Archiv der Kategorie: Jubiläum

Morten Grunwald – der ewige Benny. Die Olsenbande wird 50!

Dieser Tagen im Juli 1968 gingen im Kopenhagener Vorort Valby die Dreharbeiten für den ersten Coup der „Olsenbande“ zu Ende. Wer erinnert sich nicht: Nach einem missglückten Einbruch in ein Zigarrengeschäft wandert Egon Olsen ins Kittchen und kommt nach zwei Jahren mit einem „genialen“ Plan wieder raus. Mit Werkzeugen wie Wollknäuel, Stricknadel und Kaugummi will er mit seinen Kumpels Kjeld Jensen und Benny Frandsen das Nationalmuseum um einen kostbaren Schatz „erleichtern“ . Alle drei träumen vom großen Geld. Sie haben die Nase voll von ihrem eintönigen Alltagsleben, dem Malochen, wenn sie gerade mal einen Job haben. Ab in den Süden und es sich gut gehen lassen – das ist ihr Ziel. Egon Olsen, Gentlemanverbrecher, erfindungsreich und Perfektionist, ist Chef und Namensgeber der Olsenbande. Seine Spezialität ist das Knacken von Tresoren, wozu er nicht mehr braucht als ein Stethoskop und Fingerspitzengefühl am Zahlenschloss. Sie tricksen den tollpatschigen Polizei-Assistenten Mortensen und den schießwütigen Provinz-Sheriff aus. Trotzdem landet Egon am Ende wieder hinter Gittern und kann neue Pläne schmieden.

Morten Grunwald
Morten Grunwald (Benny Frandsen in Filmreihe „Die Olsenbande“ am 5. April 2018 zu Besuch in der dänischen Botschaft in Berlin © Uwe Toelle/SUPERillu

In Dänemark klingelten die Kinokassen nur so, denn das Gauner-Trio hatte die Herzen des Volkes erobert. Ein Millionen-Coup für die Produktionsfirma Nordisk Film und Start für dreizehn weitere, von Drehbuchautor und Spezialeffekte-Mann Henning Bahs und Regisseur Erik Balling ausgetüftelte Kriminalkomödien, wie es sie seit Chaplins Zeiten nicht mehr gab. Ove Sprogøe (Egon Olsen), Morten Grunwald (Benny) und Poul Bundgaard (Kjeld) erlangten als Protagonisten der „Olsenbande“ weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus Kultstatus. Sprüche wie Egons „Ich habe einen Plan“ oder Bennys „Mächtig gewaltig, Egon“ sind geflügelte Worte geworden. Insbesondere in der ehemaligen DDR.

Morten Grunwald
Ein kariertes Sakko trägt Morten Grunwald immer noch. Die gelben Socken sind passé ©Uwes Tölle/SUPERillu

Ich traf Morten Grunwald bei einer Talkshow in der dänischen Botschaft. Für Millionen Fans wird der Schauspieler und Theaterleiter immer Benny sein, der lange Kerl mit dem braunkarierten Sakko und den gelben Socken unter Hochwasserhosen, der als unbekümmerter Bruder Lustig linkisch hinter seinem Chef Egon herhüpft.

Herr Grunwald, 50 Jahre Olsenbande, mit welchen Gedanken blicken Sie zurück?
Damals hat keiner von uns geahnt, dass unsere Arbeit eine solche Erfolgsgeschichte werden würde, denn der zweite Film, „Die Olsenbande in der Klemme“, brachte nicht den gleichen Erfolg. Für einen neuen Versuch fehlte Geld. 1971 ging es weiter. Mit der genialen Filmkulisse und der Geschichte „Die Olsenbande fährt nach Jütland“ haben sich Bahs und Balling selbst übertroffen. Von da an wartete das Publikum sehnsüchtig auf eine Fortsetzung im nächsten Herbst. Es stimmt mich wehmütig, dass fast alle, die an den Filmen mitgewirkt haben, nicht mehr unter uns weilen.

Morten Grunwald
Morten Grunwald gibt in der dänischen Botschaft in Berlin Autogramme ©Uwe Tölle/SUPERillu

Eine Zäsur gab es 1974. Mit dem sechsten Streich sollte die Reihe enden.
Sechs Filme lang war die Olsenbanden-Saga bis ins Kleinste erzählt. Wir Drei – Ove, Poul und ich – waren darauf gefasst, dass Schluss ist. Dann brachte Balling das Manuskript für „Die Olsenbande stellt die Weichen“. Ein programmatischer Titel. Es gab fortan Schauplätze, die den Autoren Platz für Parodien und Satire boten.

Wie ist die „Olsenbande“ überhaupt entstanden?
Die Idee hatte Hennig Bahs schon im Kopf, als wir 1967 in Piräus die Filmkomödie „Martha“ drehten. Bei Nachtaufnahmen skizzierte er die Geschichte von drei Gaunern, die in Valby leben. Kleine Leute, die, komme, was wolle, reich werden wollten. Balling und Bahs hatten für die Rollen von Anfang an Ove, Poul und mich im Auge, weil wir gut harmonierten, und schnitten die Charaktere auf uns zu. So war es für uns nicht schwierig, in die Figuren zu schlüpfen.

Morten Grunwald
 Morten Grunwald ließ uns hinter die Kulissen blicken ©Uwe Toelle/SUPERillu

Wie war das Arbeiten?
Völlig unkompliziert. Wenn wir morgens nach Valby kamen, brachte Ove auf seinem Fahrrad eine Karton mit Pfannkuchen vom Bäcker mit. Manchmal gab es in Ballings Büro einen Schnaps. Ove war sehr humorvoll. Es schmerzte ihn, dass Balling ihm als Egon nicht ein bisschen davon gönnte. Poul hingegen war wie Kjeld, der gute Freund, der Wogen glättete, aber auch losschimpfen konnte.

Was verbindet einen Theatermann wie Sie mit dem fröhlich hüpfenden, tänzelnden Benny?
Ich fühlte mich in der Rolle wie ein Fisch im Wasser. Es war ein unbeschwertes und anregendes Arbeiten. Das ganze Gegenteil meines Theaterlebens. Als Schauspieler, Regisseur und Intendant musste ich immer auf mehreren Hochzeiten tanzen, hatte Hindernisse zu überwinden. Benny hat eine Gabe glücklich zu sein, um die man ihn beneiden kann. Ich habe ihn geliebt, aber manche Szenen kosteten mich Überwindung. Zum Beispiel als er in der Spielzeugfabrik an Bälle klopft, die dann komische Laute von sich geben. Oder als er Lachdosen verkaufen sollte. Da hatte ich ziemlich zu schlucken. Doch wer zu Balling kam, musste in Topform sein. Also habe ich meine gute Laune mobilisiert und mich hineingestürzt.

Morten Grunwald
©Uwe Tölle/SUPERillu

Die Olsenbande hatte Millionen Fans in der DDR. Waren Sie eigentlich mal da?
Ja, DDR-Fernseh-Intendant Heinz Adameck hatte uns für den 26. Dezember 1982 persönlich zur „Nacht der Prominenten“ eingeladen, uns Kaviar und Krim-Sekt geschickt, damit wir auch wirklich kommen. Wir kamen alle drei in unseren Kostümen, liefen das Manegenrund im Zirkus ab und gingen dann auf eine Bühne, wo ein riesiger Tresor stand – natürlich ein Modell Franz Jäger. Egon hat ihn geknackt, und da sprangen unsere Synchronsprecher heraus. Damals lernte ich meine Synchronstimme, den Schauspieler und Kabarettisten Karl-Heinz Oppel, kennen. Wir waren uns sympathisch. Ich finde bis heute, dass die Filme durch die hervorragende DEFA-Synchronisierung sehr gewonnen haben. Ich sagte damals: „Die Dialoge sind besser als im Original.“

Morten Grunwald
Morten Grunwald signiert ein Portät seines zweiten Ichs ©Uwe Tölle/SUPERillu

Wie war die Begegnung mit ihren Fans in der DDR?
Das war unglaublich. Wo wir gingen und standen, überall kamen die Menschen auf uns zu. Und im Café durften wir nicht mal unseren Kaffee selber bezahlen. Wir sind dann natürlich auch über den Checkpoint Charlie nach Westberlin gegangen, und da hat sich niemand für uns interessiert. Das brachte uns wieder auf den Boden der Tatsachen.

Was haben die Filme für Ihre Karriere bedeutet?
Ich habe nicht den Eindruck, dass „Die Olsenbande“ etwas Spezielles in meinem Leben bewirkt hat. Es war, wie Poul Bundgaard (Kjeld) sagte: „Wir haben auch anderes gemacht. Natürlich waren es insgesamt 14 Olsenbanden-Filme, die wir gedreht haben, und sie haben einen Teil meines Arbeitslebens ausgemacht. Aber es gibt noch so vieles mehr. Ich habe in 73 anderen Filmen mitgewirkt. Ich habe Theater gespielt, inszeniert. Ich war oft zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Manchmal war es so ein Glücksumstand als würde man in die Nationalmannschaft gewählt.

Als die Kirsten Walther, die Darstellerin der Yvonne, 1987 starb, war die Filmreihe beendet. Trotzdem haben Sie 1998 noch einmal einen Film gedreht. Wie kam das?
Als wir 1996 in unseren Kostümen in Kjelds Wohnzimmer saßen, weil wir mit unserem alten Regisseur Erik Balling einen Werbefilm für einen dänischen Energieversorger gedreht hatten, „Der Energiesparplan der Olsenbande“, fühlten wir uns so, als hätten wir uns erst am Tag zuvor verabschiedet. Nach zwei Tagen waren wir fertig, guckten uns fragend an: Und was wir morgen?  – Am besten einen Film, kam es wie aus einem Munde. Wir brauchen ja nur eine Packung Kaugummi, eine Rolle Garn – und drei Rollstühle (lacht). Das inspirierte Balling zu einer neuen Geschichte: Egon ist senil geworden und in psychiatrischem Gewahrsam gelandet. Er denkt sich immer groteskere Pläne aus, die sorgfältig protokolliert und in einem „Institut für theoretische Kriminalität“ , das Bahs erfand, aufbewahrt werden. Wir sind zwar alle alt geworden, aber die Gesellschaftssatire steckt uns noch immer im Blut. Am 18. Dezember 1998 hatte der Film in Dänemark Premiere.

Morten Grunwald
 ©Uwe Tölle/SUPERillu

Was war Ove Sprogoe für ein Mensch?
Ove war ein sehr besonderer Freund, ein großer Teil meines Arbeitslebens. Wir kannten uns über 40 Jahre und haben mehr als 40 Filme und Theaterproduktionen zusammen gemacht. So wie Ove arbeitete war, er selbst. Was ihn auszeichnet, Temperament, Liebe zu seinen Mitmenschen, er war sehr sozial, ein großer Humanist, und er hatte einen sehr warmen Humor. Diese warme gute Laune war die Grundlage seines Charakters.

Heute kommuniziert man viel übers Internet, Facebook, twittert. Haben Sie da Berührungsängste?
Nein, ich nutze das Internet. Vor allem dann, wenn ich etwas über Menschen wissen will, die mich interessieren. Auf der Leipziger Buchmesse 2012 habe den Autor Uwe Tellkamp kennengelernt, ein großer Olsenbanden-Fan. Neulich war ich Harold-Pinter-Filmseminar und habe erlebt, wie er in seinen eigenen Filmen gespielt hat. Ich war ganz begeistert. Im Internet findet man sehr lange Filmsequenzen mit ihm. Harold Pinter war ein britischer Theaterautor und Regisseur, Literaturnobelpreisträger. Er starb 2008.

Sie tragen ein Metallarmband am rechten Handgelenk. Was bedeutet das?
Das ist ein Silberarmband mit der Gefangenen-Nummer 6 66 4 von Nelson Mandela. Diese Armbänder werden weltweit verkauft und der Erlös geht in die Nelson-Mandela-Foundation zur Bekämpfung von Aids. Die Foundation hat weltweit Botschafter. In den USA ist das Morgan Freeman, in Dänemark gehöre ich mit drei anderen Prominenten dazu. Mandela ist für mich eine der wenigen großen Persönlichkeiten, die die Welt zu einen besseren Ort gemacht haben. Deshalb unterstütze ich seine Stiftung.

Morten Grunwald
©Uwe Tölle/SUPERillu

Sind Sie ein eher ernster oder frohgemuter Charakter?
Sowohl als auch. Allerdings hüpfe ich nicht wie Benny vor Freude. Das ist nicht unbedingt charakteristisch für mich. Balling beobachtete meine Theaterarbeit, und mit den Jahren fügte er Bennys Bewunderung für Egons Ideen kritische Nuancen hinzu. Ich durfte skeptisch sein.

Die Olsenbande wollte reich werden. War das auch Ihr Traum?
Naja, ich bin der glücklichen Lage, dass ich solche Träume nicht zu haben brauchte. Ich war unglaublich privilegiert. Vom Abschluss der Schauspielschule an hatte ich keinen freien Moment. Ich hatte immer eine wunderbare Arbeit, immer zu tun. Ich habe meine große Liebe, die Schauspielerin Lily Weiding, geheiratet, habe Kinder, Enkel, ein Haus, Bilder, Bücher… dafür bin ich dankbar. Und ich teile dieses Glück, in dem ich den Menschen mit meiner Arbeit Freude mache.

Morten Grunwald
Morten Grunwald wurde am 9. Dezember 1934 im dänischen Odense geboren ©Uwe Tölle/SUPERillu

Ihre Frau hat Ihnen vor fast 20 Jahren das Leben gerettet.
Ich wog 40 Kilo mehr als heute und litt an Diabetes II. Hätte meine Frau nicht darauf gedrungen, dass ich meinen Le­­bens­­stil ändere, gäbe es mich nicht mehr. Wir haben das in den Griff bekommen, doch die Krankheit lauert wie eine Kobra im Körper. Sie kann jederzeit zuschlagen, wenn ich nicht aufpasse.

War das ein Grund, sich 2017 vom Theater zu verabschieden?
Wenn man alt wird, ich bin 83, gibt es Einschränkungen. Ich kann die physischen Anforderungen, die die Bühne verlangt, nicht mehr bedienen. Aber eine angemessene Filmrolle würde ich gern annehmen.

 

Kulturtipp:

Vom 4. Juli 2018 bis 17. Februar 2019 zeigt das Filmmuseum Potsdam die Sonderausstellung „Mächtig gewaltig. Die Olsenbande im Museum“ . Zu bestaunen sind originale Exponate aus den Filmen, die Akteure  Egon, Kjeld, Benny und Yvonne werden vorgestellt, ebenso die Menschen hinter der Kamera.

Durchgang_Fotos_Mauer_kl.JPG
Die Olsenbande eruiert im Filmmuseum Potsdam die Lage: Egon (Ove Sprogøe), Kjeld (Poul Bundgaard) und Benny (Morten Grunwald)  ©Michael Lüder/FMP

Das kleine, feste Team um Drehbuchautor und Spezialeffekte-Erfinder Henning Bahs und Regisseur Erik Balling spielte eine wichtige Rolle im dänischen Kino und Fernsehen. Sie produzierten weit mehr, als nur die „Olsenbanden“-Filme. Ein hauptsächlicher Fokus der Ausstellung widmet sich der Frage, wie die dänischen Filme ein Teil der ostdeutschen Identität werden konnten. An ihre ungeheure Medienpräsenz in der DDR, weit über die Olsenbanden-Filme hinaus, wird die Ausstellung ebenso erinnern.

DhGRSCgX4AAR9cO.jpg
Vom 4. Juli 2018 – 17. Februar 2019 ist „Die Olsenbande“ im Filmmuseum Potsdam ©Michael Lüder/FMP

An allererster Stelle steht jedoch der familienfreundliche, große Spaß, den die Filme auch heute immer noch bereiten. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Kunsthalle Rostock und unendlich vielen Leihgebern aus Dänemark und Deutschland. Ein umfassendes Begleitprogramm mit einer Retrospektive aller Teile in Kooperation mit dem rbb Fernsehen und ein Konzert mit Jes Holtsø, dem ehemals kleinen Børge sind geplant, auch einige Macher werden zu Gast im Filmmuseum sein.

De Olsenbande kommt nach Potsdam

Advertisements

Angelica Domröse: Mit Petticoat, engem Pulli und Pferdeschwanz zum Film

Seit dem Tod ihres Mannes Hilmar Thate vor zwei Jahren ist es still um Angelica Domröse geworden. Am 4. April feierte die Schauspielerin ihren 77. Geburtstag. Die „Berliner Pflanze“ gehört zu den auserwählten Größen des deutschsprachigen Films der letzten hundert Jahre, die einen Stern auf dem „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz bekommen haben. Ihre Karriere begann vor 60 Jahren mit der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“.

IMG_4602
Im April 2011 wurde Angelica Domröse mit einem Stern auf dem Berliner „Bolulevard der Stars“ geehrt. Ihr Mann Hilmar Thate starb im September 2016. Quelle: SUPERillu ©Adolph Press/Welscher

Mancher mag für sie  für divenhaft, kapriziös halten, was Ausdruck ihres Anspruchs ist, den sie sich im Laufe ihres Lebens erarbeitet hat. Hartnäckig, unbeirrbar. „Ich bin in der Banalität groß geworden, aber ich hatte immer eine tiefe Abscheu dagegen.“ Sie wollte weg aus diesem Milieu. Studieren, Filme machen. Mit 14 Jahren schon hatte sie diese ganz feste Lebensvorstellung. Heute kann jeder sehen, dass sie sich ihre Träume erfüllt hat. Auf dem Berliner „Boulevard der Stars“ glänzt ein goldener Stern mit ihrem Namen, neben anderen Filmgrößen wie Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Romy Schneider, Hanna Schygulla, Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder. Nicht zuletzt wegen solcher Filme wie dem DEFA-Kultstreifen „Die Legende von Paul und Paula“ oder „Die zweite Haut“ und „Hanna von acht bis acht“  sowie ihrer herausragenden Theaterleistungen. Sie spielte am Berliner Ensemble die Hure Betty in der „Dreigroschenoper“ und die Näherin Babette in Brechts Parabelstück Die Tage der Pariser Commune“. 1966 wurde Angelica Domröse in der DDR zur „Besten Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Im selben Jahr wechselte die damals 25-Jährige zu Benno Besson an die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz und wurde als Cleopatra“ und Die schöne Helena“ gefeiert. In einer Inszenierung von George Tabori brillierte sie 1987 als „Stalin“ und 2001 mit ihrem Mann Hilmar Thate im Theater am Kurfürstendamm in „Josef und Maria“.

Sie war gerade mal 17 Jahre, als sie bei Slatan Dudow in ihrer ersten Filmrolle vor der Kamera stand und noch heute bezaubert sie als Siegi in der DEFA-Liebeskomödie „Verwirrung der Liebe“ mit einer Mischung aus unschuldiger Naivität und verführerischem Sexappeal. In einem Interview mit mir blickte Angelica Domröse noch einmal hinter die Kulissen von damals.

Angelica Domröse
 Schauspielerin Angelica Domröse im Spetember 2010 ©Jürgen Weyrich

Welche Erinnerungen haben Sie  noch an jenen Mai 1958?
Er war aufregend. Ich hatte in der „Berliner Zeitung“ eine Annonce entdeckt, mit der die DEFA für eine Hauptrolle in einem heiteren Spielfilm eine natürliche, fröhliche 16- bis 20-Jährige suchte, Größe ca. 1,60.  Für mich war klar: Die meinen mich!

Wie Sie dachten 1500 Mädchen…
Natürlich, solche Annoncen erschienen ja nicht jeden Tag. Das war etwas Besonderes. Am Tag der Vorstellungsgespräche saßen Hunderte Mädchen in der S-Bahn zum Griebnitzsee. Wie eine Schar Gänse sind wir den Weg zum DEFA-Studio geflattert.

Und wie hat diese Schar versucht, den Regisseur zu beeindrucken?
Wir haben alle unsere Vorzüge hervorgehoben (lacht). Hatten die Taille ganz eng geschnürt, Petticoats unterm Rock, enge Pullis, die langen Haare offen oder als Pferdeschwanz. Ja, und dann saßen wir da und warteten. Regisseur Slatan Dudow hat mit jedem Mädchen gesprochen.

verwirrung_der_liebe_progress_foto_eduard_neufeld_5_
Regisseur Slatan Dudow mit Angelica Domröse und Stefan Lisewski bei den Dreharbeiten für die Hochzeitsszene in „Verwirrung der Liebe“ 1958 ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wie war Ihr erster Eindruck vom Studio?
Das war alles gigantisch für mich und neu. Respekteinflößend. Und es hat mich angezogen. Aber es ist alles mehr über den Bauch gegangen als über den Intellekt. Ich war ein Kinofreak, sah auch gern Theaterstücke. Aber es hatte mich eigentlich nie interessiert, wie das zustande kommt. Schmerzliche Erfahrung habe ich erst beim Drehen gemacht.

Was ist passiert?
Szenen, die wir oft geprobt haben, sind mir beim Drehen dann sehr schwer gefallen. Da gab es einen Tag, an dem ich anfing zu weinen. Mich hat plötzlich die Stille im Atelier gestört, als es hieß: Kamera läuft, Ton ab. Ich hörte mich selbst. Alles war auf mich fokussiert. Das hat mir Angst eingejagt. Dudow hat dann alle aus dem Atelier geschickt und mich ausheulen lassen. Es war für mich mit einem Mal ganz schwer, auf die Rolle zu kommen. Später habe ich das beim Theater öfter erlebt, dass ich nach der xten Vorstellung vollkommen neben der Rolle lag. Und das ist die Schwierigkeit in unserem Beruf: die Abrufbarkeit des Handwerklichen, die Genauigkeit beim Spiel und gleichzeitig muss es wie gerade geboren wirken.

Verwirrung der Liebe Filmspielgel

Für die Zeitungen waren Sie die Favoritin. „Junge Welt“ und „Filmspiegel“ schrieben über Sie. Warum hat sich Slatan Dudow für Sie entschieden?
Er hat es mir später mal gesagt.  Ich hatte die unschuldige Naivität und Natürlichkeit, die er sich für die Rolle der Siegi vorgestellt hatte. Es ist eben etwas anderes, wenn eine 17-Jährige vor der Kamera steht, die noch nie gedreht hat, als wenn es eine 25-jährige Schauspielerin ist. Und dass ich die Rolle bekam, verdanke ich auch Annekathrin Bürger. Sie spielte die Kunststudentin Sonja, deren Freund sie beim Fasching mit Siegi  verwechselt. Das ist ja der Ausgangpunkt der Geschichte. Und ich hatte die gleiche Statur wie sie.

Wurde Slatan Dudow nicht ungeduldig, wenn Sie beim Drehen nicht auf die Rolle kamen?
Nein, überhaupt nicht. Er hat auf mich geachtet wie auf ein rohes Ei. Ich habe ihm wirklich viel zu verdanken. Wenn er sich nicht bei der Filmhochschule für mich verwendet hätte, wer weiß, ob sie mich überhaupt genommen hätten.

Sie standen mit renommierten DDR-Schauspielern – außer Annekathring Bürger waren das Ulrich Thein, Stefan Lisewski, Willi Schrade und Marianne Wünscher – vor der Kamera. Hatten Sie keine Hemmungen?
Meine Idole waren Weltstars aus  französischen und amerikanischen Filmen. Die Schauspieler, mit denen ich in dem Film spielte, kannte ich gar nicht. Ich sage das ohne Arroganz. Mich hat bis dahin künstlerisch niemand geleitet. Dudow war der Erste, dann  war es die Schauspielschule. Danach lernte ich am Berliner Ensemble und bei Benno Besson in seiner großen Zeit an der Berliner Volksbühne was Qualität und was Mist ist.

Wie reagierte Ihre Mutter darauf, dass Sie ausgewählt wurden?
Sie hat Sekt gekauft und mit mir und dem Produzenten angestoßen. Sie musste ja den Vertrag unterschreiben, da ich minderjährig war. Ich weiß noch, wie ihre Hand gezittert hat…

verwirrung_der_liebe_progress_foto_eduard_neufeld_3_
Mit der Verwechselung der Produktionsarbeiterin Siegi auf dem Fasching der Kunsthochschule beginnt die „Verwirrung der Liebe“ ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Warum wollten Sie eigentlich Schauspielerin werden?
Das Kino spielte in meiner Kindheit und Jugend eine enorme Rolle. Ich bin fast jeden Tag ins Kino gerannt, habe mir auch Filme zehnmal angesehen. Das war meine Lebensschule, so wie die Straße. Ich war eine Asphaltassel, bin in den Berliner Trümmern großgeworden. Als ich klein war, habe ich bei einem traurigen Filmende immer gedacht: Wenn du morgen ins Kino gehst, ist der Schluss besser. Und ich war ganz traurig, dass es wieder wie vorher ausging. Mit vierzehn, fünfzehn hatte ich dann schon eine feste Vorstellung von meinem Leben. Ich wollte raus aus dem Milieu, in dem ich lebte, studieren.  In den 50ern war das etwas Besonderes, Student zu sein.

Wie haben Sie denn gelebt?
Meine Mutter verkaufte Fahrkarten am S-Bahnhof Nordbahnhof, mein Stiefvater war Eisenbahner. Es war für mich nicht schön zu Hause. Ich wollte auf Leute mit anderen Interessen treffen. So kam es auch.

Sie waren Sachbearbeiterin beim Deutschen Innen- und Außenhandel. Und plötzlich standen Sie – gerade mal 17 – vor einer Filmkamera. Wie war das, als Sie für „Verwirrung der Liebe“ an der Ostsee die Nacktszene gedreht haben?
Ich hatte da keine Hemmungen. Die Kamera war weit weg. Damit hatte Dudow mir die Scheu genommen. Ihm schwebte bei der Szene, als ich aus dem Wasser steige,  Botticellis „Geburt der Venus“ vor.  Nun hatte ich damals keine Ahnung, wie die aussah noch wer Botticelli war.

verwirrung_der_liebe_progress_foto_eduard_neufeld_1_
Angelica Dömrose und Willi Schrade als Liebespaar, dessen Herzen eigentlich anderen gehören ©DEFA-Stiftung/Icestorm/E. Neufeld

Wo wurde gedreht?
An einem FKK-Strand an der Ostsee. Wir waren angezogen, die Urlauber nackt. Das ging natürlich nicht. Wenn wir drehen wollen, hat der Produktionsassistent durchs Megaphon gerufen: Alles anziehen! Die Statisten, die meisten waren Urlauber,  stöhnten. Nach dem Dreh hieß es dann: Sie dürfen sich wieder ausziehen! Das war absurd. Wie surrealistische Malerei. Einige Szenen wurden im Studio gedreht, weil am Strand nicht das richtige Licht war. Dafür wurde tonnenweise Ostseesand ins Studio nach Babelsberg gebracht.

Nach diesem Film ging es für Sie Schlag auf Schlag weiter?
Ich bin in eine Zeit geraten, in der das Fernsehen explodiert ist. Mit Filmen wie „Papas neue Freundin“ und „Vielgeliebtes Sternchen“ entstand auch eine große Popularität.

M_01530_R
Filmszene mit Erwin Geschonneck 1966 in der DEFA-Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ © DEFA-Stiftung/E. Schweda, H. Wenzel

Mit Erwin Geschonneck drehten Sie 1966 „Ein Lord am Alexanderplatz“.
Ich habe den Film wegen des Geldes gemacht. Am Theater, ich war damals am Berliner Enselmble, verdiente man nicht viel. Obwohl es die Weigel nicht gern sah – Film war für sie Afterkunst – wollte ich drehen. Das war mein Spielbein. Mein Standbein war das Theater. Immer. Mit Geschonneck zu spielen war ein großes Vergnügen. Ich hatte gehört, was für tolle Rollen er am BE gehabt hatte. Man bekommt  – auch wenn man so jung ist schon mit – wer Gewicht hat. Privat war er sehr lustig. Geschonneck hatte stets Stullenpakete mit, Kaffee in einer Thermosflasche  – und einen Klappstuhl. Darüber habe ich immer lachen müssen. Heute verstehe ich ihn. Eh‘ du fragst: Wo kann ich mich mal hinsetzen, sorgst du besser selbst für dich.

Sie wurden bejubelt und hoch geehrt. Was letztlich auch an Ihre Substanz ging.
Ja, kein Erfolg ohne Misserfog. Keine Lust ohne Schmerz. Ich weiß, dass mir der Beruf sehr viel gegeben hat. Durch ihn habe ich zur Literatur, zur Malerei, zur Architektur gefunden. Ich habe Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Habe Länder gesehen, in die ich vielleicht nie gekommen wäre. Es ist ein ganz wunderbarer Beruf, und ich bin dem außergewöhnlichen Dudow dankbar, dass er mir das Tor dahin aufgemacht hat. Aber man muss auch mal loslassen können und mit der Biologie gehen. Mit über 70 ist doch klar, dass der größte Teil der Lebenszeit, in dem man gearbeitet und geliebt hat, mal oben, mal unten war, hinter einem liegt. Der Rest ist sehr kostbar. Ich nutze ihn nur noch für mich.

 

Nina Lizell: „Es ist schön, dass die Menschen mich noch hören wollen.“

Manches im Leben kommt einem gar nicht in den Sinn. Es passiert unverhofft. So erging es mir im April. Ja, das ist eine Weile her. Da hatte ich die schwedische Sängerin Nina Lizell für ein Interview bei mir zu Gast, das dann in der SUPERillu erschienen ist. Nina hatte am Abend ein Konzert aus Anlass ihres 50. Bühnenjubiläums, und sie wollte sich für das Gespräch Zeit nehmen. Da war es praktisch, bei mir den Zwischenstopp zu machen. Ich wohne in der Nähe des Flughafens Tegel. Also erwartete ich sie mit Kaffee und einem selbstgebackenen Marmorkuchen – den mag sie besonders wusste ich. Warum ich das erzähle? Seitdem verbindet uns eine schöne Freundschaft. Wir verstanden uns auf Anhieb, es gab kein Fremdeln. Am 1. September ist Nina 73 Jahre alt geworden. „Ich wurde sehr verwöhnt, es war ein wunderschöner Tag und deine Glückwünsche, liebe Bärbel, haben mich fröhlich gemacht“, schrieb sie mir in einer Mail.

Nina Lizell in der ZDF-Hitparade
Nina Lizell 1969 in der ZDF-Hitparade ©HUIPress

Nina Lizell – das ist „Der Mann mit dem Panamahut“, „Rauchen im Wald ist verboten“ oder „Frech geküsst ist halb gewonnen“ – Ohrwürmer, mit denen das Temperamentbündel aus Schweden in den 70ern das Publikum begeisterte – und es bis heute immer wieder tut. Vor zwei Jahren war nicht sicher, ob sie nach einer schweren Rückoperation auf die Bühne zurückkehren wird. Sie erzählte mir: „Ich habe meinen ganzen Willen zusammengenommen und mir jeden Tag gesagt: Ich muss das schaffen, ich werde das schaffen, wieder auf der Bühne zu stehen.“ Sie konnte nicht stehen, schon gar nicht laufen und hat sich über die Schmerzen gekämpft. „Es ist wirklich wie ein Wunder, dass ich wieder auftreten kann. Ganz komme ich von den Schmerzen nicht los. Aber ich kann sie bewältigen. Ich fokussiere mich auf das Publikum oder jetzt auf das Gespräch, dann merke ich das kaum“, sagte sie und strahlte soviel Freude am Leben aus. „Es ist meine Philosophie, das Positive im Leben zu sehen und zu nehmen. Ich freue mich über jeden Morgen, den ich aufwache.“

Nina Lizell im Arbeitszimmer bei den Vorbereitungen für eine Ve
In Ninas Arbeitszimmer gibt es viele Erinnerungen an Auftritte ©HUIPress

Es fällt nicht schwer, die Sängerin zu mögen. Ihre Freundlichkeit, ihre Liebenswürdigkeit, ihr Lächeln – nichts wirkt aufgesetzt. Sie ist in allem, was sie tut, authentisch. Genau deswegen haben sie Millionen Schlagerfans ins Herz geschlossen. Ihre Karriere begann vor genau 50 Jahren in Deutschland. Im Frühjahr 1967 stand die damals 22-Jährige vor der wichtigsten Weggabelung ihres Lebens. Der eine Pfad führte in die Lüfte, der andere auf die Bühne. „Ich war nach Deutschland gekommen, um bei der Lufthansa Stewardess zu werden, hatte aber nebenher aus Spaß an einem Talentwettbewerb in Wiesbaden teilgenommen, bei dem mich Freundinnen angemeldet hatten – und ich habe gewonnen.

Nina Lizell 1969
Sie bezauberte mit ihrer Stimme, ihrem Temperament und ihrer Natürlichkeit ©HUIPress

Beim Finale in Berlin wurde ich zwar nur dritte, aber im Saal saß Günter Henner, der Produzent von Siw Malmkvist. Er kam zu mir in die Garderobe und lud mich in sein Studio ein. Ich war misstrauisch und fragte, ob ich meinen Vater mitbringen darf. Günter Henner hatte nichts dagegen, und so sind wir am nächsten Tag ins Studio gefahren. Nach den Probeaufnahmen bot er mir einen Schallplattenvertrag an“, erinnerte sie sich in unserem Gespräch. „Ich musste mich entscheiden, denn ich war schon für die Ausbildung zur Stewardess in Frankfurt am Main schon angenommen worden. Und ich habe richtig gewählt!.“ Am 26. August 1967 war Nina Lizell Stargast in der Sendung „Gala-Abend der Schallplatte“, mit der die ARD ihr Farbfernsehprogramm eröffnete. Weltweit sahen 140 Millionen Zuschauer ihren Auftritt. Sie hatte da bereits mit dem Titel „Du gehst vorbei“ ihre erste Schallplatte aufgenommen.

Nina Lizell mit Horst Köbbert bei "Klock 8, achtern Strom"
Nina Lizell mit „Seebär“ Horst Köbbert in der DDR-Fernsehshow „Klock acht, achtern Strom“ 25 Mal  war sie hier zu Gast ©HUIPress

Danach ließ der Erfolg nicht auf sich warten. „Ich habe einen großen Teil davon in der DDR erlebt. Das zu erwähnen ist mir sehr wichtig. Ich habe mich bei euch sehr wohlgefühlt, viele Freunde gefunden. Mit Frank Schöbel habe ich noch eine ganz enge Verbindung. Er hat die Musik für meinen Jubiläums-Titel ,Dankeschön‘ geschrieben.“ Ihren ersten Auftritt hatte sie in Görlitz. Die DDR-Fernsehzuschauer erlebten das temperamentvolle Schwedenmädel zum ersten Mal in der Silvestersendung 1967/68. „Ich habe Tausende von Erinnerungen an diese Zeit“, sagt sie und schwärmt von den Konzerten im Friedrichstadtpalast, den Musiksendungen „Mit Lutz und Liebe“, „Klock 8, achtern Strom“ und „Ein Kessel Buntes“, in denen sie oft zu Gast war. Sie hatte sogar eine Fernsehshow, „Guten Abend, Nina Lizell“, und durfte als einzige Sängerin aus dem Westen eine LP in der DDR produzieren. Bekannte DDR-Schlagerkomponisten wie Arndt, Bause, Rudi Werion und Gerhard Siebholz komponierten für sie, Heinz Quermann und Dieter Schneider schrieben die Texte für ihre Hits. „Das war etwas sehr Schönes und Besonderes.“ Nina Lizell wird vom Publikum in Ost und West geliebt. „Ich bin vor allem durch Osteuropa getourt, war in der Sowjetunion, in Polen, in der CSSR und der DDR natürlich. In Bulgarien bin ich beim Schlagerwettbewerb Goldener Orpheus aufgetreten“, erzählt sie. Im Laufe der Jahre hat sie 90 Schallplatten aufgenommen, ist in 280 TV-Show aufgetreten und hat über 200 Radioaufnahmen produziert.

NinaLizellzuHausein Stockholm-Plattencover.jpg
Zu Hause in Stockholm ©HUIPress

Man sieht der zierlichen Frau nicht an, wieviel Kraft in ihr steckt. Nach den Erfolgen kam eine schwere Zeit für die Sängerin. Nach ihrer Hochzeit mit einem isländischen Komponisten folgte sie ihm 1979 in die USA. Der Anfang vom Ende ihrer Ehe. 1981 kehrte sie mit den zwei Kindern Christian und Karina nach Schweden zurück. „Ich war als Sängerin weg vom Fenster. Niemand kannte mich mehr, als ich mich beim Fernsehen in Stockholm zurückmeldete. Aber ich musste arbeiten, um für meine Kinder zu sorgen.“ Musikredakteur verschaffte ihr Auftritte im Folketspark. Die Zeitungen schrieben über sie, und es ging langsam wieder los. „Aber davon konnte ich nicht leben und meine Kinder ernähren.“ Sie bekam die Chance, als Moderatorin beim Radio zu arbeiten. Nebenher machte sie eine Journalistenausbildung. „Ich habe mich bis zu Programmchefin hochgearbeitet“, erzählt Nina Lizell.

17620482_1322755777818981_608786075636445822_o.jpg
Wenn sie Gäste erwartet, backt Nina gern selbst einen Rührkuchen ©HUIPress

Sie hat 1994 ihre Firma Lizell Media Voice gegründet und startete 1996 in Deutschland ein erfolgreiches Comeback. Sie trat in Fernsehsendungen wie „Riverboat“ und „Musik liegt in der Luft“ auf. Shows und Galas führten sie in die Niederlande und in die Schweiz. Und immer wieder gern kommt sie in ihre „zweite Heimat“ im Osten Deutschlands, in der ihr die Menschen sehr nahe sind. „Sie bringen mir eine große Herzlichkeit entgegen, sind offen und interessiert an meinem Leben. Es ist ein anderes Publikum als im Westen“, erzählt mit viel Wärme in der Stimme. Kürzlich erst war sie musikalischer Gast der „600. Kofferradio“-Sendung von Siggi Trzoß.  „Ich nehme es nicht für selbstverständlich, dass mich die Leute noch hören möchten ist ein großartiges Geschenk. Man muss sich entwickeln.“ In ihren neuen Liedern, Chansons und Balladen, spiegeln sich ihre Lebenserfahrungen.

CD-1-NinaLizell_CD Digipac

Die Musik ist noch ein wichtiger Teil ihres Lebens. Aber glücklich machte sie vor allem ihre Familie. „Ich habe einen wunderbaren Sohn und eine ebenso wundervolle Tochter und fünf Enkelinder und bin eine sehr stolze Oma. Allein das ist zu schätzen.“ Für ihre Enkel hat sie eine Platte mit Kinderliedern aufgenommen. Seit einem knappen halben Jahr ist sie zudem verliebt. „Er ist Schwedens bester Manger und hat mir sehr geholfen. Wir hatten im Juli eine wunderbare Woche auf Mallorca. Er fängt alles erst an…“

Lutz Jahoda: „Die schnellen Jahre haben begonnen.“

Mit Wiener Charme und Schwejkschem Humor erklomm er die Höhen, durchmaß die Tiefen und überwand die Klippen des Lebens, in das er im Brünner Krankenhaus mit einer „sanften Garotte“ geholt wurde. Nun feiert Lutz Jahoda seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass traf ich ihn zum Interview für die SUPERillu (Heft 27/17) in seinem Domizil am Wolziger See. Fesch sah er aus in seinem hellen Anzug. Das Gesicht leicht gebräunt, ja, jugendlich frisch. Die 90 erscheint absurd. Beim Laufen nimmt er einen Stock, schwarz mit silbernem Griff. „Ich bin altersschwach.“ Er meint das ernst, sodass ich es glauben muss, was mir schwerfällt. Unter dem schattigen Dach zweier mächtiger Erlen nehmen wir im Garten Platz. Ein halbes Jahrhundert ist er hier am Wolziger See schon zu Hause. Seine Heimatstadt ist Brünn, heute Brno, in Tschechien. Dort wurde er geboren, erlebte als Elfjähriger den Einmarsch der deutschen Wehrmacht, mit 16 die erste Liebe und wie aufregend Theater sein kann. Bevor er im Februar 1945 in den Zug von Brünn nach Wien stieg, um als freiwilliger Offiziersanwärter der deutschen Luftwaffe – die es zu dem Zeitpunkt nicht mehr gab! – an der Donau im Schützengraben zu landen.

Lutz J. als Kind auf Fahrrad
August 1930 in Brünn. Der dreijährige Lutz mit seiner Mutter Elisabeth (35), der elfjährigen Schwester Elsi und seinem 13-jährigen Cousin Leo aus Wien ©privat

„Der 18. Juni war ein Samstag, der Monat  kühl und feucht. Opernsänger und Grabredner trugen einen Schal. Ich hatte mir mit meiner Wurstelakrobatik zum Ausgang die Nabelschnur zweimal um den Hals geschlungen. Keine gute Ausgangsposition, um ins Leben zu rutschen“, beschreibt Lutz Jahoda seinen Eintritt in die Welt und kommentiert: „Ungerufen kommt Schnitter Tod am liebsten; doch manchmal kommt er auch vergebens.“ Als Schauspieler, Sänger, Moderator und perfekter Entertainer zählte er zu den beliebtesten Künstlern in der DDR. Ihm verdanken die Freunde der heiteren Muse Hits wie den „Kartäuser Knickebein-Shake“,  „Die Blasmusik von Kickritzpotschen“ oder auch „Das Lied vom alten Plattenschrank“. Von 1972 bis 1982 gehörte seine musikalische Revue-Reihe „Mit Lutz und Liebe“, für die er auch die Texte schrieb, zu den besten Unterhaltungssendungen des DDR-Fernsehens.

lutz-j-mit-mutter-elisabeth.jpg
Lutz Jahoda und seine Mutter Anfang der 60er Jahre ©privat

Seine Wurzeln mütterlicherseits liegen in Wien, die seines Vaters im Böhmisch-Mährischen. Brünn war ein bedeutendes industrielles und kulturelles Zentrum der Habsburger Monarchie, danach der ersten Tschechoslowakischen Republik, die 1938/39 von Hitlerdeutschland annektiert wurde. Lutz Jahoda hat das Zeitgeschehen, in das er hineingeboren wurde, stets mit wachem Blick beobachtet, in Tagebuchaufzeichnungen festgehalten und die Irrationalität der deutschen Politik auf seine Art mit Wiener Schmäh und tschechischem Witz kommentiert.

Das Interview in voller Länge:

So gut drauf wie Sie, möchte ich meinen 90. Geburtstag auch erleben. Haben Sie sich für Ihr Lebensalter irgendwann einmal ein Ziel gesetzt?
Ich hatte mir selten Gedanken darüber gemacht, wie lange meine Lebensuhr ticken wird. Alter spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Aber jetzt, da ich neunzig werde, erlaube ich mir den Übermut und sage: START 90 – ZIEL 100. Ob mir das gelingen wird, bezweifle ich.

Warum das denn?
Ein Arzt wollte mich, als ich erst vierzig war, mit folgendem Satz trösten: „Gemach, gemach, der Mensch fällt stufenweise ins Grab.“ Kein Wunder, dass so ein Satz sofort wieder aktuell wird, wenn man das Gefühl hat, täglich gleich einen ganzen Treppenabsatz hinter sich gebracht zu haben. Die Zeit der schnellen Jahre hat begonnen. Und fest steht schon heute, wer gewinnen wird.

Lutz Jahoda
Am 26. Mai 2017 im Interview mit der Autorin. Lutz Jahoda erzählt schmunzelnd von seinem „Wettrennen“ mit Täve Schur 1960 beim Empfang der Olympiateilnehmer im vollbesetzten „Stadion der Hunderttausend“ in Leipzig ©Michael Handelmann

Was haben Sie sich für die Zeit der schnellen Jahre vorgenommen?
Mich endlich auszuruhen und zu beobachten, ob und wie meine neueste Arbeit fruchten wird. Wenn alles gut geht, wird mein Buch „Lustig ist anders“ bereits im Hochsommer im Handel sein. Die farbige Illustration besorgte der Karikaturist Reiner Schwalme, bekannt als Zeichner der Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel “ und inzwischen auch des Berliner „Tagesspiegel“.

Alles andere als lustig war wohl jene Zeit, als Sie mit siebzehn in den letzten Kriegswochen an die Front mussten?
Wohl wahr. Da sollte ich südöstlich von Wien die Dritte Ukrainische Front aufhalten. Seither weiß ich Vogelgezwitscher zu schätzen und zu hassen, was Atemluft bleihaltig macht. Um nicht eingekesselt zu werden, kam bald der Befehl, die Stellungen zu verlassen. Da hatte das Maschinengewehrfeuer zum Glück aufgehört. Noch heute frage ich mich, wieso ich plötzlich allein unterwegs war. Die einzigen Begleiter waren links und rechts die Einschläge explodierender Granaten. Später reimte ich: Wie tarnt man beim Verdrücken als Vormarsch seinen Lauf? Das Koppelschloss am Rücken, den Helm verkehrt rum auf! Das einzig gute Gefühl aus jener Zeit: Ich brauchte niemanden zu erschießen.

Lutz Jahoda
Sein Buch „Lutz im Glück und was sonst noch schieflief“ erschien 2001 im Verlag Das Neue Berlin ©Michael Handelmann

Schon in Ihren Memoiren „Lutz im Glück und was sonst noch schieflief“ haben Sie das politische Zeitgeschehen mit Ironie und Spott kräftig gegen den Strich gebürstet als könnten Sie nicht anders.
Das einzig Ererbte, wovon ich heute noch zehre. Dabei war mein Erscheinen auf dieser Welt alles andere als humorig. Ich würde es eher als suizidverdächtig bezeichnen: Ich hatte die Nabelschnur um den Hals. Der Arzt sprach von einer „petitesse“, doch sein Gesichtsausdruck soll nicht nach Geringfügigkeit ausgesehen haben. Die Hebamme bemühte sich um die „Kleinigkeit“, die der Doktor eine „sanfte Garotte“ nannte. Meine Mutter hatte „Karotte“ verstanden und sich gefragt, was an einer Mohrrübe hätte sanft sein sollen, wo doch mein Gesicht eher nach Blaukraut aussah. Doktor Spaßvogel hatte Würgeeisen gemeint, und so muss es mir auch vorgekommen sein.

Sie sind im tschechischen Brünn geboren. Ihre Eltern gehörten zur deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei. Wenn Sie an Ihre Jugend denken, was ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?
Meine Jugendliebe. Sie war fünfzehn, ein Jahr jünger als ich, und saß im Englischunterricht an der Handelsschule in Brünn hinter mir. Für mich war Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt in die Zeitspanne eines Wimpernschlags gefallen. Gern denke ich auch an die „Berliner Illustrirte Zeitung“, die mein Vater für mich binden ließ.

Nur zur Erklärung: Das war die erste Berliner Wochenzeitung. Sie erschien am 4. Januar 1892 zum ersten Mal. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Verleger-Familie Leopold Ullstein vertrieben und das Blatt bis zum Kriegsende ein Organ der NS-Propagandisten.
Mein Vater hatte die Zeitschrift abonniert und den Jahrgang 1927 für mich binden lassen. So wusste ich schon als Knabe, was in der Welt zur Zeit meiner Geburt vorgegangen war bis hin zu den unheilvollen Tagen, als Deutschland dem Hakenkreuz hinterherzulaufen begann. Und so denke ich gern an die erste Tschechoslowakische Republik zurück, die Flüchtlingen aus Deutschland Schutz gewährte. Heinrich und Thomas Mann zum Beispiel erhielten einen tschechischen Pass. Aus dieser Jugendzeit stammt auch meine Sehnsucht, nach Art des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch ein Mann der Zeitung zu werden.

04_1_img169.j Lutz zw. 15 und 16 Jahenpg
Der 17-jährige Lutz bringt seiner Freundin Puzzl ein Ständchen. Acht Monate später fährt er an die Front bei Wien ©privat

Dennoch wurden Sie ein Mann des Theaters.
Ein Bursche vorerst. Ich meldete mich zur Freiwilligen Feuerwehr, um der vormilitärischen Ausbildung bei der Hitlerjugend zu entgehen. Brünn stand nach der Annexion der ČSR ab 1939 unter deutschem Protektorat. Der Chef der Feuerwehr war gleichzeitig Inspizient am Brünner Stadttheater, sodass ich entweder in Uniform hinter der Bühne stand oder im Dritten Rang Dienst hatte, allerdings gelegentlich auch als Kleindarsteller in einer stummen Rolle über die Bühne laufen oder sogar etwas tragen durfte.

Ernsthaft beschritten haben Sie Ihren künstlerischen Weg erst, als Hilde Engel und Erich Elstner, die Eltern von Showmaster Frank Elstner, Sie unter ihre Fittiche nahmen. Mit ihnen gelangten Sie 1946 nach Berlin.
Hilde Engel war Berlinerin. Sie hatte Wohn- und Bleiberecht in der zerstörten Stadt. Und nur so konnte ich als noch nicht Volljähriger, dem Schoß der Familie Elstner zugehörig, mit in Berlin bleiben. Ich erhielt dort privaten Ballettunterricht und von Erich Elstner die Grundausbildung, um in kleinen Rollen bereits bestehen zu können. Elstner brillierte schon in der ersten Inszenierung des Metropoltheaters nach dem Krieg mit Sonja Ziemann, dem späteren Filmstar, singend und tanzend in der Operette „Nächte in Shanghai“ und gründete später das „Theater in der Kaiserallee“.

Wie kam es zu der Bekanntschaft mit dem Schauspielerpaar?
Erich Elstner und Hilde Engel waren in Brünn Theaterstars. Gegen Kriegsende 1945 kam ich in sowjetische Kriegsgefangenschaft und entdeckte Erich Elstner in der slowakischen Hauptstadt Bratislava in einem Lazarett der Roten Armee. Ich erkannte ihn lediglich an der Stimme. Er hatte Gewebswassersucht und ich gerade eine Ruhrerkrankung hinter mir. Russische Ärzte hatten uns kuriert. Wir trafen uns nach der Entlassung im Spätsommer 1945 in Wien wieder. Meine Tante Mary gab Erich Elstner, seiner Frau und ihrem kleinen Sohn Tim – aus dem später Frank wurde – in ihrer Villa Unterkunft. Ich hatte einen Job als Übersetzer in einem amerikanischen Offizierscasino und übermittelte die Wünsche der Amerikaner den Wiener Köchen. Damit gelangte ich in den Genuss, Essen mitnehmen zu dürfen. Was mir augenzwinkernd gestattet wurde, obwohl dies bestimmt gegen die offizielle Order verstieß. Ich versorgte so Onkel, Tante und die Elstners.

Lutz Jahoda
Im Gespräch am 26. Mai 2017 ©Michael Handelmann

Warum sind Sie nicht in Wien geblieben und machten dort eine Schauspielausbildung?
Weil sich dort die vielen Schauspieler der einst zahlreichen deutschen Theater in Böhmen und Mähren gegenseitig auf die Füße traten. Die deutsche Minderheit, die seinerzeit mehrheitlich „Heim ins Reich“ gerufen hatte, wurde im April 1945 aus Böhmen und Mähren ausgewiesen, sämtliche Theater waren wieder tschechisch. Und Österreich hatte nur wenige Städte mit einer maßgeblichen Bühne. Es war ein großes Abenteuer.

In Berlin nahmen Sie auch Ihren Traum in Angriff, Journalist zu werden.
Ich bewarb mich beim Berliner „Nachtexpress“. Die Elstners hätten meinen Journalistenwunsch toleriert. Doch die ersten Theaterangebote kamen schneller als die Zusage der Zeitung für ein Volontariat. Hilde Engel, die viele Theaterleiter kannte, hatte das für mich eingerührt.

Haben Sie noch Kontakt mit Frank Elstner?
Im August 2014 hatte er mich nach Wien eingeladen. Ich zeigte ihm die Villa von Tante Mary, an die er sich, der damals erst vier Jahre alt war, nur noch schwach erinnern konnte. Wir fuhren auch nach Brünn. Das Theater wurde gerade renoviert. Dennoch durften wir auf die Bühne, wo sein Vater Erich Elstner einst ein Star war und ich in dem Reimstück „Die goldene Eva“, gespielt von Hilde Engel, einen Lehrling mimte. Ganze neun Silben hatte meine erste Sprechrolle. Das war 1944, kurz bevor sämtliche deutschen Theater schließen mussten, weil die Künstler an die Front geschickt wurden, nachdem Goebbels den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte. Franks Mutter erfuhr übrigens erst in Wien, dass ich jener war, der ihr damals in der Handwerkerkomödie kurz begegnete.

Sie gehören zu den Pionieren des DDR-Fernsehens, zählen zu den populärsten Unterhaltungskünstlern jener Zeit, wurden als Entertainer mit Ihrer Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ zum Fernsehliebling gekürt – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Fühlten Sie sich gut aufgehoben in der DDR?
Es wäre undankbar von mir, dies zu verneinen. Heinz Quermann setzte mich immer wieder in seinen von ihm redaktionell betreuten Sendereihen ein. Unvergesslich, wie er nach einem Auftritt von mir in der Kongresshalle Leipzig das Publikum zu „Zeugen Jahodas“ machte. Natürlich gab es auch für mich als Liedertexter Schwierigkeiten. Dem gesungenen Wort wurde kritische Aufmerksamkeit geschenkt. Da verschwand schnell etwas in der Schublade, und es war ärgerlich, wenn eine ähnliche Textidee eines Tages im Westen auftauchte und großen Erfolg hatte.

09_Jahoda042 - Foto-Böttcher
1951 sang er als Buffo im Volkstheater Halberstadt in Ludwig Schmiedseders Operette „Heimkehr nach Mittenwald“ ©Böttcher

Warum sind Sie nicht, wie viele andere Künstler, in den Westen gegangen?
Ich war ja im Westen, hatte meinen Wohnsitz in Berlin-Westend, spielte aber 1947-1951 am Theater der Altmark in Stendal und am Volkstheater in Halberstadt. Im September 1951, zu Beginn der neuen Spielzeit, verließ ich das Theater und ging mit meiner zweiten Frau nach Garmisch-Partenkirchen, weil meine Mutter dort lebte. Da ich weder Bergsteiger noch Skilehrer war und auch beim Almauftrieb und Abtrieb den Kühen nur im Weg gestanden hätte, waren es wieder die Amerikaner, bei denen ich mein Brot verdiente. Ich stand mehr in ihrem Post Exchange, einem Laden für Militärangehörige, als auf der Bühne des Zimmertheaters in Garmisch. Wir spielten auch im Schneefernerhaus unterhalb der Zugspitze. Das höchste Theater Deutschlands mit der niedrigsten Gage.

Was trieb Sie in die DDR? Sie hatten das Kapitel Ostdeutschland doch abgehakt.
Eine veränderte Situation. Nach den Unruhen in Ostberlin im Jahre 1953 erhielt ich gute Nachrichten von Kollegen aus Halberstadt. Gelobt wurde das kulturelle Umfeld. Die DDR sei im Begriff, ein Künstlerparadies zu werden. Ich hatte von meiner ersten Frau meinen Sohn Axel in Magdeburg, mein zweiter Sohn Peter wurde in Garmisch geboren. Und so verließ ich 1954 das Werdenfelser Land, sondierte die Lage in Westberlin, die für Künstler nicht rosig war. Eine Reihe von Kunstschaffenden mit Wohnsitz im Westen der Stadt arbeiteten deshalb im Berliner Osten. Sie erhielten vom Westberliner Senat einen Teil ihrer DDR-Gage 1:1 in Westgeld umgetauscht, um Miete, Strom und Heizung bezahlen zu können. Leider traf dieses Entgegenkommen auf mich nicht zu, weil ich durch meinen mehrjährigen Aufenthalt in Garmisch polizeilich in Westberlin abgemeldet war. Damit war ich Bundesbürger und nicht mehr Westberliner. Als ich 1955 einen Vertrag an den Städtischen Theatern Leipzig bekam, wurde ich DDR-Bürger. Nicht ganz freiwillig. Meine DDR-Monatsgage wäre beim Umtauschkurs 4:1 von Ost- in Westmark vollständig für die Miete meiner Wohnung in Westberlin draufgegangen. Aber bereut habe ich den Staatenwechsel nicht. Es ging mir in der DDR immer gut.

10_2_CCI06102011_00001
Der Osten hat ihn wieder. 1955 begann seine Karriere am Operettentheater Leipzig ©privat

Wie sahen Sie den Mauerbau 1961?
Ich liebte Berlin als ungeteilte Stadt, war demnach „not amused“, wie es die Queen ausgedrückt hätte, begriff allerdings schnell, dass die Abschottung aus wirtschaftlichen Gründen notwendig war. Die nicht wegzuleugnende glanzvoll strahlende Wirklichkeit des Westens lockte Zigtausende aus dem Osten weg. Und beängstigend viele Westberliner hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, preiswert Westgeld in Ostgeld umzutauschen und im Osten der Stadt einkaufen. Kaviar, Champagner, die „Wässerchen“ Stolitschnaja, Meißner Porzellan, Kürschnerwaren vom Brühl in Leipzig. Ich erinnere mich, dass der Wiener Schlagersänger Willy Hagara für seine Villa an einem der Rheinhänge Gardinen im Großeinkauf erwarb. Meine dritte Frau, die später mit der morgendlichen Radioreihe „Turnen mit Brigitte“ bekannt wurde, hatte Hagara seinerzeit beratend hilfreich begleitet.

Hatten Sie sich bespitzelt gefühlt?
Die Staatssicherheit hatte ein wachsames Auge auf alles und jeden. Wir dürfen nicht vergessen, was im Lauf deutscher Geschichte Kommunisten und Sozialdemokraten auszustehen hatten, sei es in der Weimarer Republik oder später unter der Hitlerdiktatur. Diese Erfahrung bestimmte Denken und Handeln der DDR-Regierung. Und so gesehen kann die gegenwärtig großflächige Überwachung der Welt durch die zahlreichen Geheimdienste der westlichen Allianz unter Führung von NSA und CIA vorwiegend uns Deutsche mit Osterfahrung nicht schrecken. Wir sind stark durch diesen Heimvorteil.

Lutz Jahoda
Der Sänger, Schauspieler, Autor im amüsanten Gespräch mit mir in seinem Garten unter alten Erlen ©Michael Handelmann

Sie haben sechsmal geheiratet, sind fünfmal geschieden. Konnten Sie dem Weiblichen nicht widerstehen?
Diese Frage wurde mir schon vor Jahren in einer „Riverboat“-Gesprächsrunde gestellt. Damals gestand ich mit schuldhafter Miene: „Ich bin offenbar ein OmH – ein Opfer meiner Hormone.“

Darf ich das so sehen: Mann sieht Frau, Frau sieht Mann, Frau schaut weg, Mann bleibt dran?
Sie sehen das richtig, und Sie machen mich nachdenklich. Als Kind habe ich zur Klavierbegleitung meiner Schwester besonders gern die Lieder mit den Textzeilen „Die süßen Mäderln im Trikot“ und „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n, mein Herz ist groß …“  gesungen. Da war ich erst Fünf!

Klingt wie ein vorweggenommenes Credo Ihres Lebensweges. Ihr Vater war Monarchist, kannte die Geschichte der Habsburger wie ein studierter Historiker und hätte Sie gern als Priester gesehen.
Da hätte ich den Herren Gottschalk und Jauch und vielen männlichen Prominenten bundesdeutscher Fernsehunterhaltung einiges vorausgehabt: Die waren alle nur Ministranten.

08
1947 im Theater der Altmark in Stendal. Er war der  jüngste Operettenbuffo im deutschsprachigen Raum.  Hier traf er Ehefrau Nr. 1, die Tänzerin Helga ©privat

Wie haben Sie Eva erobert, Ihre sechste Ehefrau? Immerhin besteht zwischen Ihnen ein Altersunterschied von 44 Jahren. Sie waren damals 67, Eva 23 Jahre alt.
Ich betreute 1994 für „Radio 50plus“ eine Musiksendung, die einmal wöchentlich mit zweimal 50 Minuten ausgestrahlt wurde und aus kurzweilig interessanten Wortbeiträgen und musikalischen Neuvorstellungen bestand. Um festzustellen, wie genau die Hörer meinen Textbeiträgen folgen, baute ich einen Fehler ein. Eva hatte die „Falle“ entdeckt und einen Preis gewonnen, den ich, als ich das beigelegte Foto von ihr sah, zu einem Studio-Nachmittag an meiner Seite erweiterte. Eva durfte Titel ansagen, erhielt ein Lob des Tonmeisters, der uns ansah und schließlich sagte: „Und wann werdet ihr heiraten?“

Die Hochzeit war 1999. Und wie ist es diesmal: Treue bis zum Sternenstaub?
Ich merke, dass Sie meine Bücher gelesen haben. Eva schenkte uns einen Sohn, der inzwischen neunzehn ist. Ich war zum ersten Mal bei der Entbindung dabei und erwartete das übliche in Film und Fernsehen vorgeführte Szenario. Doch die Schmerzensschreie blieben aus. Gojko Mitic, als Fernsehindianer am Marterpfahl, hätte Mühe gehabt, diese Selbstbeherrschung meiner Frau derart überzeugend nachzuvollziehen. Ich weiß nicht, ob das im Kreißsaal so üblich ist: Ich jedenfalls applaudierte Eva.

Standing Ovation. Waren Sie allen Söhnen ein guter Vater?
Da treffen Sie einen Schmerzenspunkt in mir. Immer unterwegs, im Kopf immer auf Suche nach neuen Programmideen. Auch in der DDR eine Notwendigkeit, wer freischaffend bestehen wollte. So muss ich eingestehen: Was ich meinen anderen Söhnen aus Tourneegründen nicht sein konnte, durfte ich diesem letzten Sohn schenken. Die Halbbrüder verstehen sich bestens. Schade, dass Peter Jahoda, der in Garmisch geborene zweite Sohn, nicht mehr unter uns weilt. Er war ein begnadeter Schauspieler am Hans-Otto-Theater in Potsdam und dabei, auch das Fernsehen zu erobern. Er wollte immer gern seinen Geburtsort Garmisch kennenlernen. Die DDR-Administration ließ ihn nicht reisen. Als er nach der Wende hätte reisen können, war es Schnitter Tod, der ihm dies verwehrte.

Lassen Sie mich einfügen: Ihr Sohn Peter litt an Epilepsie. Am 31. Januar 1991 ist er an einem besonders heftigen Anfall erstickt.
An dieser Geißel, die ihn eines Tages unvermittelt traf, litt er seit Jahren. Aber niemals behelligte ihn das Leiden abends auf der Bühne. Immer geschah es aus der Ruhe heraus. An jenem letzten Januartag 1991 war er allein in der Wohnung. Seine Frau war an diesem Morgen bereits zur Arbeit unterwegs. Es ist so bitter schade um ihn.

Ich habe noch Fragen.
Bitte.

Wie sieht Ihre Lebensbilanz aus?
Gewiss hätte ich beruflich mehr und vielleicht auch Besseres abliefern können. Dies mit dem Brecht-Satz „Doch die Verhältnisse, die war’n nicht so!“ abzutun, wäre leicht, aber ungerecht. Dass ich die Chance ergriff, meine Zweitbegabung zu nutzen, um diese geschichtlich und auch literarisch geglückte Romantrilogie „Der Irrtum“ zu schreiben, wie auch jetzt das letzte Buch „Lustig ist anders“, war mir sehr wichtig. Danken möchte ich Juri Klugmann in Kanada, für dessen Monatsblatt „Deutsche Rundschau“ ich einige Jahre schreiben durfte.

Lutz Jahoda
Seit Mitte der 60er Jahre lebt der gebürtige Tscheche am Wolziger See ©Michael Handelmann

Welche Tiefpunkte schmerzen?
Als wir bei unserer Friedrichstadtpalast-Revue „Strandkorb Nummer 13“ im sonst immer ausverkauften Haus von vielen unbesetzten Stuhlreihen überrascht wurde. Es war im Hochsommer 1961. Ich gehörte zu den Hauptdarstellern, war tagsüber zu Dreharbeiten für den Kinofilm „Das verhexte Fischerdorf“ auf dem Darß. Die Mauer stand und dem Friedrichstadtpalast fehlte das Westberliner Publikum. Der zweite Tiefpunkt kam zwei Jahre darauf, als die Beatles die Musikszene zu verändern begannen, worunter die Rundfunktanzorchester und die Gesangsinterpreten in West und Ost gleichermaßen litten. Und der dritte Tiefpunkt ereilte mich nach der Wende. Eine Bank ließ mich ins offene Messer laufen, indem sie die Kreditwürdigkeit meines Geschäftspartners nicht überprüfte und mich meine Bürgschaft nun bis zu meinem hundertsten Geburtstag belasten wird. Rechtschaffenheit gehört nun einmal nicht zum Geschäftsmodell des Neoliberalismus wie uns die Gegenwart immer noch an vielen Beispielen lehrt.

Sehnen Sie sich nach einer Lutz-Jahoda-Show?
Mit Helene Fischer ist die Showwelt optimal ausgereizt. Mehr geht nicht. Ich genieße die Humorspender und die Vertreter erstklassiger Politsatire, erfreue mich am Schauspielernachwuchs, den ich neidlos allabendlich im Fernsehen bewundere.

Lutz Jahoda
Kaum zu fassen. Er wird 90! ©Michael Handelmann

Zum Schluss noch eine Frage, die ich nicht aussparen möchte: Haben Sie eine Empfehlung zum Thema „Jugendliche Frische im Alter“?
Keinesfalls mit übertrieben sportlicher Aktivität oder gar mit Unterstützung von Appetitszüglern dem „Dorian-Gray-Symptom“ verfallen. Meinetwegen gern Oscar Wildes Buch zum Wahn ewiger Jugend lesen, aber keinesfalls Körper und Geist spalten lassen, was offenbar zum gegenwärtigen Zeitgeist gehört: im Interesse von Umsatzsteigerung und selten zum gesundheitlichen Nutzen der Verbraucher. Da möchte ich gern auf den bekannten Erkenntnissatz zurückgreifen: „Nichts ist schlimmer im Alter als im Körper eines jungen Menschen gefangen zu sein“.

Vielleicht noch etwas Heiteres im Hinblick auf Ihr Geburtsdatum am Sonntag?
Nun bin ich neunzig, was mich schon sehr wundert.
Nicht immer hab ich meiner Pflicht genügt.
Es könnte sein, dass demnächst nichts mehr zundert,
sagte mein Doktor. Der wird morgen hundert.
Da kann ich nur noch hoffen, dass er lügt.