oder Die Lerche. Foto: Eva Rauchstein

Inwiefern?
Die neugegründete FDJ verteilte damals Heftchen mit philosophischen Schriften. Die haben mich ungeheuer interessiert. Dann gab es die ersten Reclam-Hefte. Ich weiß noch, dass ich zuerst „Faust“ gelesen habe. Das Heft habe ich heute noch. Den „Hamlet“ las ich in der Kartoffelfurche gelesen, ich musste mich ja verstecken. Jemand der am Tage liest – das war sündhaft.

Führte Sie das zur Schauspielerei?
Nicht direkt. „Hamlet“ war Philosophie umgesetzt in Poesie. Innerlich war ich auf der Suche nach so etwas. Aber auf dem Dorf wurde mein Wissensdrang nicht befriedigt. Ich bewarb mich heimlich an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Rostock und lief mit 16 von zu Hause weg. Dieser harte Schnitt musste sein. Meine Eltern hatten kein Einsehen. Sie arbeiteten schwer und konnten keine Rücksicht auf meine Befindlichkeiten nehmen. Ich habe damals nicht daran gedacht, was ich alles zurücklasse. Aber was macht man als junger Mensch nicht alles, wenn man wissbegierig auf alles ist, was es in der Welt gibt.

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Szenenfoto aus dem DEFA-Film „Die goldene Gans“ Katharina Lind als Lies, Kaspar Eichel als Klaus und Renate Usko als Gert (v.l.) Foto: DEFA-Stiftung Roland Dressel

Was wollten Sie an der ABF studieren?
Geologie. Ich bin am 4. Dezember geboren, das ist der Namenstag der Heiligen Barbara. Sie steht für Bergwerk und Mineralogie. Und Steine hatten auf mich eine große Anziehungskraft. Ich habe Fossilien gesammelt, alles, was ich auf dem Feld gefunden habe.

Und was führte Sie 1955 an die Filmhochschule Babelsberg?
Der Zufall wollte, dass ich einen alten Zeitungsartikel fand, in dem stand, dass 1954 in Babelsberg eine Filmhochschule eröffnet worden ist. 1955 wurde das erste Schauspielfach aufgemacht, für das sie Studenten suchten. Ich fuhr nach Berlin. Total übernächtig habe ich aus „Faust“ und dem „Erlkönig“ vorgesprochen. Ich war wie im Rausch und hatte großen Eindruck hinterlassen. Dann wurde noch mal gesiebt, und ich war unter den zehn ausgewählten. Die Filmhochschule war wie ein Garten Eden. Wir gingen wie auf Wolken, hatten wirklich Flügel.

Und wie ging’s weiter?
Martin Hellberg, der bei uns lehrte, gab mir 1956 meine erste Filmrolle. Ich spielte eine Dirne in seinem Spanien-Film „Wo du hingehst“. Der Film taucht in offiziellen Filmografien von mir nie auf, weil ich da noch unter meinem Mädchennamen spielte. Roselind Vorlag. Den Namen änderte Helene Weigel, als sie mich nach meinem Studium am Berliner Ensemble engagierte. Sie fand, er passe nicht zu einer Schauspielerin. Seit 1958 lebe ich als Katharina Lind, meiner zweiten Identität.

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Die Schauspielerin 1976 Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden, wie es verlief, oder hätten sich etwas anderes gewünscht?
Ich hätte mir nichts anderes gewünscht. Der Beruf war das Bestmögliche für mich. Ich habe unter Benno Besson am Deutschen Theater gespielt, 150 Vorstellungen im„Drachen“. Dann kam der Film „Die goldene Gans“, ich sang 1968 in Eisenach in Brechts „Dreigroschenoper“ die Polly, war in Meiningen, Greifswald und Brandenburg am Theater. In spielte eine Hauptrolle in der tschechischen Fernsehserie „In einer Stunde bist du wieder da“, habe viel synchronisiert. Es war ausgefüllt mein Leben bis zur Wende. Danach kam nichts mehr.  Jetzt liebe ich es, in Museen zu gehen, zu lesen.

Sind Sie als Schauspielerin wieder in ihr Dorf zurückgekehrt?
Meine Eltern lebten ja dort, und ich habe mich auch um sie gekümmert. Nach „Frau Holle“ war ich da eine Berühmtheit. Der Schmied machte nebenbei Kunstschmiedearbeiten und schenkte mir einen kunstvollen Rosenzweig, in dem eine Amsel sitzt. Seit dem Tod meiner Eltern gibt es keine Kontakte mehr zu den Leuten im Dorf.

Würden Sie eigentlich die Pechmarie heute noch mal spielen wollen?
Wenn das ginge, würde ich die Figur sehr gern noch mal spielen. Aber ganz anders. Noch trotziger und widersprüchlicher. So, wie die Kinder heute sind.

Filmtag mit Rolf Losansky

Am 15. September verstarb im Alter von 85 Jahren der Regisseur Rolf Losansky. Mehr als dreißig Jahre hat er Filme für Kinder und Jugendliche gedreht. „Ein Schneemann für Afrika“, „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „… verdammt, ich bin erwachsen!“ begeisterten ein großes Kinopublikum. Das Filmmuseum Potsdam lädt am 3. Dezember zu einem fröhlichen Beisammensein mit Weggefährten, Freunden und der Familie ein.

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Regisseur Rolf Losansky mit Andreas Bieber und Marlene Marlow 2013 in Langerwisch, wo „Hans im Glück“ entstand. Foto: Boris Trenkel

Für Kinder läuft um
14:30 Uhr  „WIE MAN EINE KUH REITET“
Making Of „Hans im Glück”, 1999, Dok., R: Konstanze Weidhaas, ORB
15:00 Uhr  HANS IM GLÜCK, 1998,
Regie: Rolf Losansky
Die erfrischende Filmadaption des gleichnamigen Grimm-Märchens war Rolf Losanskys letzte abendfüllende Regiearbeit.

 

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Filmszene aus „Abschiedsdisco“  Quelle: Ost-Film

17:00 Uhr  „ABSCHIEDSDISCO“
Regie: Rolf Losansky, 1990, Darsteller: Holger Kubisch, Jaecki Schwarz
Inhalt: Henning ist erst fünfzehn Jahre alt, als seine erste Freundin stirbt. Um in Ruhe zu trauern, besucht er seinen Großvater, der als einer der letzten am Rande eines Braunkohlegebietes lebt, wo Bagger die Landschaft immer weiter abtragen. Henning durchstreift die verlassene Gegend und begegnet verlorenen Gestalten. Nachdenklich studiert er die sterbende Umgebung und pflanzt am Ende symbolisch einen Baum.

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Holger Kubisch als Henning in »Abschiedsdico“. Quelle: Ost-Film

Den Stoff wollte Rolf Losansky bereits 1983 verfilmen, doch wurde das Szenarium wurde durch die Hauptverwaltung Film abgelehnt. Hintergrund: Die ökologischen wie auch sozialen Auswirkungen des Braunkohlentagebaus galten lange als Tabu.  Auch 1986 konnte Rolf Losansky das  vorgelegte Drehbuch nicht realisieren.  Abschiedsdisco gehörte zu einer Reihe von Filmen, die nach längerer Verbotszeit im Jahr 1989 umgesetzt werden durften. „Damit war natürlich die Brisanz verpufft“, sagte der Regisseur in einem Interview später.

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall
14467 Potsdam
Tel: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie orden grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung,füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

Syrien – was war vor dem Krieg? Spurensuche mit Winfried Junge

Seit im Sommer 2011 die syrische Regierung unbarmherzig gegen Massendemonstrationen in Daraa, Homs und Hama vorging, sehen wir fast täglich Filmbilder von verheerenden Zuständen in Syrien.
 Sie vermitteln eine Sicht, die zu hinterfragen ist.
Zwei Reportagen der Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge – bekannt vor allem durch ihre Langzeit–Filmchronik Kinder von Golzow“ – brechen die Oberfläche auf, die sich uns mit den täglichen Nachrichten vermittelt.

Was war vor dem Bürgerkrieg? 
Im Sommer 1970 war Regisseur Winfried Junge das erste Mal in Syrien. Sein Film „In Syrien auf Montage“ begleitet DDR-Ingenieure, die Arbeiter in der Textilfabrik Homs ausbilden. Kurz nach Ende der Dreharbeiten, im November 1970, putschte sich Luftwaffenchef Hafez al-Assad an die Macht.

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1989 drehten Barbara und Winfried Junge ihren Dokumentarfilm „…der Vater blieb im Krieg“ über syrische Märtyrerkinder. c/0 DEFA-Stiftung

Zwanzig Jahre später, 1989/90, entstand der Film „… der Vater blieb im Krieg“ über ein Treffen mit syrischen Waisen in Bad Saarow, deren Väter im Libanonkrieg gefallen waren. Winfried und Barbara Junge begleiteten die Jugendlichen nach Syrien, wo sie in gesonderten, elitären „Schulen der Märtyrerkinder“ untergebracht waren.
Die Reportage reflektiert Momente aus dem Leben dieser jungen Menschen, die sich zwischen friedlich und angespannt, hoffnungsfroh und verunsichert bewegen.

Das Filmmuseum Potsdam lädt zu einem Kinoabend „Syrien dokumentieren“ mit Barbara und Winfried Junge ein.

Termin: Donnerstag, 10. November 2016, 19.00 Uhr

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam
Kartenreservierung: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Syrien: Kurzer historischer Abriss
Syrien ist ein junger Staat, der erst seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in (mehr oder weniger) seinen heutigen Grenzen existiert; 1946 erlangte er seine vollständige Unabhängigkeit. Dies kontrastiert mit Jahrtausende alten Siedlungstraditionen. Auf dem Gebiet des heutigen Syrien waren Zivilisationen beheimatet, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehören. Die syrische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch die Erfahrung von Fremdherrschaft und Imperialismus sowie die schwierige Herausbildung einer syrischen nationalen Identität, verbunden mit Fragen nach territorialer Integrität und staatlicher Einheit. Hiermit verflochten sind mit rapiden Modernisierungsprozessen einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen und der Streit um soziale Gerechtigkeit, um politische und wirtschaftliche Teilhabe. Während des Kalten Krieges distanzierte Syrien sich von der US-amerikanischen Nahostpolitik, intensivierte aber seine Beziehungen zu den sozialistischen Staaten. Syrien und Ägypten schlossen sich zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen, wodurch Syrien nicht gestärkt, sondern politisch geschwächt wurde. Ein Militärputsch beendete am 28. September 1961 die Mitgliedschaft Syriens in der VAR. Es entstand die Syrische Arabische Republik. Immer wieder kam es zu Machtkämpfen. 1964, 1965 und 1967 kam es zu einer Reihe von Protesten und Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Nach der Niederlage gegen Israel im Juni 1967 spitzten sich die Auseinandersetzungen innerhalb der syrischen Führung erneut zu. Am 16. November 1970 besiegelte Assad seine zunehmende, auf der Kontrolle des Militärs beruhende Dominanz mit einem erneuten Putsch, indem er Partei- und Staatsspitze verhaften ließ und eine neue Regierung unter seiner eigenen Führung bildete. Von 1975-1990 spielte Syrien eine entscheidende Rolle im libanesischen Bürgerkrieg, an dessen Ende es 90.000 Todesopfer, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste gab. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Ein unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ im Mai 1991 machte den Libanon bis 2005 praktisch zum syrischen Protektorat.

Wer sind Barbara und Winfried Junge?

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Die Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge c/0 Filmmuseum Golzow

Winfried Junge ist am 19. Juli 1935  in Berlin geboren. Er studierte zunächst Germanistik an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin;  wechselte 1954 als einer der ersten Studenten an die neue Deutsche Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Junge hat insgesamt mehr als 50 sehr verschiedene Filme für Kino und Fernsehen gedreht, darunter den Kinderspielfilm „Der tapfere Schulschwänzer“. Seit den 1960er Jahren  zeigen die Dokumentarfilme der Junges Menschen des Alltags. Sie führen auch ins Ausland, erzählen von Begegnungen mit Menschen in Syrien und Somalia, bevor das friedliche Aufbauwerk nach dem Vorbild der sozialistischen Staaten, das auch die DDR unterstützte, ein Ende fand und die Länder im Chaos versanken.

 

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Fast original getreu entstand Winfried Junges Schneideraum im Museum „Kinder von Golzow“ 

Barbara Junge wurde am 14. November 1943 in Neunhofen/Thürigen geboren. Sie studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und schloss mit dem Diplom als Dolmetscherin für Englisch und Russisch ab. Ab 1969 arbeitete sie als Journalistin und Regisseurin im DEFA-Studio für Dokumentarfilme und war zunächst für fremdsprachige Fassungen von DEFA-Dokumentarfilmen verantwortlich. Nach dem Ende der DDR und damit auch der DEFA führte sie mit ihrem Mann Winfried Junge das „Golzow“-Projekt in Co-Produktion mit Sendern der ARD, vor allem des RBB, weiter.

 

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Winfried Junge in der Dokumentarfilmausstellung in Golzow. c/o Filmmuseum Golzow