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Anne Kasprik: Mein zweigeteiltes Leben. Ein Gespräch über Wurzeln und Wandel

Der Sommer 1989  war anders als alle, an die ich mich erinnere. Bleiern. Über der DDR schwebte ihr Untergang. Alle spürten das. Bis auf diejenigen, die den desolaten Zustand zu verantworten hatten. Aber wie konnte man das Offensichtliche nicht sehen? Die zunehmende Unzufriedenheit der Menschen? Sie wollten sich nichts mehr vormachen, sich nicht mehr gängeln lassen. Es musste sich etwas verändern im Land. Für die einen hieß der Weg sozialistische Erneuerung, das Land umkrempeln. Statt Parteidiktatur demokratischer Sozialimus, freie Wahlen, neue Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft, Meinungsfreiheit… Die anderen wollten nur raus dem „Käfig“ in die goldene Freiheit des Westens, der mit allem lockte, was das Menschenherz scheinbar begehrte.  In jenem Sommer 1989 hatten 1,5 Millionen DDR-Bürger ihre Ausreise beantragt. Hunderte belagerten die BRD-Botschaften in Prag , Warschau und Budapest. Viele flüchteten über die Grüne Grenze in Ungarn nach Österreich. Der Herbst kam, und am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 18. Mai 1990 wurde der Staatsvertrag für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. Am 1. Juli  hielt die D-Mark Einzug in die Portemonnaies der DDR-Bürger. Euphorie von Ahrenshoop bis Zittau. Was ist daraus geworden, heute, 30 Jahre später? Haben sich die Erwartungen, die Hoffnungen erfüllt, die jeder für sich damals rekrutierte?

Ich habe die Schauspielerin Anne Kasprik besucht, die sich eben diese Frage gestellt hat und ihr zweigeteiltes Leben in ihrem Buch „Ich aus dem Osten“ Revue passieren lässt. Heute feiert sie ihren 56. Geburtstag. „Ich hatte offenkundig das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, die sich nicht beugte, die geradlinig und aufrecht durchs Leben ging und mir dies wohl mit auf den Weg gab. Mit solch einer moralischen Grundausstattung wird man zwangläufig zum Opfer“, erzählt sie mit dem Blick auf die Unwägbarkeiten, die sie aber nicht unglücklich gemacht haben.

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Das Buch erschien im Verlag Neues Leben Berlin

Frau Kasprik, was machen Sie aktuell?
Ich drehe für die ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“, in der ich seit 2007 als Sozialarbeiterin und Psychologin Karin Berger dabei bin. Anfangs noch als Frau des ehemaligen Revierleiters Martin Berger, gespielt von Peer Jäger, der die Serie 2013 verlassen hat. Und dann bin ich mit meinem Buch „Ich aus dem Osten“ zu Lesungen unterwegs.

Wie wichtig ist es Ihnen, als Ostfrau wahrgenommen zu werden?
Es ist für mich eine Solidarisierung mit den Menschen, die wie ich ihr Leben nach dem Verschwinden der DDR unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen neu organisieren mussten. Ich bin zwar ausgezogen, um die Welt zu erobern, aber nicht, um meine Wurzeln zu verleugnen. Ich fühle mich als Europäerin, aber ich komme aus dem Osten.

Was bewog Sie, darüber nachzudenken und ein Buch zu schreiben?
Im November ist der Mauerfall 30 Jahre her, und ich finde, die Zeit ist reif für eine Rückschau, sich selbst zu befragen: Was haben diese 30 Jahre mit mir gemacht? Ich habe ein halbes Leben im Osten, in der DDR, gelebt und ein halbes Leben im Westen. In den 90ern waren wir damit beschäftigt, auf all das Unbekannte, Neue zu reagieren, das mit der Vereinigung über uns kam. Arbeitslosigkeit, Existenzängste, wir mussten uns neue Jobs suchen… Nichts blieb wie es war. Da hatte man keinen Nerv, zurückzuschauen.

Wie sind Sie aufgewachsen? Ihr Vater war der bekannte Film- und Fernsehregisseur Hans-Joachim Kasprzik. Sie haben später das Z aus Ihrem Namen gestrichen, um ihn zu vereinfachen.
Durch den Beruf meines Vaters bin ich in einem Kokon großgeworden. Wir waren privilegiert. Dennoch haben mich meine Eltern zu Bescheidenheit und Bodenständigkeit erzogen. Mein Vater machte mir klar, dass ich nichts Besseres bin als andere Kinder. Er hat nie studiert, sich alles Wissen autodidaktisch angeeignet. Diese Zielstrebigkeit hat er mir vermittelt. Was ich an meinen Eltern sehr geschätzt habe, war ihre Loyalität anderen gegenüber. Ich hatte Freundinnen, die glaubten an Gott. Meine Eltern sagten zu mir: „Lass sie glauben, Anne, du musst das nicht.“ Anders als heute waren Religion und Kirche kein Thema in der DDR.

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Hans-Joachim Kasprzik in den 50er Jahren. Er versenkte sich zeitlebens in Bücher Foto: Privatarchiv Kasprik

Als Sie 1963 geboren wurden, arbeitete er gerade am Drehbuch für die Verfilmung des Romans „Kleiner Mann – was nun?“ Er ließ alles stehen und ligen und eilte zu Iher Mutter ins Krankenhaus. Wie haben Sie ihn später als Kind und Jugendliche erlebt?
Geredet haben wir nicht wirklich viel miteinander. Aber mein Vater hat mir alle Freiheiten gelassen und sich für meine Wünsche interessiert. Er ist mit mir zum Schwimmen gefahren als ich klein war, hat mich zum Drehen mitgenommen. Ansonsten empfand mein Vater Familienunternehmungen als Störfaktoren für seine Arbeit. Viele Jahre sind wir deswegen nicht in den Urlaub gefahren. Filme machen und Lesen waren sein Lebensinhalt. Er hatte einen unglaublichen Wissensdurst und suchte immer nach neuen Stoffen für seine Filme. Bei uns standen an den Wände Bücherregale bis unter die Decke. Er hatte Tausende. Mein Vater ist der Sohn eines Bergmanns. Von ihm hat er als Kind Prügel dafür bezogen, dass er untätig in der Ecke saß und las. Nach dem Krieg diente sich mein Vater am Westberliner Theater „Die Tribüne“ zum Regie-Assistenten hoch. Dort lernte er Kurt Maetzig kennen, den Mitbegründer der DEFA. Er folgte ihm nach Babelsberg, weil er für sich im Westen keine künstlerische Zukunft sah. Die meinte er in der DDR zu finden.

Ihr Vater hat sich mit politischen und historischen Stoffen auseinandergesetzt. Geriet er da an Tabus?
Sehr oft. Es gab immer Diskussionen, um Inhalte, und es war für ihn jedes Mal ein Kampf. Bei „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ sollte er die historische Sicht komplett umarbeiten. Mit den Jahren machte ihn das immer unzufriedener. Ich erlebte die Entwicklung meines Vaters von einem überzeugten Sozialisten zu einem Menschen, der sagte: Ich gehe hier weg. Das hat mich sehr berührt.

Wann bekam Ihre Welt einen Bruch?
Als Teenager hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr gut ist, so wie es ist. Ins Bewusstsein kam es mir in der Schule. Immer darauf bedacht, zum Abitur zugelassen zu werden, studieren zu können, behielt man seine ehrliche Meinung zu politischen oder gesellschaftlichen Fragen für sich. Insofern gab es auch keine wirklichen Diskussionen. Es ging doktrinär zu. So empfand ich das.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, aus der DDR wegzugehen?
Ich wollte nie weg, nur mal gucken, wie es auf der anderen Seite aussieht. Schon als Kind. Es gibt da eine Geschichte, an die ich mich erinnerte, als meine Tante Renate uns vor zwei Jahren in Kleinmachnow besuchte. Mit gefälschten Pässen hatten sie und ihr Mann sich nach dem Bau der Mauer 1961 in den Westen abgesetzt. In der Konsequenz durften sie die DDR nicht mehr betreten. Ihre Schwester nicht mehr zu sehen war schrecklich für meine Mutter. Sie trafen sich deswegen immer mal im Sommer in Bulgarien. Als ich sieben Jahre alt war, lernte ich dort Tante Renate kennen. Ich fragte sie damals, ob sie mich nicht adoptieren will, dann könnte ich doch mal in den Westen. Sie sei total perplex gewesen, wie ein Kind auf so eine Idee kommen kann, erzählte sie.

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Annes Mutter Jutta war 23, als sie ihre Tochter zur Welt brachte. Foto: Privatarchiv Kasprik

Auch später war Abhauen keine Option für Sie. Was hielt Sie in der DDR?
In erster Linie mein Sohn Alexander, ich hatte viele schöne berufliche Aufgaben. Es gab für mich keine Veranlassung zu sagen, ich halte es hier nicht mehr aus. Enttäuscht war ich 1987 nach dem Internationalen Filmfestival in Moskau. Die DDR beteiligte sich mit dem Film „Vernehmung der Zeugen“, der auf einem authentischen Kriminalfall beruhte. Es ging um einen Schülermord. René Steinke und ich spielten die Hauptrollen. Ich lernte Filmkünstler kennen wie Margarethe von Trotta und Vadim Glowna. Mit ihm verstand ich mich gut, und er meinte, dass wir ja mal etwas zusammen machen könnten. Stolz wie Bolle war ich, dass Robert de Niro, der Vorsitzender der Jury war, meinen Film sah. Ich schwebte in Moskau auf Wolke Sieben. Zurück in Kleinmachnow stand ich in meinem Garten und empfand ganz stark die Ungerechtigkeit, dass ich nicht auch mal im Westen arbeiten darf. Da begann es schwer in mir zu brodeln.

Sie haben aber versucht, ein Angebot im Westen wahrzunehmen.
Ja, ich bin mit der Bitte zu unserem Fernsehintendanten Heinz Adameck gegangen, der mir sagte: „Anne, wie willst du den Zuschauern klar machen, dass du von der anderen Seite der Mauer in ihre Wohnzimmer schaust?“ Ich war mir gar nicht bewusst, dass ich so populär sein sollte. Ein Vorstoß beim Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann endete mit seiner Antwort, dass er für mich als Fernsehensemble-Mitglied nicht zuständig sei. Ich solle mich an Kurt Hager wenden. Der war im ZK der SED auch für Kultur und Bildung verantwortlich. Da gab ich auf.

Sie kamen als Dreijährige das erste Mal mit Film in Berührung. Ihr Vater nahm Sie mit zu einer Mustervorführung, später, wie Sie sagten, mit zu Dreharbeiten. Hatte das eine Auswirkung auf Ihre Berufswahl?
Beim zweiten Nachdenken, ja. Ich war fasziniert, wie Hunderte Leute auf ihn hörten. So ein Bestimmer wollte ich auch werden. Meine erste Wahl wäre das Hotelfach gewesen. Aber wegen meiner Westverwandtschaft hätte ich mich nur innerhalb der DDR bewegen können. Also verwarf ich das. Als ich mit Fünfzehn meinem Vater mein Ansinnen vortrug, Regie zu studieren, schickte er mich zum Arbeitertheater Teltow. Ich sollte dort erst einmal „Staub wischen“. Ich kam ziemlich schnell auf die Bühne und habe so als Schülerin schon große Rollen gespielt.

Anne Kasprik 1981 am Arbeitertheater Teltow im Stück „Der Held der westlichen Welt“ als Pegeen
Anne Kasprik 1981 am Arbeitertheater Teltow im Stück „Der Held der westlichen Welt“ als Pegeen Foto. Privatarchiv Kasprik

Dennoch blieben Sie bei Ihrem Vorhaben, Regie zu studieren. Nach der Ablehnung an der Filmhochschule nahmen Sie ein Regie-Volontariat beim DDR-Fernsehen auf und landeten an der Schauspielschule. Was brachte Sie von Ihrem Weg ab?

Zu unserer Ausbildung gehörte ein dreimonatiges Etüden-Seminar an der „Ernst Busch“. Die Arbeit machte Spaß, und ich war offenbar auch nicht talentfrei. Das brachte mich ins Schwanken, ob ich nicht doch lieber Schauspielerin werden sollte. Ein Anruf der Schauspielschule beendete meine Unschlüssigkeit. Sie boten mir einen Studienplatz an, den ich nur zu gern annahm.

Einige Filme haben Sie mit Ihrem Vater gedreht. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, den „Polizeiruf 110: Der Wahrheit“ verpflichtet. Wie war das Arbeiten mit ihm?
Die Zusammenarbeit war sehr schön, weil ich ihn von einer Seite kennenlernte, die ich nicht vermutet hatte. Er zeigte sich im Umgang mit uns Schauspielern als ganz sensibler Mensch. Zu Hause habe ich ihn anders erlebt. Da hat er auch mal gebrüllt, wenn wir gestritten haben oder wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Natürlich hatte ich zuerst Schiss. Aber wohl mehr vor Dietrich Körner, der den sächsischen Kurfürsten August den Starken verkörperte, dessen Mätresse ich spielte. Körner, einer der ganz Großen unter den DDR-Schauspielern, war freundlich und humorvoll. Meine befürchteten Hemmungen kamen gar nicht erst auf.

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Heimat ist für Anne Kasprik ihr Zuhause in Kleinmachnow. Hier lebt sie seit 1965 Foto: Nicola

Sie schildern in Ihrem Buch, dass das Leben für Sie in Ihrer Film- und Fernsehwelt in Ordnung war. Sie verdienten sehr gut. Mit der realen DDR-Wirklichkeit seien Sie nur selten in Berührung gekommen, wie etwa beim Besuch in der Fischfabrik Saßnitz oder bei den Dreharbeiten in einer chemischen Reinigung. Wie haben Sie das reflektiert?
Es hat mich für den Moment ernüchtert. Da war nichts in Ordnung. Die Frauen füllten Heringe mit der Hand in die Dosen. Sie waren fröhlich, aber sichtlich demotiviert. Was nütze es, sagte uns der Produktionsleiter, wenn sie die Produktion erhöhen, aber der Vertrieb nicht funktioniere. Erschütternd fand ich die Arbeitsbedingungen in der chemischen Reinigung, in der wir gedreht hatten. Da konnte man vom Glauben abfallen. Doch in meiner damaligen Unbedarftheit hielt ich das für Ausnahmen und habe es nicht weiter reflektiert. Rückblickend war das nur ein Mosaikstein von vielen, die die Menschen im Herbst 1989 auf die Straßen getrieben haben.

Haben Sie an das Verschwinden der DDR geglaubt?
Nein, das haben die wenigsten. Nach dem 9. November schaute ich zuversichtlich in Zukunft, weil ich meinte, alles würde sich zum Besseren wenden. Mein Optimismus speiste sich aus der Tatsache, dass ich weiterhin viel zu tun hatte. Mein Vater war sturzunglücklich. Er sagte damals: Um Gottes Willen, jetzt kommt alles, was wir bekämpft haben, dieser ganze Kapitalismus, wieder hierher. Er begrüßte die Reisefreiheit, aber nicht dieses System, bis zum Schluss nicht. Er hat 1989 mit dem Polizeiruf „Der Wahrheit verpflichtet“ seinen letzten Film gedreht. Geld zu erbetteln, um seine Stoffe zu realisieren, das brachte er nicht über sich. Er war damals 61.

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Hans-Joachim Kasprzik war 35 als seine Tochter Anne geboren wurde. Foto: Privatarchiv Kasprik

Ihr Vater starb 1997 an einem Schlaganfall.
Es war sein zweiter, und er hatte Krebs. Der psychische Druck, dass er keine Filme mehr machen durfte und die Sorgen, die mit den Rückgabeansprüchen der ehemaligen Besitzer unseres Hauses auf meine Eltern zukamen, haben ihn krank gemacht. Aus dem selbstbewussten Mann wurde ein verunsicherter Mensch. Ich denke, das hat auch den Krebs ausgelöst, mit dem er sich lange gequält hat. Der Tod war für ihn eine Erlösung.

Erinnern Sie sich noch an den Tag der Währungsunion?
Wir drehten in Binz „Blonder Tiger – schwarzer Tango“ und mussten bis zu diesem Tag fertig werden, weil es dann unser Geld nicht mehr gab. Nach der letzten Klappe saß ich abends mit dem Regisseur Manfred Mosblech und dem Kameramann am Strand. Hinter uns war eine Sparkasse. Weit vor Mitternacht stellten sich die Leute dort an. Jeder wollte so schnell wie möglich das Westgeld in den Händen haben. Es wirkte befremdlich. Ich hatte kurz zuvor noch für die Serie „Einsatz Dr. Federau“ eine Prämie bekommen und 4000 DDR-Mark auf meinem Sparbuch. Genau die Summe, die 1:1 in Westmark umgetauscht wurde. Alles, was darüber lag, wurde ja halbiert.

Wie haben Sie den Westen am Anfang erlebt?
Sehr bunt, sehr schrill und laut. Anfangs beeindruckte mich Westberlin mit seinen Geschäften, dem so anderen Geruch. Bis sich Normalität einstellte, und ich merkte, auch hier wird nur mit Wasser gekocht. Als Kind hatte ich immer einen Wunsch: Von der Teltower Brücker aus sieht man drei Türme in Steglitz. Da wollte ich einmal hin, wissen, was da ist. Sie stellten sich als völlig unspektakuläre Schornsteine vom Heizkraftwerk Lichterfelde heraus.

Bereits Anfang 1990 wirkten sich die politischen Veränderungen in der DDR auch auf das Fernsehen aus. Das 2. Programm wurde eingestellt, ganze Abteilungen entlassen und auch das Fernsehensemble mit Schauspielern und Regisseuren aufgelöst. Wie sind Sie damit umgegangen?
Mich hat es nicht so beunruhigt wie meine älteren Kollegen. Ich erinnere mich noch an die Diskussionen. Ratlosigkeit, Trauer, Existenzängste kamen auf, die keiner von uns zuvor gekannt hatte. Sich anbieten wie Sauerbier, Klinken putzen, das konnten sich die meisten nicht vorstellen. Ich habe den Umbruch für meine Generation als positiv empfunden, als Chance, Wege zu gehen, die es vorher nicht gab. Ich hatte das Glück, dass in dieser Phase Kontakte zu verschiedenen Film- und Fernsehschaffenden in Westberlin entstanden. Hans Robert Eisenhauer, Leiter der Berliner Filmförderung, kam zu uns nach Adlershof und nahm mich zu einem Treffen von DDR-Fernsehleuten und Westberliner Regisseuren und Produzenten mit. So umschiffte ich die Riffs und Untiefen. Über Billy Wilder suchte ich Kontakt Vadim Glowna. Ungewiss, ob er sich noch an mich erinnert und damals in Moskau auch gemeint hat, was er sagte.

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Kurz vor Ende der Dreharbeiten für „Die Troublemaker“ 1995 wurde Anne Kasprik von Billy Wilder nach Los Angeles eingeladen Foto: Privatarchiv Kasprik

Und hat er?
Ja, Vadim meldete sich wirklich. Ich war da seit sechs Wochen arbeitslos und überlegte, das Kinotheater in Kleinmachnow zu übernehmen. Vadim Glowna beruhigte mich, ich würde auf jeden Fall wieder spielen. Kurz darauf bekam ich eine Einladung zum Casting für seinen Film „Eines Tages irgendwann“.

In jeglicher Hinsicht ein Schicksalsfilm für Sie. Sie hatten beruflich wieder den Fuß in der Tür und der Kameramann des Films hieß Oren Schmuckler.
Wir drehten 1991 am Olympia-Stadion in Berlin. In einer Drehpause standen Oren und ich zufällig nebeneinander und kamen ins Gespräch über unsere Kindheit, über geteilte Städte und Mauern. Bei den nachfolgenden Dreharbeiten in Prag näherten wir uns weiter an. Da war noch ungewiss, ob die geknüpfte Bande halten würden. Ich flog dann oft zu ihm nach Tel Aviv. Auf mich strömte eine ganz andere Kultur ein. Ich war fasziniert vom Nahen Osten. Diese Eindrücke überwogen alles andere. Deshalb habe ich die Ausmaße der Veränderungen im Osten erst einmal gar nicht so wahrgenommen. Tiefgreifend wurde es, als wir um das Haus meiner Eltern kämpften. Mit einer hohen Summe konnten wir es der westdeutschen Erbengemeinschaft schließlich abkaufen.

Sie sind 1992 nach Köln gezogen. Wie hat man auf Sie, eine aus dem Osten regiert?
Ich war damals dort noch ein Exot. Ich musste erzählen, wie es war in der DDR und mit dem Mauerfall. Es war eine gewisse Neugier da. Viele haben damals verschwiegen, dass sie aus dem Osten kommen. Heute ist die Situation eine andere. Das Selbstbewusstsein der Menschen hier ist gestiegen. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer haben sich Ost und West angenähert, aber es gibt immer noch viel Trennendes, das mit unserer unterschiedlichen Vergangenheit zu tun hat. Mit den heranwachsenden Generationen wird das hoffentlich aufhören.

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Schauspielerin Anne Kasprik in ihrem Haus in Kleinmachnow  Foto: Nikola

Woran machen Sie die Unterschiede fest?
Ich gehe dafür noch mal zurück in meine Zeit an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“. Im zweiten Studienjahr bin ich schwanger geworden. Der damalige Rektor, Hans-Peter Minetti, war natürlich nicht begeistert. Dann meinte er aber väterlich, dass es genau der richtige Zeitpunkt sei, wenn man als Schauspielerin ein Kind möchte. Ich bekam einen Krippenplatz, der jeder alleinerziehenden Mutter in der DDDR nach der Entbindung sofort zustand, und die Schauspiele nahm während der Ausbildung Rücksicht. Ich wurde vom Fecht- und Akrobatikunterricht befreit. An einer Schauspielschule in London, Paris oder New York hätte man mich gefeuert. In der DDR ging das nicht. Mit dickem Bauch spielte ich 1985 vor einer internationalen Theaterdelegation, die unsere Schule besuchte, in Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ die Beatrice. Meine Westverwandtschaft war erstaunt: Was, die Anne ist schwanger? Die ist doch gar nicht verheiratet!

Die Rolle der Frau wird bis heute in Ost und West sehr unterschiedlich gesehen und führt gerade wieder zu heftigen Diskussionen über ihre Stellung in Gesellschaft und Familie.
Vieles, was für uns in der DDR selbstverständlich war, müssen wir uns wieder erkämpfen. Entsetzt hat mich, dass uns Ostfrauen Schlag 1991 mit dem Paragraphen 218, die Freiheit wieder genommen wurde, selbst zu entscheiden, ob wir eine Schwangerschaft austragen oder einen Abbruch vornehmen lassen. Was die DDR gesetzlich legalisiert hat, war wieder rechtswidrig. Die DDR hatte für unsere Berufstätigkeit mit Krippe, Kindergarten und Schulhort die Rahmenbedingungen geschaffen. Hier tut man sich schwer damit, weil eine althergebrachte Vorstellung von der Familie vorherrschend ist. Als ich meinen Sohn in Köln in den Hort schicken wollte, erklärte mir die Lehrerin: Frau Kasprik, das können Sie doch nicht machen! Das ist etwas für sozial Schwache. Bei den Elternabenden war ich die weitaus Jüngste und habe im Gegensatz zu den meisten anderen Müttern gearbeitet.

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Anne Kasprik 1990 beim Spaziergang an der Mauer mit ihrem Sohn Alexander Foto: Privatarchiv

Wie kamen Sie in Köln zurecht?
Ich bin dort nie angekommen. Es war eine völlig andere Welt. Wir wohnten in einer wohlhabenden und erzkatholischen Gegend. An allen Ecken und Enden bekam ich das zu spüren. Der katholische Hort lehnte die Aufnahme meines ungetauften Sohnes ab und schickte uns zu einer evangelischen Einrichtung. Hier war man tolerant.

War der einzige Grund für den Umzug Ihre Hauptrolle in der Serie „Einsatz für Lohbeck“, die in Duisburg gedreht wurde?
Nein. Es hatte auch mit meiner privaten Situation zu tun. Ich hatte mich vom Vater meines Sohnes getrennt und 1991 meinen Mann Oren Schmuckler kennengelernt. Wir suchten einen neutralen Ort für den Beginn unseres gemeinsamen Lebens. Mein Sohn war inzwischen sechs und musste eingeschult werden. Dann bekam ich eine Spielfilmrolle in Remscheid und Oren drehte eine Serie in Bonn. So blieben wir erst einmal in Köln hängen.

Was trifft Sie empfindlich, wenn Westdeutsche über Ostdeutsche reden?
Wenn mir jemand erklärt, wie ich gelebt habe und davon selbst keine Ahnung hat, von Dunkel-Deutschland redet und unsere Biografien herabwürdigt. In der DDR war nicht alles paradiesisch, doch wir hatten ein Leben, in dem es Freude gab, Theater, Kultur, Bücher, Filme, Diskos… Es wurde etwas dafür getan, dass jeder am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnte. Das war sogar erwünscht. Natürlich hatte jeder seinen Kosmos, suchte seine eigenen Wege, um gut leben zu können. Mit welchen Problemen das behaftet war, versuchten Filmemacher, Schriftsteller und Künstler deutlich zu machen. Die sechsteilige TV-Verfilmung von Hans Webers Roman „Einzug ins Paradies“ zeigt den DDR-Alltag wie er wirklich war. Wir haben den Film 1983 gedreht, doch er wurde erst vier Jahre später gesendet. Er sprach zu viele brisante Probleme an. Dass er nach Änderungen überhaupt ausgestrahlt werden durfte, lag an dem Protest der Künstlerverbände gegen das Verbot.

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1995 drehte Anne Kasprik mit Terence Hill und Bud Spencer den Italo-Western „Die Troublemaker“ Foto: Privatarchiv Kasprik

Im Mai haben Sie und Oren Schmuckler Silberhochzeit. Sie haben während der Dreharbeiten zu „Troublemaker“ geheiratet, Terence Hill war Ihr Trauzeuge. Erzählen Sie doch, wie es dazu kam.
Es war für mich schon erstaunlich, dass Terence Hill ausgerechnet mich für die Rolle der Tierärztin Bridget wollte. Im Gegensatz zu meinem Vater kannte ich keinen seiner Filme. Also sah ich mir ein paar Filme an und dachte: Warum nicht und flog nach New Mexico. Wir drehten in Santa Fe. Als Oren anrief und sich auch nicht abwimmeln ließ, gab es wegen eines Streiks gerade etwas Stress. „Willst du mich heiraten“, brüllte er ins Telefon, weil ich vor Krach kaum etwas verstehen konnte. Wollen schon, aber wie sollte das gehen? Ich in Santa Fe, er in London, die Kinder in Köln und Tel Aviv. Terence’ Frau Lori nahm die Zügel in die Hand. Es bildete sich ein Hochzeitskomitee. Im Courthouse von Santa Fe erfolgte das Aufgebot, Oren und Kinder reisten an. Die Familie war zusammen, für die Amerikaner das Wichtigste. Die Kostümbildnerin nähte mir ein Brautkleid und Sachen für Alex und Roni im Western Stil. Dass Terence unser Trauzeuge ist, war wohl Loris Idee. Am 28. Mai wurden wir in der Filmkulisse auf der Bonanza Creek Ranch vom Friedensrichter getraut. Oren und die Kinder blieben dann noch sechs Wochen. Es war eine tolle Zeit.

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1995 heirateten Anne Kasprik und der Regisseur Oren Schmuckler in der Filmkulisse der Bonanza Creek Ranch in Sata Fé Foto: Privatarchiv Kasprik

Ihr Mann Oren, schreiben Sie, sitzt immer auf zwei gepackten Koffern. Was hat das zu bedeuten?
Er ist Israeli und hat seine Erfahrungen mit latentem Antisemitismus gemacht. Wenn es sein muss, kann er sofort aus Deutschland verschwinden. Leider ist der Antisemitismus wieder akut geworden. Das finde ich schlimm. Ich bin weltoffen erzogen worden. Was hier und überall in der Welt passiert, lässt nichts Gutes für die Zukunft ahnen. Es muss mehr getan als geredet werden.

Wenn Sie auf Ihren Alltag heute blicken, was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen?
Wir sind alle Einzelkämpfer geworden. Jeder kann frei für sich entscheiden, aber man hat kein Netz mehr das einen auffängt. Das haben wir alle mehr oder weniger schmerzhaft lernen müssen. Interessant ist, dass man sich heute in der Öffentlichkeit wieder genau überlegt, was man sagt. Man hat also wieder oder immer noch eine Schere im Kopf. Es könnte einem ja an dem einen oder anderen Punkt schaden. Ich habe gelernt, diplomatisch zu sein. Trotzdem bleibe ich ein fröhlicher Mensch und hoffnungsvoller Optimist.

Wie ist Ihr persönliches Resümee der 30 Jahre? Sehen Sie sich als Gewinner?
Ja. Ich bin privilegiert aufgewachsen und wollte auch wieder hin auf die schöne Seite des Lebens. Dafür habe ich gerackert, war eine Getriebene. Ich habe so vieles auf einmal gemacht. Die Kinder waren klein, wir hatten nicht so viel Geld. Das hat sich mittlerweile geändert. Beruflich ist es ruhiger geworden, ich bin nicht mehr soviel in der Welt unterwegs. Ich arbeite in Hamburg, Leipzig und Berlin für Serien, die die Zuschauer mögen. Das tut auch unserer Beziehung gut. Oren und ich sind in einer sehr tiefen Partnerschaft. Es macht mich glücklich, dass meine Familie gesund und munter ist, dass wir ein schönes Leben führen können. Mit Orens Tochter Roni, die inzwischen Regisseurin ist, habe ich in Israel die schwarze Komödie „Chanel Chance“ gedreht, in der ich erstmals eine Szene mit meinem Sohn Alexander hatte. Er ist in meine Fußstapfen getreten.

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Wally Schmitt und Wolfgang Winkler zum 76.: „Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben“

Per Zufall stieß ich in meinem Archiv auf mein Doppel-Interview, das ich vor sechs Jahren mit Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler gemacht habe, und erinnerte mich, wieviel Spaß wir dabei hatten über Alter und Sex, Enkelkinder und ein Rentnerdasein zu reden, das beide nicht wollen. Der Anlass war damals der 70. Geburtstag der Schauspieler. Beide Märzkinder des Jahres 1943 – sie wurde am 9. März 76, er feierte sieben Tage zuvor, am 2. März.  Freunde, Vertraute sind sie seit ihren ersten Schritten auf dem beruflichen Weg.

Szene aus „Kalendergirls“ mit Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann Wally Schmitt und Ursula Karusseit
Die „Kalender Girls“ in der Dresdner Comödie –  Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann, Walfriede Schmitt und Ursula Karusseit († 1.2.2019) © Robert Jentzsch

Seit einigen Jahren findet Walfriede Schmitt nicht mehr so häufig auf dem Bildschirm statt. Das findet sie nicht so schklimm. Zuletzt sahen wir sie 2017 in der Episode „Schmerzhafte Einsichten“ der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ und 2018 in „SOKO Leipzig – Missing in Action“. Davor begeisterte sie 2013 in der Dresdner Comödie in „Kalendergirls“ und drei Jahre später in der Komödie „(K)ein guter Tausch“. Mit dem österreichischen Regisseur und Filmproduzenten Christian Frosch hatte sie bereits für sein Kinodrama „Von jetzt an kein Zurück“ zusammengearbeitet. Seine autobiografisch gefärbte Geschichte ist im katholisch geprägten Milieu einer westdeutschen Kleinstadt 1967 angesiedelt und Walfriede Schmitt spielt die gewalttätige Klosterschwester Agathe. „Mit der Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch in ihren Mauern und den Folgen für die Betroffenen tut sich die katholische Kirche ja bis heute schwer“, nimmt Wally Schmitt Stellung. Dem Puls der Zeit spürt die Schauspielerin auch in ihren literarisch-musikalischen Programmen nach. Aktuell mit ihrem Tucholsky-Abend  „Affenkäfig Berlin“, bei dem sie von dem bekanntn Jazz-Posaunisten Conny Bauer begleitet wird.  22 Jahre gehörte die Berlinerin zum Ensemble der Berliner Volksbühne, arbeitete mit namhaften Theaterregisseuren wie Benno Besson, Heiner Müller, Matthias Langhoff, Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Johann Kresnik zusammen. Inzwischen hat sie sich selbst aufs Schreiben verlegt. Nach ihrem Erstling „Gott ist zu langsam“ (Thurneysser Verlag) arbeitet sie nun an einem zweiten Buch.

André Kowalski
Wolfgang Winkler beim Interview 2013  © André Kowalski

Für Wolfgang Winkler hat sich sein Wunsch, nach dem Abschied vom „Polizeiruf 110“ noch mal mit einer schönen Altersrolle beschenkt zu werden, erfüllt. Seit 2015 bringt er mit seinem kongenialen Partner Tilo Prückner in der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“ die Zuschauer zum Schmunzeln. Zwei reaktivierte Kommissare a. D., Konkurrenten und Freunde in einem, lösen im Zeitalter der digitalen Technik auf analoge Weise kleine und größere Kriminalfälle.  Humorige Dialoge, die wie ein Nadelstich in die Alltagsrealität pieken, sind die Würze in den Geschichten.

Wolfgang erhebt sein Glas: „Lasst uns auf den Jahrgang 1943 anstoßen.“

Wie  geht es euch, wenn ihr daran denkt, jetzt das siebte Lebensjahrzehnt  angebrochen zu haben?
Wally: Ich weiß nicht, wie es dir geht Wolfgang, aber je älter ich werde, desto erstaunter gucke ich in den Topf, der diese Welt ist. Und bei der Vorstellung, dass ich am 9. März aufwache und mir sage, ich bin jetzt 70 Jahre auf der Welt, muss ich lachen. Das bringe ich mit mir nicht zusammen. Deshalb sage ich ganz oft: Kinder, lasst mich in Ruhe, ich bin schon alt. Damit ich das verinnerliche. Das Alter hat ja auch eindeutig Vorteile, man wird mit sich einig, hat mehr Freude an seinem Ich, weiß mehr! Gut, man hat’s auch in den Gelenken, wird ein bisschen vergesslich…
Wolfgang: Die Vergesslichkeit macht mir manchmal Sorge. Hatte ich früher was vergessen, habe ich das nicht so ernst genommen. Aber jetzt denke ich: Ist das der Beginn von Demenz?
Wally: Ach, Quatsch! Du musst dich nur daran erinnern, wo du das gedacht hast, und genau an den Platz zurückgehen. Da hängt der Gedanke noch an der Decke. Wenn er dich sieht, plumpst er runter. Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an den Platz…
Wolfgang: Manchmal funktioniert’s ja. Das tröstet mich dann auch.

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In der DDR waren sie beide A-Promis © André  Kowalski

Macht euch das Alter in irgendeiner Weise Angst?
Wolfgang: Es gibt ja nur die zwei Möglichkeiten: früher Tod oder alt werden. Da wähle ich lieber die zweite.
Wally: Neulich hat eine Freundin zu mir gesagt: „Jetzt haben wir schon zwei Drittel hinter uns…“ Ich fragte, von welchen zwei Dritteln redest du? Es ist getan. Es ist getan! Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben.
Wolfgang: Du hast vollkommen recht, Wally.
Wally: Das sind Geschenke. Da kann man sich drüber freuen, jeden Tag, jeden Moment!

Drängt es euch nicht mehr zur Arbeit?
Wolfgang: Doch, ja, der Ehrgeiz ist noch da. Ich würde gern noch richtig viel spielen, weil ich in mir noch Kraft und Saft spüre.  Da ich nicht zu den A-, sondern zu den B-Promis gehöre, kommt leider nicht mehr soviel. Was im Augenblick noch nicht ins Gewicht auffällt, weil Jaecki und ich mit unserem Buch unterwegs sind. Gäbe es das nicht, wäre es wahrscheinlich komplizierter. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist nicht so angenehm.

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Walfriede Schmitt mit Bürger Lars Dietrich in „(K)ein guter Tausch 2015 in der Dresdner Comödie  © Robert Jentzsch

Wally: Ich schreie nicht mehr nach Arbeit. Als die Serie „Für alle Fälle Stefanie“ 2004 beendet war, hatte ich natürlich damit gerechnet, dass man sich nach mir „sehnt“. Aber ich bin weder gekränkt noch unglücklich, dass sich die Angebote in Grenzen halten.  Ich schreibe – 2009 erschien mein Roman „Gott ist zu langsam – Also denn um sechse bei Werner“ – bin mit meinen literarisch-musikalischen Programmen unterwegs. Habe zweimal an der Komödie am  Ku’dammspielen dürfen. Jetzt spiele ich an der Comödie Dresden „Kalender Girls“. Und ich habe vor vier Jahren eine  künstlerische Heimat in Thomas Rühmanns „Theater am Rand“ in Zollbrücke gefunden. Da wird mein Buch als szenische Lesung aufgeführt. Also ich werde mich auch in Zukunft nicht langweilen…
Wolfgang: Und dann hat sie in Mecklenburg ein wunderschönes Häuschen mit Garten. Da durften Jaecki und ich schon zu Gast sein …
Wally: Und ihr habt meine Nachbarin „verhaftet“. Daraus ist sie noch heute stolz.

Walfriede Schmitt und Kollege Wolfgang Winkler mit Bärbel BeuchlerDas Geburtstagsinterview 2013 ©André Kowalski

War das Schreiben für dich eine Flucht in neue Beschäftigung?
Wally: Nein, ich hatte mal für mich eine Figur erfunden, so eine Miss Marple, und habe das einem befreundeten Autor gezeigt. Der hat mich dann ermutigt, weiterzuschreiben. Das war kein Ausreißen, sondern eine völlig getrennte Geschichte, die mir zum Glück geworden ist. Wenn ich in meinem Häuschen sitze, und ich merke, was ich für ein Leben in mir habe, wie das in meinem Gehirn wirbelt, was da für Ideen sind. Da brauche ich keine Anrufe.
Wolfgang: Dieses Talent hätte ich auch gern.

Euch zu beobachten ist herrlich. Wie lange kennt ihr euch eigentlich?
Wolfgang: Ewigkeiten. In Halle standen wir in Schillers „Räuber“ zusammen auf der Bühne. Sie war Amalia, auf die alle scharf waren, der Franz, der Karl und der Grimm – also ich.
Wally: Ein ganz starkes Erlebnis ist für mich die Fernsehproduktion „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, die wir 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet haben. Eine herrliche  satirische Komödie von Bulgakow.
Wolfgang:  Es ist eine sehr schöne Arbeit geworden!  Das Fernsehspiel wurde dann aber wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr später kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

Ändert man mit dem Älterwerden seine Essgewohnheiten?
Wally: Essen ist der Sex des Alters. Ich versuche, Trennkost zu essen, so lange ich das durchhalte.
Wolfgang: Ich esse kaum noch was… (lacht)

Und wie ist das mit dem echten Sex?
Wally: Bärbel, die Liebe höret nimmer auf…
Wolfgang: Ich bin doch noch jung verheiratet, was glaubst du denn!

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Ohne Frage, Sex im Alter muss sein © André Kowalski

Guckt ihr sexy Typen hinterher?
Wally: Aber immer! Ob Mann oder Weib, ein schöner Körper ist inspirierend.
Wolfgang: Ich kann nicht sagen, dass ich weggucke, wenn ich eine  schöne Frau sehe!
Wally Bei Männern ist das ja immer noch was anderes als bei einer alten Frau. Alte Männer können immer noch eine Chance haben. Die Welt ist ja noch von männlichem Denken dominiert. Das kannst du an fast jeder Plakatsäule sehen. Die Frau ist noch lange nicht gleichberechtigt, obwohl es im letzten Jahrhundert viel schöner und freier geworden ist.
Wolfgang: Du hättest Wally mal als Amalia sehen sollen! So eine Wespentaille! Wir Räuber waren hin und weg.
Wally: Siehste Wolfgang, und das habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. So ist das mit den Selbstzweifeln.

Was haltet ihr von der Sexismus-Diskussion?
Wally:
Das ist lächerlich.
Wolfgang: Ich mache meine Späße drüber … Diese Diskussion ist ungesund.
Wally: Und sie ist spießig.

Denkt man mit 70 schon über den Tod nach?
Wally:  Man sollte sich schon darauf vorbereiten, weil der Tod das Einzige im Leben ist, was todsicher ist. Nur schade, dass man hinterher nicht davon erzählen und sagen kann: So schlimm war’s gar nicht. Ich bin einverstanden. (lacht): Ich kann mir eine Welt ohne Wally so schwer vorstellen.
Wolfgang: Mir ist schon lange  klar: Wenn du weg bist, geht das Leben einfach normal weiter, wie immer.
Wally: Ja, das ist ja das Dumme! Man ist nicht mehr dabei.

Von welchen Eitelkeiten habt ihr euch verabschiedet?
Wolfgang: Früher hatte ich mit Eitelkeiten nichts am Hut. Jetzt plötzlich komme ich eben darauf, abzunehmen. Um meine Knochen weniger zu belasten. Und man sieht natürlich auch besser aus! Das gefällt mir schon.
Wally: Meine Eitelkeiten sind im Laufe der Jahre auf ein Minimum geschrumpft. Und ich  würde auch nicht sagen, dass ich nicht mehr kämpfe! Doch ich wäge ab, ob sich der Einsatz lohnt.

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Vertraut, befreundet für immer © André Kowalski

Was erhofft Ihr euch noch für die letzten Lebensjahre?
Wolfgang: Noch denke ich, es muss doch noch was kommen. Ich will ja spielen.
Wally: Du darfst auch nicht aufhören, noch etwas zu wollen. Das Alter wird erst gefährlich, wenn du darauf hörst. Und du hast Recht, Schauspielen ist eine Sucht. Du kannst für dich beschließen, dich in dein Dorf zurückzuziehen. Da genügt ein Anruf: „Wir machen jetzt „Kalender Girls“ und würden Sie gern dabei haben, Frau Schmitt“, und schon erwacht der Spieler!

Wie feiert Ihr euren Geburtstag?
Wolfgang: Meine Kinder haben etwas in Görlitz organisiert – vielleicht ein Essen mit Nicolas Cage.
Wally: Ich war noch nie in Görlitz.
Wolfgang: Da musst du aber noch mal hin – vor dem Tod.
Wally: Hetz mich nicht.
Wolfgang: Ich habe ja nicht gesagt, dass du in den nächsten zehn Jahren fahren sollst…

 

Wolfgang Winkler: „Ich bin ein Zweckpessimist

Er hat am 2. März seinen 75. Geburtstag gefeiert. Ohne großes Brimborium, nur mit seiner Familie. Jetzt sitzt er wieder über seinen Texten für neue Folgen der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“, legt das Drehbuch aber zur Seite, als ich ihn für ein Interview in Berlin-Karow besuche. Vor vier Jahren hat er mit dem Sohn seiner Frau Marina hier ein Zweifamilienhaus gekauft. „Mehrere Generationen unter einem Dach, so wie es früher üblich war, finde ich ganz gut. Man büßt zwar etwas von seiner Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit ein, dafür hat es den Vorteil, dass wir mit jungen Menschen zusammenleben“ , sagt er und lässt mich über die Terassentür ein. Die Sonne durchflutet den großzügigen, gemütlichen Wohnraum mit einem langen Esstisch vor der offenen Küche, an den wir uns setzen.  Der Schauspieler wirft die Kaffeemaschine an. „Latte Macchiato oder Espresso?“ fragt er. Ich nehme Milchkaffee, er einen doppelten Espresso.  Wann gehen die Dreharbeiten für „Rentnercops“ wieder los, will ich wissen, mit Blick auf das Drehbuch auf dem Tisch. „Im April“, antwortet er. „Ich lerne aber schon weit davor meinen Text.“

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler mit der Autorin Bärbel Beuchler  Foto © Nikola

Du bist jetzt 75 geworden. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn du nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehst?
Das würde mir schon schwer fallen. Ich wüsste nicht, ob ich die Charakterstärke hätte, das so ohne weiteres zu akzeptieren. Es sei denn, eines Tages ist die Einsicht da, dass ich mir den Stress nicht mehr antun muss, Rollen auswendig zu lernen und Angst zu haben, Texte nicht mehr abrufen zu können. Aber am Firmament sehe ich diesen Tag noch nicht. Schauspieler sind eben bekloppt – zumindest ich.

2012 wurdest du mit Jaecki Schwarz nach 17 Jahren „Polizeiruf 110“ in Rente geschickt. Bis zum Beginn der „Rentnercops“ 2015 sah man dich kaum auf dem Bildschirm.
Also ein reichliches Jahr war echt Drehruhe. Ich war zwar schon Rentner, aber als Schauspieler willst du immer weiter spielen. Ich hatte kleine Rollen in „SOKO Leipzig“, „Familie Dr. Kleist“ und bei „In aller Freundschaft“. Dann habe ich Theater gespielt, „Warten auf Godot“ 2013 in Koserow und 2014 mit Jaecki Schwarz in Halle. Da hatten wir im April 2015 unsere letzte Vorstellung. Aber man wünscht sich auch im Alter noch mal eine große Rolle. Und wenn man so einen Figur bekommt, wie in „Rentnercops“, die auch noch dem Alter entspricht, ist das ein großer Glücksumstand.

Wolfgang Winkler
     Der Schauspieler wurde am 2. März 1943 in Görlitz geboren ©Nikola

Serie drehen ist anstrengend. Wie packst du das?
Man stößt schon mal an die Grenzen seiner Kraft. Geistig wie körperlich. Denn es ist ein hoher Aufwand zu bewältigen. Aber wenn du mit einem Kollegen wie Tilo Prückner spielst, mit dem du auf der gleichen Wellenlänge schwimmst, ist das die halbe Miete. Wir haben die gleiche politische Haltung, haben fast den gleichen Humor und können uns über vieles gleichermaßen amüsieren. Man bereitet sich mit 75 natürlich intensiver vor als mit 40 oder 50. Weit vorm Drehen lerne ich meinen Text, deshalb das Drehbuch auf dem Tisch. Ab April geht es mit acht neuen Folgen weiter.

Wie ähnlich ist dir die Figur?
Es gibt Parallelen. Der Ex-Polizist Günter Hoffmann lebt genau wie ich privat in einem Haus mit drei Generationen. Aber seine Pendanterie habe ich nicht. Zum Glück!

Wie hälst du dich für den Kraftaufwand fit?
Ich weiß nicht, wie ich Kraft speichere. Ich lebe verhältnismäßig faul, ohne Sport. Sicher wäre es besser, sich mehr zu bewegen. Aber durch meine Beinbrüche 2008 bin ich gezwungen, physiotherapeutischen Übungen zu machen. Das wirkt sich vielleicht ganz günstig aus. Ansonsten ist Sport mehr vorm Fernseher.

Dreharbeiten für die neue Vorabendserie haben in Köln und Umgebung begonnen
Wolfgang Winkler und Tilo Prückner in „Rentnercops“ @ARD/Kai Schulz

Wenn du dein inneres Spiegelbild betrachtest, wie alt ist der Wolfgang, der dich da ansieht?
Die Sicht auf das Alter hat sich ganz schwer geändert. In meiner Jugend waren 75-Jährige hornalt. Jetzt habe ich den Eindruck, mittendrin zu sein, dass noch einiges vor mir liegt. Ich bin zwar Rentner, habe aber noch gar keine Lust mich aufs Altenteil zu setzen. Dazu habe ich noch viel zu viel Spaß am Beruf.

Dein Weg zur Filmhochschule in Babelsberg führte über eine Lehre als Lokführer im Braunkohlenwerk „John Scheer“ bei Hoyerswerda. Was war falsch an dem Beruf, dass du umgeschwenkt bist zur Schauspielerei?
Nichts. In der damaligen Zeit war Lokführer ein Traumberuf. Meiner Großmutter zuliebe habe ich die Lehre gemacht. Sie hatte Angst, dass ich in dem „Milieu“ auf die schiefe Bahn gerate. Aber die Schauspielerei hat ganz andere Reize. Da kann der Lokführer nicht mithalten, wenn man in sich die Lust verspürt, zu spielen, sich zu verstellen. Im Wohnheim habe ich ein Kabarett gegründet. Da war nicht unbedingt die Lust, sich politisch zu äußern, sondern in Rollen auf der Bühnen zu stehen.

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Wolfgang Winkler 2013  ©André Kowalski

Du warst von dir sehr überzeugt und auch die FDJ-Leitung im  Werk. Sie haben an die Filmhochschule Bablesberg geschrieben. Du aber hast ein Vorsprechen abgelehnt, als man dich dazu eingeladen hatte.
Ja, das war ziemlich blöd. Ich dachte: Entweder die nehmen dich ohne oder gar nicht. Diese Einstellung habe ich umgehend aufgegeben, als die Werber für die NVA – damals gab es noch keine Wehrpflicht – mit einer Sondergenehmigung kamen, dass ich als 17-Jähriger auch zum Wehrdienst könne. Ich hatte denen nämlich bei ihren Besuchen in unserem Wohnheim sehr überzeugend vorgespielt, dass ich unbedingt zur Armee wollte, aber mit 17 leider noch zu jung sei.  In Uniform hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als für die Eignungsprüfung zu bimsen.

Deinen Traumberuf hast du 1978 in dem Kinderfilm „Des kleinen Lokführers große Fahrt“ ausüben dürfen.
Ja, da bin ich mit Lust und Laune die Diesellok gefahren. Im selben Jahr spielte ich einen Lokführer in „Spuk unterm Riesenrad“ und 2003 dann noch einmal in dem Fernsehfilm „Tage des Sturms“. Da haben wir in Polen gedreht und bekamen eine Dampflok aus dem Museum. Der Regisseur wollte immer, dass ich schön mit Dampf fahre und die vom Museum hatten Angst, dass die Maschine auseinanderfällt.

Mit welchen Vorstellungen bist du in den Schauspielerberuf gegangen?
Da war am Anfang viel Naivität. Ich wollte spielen, egal was. Aber es stellte sich schon ziemlich früh heraus, dass ich wohl in der Komik behaftet bin. Das sind bis heute die Rollen, die mir am meisten liegen. Die klassischen jugendlichen Helden wie Ferdinand oder Romeo sind an mir auch vorbeigegangen.

Hat dich das gekränkt?
Nee. Ich habe andere schöne Rollen gespielt. Die Diener sind meist interessanter als die schmalzenden Liebhaber. Und eine kleine substanzielle Rolle erlangt oft mehr Aufmerksamkeit als eine Hauptrolle, die man in den Sand gesetzt hat. Ich habe nie darunter gelitten.

Diener waren die Minderheit deiner Rollen, guckt man auf deine Vita.
Es ist tatsächlich ein breites Spektrum, das ich am Theater gespielt habe, von der klassischen Komödie bis hin zu Gegenwartsdramen. Gleich nach der Filmhochschule debütierte ich 1965 in Görlitz als Handwerker Zettel in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. In Zittau habe ich in Kants „Die Aula“ die diffizile Figur des Karl-Heinz Riek gespielt und in Rossows „Unterwegs“ den Wolodja. Um die Weihnachtszeit standen Märchen auf dem Programm.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler feierte seinen 75. Geburtstag ©Nikola

Welche Rolle hat für dich immer noch besonderen Wert?
Das ist der Sergeant Waskow in dem Kriegsdrama „Im Morgengrauen ist es noch still“. Mit sechs jungen, kampfunerfahrenen Rotarmistinnen zieht er in die karelischen Sümpfe, um zwei deutsche Fallschirmspringer gefangen zu nehmen. Sie stoßen auf eine Überzahl deutscher Soldaten. Die Mädchen fallen. Er überlebt als Einziger schwerverletzt. Das war die emotionalste Rolle, die ich je gespielt habe und es ist eins der besten Antikriegsstücke. Wir haben das Stück 1975 nach der Erzählung von Boris Wassiljew am Landestheater Halle inszeniert. Es wurde dann in allen Theatern der DDR nachgespielt.

Deine Karriere in Halle begann 1966. Warum bist du nach 20 Jahren weggegangen?
Ich habe Veränderung gesucht. Und unter Peter Sodann zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Weil ich immer schon neben der Theaterarbeit sehr viele Fernsehrollen gespielt habe, konzentrierte ich mich darauf. Die Bühne blieb mir am Fernsehtheater Moritzburg, das wunderbare Lustspiele und Schwänke bis zum Abwickeln des DFF inszeniert hat.  Zur Wende 1990 war ich allerdings froh, dass mich Peter Sodann wieder genommen hat. Er hätte auch „tschüss“ sagen können.

Es gab für dich also nicht das „schwarze Loch“, in das so viele DDR-Bürger nach der Wende gefallen sind?
Ich hatte irgendwie Schwein. Nachdem ich 1993 bei Peter Sodann ein zweites Mal, nun endgültig, ausgestiegen bin, besetzte mich TV-Produzent Otto Meißnermit einer Hauptrolle in der Serie „Immer wieder Sonntag“. Es sind viele auf der Strecke geblieben sind, die nichts dafür können, weil die gesellschaftlichen Umstände so sind. Dass diese Gesellschaft Solidarität vermissen lässt, belastet mich schon. Und ärgert mich auch.

Erinnerst du dich noch an das Stück „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, das 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde?
Ja, eine herrliche ironische Komödie von Bulgakow, in der ich mit Wally Schmitt zusammen gespielt habe. In der Moritzburg war ein Essen aufgebaut, ein Riesenhecht, Truthähne… alles echt, weil das Kaschieren teurer gewesen wäre als die frischen Speisen. Frag nicht, wie das am Ende gerochen hat. Das Fernsehspiel wurde dann wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr spä­­ter kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

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Wolfgang Winkler in „Das Kaninchen bin ich“, DEFA 1965, mit Annemarie Esper (l.) und Angelika Waller (r.) Quelle http://www.spondo.de

Dein Filmdebüt hast du 1965 in Kurt Maetzigs Film „Das Kaninchen bin ich“ gegeben. Mit Alfred Müller und Angelika Waller in den Hauptrollen. Du hast ihren 19-jährigen Bruder gespielt, der wegen „staatsgefährdender Hetze“  zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Der DEFA-Film setzt sich mit dem Problem des Karrierismus auseinander, den es auch in der DDR gab. Der Film wurde verboten. Was ging damals in dir vor?
Die 60er Jahre waren eine hochgradige Zeit. Wir waren dachten, wir bauen schon die bessere Gesellschaft mit auf und haben an solchen Punkten einen Knacks gekriegt. Wir haben darüber diskutiert, wieso eine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit der Justiz von der Politik, um die es in dem Film ging, nicht öffentlich geführt werden durfte.

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„Das Kaninchen bin ich“ ein Verbotsfilm von Kurt Maetzig. DVD bei spondo.de

Hat das deine Haltung zur DDR verändert?
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war von Hause aus so geprägt. Großvater war im KZ, Mutter in der Partei. Da gab es für mich keine Zweifel. Erst als die Überzeugung schwand, kamen opportunistische Gedanken auf. Man ist kritisch gewesen, aber nicht offensiv.

Wann hat das angefangen?
Ende der siebziger Jahre gab es vieles, womit ich nicht mehr einverstanden war. Es wurde immer klarer, dass mit dem ökonomischen und politischen Gefüge etwas nicht stimmen kann. Als wir 1970 mit der „Aula“ ein Gastspiel im Westen hatten, gab es schon Überlegungen, drüben zu bleiben. Aber ich hatte eine Familie, die ich nicht nachholen konnte.

 

Deine Großeltern haben dir die Eltern ersetzt. Was haben sie dir an Gutem mitgegeben?
Zu haben mich zu Ehrlichkeit erzogen und zu einer gewissen Aufrichtigkeit. Das haben sie mir auch vorgelebt und das habe ich verinnerlicht. Ohne in größere Sphären vorzudringen, bin ich ein ganz normaler Mensch geworden.

Dir ist eine angenehme Bodenständigkeit eigen.
Ja, ich bin nicht zu Höherem geboren.

Das klingt so nach Wunsch. Wärst du gern zu Höherem geboren?
Nee. Ich bin mit dem, was ich so gemacht habe, ganz zufrieden.

Du hattest auch einiges Pech mit Filmrollen. 1970 hast du die Titelrolle des DEFA-Films „Dr. med. Sommer II“ ausgeschlagen, weil du lieber bei Gerhard Klein, er war der angesagteste Regisseur damals,  in „Leichsache Zernick“ spielen wolltest. Kurz nach Beginn der Dreharbeiten starb Klein, der Film wurde von einem anderen Regisseur mit neuer Besetzung gedreht. Hat dich sehr geärgert?
Es war nicht schön, es hat mich belastet, aber ich bin nicht verzweifelt. Damals hatte ich noch die Arroganz zu denken: Dann kommt eben etwas anderes.

Wolfgang Winkler
              Foto ©Nikola

Und heute?
Heute bin ich ein Zweckpessimist. Ich gehe lieber davon aus, dass etwas nicht klappt, dann ist man nicht so enttäuscht. Innerlich aber ist die Hoffnung da, dass das Gegenteil eintritt. Also zweckpessimistisch. Ich hatte mir auch eingeredet, dass ich die Rolle in „Rentnercops“ nicht bekomme.

Was ist für dich heute Heimat?
Als Görlitzer habe ich, was meine Heimatstadt betrifft, einen besonderen Knall. Ich liebe diese Stadt, halte sie hoch und fahre oft hin. Sie ist wieder wunderschön geworden, aber es gibt keine Arbeit. Die jungen Leute ziehen weg. Das ist die Tragik in dieser Gesellschaft. Es geht doch aber nicht nur darum, Geld zu haben. Du brauchst die Arbeit, um dich zu verwirklichen und Spaß am Leben zu haben. Wenn dir das genommen wird, bist du ein Krüppel.

Noch ein aktuelles Thema. Wie geht es dir mit der Diskussion um #MeToo?
Ich finde, diese Diskussion hat Züge, die nicht mehr normal sind, indem dieser Wettbewerb der Geschlechter in eine Form gepresst wird, der nur Ungesundes hervorbringt. Wäre ich heute ein junger Mensch, wüsste ich gar nicht, wie ich mich einem Mädchen nähern soll. Mache ich mich ran, bin ich gleich sexistisch. Dabei war es ja nur mein Ansinnen, mit ihr vielleicht ein Leben zu beginnen.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler sieht optimistisch in die Zukunft. Foto © Nikola

Mit 75 hat man den größten Teils seines Lebens vollbracht. Wie weit guckst du noch nach vorn?
Ich möchte mich da nicht festlegen. Es soll schon noch eine Weile gehen. Vor fünf, sechs Jahren hatte ich noch den Ehrgeiz, alles zu spielen. Heute sage ich mir: Jetzt machst du das hier, das füllt dich aus, das füllt sich sehr schön aus. Und wenn jemand anders eine große Altersrolle bekommt, gönne ich sie ihm von Herzen und bin ich nicht mehr zu Tode betrübt, dass nicht ich sie spiele. Diese ist Haltung ist sehr angenehm.