Aus dem Nähkästchen von Regisseuren und Schauspielern: Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“

Seit die SUPERillu 2005 ihre monatliche DVD-Reihe veröffentlicht, habe ich Regisseure und Schauspieler beliebter DEFA-Filme ausgefragt, was sich rund um die Dreharbeiten abgespielt hat, was sie Abenteuerliches erlebt haben. Dabei kam in zehn Jahren viel Überaschendes und Spannendes zutage. So nach und nach werde ich nun die unterhaltsamsten Geschichten aus meinem Archiv hier veröffentlichen. Den Anfang macht die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“, die vor 40 Jahren, am 6. Juni 1980, in die Kinos kam und für die Zuschauer ein toller Sommerfilmspaß war. Nicht zuletzt auch, weil Regisseur Georgi Kissimov die Titelrolle mit dem beliebten Komiker Rolf Herrichtin besetzte.

Vom eigenen Häuschen träumte man auch in der DDR. Sich diesen Traum zu erfüllen, barg jedoch manche Tücke. Da ging es kaum ohne das sogenannte  Vitamin B – gute Beziehungen – , und knausirig durfte der Bauherr auch nicht sein. Denn alles, was man so zum Bauen brauchte, gab es meist nur unter der Hand. Hatte man ein Haus finanziell konzipiert, musste man fast noch mal soviel als Schmiermittel auf der hohen Kante haben. Bürokratische Vorschriften stellten einem Bauherrn so manche Hürde  in den Weg.  Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“ ist dafür geradezu ein Lehrstück, liefert sie doch einen ziemlich guten Einblick in den DDR-Alltag.

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Der erfolgreiche Berliner Unterhaltungskünstler Ralf Keul muss innerhalb eines Jahres sein Grundstück an der Ostsee bebauen, sonst wird der Pachtvertrag aufgelöst. Das Glück beschert ihm und seiner Frau Doris einen Lottogewinn von 35.000 Mark. Mutig, aber ohne eine Ahnung, geht er das Unterfangen an.  Natürlich bleibt dem unerfahrenen Bauherrn bleibt nichts erspart. Die Maurer stehlen das Material von anderen Baustellen zusammen, sodass er sie entlassen muss. Beim Versuch, mit seinem Wartburg Zementsäcke zu befördern, bricht der Wagen zusammen. Die Dachdecker, die er unklugerweise vorab bezahlt hat, verschwinden und lassen ein Loch im Dach zurück. Auf halber Strecke geht das Geld aus. Er versäumt Proben für seine Bühnenshow und dann sogar den Auftrittstermin, weil er Ärger mit den Bauleuten hat. Das Theater kündigt ihm daraufhin das Engagement. Seine Frau reicht die Scheidung ein, weil sie in seiner Fanpost, ein Foto findet, das ihn mit einer Blondine am FKK zeigt. Das Fräulein aus dem Baustoffhandel hatte Keul mit dem Versprechen an den Strand gelockt, ihm Badfliesen zu besorgen.  Trotz aller Hindernisse steht das Haus am Ende. Das Gericht weist Doris‘ Scheidungsklage mit der Begründung zurück: Ein Bauherr ohne Erfahrung sei einer höheren Gefährdung ausgesetzt als ein Testpilot, da der wisse, was er fliegt.

So ähnlich ist die Geschichte dem Drehbuchautor Kurt Belicke passiert. Wie sein Filmheld hatte er sich blauäugig in das Unternehmen Hausbau gestürzt und eben diese Erfahrungen gemacht. Mehr als zehn Jahre dauerten die Arbeiten an seinem Ferienhaus, bis es endlich fertig war. Am Ende hatte es nicht einmal einen Schornstein. Belicke nahm‘s mit Humor und münzte seinen Ärger in einen der witzigsten Filme über die Widrigkeiten um, die der reale Sozialismus den Häuslebauern so bescheren konnte. So ein Vorhaben trieb das Problem des Mangels und der Schwarzarbeit auf die Spitze.

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Zu Beginn der Dreharbeiten befand sich Kurt Belickes Haus noch im Rohbau. Schauspieler Rolf Herricht posiert davor auf dem Filmauto, einem alten Opel Rekord, ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Als wir während der Sommerfilmtage 1980 mit dem Film auf Premierentour waren, klopften sich die Zuschauer wohlwissend vor Vergnügen auf die Schenkel“, erzählte Annekathrin Bürger, im Film die Gattin des Titelhelden. „Jeder wusste, was es für eine Tragödie sein konnte, sich Stein auf Stein ein Eigenheim zu bauen. Der Film ging damals ganz schön ans Eingemachte. Mit allem, dem Klauen, den Preisen und Unverschämtheiten wie den saufenden Dachdeckern. So etwas war nur als Komödie machbar.“ Die Schauspielerin wusste, wovon sie sprach. Ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Rolf Römer war ein Baulöwe im wahrsten Sinne des Wortes. Mit allen Wassern gewaschen. Er baute Zeit seines Lebens nicht nur an seinem eigenen Haus. Wenn er zu Freunden kam, die ein Haus hatten, setzte er sich ganz still hin und sagte nach einer Weile: „Weeßte, eigentlich fehlt hier ein Kamin.“ Einwände, dass es zu viel Arbeit wäre oder zu teuer, wehrte er ab: „Ach, das mache ich dir.“ Damit fing er sie und begann das Haus umzukrempeln. „Überall, wo er aufschlug, hatte er bauliche Verbesserungsvorschläge“, erinnert sich seine Frau.

Für SUPERillu hatte ich mich mit Annekathrin Bürger 2008 in Ahrenshoop auf die Suche nach dem Haus ohne Schornstein begeben, um das sich das Film-Abenteuer rankt. „Kurt Belicke hatte uns sein Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt. Es war damals immer noch ein Rohbau“, erinnerte sie sich. Während wir in der einstigen Künstlerkolonie nach Belickes Grundstück suchten, streiften wir viele Erinnerungen.

Als Kind verlebte Annekathrin Bürger jeden Sommer mit ihren Eltern und Bruder Olaf in Ahrenshoop. „Wir wohnten bei einer Bekannten, picknickten mit Freunden am Strand und machten mit den Nachbarjungs Fahrten auf alten Zeesen. Es gab keine gepflasterten Straßen, wie heute, aber das Land hier oben hatte Charme und Romantik.“ Deshalb zog es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Kunstmaler im Sommer hierher auf die Halbinsel Fischland. Auch Annekathrin Bürgers Vater Heinz Rammelt suchte hier seine Motive. Am Strand, in den weiten grünen Wiesen. Eine Weite, die seine Tochter heute vermisst.

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Annekathrin Bürger mit Ulrich Thein in ihrer ersten Filmrolle 1956. Bei den Dreharbeiten für „Eine Berliner Romanze“ verliebten sich die Schauspieler ineinander ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unvergessen bleibt ihr der Sommer 1956. Die damals 19-Jährige hatte ihren ersten Film abgedreht, „Eine Berliner Romanze“ mit Ulrich Thein. „Danach machten wir Urlaub an der Ostsee. Ecke Friedrichson, den später jedes Kind in der DDR als Meister Nadelöhr kannte, hatte das Quartier besorgt, irgendeinen ausgebauten Hühnerstall in Ahrenshoop. Null Komfort, aber das war uns egal. Hauptsache Ostsee. Wir waren den ganzen Tag am Strand, abends saßen wir am Lagerfeuer“, schwärmte sie in Erinnerung daran. Romantik, Charme und Weite sind inzwischen passé. Fast jedes freie Fleckchen wurde bebaut, mit Hotels, Ferienhäusern, Parkplätzen. Keine Idylle mehr zum Malen. Annekathrin Bürger stellt das mit Wehmut fest. „Es begann eigentlich schon Ende der 70er Jahre. Als wir 1978/79 unseren Film drehten, boomte der Bau von Fertigteilhäusern. Sehr zum Ärger der Alteingesessenen mit ihren Reetdach-Häusern. Sie empfanden das als Verschandelung. Heute fragt danach keiner.“

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Das Ehepaar Keul (Annekathrin Bürger als Doris, Rolf Herricht als Ralf) malt sich gerade aus, wie ihr neues Ferienhäuschen aussehen soll ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Vielleicht ist ja es die Nostalgie der Außenstehenden, dass wir uns zurücksehnen. Wer hier seine Existenz sichern muss, denkt anders.“ Annekathrin Bürger  erzählt von den Ostsee-Urlauben mit ihrem Mann Rolf Römer. „Ich weiß noch, dass ich in Berlin meinen Trabi-Kombi vollgestopft habe. Man nahm ja alles mit, was man nicht missen wollte. Und wenn wir hier ankamen, habe ich in der Gärtnerei erst mal Arme voll Rosen gekauft und unser Quartier ausgeschmückt.“ Nur essen gehen konnte man in den kleinen Orten kaum. Es fehlte an Kneipen, und die Speisekarten waren nicht jedermanns Geschmack. Man versorgte sich selbst. Das war normal. „Wir haben viel Fisch gegessen, den wir morgens frisch beim Fischer am Hafen holten. Wenn wir uns etwas gönnen wollten, sind wir nach Warnemünde ins Neptun gefahren. Dort gab es verschiedene kleine Restaurants, in denen man kubanisch, finnisch, russisch oder chinesisch essen konnte.“ Beim Abendessen im schicken Hotel Dorint in Wustrow fiel uns auf, dass wir es genießen, die Wahl zu haben.

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Die Schauspielerin Annekatrin Bürger mit ihrem Bruder, dem Dessauer Maler Olaf Rammelt, und seiner Frau, der Bildhauerin Christine Rammelt-Hadelich © xil/Michael Handelmann

So einfach wie gedacht gestaltete sich die Suche nach dem Haus ohne Schornstein nicht. Die Jahre hatten die Erinnerungen getrübt. Wo war die Straße, wie sah das Haus aus? Am nächsten Tag gesellte sich Annekathrins Bruder Olaf Rammelt mit seiner Frau Christine zu uns. Der Maler machte mit seiner Frau Christine in schöner familiärer Tradition in Ahrenshoop Urlaub. „Ich habe das Malzeug dabei, aber noch keinen Strich getan“, verriet er und freute sich über das Treffen. Die Geschwister sind sich sehr nahe. Olaf verbrachte als Jugendlicher oft seine Sommerferien bei der Schwester und ihrem Mann Rolf Römer in der Holländerwindmühle in Wustrow, die einem Freund gehörte. Für den Schauspieler Rolf Römer, der mit Leib und Seele auch (gelernter) Maurer war, ein Mekka. Hier konnte er sich austoben. Er hat Wände verputzt, Annekathrin hat gestrichen. Irgendwann störte es ihn, dass es kein fließend‘ Wasser im Haus gab. Also hat er angefangen, im Urlaub Gräben zu buddeln und Rohre zu verlegen. Freunde und Verwandten, die bei ihnen Unterschlupf suchten, mussten mit ran. Olaf denkt oft an die abenteuerliche Zeit zurück. „Rolf hat uns eingeladen. Ich bin mit meinem Freund auch gern gekommen. Für freie Kost und Logis sind wir ihm zur Hand gegangen. Allerdings kannte Rolf keine Pause. Er vergaß, dass wir Ferien ja hatten. Jedes Mal, wenn ich jetzt nach Ahrenshoop fahre und an der Mühle vorbeikomme, sehe ich uns ackern.“

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Um an Badfliesen zu kommen, lässt sich der arglose Ralf Keul an den FKK locken. Schauspieler Rolf Herricht war die Szene etwas peinlich. Er meinte zu Regisseur Georgi Kissimov: „Meinen Sie, die Menschen wollen einen 52-jährigen Mann nackt am Strand sehen?“ Er behielt bei den Aufnahmen dann eine kleine Badehose an. (Screenshot)

Annekathrin Bürger führt uns auf den „Weg zum Hohen Ufer“. Irgendwo hier muss es gewesen sein, ist sie sich sicher. „Irgendwo hier haben wir die Szenen rund um das Haus gedreht.“ Eine gute Stunde suchen wir die Gegend ab. Ohne Erfolg. Aber keins der reetgedeckten Häuser kommt ihrer Erinnerung nahe. Sie sind entweder zu groß, zu neu oder haben einen Schornstein. Ein Foto mit ihr vor dem Haus sollte die Brücke schlagen. Wir kamen am „Boddenblick“ vorbei, zu DDR-Zeiten ein FDGB-Heim, das nach der Wende zum Hotel umgebaut wurde. Annekathrin Bürger zeigte uns, wo Herbert Köfer sein Haus gehabt hat, wo Gunter Emmerlich mit seiner Familie Urlaub machte.

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Keul erwischt den Maurer (Willi Neuenhagen) mit den geklauten Steinen ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unsere letzte Hoffnung ist eine ältere Ahrenshooperin, die in ihrem Garten arbeitet. Wir hatten Glück. Sie erinnerte sich an den Trubel, den die Filmleute damals veranstalteten. Auch an Rolf Herricht. „Ja, Belickes Haus steht noch. So ein kleines blaues, nur ein Stück den Weg da runter. Nicht zu übersehen.“ Nach knapp 200 Metern war unser Ziel erreicht. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Annekathrin Bürger strahlte: „Ja, das ist es. Das ist die Tür, durch die alle im Film zur Toilette gingen.“ Auch die Fertigteilhäuser auf den Nachbargrundstücken gibt es noch. Versteckt hinter hoch gewachsenen Hecken, mit neuen Fassaden und Reetdächern erkennt die Schauspielerin sie kaum wieder. „Die sind alle während unserer Dreharbeiten entstanden. Man konnte förmlich zuschauen, wie sie wuchsen.“

Wir umrundeten das Objekt unserer Begierde. Niemand war zu sehen, nichts war zu hören. Keiner reagierte auf unser Klopfen. Auf der Terrasse stehen Stühle und ein Tisch. Was tun? Einfach fotografieren? Der Gedanke fühlte sich nicht gut an. Der Besitzer musste gefragt werden. Dann öffnete sich doch die Tür. Annekathrin Bürger erkannte Frau Belicke.  Sie erklärte unser Anliegen, den unangemeldeten Überfall. Die ehemalige Kostümbildnerin des Friedrichstadtpalastes war 2005 von Berlin in ihr einstiges Ferienhaus gezogen. Sie war damals alles andere als erfreut, dass ihr Mann das Haus zum Drehort umfunktionieren ließ. „Ich kam überraschend hier an, und es wimmelte von Menschen. Dixi-Klos gab es nicht, alle benutzten unsere Toilette. Die Sickergrube war im Nu voll. Für einige Szenen mussten immer wieder die Scheiben eingeschmissen werden.“

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Alles für den Film. Nicht nur Scheiben wurden eingeworfen, auch ein Brand wurde inszeniert.  (Screenshot)

Frau Belicke konnte auch so viele Jahre später noch nicht darüber lachen. „Und warum hat das Haus keinen Schornstein? fragte ich. „Der uns damals einen setzten sollte, war beim Materialklau erwischt worden und saß im Knast. Vier Jahre stand das Haus ungedeckt da. Dann hatten wir die Nase voll und das Dach zumachen lassen.“ Ohne Schornstein. So war es nur im Sommer nutzbar. Nach der Wende ließ Kurt Belicke das Haus sanieren und eine Fußbodenheizung einbauen. Unter den Dreharbeiten leidet das Haus aber immer noch. Weil es dem Regisseur nicht hässlich genug war, wurde die Front damals mit brauner Leimfarbe gestrichen. „Daran knabbere ich noch heute“, sagte Frau Belicke. Ich habe die Wand schon zweimal abschleifen lassen, weil beim Überstreichen nichts hält.“ Für uns war es perfekt. Das Blau sieht sehr hübsch aus inmitten des grünen Gartens.

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Annekathrin Bürger vor dem Filmhaus. © SUPERillu/Boris Trenkel