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Walter Beck – Ein Leben zwischen Märchen und Wirklichkeit (9)

Während seiner zweijährigen Arbeit für die DDR-Fernsehserie „Stülpner-Legende“ hatte Walter Beck kaum Gelegenheit, den Weg zu verfolgen, den der DEFA-Kinderfilm in dieser Zeit nahm. Nach und nach ist er auch von jenen Regisseuren akzeptiert worden, die dieses Genre zuvor geringschätzt hatten. Neue und vor allem auch junge Filmemacher hatten sich zum Kern derer gesellt, die allen Widerständen zum Trotz auch nach der Auflösung der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Kinder- und Jugendfilm“ weiterhin Filme für ein junges Publikum drehte. Statt des befürchteten Abfalls von Qualität und Kontinuität, wie es zuvor bei jedem Strukturwandel geschah, erlebte der Spielfilm für Kinder durch die nunmehr verteilten Potenzen auf alle Dramaturgengruppen innerhalb der DEFA eine Bereicherung. „Es war nicht nur die Fortführung des zuvor Begonnenen. Es war dies vor allem ein Zugewinn in mannigfacher Hinsicht“, um es mit den Worten von Walter Beck zu sagen.

In Günter Meyers Film „Die Sqaw Tschapajews“ kämpfen zwei Schülerklassen in drei Wettbewerben um eine Reise an die Ostsee. Durch Überheblichkeit und unfaires Spiel bringt sich Mannis (Anke Schwenn) Klasse um den Sieg © DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger

Im Bereich des Spielfilms bremste das Fernsehen die Kinofreudigkeit der Erwachsenen aus. Anders bei den jungen Zuschauern, die ungebrochen weiterhin die Kinosäle füllten. Die Nachfrage und der Anspruch an gute Kinderfilme wuchs und gewann an gesellschaftlicher Bedeutung. In den Jahren 1973 und 1974 hatten jeweils vier Kinder- und Jugendfilme Premiere. Erstmals seit 1969 war wieder der Stand von 1969 erreicht. Damit war der Rückgang der Kinderfilmproduktion seit der Auflösung der Arbeitsgruppe 1970 offenbar aufgefangen. Das ließ „die berechtigte Hoffnung zu“, wie Walter Beck bemerkte, dass das DEFA-Spielfilm-Studio dies in den kommenden Jahren fortsetzen könnte. Allerdings fehlte nunmehr ein Platz für den schöpferischen Austausch zwischen all den vielen Regisseuren, Dramaturgen und Autoren, die sich inzwischen mit dem Film für Kinder befassten.

Hans Kratzerts, im wahrsten Wortsinn, zauberhafter Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ mit Rolf Hoppe in der Titelrolle und Peter Aust als Flammfuß gehörte zu den DEFA-Kinderfilmen, die die Phantasie der Protagonisten als festen Bestandteil in die Handlung integrierten @ DEFA-Stiftung/Uwe Fleischer © DEFA-Stiftung/Uwe Fleischer

Walter Beck, seit 1968 Mitglied im Verband der Film- und Fernsehschaffenden, sah nach seiner Rückkehr in die Babelsberger Gefilde die dringende Notwendigkeit, dem bislang in der Verbandsarbeit ignorierten Kinderfilm und seinen Schöpfern hier eine Plattform zu verschaffen. Mit Klaus Richter de Vroe, Gudrun Deubener, Bärbl Bergmann, Günter Mehnert, Brigitte Gerull, Wieland Becker – allesamt Drehbuchautoren und Regisseure – gründete er am 18. Dezember 1974 in der Sektion Spielfilm des Verbandes die Arbeitsgemeinschaft „Filme für Kinder“, zu deren Leiter er gewählt wurde. Zu den kontinuierlich Mitarbeitenden gehörten sehr bald die Regisseure Rolf Losansky, Siegfried Hartmann, Hans Kratzert und die Autorin Christa Kožik. Walter Beck konstatiert im Kapitel „Die Familie“ in „Mär und mehr“: „Der gemeinsame Gegenstand »Film für Kinder« ist es, der uns, über alle Individualität hinweg, zusammenbringt. So ist diese Arbeitsgemeinschaft der Kristallisationspunkt einer »Familie« der Kinderfilmemacher, die allmählich größer wird,“ und die „die Herstellung von Filmen für Kinder mehr oder weniger als ihre Lebensaufgabe erkennen“.

Nachdem in den zurückliegenden Jahren die Fragen des Kinderfilms im Verband wenig bis gar keine Berücksichtigung gefunden hatten, bestand ein großer Nachholbedarf. Die Arbeitsgemeinschaft hatte sich mannigfaltige Aktivitäten auf ihre Agenda geschrieben, die auf die Weiterentwicklung des Films für Kinder zielten. Walter Beck schreibt: „Jeder neue Film für Kinder des Studios wird in der Arbeitsgemeinschaft ausgiebig analysiert, wobei es nicht nur um den Film geht, sondern darüber hinaus um den Austausch von Ansichten über die Probleme des Films für Kinder…“

Der 15jährige Ernst Thälmann (Michael Hundreiser) mit seiner Mutter (Barbara Adolph) auf dem Markt in „Hamburg“. Gedreht wurde der Film 1974 in Schwerin © DEFA-Stiftung/Heinz Wenzel

Die erste öffentliche Veranstaltung „Kinderfilm im Gespräch“ fand am 5. Februar 1975 statt. Gesehen und diskutiert wurde Bernhard Stephans Film „Aus meiner Kindheit“. Nach Tagebuchaufzeichnungen Ernst Thälmanns werden Episoden aus dessen Kindheit und Jugend um 1900 erzählt. Das Kinopublikum, in seinem Alter, erlebt den Kommunisten und Arbeiterführer als einen Jungen seiner Zeit, der mit Freunden durch Hamburg streift und im Fuhrunternehmen seines Vaters hilft. Er strahlt nichts Heroisches aus. Nichts lässt sein späteres politisches Wirken ahnen.

Der Film rückte das Thema „künstlerische Probleme des historischen Films für Kinder“ wieder in den Fokus. Rege Diskussionen dazu auf der VI. Kinder- und Jugendfilmwoche, die ein paar Tage später in Neubrandenburg stattfand, „markierten den ermutigenden Anfang eines vieljährigen Wirkens unserer gerade ins Leben gerufenen AG »Filme für Kinder«,“ rekapitulierte Walter Beck. In nachfolgenden Jahrzehnten wurden da manchmal Grenzen überdehnt, auch überschritten, neue Themenbereiche erschlossen, andere weiterentwickelt. Und es ergab sich eine Bereicherung in der Vielfalt, nicht zuletzt eine qualitative Höherentwicklung, an der Walter Beck einen beachtenswerten Anteil hatte.

„Trini“– ein langer Weg auf die Leinwand

Mit dem Thema der künstlerischen Umsetzung eines historischen Stoffes für einen Kinderfilm war Walter Beck damals gerade ganz praktisch befasst. Dramaturgin Margot Beichler, Mitautorin seiner Märchenfilme „Dornröschen“ und „Turli“, hatte dem „Heimkehrer“ 1973 ihr Filmmanuskript zu Ludwig Renns Kinderbuch „Trini“ angeboten. Der Vorschlag hatte für ihn „verführerische Aspekte“. Der 1954 erschienene Roman war zu einer Ikone der Kinderliteratur geworden. Trini, ein mexikanischer Indiojunge, wächst in der Zeit der revolutionären Bauernkriege zwischen 1910 und 1920 auf. Sein Schicksal, das sich in Renns Erzählung über zehn Jahre erstreckt, ist eingebunden in einer Fülle von Ereignissen um fiktive und historische Personen, die vor den jungen Lesern ein lebendiges Bild jener Zeit ausbreiten.

Walter Beck sah voraus, dass sich bei Erarbeitung des Szenariums unweigerlich Probleme ergeben werden. Die Struktur des Buches, das sich in 84 Kapitel aufgliedert, in denen Trini zugunsten anderer Figuren oft am Rande bleibt oder gar nicht auftaucht, war nicht zu übernehmen. In „Mär und mehr“ erläutert er ausführlich, dass Film eine Kunst für sich ist, eigenständig und absolut autonom. „Sie kann zu anderen Künsten in ein Verhältnis treten. Sie kann sich des Materials anderer Künste bedienen. Aber sie muß letztlich sich >selbstverwirklichen<.“ Um dem Anliegen des Buches einigermaßen zu entsprechen und der eigenen Filmabsicht gerecht zu werden, „war es notwendig, den beschreibenden und erklärenden Charakter vieler Episoden zu überwinden“. So konzentrierten sich die beiden Autoren Beck und Beichler in ihrem Drehbuch auf die Ereignisse 1918 /1919, in denen der etwa 12jährige Trini einen entscheidenden, sein weiteres Leben bestimmenden Entwicklungsprozess durchmacht. Die zeitliche Einschränkung war auch aus dem Grunde nötig, dass man beim Folgen der Dramaturgie des Buches Trini über die Zeitdauer mit Kindern verschiedener Altersstufen hätte besetzen müssen. Das hätte nicht nur die filmische Umsetzung unnötig verkompliziert, auch die Wahrnehmung der unterschiedlichen Trini-Darsteller als einheitliche Person erschwert. In seiner Version konnte die Rolle durchgängig von einem Kind gespielt werden.

Giso Weißbach spielt Trinis Onkel, den Indio Jeronimo. Szene aus dem Kinderfilm „Trini“ © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Heinz Pufahl

Die Filmhandlung spielt in den letzten Jahren des Bauernkrieges. Trini muss miterleben, wie sein Onkel Jeronimo von den Söhnen des Grundbesitzers Torres verstümmelt und dessen Freundin bei einer Protestaktion erschossen wird. Die aufständischen Bauern des Dorfes nehmen Rache an Torres und zerstören sein Haus. Der Gutsbesitzer kann ins Nachbardorf fliehen und die Armee zu Hilfe rufen.

Graf Ariola (Leon Niemczyk, l.) und Gutsbesitzer Torres (Helmut Schreiber) schmieden einen verwerflichen Plan. Sie locken den Bauernführer Zapata in eine Falle © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Heinz Pufahl

Die Indios ziehen sich in die Berge zurück. Trini geht mit ihnen. Die Bauern bekommen Unterstützung von der revolutionären Armee des Freiheitskämpfers Emiliano Zapata, Trinis Idol. Er bittet ihn, mitkämpfen zu dürfen und wird von ihm zum Kundschafter der „Peones“ ernannt. Als Trini bei einem seiner Streifzüge von einem Komplott der Gutsbesitzer gegen Zapata hört, will er ihn warnen. Doch ehe der Junge seinen Freund erreicht, hatten Torres Schergen Zapata mit einem Kugelhagel schon durchsiebt. Trini schwört sich, seine revolutionären Ideen weiterzutragen.

Es war müßig, eine Reise nach Mexiko für die Außenaufnahmen ins Auge zu fassen. Nicht etwa aus politischen Erwägungen heraus. Die Kosten dafür hätte das Spielfilmstudio in der dafür erforderlichen Währung nicht aufbringen können. Also suchte man nach Alternativen. In den weiten Tälern des Pirin-Gebirges im Süden Bulgariens fanden Walter Beck und Margot Beichler auf ihrer Recherchereise im März 1974 eine überwältigende Landschaft mit Bauernhütten, Kirchen, Brücken vor, die sie hellauf begeisterten.

Trinis Onkel Jeronimo (r. Giso Weißbach) und Paco (Gunter Friedrich), einer der aufständischen Bauern. Im Hintergrund das bulgarische Pirin-Gebirge © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Heinz Puhfahl

Die Motive waren so zahlreich, dass sie für ihr Vorhaben sogar Szenen ins Drehbuch aufnahmen, die ihnen zuvor unrealisierbar schienen, wie der Regisseur in seinen Erinnerungen schildert. Ein geeigneter Schauplatz für die Hacienda bot sich jedoch nicht. Ein infrage kommendes, 400 Jahre altes Kloster bei Plowdiw stand unter Denkmalschutz. Die unumgänglichen baulichen Veränderungen hätten nur unter strengen und kostspieligen Auflagen vorgenommen werden können. Walter Beck sah davon ab, zumal die Bedingungen auch die Arbeitsmöglichkeiten des Filmteams drastisch eingeschränkt hätten. Die Studioleitung entschied schließlich, alle landschaftsverbundenen Szenen im Pirin-Gebirge zu drehen und die Hazienda auf dem DEFA-Gelände in Babelsberg bauen zu lassen, was allemal billiger werden würde. Zudem tat sich die Möglichkeit der Nachnutzung des Objektes für Helmut Nitzschkes Film „Das Licht auf dem Galgen“ auf, der 1976 in Babelsberg gedreht wurde. .

Dennoch brauchte es zwei Jahre, ehe am 16. März 1976 endlich die erste Klappe für „Trini“ fiel. In der Zwischenzeit hing das Vorhaben zeitweilig am seidenen Faden. Die Kalkulation ergab so hohe Kosten, wie bei keinem Kinderfilm zuvor. So wurde die Produktion erst einmal verschoben, um den Autoren Zeit zu verschaffen, das Drehbuch kostensenkend zu verändern. Walter Beck schreibt: „Wir sind nachgerade sicher, erhebliche Einsparungsmöglichkeiten gefunden und eingearbeitet zu haben. Doch wir staunen: Die erneute Kalkulation erweist sich als teurer als zuvor. Insbesondere für den bulgarischen Anteil sind die vorhergesehenen Kosten auf seltsame Weise angestiegen.“ Sie schrieben eine neue Fassung, dann noch eine und noch eine. Ungläubig konstatierten sie, was immer sie an Aufwand strichen und dezimierten, unterm Strich stiegen die kalkulierten Ausgaben von Mal zu Mal. Walter Beck vermutete darin ein Kalkül. Ende Januar 1975 wurde „Trini“ dann auch aus dem Produktionsplan gestrichen.

Viel Arbeit, Energie und Herzblut waren bereits in die Vorbereitungen geflossen. Grund genug für Walter Beck an dem Film festzuhalten. Eine Sache nicht aufzugeben, so lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft waren, so hat er seine Verantwortung als Regisseur immer verstanden. An seiner Seite exponierte sich vor allem Margot Beichler, um „Trini“ in die Planung zurückzuholen. Viele andere an dem Projekt Beteiligte unterstützten die Autoren tatkräftig. Das Wichtigste war jetzt die Besetzung der Rolle des 12jährigen Trini, die sich schwieriger erwies als gedacht.

Bei Probeaufnahmen an der Rostocker Schauspielschule fand Walter Beck in dem 18jährigen Gunnar Helm die Besetzung für Trini, die er sich erhofft hatte. Dazu musste aber Trinis Handlungen auf einen 15jährigen zugeschnitten werden © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Heinz Pufahl

Gleich im Sommer 1974 hatte Walter Beck mit Probeaufnahmen begonnen. Hunderte Jungen hatte er begutachtet. Alle Kinder, die er in die engere Wahl ziehen konnte, entsprachen letztlich doch nicht seinen Vorstellungen. Es sei allerdings nicht ausschließen, räumte er später im Nachgang der Ereignisse ein, dass die fortwährenden Meinungsverschiedenheiten darüber seine Anforderungen, die er an die Kinder stellte, hochschraubten. Im Studio hörte man mittlerweile Stimmen, die für die Besetzung der Rolle mit einem ausgebildeten Schauspieler plädierten. Der Name Gojko Mitić fiel, der damals ein reifer Mann von 35 Jahren war. Zum Bedauern von Walter Beck vertrat gerade der von ihm sehr geschätzte Studiodirektor Albert Wilkening diese Meinung nachdrücklich. Ein Ansinnen, das der Regisseur vehement abwehrte. Das Argument, der Schauspieler sei erwiesenermaßen ein Garant für hohen Zuschauerzuspruch, konnte Walter Beck nicht gelten lassen. „Eine solche Besetzung wäre nicht nur tödlich für die Geschichte gewesen, sie hätte den Film unausweichlich der Kategorie „Indianerfilm“ zugeordnet“, argumentierte er. Und das strebte er ganz und gar nicht an.

Regisseur Walter Beck arbeitete mit vollem Körpereinsatz. Hier demonstriert er, wie Trinis Onkel Jeronimo auf der Hazienda an die Wand gekettet wird © DEFA-Stiftung/ Dieter Lück, Heinz Pufahl

In „Trini“ erwächst die Handlung aus der Klassenauseinandersetzung. Bei allem Abenteuerlichen beherrscht die Konfliktstellung zwischen den Feudalherren und der armen Landbevölkerung die Vorgänge. Die DEFA-Indianerfilme beziehen ihre Handlung aus dem verzweifelten Kampf der Ureinwohner gegen die eindringenden Siedler, macht Walter Beck die Abgrenzung seines Films zu dem Genre deutlich. Als die Studioleitung den jüngeren Michael Kann für die Rolle offerierte, verlor Walter Beck den Glauben, dass man an einer ehrlichen Wiederaufnahme des Stoffes interessiert war. Denn auch eine solche Besetzung war so absurd, dass er in dem ganzen Vorgehen eine taktische Variante mutmaßte, um das von der Direktion ungeliebte Projekt erneut aus dem Plan zu bringen, wie er im Kapitel „Trini“ seines Kaleidoskops schlussfolgert. Für einen Moment spielte er damals selbst mit dem Gedanken, das Projekt aufzugeben. Das hätte jedoch bedeutet, alles schon Erreichte wäre verloren. Und man hätte ihm den „Schwarzen Peter“ für den Tod des Projektes zuschieben können. „Man hätte wohl verbreitet: Der Regisseur hat den Film nicht mehr realisieren wollen“, war er sich damals sicher. Und dem war ganz und gar nicht so.

Wichtige Entscheidungsträger favorisierten immer mehr die Auffassung, ein Kind ohne Schauspielausbildung, die es ja nicht haben konnte, wäre der Rolle nicht gewachsen. Walter Beck musste sich einen Kompromiss überlegen, um den Stoff 1976 realisieren zu können. Er hielt zwar in erster Linie an seiner Konzeption fest, Trini von einem etwa Gleichaltrigen spielen zu lassen. Parallel suchte er an den Schauspielschulen in Berlin, Rostock, Leipzig und Dresden nach einem jungen Darsteller, der sowohl seinen Vorstellungen von der Rolle entsprach als auch die Wünsche der Studioleitung nach einem gewissen Maß an Professionalität erfüllen könnte. In Rostock fand sich in dem hochbegabten Schauspielschüler Gunnar Helm die Besetzung, die sich Walter Beck erträumt hatte. Der 18jährige war von kleiner Statur, hatte eine Physiognomie, der man den Indio abnahm, und wirkte entschieden jünger. Er konnte „durchaus einen etwa Fünfzehnjährigen darstellen“, beschreibt ihn Walter Beck. Mit diesem „Kompromiss“ konnte er leben und gleichzeitig die Kritiker überzeugen. Er schrieb das Drehbuch erneut um, nun zugeschnitten auf einen jugendlichen Trini.

Eckard Bilz in der Rolle des Margarito, einem Kämpfer in der Armee Zapatas, der den 15jährigen Trini beschützt © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Heinz Pufahl

Eine Woche vor Drehbeginn drohten zwei Ereignisse doch noch alles in Frage zu stellen. Walter Beck musste sich von dem Prager Schauspieler Jan Pohan trennen, mit dem er in der „Stülpner-Legende“ gut zusammengearbeitet hatte. Der Grund waren indiskutable Gagenforderungen. Eine so kurzfristige Umbesetzung ist eigentlich eine Katastrophe. Doch das Glück war dem Vorhaben hold. Kinderfilmregisseur Gunter Friedrich bot Walter Beck an, einzuspringen. Er passte perfekt zur Rolle, konnte gut reiten und stand für den gesamten Zeitraum der Dreharbeiten in Bulgarien zur Verfügung. Weniger gut erging es dem Regisseur. Er hatte sich einen heftigen grippaler Infekt eingefangen und hätte die Dreharbeiten eigentlich absagen müssen. „Nach drei Jahren der Auseinandersetzung mit dem Stoff, so kurz vor dem Ziel, will man das nicht wahrhaben“, notiert er. Vollgepumpt mit Antibiotika konnte er immerhin ins Atelier. Die ersten drei Tage war er physisch anwesend, nahm aber kaum etwas wahr. „Das Unternehmen läuft und ist nicht mehr aufzuhalten. Erst nach und nach finde ich mich ihm zugehörig“, steht in seinen Erinnerungen.

Szene aus Walter Becks Kinderfilm „Trini“, gespielt von Gunnar Helm. Der 15jährige Indio-Junge ist mit Ines (Mariana Mitrowitsch), der Freundin seines Onkels Jeronimo unterwegs. Er will zur revolutionären Bauernarmee von Zapata. Gunnar Helm war im letzten Jahr seines Schauspielstudiums in Rostock, als ihn Walter Beck für die Rolle auswählte. Danach setzte er ihn weiteren Filmen ein, 1978 in „Das Raubtier“, 1984 in „Biberspur“, 1985 in „Der Bärenhäuter“ und 1987 in „Froschkönig“. Gunnar Helm ist auch Synchronschauspieler, Sprecher, Puppenspieler und Theaterdarsteller Quelle: Filmportal/screenshot © DEFA-Stiftung/ Horst Hardt

Gunnar Helm war ein Glücksfall, den Walter Beck kaum noch erwartetet hatte. „Die Figur Trini wird durch ihn einprägsam in einer klaren, geradlinigen und dennoch differenzierten Weise gespielt. Er führt, entsprechend meiner erklärten Absicht, einen Jungen vor, der einerseits geprägt durch soziale Herkunft, andererseits beflügelt vom Eifer der Jugend, teilhaben will an dem Kämpfen der Erwachsenen und dem zunehmend die gesellschaftliche Lage klar wird. Die Möglichkeiten, die das Drehbuch bietet, schöpft Helm aus. Es gibt einige Großaufnahmen von ihm, die so viel Emotion auszulösen in der Lage sind, wie ich es nicht zu hoffen gewagt habe.“ In keiner Szene hat der Regisseur das Verlangen, „ihr mit anderen Mitteln aufzuhelfen“, weil die schauspielerischen Leistungen des jungen Akteurs nicht ausgereicht hätten oder er im Zusammenspiel mit filmerfahrenen Schauspielern abfiele. Walter Beck hatte zwar seine Konzeption mit der Variante des jüngeren Trini geopfert, aber mit Gunnar Helm einen Gewinn gemacht. „Er ist alles in allem gut. Für die Geschichte des Films ist er gerade aber dort besonders gut, wo das Kind, das er eben nicht mehr ist, noch deutlich in ihm nachklingt“, bemerkt Walter Beck in seiner Analyse des Films. Er sieht nach diesen Erfahrungen die Richtigkeit seiner ursprünglichen Konzeption bestätigt. „Für diesen Film ist sie verloren. Das wurmt mich. So bin ich bei späteren Filmen in dieser Frage nicht mehr zu Kompromissen bereit.“

Werbeplakat für „Trini“ von Dieter Heidenreich © DEFA-Stiftung/Dieter Heidenreich

Trinis Geschichte wird auf der Leinwand anders erzählt als im Buch. „Manche Veränderungen sind gravierend, andere nur oberflächlich“, führt Walter Beck aus. Er beschreibt die Struktur des Films als Polyptychon, ein Historiengemälde in vier Teilen. „Die Trennungen sind durch Bildmontagen markiert, die ins Gesamtgesellschaftliche weisen.“ Mit seiner Erzählweise konterkariert er die übliche Erwartung der Zuschauer, die auf eine durcherzählte „narrative Einheit“ ausgerichtet ist.
Am 17. April 1977 kam der Film „Trini“ in die Kinos. Die Kinder waren von ihm angetan, hatte Walter Beck den Eindruck. „Doch wo sie vergleichen – geben sie meist dem Buch den Vorzug“, hält er fest. Er bekam viele Briefe von Schülern und Lehrern, die ihn nach dem Verhältnis von Literatur und Film befragen. Er beantwortete sie ausführlich, ging ebenso auf ihre kritischen Fragen zum Film ein, weil diese Auseinandersetzung für ihn legitim ist. Ehrlicherweise lässt er in seiner Analyse auch nicht aus, dass kaum Kritiken erschienen sind, und diese wenig wohlwollend auf den Film reagierten. Recht allgemein, undifferenziert und auch dilettantisch rolle ein Bilderbogen einer uninteressant gebotenen Geschichtsstunde ab, schrieb Karla Anders im „Filmspiegel“ 12/1977. Die Hörfunkjournalistin Margit Voss sah das „Grundübel“ darin, dass nicht konsequent aus Trinis Blickwinkel erzählt wurde, „Seine, wenn auch begrenzte Sicht auf die Welt hätte Identifikationsmöglichkeiten wohl zuallererst herstellen können“, kommentierte sie am 24. April 1977 auf dem Berliner Rundfunk. Walter Beck sah sich sehr wohl in der Verantwortung für diese Einschätzungen. Wichtiger war ihm aber, dass trotz allem anerkannt wurde, dass der Film Trinis Persönlichkeitsentwicklung erlebbar macht. Dies war ihm in all seinen Filmen ein Grundanliegen.

Teil 10
1977 drehte Walter Beck den 100. Kinderfilm der DEFA: „Das Raubtier“. Der Gegenwartsfilm erzählt von einem 12jährigen, der in Konflikte und Widersprüche zu seiner Umwelt gerät, weil er sich mit Leidenschaft und Konsequenz für eine Wahrheit einsetzt, die ihm niemand abnimmt. Er hat einen Wolf im Wald gesehen. Ein Jahr später inszeniert er nach dem beliebten Kinderbuch „Des Henkers Bruder“ seinen zweiten historischen Kinderfilm.

Christel Bodenstein: Sie war der kleine Prinz und Prinzessin Tausendschön

„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!“, sagte der kleine Prinz und lachte wieder. „Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer)“, fuhr er fort, „wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. … Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen … Diese Nacht… weißt du… komm nicht! Es wird so aussehen, als wäre ich krank… ein bißchen, als stürbe ich. Das ist so. Komm nicht das anschauen…“

Christel Bodenstein war wie geschaffen für die Rolle des kleinen Prinzen. DEFA-Regisseur Konrad Wolf realisierte die Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry 1966 mit namhaften DDR-Schauspielern wie Eberhard Esche als Pilot, Inge Keller als Schlange, Fred Düren als Lampenanzünder, Wolfgang Heinz als König © Rudolf Meister, DEFA-Stiftung/DDR-TV Archiv

Es ist der traurigste Moment in Antoine de Saint-Exupérys Geschichte „Der kleine Prinz“. Das zauberhafte kleine Wesen und der gestrandete Pilot sitzen in dunkler Nacht im Wüstensand und nehmen Abschied voneinander. Mir trieb es Tränen in die Augen beim Lesen, und wie erst, als ich die Szene in Konrad Wolfs Verfilmung sah, mit Christel Bodenstein in der Titelrolle. Am 5. Dezember nun hat sich die Schauspielerin ins Universum verabschiedet. Ein Ort, an den sie geglaubt hat, an den sie seit Kindertagen ihre Träume und Wünsche schickte. Fast alle haben sich erfüllt. Nicht immer gleich, nicht immer auf glatten Wegen. Sie ist leise gegangen wie der kleine Prinz in Saint-Exupérys Erzählung.

Für Christel Bodenstein erfüllte sich mit der Besetzung als kleiner Prinz ein Herzenswunsch © Rudolf Meister, DEFA-Stftung/DDR-TV Archiv

Diese Rolle gehörte zu ihren geheimen Wünschen. Sie liebte die Erzählung über alles. „Ich bekam das Buch als junges Mädchen geschenkt. Ich war 17 und fühlte mich so eins mit dem kleinen Prinzen. Es wurde meine Bibel.“ Dass sie sie bekam, war der Unaufmerksamkeit ihres damaligen Mannes, des Regisseurs Konrad Wolf, geschuldet. Er hatte über der Arbeit ihren Geburtstag vergessen. Zu spät fiel es ihm ein. Aber weil damals sonntags – und der 13. Oktober 1965 war ein Sonntag – alle Geschäfte geschlossen hatten, war er sehr in der Bredouille. Zusammen mit dem Drehbuchautor Angel Wagenstein saß er an jenem Wochenende an dem Filmprojekt, und sie sannen über die Besetzung für die Figur des kleinen Prinzen nach. An seine Frau dachte Konrad Wolf nicht. Aus Prinzip. Der Regisseur hasste es nämlich, wenn Kollegen ihre Frauen mit Hauptrollen in ihren Filmen besetzten. Deshalb hat sich Christel Bodenstein auch tunlichst verkniffen, ihn darum zu bitten.

Der kleine Prinz auf der Erde einem König, gespielt von dem großartigen Theatermimen Wolfgang Heinz ©Rudolf Meister, DEFA-Stiftung/DDR-TV Archiv

Dabei hätte es ihm ins Auge springen müssen, dass die zierliche, kindlich wirkende Schauspielerin wie geschaffen war für die Rolle. In seiner Not, und mit dem Rat seines Freundes Angel Wagenstein im Rücken, ließ er Prinzipien Prinzipien sein. Christel Bodenstein mochte es nicht glauben, als ihr Mann am Morgen ihres 27. Geburtagstages sagte: „Ich weiß, dass du dir die Rolle gewünscht hast. Sie ist mein Geburtstagsgeschenk für dich.“ Es war das einzige Mal, dass das Ehepaar für einen Film zusammen gearbeitet hat. Über all die Jahrzehnte behielt Christel Bodenstein die Dreharbeiten als einen besonderen Höhepunkt in ihrem Herzen. „Es war eine sehr schöne Arbeit mit großartigen DDR-Schauspielern“, erinnerte sie sich in unserem Gespräch.

Die bekannte Theaterschauspielerin Inge Keller war die Schlange©Rudolf Meister, DEFA-Stiftung/DDR-TV
Die DVD „Der kleine Prinz“ ist bei Icestorm zu bekommen

Bedauerlicherweise schlummerte der Film dann 50 Jahre im Archiv. Das DDR-Fernsehen wollte ihn ursprünglich zur Eröffnung seines Farbprogramms am 3. Oktober 1969 ausstrahlen, doch es war versäumt worden, sich bei Antione de Saint-Exépurys Buchverlag Éditions Gallimard die Verfilmungsrechte zu sichern. Die Uraufführung erfolgte am Pfingstsonntag 1972, ohne größere Vorankündigung im 2. Programm des DFF. Es war eine einmalige, illegale Ausstrahlung. Die DDR gab es nicht mehr, das Adlershofer Fernsehen war längst abgewickelt, als der zauberhafte DEFA-Streifen ab 2014 ganz legal gezeigt werden durfte. Nach 70 Jahren waren die Autorenrechte erloschen. Die englischsprachige Erstausgabe des Kunstmärchens war im April 1943 in New York erschienen, wo Saint-Exupéry im Exil lebte, und zeitgleich auf französisch im Verlag Éditions Gallimard. Der DEFA-Film wurde aufwendig digital restauriert und erlebte seine große Premiere auf dem 1. Internationalen Märchenfilmfestival 2017 in Annaberg-Buchholz. Für Christel Bodenstein war das einer der glücklichsten Momente in ihrem Leben.

Die Schauspielerin dachte viel über ihr Leben nach. Über das Altern zum Beispiel. Als ich sie 2018 fragte, wie sich das anfühlt, mit 80 die letzten Dekaden seines Daseins anzutreten, nahm sie einen tiefen Zug aus der Zigarette – sie rauchte viel und gern – blinzelte in die Septembersonne und sagte: „Es ist furchtbar! Die 65 und die 70 konnte ich gut aushalten. Aber jetzt begreife ich, was alt werden bedeutet. Es wird nichts mehr besser. Und davor fürchte ich mich.“ Rau und dunkel war der Klang ihrer Stimme. Die Lieblichkeit der Prinzessin aus dem Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“, der sie 1957 berühmt und wohl für alle Zeiten unvergessen gemacht hat, ist lange Vergangenheit. Auch Prinzessinnen bleiben nicht ewig jung und schön, pflegte sie zu antworten, wenn kleine Mädchen ihre Mütter ungläubig fragten: „Ist das wirklich die Prinzessin?“ Sie haderte nicht damit. Und auch nicht damit, dass sie seit der Kinopremiere stets und ständig über diese Rolle identifiziert wurde. „Es ist doch schön, wenn die Kinder diese Erinnerung mit in ihr Erwachsenenleben nehmen und die Freude an dem Märchen weitergeben. Warum sollte mich das traurig machen? Im Gegenteil.“

Ich werde unsere Gespräche wie dieses im September 2018 vermissen © Nikola

Es war unser letztes großes Interview, eine kleine Retropsektive ihres Lebens. Sie trug einen weißen Leinenanzug, den sie extra für die Fotoaufnahmen an gezogen hatte, und hatte ihr einnehmendes Lächeln im Gesicht. Wir saßen wieder einmal in ihrem Garten auf der kleinen Insel zwischen der Gabelung des Oranienburger und Oder-Havel-Kanals bei Borgsdorf. Es fiel ihr damals schon etwas schwer, aufzustehen. Sie nahm starke Tabletten, wenn die Schmerzen zu heftig wurden. Die Wirbelsäule war kaputt vom Tanzen in ihren jungen Jahren. „Wann immer ich über mein Leben nachdenke, komme ich am Ende zu dem Schluss, ich bin ein Glückskind“, resümierte sie damals. Nur an ihre Kindheit in Müchen, wo sie 1938 zur Welt gekommen war, hatte sie keine guten Erinnerungen.

Christel Bodenstein und ihre Schwester Eva 1940 in Waldtrudering. Die Schwestern verloren sich aus den Augen © privat/ Christel Bodenstein

Mitte der 30er Jahre waren ihre Eltern von Erfurt in die bayerische Metropole gezogen. Wilhelm Bodenstein hatte als Kaufmann eine Anstellung in einer großen Sämerei bekommen. „Wir lebten in Waldtrudering in einem kleinen Holzhaus mit einem Rundumbalkon, einem Garten und einem Waschhaus, in dem meine Mutter für andere Leute wusch“, erinnerte sich Christel Bodenstein. Dann brach der Krieg aus und Wilhelm Bodenstein musste an die Front. Eine Zeit, die sich mit Hunger und Sirenengeheul bei Fliegeralarm in ihr kindliches Bewusstsein eingeprägt hatte. Sie war sieben, als der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Ein Mann, der hart und streng war und gern watschte. Christel Bodenstein konnte sich nicht erinnern, dass er sie oder ihre Schwester Eva mal liebevoll in den Arm genommen hätte. Der Krieg hatte das Ehepaar entfremdet. Nach der Scheidung zog die Mutter im September 1949, kurz vor der Gründung der DDR, mit ihrer Tochter Christel zu ihrem Bruder nach Leipzig. Die ältere, Eva, blieb beim Vater. Die Mädchen verloren sich aus den Augen. „Meine Mutter hatte sich gerade noch rechtzeitig entschieden. Ich weiß nicht, was im Westen aus mir geworden wäre. Mit Sicherheit keine Märchenprinzessin“, rekapitulierte die Schauspielerin.

Mit 14 Jahren begann Christel Bodenstein an der Leipziger Ballettschule ihre Ausbildung zur Tänzerin © privat/Christel Bodenstein

In Leipzig begann ein vollkommen anderes Leben für die Elfjährige. Sächsisch war für sie eine Fremdsprache, Bayerisch für die anderen. Die Eingewöhnung gelang mit Mühen. In der Schule sprachen zum Glück alle Hochdeutsch. Zeitlebens verbanden sich mit ihrer Leipziger Schulzeit die großen Pausen. Sie waren das Schönste für das Kriegskind, das so oft Hunger gelitten hatte. „Da gab es für alle ein Brötchen und einen halben Liter Milch“, schwärmte sie. Noch nach Jahrzehnten war es so, dass sie essen musste, sobald ein Hungergefühl aufkam. Egal, ob es mitten in der Nacht war oder ob gerade gedreht wurde. Der Regisseur musste unterbrechen, bis zu etwas gegessen hatte. Eine Phobie, gegen die sie nicht ankam.
In Leipzig begann sich auch ihre Zukunft abzuzeichnen. Eines Tages sah die Elfjährige das Plakat von einer jungen französischen Ballerina, das in ihr den Wunsch weckte, selbst so tanzen zu können. Private Ballettstunden konnte Erna Bodenstein nicht lange finanzieren. Christel bewarb sich beim Tanz- und Gesangsensemble der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ und wurde aufgenommen. Sie hatte von ihrem Vater die innere Stärke mitbekommen, aus der Erde zu stemmen, was sie vorgenommen hatte. Nichts konnte sie abhalten, ihrem Ziel nachzugehen.

Christel Bodenstein mit zwei Schulfreundinnen in Leipzig 1950 © privat/mdr „Lebensläufe“

Nach ihrem Schulabschluss begann die 14jährige eine Ausbildung an der Leipziger Ballettschule und bekam 1955 ihr erstes – und letztes – Engagement am Landestheater Halle. Denn in jenem Sommer lenkte die Begegnung mit dem DEFA-Regisseur und Direktor der Filmhochschule Babelsberg Kurt Maetzig ihren Weg vor die Kamera. Er sah sie am Strand von Ahlbeck und lud sie spontan zu Probeaufnahmen nach Babelsberg ein. Er suchte eine Darstellerin für die Rolle der Annegret in seiner zeitgenössische Filmerzählung „Schlösser und Katen“. Splitternackt musste die 17jährige eine Liebesszene spielen. Es war schon gewagt, was Prof. Maetzig ihr zugemutet habe, fand sie Jahrzehnte später. Doch mit ihrer kindlich-mädchenhaften Erscheinung war sie zu jung für die Figur, die am Ende des Films 70 ist. Zu sehen in der Rolle ist die Schauspielerin Karla Runkehl.

Viel Freude hatte die 17jährige Christel Bodenstein an den Dreharbeiten für den Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“ mit Kurt Schmidtchen in der Titelrolle. Sie spielte die Magd Traute, die Tochter des Schlossgärtners, und Freundin des Schneiders © Waltraut Pathenheimer/DEFA-Stiftung

Die Probeaufnahmen brachten ihr noch 1956 zwei andere schöne Rollen ein. Regisseur Slatan Dudow ließ sie in seiner Filmkomödie „Der Hauptmann von Köln“ an der Seite von Rolf Ludwig und Erwin Geschonneck agieren. Parallel drehte sie unter der Regie von Helmut Spieß als Tochter des Schlossgärtners den Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“. Es wurde ihr Debütfilm. Zwischendurch tanzte noch einige kleine Rollen am Theater in Halle. „Ich schwebte wie auf Wolken. Es war so aufregend. Nach der Vorstellung brachte mich ein DEFA-Auto von Halle ins Studio nach Babelsberg. Ich drehte und wurde wieder nach Halle zurückgefahren. Der zauberhafte Fahrer hatte mir auf dem Rücksitz ein Bett gebaut und versorgte mich mit Obst und Brötchen“, erinnerte sie sich an diese Zeit. Am Ende der Saison verabschiedete sich Christel Bodenstein von ihrem Traum, eine große Ballerina zu werden, und begann ihr Schauspielstudium an der Babelsberger Filmhochschule. Sie hielt sich an Kurt Maetzigs Rat, dass selbst ein Naturtalent Handwerkszeug braucht.

Bei der DEFA-Filmwoche 1960 in Helsinki verliebte sich die Schauspielerin in den damals schon bekannten DEFA-Regisseur Konrad Wolf. Sie waren von 1962 bis 1978 verheiratet © privat/mdr „Lebensläufe“

Ihre DEFA-Zeit empfand die Schauspielerin als ihre allerglücklichste. „Ich hatte ein schönes Alter, habe mit 22 Jahren mein Kind geboren. Das DEFA-Studio war mein eigentliches Zuhause.“ Gleich nach Ende ihres Studiums 1959 hatte sie einen Vertrag als Mitglied des Schauspieler-Ensembles der DEFA bekommen. Was an sich schon ein Traum war, fest in die europaweit bedeutendste Filmfabrik eingebunden zu sein.

Andreas (Armin Müller-Stahl), der Stiefsohn der Familie, hat sich in das Kindermädchen verliebt. Dann entdeckt er Doris‘ Vergangenheit Quelle: mdr „Lebensläufe“

Sie spielte im selben Jahr in dem Fernsehspiel „Wenn die Nacht kein Ende nimmt“ eine 17jährige Waise, die in Westdeutschland lebt und in einer Bar an einen Zuhälter gerät. Doris träumt von einem besseren Leben und macht Karriere als Prostituierte. Das ist aber nicht ihr Lebensplan. Es gelingt ihr, dem Rotlichtmilieu zu entfliehen. In Österreich findet sie eine Anstellung als Kindermädchen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein… Der Film wurde als nicht jugendfrei eingestuft. Nach seiner Erstaustrahlung am 21. Februar 1959 im 2. Programm des DFF wurde er auf vielfachen Zuschauerwunsch im August 1959 erneut gesendet.

Für die DEFA stand sie in vielen unterschiedlichen Filmen vor der Kamera. Den Märchen folgten Kriminalfilme wie „Tatort Berlin“ ( Regie Hans-Joachim Kunert) oder der Fernsehfünfteiler „Die Spur führt in den 7. Himmel“ (Regie Rudi Kurz). Sie wirkte in Komödien und Unterhaltungsfilmen mit wie „Maibowle“ (1959) und die Fortsetzung „Silvesterpunsch“ (1960), beide von Regisseur Günter Reisch gedreht, oder „Revue um Mitternacht“. Ein Musikfilm von Regisseur Gottfried Kolditz, in dem sie mit Manfred Krug sang und tanzte. 1961 spielte sie in einer Art Possenfilm des Italieners Glaucco Pellegrini über Carlo Goldoni die Tochter des italienischen Komödiendichters und Liberettisten. „Italienisches Capriccio“ wurde auf dem Westfilmmaterial Agfa-Color gedreht und war einer der teuersten und aufwendigsten Kostümfilme der DEFA. Mit mehr als 1000 Mitwirkenden entstand er ausschließlich auf dem Geländes des Filmstudios Babelsberg.

Christel Bodenstein mit Albert Hetterle im Dezember 1960 in der Inszenierung „Und das am Heiligabend!“ am Maxim-Gorki-Theater Quelle: Steffi Line/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek

Unter der Regie von Hans-Dieter Mäde, dem späteren DEFA-Generaldirektor, gastierte sie 1960/61 am Maxim-Gorki-Theater in der Komödie „Und das am Heiligabend!“. Ein heiteres, gesellschaftskritisches Stück des tschechischen Autors Vratislav Blažek. Hanka – Christel Bodenstein – bringt am Heiligabend ihren Freund Thomas mit, von dem sie ein Kind erwartet. Ihr Vater, Betriebsdirektor Nowak, fällt aus allen Wolken, zumal dieser junge Mann eine negative Einstellung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung offenbart. Ihre Auseinandersetzung wird so heftig, dass Hankas Vater – Albert Hetterle – wutentbrannt die Wohnung verlässt. Des Pudels Kern ist, dass Thomas die hohen Wertmaßstäbe, die ihm sein Vater beibrachte, im Leben nicht bestätigt findet. Trotzig kehrt er sich ab, statt aktiv an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken. Das Ende mit Augenzwinkern: Thomas wird in die Familie aufgenommen, denn Vater Nowak wird ihn schon „hinkriegen“.

Verschwörung. Herwart Grosse als Wirt, Christel Bodenstein als Kammerjungfer Franziska und Marita Böhme als Minna in der DEFA-Verfilmung von Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ © DEFA-Stiftung/Karin Blasig

Die 60er Jahre waren die arbeitsreichsten und erfolgreichsten der jungen Schauspielerin, die in vielen Hauptrollen besetzt war. In ihrer Vita finden sich Literaturverfilmungen wie Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ (1962) und William Shakespeares Stück „Viel Lärm um nichts“(1964), beide von Regisseur Martin Hellberg. Als Kammerjungfer der vermögenden Minna von Barnhelm – eine wunderbare Marita Böhme – zeigt Christel Bodenstein neben Manfred Krug und den großartigen Charakterdarstellern Herwart Grosse und Otto Mellies ihr Talent im komödiantischen Fach. Die Filme gehörten zum Repertoire der Testsendungen, die das DDR-Fernsehen seinerzeit zwischen halb zwei und drei Uhr ausstrahlte. In meiner Schulzeit mein privates „Pflichtfach“. Wenn Christel Bodenstein über ihre Karriere sprach, bedauerte sie, im Fach der Unterhaltungsfilme als „jugendlichen Liebhaberin, in wenig anspruchsvollen Frauenrollen und fröhlichen Mägdelein“ festgesessen zu haben. Es sei ihr nicht gelungen, nach vielen heiteren Filmen ins ernste Fach einzusteigen.

Christel Bodenstein und Manfred Krug als Grit und Tom 1962 in dem DEFA-Film „Beschreibung eines Sommers“. Dass Regisseur Ralf Kirsten ihr die Rolle gab, hat sie Manfred Krug mit zu verdanken. Beide verband eine lange Freundschaft © DEFA-Stiftung/Max Teschner

Eine Ausnahme gab es allerdings. Das war die Rolle der Grit in dem Gegenwartsfilm „Beschreibung eines Sommers“, der nach der Romanvorlage von Karl-Heinz Jacobs entstand. Christel Bodenstein hatte sich sofort nach Erscheinen das Buch besorgt und die Figur der Grit sofort für sich vereinnahmt. Es ist eine Liebesgeschichte auf einer Großbaustelle, eingebettet in die Probleme, die es Anfang der 60er Jahre beim Aufbau der DDR gab. Zwischen der hübschen, aber verheirateten FDJ-Sekretärin Grit und dem Bauingenieur Tom entspinnt sich eine Liebesaffäre. Er ist ein Frauenheld, arrogant gegenüber den ungelernten Bauarbeitern, die als Freiwillige an der Realisierung des Großprojektes mithelfen. Grit will ihn bekehren. Auf Dauer können die beiden ihr Verhältnis nicht geheimhalten, und sie gerät in Konflikt mit der Partei.

Manfred Krug (l.) als Bauleiter Tom ist nicht erbaut von den ungelernten jungen Bauarbeitern. Für die Dreharbeiten bekam die DEFA-Produktion ein Waldstück auf der Großbaustelle des PCK Schwedt zugewiesen © DEFA-Stiftung/Max Teschner

Im Sommer 1962 begannen die Dreharbeiten auf dem Geländer des Erdölverabeitungswerkes Schwedt, das sich im Aufbau befand. Christel Bodenstein schaffte es, nicht zuletzt mit Hilfe von Manfred Krug, Ralf Kirsten zu überzeugen, dass nur sie diese Rolle spielen kann. Der Preis dafür: Sie musste sich ihre langen Haare abschneiden lassen. Grit sollte kurze Haare haben. Und dabei beließ es die Schauspielerin dann auch privat. Über die Dreharbeiten schwärmte sie: „Wir lebten genauso romantisch wie es auf der Baustelle war. Während der Dreharbeiten wohnten wir in einem Bahnhofshotel in Eberswalde, das zum Abriss freigegeben war. Unsere Bettenn standen auf Ziegelsteinen, die Nachttische wackelten. Unser Leben spielte sich in der Gemeinschaft ab. So etwas habe ich danach nicht mehr erlebt.“ Der Film wurde am 15. Januar 1963 als Beitrag zu VI. Parteitag der SED im Berliner Colosseum uraufgeführt. Der Roman erlebte von 1961 bis 2008 17 Auflagen mit 550.000 verkauften Exemplaren.

Der DEFA-Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“ mit Christel Bodenstein und Eckart Dux wurde seit seiner Premiere 1957 zum Filmklassiker, der noch immer präsent ist. In einer Neuverfilmung der ARD 2016 stand die einsitge Prinzessin als Kräuterweib vor der Kamera © DEFA-Stiftung/Kurt Schütt

Das Jugendmagazin „Neues Leben“ kürte die Schauspielerin 1960 zur beliebtesten Schauspielerin der DDR. Ein Schicksaljahr, denn auf der DEFA-Filmwoche in Helsinki lernte sie den Regisseur Konrad Wolf kennen. Beim gemütlichen Zusammensein mit den finnischen Kollegen, sie hatten zum Krebsessen mit anschließendem Tanz eingeladen, verliebten sie sich ineinander. Im September 1961 kam ihr Sohn Mirko zur Welt. Einen Tag vor Weihnachten 1962 heirateten sie. Christel Bodensteins Traum von einem engen Familienleben ging am Ende aber nicht auf. Konrad Wolf hatte zu wenig Zeit für sie und den Sohn. „Ich habe gedreht, mich um den Alltag und unseren Sohn gekümmert. Ohne die Hilfe meiner Mutter wäre mein Beruf auf der Strecke geblieben.“ 1978 wurde die Ehe geschieden.

Christel Bodenstein bei einem Auftritt 1977 in der Kleinen musikalisch-literarischen Bühne, dem späteren „Ei“ im Friedrichstadtpalast Quelle: mdr „Lebensläufe“

In ihrer beruflichen Karriere hat Christel Bodenstein 1973 einen Schnitt gemacht. Sie verließ das DEFA-Ensemble. Rollenangebote wie in dem künstlerisch unbeholfenen Kostümfilm „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und dem Filmmusical „Nicht schummeln, Lielbing!“ befriedigten sie nicht mehr. Sie kaufte sich eine Gitarre und nahm ein Jahr intensiv Unterricht. 1974 erwarb sie den Berufsausweis für Bühnenkünstler. Mit dem bekannten Feuilletonisten Hans-Georg Stengel tourte sie zwei Jahre durch Land. Da ihr Sohn erst 14 Jahre alt war, entstand ein Problem, aus dem heraus sich 1976 die Gründung der Kleinen literarisch-musikalischen Bühne ( ab 1978 „Das Ei“) im Friedrichstadtpalast ergab.

47 Jahre waren Christel Bodenstein und der Schauspieler, Dramaturg und Regisseur Hasso von Lenski unzertrennlich. Dieses Foto zeigt sie im September 2018. Sechs Jahre danach fehlte der gesundheitlich seit langem angeschlagenen Christel Bodenstein die Kraft zum Weiterleben. Sie ist am 5. Dezember 2024 gestorben © Nikola

In jenem Jahr 1976 begegneten sich Christel Bodenstein und Hasso von Lenski bei einer Probe an der Berliner Volksbühne, ohne zu ahnen, dass sich ihre Wege ein Jahr später wieder kreuzen würden und von da gemeinsam verlaufen sollten. Für beide gab dieses neuerliche Zusammentreffen 1977 den Anstoß, die lange fällig Trennung von ihren Ehepartnern anzugehen. Beide wurde 1979 geschieden und fingen ihr gemeinsames Leben im wahrsten Sinne des Wortes mit Nichts an. Freunde nahmen sie auf, bis sie ihre kleine Wohnung im Plänterwald bekamen. Ein Trauring war den beiden nicht wichtig, nur das Beieinandersein. Geheiratet haben sie erst im Juli 1992, als die bundesdeutschen Gesetze, die nun galten, für viele Belange den Trauschein verlangten. Der Untergang der DDR tat ihnen weh. Sie lebten am selben Ort, doch wohl fühlten sie sich in der neuen, wenig menschenfreundlichen Gesellschaftsordnung nicht.

Christel Bodenstein vor einem Jahr © Hasso von Lenski

Mit dem Schauspieler und Dramaturgen hatte nicht nur Christel Bodensteins neues privates Glück begonnen. 1976 fing für sie auch eine neue Karriere an. Mit Hasso von Lenski veranstaltete sie gut besuchte musikalisch-literarische Abende im „Das Ei“. Er inszenierte, sie sang und spielte. Die Ideen plumpsten nur so aus ihr heraus. In dem Stück „Was soll das Theater?“ stand sie das erste Mal als Clown auf der Bühne, was sie sich sehr oft gewünscht hatte. 1989 verlor sie nach einem Zerwürfnis mit dem neuen Theaterleiter ihr Engagement, der Friedrichstadtpalast bot ihre eine Regieassistenz in der „Kleinen Revue“ an. Aus Liebe und Solidarität kündigte Hasso von Lenski seinen Dramaturgenvertrag bei der Kleinen Bühne und wurde Marketing-Chef im Friedrichstadtpalast.

Es fühlte sich schmerzvoll für Christel Bodenstein an, von unten auf die Bühne zu schauen. Doch bald konnte sie ihre eigenen Idenn umsetzen. Sie entwickelte den musikalisch-literarischen Abend „Claire“ und inszenierte mit großem Erfolg die Revue „Sommernachtstäume“. Vor der Kamera stand sie in den 80er und 90er Jahren wenig. 1989 hatte sie eine Nebenrolle in Hermann Zschoches Jugendfilm „Grüne Hochzeit“ und 1990 spielte sie eine Journalistin in dem zweiteiligen Polit-Thriller „Die Kaltenbachpapiere“. Als die Kleine Revue 1997 geschlossen wurde – später zog der Quatsch-Comedy in die Räumlichkeiten ein – gab Christel Bodenstein Sprecherkindern Schauspielunterricht. 1998 übernahm sie einen Teil der Regiearbeit für die Kinderrevue „Hänsel und Gretel“ im Friedrichstadtpalast

Für ihr Märchenspiel „Das singende, klingende Bäumchen“ modellierte Christel Bodenstein die Figuren aus Plastiline © Christel Bodenstein

Mit sechzig fand sie, sei es an der Zeit, nur noch das zu tun, was ihr Spaß macht. Die Gesundheit zu schonen, in die Ausruhphase zu gehen. Ihr kleines Grundstück am Kanal in Borgsdorf mit der Datsche drauf, war genau das Richtige, die schöne Zeit des Jahres von Mai bis Oktober dort zu verbringen. Von 1995 bis 2003 lud sie ehemalige Kollegen und Kolleginnen zu Talkshows ins „Café Nass“ ein. Ein Tanzstudio mit Café in Berlin -Johannisthal, das ihre Freundin Birgitta Nass, ehemals Tänzerin und Choreographin am Friedrichstadtpalast, gegründet hatte. 2006 veröffentlichte Christel Bodenstein ein Bildertagebuch aus ihrem Leben „Einmal Prinzessin, immer Prinzessin“, mit dem sie auf Lesereise ging. Hasso von Lenski lieferte die optische Untermalung. In Christel steckten nicht nur die künstlerischen Gene ihres Großvaters, Musiker und Geiger am Erfurter Stadttheater, auch die ihres Vaters, der wunderbar malen und basteln konnte. Irgendwann entdeckte sie das Modellieren mit Knetmasse für sich als Ausgleichsgymnastik für den Kopf. Ganze Galerien von Figuren und Bilder hat sie geschaffen. „Wenn sie fummelt, ist sie weit weg. Hört und sieht nichts“, erzählte Hasso von Lenski.

2005 fertigte Christel Bodenstein das „Mädchen in Bordeaux“ als Geschenk für ihren Mann Hasso zu dessen 63 Geburtstag © Christel Bodenstein

In ihrem Buch findet sich das Bild des „Mädchens in Bordeaus“. Es entstand aus der Not heraus. Wie einst Konrad Wolf kein Geburtstagsgeschenk für sie hatte, hatte auch sie einmal keins für ihren Mann Hasso. Eine Kunstpostkarte mit einem kleinen Gemälde von Albert Ebert, „Akt vor rotem Hocker“ fiel ihr in die Hände. Es brachte sie auf die Idee für ein Geschenk, dass die Zeit überdauert, da sein wird, wenn sie es nicht mehr ist. So entstand die kleine Plastik „Mädchen in Bordeaux“. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn Mirko Wolf, Trickfilmzeichner und Buchillustrator, hat sie das Memo- und Theaterspiel „Das singende, klingende Bäumchen“ für Kinder und Erwachsene entwickelt, zu dem sie die Figuren schuf.

Abschied für immer. Ihre Fröhlichkeit, ihr Humor wird allen, die sie kannten, fehlen © Nikola

Vor vier Jahren haben sich Christel Bodenstein und Hasso von Lenski von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Familie und eine Nachbarin kümmerten sich um die beiden. Wir hatten in den vergangen Jahren nur noch übers Handy Kontakt. Kurze Nachrichten, kurze Gespräche. Ein Besuch war für beide zu anstrengend geworden. Anfang August kam die Schauspielerin wegen eines Nierenversagens ins Krankenhaus. In ihre Wohnung im Plänterwald konnte sie danach nicht zurück. Gemeinsam mit ihrem Mann, der auch sehr krank ist, zog sie ins Domicil Baumschulenweg. Christel Bodenstein, die inzwischen unter unerträglichen Schmerzen litt, konnte so ihre letzten Lebensmonate noch in Würde und gemeinsam mit ihrem Mann verbringen. Am Abend des 5. Dezember schlief die Schauspielerin ein. Sie waren bis zum Schluss zusammen, wie sie es sich versprochen hatten. „Ein trauriger Hasso bleibt zurück“, schrieb mir ihr Mann in einer kurzen Nachricht zwei Tage später. Auf dem Friedhof in Grünau, neben ihrer Mutter, wird die Schauspielerin im Februar ihre letzte Ruhestätte finden.

Schauspieler Jan Spitzer – Ein Leben lang unangepasst und gelassen

Er hatte verpennt, weil ihn niemand geweckt hat. Jan Spitzer hörte nie allein den Wecker. Das war sein Fluch. Schon immer. Wirklich zu schaffen gemacht hatte ihm das nicht. Nicht einmal, als er sich zum Abitur verspätete. Zu einem Glücksumstand geriet ihm das im Herbst 1967. Er studierte das letzte Jahr an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“. An einem Morgen hatte er es mal wieder nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft. Er kam in den Hörsaal, lümmelte sich in Jeans und Lederjacke wie immer desinteressiert in die Bank. Doch etwas war anders als sonst. „Ich wunderte mich, dass alle so aufgekratzt waren“, erinnerte sich Jan Spitzer 45 Jahre später in unserem ersten und einzigen Interview. Die Lederjacke ist mit ihm alt geworden. Er trug sie auch, als wir uns im Sommer 2012 an der Dahme im historischen Café Liebig trafen.

Im Januar 1968 begann Regisseur Egon Günther (r.) mit den Dreharbeiten für den DEFA-Film „Abschied“. Die Hauptrolle, den Bürgersohn Hans Gastl, spielt der damals 20jährige Schauspielstudent Jan Spitzer. Foto: ©DEFA-Stiftung/Peter Dietrich, Wolfgang Ebert, Repro: André Kowalski

Die Unruhe verursachten zwei Herren, die vorn neben dem Dozenten saßen. DEFA-Regisseur Egon Günther und Produktionsleiter Herbert Ehler suchten unter den Studenten nach dem Hauptdarsteller für die Verfilmung von Johannes R. Bechers autobiografischem Roman „Abschied“. Er gehörte in der DDR zur Pflichtlektüre an den Erweiterten Oberschulen. Die Handlung spielt in der Zeit zwischen der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Hans Gastl, Sohn des Münchener Oberstaatsanwaltes, rebelliert gegen Verlogenheit, Scheinmoral und vor allem die Weltsicht seines militaristisch eingestellten Vaters. Er will anders sein, als es die gesellschaftlichen Normen seiner Klasse vorgeben, sucht sich Freunde außerhalb seines Standes und lehnt den Krieg ab. Schließlich bricht er als 18jähriger mit seiner Familie und aus seinem bisherigen Leben aus.

„Abschied“ – der Film und seine Folgen

Der Versuch, in der Filmerzählung der Chronologie des Romans zu folgen, funktionierte nicht. Zu schwer, zu langatmig. Dank seiner Erfahrung als Dramaturg und Szenarist fand Regisseur Egon Günther den Ausweg. In Episoden lässt er Hans Gastl in heiter-überlegener, ironisch-distanzierter Sicht auf die eigene konfliktreiche Entwicklung zurückblicken. Dieser Hans Gastl hatte nichts mehr mit der Becherschen Romanfigur, dem Alter Ego des Dichters, zu tun. Günther zeigt die Situation sehr junger Leute, die ihren Weg finden müssen, als sich das wilhelminische Deutschland in einem nationalistischen Kriegstaumel befindet. Gedacht ist der Film für ein ebenso junges Publikum ein halbes Jahrhundert später. „Gastl war ein Aussteigertyp, nonkonformistisch“, beschrieb Jan Spitzer seine Rolle.

Hans Gastl widerstrebt das Leben seiner Familie © DEFA-Stiftung/ Peter Dietrich, Wolfgang Ebert

Nicht, weil er zu spät kam, hatte der 20jährige an jenem Morgen die Aufmerksamkeit des Regisseurs auf sich gezogen. Sein ganzer Habitus entsprach dem Typ, den sich Egon Günther vorstellte. Eine Mischung aus Lässigkeit und Widerspruch, ein bisschen provokant. Von schmaler Statur, mit feinen, jungenhaften Gesichtszügen konnte Jan Spitzer den Vierzehnjährigen wie auch den fast 20jährigen Hans Gastl verkörpern. So genau wusste Jan Spitzer den Grund dafür nicht, dass Egon Günther ihn zu Probeaufnahmen nach Babelsberg bat. Er vermutete, es seien eher seine längeren Haare gewesen.

Im Januar 1968 wurden die Dreharbeiten begonnen und im Mai beendet. Jan Spitzer lieferte ein brillantes Schauspieldebüt ab. „Ich bekam einen Höhenflug durch die Rolle“, gestand er rückblickend. Es war ihm nicht zu verdenken. Man sah ihn überall in der Republik auf großen Plakaten mit der Heidemarie Wenzel, die die Rolle der Prostituierten Fanny spielt, und ihm im Bett. Er war das Gesicht des Films, der noch vor seiner Premiere am 10. Oktober 1968 mit dem „Staatlichen Prädikat Besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde. Erstmalig in der DEFA-Geschichte durfte die Nachricht von der Auszeichnung vorab auf der Plakatwerbung erscheinen. „Wir hatten einen phantastischen Kino-Anlauf mit ausverkauften Vorstellungen in den großen Filmtheatern. 607 000 Besucher in nur sechs Wochen!“ Es war ihm anzumerken, dass er stolz darauf war, diese Rolle bekommen zu haben.

Jan Spitzer traf sich mit mir im Sommer 2012 zum Interview an der Dahme © André Kowalski

Bei allen Bezirkspremieren und Sondervorführungen bekamen die Künstler frenetischen Applaus. Nur im Haus der Offiziere in Strausberg erregte es Unmut bei der hochdekorierten Generalität, dass der jugendliche Held unbekümmert in Jeans auf die Bühne sprang. Jeans oder Nietenhosen, wie man damals noch sagte, waren als „Bekleidungstextil des Klassenfeindes“ unerwünscht, an den Schulen oft gar verboten. Die 60er Jahre waren ein unablässiger Kampf des sozialistischen Systems gegen westliche Einflüsse. Jeans wurden als ideologisches Bekenntnis ihres Trägers gewertet. Ein solches Statussymbol waren sie für Jan Spitzer nicht. Als solches galt ihm seine Lederjacke. „Sie war für mich in der DDR ein Stück Unangepasstheit.“

Jan Spitzer kam am 16. Mai 1947 in Sangerhausen zur Welt. Der Krieg war gerade zwei Jahre vorbei. Die stark zerstörte Stadt im Aufbau begriffen. Der Vater arbeitete in der nahen Kupferschieferzeche, als hier die Förderbänder ab 1951 wieder liefen. Die Eltern hatten bereits zwei Töchter, fast schon junge Mädchen. Der Junge war ein Nachzügler und genoss den Vorzug, besonders umsorgt zu werden. Schon als Kind zeigten sich sein Talent und seine Leidenschaft für Musik. „Ich habe acht Jahre Klavierunterricht genommen, mir das Gitarrespielen beigebracht und kleine Stücke und Lieder komponiert.“ Mit anderen Jungs aus Sangerhausen gründete er 1963 die Amateurband THE SOUNDS. Sie spielten Beatles und Stones hoch und runter, Kinks, Procol Harum… „Rocksongs wurden ganz persönlich genommen, je nach Befindlichkeit.“ Verliebt war er damals in ein Mädchen aus seiner Straße, die später seine Frau und Mutter seiner Töchter Juschka und Johanna–Julia wurde. Beide sind dem Beruf des Vaters gefolgt. Sie wollten es so.

Eigentlich hätte Jan Spitzer anstatt Schauspieler ebenso gut Musiker werden können. Aber es gab eine Sehnsucht, die die Weiche anderswohin stellte. „Immer, wenn ich in meinem Heimatkino im Zuschauerraum saß, hatte ich mir als kleiner Junge gewünscht, auch einmal oben auf der Leinwand sein.“ Am 13. Oktober 1968 hat sich sein Wunsch erfüllt. Das Filmtheater Sangerhausen lud ihn und das „Abschied“-Filmteam zu einer feierlichen Vorstellung ein. Einer seiner glücklichsten Momente.

Eine Woche nach der 9. Tagung des ZK der SED im November 1968 verschwand der Film jedoch aus den Kinos. Ihm wurde Skeptizismus und Subjektivismus vorgeworfen, nachdem Staats- und Parteichef Walter Ulbricht in seinem Referat mit einem Seitenhieb auf die Kunst aufgewartet hatte: „Das humanistische Erbe ist für uns weder museales Bildungsgut noch Tummelplatz subjektivistischer Auslegungen“, zitierte das Zentralorgan Neues Deutschland am 25. Oktober 1968.

Hans Gastl findet in der Prostituierten Fanny (Heidemarie Wenzel) eine Freundin und Geliebte © DEFA-Stiftung/Peter Dietrich, Wolfgang Ebert

Von allen Seiten wurde nun heftig gegen den Film polemisiert. Organisierte Leserzuschriften im ND verrissen ihn. Vergeblich intervenierte Bechers Witwe Lilly im Kulturministerium und beim SED-Zentralkomitee. Jan Spitzer bekam eine Ausgabe des „Sonntag“ zugeschickt, in dem ein Foto von ihm und Heidemarie Wenzel mit entblößten Brüsten abgedruckt war. Daneben eine Randnotiz von Lotte Ulbricht: „Das soll unser Hans sein?!“ Ein direktes Aufführungsverbot für den Film gab es allerdings nicht. Er durfte auf Anforderung in Filmklubs, Filmkunsttheatern und Sonderveranstaltungen gezeigt werden. Erweiterte Oberschulen nahmen ihn in den Literaturunterricht der Abiturklassen als Ergänzung zu Bechers Roman auf.

Er passte in viele Schubfächer

Mit dem Film setzte ein, was Jan Spitzer so erklärte: Im Grunde genommen sei er ein phlegmatischer Typ, immer auch ein bisschen faul. Ihm sei alles in den Schoß gefallen. So wie die Rolle des Hans Gastl und alle, die danach kamen. „Ich habe mich für eine Rolle nie verbiegen müssen“, reflektierte er als 65-Jähriger.

Jan Spitzer 1968 als Dorfschmied Ruprecht mit Monika Gabriel als Eve in der DEFA-Komödie „Jungfer, sie gefällt mir“ © DEFA-Stiftung/Herbert Krois, Peter Schlaak

Er hatte das Studium gerade abgeschlossen, als ihn Regisseur Günter Reisch für sein turbulentes Spektakel „Jungfer, sie gefällt mir“ als Dorfschmied Ruprecht vor die Kamera holte. In der Adaption von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ schlägt sich der frischgebackene Schauspielabsolvent wacker neben Wolfgang Kieling – als sein Widersacher Dorfrichter Adam – und Rolf Ludwig als Schreiber Licht. Die Dreharbeiten mit Monika Gabriel als Eve hätten Spaß gemacht, ein filmisches Highlight sei das DEFA-Stück aber nicht geworden, urteilte er im Rückblick.

Jan Spitzer als Leutnant Gerd von Ducherow in der 1969 von Egon Günther gedrehten Romanverfilmung „Junge Frau von 1914“, Erstsendung 17. Januar 1970 Foto: Screenshot © DFF/Erich Gusko

Die Arbeit und die Freundschaft mit Egon Günther haben ihn geprägt, in seinen künstlerischen Ansichten und Ansprüchen, vor allem in seinem politischen Denken – die Grauzonen zwischen dem Schwarz und Weiß zu erkennen, zu wissen, wo man steht und warum. Der „Prager Frühling“ 1968 in der ČSSR hatte auch in der DDR bei vielen Menschen Zweifel und Kritik an der Parteipolitik der SED hervorgerufen. Die Kunst stand unter ideologischer Beobachtung. Zu sehen, wie man dieses Korsett mit künstlerischen Mitteln durchbrechen kann, darin war der DEFA-Regisseur Egon Günther ein Avantgardist, geriet jedoch häufig in Konflikt mit den künstlerisch und politisch Verantwortlichen. Seine Literaturverfilmungen waren jedoch immer ein Erfolg, an dem Jan Spitzer ein weiteres Mal im Sommer 1969 teilhaben durfte. Wenn auch nur in einer kleinen Rolle. Er spielte in Günthers Fernsehfilm „Junge Frau von 1914“, dem zweiten Teil der Arnold-Zweig-Trilogie „Der große Krieg der weißen Männer“, den adligen Leutnant von Ducherow.

Single 1970 „Wer bist du“

Nach Abschluss der Filmarbeiten trat Jan Spitzer sein erstes Theaterengagement in Altenburg an, das ihm Freiraum ließ für seine Musik. Er profilierte sich ziemlich erfolgreich als Sänger. Es entstanden Rundfunkaufnahmen wie „Mädchen aus Berlin“ und „Wer bist du?“, komponiert von Walter Kubiczek. Mit seinem Song „Ich warte noch“, nahm er am Schlagerwettbewerb 1970 teil. Anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der DDR am 7. Oktober 1969 stand in Altenburg Horst Salomons Lustspiel „Ein Lorbaß“ auf dem Spielplan mit Jan Spitzer in der Titelrolle. Es war seine Idee, das an vielen Theater gern gespielte Gegenwartsstück als Musical auf Bühne zu bringen. Er übernahm Komposition und Arrangement. Was ihm in gewisser Weise später „auf die Füße fallen“ sollte.

Nach seinem 18monatigen Wehrdienst bei der NVA in Leipzig ist er im November 1971 ans Landestheater Halle gewechselt. Inzwischen mit seiner Jugendliebe aus Sangerhausen verheiratet und Vater der zweijährigen Juschka, hatten sie in Halle eine Wohnung bekommen. Regisseur Horst Schönemann inszenierte 1972 Ulrich Plenzdorfs „Die Leiden des jungen W.“. Jan Spitzer hätte gern die Titelrolle gehabt. Sein Pech: Horst Schönemann hatte von seinem Erfolg als Komponist und Sänger gehört und wollte von ihm lieber die Bühnenmusik. Die Figur des aufsässigen 17jährigen Ausreißers Edgar Wibeau, der seine Lehre abbricht, einer unglücklichen Liebe verfällt und am Ende tödlich verunfallt, bekam Reiner Straube.

Für die Rolle des Edgar Wibeau in der Hallenser Theateraufführung „Die neuen Leiden des jungen W.“ war Spitzers Ausstrahlung zu westlich elitär, er wirkte nicht proletarisch © Tassilo Leher

Tatsächlich ging Jan Spitzer die Rolle jedoch verlustig, die genau seins gewesen wäre, weil ihm das Proletarische fehle, er wirke zu westlich elitär, klärte ihn die Dramaturgin auf. Er musste lächeln, als er das erzählte. Es wäre für ihn kein Akt gewesen, beides zu tun, zu spielen und die Musik für das Stück zu schreiben. Neidlos habe er damals anerkannt, dass Reiner Straube die Figur perfekt spielte, urwüchsig, komisch. Eigentlich, meinte er in unserem Gespräch, sei das ein Filmthema gewesen, die Geschichte aber für die DDR zu provokativ, zu gesellschaftskritisch. Dass in der Republik über den Umgang mit jungen Menschen, die sich die Freiheit nehmen, anders leben zu wollen, sich nicht in das soziale Gefüge einzupassen, heiß diskutiert wurde, ließ sich nicht verhindern. 1976 wurde Plenzdorfs Drehbuch in der BRD verfilmt.

Einmal noch schrieb Jan Spitzer für ein Bühnenstück die Musik. Er war 1973 mit Regisseur Christoph Schroth ans Staatstheater Schwerin gegangen. Sie planten, „Romeo und Julia“ richtig groß aufzuziehen, mit ihm als Mercuzio. Das daraus nichts wurde, bedauerte der Schauspieler schon. Doch eine „Riesenrolle“ in der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Im Schlaraffenland“ zu spielen, war ein größerer Reiz. Mit ätzender Schärfe beschreibt Mann den Berliner Kulturbetrieb und die dekadente Schickeria der 1890er Jahre.

Erwin Geschonneck in der Rolle des Bankiers Türckheimer und Jan Spitzer als talentfreier Provinzliterat Andreas Zumsee 1974 in der Fernsehverfilmung von Heinrich Manns Roman „Im Schlaraffenland“ © DDR-Fernsehen/Helmut Bergmann, Repro: André Kowalski

Der mittellose und wenig talentierte Provinzliterat Andreas Zumsee findet durch Beziehungen und Glück im Salon des reichen Bankiers James Louis Türkheimer sein Schlaraffenland. Protegiert und finanziell von dessen Ehefrau unterstützt, steigt er in der Gesellschaft hoch auf und wird am Ende von ihr zu Fall gebracht. Eine Figur, die von Jan Spitzer in ihrer Selbstüberschätzung, Arroganz und Eitelkeit überzeugend gezeichnet wird. An seiner Seite Marylu Poolmann, Katharina Thalbach, Erwin Geschonneck und Jaecki Schwarz. Der Preis dafür, dass ihn das Theater für den Film freigab, war eine Bühnenmusik für „Romeo und Julia“. Er hat sie im Zug von Schwerin nach Berlin komponiert und die Lieder eingesungen. Stolz erzählte er mir, dass er nach so vielen Jahren manchmal noch Anfragen für diese Musik bekommt, aber leider die Bänder nicht mehr habe.

So sehr es ihm auch Spaß machte, zu komponieren und zu singen, ab Mitte der 70er Jahre konzentrierte sich Jan Spitzer auf die Schauspielerei. Er passte mit seiner Wandelbarkeit in viele Schubladen. Besonders wohl hat er sich in der Abteilung Kinderfilm und Märchen gefühlt. „Die Drehbücher hatten eine hohe Qualität, sprachlich und szenaristisch. Was man heute selten findet“, bedauerte er.

Der kleine Philipp (Andij Greissel) wünscht sich eine Flöte. Der Vater (Jan Spitzer) geht mit ihm in eine Musikalienhandlung. Der Verkäufer schenkt ihm ein ganz besonderes Instrument. © DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss

Der bekannte Kinderfilmregisseur Rolf Losansky besetzte ihn 1975 in seinem zauberhaften Kinderfilm „Philipp, der Kleine“, nach der Erzählung von Christa Kožik. Warmherzig und zärtlich spielt Jan Spitzer den alleinerziehenden Vater, der als Lokomotivführer arbeitet und seinen Sohn nachts oft allein lassen muss. Eine Situation, in die sich der mittlerweile zweifache Vater gut hineinversetzen konnte. Tochter Johanna-Julia hatte gerade das Licht der Welt erblickt. Der 28jährige liebte seine Kinder sehr. Doch wie der Lokomotivführer war er für sie häufig ein abwesender Vater.

140 Vorstellungen gab er in der frivolen Show „Ständig unanständig“ in der Kleinen Revue des Friedrichstadpalastes als Ovid, hier mit und Hildegard Alex als Venus

Der Beruf habe sein Privatleben oft torpediert, erzählt er. Die Ehe hielt den häufigen Trennungen nicht stand. „Wir haben uns getrennt, es tat weh.“ Nach dem ersten Schmerz empfand er die Zeit des Ungebundenseins schön. „Da kam das Gefühl des wieder Freisein auf, man hat alles neu empfunden.“ Auch seine zweite Beziehung ging auseinander. Er kam 1983 von viermonatigen Dreharbeiten für die Verfilmung von Anna Seghers Erzählung „Überfahrt“ in Brasilien und Argentinien zurück, als ihn kurz darauf seine Lebensgefährtin verließ. Sie war sehr jung, hatte andere Lebensziele als er. „Sie wollte unbedingt in den Westen, ich nicht. Sie hat geheiratet und ist kurz vor der Wende mit ihrem Mann und unserer Tochter ausgereist.“ Die 1980 geborene Emma hat wie ihre Halbgeschwister das Schauspielergen ihres Vater geerbt. Sie spielte als Teenager in einigen Filmen mit. Inzwischen lebt sie in Spanien und arbeitet als Übersetzerin.

Jan Spitzer spielt den ältesten Sohn des Siedlers John Ruster (Kurt Böwe ), der mit seiner Familie 1756 in Nordamerika Indianerland besiedelt. Im Wald von Eiche-Golm mussten die beiden echte Rodungsarbeiten durchführen Foto: Screenshot © DEFA-Stiftung/Otto Hanisch

In Jan Spitzers Filmbiographie finden sich nur wenige Nebenrollen. Wenn ihm das Drehbuch gefiel, nahm sie gern an. Der Grund unseres Treffens damals im Juli 2012 war Kinderfilm „Blauvogel“, die Geschichte des neunjährigen Sohnes weißer Siedler 1756 in Nordamerika, der von Irokesen geraubt wird. Neben Kurt Böwe, Jutta Hoffmann, Marina Krogull spielt er den ältesten Sohn der Familie. Die DEFA hatte ihn für diese Rolle aus dem Sommerurlaub in Kühlungsborn geholt. „Das war eine echte Überraschung. Ich habe dieses Buch als Kind geliebt und mich sehr gefreut, dass Ulrich Weiß mir diese Rolle gegeben hat.“ Schmunzelnd erzählt er von den Rodungsarbeiten zu Beginn des Films. „Kurt Böwe und ich haben ziemlich große Flächen wirklich gepflügt und im Wald von Eiche-Golm Bäume gefällt, so wie man es damals gemacht hat. Ulrich Weiß war sehr auf Authentizität bedacht“.

Der größte Teil des Abenteuerfilms entstand in Rumänien. „Man fuhr über eine Stunde in die Berge. Das war eine kurvenreiche Strecke. Der Fahrer fuhr wie ein Kamikaze. Ich habe noch nie so geschwitzt bei einer Autofahrt“, lässt er die Szenen noch einmal Revue passieren. Die Bedingungen im Land waren kompliziert und die Kontrollen an den Grenzen streng. Fast wären vielen Meter Negativmaterial, das Jan Spitzer beim Rückflug im Gepäck hatte, vom Zoll vernichtet worden. „Trotz eines offiziellen Begleitschreibens wollte man meinen Koffer durchleuchten“, erzählt er. Es konnte verhindert werden. Der Film machte Furore bei internationalen Kinderfilmfestivals.

Schäfer Konrad will um die Prinzessin freien und löst mit Hilfe seiner Zauberflöte alle Aufgaben, die sie stellt ©MDR/DRA/Klaus Mühlstein

Ein wunderschöner Märchenfilm ist „Der Hasenhüter“, den Ursula Schmenger mit Jan Spitzer 1976 drehte. Sein Schäfer Konrad ist ein gewitzter, fröhlicher Bursche, der erkennt, dass Reichtum nicht das Erstrebenswerte im Leben ist. Auch in Wolfgang Hübners Adaption des Grimmschen Märchens „Gevatter Tod“ ist seine Figur, der Medicus Jörg, ein Sympathieträger. Man ist bei ihm, wenn er den Tod überlistet und das Leben eines kleinen Jungen rettet. Doch er lässt sich verführen, fällt seiner Selbstüberschätzung anheim.

Jan Spitzer als intelligenter, sich aber selbst überschätzender Medicus Jörg 1980 im Märchenfilm „Gevatter Tod“ Foto: screenshot ©DEFA-Stiftung/Karl-Ernst Sasse

Das Märchen erzählt, wie ein armer Bauer in der Zeit der Pest einen Paten für sein 13. Kind sucht. Er nimmt den Tod, weil er ihm gerecht erscheint. Er sei zu allen gleich, begründet es der Vater, der zuvor Gott und Teufel abgelehnt hatte. Der Tod öffnet dem Sohn die Türen zum Studium der Medizin an italienischen Universitäten. Als er dem Bürgermeister, der an der Pest erkrankt ist, vor dem Tod rettet, indem er seinen Paten überlistet, steigt er auf in die Bürgerschaft. Er wird selbstgefällig und hintergeht den Tod ein weiteres Mal, obwohl ihn dieser gewarnt hat. Arroganz und schließlich die Verzweiflung, dass er damit dem kleinen Jungen das Leben genommen hat, zeigt Jan Spitzer subtil. Gegen das Klischee vom klapperdürren Sensenmann besetzte Regisseur Wolfgang Hübner diese Rolle mit dem freundlich daherkommenden lebensprallen Dieter Franke. Das Märchen scheint mir eher für Erwachsene gedacht denn für Kinder, sowohl von der mittelalterlichen anmutenden Sprache her als auch dem tiefen philosophischen Hintergrund.

Jan Spitzer als Rittmeister von Rosen mit der polnischen Schauspielerin Marzena Trybała als Gräfin Cosel, die einflussreiche Mätresse August des Starken, in dem 1987 entstandenen zweiten Teil des sechsteiligen Fernsehfilms „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ © DDR-F/Siegfried Skoluda, Wolfgang Kroffke, Repro: André Kowalski

Immer waren es Filme großartiger DEFA-Regisseure, die Jan Spitzers Karriere befördert haben. Wie Hans-Joachim Kasprziks dreiteiliger Fernsehfilm „Abschied vom Frieden“ . Offensichtlich hinterließ der jnunge Schauspieler in seiner Nebenrolle einen Eindruck, der ihm zehn Jahre später in Kasprziks sechsteiligem Fernsehroman „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ die Rolle des attraktiven Rittmeisters von Rosen einbrachte. Mit seiner Hilfe versucht Gräfin Cosel letztmalig aus ihrer Haft auf Burg Stolpen zu fliehen. Die Filme wurden sogenannte Straßenfeger.

Autor und Regisseur Fritz Bornemann übertrug Jan Spitzer die Hauptrolle in dem bereits erwähnten Fernsehfilm „Überfahrt“ nach Anna Seghers gleichnamiger Erzählung, der 1983/84 in einer Koproduktion des DDR-Fernsehens mit Kuba entstand. Es ist die Geschichte des Erfurters Ernst Triebel, der zu unterschiedlichen Zeiten drei Seereisen von Deutschland nach Brasilien unternommen hat. Eine interessante Aufgabe für Jan Spitzer, der sich hier vom 14jährigen bis zum 50jährigen wandelt.

Jan Spitzer als Ernst Triebel nach dessen zweiter Reise mit Heidrun Welskop als seine Ehefrau Hertha © DDR-F, Repro: André Kowalski

Als Schuljunge flüchtet Triebel 1938 mit seinen Eltern in das südamerikanische Land, kehrt 1946 in die „Ostzone“ nach Deutschland zurück und begleitet 1951 als Portugiesisch-Dolmetscher einen Leipziger Wissenschaftler zu einer Ausstellung nach São Paulo. Die dritte Reise führt ihn in den 70er Jahren als promovierten Tropenmediziner nach Brasilien. Das Bindeglied für die Reisen ist Triebels Suche nach seiner Jugendliebe Maria Luisa. „Wir waren vier Monate mit einem Frachter der DSR unterwegs, mussten für die Dreharbeiten in Brasilien und Argentien auch an Land gehen“, erinnerte sich Jan Spitzer. Was er dort erlebt hat, hinterließ bei dem damals 37jährigen beklemmende Eindrücke.

Jan Spitzer als Friedrich Engels und Jürgen Reuter als Marx 1978 in der TV-Serie „Marx- und Engels – Stationen ihres Lebens“ © Waltraut Denger/FF.dabei

Es ist eine lange Liste der Filme, in denen Jan Spitzer bis zum Ende der DDR spielte. Nicht vergessen sei hier „Bürgschaft für ein Jahr“, der Fernsehmehrteiler „Broddi“ und die TV-Serie „Marx und Engels –Stationen ihres Lebens“. Eine neue Weiche stellte die Wende für seine berufliche Laufbahn. Er verlegte sich aufs Synchronisieren. „Ich habe die Schauspielerei gern gemacht, aber es kamen keine Rollenangebote mehr mit künstlerischen Anspruch. Er drehte Episodenrollen in den Serien „Klinik am Alex“, „Für alle Fälle Stefanie“ und 2011 bei Bernd Böhlich einen letzten guten Film, „Niemand ist eine Insel“ mit Iris Berben. Auf eine Alterskarriere vor der Kamera hat er 2012 nicht mehr gehofft. Das sah er ganz realistisch.

Karriere machte er nach der Wende als Synchronsprecher. Eine Arbeit, die auch wieder Ruhe in sein bis dahin unstetes Leben brachte. Er hatte Zeit für seine neue Familie. Im Sommer 1980 hatte er im Berliner Künstlerklub „Die Möwe“ die 23jährige Schauspielerin Elke Winter kennengelernt. Anfangs waren es Zufälle, die sie sich immer wieder mal begegnen ließen. Beide waren damals noch verheiratet. Dann gingen die Ehen auseinander. Aus den Zufällen wurden Absichten. „Wir haben Ende der 80er Jahre geheiratet“, erzählt sie mir in unserem Gespräch wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes. Diese Liebe machte den Schauspieler glücklich.

Elke Winter-Spitzer 1986 als Lissi Eisermann im Polizieruf 110: Parkplatzliebe“ © DFF

1990, er war inzwischen 43 Jahre, wurde Jan Spitzer noch einmal Vater. 1996 hörte seine Frau als Schauspielerin auf. „Es war eine schwierige Zeit für diesen Beruf, vor allem für Frauen ab Vierzig. Ich brauchte Regelmäßigkeit und habe als Theaterpädagogin am Schiller-Gymnasium Potsdam darstellendes Spiel unterrichtet.“ Die letzten Lebensmonate des Schauspielers haben ihr viel abgefordert. Als sie im Juli das Rentenalter erreichte, gab sie ihre Arbeit auf. „Jan brauchte mich rund um die Uhr.“ Ihr gemeinsamer Sohn Maximilian folgte dem Weg des Vaters. Schon als Zehnjähriger sprach er seine ersten Synchronrollen, absolvierte dann aber nach dem Abitur nicht die Schauspielschule, sondern machte an der Medienakademie AG Berlin seinen Bachelor für angewandte Medien- und Kommunikationswissenschaft. Der heute 32jährige arbeitet unter anderem als Journalist, ist hauptsächlich aber als Synchronsprecher tätig . Wenn man ihn hört klingt er wie sein Vater.

Jan Spitzer mit Kathrin Saß 1981 in dem DEFA-Film „Bürgschaft für ein Jahr“@DEFA-Stiftung/Waltraud Patheneimer

Wie diese hohe Kunst funktioniert, hat Jan Spitzer bei DEFA-Synchron Take für Take erlernt. Bald galt er in der DDR und später im Westen als einer der besten Synchronsprecher. „Die Kollegen aus dem Westen waren tolerant, sie erkannten an, dass ich das Metier beherrsche.“ Ehrfurcht beschlich ihn, als er das erste Mal mit den bekannten Synchronsprechern Arnold Marquis, die Stimme von John Wayne, Kirk Douglas und Robert Mitchum, und Michael Chevalier, die Stimme von Charles Bronson und Omar Sharif, zusammen vor dem Mikrofon stand.

Er holte alles Potenzial aus seiner enorm vielseitigen Stimme heraus. „Ich habe von Rechtsanwälten, feinsinnigen Typen über die übelsten Ganoven bis hin zum sprechenden Klodeckel in einem Comic schon alles gespielt“, umschrieb er seine Rollenprofile. Anfang der 1990er gab amerikanischen und britischen Kollegen wie Michael Rudder in „Krieg der Welten“, Robert O’Reilly in „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ oder Tim Curry in der Zeichentrickserie „Mighty Ducks – Das Powerteam“ seine Stimme.

Am 23.März 2021 gab Jan Spitzer der Sprecheragentur „Die Media Paten“ ein Interview zu seiner Karriere als Synchronsprecher. Es war sein letzter Auftritt. Am 4. Novmeber 2022 ist er einer schweren Krankheit erlegen Foto: Screenshot/Die Media Paten

Chris Cooper („American Beauty“, „Die Bourne Identity“), Ted Levine und Robert Foxworth sind ebenfalls mit seiner Stimme bei uns zu hören. Geradezu geschwärmt hatte Jan Spitzer von den Zeichentrickserien, in denen er den bekannten kanadischen Sprecher Maurice LaMarche synchronisieren durfte. „Alles dreht sich um zwei Labormäuse, den etwas einfach gestrickten Pinky (LaMarche/Spitzer) und den großköpfigen, mit Intelligenz versehenen Brain, die versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Sich hier an LaMarche zu messen, hat mir unglaublichen Spaß gemacht“, erinnerte sich Jan Spitzer und gab eine stimmliche Kostprobe.

Von 1999 an hat er in allen deutschen Synchronfassungen die Rollen des amerikanischen Schauspielers J. K. Simmons übernommen. Filme wie das Sportdrama „Aus Liebe zum Spiel“ (1999) mit Kevin Costner, der Tragikomödie „Up in the air“ (2009) mit George Clooney, der britische Thriller „Schneemann“ (2017) mit Michael Fassbender oder der Action-Thriller „21 Bridges“ (2020) stehen in den Wiederholungsprogrammen des deutschen Fernsehens. Die Kriminal-Serie „Goliath“ und die Science-Fiction-Fantasy-Komödie „Ghostbusters: Legacy“ waren 2021 Jan Spitzers letzten Synchronarbeiten als J. K. Simmons.

In den 30 Jahren als Synchronsprecher gab Jan Spitzer 2387 Rollenfiguren mit seiner Stimme Charakter und Emotionen. Am 4. November 2022 ist der Schauspieler nach längerer Krankheit verstorben.