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Nina Lizell: „Es ist schön, dass die Menschen mich noch hören wollen.“

Manches im Leben kommt einem gar nicht in den Sinn. Es passiert unverhofft. So erging es mir im April. Ja, das ist eine Weile her. Da hatte ich die schwedische Sängerin Nina Lizell für ein Interview bei mir zu Gast, das dann in der SUPERillu erschienen ist. Nina hatte am Abend ein Konzert aus Anlass ihres 50. Bühnenjubiläums, und sie wollte sich für das Gespräch Zeit nehmen. Da war es praktisch, bei mir den Zwischenstopp zu machen. Ich wohne in der Nähe des Flughafens Tegel. Also erwartete ich sie mit Kaffee und einem selbstgebackenen Marmorkuchen – den mag sie besonders wusste ich. Warum ich das erzähle? Seitdem verbindet uns eine schöne Freundschaft. Wir verstanden uns auf Anhieb, es gab kein Fremdeln. Am 1. September ist Nina 73 Jahre alt geworden. „Ich wurde sehr verwöhnt, es war ein wunderschöner Tag und deine Glückwünsche, liebe Bärbel, haben mich fröhlich gemacht“, schrieb sie mir in einer Mail.

Nina Lizell in der ZDF-Hitparade
Nina Lizell 1969 in der ZDF-Hitparade ©HUIPress

Nina Lizell – das ist „Der Mann mit dem Panamahut“, „Rauchen im Wald ist verboten“ oder „Frech geküsst ist halb gewonnen“ – Ohrwürmer, mit denen das Temperamentbündel aus Schweden in den 70ern das Publikum begeisterte – und es bis heute immer wieder tut. Vor zwei Jahren war nicht sicher, ob sie nach einer schweren Rückoperation auf die Bühne zurückkehren wird. Sie erzählte mir: „Ich habe meinen ganzen Willen zusammengenommen und mir jeden Tag gesagt: Ich muss das schaffen, ich werde das schaffen, wieder auf der Bühne zu stehen.“ Sie konnte nicht stehen, schon gar nicht laufen und hat sich über die Schmerzen gekämpft. „Es ist wirklich wie ein Wunder, dass ich wieder auftreten kann. Ganz komme ich von den Schmerzen nicht los. Aber ich kann sie bewältigen. Ich fokussiere mich auf das Publikum oder jetzt auf das Gespräch, dann merke ich das kaum“, sagte sie und strahlte soviel Freude am Leben aus. „Es ist meine Philosophie, das Positive im Leben zu sehen und zu nehmen. Ich freue mich über jeden Morgen, den ich aufwache.“

Nina Lizell im Arbeitszimmer bei den Vorbereitungen für eine Ve
In Ninas Arbeitszimmer gibt es viele Erinnerungen an Auftritte ©HUIPress

Es fällt nicht schwer, die Sängerin zu mögen. Ihre Freundlichkeit, ihre Liebenswürdigkeit, ihr Lächeln – nichts wirkt aufgesetzt. Sie ist in allem, was sie tut, authentisch. Genau deswegen haben sie Millionen Schlagerfans ins Herz geschlossen. Ihre Karriere begann vor genau 50 Jahren in Deutschland. Im Frühjahr 1967 stand die damals 22-Jährige vor der wichtigsten Weggabelung ihres Lebens. Der eine Pfad führte in die Lüfte, der andere auf die Bühne. „Ich war nach Deutschland gekommen, um bei der Lufthansa Stewardess zu werden, hatte aber nebenher aus Spaß an einem Talentwettbewerb in Wiesbaden teilgenommen, bei dem mich Freundinnen angemeldet hatten – und ich habe gewonnen.

Nina Lizell 1969
Sie bezauberte mit ihrer Stimme, ihrem Temperament und ihrer Natürlichkeit ©HUIPress

Beim Finale in Berlin wurde ich zwar nur dritte, aber im Saal saß Günter Henner, der Produzent von Siw Malmkvist. Er kam zu mir in die Garderobe und lud mich in sein Studio ein. Ich war misstrauisch und fragte, ob ich meinen Vater mitbringen darf. Günter Henner hatte nichts dagegen, und so sind wir am nächsten Tag ins Studio gefahren. Nach den Probeaufnahmen bot er mir einen Schallplattenvertrag an“, erinnerte sie sich in unserem Gespräch. „Ich musste mich entscheiden, denn ich war schon für die Ausbildung zur Stewardess in Frankfurt am Main schon angenommen worden. Und ich habe richtig gewählt!.“ Am 26. August 1967 war Nina Lizell Stargast in der Sendung „Gala-Abend der Schallplatte“, mit der die ARD ihr Farbfernsehprogramm eröffnete. Weltweit sahen 140 Millionen Zuschauer ihren Auftritt. Sie hatte da bereits mit dem Titel „Du gehst vorbei“ ihre erste Schallplatte aufgenommen.

Nina Lizell mit Horst Köbbert bei "Klock 8, achtern Strom"
Nina Lizell mit „Seebär“ Horst Köbbert in der DDR-Fernsehshow „Klock acht, achtern Strom“ 25 Mal  war sie hier zu Gast ©HUIPress

Danach ließ der Erfolg nicht auf sich warten. „Ich habe einen großen Teil davon in der DDR erlebt. Das zu erwähnen ist mir sehr wichtig. Ich habe mich bei euch sehr wohlgefühlt, viele Freunde gefunden. Mit Frank Schöbel habe ich noch eine ganz enge Verbindung. Er hat die Musik für meinen Jubiläums-Titel ,Dankeschön‘ geschrieben.“ Ihren ersten Auftritt hatte sie in Görlitz. Die DDR-Fernsehzuschauer erlebten das temperamentvolle Schwedenmädel zum ersten Mal in der Silvestersendung 1967/68. „Ich habe Tausende von Erinnerungen an diese Zeit“, sagt sie und schwärmt von den Konzerten im Friedrichstadtpalast, den Musiksendungen „Mit Lutz und Liebe“, „Klock 8, achtern Strom“ und „Ein Kessel Buntes“, in denen sie oft zu Gast war. Sie hatte sogar eine Fernsehshow, „Guten Abend, Nina Lizell“, und durfte als einzige Sängerin aus dem Westen eine LP in der DDR produzieren. Bekannte DDR-Schlagerkomponisten wie Arndt, Bause, Rudi Werion und Gerhard Siebholz komponierten für sie, Heinz Quermann und Dieter Schneider schrieben die Texte für ihre Hits. „Das war etwas sehr Schönes und Besonderes.“ Nina Lizell wird vom Publikum in Ost und West geliebt. „Ich bin vor allem durch Osteuropa getourt, war in der Sowjetunion, in Polen, in der CSSR und der DDR natürlich. In Bulgarien bin ich beim Schlagerwettbewerb Goldener Orpheus aufgetreten“, erzählt sie. Im Laufe der Jahre hat sie 90 Schallplatten aufgenommen, ist in 280 TV-Show aufgetreten und hat über 200 Radioaufnahmen produziert.

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Zu Hause in Stockholm ©HUIPress

Man sieht der zierlichen Frau nicht an, wieviel Kraft in ihr steckt. Nach den Erfolgen kam eine schwere Zeit für die Sängerin. Nach ihrer Hochzeit mit einem isländischen Komponisten folgte sie ihm 1979 in die USA. Der Anfang vom Ende ihrer Ehe. 1981 kehrte sie mit den zwei Kindern Christian und Karina nach Schweden zurück. „Ich war als Sängerin weg vom Fenster. Niemand kannte mich mehr, als ich mich beim Fernsehen in Stockholm zurückmeldete. Aber ich musste arbeiten, um für meine Kinder zu sorgen.“ Musikredakteur verschaffte ihr Auftritte im Folketspark. Die Zeitungen schrieben über sie, und es ging langsam wieder los. „Aber davon konnte ich nicht leben und meine Kinder ernähren.“ Sie bekam die Chance, als Moderatorin beim Radio zu arbeiten. Nebenher machte sie eine Journalistenausbildung. „Ich habe mich bis zu Programmchefin hochgearbeitet“, erzählt Nina Lizell.

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Wenn sie Gäste erwartet, backt Nina gern selbst einen Rührkuchen ©HUIPress

Sie hat 1994 ihre Firma Lizell Media Voice gegründet und startete 1996 in Deutschland ein erfolgreiches Comeback. Sie trat in Fernsehsendungen wie „Riverboat“ und „Musik liegt in der Luft“ auf. Shows und Galas führten sie in die Niederlande und in die Schweiz. Und immer wieder gern kommt sie in ihre „zweite Heimat“ im Osten Deutschlands, in der ihr die Menschen sehr nahe sind. „Sie bringen mir eine große Herzlichkeit entgegen, sind offen und interessiert an meinem Leben. Es ist ein anderes Publikum als im Westen“, erzählt mit viel Wärme in der Stimme. Kürzlich erst war sie musikalischer Gast der „600. Kofferradio“-Sendung von Siggi Trzoß.  „Ich nehme es nicht für selbstverständlich, dass mich die Leute noch hören möchten ist ein großartiges Geschenk. Man muss sich entwickeln.“ In ihren neuen Liedern, Chansons und Balladen, spiegeln sich ihre Lebenserfahrungen.

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Die Musik ist noch ein wichtiger Teil ihres Lebens. Aber glücklich machte sie vor allem ihre Familie. „Ich habe einen wunderbaren Sohn und eine ebenso wundervolle Tochter und fünf Enkelinder und bin eine sehr stolze Oma. Allein das ist zu schätzen.“ Für ihre Enkel hat sie eine Platte mit Kinderliedern aufgenommen. Seit einem knappen halben Jahr ist sie zudem verliebt. „Er ist Schwedens bester Manger und hat mir sehr geholfen. Wir hatten im Juli eine wunderbare Woche auf Mallorca. Er fängt alles erst an…“

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Ohne Freiheit geht gar nichts – Zum Tod von Sonja Kehler

Vorbei. Das ist endgültig. Und der Tod ist endgültig. Sonja Kehler wird sich nie mehr zu Wort melden mit Brecht-Liedern, Eisler- oder Weill-Songs. Sie wird auf keiner Theaterbühne mehr stehen – sie hasste Stühle, weil sie beim Sitzen fast immer lag – und uns mit hintersinnigen Kästner-Texte begeistern, mit Versen von Ringelnatz oder uns die expressionistische Lyrik der deutsch-jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler nahebringen. Sonja Kehler hat sich von der Welt verabschiedet. Sie starb am 18. Januar in ihrer Wohnung in Berlin. Leise, ohne Anlass.

Leise war auch der letzte Abschied. Am 2. Februar, es wäre ihr 83. Geburtstag gewesen, wurde die international hoch geschätzte Schauspielerin und Diseuse von ihrer Familie und engen Freunden auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf bestattet.

Nur einmal habe ich die Künstlerin getroffen. In ihrer Berliner Wohnung. Für ein kleines Porträt, zu ihrem 76. Geburtstag. Zum 75. hatte es nicht geklappt. Mein Respekt, meine Hochachtung wirkten wie eine Bremse. Sie löste sie umgehend mit ihrer Gastfreundlichkeit, ihrer unkomplizierten Art, sich auf Menschen einzulassen. Eigentlich wollte sie nach Mecklenburg, wo sie in einem Bauernhaus auf dem Dorf lebte. Ihr Platz, um die Seele baumeln zu lassen, was aber höchst selten vorkam. Viele Freunde, ihre Lieblingsenkeltochter Paula und ihre Urenkel Oskar und Julia besuchten sie oft und gern. Auch, um ihre dänische Küche zu genießen.

Sonja Kehler
Im Januar 2009 traf ich Sonja Kehler in ihrer Berliner Wohnung zum Interview. Foto: Yorck Maecke

Damals, im Januar 2009, lagen gerade wieder ein paar Wochen Dänemark vor der rastlosen 76-Jährigen. Seit Mitte der 80-Jahre hatte Sonja Kehler an der staatlichen Schauspielschule in Odense als Gastdozentin gelehrt, an verschiedenen Theatern in Dänemark gearbeitet und dafür die Landessprache perfekt gelernt. Berlin war Zwischenstation, wenn sie mit ihrem Pianisten Milan Šamko zu Konzerten in Deutschland unterwegs war oder nach Spanien und Portugal geflogen ist, wo man die eigenwillige Künstlerin sehr schätzte. 2006 hatte man sie als Brechtexpertin nach Sevilla geholt, um das Theater-Ensemble bei der Einstudierung der „Dreigroschenoper“ zu unterstützen. Daraus ergaben sich weitere Arbeiten. 2007 erarbeitete sie mit dem international renommierten Professor für Choreographie und zeitgenössischen Tanz Paco Macià Vicente in Murcia den „Kaukasischen Kreidekreis“. Später folgte ein neues Brecht-Programm.

Dänemark war ihr eine Art künstlerischer Wahlheimat geworden. „Ich bin Mitte der 70-er Jahre zum ersten Mal in Kopenhagen aufgetreten, und es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnerte sie in unserem Gespräch. Danach wurde sie immer wieder eingeladen, auch nach Svendborg in das Haus mit dem Strohdach, in dem Brecht zwischen 1933 und 1939 gewohnt hat. Nach einem Workshop zur Arbeit mit Brecht war die Schauspielschule von Odense auf sie zugekommen und hatte gefragt, ob sie Interesse hätte, Interpretationsunterricht zu geben. „Ich war die einzige, die mit Brecht anders umging, sehr viel körperlicher.“

Sonja Kehler
Sie war eine der bedeutendsten Brecht-Interpreten, eine Künstlerin von internationalem Format und  Theaterpädagogin. Foto: Yorck Maecke

Für Sonja Kehler, die eigentlich Romanistik in Leipzig studiert hatte und nur durch puren Zufall zum Schauspiel und zum Gesang gekommen war, hieß Theater: Bewegung, Einsatz von Stimme und Körper. Wenn sie redete, redete alles an ihr mit. Arme, Hände, Finger, Augen – ein Stuhl wurde unter ihr zur Bühne. „Ein Schauspieler muss tanzen und singen können, ein Tänzer singen und spielen“, sagte sie. Nach dem Prinzip hat sie ihre Studenten unterrichtet. „Stimme und Körper“ hieß ihr Fach, und sie hat ein Lehrbuch geschrieben, wichtig für Sänger wie Schauspieler, das 2009 in Dänemark erschienen ist.

Kehler singt Brecht_

Sie selbst bezeichnete sich als „singende Schauspielerin“. Der Theaterkritiker und Brechtforscher Prof. Dr. Ernst Schumacher (†2012) schrieb über sie: „Man kann von ihr wirklich sagen, sie sei eine gestische Schauspielerin. Das Anziehende, das Hinreißende ihres Vortrags besteht darin, dass sie zu jedem Gedicht, das sie singend vorträgt, einen eigenen Gestus zu finden vermag… wie sie die Züge ihres Gesichts dem, was sie singt, anpasst oder widersetzt, und natürlich, wie sie die Stimme moduliert und selbst gestisch wirken lässt und wie sie das Kunststück fertigbringt, sich in kaum einer Geste zu wiederholen.“

Ihre Art der Interpretation unterschied die Kehler von der anderen großen Brecht-Interpretin, Gisela May. Als Studentin hatte sie die May in einem Brechtkonzert in Leipzig erlebt und für sich beschlossen: „Das willste nie“. Deshalb hielt sie sich von Brecht-Texten auch lange fern, ließ sich DDR-Lyrik vertonen. 1967 gewann sie beim Chanson-Wettbewerb der DDR den Sonderpreis des Rundfunks. In die „Szene geschubst“, wie sagte, hat sie 1968 der Jenaer Komponist Tilo Medek († 6.2.2006). Er hatte ihr „Meine Wunder“, acht Lieder für Schauspielerstimme und Sinfonieorchester geschrieben. Das war neues Hören. Lächelnd erinnerte sie sich: „Ich stand auf der gleichen Bühne in Leipzig wie damals Gisela May und war richtig stolz.“

Allerdings gab es bei diesem, ihrem ersten Konzert gleich einen „Skandal“. Da stritten sich Kompetenzen über die Frage: Darf man zeitgenössische E-Musik mit U-Musik kombinieren – und dann auch noch eine Schauspielerin singen lassen? Ein Streit, der heute nur noch Schmunzeln hervorruft. Sonja Kehler hatte er genutzt. Sie bekam sehr viele Angebote, so dass für die damals 35-jährige Mutter zweier Töchter keine Notwendigkeit mehr für ein festes Theaterengagement bestand, um Geld zu verdienen. Sie spielte noch als Gast an verschiedenen Bühnen in der DDR, war die She Te in Brechts „Der gute Menschen von Sezuan“, an die 200 Mal die Eliza Doolittle in „My Fair Lady“. Sie feierte Erfolge als Luise in „Kabale und Liebe“, als Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ oder als Elisabeth in „Maria Stuart“.

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Mit ihrem ersten und eigenen Brecht-Programm trat sie 1971 auf. Drei Jahre später trug sie auf dem Eisler-Kongress in Berlin Eisler- und Dessau-Lieder vor. Sie machte Tourneen durch ganz Europa, Ost wie West, und avancierte zur herausragenden Brecht-Interpretin. Sonja Kehler entwickelte nun eigene literarische Programme, immer „gierig auf das Neue“. Wozu auch die wenig bekannten und eigenwilligen Lieder von Kurt Weill gehören. Paul Dessau hatte für sie Brechts Vers „Das Pferd“ vertont. Ein frecher Text über ein Pferd, das nichts taugt und deshalb Politiker wird. Sie durfte das singen – der Text war ja von Brecht und den konnte man in der DDR schlecht verbieten. Sie sang auch unerwünschte Texte von Sarah Kirsch, Günter Kuhnert und Volker Braun. „Meine Freiheit habe ich mir nicht nehmen lassen. Ich habe weltweit über 40 Konzerte im Jahr gegeben und es genossen, fremde Menschen kennenzulernen.“

Sonja Kehler
Die Diseuse und Schauspielern in ihrem Arbeitszimmer. Foto: Yorck Maecke

Eine Merkwürdigkeit hatte sich in den 80-ern ergeben. Die Künstlerin war „in Ungnade“ gefallen, weil nach einem Konzert im Westen ein Musiker weggeblieben war, nicht in die DDR zurückkehrte. Als Verantwortliche musste sie es büßen. Reiseverbot, keine Konzert, keine Plattenaufnahmen. Dann wurden die Devisen knapp und die „Künstler-Agentur der DDR“ schickte sie zur Arbeit ins kapitalistische Ausland.

Dickköpfig reizte es die Kehler immer, ihre schauspielerischen Grenzen auszutesten. Exzellent und international hoch beachtet war ihre liebevolle Interpretation von Rosa-Luxemburg-Texten, Briefe aus dem Gefängnis, mit der sie ab 1980 in einem Ein-Personen-Stück der Mitbegründerin der KPD ein künstlerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Mit dem berühmten Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, der in der DDR als Paradebeispiel für subversives Denken galt. Das Programm wurde im Ausland 150 Mal aufgeführt, aber nur ein einziges Mal in DDR. Nach einem Auftritt in Westdeutschland wurde sie mal gefragt: „Wo würde Rosa Luxemburg eigentlich heute leben wollen? In der DDR?“ Da hat sie gelacht und geantwortet: „Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, wo für sie überhaupt eine Chance wäre. Sie würde wahrscheinlich wieder erschlagen werden.“ Das hat eine Zeitung gedruckt und die Kehler hatte wieder Trouble…

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Einen Ruhestand kannte Sonja Kehler bis zum Schluss nicht. „Nicht zu arbeiten, wäre richtiger Stress für mich“, hat sie immer gesagt. Das wusste niemand besser als ihr Mann, der Regisseur Harald Quist, mit dem sie seit 1975 verheiratet war. Außerdem wollte sie noch viel geben. „Je älter man wird, desto mehr hat man in diesem Beruf einzubringen. Das nicht zu tun, wäre Verschwendung.“ Sie gab bis zum Schluss Unterricht, hat inszeniert und ist mit eigenem Repertoire aufgetreten. Zum 80. Geburtstag hatte sie noch ein großes Konzert in Dänemark und ihren 81. Geburtstag hat sie während einer mehrwöchigen Arbeit mit Studenten wie so oft en passant begangen. Unvergesslich für alle, die sie erlebt haben, bleibt Sonja Kehler bei der „Langen Hanns Eisler Nacht“ am 8. September 2012. Die alte Dame bekam spontane Ovationen für ihren herausragenden Brecht-Vortrag „Ein Pferd klagt an“.

Eine Künstlerin von internationalem Format ist gegangen. Was sie uns hinterlassen hat, sind Platten mit ihren Chansons und Interpretationen von Bert Brecht, Kurt Weill, Paul Dessau und Hanns Eisler. Eine reiche Gabe.

Vera Schneidenbach „Die Musik ist mein Leben“

Später Vormittag. Sonnenschein. Stille, unterbrochen nur von Vogelgezwitscher. Hier, in Berlin-Hohenschönhausen am Malchower Weg ist Vera Schneidenbach zu Hause. Einfamilienhäuser zu Füßen von 10-Geschossern, die auf brachem Land vor dem Dorf Wartenberg Mitte der 80-er Jahre entstanden. Eine grüne Zone mit alten Bäumen und Kleingärten trennt die zwei Welten und bringt zugleich Harmonie in das Bild.

Vera Schneidenbach erwartet mich am Gartentor vor ihrem Häuschen. Wir kennen uns seit langem, bisher aber nur vom Telefon. In meiner Erinnerung habe ich von diversen Auftritten in Unterhaltungsshows des DDR-Fernsehens in den 70ern eine Blondine, schlank mit ebenmäßigen zarten Gesichtszügen, strahlend blauen Augen und einem langen wippenden lockigen Pferdeschwanz. Inzwischen sind ein paar Jahrzehnte ins Land gegangen. Am 22. August wurde sie 74. Ein Alter, das man ihr nur schwer glaubt. Auch wenn die Zeit ihre Zeichen gesetzt hat. Eine frauliche Frisur umrahmt das nun rundliche Gesicht.  Die Zeit ihrer langen blonden Locken ist passé. „Früher war ich jung und schlank. Heute strecken lange Röcke die Figur. Das Alter lässt keinen aus.“ Ihre Begrüßung ist herzlich, fühlt sich vertraut an. Es gibt keine Schwelle, die erst zu überspringen wäre, um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Die Sängerin und Schauspielerin Vera Schneidenbach lebt in Berlin-Hohenschönhausen

Vera Iris Olga Schneidenbach von Jascheroff, so ihr voller Name, bittet ins Haus und fragt sogleich, ob man Zeit mitgebracht hat. Ihr Leben böte jede Menge Gesprächsstoff. Allein die Familiengeschichte würde ein Buch füllen. Sie gibt eine Kurzfassung, die erklärt, was es mit ihrem russischen Adelstitel auf sich hat und warum sie ihn verschweigt. Ihr Vater war der Sohn des russischen Großfürsten Nikolai von Jascheroff und der Tochter des sächsischen Gesandten in Petersburg. „Meine Großmutter hieß Schneidenbach und bestand auf einem Doppelnamen.“ Der Großvater wurde 1917 während der Großen sozialistischen Oktoberrevolution in Russland umgebracht. Veras Großmutter und ihren Sohn schickte man für vier Jahre in die Verbannung und wies sie dann nach Deutschland aus.  „Tolstoi hätte über so eine Geschichte gejubelt“, erzählt Vera Schneidenbach. Sie hat auf den Adelstitel keinen Wert gelegt. Er steht nur in ihrer Geburtsurkunde. In der DDR war er auch eher hinderlich. Ihre drei Brüder hielten es ebenso. Der Sohn ihres Bruders Peter machte es nach der Wende umgekehrt. Dass Vera Schneidenbach die Großtante der Schauspieler Felix und Constantin von Jascheroff ist, wissen nur Eingeweihte.

Motorradsalto
Motorradsalto bei der Fernsehshow „Nacht der Prominenten“ 1970

Die DDR hatte nicht viele Weltstars. Vera Schneidenbach war einer. In 32 Ländern auf vier Kontinenten feierte sie triumphale Erfolge mit Welthits, russischen und deutschen Volksliedern, Evergreens, Musical-Songs und nicht mit zuletzt maritimen Titeln. Sie sind eine Hommage an Warnemünde, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Während sie erzählt, dabei viel lacht, läuft eine ihre neuen CDs. Gerade ist „Ganz Paris träumt von der Liebe“ zu hören. Es könnte Caterina Valente sein, ist aber Vera Schneidenbach. Sie besitzt die gleiche voluminöse Stimme wie ihr großes Vorbild. „Ich habe Caterina Valente bewundert und 1985 bei einem Auftritt im Friedrichstadtpalast kennengelernt. Eine kurze, aber unvergessliche Begegnung“, schwärmt sie. Beide haben noch etwas gemeinsam: Das heitere beschwingte Auftreten, mit dem sie jedes Publikum gewinnen.

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18 Tourneen führten die Sängerin durch die Sowjetunion. Ihre Langspielplatte mit russischen und deutschen Volkslieder wurde 12 Mio. Mal verkauft

Ihre Bühnen standen in der Hitze Afrikas, in der Eiseskälte mittelasiatischer Steppen und in der Schwüle des vietnamesischen Dschungels. Für ihren Mut, dort ein Konzert zu geben, während US-amerikanische Bomber das Gebiet überflogen, wurde sie mit dem Orden „Heldin von Quang-Bingh“ ausgezeichnet. Es war ihre Art der Solidarität mit dem Volk, das um seine Freiheit kämpfte. Eine besonders große Affinität hatten die Menschen in der Sowjetunion zu dem schönen Showstar. Allein 18 Tourneen führten Vera Schneidenbach durch das Land. Um sie zu hören, legten Fans auch mal 800 Flugkilometer zurück, von Semipalatinsk zum Konzert nach Alma Ata. Die Stimme der Frontfrau der Dresdener Reinhard-Stockmann-Band reichte über drei Oktaven. „Unser schönster Exportschlager“ wurde sie von den DDR-Kulturverantwortlichen oft schmeichelhaft genannt. Worte, nicht mehr. „Ach“, sagt sie, „ich war glücklich, mir die Welt ansehen zu können. Es ging mir gut. Der Gedanken, wegzubleiben kam mir nie. Warum auch.“

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Doch die DDR hatte Angst, dass sie dieses Aushängeschild verlieren könnten. Als die US-amerikanische Filmproduktion Goldwyn & Mayer die Schauspielerin, die damals dem Schönheitsideal der Amerikaner entsprach, in einem Unterwasserfilm besetzen wollte, lehnte die Konzert- und Gastspiel-Direktion der DDR das Angebot ab. Genauso wie das Engagement des Konzerthauses Wien, wo Vera Schneidenbach in einem DDR-Musical singen sollte.

Wie heißt es doch: Der Prophet ist im eigenen Land nichts wert. Noch bevor 1987 ihre ersten Langspielplatte „Mein Leben ist die Musik“ in der DDR gepresst wurde, erschien in der Sowjetunion eine LP mit russischen und deutschen Liedern, die sich zwölf Millionen Mal verkaufte. In diesem Land, wo ihre Wurzeln liegen, wurde die sympathische Sängerin hoch verehrt. „Nach einem Auftritt in der Sowjetunion vergaß ich mal ein Haarteil im Hotel. Es wurde mir mit Pilotenpost durch drei Sowjetrepubliken nachgeschickt“, erinnert sie sich und ein versonnenes Lächeln gleitet über ihr Gesicht. Natürlich hat sie auch das ehemalige Gut ihrer Großeltern bei Moskau besucht, besser: gesucht. „Das Gutshaus und alles andere hatte man abgerissen, es gab nichts mehr auf dem Land, nur Bäume und Wiese.“

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1963 hing Vera ihren Beruf als Konstrukteurin an den Nagel und begann ihre Karriere als Sängerin

Im nächsten Jahr blickt Vera Schneidenbach auf 55 Berufsjahre zurück, während der sie eine Million Flugkilometer, ebenso viele im Auto und 30 000 Seemeilen zurücklegte. Den Titel ihrer ersten Langspielplatte „Mein Leben ist die Musik“ hat sie mit Bedacht gewählt. „Das ist so seit ich sechs bin“, sagt sie und erzählt von ihrer Kindheit. Der Vater, übrigens ein leidenschaftlicher Balalaikaspieler, war 1943 im Kaukasus gefallen. Die Mutter zog Vera und ihre Brüder allein auf. „Das war auch in der DDR kein Zuckerschlecken. Trotzdem schickte mich meine Mutter zum Klavier- und  Ballettunterricht.“ Kleine Rollen am Theater in Rostock wurden Veras erste Erfolge. Dennoch trat sie nach dem Abitur zunächst in die Fußstapfen ihres Vaters und studierte Flugzeugbau, lernte Segelfliegen, trat aber nebenher mit der bekannten Dresdner Keller Band im Altmarkt Keller auf.   Das wäre vielleicht so geblieben. Denn sie hatte Spaß an ihrem Beruf.  Doch ein Jahr nach dem Abschluss meines Studium wurde der Flugzeugbau in der DDR eingestellt und ich landete im Forschungs- und Projektierungsbüro Erzbergbau. Wenn ich aus dem Fenster in den Himmel sah, dachte ich: Das kann dich jetzt nicht dein Leben sein.“

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Die Sängerin 2010

Sollte es auch nicht. 1963 wurde sie für eine erkrankte Sängerin zu einem Konzertengagement nach Budapest geschickt. Kurz zuvor hatte sie ihren Berufsausweis als Sängerin erhalten. Ohne den in der DDR auf der Profischiene nichts lief. Danach folgten Engagements in Prag, Sofia, Mamaia, Varna. In Bukarest drehte sie ihren ersten Film, „Das sechste Gebot“. Sie spielte eine Barsängerin, die gleichzeitig Spionin war. „So eine Art Mata Hari, der Film lief auf dem Filmfestival in Constanza, wurde aber nie in der DDR gezeigt.“ Nach Abschluss ihres Studiums für Unterhaltungskunst beim Fernsehen 1968, begannen ihre Tourneen um die Welt. „Wir hatten eine strenge Ausbildung mit 12 Fächern, darunter Klavier, Ballett, Schauspiel, Gesang, Sprecherziehung. Ich gehörte zu den fünf Besten, die ins Fernsehensemble aufgenommen wurde. Es ist schade, dass es so etwas nicht mehr gibt. Heute“,  ereifert sie sich, „schickt man junge Leute von der Straße auf die Bühne, macht sie zu sogenannten Superstars. Das ist doch schlimm.“

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Hochzeit mit dem Verkehrsplaner Dr. Axel Rackow im April 1979

Hochzeit Vera Schneidenbach

Fast wäre in ihrem umtriebigen Leben die Liebe zu kurz gekommen. Doch bei einem Tankstellenstop im April 1979 trieb ihr Amor den Verkehrsplaner Dr. Axel Rackow in die Arme. Ein Vierteljahr später sagten sie auf dem Standesamt „Ja! “ Ihre Liebe hielt den langen Trennungen stand. Anfang der 90er endeten die Auslandstourneen. Es gab keinen, der sie finanzierte. „Eigentlich war ich auch froh darüber. Seit ich nicht mehr unterwegs bin, haben Axel und ich endlich Zeit für uns, und das genießen wir.“

Nach dem Zusammenbruch der DDR lernte die Sängerin, sich zu bescheiden. „Es bringt doch nichts, sich Luftschlösser zu bauen“, sagt sie. Noch einmal nahm sie am „Festival der Freundschaft“ in der Mongolei teil, wo sich Interpreten des Ostens seit 1975 trafen und errang wieder einen der Preise. „Der Jahreswechsel 1990/91 ist mir besonders in Erinnerung“,  lässt sie die Gedanken schweifen. Zehn Wochen hatte sie auf dem Kreuzfahrtschiff „Arkona“ gearbeitet. „Als wir zurückkamen hatte der Veranstalter  Insolvenz angemeldet und wir Künstler bekamen erst nach endlosen Rechtsstreitigkeiten von der Treuhand 13 Jahre später unsere Gage ausgezahlt.“  

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Vera Schneidenbach liebt barocke Gemütlichkeit. In ihren Wohnzimmer finden sich Mitbringsel aus aller Welt

Vera, die immer mit wachem Blick und Gespür die gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR verfolgt hat, sah voraus, dass kein staatliches Archiv vor Veränderungen und Verlusten sicher ist. Deshalb legte sie ihr ein eignes Archiv an. So konnte sie aus ihren über Jahrzehnte gesammelten Rundfunkmit-schnitten und Fernsehaufzeich-nungen 1998 ihre ersten

Plakatvier CDs produzieren und nahm bis heute acht neue Alben auf. Ganz aktuell ist ihre CD mit Liedern von Schubert, Brahms und Mozart. Mit eigenen Programmen tritt sie in  Freizeitstätten auf und umrahmt Feste zu allen Jahreszeiten in ihrem Stadtbezirk und Seniorenheimen.  „So lange ich die Kraft habe, die Zuhörer zu fangen, werde ich das tun.“ Und noch etwas will, muss sie tun: Die Bilder ihrer Reisen aus den Schubladen holen und ein Buch über ihr buntes, turbulentes Lebens schreiben.