Archiv der Kategorie: Filmtipp

Aus dem Nähkästchen von Regisseuren und Schauspielern: Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“

Seit die SUPERillu 2005 ihre monatliche DVD-Reihe veröffentlicht, habe ich Regisseure und Schauspieler beliebter DEFA-Filme ausgefragt, was sich rund um die Dreharbeiten abgespielt hat, was sie Abenteuerliches erlebt haben. Dabei kam in zehn Jahren viel Überaschendes und Spannendes zutage. So nach und nach werde ich nun die unterhaltsamsten Geschichten aus meinem Archiv hier veröffentlichen. Den Anfang macht die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“, die vor 40 Jahren, am 6. Juni 1980, in die Kinos kam und für die Zuschauer ein toller Sommerfilmspaß war. Nicht zuletzt auch, weil Regisseur Georgi Kissimov die Titelrolle mit dem beliebten Komiker Rolf Herrichtin besetzte.

Vom eigenen Häuschen träumte man auch in der DDR. Sich diesen Traum zu erfüllen, barg jedoch manche Tücke. Da ging es kaum ohne das sogenannte  Vitamin B – gute Beziehungen – , und knausirig durfte der Bauherr auch nicht sein. Denn alles, was man so zum Bauen brauchte, gab es meist nur unter der Hand. Hatte man ein Haus finanziell konzipiert, musste man fast noch mal soviel als Schmiermittel auf der hohen Kante haben. Bürokratische Vorschriften stellten einem Bauherrn so manche Hürde  in den Weg.  Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“ ist dafür geradezu ein Lehrstück, liefert sie doch einen ziemlich guten Einblick in den DDR-Alltag.

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Der erfolgreiche Berliner Unterhaltungskünstler Ralf Keul muss innerhalb eines Jahres sein Grundstück an der Ostsee bebauen, sonst wird der Pachtvertrag aufgelöst. Das Glück beschert ihm und seiner Frau Doris einen Lottogewinn von 35.000 Mark. Mutig, aber ohne eine Ahnung, geht er das Unterfangen an.  Natürlich bleibt dem unerfahrenen Bauherrn bleibt nichts erspart. Die Maurer stehlen das Material von anderen Baustellen zusammen, sodass er sie entlassen muss. Beim Versuch, mit seinem Wartburg Zementsäcke zu befördern, bricht der Wagen zusammen. Die Dachdecker, die er unklugerweise vorab bezahlt hat, verschwinden und lassen ein Loch im Dach zurück. Auf halber Strecke geht das Geld aus. Er versäumt Proben für seine Bühnenshow und dann sogar den Auftrittstermin, weil er Ärger mit den Bauleuten hat. Das Theater kündigt ihm daraufhin das Engagement. Seine Frau reicht die Scheidung ein, weil sie in seiner Fanpost, ein Foto findet, das ihn mit einer Blondine am FKK zeigt. Das Fräulein aus dem Baustoffhandel hatte Keul mit dem Versprechen an den Strand gelockt, ihm Badfliesen zu besorgen.  Trotz aller Hindernisse steht das Haus am Ende. Das Gericht weist Doris‘ Scheidungsklage mit der Begründung zurück: Ein Bauherr ohne Erfahrung sei einer höheren Gefährdung ausgesetzt als ein Testpilot, da der wisse, was er fliegt.

So ähnlich ist die Geschichte dem Drehbuchautor Kurt Belicke passiert. Wie sein Filmheld hatte er sich blauäugig in das Unternehmen Hausbau gestürzt und eben diese Erfahrungen gemacht. Mehr als zehn Jahre dauerten die Arbeiten an seinem Ferienhaus, bis es endlich fertig war. Am Ende hatte es nicht einmal einen Schornstein. Belicke nahm‘s mit Humor und münzte seinen Ärger in einen der witzigsten Filme über die Widrigkeiten um, die der reale Sozialismus den Häuslebauern so bescheren konnte. So ein Vorhaben trieb das Problem des Mangels und der Schwarzarbeit auf die Spitze.

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Zu Beginn der Dreharbeiten befand sich Kurt Belickes Haus noch im Rohbau. Schauspieler Rolf Herricht posiert davor auf dem Filmauto, einem alten Opel Rekord, ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Als wir während der Sommerfilmtage 1980 mit dem Film auf Premierentour waren, klopften sich die Zuschauer wohlwissend vor Vergnügen auf die Schenkel“, erzählte Annekathrin Bürger, im Film die Gattin des Titelhelden. „Jeder wusste, was es für eine Tragödie sein konnte, sich Stein auf Stein ein Eigenheim zu bauen. Der Film ging damals ganz schön ans Eingemachte. Mit allem, dem Klauen, den Preisen und Unverschämtheiten wie den saufenden Dachdeckern. So etwas war nur als Komödie machbar.“ Die Schauspielerin wusste, wovon sie sprach. Ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Rolf Römer war ein Baulöwe im wahrsten Sinne des Wortes. Mit allen Wassern gewaschen. Er baute Zeit seines Lebens nicht nur an seinem eigenen Haus. Wenn er zu Freunden kam, die ein Haus hatten, setzte er sich ganz still hin und sagte nach einer Weile: „Weeßte, eigentlich fehlt hier ein Kamin.“ Einwände, dass es zu viel Arbeit wäre oder zu teuer, wehrte er ab: „Ach, das mache ich dir.“ Damit fing er sie und begann das Haus umzukrempeln. „Überall, wo er aufschlug, hatte er bauliche Verbesserungsvorschläge“, erinnert sich seine Frau.

Für SUPERillu hatte ich mich mit Annekathrin Bürger 2008 in Ahrenshoop auf die Suche nach dem Haus ohne Schornstein begeben, um das sich das Film-Abenteuer rankt. „Kurt Belicke hatte uns sein Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt. Es war damals immer noch ein Rohbau“, erinnerte sie sich. Während wir in der einstigen Künstlerkolonie nach Belickes Grundstück suchten, streiften wir viele Erinnerungen.

Als Kind verlebte Annekathrin Bürger jeden Sommer mit ihren Eltern und Bruder Olaf in Ahrenshoop. „Wir wohnten bei einer Bekannten, picknickten mit Freunden am Strand und machten mit den Nachbarjungs Fahrten auf alten Zeesen. Es gab keine gepflasterten Straßen, wie heute, aber das Land hier oben hatte Charme und Romantik.“ Deshalb zog es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Kunstmaler im Sommer hierher auf die Halbinsel Fischland. Auch Annekathrin Bürgers Vater Heinz Rammelt suchte hier seine Motive. Am Strand, in den weiten grünen Wiesen. Eine Weite, die seine Tochter heute vermisst.

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Annekathrin Bürger mit Ulrich Thein in ihrer ersten Filmrolle 1956. Bei den Dreharbeiten für „Eine Berliner Romanze“ verliebten sich die Schauspieler ineinander ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unvergessen bleibt ihr der Sommer 1956. Die damals 19-Jährige hatte ihren ersten Film abgedreht, „Eine Berliner Romanze“ mit Ulrich Thein. „Danach machten wir Urlaub an der Ostsee. Ecke Friedrichson, den später jedes Kind in der DDR als Meister Nadelöhr kannte, hatte das Quartier besorgt, irgendeinen ausgebauten Hühnerstall in Ahrenshoop. Null Komfort, aber das war uns egal. Hauptsache Ostsee. Wir waren den ganzen Tag am Strand, abends saßen wir am Lagerfeuer“, schwärmte sie in Erinnerung daran. Romantik, Charme und Weite sind inzwischen passé. Fast jedes freie Fleckchen wurde bebaut, mit Hotels, Ferienhäusern, Parkplätzen. Keine Idylle mehr zum Malen. Annekathrin Bürger stellt das mit Wehmut fest. „Es begann eigentlich schon Ende der 70er Jahre. Als wir 1978/79 unseren Film drehten, boomte der Bau von Fertigteilhäusern. Sehr zum Ärger der Alteingesessenen mit ihren Reetdach-Häusern. Sie empfanden das als Verschandelung. Heute fragt danach keiner.“

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Das Ehepaar Keul (Annekathrin Bürger als Doris, Rolf Herricht als Ralf) malt sich gerade aus, wie ihr neues Ferienhäuschen aussehen soll ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Vielleicht ist ja es die Nostalgie der Außenstehenden, dass wir uns zurücksehnen. Wer hier seine Existenz sichern muss, denkt anders.“ Annekathrin Bürger  erzählt von den Ostsee-Urlauben mit ihrem Mann Rolf Römer. „Ich weiß noch, dass ich in Berlin meinen Trabi-Kombi vollgestopft habe. Man nahm ja alles mit, was man nicht missen wollte. Und wenn wir hier ankamen, habe ich in der Gärtnerei erst mal Arme voll Rosen gekauft und unser Quartier ausgeschmückt.“ Nur essen gehen konnte man in den kleinen Orten kaum. Es fehlte an Kneipen, und die Speisekarten waren nicht jedermanns Geschmack. Man versorgte sich selbst. Das war normal. „Wir haben viel Fisch gegessen, den wir morgens frisch beim Fischer am Hafen holten. Wenn wir uns etwas gönnen wollten, sind wir nach Warnemünde ins Neptun gefahren. Dort gab es verschiedene kleine Restaurants, in denen man kubanisch, finnisch, russisch oder chinesisch essen konnte.“ Beim Abendessen im schicken Hotel Dorint in Wustrow fiel uns auf, dass wir es genießen, die Wahl zu haben.

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Die Schauspielerin Annekatrin Bürger mit ihrem Bruder, dem Dessauer Maler Olaf Rammelt, und seiner Frau, der Bildhauerin Christine Rammelt-Hadelich © xil/Michael Handelmann

So einfach wie gedacht gestaltete sich die Suche nach dem Haus ohne Schornstein nicht. Die Jahre hatten die Erinnerungen getrübt. Wo war die Straße, wie sah das Haus aus? Am nächsten Tag gesellte sich Annekathrins Bruder Olaf Rammelt mit seiner Frau Christine zu uns. Der Maler machte mit seiner Frau Christine in schöner familiärer Tradition in Ahrenshoop Urlaub. „Ich habe das Malzeug dabei, aber noch keinen Strich getan“, verriet er und freute sich über das Treffen. Die Geschwister sind sich sehr nahe. Olaf verbrachte als Jugendlicher oft seine Sommerferien bei der Schwester und ihrem Mann Rolf Römer in der Holländerwindmühle in Wustrow, die einem Freund gehörte. Für den Schauspieler Rolf Römer, der mit Leib und Seele auch (gelernter) Maurer war, ein Mekka. Hier konnte er sich austoben. Er hat Wände verputzt, Annekathrin hat gestrichen. Irgendwann störte es ihn, dass es kein fließend‘ Wasser im Haus gab. Also hat er angefangen, im Urlaub Gräben zu buddeln und Rohre zu verlegen. Freunde und Verwandten, die bei ihnen Unterschlupf suchten, mussten mit ran. Olaf denkt oft an die abenteuerliche Zeit zurück. „Rolf hat uns eingeladen. Ich bin mit meinem Freund auch gern gekommen. Für freie Kost und Logis sind wir ihm zur Hand gegangen. Allerdings kannte Rolf keine Pause. Er vergaß, dass wir Ferien ja hatten. Jedes Mal, wenn ich jetzt nach Ahrenshoop fahre und an der Mühle vorbeikomme, sehe ich uns ackern.“

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Um an Badfliesen zu kommen, lässt sich der arglose Ralf Keul an den FKK locken. Schauspieler Rolf Herricht war die Szene etwas peinlich. Er meinte zu Regisseur Georgi Kissimov: „Meinen Sie, die Menschen wollen einen 52-jährigen Mann nackt am Strand sehen?“ Er behielt bei den Aufnahmen dann eine kleine Badehose an. (Screenshot)

Annekathrin Bürger führt uns auf den „Weg zum Hohen Ufer“. Irgendwo hier muss es gewesen sein, ist sie sich sicher. „Irgendwo hier haben wir die Szenen rund um das Haus gedreht.“ Eine gute Stunde suchen wir die Gegend ab. Ohne Erfolg. Aber keins der reetgedeckten Häuser kommt ihrer Erinnerung nahe. Sie sind entweder zu groß, zu neu oder haben einen Schornstein. Ein Foto mit ihr vor dem Haus sollte die Brücke schlagen. Wir kamen am „Boddenblick“ vorbei, zu DDR-Zeiten ein FDGB-Heim, das nach der Wende zum Hotel umgebaut wurde. Annekathrin Bürger zeigte uns, wo Herbert Köfer sein Haus gehabt hat, wo Gunter Emmerlich mit seiner Familie Urlaub machte.

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Keul erwischt den Maurer (Willi Neuenhagen) mit den geklauten Steinen ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unsere letzte Hoffnung ist eine ältere Ahrenshooperin, die in ihrem Garten arbeitet. Wir hatten Glück. Sie erinnerte sich an den Trubel, den die Filmleute damals veranstalteten. Auch an Rolf Herricht. „Ja, Belickes Haus steht noch. So ein kleines blaues, nur ein Stück den Weg da runter. Nicht zu übersehen.“ Nach knapp 200 Metern war unser Ziel erreicht. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Annekathrin Bürger strahlte: „Ja, das ist es. Das ist die Tür, durch die alle im Film zur Toilette gingen.“ Auch die Fertigteilhäuser auf den Nachbargrundstücken gibt es noch. Versteckt hinter hoch gewachsenen Hecken, mit neuen Fassaden und Reetdächern erkennt die Schauspielerin sie kaum wieder. „Die sind alle während unserer Dreharbeiten entstanden. Man konnte förmlich zuschauen, wie sie wuchsen.“

Wir umrundeten das Objekt unserer Begierde. Niemand war zu sehen, nichts war zu hören. Keiner reagierte auf unser Klopfen. Auf der Terrasse stehen Stühle und ein Tisch. Was tun? Einfach fotografieren? Der Gedanke fühlte sich nicht gut an. Der Besitzer musste gefragt werden. Dann öffnete sich doch die Tür. Annekathrin Bürger erkannte Frau Belicke.  Sie erklärte unser Anliegen, den unangemeldeten Überfall. Die ehemalige Kostümbildnerin des Friedrichstadtpalastes war 2005 von Berlin in ihr einstiges Ferienhaus gezogen. Sie war damals alles andere als erfreut, dass ihr Mann das Haus zum Drehort umfunktionieren ließ. „Ich kam überraschend hier an, und es wimmelte von Menschen. Dixi-Klos gab es nicht, alle benutzten unsere Toilette. Die Sickergrube war im Nu voll. Für einige Szenen mussten immer wieder die Scheiben eingeschmissen werden.“

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Alles für den Film. Nicht nur Scheiben wurden eingeworfen, auch ein Brand wurde inszeniert.  (Screenshot)

Frau Belicke konnte auch so viele Jahre später noch nicht darüber lachen. „Und warum hat das Haus keinen Schornstein? fragte ich. „Der uns damals einen setzten sollte, war beim Materialklau erwischt worden und saß im Knast. Vier Jahre stand das Haus ungedeckt da. Dann hatten wir die Nase voll und das Dach zumachen lassen.“ Ohne Schornstein. So war es nur im Sommer nutzbar. Nach der Wende ließ Kurt Belicke das Haus sanieren und eine Fußbodenheizung einbauen. Unter den Dreharbeiten leidet das Haus aber immer noch. Weil es dem Regisseur nicht hässlich genug war, wurde die Front damals mit brauner Leimfarbe gestrichen. „Daran knabbere ich noch heute“, sagte Frau Belicke. Ich habe die Wand schon zweimal abschleifen lassen, weil beim Überstreichen nichts hält.“ Für uns war es perfekt. Das Blau sieht sehr hübsch aus inmitten des grünen Gartens.

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Annekathrin Bürger vor dem Filmhaus. © SUPERillu/Boris Trenkel

 

 

Schauspielerin Swetlana Schönfeld: Ihre Wiege stand in einer Holzbaracke im GULag Kolyma

Es war kein guter Ort, an dem Swetlana Schönfeld am 9. September 1951 das Licht der Welt erblickte und die ersten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte. Nicht gut für sie, nicht für ihre Schwester Ludmilla. Vor allem nicht für ihre Mutter Betty Schönfeld, eine deutsche Kommunistin, die als 21-Jährige voller Enthusiasmus in das erste kommunistische Land gereist war.

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Die Schauspielerinnen Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn und Alexandra Maria Lara bei den Dreharbeiten als GULag-Insassinnen. „Wir haben in nassen, schweren Klamotten bei minus 13 Grad im Januar 2018 Bäume gefällt. Da musste man die Erschöpfung nicht spielen.“ ©mafilm/Arnim Thomaß

Der Ort heißt Kolyma, benannt nach dem Fluss, der die Landschaft mit ihren grenzenlosen Wäldern und Gebirgen im fernöstlichen Sibirien mehr als 2.100 Kilometer durchzieht. An den Ufern ließ Stalin unter dem Zeichen des Sowjetsterns, der den Kommunisten der Welt als Symbol des Fortschritts, der Menschenwürde galt, GULags – Arbeitslager – errichten. Hunderttausende wurden hier verschleppt, um die unwirtlichen Regionen urbar zu machen. Sie bauten in arktischer Kälte die 2000 Kilometer lange Kolyma-Trasse, eine der gefährlichsten Straßen Russlands, schürften Gold, förderten Uran und Zinn aus der metertief gefrorenen Erde oder den Bergen. In den 30er Jahren wurde Kolyma die Hochburg stalinistischer Repressionen, die Heimat der Angst und des Schreckens. Als die politischen Säuberungsaktionen gegen Oppositionelle und Gegner Stalins in der Zeit des Großen Terrors 1936-38 ihren Höhepunkt erreichten, wurden auch viele deutsche Kommunisten und Emigranten unter Scheinvorwürfen verhaftet, erschossen oder zur Zwangsarbeit in GULags verurteilt. 18 Millionen Menschen waren von 1930 bis 1953 in den Lagern inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben in dieser Zeit im Lager oder in der Verbannung. 1937 wurde auch die 27-jährige Betty Schönfeld nach in einem politischen Schauprozess zu Zwangsarbeit in Kolyma inhaftiert. Sie überlebte den GULag und kam mit ihren beiden Töchtern 1957 in die DDR.

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Eigentlich wollte ich ein Doppelinterview mit Swetlana Schönfeld & Barbara Schnitzler machen. Letztere machte mich auf die Geschichte ihrer ehemaligen Kommilitonin von der Schauspielschule aufmerksam. Deshalb traf ich mit  beiden. Doch am Ende wurde es die Geschichte von Swetlana Schönfelds Mutter, der Kommunistin Betty Schönfeld  ©Vivian Wild/SUPERillu

Mich erwartete kein leichtes Gespräch, als ich mich mit Schauspielerin Swetlana Schönfeld traf, um mit ihr über ihre Mutter zu sprechen, über eine Zeit, die sie tief in sich versenkt hat und nicht hervorholen wollte. Wenn sie früher nach ihrem Geburtsort gefragt wurde, sagte sie nur: „Ich komme aus der Sowjetunion.“ Warum Kolyma erwähnen, sie wusste als Kind ja selbst nichts über den Ort. Für Lebensläufe gab es Vordrucke. Da reichte es auch, wenn sie hinter die Frage nach dem Vater „tot“ schrieb.

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Szene aus dem Kinofilm „Und der Zukunft zugewandt“. V. l.: Antonia Berger (Alexandra Maria Lara), Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) und Irma Seibert (Karoline Eichborn) erhalten überrraschend ihre Entlassungspapiere. Nach 20 Jahren im GULag sind sie frei und dürfen nach Hause ©mafilm/Arnim Thomaß

Mein Anlass für das Gespräch war Bernd Böhlichs Film Und der Zukunft zugewandt, der zurzeit in den Kinos läuft, und eng an die Biografie von Betty Schönfeld angelehnt ist. Er bringt ein bis heute weithin unbekanntes Kapitel unserer jüngeren Vergangenheit ans Licht. Böhlich, in der DDR verwurzelt, will Fragen beantworten, die bislang nicht gestellt wurden. Die er sich selbst erst stellte, nachdem er durch Zufall auf das Thema stieß. Wie erging es denen, die aus den sowjetischen GULags in die Heimat zurückkehrten? In die DDR, ein Land, das sich nach dem Sieg über den Faschismus beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft an der Sowjetunion orientierte. Wie ist man umgegangen mit denen, die sich der Idee des Kommunismus verschrieben haben und dann das Unfassbare erlebten, von den eigenen Genossen denunziert, zu Verrätern gestempelt, erniedrigt und gequält zu werden? Seine Geschichte ist ein sorgfältig inszeniertes Drama über Idealismus und politischen Machtmissbrauch, aber auch eine Geschichte über eine Liebe, die an einer Lüge aus „Einsicht in die Notwendigkeit“ zerbricht. Mit diesem Argument wurden bis zur Wende Gängelung in Reise- und Meinungsfreiheit, kritikwürdige Entscheidungen der Partei- und Staatsführung der DDR von jenen toleriert, die fest überzeugt waren, auf der richtigen, der besseren Seite der Welt zu stehen.

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Antonia Berger (A. M. Lara) besucht mit ihrer Tochter Lydia (Carlotta von Flakenhay) ihre Mutter (Swetlana Schönfeld), der sie nicht erzählen darf, warum sie sich über 20 Jahre nicht gemeldet hat. Kameramann des Films war Thomas Plenert ©mafilm/Arnim Thomaß

Bernd Böhlich stellt in seinem Film, den er 1952/53 in der Zeit des Stalinismus in der DDR ansiedelt, die Kommunistin Antonia Berger in den Mittelpunkt.
Nach 20 Jahren GULag und Verbannung in Sibirien kommt sie mit ihrer schwerkranken Tochter nach Fürstenberg. Hier entsteht gerade die erste sozialistische Stadt. Ihre Vision von einer besseren Welt scheint sich zu erfüllen. Die Genossen öffnen ihr die Tür zu einem neuen Leben, das Sicherheit, Arbeit, Wohnung bringt. Doch es wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie Stillschweigen über ihre Zeit im GULag bewahren muss. Um den jungen Staat zu schützen, der im Innern noch viele Zweifler und Feinde hat. Es werde die Zeit der Wahrheit kommen, verspricht man ihr. Nach dem Tod Stalins versucht Antonia dieser Lebenslüge zu entkommen und stößt mit ihrer Wahrheit auf Widerstand. Niemand will hören, welche Verbrechen das große Vorbild Stalin im Namen des Kommunismus begangen hat. Ihr Geliebter Konrad Zeidler, der sein bürgerliches Leben als Arzt in Hamburg verlassen hat, weil er an die Idee des Kommunismus glaubt, verlässt sie und die DDR enttäuscht. Antonia resigniert, aber sie bleibt.

Frau Schönfeld, Regisseur Bernd Böhlich macht in seinem Film am Schicksal Ihrer Mutter ein Thema publik, das in der DDR totgeschwiegen wurde. Wie kam es dazu?
Lange vor der Wende brachte ihn ein Zufall auf das Thema. Wir drehten 1988 einen „Polizeiruf 110“ an der Ostsee. Beim Einchecken an der Hotelrezeption sah er auf meinem Ausweis, dass ich in Kolyma geboren bin und fragte nach. Viel konnte ich ihm damals nicht erzählen, denn ich kannte nur Bruchstücke der Biografie meiner Mutter. Sie ist Fragen über Sibirien immer ausgewichen. Dass sie nicht reden durfte, wusste ich all die Jahre nicht. Im Film wird zum ersten Mal ausgesprochen, dass alle, die aus den sowjetischen GULags kamen, zum Schweigen darüber verpflichtet wurden.

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Schauspielerin Swetlana Schönfeld während meines Interviews mit ihr im Juli 2019 zu Bernd Böhlichs „Und der Zukunft zugewandt“ ©Vivian Wild/SUPERillu

Wann haben Sie mehr erfahren?
Nach dem Tod meiner Mutter 1999 hatte ich die Möglichkeit, die Vernehmungsprotokolle, Dokumente und Briefe zu bekommen. Sie hätte zu ihren Lebzeiten nie zugelassen, dass meine Schwester und ich das lesen. Das Material habe ich dann Bernd Böhlich gegeben. Er bekam so ein Gespür, wie diese Frau gelebt, geatmet hat. Wie sie darauf reagiert hat, schweigen zu müssen. Damit begann seine Arbeit am Drehbuch. Bernd Böhlich hat es fertiggebracht, dieses große Thema in klare Geschichten einzuordnen, sodass es im Kontext stimmig blieb.

Ein Argument des Parteifunktionärs im Film war: „Die Wahrheit ist das, was uns nützt.“ Wie stand Ihre Mutter dazu?
Sie hat sich immer ihre Anständigkeit bewahrt, hatte zu nichts eine korrupte Haltung. Aber sie ist mit dem Schweigen irgendwie nicht umgegangen. Es herrschte zwischen Ost und West Kalter Krieg, da gab es für meine Mutter Wichtigeres. Es ging um den Aufbau einer Gesellschaft als Alternative zum Kapitalismus. Im Nachhinein denke ich, was für eine erstaunlich tolle Frau sie war. Mit dieser Geradlinigkeit, diese ganze Sache zu leben und das Maß zu finden.

Wie sind Sie mit dem Schweigen umgegangen?
Anders als das Leben meiner Mutter ist mein Leben ist stabil verlaufen. Ich habe durch den Beruf die Chance, Dinge zu kompensieren.

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Familienkonstellation: Swetlana Schönfeld spielt Waltraud Kessler, die Mutter der Filmheldin Antonia Berger (Alexandra Maria Lara). Carlotto von Falkenhayn ist ihre Enkelin Lydia

Die Figur Ihrer Mutter wird eindrucksstark von der Schauspielerin Alexandra Maria Lara verkörpert. Sie haben die Rolle ihrer Mutter, also Ihrer Großmutter, übernommen.
Ich wollte überhaupt nicht mitspielen. Aber Bernd Böhlich war das wichtig. Meine Großmutter habe ich selbst nie kennengelernt. Alexandra Maria Lara hat mit ihrer authentischen Darstellung sehr viel vom Wesen meiner Mutter erfasst. Wie in der Szene im Kulturhaus, als sie den Kreissekretär für Landwirtschaft, der sie anschreit, ruhig und gefasst verbessert, obwohl sie das innerlich sehr aufgewühlt hat.

Stalins Verbrechen sind neben dem Faschismus die zweite große gesellschaftliche Tragödie des 20. Jahrhunderts. Die junge Generation heute hat davon keine Ahnung. Warum ist Ihre Mutter in die Sowjetunion gereist? Was hat sie dort gemacht, dass man sie wegen konterrevolutionärer Umtriebe verhaftet hat?
Meine Mutter war 1929, mit 19 Jahren, in die KPD eingetreten. Sie spielte im Berliner Arbeitersportverein „Fichte“ Tennis und engagierte sich in der Agitprop-Truppe  „Kolonne Links“. 1932 lernte sie den sowjetischen Kommunisten Dmitri Jegarew kennen, der in Berlin für die Kommunistische Internationale tätig war. Sie wurde Mitglied der Komintern, um mit ihm nach Moskau zu gehen. Dort arbeitete meine Mutter im Hotel Lux, wo das Gästehaus der Komintern untergebracht war, als Sekretärin im Büro von Wilhelm Pieck, dem späteren DDR-Präsidenten. 1935 wurde Jegarew vom NKWD, dem gefürchteten „Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“, als Anhänger des Trotzkismus verhaftet und erschossen. Meine Mutter schloss man wegen dieser Beziehung 1936 aus der KPD aus. Im Juni 1937 ist sie in einer Nacht und Nebelaktion vom NKWD aus ihrem Zimmer geholt und in die berüchtigte Lubjanka gebracht worden. In einem Schnellprozess wurde sie zu Zwangsarbeit und Verbannung in Kolyma verurteilt. 20 Jahre verbrachte sie in der Hölle.

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Swetlana Schönfeld erzählt, dass sie sich die Akten ihrer Mutter, die sie 1999 bekam, nicht allein sehen konnte. Beim Filmfestival im indischen Goa, bei dem der Film ausgezeichnet wurde, erfuhr Babara Schnitzler erstmals, warum Swetlana während des Studiums nie über ihrer Kindheit gesprochen hat ©Vivian Wild

Wer aus dem GULag entlassen wurde, musste sich in Kolyma ansiedeln. Auch Ihre Mutter war ein sogenannter Arbeitssiedler. Nach Ende ihrer Lagerhaft 1947 wurden über sie noch zehn Jahre Verbannung verhängt. Sie und Ihre Schwester kamen dort zur Welt. Woran können Sie sich erinnern?
Es gibt kleine traumatische Erlebnisse, die ich nicht erzählen will, weil ich sie nicht in mein Leben reinlassen möchte. Wir wohnten in einer Holzbaracke, die kaum vor der eisigen Kälte schützte. Es gab ein Stück Land, um Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Ich kann mich nicht erinnern, Freude gehabt zu haben. Es war ein gesetzloses Leben. Uns Kindern ist nie etwas passiert. Meine Mutter passte gut auf uns auf. Für eine Frau war es überlebenswichtig, einen Mann zu haben. Und meine Mutter war eine schöne Erscheinung, blauäugig, klein und zierlich, mit weißblonden Haaren. Sie hatte meinen Vater, einen russischen Kommunisten, im GULag kennengelernt und lebte seit 1948 mit ihm zusammen. Ich war ein Jahr alt, als man ihn ermordete und meiner Mutter sterbend in die Küche warf. Heute verstehe ich ihr Schweigen uns gegenüber. Sie wollte nicht, dass wir diese Schrecken mit in unser Leben nehmen.

Wie gelang es Ihrer Mutter mit Ihnen da rauszukommen? Wie war das ohne Geld und Hilfe von außen möglich? Kolyma lag 6000 km von Moskau entfernt
Nach Stalins Tod wurde ihre Verbannung aufgehoben. Sie konnte mit uns die Siedlung verlassen und bekam in der Gebietshauptstadt Magadan Arbeit. Eine Freundin meiner Mutter war im Krieg die Mitarbeiterin von Richard Sorge. Sie hat uns ausfindig gemacht und mit Arthur Pieck, der damals Chef der Lufthansa war und sich bei seinem Vater stark für die Rückholung gemacht hat, unseren Rücktransport organisiert. Für uns Kinder war das ein Abenteuer. Als meine Mutter uns im Hotel in Moskau allein lassen musste, weil sie sich bei den Behörden abmelden musste, haben wir uns auf die Fensterbank gesetzt und die Bein rausbaumeln lassen. Im 11. Stock! Meiner Mutter ist fast das Herz stehengeblieben, als sie uns von unten sah. Wir dachten uns nichts dabei. In Kolyma sind wir oft durchs Fenster ins Haus.

1956 hatte Nikita Chruschtschow die Auswüchse des stalinistischen Terrors erstmals benannt. Davon wussten auch die SED-Funktionäre in der DDR.  Trotzdem wurde Ihrer Mutter bei ihrer Rückkehr 1957 eine Schweigeverpflichtung abgefordert. Hat das ihren Glauben an die Idee des Kommunismus erschüttert?
Das wird ihr Geheimnis bleiben. Sie war ja nicht die Einzige, die nicht reden durfte. Sie hatte Freundinnen aus ihrer früheren kommunistischen Arbeit, die voneinander wussten. Ich hatte Kollegen am Maxim-Gorki-Theater die ihr Schicksal kannten. Aber es hat nie jemand etwas gesagt. Diese Frauen haben zusammengehalten. Was ich weiß, ist, dass meine Mutter keine dogmatische Kommunistin war, keine Parteigängerin. Ihr Leben hat der Gedanke der Komintern geprägt, dass die Welt doch einmal anders formiert werden kann als kapitalistisch. Sie hat uns im Glauben des Kommunismus erzogen, doch sie agierte nie dogmatisch.

Warum ist sie der Idee treugeblieben, obwohl sie einen Teil ihrer Biografie verleugnen musste?
Als die Probleme der DDR immer gravierender wurden, habe ich sie gefragt, wie sie die Bigotterie aushält. Eine Antwort bekam ich nicht. Ich denke, hätte meine Mutter nicht an ihrem kommunistischen Urglauben, festgehalten, wäre sie zerbrochen. Ihr Kampf, ihr Leben wären umsonst gewesen.

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Es war das erste Mal, dass die Schauspielerin in einem Interview etwas über ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Mutter erzählt ©Vivian Wild/SUPERillu

Wie haben Sie und Ihre Schwester mit den Löchern in Ihrer Biografie gelebt?
Wir wussten schon, wo wir herkamen und dass meine Mutter Furchtbares erlebt hat, worüber sie nicht reden wollte. Wenn ich sie provoziert habe, erzählte sie mir eine Schreckensgeschichte, und dann habe ich es irgendwann gelassen. Als wir 1957 nach Berlin kamen, sprachen wir kein Wort deutsch, aber wir wollten nicht russisch sprechen. Wir haben uns da verweigert. Und ich habe immer gesagt, ich heiße Monika. Ich wollte nicht anders sein. Ich erinnere mich noch, wie ich versuchte, meinen Pelzmantel loszuwerden. Aber den wollte keiner haben. Mein Leben in der DDR war mit Theater- und Filmrollen so gut ausgefüllt, dass ich keinerlei Lebensdefizite oder Beschädigungen durch meine Biografie verspürte. Trotzdem blieben Fragen: Was war da? Warum sind wir VdN, Verfolgte des Naziregimes? Diesen Punkt konnte ich klären: Mit diesem Status genoss meine Mutter Schutz vor Nachfragen zu ihrer Biografie und hatte einige soziale Vorteile.

Wurde sie wie die Filmfigur in der DDR eingesperrt?
Nein, sie hat sich immer an das Schweigen gehalten. Ein Professor aus Mannheim, der sie in seinem Buch über Deutsche im GULag als vermisst geführt hat, wollte das in einem Film aufklären. Ich höre sie noch sagen: „Meine Herren, was wollen Sie wissen?“, als das Drehteam anrückte. Dann erzählte sie Abenteuerstorys. Wie sie zum Beispiel beim Holztransport mit den Pferden in der Taiga hängengeblieben ist. So war meine Mutter.

Mit dem Fall der Mauer muss für sie doch die Welt zusammengebrochen sein?
Ich glaube, sie hat keiner Gesellschaftsordnung mehr getraut. Ihr Leben war in Ordnung, wenn es uns gut ging. Sie hat bis zur Rente als Sachbearbeiterin bei der Interflug gearbeitet. Meine Mutter war eine sehr starke freie Frau. So, wie sie ihr Schicksal durchgestanden hat, wie sie mit dem Leben umgegangen ist. Ich bin froh, dass sie durch den Film eine Art Wiedergutmachung erfährt, die ich allein nie hinbekommen hätte.

 

Angelica Domröse: Mit Petticoat, engem Pulli und Pferdeschwanz zum Film

Seit dem Tod ihres Mannes Hilmar Thate vor zwei Jahren ist es still um Angelica Domröse geworden. Am 4. April feierte die Schauspielerin ihren 77. Geburtstag. Die „Berliner Pflanze“ gehört zu den auserwählten Größen des deutschsprachigen Films der letzten hundert Jahre, die einen Stern auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz bekommen haben. Ihre Karriere begann vor 60 Jahren mit der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“.

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Im April 2011 wurde Angelica Domröse mit einem Stern auf dem Berliner „Bolulevard der Stars“ geehrt. Ihr Mann Hilmar Thate starb im September 2016. Quelle: SUPERillu ©Adolph Press/Welscher

Mancher mag für sie  für divenhaft, kapriziös halten, was Ausdruck ihres Anspruchs ist, den sie sich im Laufe ihres Lebens erarbeitet hat. Hartnäckig, unbeirrbar. „Ich bin in der Banalität groß geworden, aber ich hatte immer eine tiefe Abscheu dagegen.“ Sie wollte weg aus diesem Milieu. Studieren, Filme machen. Mit 14 Jahren schon hatte sie diese ganz feste Lebensvorstellung. Heute kann jeder sehen, dass sie sich ihre Träume erfüllt hat. Auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ glänzt ein goldener Stern mit ihrem Namen, neben anderen Filmgrößen wie Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Romy Schneider, Hanna Schygulla, Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder. Nicht zuletzt wegen solcher Filme wie dem DEFA-Kultstreifen „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Die zweite Haut“ und „Hanna von acht bis acht“  sowie ihrer herausragenden Theaterleistungen. Sie spielte am Berliner Ensemble die Hure Betty in der „Dreigroschenoper“ und die Näherin Babette in Brechts Parabelstück Die Tage der Pariser Commune“. 1966 wurde Angelica Domröse in der DDR zur „Besten Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Im selben Jahr wechselte die damals 25-Jährige zu Benno Besson an die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz und wurde als Cleopatra“ und Die schöne Helena“ gefeiert. In einer Inszenierung von George Tabori brillierte sie 1987 als „Stalin“ und 2001 mit ihrem Mann Hilmar Thate im Theater am Kurfürstendamm in „Josef und Maria“.

Sie war gerade mal 17 Jahre, als sie bei Slatan Dudow in ihrer ersten Filmrolle vor der Kamera stand und noch heute bezaubert sie als Siegi in der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“ mit einer Mischung aus unschuldiger Naivität und verführerischem Sexappeal. In einem Interview mit mir blickte Angelica Domröse noch einmal hinter die Kulissen von damals.

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 Schauspielerin Angelica Domröse im Spetember 2010 ©Jürgen Weyrich

Welche Erinnerungen haben Sie  noch an jenen Mai 1958?
Er war aufregend. Ich hatte in der „Berliner Zeitung“ eine Annonce entdeckt, mit der die DEFA für eine Hauptrolle in einem heiteren Spielfilm eine natürliche, fröhliche 16- bis 20-Jährige suchte, Größe ca. 1,60.  Für mich war klar: Die meinen mich!

Wie Sie dachten 1500 Mädchen…
Natürlich, solche Annoncen erschienen ja nicht jeden Tag. Das war etwas Besonderes. Am Tag der Vorstellungsgespräche saßen Hunderte Mädchen in der S-Bahn zum Griebnitzsee. Wie eine Schar Gänse sind wir den Weg zum DEFA-Studio geflattert.

Und wie hat diese Schar versucht, den Regisseur zu beeindrucken?
Wir haben alle unsere Vorzüge hervorgehoben (lacht). Hatten die Taille ganz eng geschnürt, Petticoats unterm Rock, enge Pullis, die langen Haare offen oder als Pferdeschwanz. Ja, und dann saßen wir da und warteten. Regisseur Slatan Dudow hat mit jedem Mädchen gesprochen.

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Regisseur Slatan Dudow mit Angelica Domröse und Stefan Lisewski bei den Dreharbeiten für die Hochzeitsszene in „Verwirrung der Liebe“ 1958 ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wie war Ihr erster Eindruck vom Studio?
Das war alles gigantisch für mich und neu. Respekteinflößend. Und es hat mich angezogen. Aber es ist alles mehr über den Bauch gegangen als über den Intellekt. Ich war ein Kinofreak, sah auch gern Theaterstücke. Aber es hatte mich eigentlich nie interessiert, wie das zustande kommt. Schmerzliche Erfahrung habe ich erst beim Drehen gemacht.

Was ist passiert?
Szenen, die wir oft geprobt haben, sind mir beim Drehen dann sehr schwer gefallen. Da gab es einen Tag, an dem ich anfing zu weinen. Mich hat plötzlich die Stille im Atelier gestört, als es hieß: Kamera läuft, Ton ab. Ich hörte mich selbst. Alles war auf mich fokussiert. Das hat mir Angst eingejagt. Dudow hat dann alle aus dem Atelier geschickt und mich ausheulen lassen. Es war für mich mit einem Mal ganz schwer, auf die Rolle zu kommen. Später habe ich das beim Theater öfter erlebt, dass ich nach der xten Vorstellung vollkommen neben der Rolle lag. Und das ist die Schwierigkeit in unserem Beruf: die Abrufbarkeit des Handwerklichen, die Genauigkeit beim Spiel und gleichzeitig muss es wie gerade geboren wirken.

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Für die Zeitungen waren Sie die Favoritin. „Junge Welt“ und „Filmspiegel“ schrieben über Sie. Warum hat sich Slatan Dudow für Sie entschieden?
Er hat es mir später mal gesagt.  Ich hatte die unschuldige Naivität und Natürlichkeit, die er sich für die Rolle der Siegi vorgestellt hatte. Es ist eben etwas anderes, wenn eine 17-Jährige vor der Kamera steht, die noch nie gedreht hat, als wenn es eine 25-jährige Schauspielerin ist. Und dass ich die Rolle bekam, verdanke ich auch Annekathrin Bürger. Sie spielte die Kunststudentin Sonja, deren Freund sie beim Fasching mit Siegi  verwechselt. Das ist ja der Ausgangpunkt der Geschichte. Und ich hatte die gleiche Statur wie sie.

Wurde Slatan Dudow nicht ungeduldig, wenn Sie beim Drehen nicht auf die Rolle kamen?
Nein, überhaupt nicht. Er hat auf mich geachtet wie auf ein rohes Ei. Ich habe ihm wirklich viel zu verdanken. Wenn er sich nicht bei der Filmhochschule für mich verwendet hätte, wer weiß, ob sie mich überhaupt genommen hätten.

Sie standen mit renommierten DDR-Schauspielern – außer Annekathring Bürger waren das Ulrich Thein, Stefan Lisewski, Willi Schrade und Marianne Wünscher – vor der Kamera. Hatten Sie keine Hemmungen?
Meine Idole waren Weltstars aus  französischen und amerikanischen Filmen. Die Schauspieler, mit denen ich in dem Film spielte, kannte ich gar nicht. Ich sage das ohne Arroganz. Mich hat bis dahin künstlerisch niemand geleitet. Dudow war der Erste, dann  war es die Schauspielschule. Danach lernte ich am Berliner Ensemble und bei Benno Besson in seiner großen Zeit an der Berliner Volksbühne was Qualität und was Mist ist.

Wie reagierte Ihre Mutter darauf, dass Sie ausgewählt wurden?
Sie hat Sekt gekauft und mit mir und dem Produzenten angestoßen. Sie musste ja den Vertrag unterschreiben, da ich minderjährig war. Ich weiß noch, wie ihre Hand gezittert hat…

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Mit der Verwechselung der Produktionsarbeiterin Siegi auf dem Fasching der Kunsthochschule beginnt die „Verwirrung der Liebe“ ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Warum wollten Sie eigentlich Schauspielerin werden?
Das Kino spielte in meiner Kindheit und Jugend eine enorme Rolle. Ich bin fast jeden Tag ins Kino gerannt, habe mir auch Filme zehnmal angesehen. Das war meine Lebensschule, so wie die Straße. Ich war eine Asphaltassel, bin in den Berliner Trümmern großgeworden. Als ich klein war, habe ich bei einem traurigen Filmende immer gedacht: Wenn du morgen ins Kino gehst, ist der Schluss besser. Und ich war ganz traurig, dass es wieder wie vorher ausging. Mit vierzehn, fünfzehn hatte ich dann schon eine feste Vorstellung von meinem Leben. Ich wollte raus aus dem Milieu, in dem ich lebte, studieren.  In den 50ern war das etwas Besonderes, Student zu sein.

Wie haben Sie denn gelebt?
Meine Mutter verkaufte Fahrkarten am S-Bahnhof Nordbahnhof, mein Stiefvater war Eisenbahner. Es war für mich nicht schön zu Hause. Ich wollte auf Leute mit anderen Interessen treffen. So kam es auch.

Sie waren Sachbearbeiterin beim Deutschen Innen- und Außenhandel. Und plötzlich standen Sie – gerade mal 17 – vor einer Filmkamera. Wie war das, als Sie für „Verwirrung der Liebe“ an der Ostsee die Nacktszene gedreht haben?
Ich hatte da keine Hemmungen. Die Kamera war weit weg. Damit hatte Dudow mir die Scheu genommen. Ihm schwebte bei der Szene, als ich aus dem Wasser steige,  Botticellis „Geburt der Venus“ vor.  Nun hatte ich damals keine Ahnung, wie die aussah noch wer Botticelli war.

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Angelica Dömrose und Willi Schrade als Liebespaar, dessen Herzen eigentlich anderen gehören ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wo wurde gedreht?
An einem FKK-Strand an der Ostsee. Wir waren angezogen, die Urlauber nackt. Das ging natürlich nicht. Wenn wir drehen wollen, hat der Produktionsassistent durchs Megaphon gerufen: Alles anziehen! Die Statisten, die meisten waren Urlauber,  stöhnten. Nach dem Dreh hieß es dann: Sie dürfen sich wieder ausziehen! Das war absurd. Wie surrealistische Malerei. Einige Szenen wurden im Studio gedreht, weil am Strand nicht das richtige Licht war. Dafür wurde tonnenweise Ostseesand ins Studio nach Babelsberg gebracht.

Nach diesem Film ging es für Sie Schlag auf Schlag weiter?
Ich bin in eine Zeit geraten, in der das Fernsehen explodiert ist. Mit Filmen wie „Papas neue Freundin“ und „Vielgeliebtes Sternchen“ entstand auch eine große Popularität.

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Filmszene mit Erwin Geschonneck 1966 in der DEFA-Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ © DEFA-Stiftung/E. Schweda, H. Wenzel

Mit Erwin Geschonneck drehten Sie 1966 „Ein Lord am Alexanderplatz“.
Ich habe den Film wegen des Geldes gemacht. Am Theater, ich war damals am Berliner Enselmble, verdiente man nicht viel. Obwohl es die Weigel nicht gern sah – Film war für sie Afterkunst – wollte ich drehen. Das war mein Spielbein. Mein Standbein war das Theater. Immer. Mit Geschonneck zu spielen war ein großes Vergnügen. Ich hatte gehört, was für tolle Rollen er am BE gehabt hatte. Man bekommt  – auch wenn man so jung ist schon mit – wer Gewicht hat. Privat war er sehr lustig. Geschonneck hatte stets Stullenpakete mit, Kaffee in einer Thermosflasche  – und einen Klappstuhl. Darüber habe ich immer lachen müssen. Heute verstehe ich ihn. Eh‘ du fragst: Wo kann ich mich mal hinsetzen, sorgst du besser selbst für dich.

Sie wurden bejubelt und hoch geehrt. Was letztlich auch an Ihre Substanz ging.
Ja, kein Erfolg ohne Misserfog. Keine Lust ohne Schmerz. Ich weiß, dass mir der Beruf sehr viel gegeben hat. Durch ihn habe ich zur Literatur, zur Malerei, zur Architektur gefunden. Ich habe Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Habe Länder gesehen, in die ich vielleicht nie gekommen wäre. Es ist ein ganz wunderbarer Beruf, und ich bin dem außergewöhnlichen Dudow dankbar, dass er mir das Tor dahin aufgemacht hat. Aber man muss auch mal loslassen können und mit der Biologie gehen. Mit über 70 ist doch klar, dass der größte Teil der Lebenszeit, in dem man gearbeitet und geliebt hat, mal oben, mal unten war, hinter einem liegt. Der Rest ist sehr kostbar. Ich nutze ihn nur noch für mich.

 

Cinéma privé – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon

Seit Geraumen lädt das Filmmuseum Potsdam einmal im Monat zu einer ganz besondern Kino-Veranstaltung ein: Cinéma privé. Bekannte Persönlichkeiten aus  Kunst, Kultur, Sport und Politik dürfen an diesem Abend ihren Lieblingsfilm präsentieren, egal, ob anerkanntes Meisterwerk oder umstrittener Streifen.  Es ist schon sehr aufschlussreich, für welche Filme sich die  Prominenten begeistern.

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„Der Postmeister“ 1940 mit Hilde Krahl und Heinrich George (Foto:FMP)

Der ganz private Lieblingsfilm von Jurist und Politiker Gregor Gysi ist der BRD-Film „Rosen für den Staatsanwalt“  (1959) von Wolfgang Staudte. Die Wahl des beliebten Film- und Theaterschauspielers Horst Krause fiel auf Gustav Ucickys „Der Postmeister“ (1940) nach einer Erzählung von Alexander Puschkin.

Am 30. November stellt die  Schauspielerin und Musikerin Maria Simon ihren Lieblingsfilm vor:  das Oberschichten-Drama „The Riot Club“ (2014).  Der britische Regisseur  Lone Scherfing wählte für seine Darsteller noch unbekannte junge Schauspieler aus, um eine größtmögliche Authentizität zu vermitteln. Sam Claflin (Alistair) gab sein Schauspieldebüt in dem Fernsehmehrteiler „Die Säulen der Erde“ als Richard von Shiring. Max Ir0ns – er verkörpert Miles –  wird 2009 durch den Film „Das Bildnis des Dorian Gray“ bekannt.

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Sam Claflin und Max Irons (v.l.)

 Der Inhalt: Bald nachdem Alistair, ein Oberschichtsprössling, und Miles, der aus der Mittelschicht stammt, ihr Studium in Oxford angetreten haben, geraten sie ins Visier des elitär-dekadenten Riot Clubs.
Beide bestehen die Aufnahmeprüfung. Was Miles zunächst als großes Glück erscheint, wird durch eines der jährlichen Dinner zu Ehren des Namensgebers des Clubs, Lord Riot, in Frage gestellt. Miles‘ aus der Arbeiterschicht stammende Freundin Lauren wird erniedrigt, der Besitzer des Pubs, in dem das in totaler Zerstörung endende Gelage stattfindet, schwer verletzt. Auch in der Schilderung des Konflikts zwischen Miles und Alistair bezieht „The Riot Club“ deutlich Stellung gegen soziale Ungleichheit, zeigt aber auch die unverminderte Macht einer sich selbst schützenden, menschenverachtenden Kaste. 

Vor Beginn des Films erzählt Schauspielerin Maria Simon im Gespräch mit radioeins-Moderator Knut Elstermann, warum sie gerade diesen Film gewählt hat.

Cinéma privé bei radioeins – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon
Präsentiert von radioeins (rbb) und Märkische Allgemeine

Termin
Mittwoch, 30. November 2016, 19.00 Uhr „The Riot Club“
Wo: 
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam

Kartenreservierung: 0331-27181-12,
ticket@filmmuseum-potsdam.de

Vorschau:
Freitag, 09.12.16 Cinéma privé. Der ganz private Lieblingsfilm von Schauspielerin Martina Gedeck mit „Manche mögen´s heiß“ von Billy Wilder.

Filmtag mit Rolf Losansky

Am 15. September verstarb im Alter von 85 Jahren der Regisseur Rolf Losansky. Mehr als dreißig Jahre hat er Filme für Kinder und Jugendliche gedreht. „Ein Schneemann für Afrika“, „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „… verdammt, ich bin erwachsen!“ begeisterten ein großes Kinopublikum. Das Filmmuseum Potsdam lädt am 3. Dezember zu einem fröhlichen Beisammensein mit Weggefährten, Freunden und der Familie ein.

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Regisseur Rolf Losansky mit Andreas Bieber und Marlene Marlow 2013 in Langerwisch, wo „Hans im Glück“ entstand. Foto: Boris Trenkel

Für Kinder läuft um
14:30 Uhr  „WIE MAN EINE KUH REITET“
Making Of „Hans im Glück”, 1999, Dok., R: Konstanze Weidhaas, ORB
15:00 Uhr  HANS IM GLÜCK, 1998,
Regie: Rolf Losansky
Die erfrischende Filmadaption des gleichnamigen Grimm-Märchens war Rolf Losanskys letzte abendfüllende Regiearbeit.

 

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Filmszene aus „Abschiedsdisco“  Quelle: Ost-Film

17:00 Uhr  „ABSCHIEDSDISCO“
Regie: Rolf Losansky, 1990, Darsteller: Holger Kubisch, Jaecki Schwarz
Inhalt: Henning ist erst fünfzehn Jahre alt, als seine erste Freundin stirbt. Um in Ruhe zu trauern, besucht er seinen Großvater, der als einer der letzten am Rande eines Braunkohlegebietes lebt, wo Bagger die Landschaft immer weiter abtragen. Henning durchstreift die verlassene Gegend und begegnet verlorenen Gestalten. Nachdenklich studiert er die sterbende Umgebung und pflanzt am Ende symbolisch einen Baum.

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Holger Kubisch als Henning in »Abschiedsdico“. Quelle: Ost-Film

Den Stoff wollte Rolf Losansky bereits 1983 verfilmen, doch wurde das Szenarium wurde durch die Hauptverwaltung Film abgelehnt. Hintergrund: Die ökologischen wie auch sozialen Auswirkungen des Braunkohlentagebaus galten lange als Tabu.  Auch 1986 konnte Rolf Losansky das  vorgelegte Drehbuch nicht realisieren.  Abschiedsdisco gehörte zu einer Reihe von Filmen, die nach längerer Verbotszeit im Jahr 1989 umgesetzt werden durften. „Damit war natürlich die Brisanz verpufft“, sagte der Regisseur in einem Interview später.

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall
14467 Potsdam
Tel: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie orden grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung,füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

Syrien – was war vor dem Krieg? Spurensuche mit Winfried Junge

Seit im Sommer 2011 die syrische Regierung unbarmherzig gegen Massendemonstrationen in Daraa, Homs und Hama vorging, sehen wir fast täglich Filmbilder von verheerenden Zuständen in Syrien.
 Sie vermitteln eine Sicht, die zu hinterfragen ist.
Zwei Reportagen der Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge – bekannt vor allem durch ihre Langzeit–Filmchronik Kinder von Golzow“ – brechen die Oberfläche auf, die sich uns mit den täglichen Nachrichten vermittelt.

Was war vor dem Bürgerkrieg? 
Im Sommer 1970 war Regisseur Winfried Junge das erste Mal in Syrien. Sein Film „In Syrien auf Montage“ begleitet DDR-Ingenieure, die Arbeiter in der Textilfabrik Homs ausbilden. Kurz nach Ende der Dreharbeiten, im November 1970, putschte sich Luftwaffenchef Hafez al-Assad an die Macht.

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1989 drehten Barbara und Winfried Junge ihren Dokumentarfilm „…der Vater blieb im Krieg“ über syrische Märtyrerkinder. c/0 DEFA-Stiftung

Zwanzig Jahre später, 1989/90, entstand der Film „… der Vater blieb im Krieg“ über ein Treffen mit syrischen Waisen in Bad Saarow, deren Väter im Libanonkrieg gefallen waren. Winfried und Barbara Junge begleiteten die Jugendlichen nach Syrien, wo sie in gesonderten, elitären „Schulen der Märtyrerkinder“ untergebracht waren.
Die Reportage reflektiert Momente aus dem Leben dieser jungen Menschen, die sich zwischen friedlich und angespannt, hoffnungsfroh und verunsichert bewegen.

Das Filmmuseum Potsdam lädt zu einem Kinoabend „Syrien dokumentieren“ mit Barbara und Winfried Junge ein.

Termin: Donnerstag, 10. November 2016, 19.00 Uhr

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam
Kartenreservierung: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Syrien: Kurzer historischer Abriss
Syrien ist ein junger Staat, der erst seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in (mehr oder weniger) seinen heutigen Grenzen existiert; 1946 erlangte er seine vollständige Unabhängigkeit. Dies kontrastiert mit Jahrtausende alten Siedlungstraditionen. Auf dem Gebiet des heutigen Syrien waren Zivilisationen beheimatet, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehören. Die syrische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch die Erfahrung von Fremdherrschaft und Imperialismus sowie die schwierige Herausbildung einer syrischen nationalen Identität, verbunden mit Fragen nach territorialer Integrität und staatlicher Einheit. Hiermit verflochten sind mit rapiden Modernisierungsprozessen einhergehende gesellschaftliche Umwälzungen und der Streit um soziale Gerechtigkeit, um politische und wirtschaftliche Teilhabe. Während des Kalten Krieges distanzierte Syrien sich von der US-amerikanischen Nahostpolitik, intensivierte aber seine Beziehungen zu den sozialistischen Staaten. Syrien und Ägypten schlossen sich zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen, wodurch Syrien nicht gestärkt, sondern politisch geschwächt wurde. Ein Militärputsch beendete am 28. September 1961 die Mitgliedschaft Syriens in der VAR. Es entstand die Syrische Arabische Republik. Immer wieder kam es zu Machtkämpfen. 1964, 1965 und 1967 kam es zu einer Reihe von Protesten und Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Nach der Niederlage gegen Israel im Juni 1967 spitzten sich die Auseinandersetzungen innerhalb der syrischen Führung erneut zu. Am 16. November 1970 besiegelte Assad seine zunehmende, auf der Kontrolle des Militärs beruhende Dominanz mit einem erneuten Putsch, indem er Partei- und Staatsspitze verhaften ließ und eine neue Regierung unter seiner eigenen Führung bildete. Von 1975-1990 spielte Syrien eine entscheidende Rolle im libanesischen Bürgerkrieg, an dessen Ende es 90.000 Todesopfer, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste gab. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Ein unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ im Mai 1991 machte den Libanon bis 2005 praktisch zum syrischen Protektorat.

Wer sind Barbara und Winfried Junge?

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Die Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge c/0 Filmmuseum Golzow

Winfried Junge ist am 19. Juli 1935  in Berlin geboren. Er studierte zunächst Germanistik an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin;  wechselte 1954 als einer der ersten Studenten an die neue Deutsche Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Junge hat insgesamt mehr als 50 sehr verschiedene Filme für Kino und Fernsehen gedreht, darunter den Kinderspielfilm „Der tapfere Schulschwänzer“. Seit den 1960er Jahren  zeigen die Dokumentarfilme der Junges Menschen des Alltags. Sie führen auch ins Ausland, erzählen von Begegnungen mit Menschen in Syrien und Somalia, bevor das friedliche Aufbauwerk nach dem Vorbild der sozialistischen Staaten, das auch die DDR unterstützte, ein Ende fand und die Länder im Chaos versanken.

 

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Fast original getreu entstand Winfried Junges Schneideraum im Museum „Kinder von Golzow“ 

Barbara Junge wurde am 14. November 1943 in Neunhofen/Thürigen geboren. Sie studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und schloss mit dem Diplom als Dolmetscherin für Englisch und Russisch ab. Ab 1969 arbeitete sie als Journalistin und Regisseurin im DEFA-Studio für Dokumentarfilme und war zunächst für fremdsprachige Fassungen von DEFA-Dokumentarfilmen verantwortlich. Nach dem Ende der DDR und damit auch der DEFA führte sie mit ihrem Mann Winfried Junge das „Golzow“-Projekt in Co-Produktion mit Sendern der ARD, vor allem des RBB, weiter.

 

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Winfried Junge in der Dokumentarfilmausstellung in Golzow. c/o Filmmuseum Golzow

„Cyankali“ – Ein Film, den man sehen muss. Beklemmend aktuell

Mein Filmgedächtnis hat sich in der Zeit geprägt, als das Fernsehen noch mit analoger Technik arbeitete und bis Ende der 60er Jahre tagsüber Farbstreifen den Bildschirm zierten und ein Pfeif-, sprich: Mess-Ton das Ohr strapazierte. Um die Mittagszeit, zwischen 13.30 und 14.50 Uhr, verschwand das Testbild, und unter der Rubrik Testprogramm strahlte der DFF (Deutsche Fernsehfunk) Filme aus. Für mich die schönste Zeit des Tages. Weil unser Unterricht aber erst um 13.40 Uhr endete, rannte ich immer nach Hause, um nicht allzuviel zu verpassen.

Jeder über Fünfzig, der in der DDR groß geworden ist, wird sich an die „Halbzweifilme“ erinnern. Es waren preisgekrönte sowjetische Streifen wie das berührende Kriegsdrama „Wenn die Kraniche ziehen“, französische Filme wie „Lohn der Angst“ oder „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ mit Gérard Philipe. Selbstverständlich liefen im Testprogramm auch großartige DEFA-Produktionen wie der Welterfolg „Stärker als die Nacht“ mit Wilhelm Koch-Hooge und Helga Göring, „Rivalen am Steuer“ mit Axel Monje, „Semmelweiß –Retter der Mütter“ mit Horst Drinda oder „Carola Lamberti – Eine vom Zirkus“ mit Henny Porten.

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Hete (Grete Mosheim) versucht einen Arzt für die Abtreibung zu finden. Dr. Möller (Ludwig Andersen) lehnt ab

Das war lebendige Geschichte, die ich da jeden Tag einsog – spannend, unterhaltsam und bildend. Denn viele Filme rankten sich um historische, gesellschaftliche  und politische Ereignisse. Leider sind sie heute aus den TV-Programmen verschwunden. Vielleicht gibt es noch Filmkunst-Theater, wo sie hin und wieder über die Leinwand flimmern. Sie hätten der jungen Generation einiges zu sagen.

Es gibt Bilder, die sitzen fest in meinem Gedächtnis. Und wenn ich es bedenke, habe ich mir als Kind mit manchen Filmen viel zugemutet. Der Stummfilmklassiker „Cyankali“ gehört dazu:

Berlin, Ende der 1920er Jahre. Die junge Hete arbeitet als Büroangestellte in einer Fabrik. Dort ist auch ihr Verlobter Paul angestellt. Eines Tages stellt Hete fest, dass sie schwanger ist. Trotz seiner sozialen Not entscheidet sich das Paar für das Baby. Als Paul arbeitslos wird, zerplatzt der Traum von der kleinen Familie. Hete versucht, einen Arzt zu finden, der bereit ist, bei ihr eine Abtreibung vorzunehmen. Als sie scheitert, geht sie zu einer Engelmacherin  und erhält als Abtreibungsmittel ein Fläschchen Zyankali. Doch die Dosis, die Hete einnimmt, ist zu stark und sie stirbt qualvoll an einer Vergiftung. Einer der Ärzte, die sie aufgesucht hatte,  zeigte sie an.

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Renate Krößner als Hete 1977 im DDR-Fernsehfilm  von Jurij Kramer 

Die Beklemmung, die ich als Zwölfjährige empfunden habe angesichts der Verzweiflung, kehrte zurück, als ich mir dieser Tage den Trailer zur DVD „Cyankali“ ansah, die zusammen mit der Neuverfilmung des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1977 als Edition vom Filmmuseum Potsdam und dem Filmverlag absolut MEDIEN herausgegeben wurde. Als ich 1962 den Stummfilm von Hans Tintner sah, wusste ich nichts über die Hintergründe der Geschichte, den Abtreibungsparagraphen 218, der seit 1871 im deutschen Strafrecht verankert ist. Das Reichsstrafgesetz belegte einen Schwangerschaftsabbruch mit fünf Jahren Zuchthaus. Es wurde 1926 gelockert und diese Gesetzwidrigkeit „nur“ noch mit einer Geldstrafe oder mit Gefängnis unter drei Monaten bestraft. Eine Reform des Paragraphen 1927 legalisierte den Schwangerschaftsabbruch dann aus medizinischen Gründen. Die Angst vor der Strafe war jedoch bei den Arbeiterfrauen in den 20er Jahren lange nicht so groß wie die vor noch erdrückenderer sozialer Not, nicht zu wissen, wie man das Kind ernähren soll. So stieg die Zahl der Abtreibungen weiter.

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Filmszene aus dem Stummfilm „Cyankali“ von 1930: Hete und Paul sind verzweifelt

1926 stellte der 45. Ärztetag in Eisenach fest, dass „die Zahl der jährlichen Abtreibungen in Deutschland auf 500.000 bis 800.000 geschätzt wird, darunter 10.000 Todesfälle“. Sie geschahen, bedingt durch den Paragraphen 218, in der Illegalität. Progressive Ärzte, Wissenschaftler und Künstler wie Friedrich Wolf, die das Dilemma in den Proletarierfamilien erkannt hatten, setzten sich vehement für eine humane Gesetzgebung ein. Sie forderten die ersatzlose Streichung des § 218 oder wenigstens Straffreiheit bei einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten.  Die Frauen sollten ein Recht darauf haben, selbst darüber zu bestimmen, ob sie das Kind zur Welt bringen wollen.

Friedrich Wolf war nicht nur ein anerkannter Arzt und überzeugter Kommunist, sondern auch erfolgreicher und vielgespielter Dramatiker in der Weimarer Republik. 1928 veröffentlichte er seine Streitschrift „Kunst ist Waffe!“ und nahm unter dieser Maxime kritisch zu brennenden Problemen seiner Zeit Stellung. 1929 erschien sein Sozialdrama „Cyankali“. Das Bühnenstück löste eine gesellschaftliche Debatte um den Schwangerschaftsabbruch aus, dessen Legitimierung Vertreterinnen für die Rechte der Frauen wie die Malerin Käthe Kollwitz seit Anfang der 20er Jahre forderten. Da Friedrich Wolf aus seiner politischen Überzeugung keinen Hehl machte, versuchten seine Gegner, ihn mit dem Vorwurf illegaler Abtreibungen zu diskreditieren. Doch er genoss hohes Ansehen in der Öffentlichkeit und im Ausland, sodass die Kampagnen ins Leere liefen.

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Grete Mosheim als Hete, Filmfoto

Der ambitionierte jüdische Schauspieler und Filmproduzent Hans Tintner griff das Thema auf und realisierte 1929/30 nach Wolfs Bühnenstück den erschütternden Film . Die Zensur verbot „Cyankali“ mehrfach. Erst nach zahlreichen Schnitten gab sie den Film 1930 für die Kinos frei. Die Uraufführung fand mit großem Erfolg am 23. Mai 1930 im Berliner Kino Babylon am Bülow Platz statt. Drei Jahre später, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, verschwand der Film aus den Lichtspieltheatern. Zu den ersten Gesetzen, die das NS-Regime erließ, gehörte die Paragraphen 219 und 220 des StGB, die Schwangerschaftsabbrüche wieder stärker unter Strafe stellen.

Und wo stehen wir heute? Wirklich geändert hat sich seit 1871 nichts. Der Paragraph 218 steht noch immer im deutschen Strafgesetzbuch. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland heute noch mit einer Freiheitsstrafe bedroht, wenn auch Ausnahmen und Grenzen definiert sind. Einen Lichtblick schien es mit der 1974 vom Bundestag verabschiedeten Fristenregelung zu geben. Sie sah Straffreiheit bei Abbrüchen in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten vor, wie seinerzeit von Friedrich Wolf gefordert. Im Februar 1975 wurde das vom Bundesverfassungsgericht als unvereinbar mit der im Grundgesetz verankerten Unantastbarkeit des menschlichen Lebens befunden. Am 6. Mai 1976 verabschiedete der Bundestag eine modifizierte Indikationsregelung als Kompromiss. Neben der medizinischen, der kriminologischen und der eugenischen (bei Schädigung des Kindes) Indikation bleibt eine Abtreibung innerhalb der ersten zwölf Wochen nun auch bei sozialer Notlage straffrei.
Die Reform des Paragraphen 218 ist vom Bundesverfassungsgericht immer wieder als verfassungswidrig zurückgewiesen worden. Der Kampf um den Schwangerschaftsabbruch polarisierte die Gesellschaft in der BRD bis in die 90er Jahre.

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Erstmalig erscheinen die Filmversionen von „Cyankali“ auf DVD. Die Edition enthält tolle Extras wie einen Rundfunkbeitrag von 1978 zu Friedrich Wolfs Stück. Erhältlich für 24,90 € online und im Handel

Die DDR war in puncto Selbstbestimmungsrecht der Frauen der BRD weit voraus. Sie hat den Paragraphen 218 abgeschafft. Am 9. März 1972 verabschiedete die Volkskammer der DDR ein Gesetz, das eine Fristenlösung vorsah. Jede Frau konnte innerhalb der ersten drei Monate ungestraft eine Interruption vornehmen lassen. Ohne dass sie eine Indikation erfüllen musste. Die Aufklärung über eventuelle Risiken wie die Gefahr, keine Kinder mehr bekommen zu können, übernahmen die überweisenden Gynäkologen. Gegenstimmen gab es aus religiösen Gründen von den Volkskammer-Abgeordneten der Fraktion der CDU.

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Hete stirbt. Filmszene mit Renate Krößner ( Hete), Ursula Braun (Mutter), Hermann Beyer (Paul) und Heinz Behrens (Dr. Möller) aus dem DFF-Film 1977

Dieser Fortschritt wurde 1990 mit dem Beitritt der DDR zur BRD und ihrem Rechtssystem hinfällig. Eine Kompromisslösung zwischen dem alten DDR-Recht und dem StGB der Bundesrepublik musste gefunden werden, denn die Frauen aus den neuen Bundesländern wollten ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht aufgeben.  Am 29. Juni 1995 beschloss der Bundestag das Abtreibungsrecht, nachdem die Interruption innerhalb der ersten zwölf Wochen straffrei bleibt, wenn die Frau eine nach § 218a Abs. 1 StGB vorschriftsgemäße Beratung nachweist oder eine Indikation nach § 218a Abs. 2 und 3 StGB. Damit waren die Debatten aber nicht beendet. Mit dem „Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes“ , das im Januar 2010 in kraft trat, wurden die Anforderungen an eine umfassende Aufklärung, Betreuung und Begleitung der Schwangeren bei einer möglichen medizinischen Indikation neu geregelt. Das Gesetz schreibt nun auch für Abbrüche nach der 14. SSW eine dreitägige Frist zwischen Diagnose und Schwangerschaftsabbruch vor, die es zuvor nicht gab. Die angehenden Eltern sollen nicht im ersten Schock nach der Diagnose eine Entscheidung treffen.

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Marianne Wünscher als „Engelmacherin“ Madame Heye und Renate Krößner. DFF-Film 1977

Die hochkarätig besetzte Neuverfilmung des DDR-Fernsehens von Friedrich Wolfs Theaterstück „Cyankali“ entstand 1977 aus Anlass des 5. Jahrestages der Abschaffung des Paragraphen 218 in der DDR. In der Rolle der Hete ist Renate Krößner zu sehen, Hermann Beyer spielt deren Verlobten Paul. In den anderen Rollen hat Regisseur Jurij Kramer u. a. Annekathrin Bürger, Marianne Wünscher, Rolf Römer und Heinz Behrens besetzt.

Wenn wir uns umsehen in unserem Land, ist die Aktualität des Themas beklemmend. Den Paragraphen 218  gibt es immer noch, Abtreibung ist wie vor 145 Jahren grundsätzlich immer noch strafbar. Zeit, neu zu diskutieren.

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Ich danke dem Filmverlag absolut MEDIEN für die Fotos.