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Journalistin

Aus dem Nähkästchen von Schauspielern und Regisseuren: „Das Schulgespenst“

Das ist sie, Carola Huflattich. Wie sie Peter Abraham 1978 in seinem Kinderbuch „Das Schulgespenst“ erfand und Regisseur Rolf Losansky sie in dem gleichnamigen Film 1985 in Szene setzte. So manche Anstädter können sich gewiss noch an die aufregenden Dreharbeiten für die ebenso poesievolle wie witzige Rollentausch-Komödie erinnern. Die Geschichte von der vorlauten, um keine Antwort verlegene Viertklässlerin Carola, die mit den alltäglichen Pflichten wie Lernen und Hausaufgaben machen so gar nichts am Hut hat, dafür aber mit jeder Menge Phantasie ausgestattet ist, entsprach ganz Losanskys Intentionen. „Es müssen Verrückte sein, die sich um den Kinderfilm kümmern, sonst macht man Erwachsenen-Film“, sagte er mir in einem unserer vielen Gespräche.

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Mein erstes Interview mit  Rolf Losansky hatte ich im Januar 2011. Er führte mich durch seine ehemalige Arbeitsstätte, die DEFA-Studios Babelsberg © York Maecke

Und er war so ein Verrückter. Sich runterneigen, wie Leute in den Kinderwagen gucken, das mochte er nicht. „Ich mache keine Killekille-Filme.  Meine Filme sind so, dass der Sohn den Vater fragt: Warum hast du an der Stelle gelacht?  Und der Vater entgegnet: Und warum hast du an der Stelle gelacht? – Man muss nachfragen, sich hinterher über das Gesehene unterhalten, das ist mir wichtig.“ Rolf Losansky konnte mit Kindern nicht nur phanstastisch umgehen, er wusste auch, was sie an Spaß, Überraschungen, Spannung und Phantastischem auf der Leinwand erwarteten.

Nicole alias Carola 35 Jahre später
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Unverkennbar Carola Huflattich. Nicole Richter, die die Rolle spielte, ist heute 45 Jahre und hat inzwischen selbst zwei Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet als Grafikdesignerin © Nicole Richter

Es ist erstaunlich, wie wenig sie sich verändert hat. Das Lachen, die Augen – unverkennbar  Carola Huflattich. „Den Namen fand ich lustig.“ Nicole Richter, vor 35 Jahren hieß sie Lichtenheldt, denkt gern an ihre Zeit als Filmkind zurück. Inzwischen hat sie selbst Kinder, zwei Söhne, acht und fünf Jahre alt. Ihren Text hat sie noch immer drauf. „Wenn ich den Film sehe, kann ich noch jedes Wort mitsprechen“, sagte sie, als ich sie 2011 interviewte. Die SUPERillu veröffentlichte damals in ihrer Reihe DEFA-Kultfilme die DVD „Das Schulgespenst“, ich schrieb einen Begleitbeitrag. Vor einigen Wochen fiel mir der Film wieder in die Hände. Ich rief Nicole an, und wir kamen ins Plaudern. Ich habe sie gefragt, ob sie hin und wieder den Film mit ihren  Kindern anschaut oder ob er in der Versenkung verschwunden ist. Sie lacht.  „Das ist ja lustig, dass du jetzt danach fragst. Unsere Nachbarn haben sich den Film gerade erst angesehen, die Kinder sind teilweise schon im Teenageralter. Sie fanden ihn richtig cool.“ Erstaunlich, wo es da doch absolut analog zugeht. Oder ist es gerade das, was sie cool fanden?

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Der Indianer-Blick-Test. Wer zuerst zwinkert, muss die Hausaufgaben des anderen machen. Willi verliert immer © DEFA-Stiftung /Siegrfried Skoluda

Carola und die anderen Kinder leben in der gleichen Welt wie die Kinder heute, nur drei Jahrzehnte früher. Ihre Alltagsrealitäten gleichen sich. Allerdings kamen die Kinder von damals ohne Handy aus – das Wort gab es noch nicht einmal. Tablet, Internet, Computerspiele, Instagram, What’s App  kannten sie nicht, ich genauso wenig. Gefehlt hat das mir und auch meinen Kindern nicht. Hinter unserem Haus gab es ein Biotop, ein Stück Wald, eine Wiese. Da trafen sie sich mit Freunden, dachten sich Spiele aus. Langweilig war ihnen nie. Sie nahmen von sich aus die Welt um sich herum wahr. Niemand musste ihnen erklären, woher Eier und Milch kommen. Noch heute, mehr als 30 Jahre später, erzählen meine Töchter von den vielen kleinen Frösche, die sich zu Tausenden vor ihrem Kindergarten tummelten und quakten. Kinder entfalten eine große Phantasie, wenn sich ihnen das Feld dafür bietet. Das erlebe ich jetzt auch bei meinen vierjährigen Enkeln, die zwar gern auf ihrem Tablet Trickfilme ansehen, aber mit noch mehr Spaß im Garten Feuerkäfer suchen, mit dem Schlauch sprengen und dabei ihre Geschichten spinnen: „Das Feuer ist gelöscht, der Baum gerettet, Feuerwehrchef!“

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Die alte Burgruine ist der Lieblingsplatz von Carola und ihrem Freund Willi (Ricardo Roth). Hier erzählt sie ihm von Buh, dem Gespenst

„Ein Vogel müsste man sein, und über die Dächer fliegen“ , träumt die 12-jährige Carola Huflattich im Film vor sich hin, während sie mit ihrem Freund Willi auf der Mauer einer alten Burg sitzt. Welchem Viertklässler käme so ein Wunsch heute noch in den Sinn, wo es Spieldrohnen gibt, mit denen man sich alles von oben ansehen kann? Technik contra Kinderträume. Rolf Losansky hat mit seinen Filmen stets ein Plädoyer für letzteres abgegeben.

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Vorbereitung für eine Szene in der Altstadt von Arnstadt mit Nicole, die hier mit Blüschen und Schleifchen das verwandelte Gespenst spielt. Hinter der Kamera Regisseur Rolf Losansky, rechts Kameramann Helmut Grewald ©DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda
Die Geschichte:

Carola geht in die 4. Klasse. Sie hat es faustdick hinter den Ohren. Wozu kämmen? Sie zwirbelt die Haare einfach zu strubbeligen Zöpfen. Statt Rock trägt sie lieber Hosen, in der Schulpause spielt sie mit einer Blechbüchse Fußball, die der Schuldirektorin an den Hintern knallt. Im Unterricht macht sie alles andere, nur nicht zuhören. Darum sind ihre Noten auch nicht die besten. Lernen macht ihr einfach keinen Spaß. Sport gefällt ihr und sich allerhand Unfug ausdenken. Darin ist sie Meister und bringt damit fast jeden Tag ihre Lehrerin zum Seufzen.

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Carola krabbelt durch die Absperrung und schleicht in den Schulkeller © DEFA-Stiftung Siegfried Skodula

Eines Tages passiert etwas schier Unglaubliches. Carola kippelt wie so oft im Unterricht mit dem Stuhl. Sie kippt um und der Stuhl bricht auseinander. Die Lehrerin, Fräulein Prohaska, schickt sie zum Hausmeister, um sich einen neuen Stuhl zu holen. Herr Potter aber ist nicht da. Carola nutzt die Gunst der Stunde und schleicht in den Keller. Sie wollte schon immer mal gucken, was es da alles gibt. Erfreut entdeckt sie einen Fernseher. Dass ein Zettel dranhängt, auf dem „defekt!“ steht, interessiert sie nicht. Sie stellt das Gerät an. Plötzlich kracht es. Staub fliegt ihr um die Ohren. Ihr Schreck hält nicht lange an. Der schummrige Keller beflügelt ihre Phantasie. Carola ruft einen „Weltgespenstertag“ aus.

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Rolf Ludwig als Hausmeister Potter und Walfriede Schmitt als Direktorin  © DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Sie ist gerade mit ihren Beschwörungen zugange, als der Hausmeister zurückkommt.  Erbost über Carolas unerlaubten Zutritt, holt er die Lehrerin und die Direktorin herbei. Flux erfindet Carola ein Gespenst, das angeblich im Keller herumgeistert. Weil sie es nicht vorzeigen  kann, behauptet Carola, es sei in ihrer Hosentasche verschwunden.

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Carola hat das Gespenst sichtbar gemacht  Quelle: Youtube

Wieder im Klassenraum, hört sie plötzlich eine Stimme aus der Hosentasche: „Mam, liebste Mam, gib mir eine Gestalt, wünsch dir, dass ich irgendetwas werde, dann bin ich’s.“ Carola wäre nicht Carola, würde sie die Chance nicht erkennen, dass sich damit ja was anstellen ließe. Das Gespenst möchte sichtbar gemacht werden. Also zeichnet Carola ein Bild an die Tafel und Buh, so nennt sie es, wird lebendig und fliegt durch den Raum. Doch als sich Buh in dem Handspiegel sieht, den die Lehrerin auf dem Tisch vergessen hat, ist es traurig. Es wollte niedlich aussehen, mit Zöpfen und Schleifchen und kein Strichmännchen im Nachthemd sein. Das bringt Carola auf eine Idee. Sie schlägt Buh vor, mit ihr die Gestalt zu tauschen.

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Das Gespenst ist glücklich in seiner Rolle als Carola.  Der ahnungslose Willi denkt, er spinnt. Carola ist plötzlich eine Streberin @ DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

 Dann könnte Buh den Wunsch der Mutter erfüllen, und als Carola Röckchen und Bluse tragen, Schleifen im Haar. Sie aber würde als Gespenst machen, wozu sie Lust hat. Über der Stadt herumfliegen, unsichtbar allerlei Schabernack treiben.  Vor allem aber müsste sie nicht mehr lernen, im Unterrricht stillsitzen und aufpassen, brauchte sich von der Mutter keine Vorhaltungen mehr anzuhören. Buh ist sofort einverstanden mit dem Rollentausch. Carola stellt nur eine Bedingung: Sie möchte zu den Sportstunden und den Pausen wieder sie selbst sein. Aber wie soll der Tausch gehen? „Guck in den Spiegel und sag einfach Buh-Huh, dann bin ich du und du ich“, erklärt das Gespenstermädchen. Gesagt, getan. Es klappt. 

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© DEFA-Stiftung/Gertrud Zucker

Voller Freude fliegt Carola als Gespenst durch die Stadt, turnt auf dem Dach herum, wo ihr Vater als Dachdecker arbeitet und ist glücklich. Buh bringt als brave und wissbegierige Carola ihre Mitschüler und Lehrer zum Staunen. Carolas Freund Willi versteht die Welt nicht mehr. Die kumpelhafte Carola, die absolut keine Lust zum Lernen hat und Mathe hasst, die lieber mit ihm herumstromert, ist über Nacht zum Streber geworden, unkameradschaftlich und überheblich. Sogar den Eltern wirft sie vor, sich nicht genug angstrengt zu haben. Sonst wäre die Mutter ja Verkaufsstellenleiterin und nicht bloß Verkäuferin und der Vater hätte eine eigene Dachdeckerfirma. „Mir soll das nicht so gehen, deshalb strenge ich mich an und lerne, statt fernzusehen“, verkündet Buh.

Das geht der echten Carola zu weit. Sie ist wütend auf ihr falsches Ich. Außerdem hat das einsame Herumgeistern seinen Reiz für sie verloren. Sie will in ihren Körper zurück, und in ihrem Bett schlafen, statt im dunklen Schulkeller. Aber Buh denkt nicht daran, sich an die Abmachnung zu halten und in seine alte Gestalt zurückzukehren. Zu sehr gefällt es ihm in der Schule und richtige Eltern zu haben. Darum gibt Buh der Lehrerin den Spiegel zurück.

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Carola hat ihren Freund Willi überzeugt, dass sie im Körper des Gespensts aus dem Keller steckt © DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Die echte Carola versucht alles, um dem gerissenen Gespenst beizukommen. Doch dazu braucht sie den Spiegel. Nur ihr Freund Willi kann ihr dazu verhelfen. Den muss sie aber erst einmal überzeugen, dass sie kein Gespenst, sondern die verwandelte Carola ist. Willi kann es nicht fassen, doch er glaubt dem herumfliegenden Geist, denn der kennt den „Indianerblick“. Es ist aber leichter gesagt als getan, den Spiegel zu finden und an sich zu bringen. Als die beiden ihn endlich haben, bedarf es noch einer weiteren List, damit sich das zurückverwandelte Gespenst nicht wieder des Spiegels bemächtigt.

Ein Jux mit Folgen
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Carola ist als Gespenst zu Frl. Prohaska (Karin Düwel) in die Wohnung geschlüpft, um den Handspiegel zu suchen. Doch die Lehrerin legt sich gerade eine Schönheitsmaske auf und hält den Spiegel fest in der Hand ©DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Regisseur Rolf Losansky hatte  eine genaue Vorstellung, wie seine Hauptdarstellerin sein sollte. Sie zu finden war ein langes Unterfangen. Er ist quer durch die DDR gereist und hat an Schulen nach seinen Kinderdarstellern gesucht. Fündig wurde er in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder). Nicole  nahm mit Schulfreundinnen heimlich am Vorsprechen teil. „Wir hatten damals die Anzeige in der Zeitung gesehen und sind aus Jux hingegangen“, erinnert sie sich. Ihren Eltern hatte sie nichts erzählt. Und dann gehörte sie zur ersten und dann zur zweiten Auswahl. Die Einladung zum dritten Vorspielen kam per Post.  „Meine Mutter fiel aus allen Wolken, als das Telegramm von der DEFA kam. Was ist denn das hier?“

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Dietmar Richter-Reinick und Barbara Dittus als Vater und Mutter Huflattich, die in dieser Szenen gerade ihre Tochter nicht wiedererkennen. Carola, respektive das Gespenst, hält ihnen vor, dass sie nicht mehr aus ihrem Leben gemacht haben. Der Vater könnte einen Dachdeckerbetrieb haben und die Mutter Verkaufsstellenleiterin sein, wenn sie ehrgeiziger gewesen wären © DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Zwei Mädchen hatte der Regisseur für die Rolle präferiert, weil er sich nicht entscheiden konnte. Beide hatten sich beim Vorspiel gleichermaßen geeignet gezeigt. Zuerst tendierte der Regisseur zu Emmi, einem blonden Mädchen. Sie ähnelte der Schauspielerin Barbara Dittus, die die strenge Mutter spielte.  Er wählte dann jedoch die braunäugige dunkelhaarige Nicole, weil sie vom Typ her besser zu Dietmar Richter-Reinick passte. Der Berliner Fernsehstar spielt Vater Huflattich, der für seine wilde Tochter der allerbeste Kumpel ist. Im Gegensatz zur strengen Mutter, hat er Verständnis, wenn Carola mal wieder schlechte Noten nach Hause bringt.   Die Vater-Tochter-Beziehung nimmt entsprechend Raum im Film ein.

Die Dreharbeiten in Arnstadt

Von September bis Dezember 1985 wurde im thüringischen Arnstadt gedreht.  Für die Kinder war das sehr aufregend. Zum ersten Mal hat Nicole damals in einem Hotel geschlafen. „Ich habe  die Aufmerksamkeit, die wir in dieser Zeit bekamen, sehr genossen. Wir waren drei Geschwister zu Hause und als Älteste musste ich immer ein bisschen zurückstecken“, erzählt sie.  In die Rolle von Carola Huflattich zu schlüpfen, fiel der Elfjährigen nicht schwer.  Von Natur aus brav und schüchtern gefiel es ihr, sich mal frech und rebellisch zu geben.  Das hat mich selbstbewusster gemacht, ich bin offener geworden.“ Ihre „Stunts“ hat sie selbst gemacht. Als sie mit dem Stuhl umkippte, fiel sie freilich nicht auf den harten Boden, sondern in weichen Schaumstoff. Ihr fallen viel lustige Szenen ein. „Als ich im Keller mit dem Gespenst gekämpft habe, war das wie Schattenboxen. Buh war ja nicht real vorhanden, und ich musste mich auf ihn werfen, stolpern, das hat richtigen Spaß gemacht.“ Die Flachfigur wurde später mit einem speziellen Verfahren in den Realfilm hineingebracht.

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Carola soll einen Stuhl aus dem Keller holen. Weil der Hausmeister nicht da ist, setzt sie sich in das Rednerpult an der Treppe. Hierhin verzog sich Nicole in einer Drehpause und schlief ein ©DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

In einer längeren Drehpause – man muss beim Film viel warten – hatte sich Nicole in das Rednerpult gesetzt, in dem sie sich als Carola vor dem Hausmeister versteckt, und ist eingeschlafen. Typisch Carola, könnte man sagen. „Die Rolle hatte auf mich wohl schon etwas abgefärbt“, lacht Nicole. Als weiter gedreht werden sollte, war die Hauptdarstellerin verschwunden. „Alle haben mich gesucht und nicht gefunden. Das war eine ganz schöne Aufregung. Rolf Losansky machte sich richtig Sorgen. Es hätte ja was passiert sein können. Er hatte die Verantwortung für uns Kinder.“ Trotzdem hat ihr niemand die Leviten gelesen, als sie nach einer Stunde hervorgekrochen kam.

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Kamermann Helmut Grewald (liegend) und Kamera-Assistent Wolfgang Kroffke filmen die Karussellszene ©DEFA-Stiftung/Siegfried Skoluda

Ein gleichermaßen großes Vergnügen waren die Dreharbeiten auch für die Schauspieler. Rolf Losansky hatte mit Rolf Ludwig, Dietmar Richter–Reinick, Barbara Dittus, Walfriede Schmitt, Günter Schubert und Karin Düwel die perfekte Wahl getroffen. Besonders mit Rolf Ludwig und Dietmar Richter-Reinick spielte Nicole gern.  „Sie machten mit uns immer Quatsch, wenn wir auf den nächsten Einsatz warten mussten“, erinnert sie sich. „Kinder sind keine Schauspieler, man muss sich als Erwachsener beim Spielen auf sie einlassen“, sagte Rolf Losansky immer. Wenn die Texte nicht wortwörtlich kamen, aber zur darzustellenden Situation passten, ließ er es zu. Von seinen Schauspielern erwartete er, dass sie das akzeptierten und darauf eingingen. Nicole erinnert sich noch mit Grausen an die Szenen auf dem Rummel, als sie Kettenkarussell fahren mussten. „Uns war hundeübel. Wir sind da wohl 100 Runden gefahren, ehe der Dreh im Kasten war. Dass uns schlecht war, mussten wir nicht spielen.“

Ein unerfüllter Traum

Im Februar 1987 kam der Film in die Kinos. „Es war Wahnsinn, sich als Kind auf der Leinwand zu sehen“, sagt Nicole. Weil ihr das so einen Spaß gemacht hatte, ging sie zum Casting für die Rolle der Anette in dem Kinderfilm „Die Weihnachtsgans Auguste“. „Ich wurde abgelehnt.  Stefanie Stappenbeck  hat damals die Rolle bekommen.“ Bei Rolf Losansky durfte sie noch einmal „Schauspielerin“ sein. Er besetzte Nicole 1988 in seinem Film „Abschiedsdisko“. Acht Jahre später, nach dem Abitur 1993, bewarb sich Nicole an der Schauspielschule. Zu jung, hieß es, sie solle es im nächsten Jahr erneut versuchen. „Ich hatte es vor“, sagt Nicole, „aber ich war nicht hartnäckig genug.“ Die Wartezeit überbrückte sie als Aupair-Mädchen in London. „Ich hatte eine super Familie erwischt. Sie schlug mir vor, einen Grafikkurs zu besuchen. Anschließend habe ich dann drei Jahre Grafikdesign in London studiert.“ Sie bekam dort dann eine Stelle in der weltweit arbeitenden Designagentur Pentagram. Nach 15 Jahren in London kehrte Nicole zurück nach Berlin und arbeitet seitdem in der Berliner Dependance von Pentagram. Sie entwirft Kreditkarten für Kunden in ganz Europa,  Firmenlogos, Plakte, Poster… Viele ihrer Arbeiten kann man im Filmmuseum Potsdam sehen. So schließt sich der Kreis.

Wie das Gespenst das Fliegen lernte

Seit 35 Jahren treibt Das Schulgespenst“ immer noch mit großem Erfolg sein Unwesen und ist inzwischen sowohl im Osten als auch im Westen populär.  Wie mit all seinen Kinderfilmen wurde Rolf Losansky († 2016) in all den Jahren von Schulen und Bibliotheken eingeladen. Die Kinder fanden insbesondere an den Szenen Spaß, in denen das Gespenst agiert. Wie es geschmeidig und wendig über die Dächer der Stadt tanzt, Fußball spielt, durch Schlüssellöcher schlüpft oder sich mit Carola im Keller einen Ringkampf liefert. Das Erstaunen der Kinder groß, wenn Rolf Losansky ihnen erzählte, dass all die lustigen Handlungen der Trickfigur nicht am Computer entstanden sind, sondern von Kameramänner, Filmtechnikern und Animatoren ausgeklügelt und ausgeführt worden sind.

Es waren vor allem Regisseure und Autoren von Kinder- und Märchenfilmen, die nach phantastischen Gestaltungsmöglichkeiten suchten. Als Rolf Losansky mit Peter Abraham das Drehbuch für „Das Schulgespenst“ schrieb, schwebte ihm vor, dass sich das Gespenst wie ein Geist in den Spielszenen bewegt, zugleich aber mit den Darstellern interagiert. Was so leicht aussieht, hat es filmtricktechnisch in sich. Wie schon bei seinen Kinderfilmen „Moritz in der Litfaßsäule“ (1982) und „Ein Schneemann für Afrika“  (1976/77) fand Rolf Losansky in der  DEFA-Trickabteilung begeisterte „Mittäter“.

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Trickabsprache zum DEFA-Film „Der Froschkönig“ 1987. v. l.n. r.: Trickfilmarchitekt Frank Wittstock, Kameramann Wolfgang Braumann, Trickkameramann Erich Günther und Regisseur Walter Beck

 

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„Der Froschkönig“ wurde von ihnen 1987 zu einer sprechenden und agierenden Animationsfigur gemacht. V. l. Erich Günter, Wolfgang Chevallier, Frank Wittstock und Heiko Ebert Repro/SUPERillu/Jürgen Weyrich

„Mich hat schon immer gereizt, die Möglichkeiten des Animationsfilms mit denen des Realfilms zu kombinieren“, sagt Erich Günther, der Chefkameramann der Trickabteilung, den ich  2010 zusammen mit Trickfilmarchitekt und Modellgestalter Frank Wittstock, Chefanimator Heiko Ebert und Tricktechniker Wolfgang Chevallier bei meinen Recherchen zum DEFA-Märchenfilm „Der Froschkönig“ (1987) kennenlernte.  Sie haben tatsächlich wahre Wunder vollbracht. Sie brachten den Frosch zum Hüpfen und Sprechen, Schere und Nadel im Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ 1974 zum Schneidern, die Glühwürmchen in der „Geschichte vom goldenen Taler“ 1983 zum Tanzen und hauchten dem „Schneemann für Afrika“ 1976 Leben  ein.

Für den Film „Das Schulgespenst“ war wiederum ihre außergewöhnliche Kreativität gefordert. „Die Schülerin Carola hat das Gespenst mit Kreide an die Wandtafel gemalt und zum Leben erweckt. Wir entschlossen uns, das Gespenst als eine in sich variable Flachfigur aufzunehmen und direkt ins Negativ einzubelichten“, erzählt Erich Günther. Regisseur Rolf Losansky gefiel die Idee, da sie seinen Vorstellungen entsprach.  Frank Wittstock baute die Figur. Damit die Bewegungen des Gespenstes im Film fließend erschienen, gliederte er die Fläche der Figur schuppenartig in Segmente auf. So konnte sie bei der Animation einzelbildweise in sich verändert und bewegt werden. 

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Darstellung des Aufnahmesystems zum Mitfahren einer deckungsgleichen Schwarzweiß-Bildmatrize. Zeichnung: Erich Günther Quelle: „Wie haben sie’s gemacht?…“Schüren-Verlag GmbH

Die spannende Frage für mich war, wie das Gespenst in die Realszenen hineinkommt. Dafür hatte Erich Günther eine spezielle Technologie entwickelt, die er bereits für die Animation der Glühwürmchen in der „Geschichte vom goldenen Taler“ angewandt hatte. Er kombinierte auf einer Basis zwei Kameras im rechten Winkel zueinander. Die Kamera 1 nahm den Realfilm in Farbe auf. Kamera 2  lief synchron mit und nahm die Szenen über einen halbdurchlässigen Spiegel in schwarzweiß auf. Mit dieser Einrichtung wurden alle Einstellungen auf, in denen das Gespenst agieren sollte. So entstanden zwei deckungsgleiche Filmnegative, von denen Erich Günther zunächst nur das Schwarzweiß-Material – die Bildmatrize – im Kopierwerk entwickeln ließ.  Sie diente Rolf Losansky am Schneidetisch zur Ausmusterung und dem Trickteam später beim Einbelichten des Gespenstes in den Farbfilm zur Animation der Trickfigur. Da für die Bildmatrize über einen Spiegel fotografiert wurde, entstanden seitenverkehrte Bilder. So musste Rolf Losansky das Filmmaterial am Schneidetisch auch seitenverkehrt betrachten.

Rolf Losansky beendete seine Dreharbeiten in Altenburg im Dezember 1985. Dann begann die Arbeit der Trickleute. Das vorbelichtete ORWO-Farbmaterial kam unbesehen bis zum Gebrauch in den Kühlschrank. Bei einer Temperatur von 3 Grad Celsius konnte es ein Jahr lagern, ohne farbliche Veränderungen zu erleiden. Erich Günther erinnert sich: „Im Dezember begannen wir damit, die ersten Trickeinstellungen zu kombinieren. Im Sommer 1986 legten wir die letzten zur Abnahme am Schneidetisch vor.“ Die Einbelichtung des Gespenstes beschreibt der Trickspezialist in dem Buch „Wie haben sie’s gemacht…? Babelsberger Kameramänner öffnen ihre Trickkiste“ von Uwe Fleischer und Helge Trimpert (Schüren-Verlag GmbH, 2007).  E0C9A2FA-08CF-4105-828D-1172B006E976_1_105_c

„In unserem Trickatelier hatten wir einen Spezialaufbau eingerichtet,  bei dem in eine Kamera das vorbelichtete Farbmaterial eingelegt wurde… Ähnlich wie der Aufnahme haben wir nun anstelle der Kamera 2 in einen Filmprojektor eingesetzt, der es möglich machte, im Einzelbild die Bildmatrize zu projizieren. Über einen halbdurchlässigen Spiegel und einen Umlenkspiegel wurde das Matrizenbild auf die Arbeitsfläche des Animators gebracht. “

Der Ablauf war dann folgender: Das Einrichtungsbild wurde von der schwarzweiß-Bildmatrize – dem Film aus Kamera zwei – projiziert, der Animator führte die Bewegung aus, die Projektion wurde ausgeschaltet, das Arbeitslicht zur Aufhellung des Schulgespenstes eingeschaltet und mit der Kamera ein Bild ausglöst. Für eine Sequenz von 10 Sekunden wurde dieser Vorgang 240mal wiederholt. „Wir hatten zwei Animationsstrecken aufgebaut, sodass wir etwa 20 Sekunden gespielte Szene pro Tag drehen konnten.“
Neun Monate dauerten es, bis der Film endgültig fertig war und am 7. Februar 1987 auf dem 5. Kinderfilmfestival „Goldener Spatz“ seine Premiere gefeiert werden konnte. Die Kinderjury zeichnete Rolf Losansky mit dem Ehrenpreis aus. Im selben Jahr gewann er in auf dem 5. Festival des Kinderfilms in Essen den „Blauen Elefanten“. 

Die DEFA-Trickfilmer galten als Perfektionisten. „Der Reiz am klassischen Trick sind die Geheimniss. Man probiert, testet aus, sagt Wolfgang Chevallier. „Mit dem Computer ist heute alles möglich.“

 

Aus dem Nähkästchen von Regisseuren und Schauspielern: Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“

Seit die SUPERillu 2005 ihre monatliche DVD-Reihe veröffentlicht, habe ich Regisseure und Schauspieler beliebter DEFA-Filme ausgefragt, was sich rund um die Dreharbeiten abgespielt hat, was sie Abenteuerliches erlebt haben. Dabei kam in zehn Jahren viel Überaschendes und Spannendes zutage. So nach und nach werde ich nun die unterhaltsamsten Geschichten aus meinem Archiv hier veröffentlichen. Den Anfang macht die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“, die vor 40 Jahren, am 6. Juni 1980, in die Kinos kam und für die Zuschauer ein toller Sommerfilmspaß war. Nicht zuletzt auch, weil Regisseur Georgi Kissimov die Titelrolle mit dem beliebten Komiker Rolf Herrichtin besetzte.

Vom eigenen Häuschen träumte man auch in der DDR. Sich diesen Traum zu erfüllen, barg jedoch manche Tücke. Da ging es kaum ohne das sogenannte  Vitamin B – gute Beziehungen – , und knausirig durfte der Bauherr auch nicht sein. Denn alles, was man so zum Bauen brauchte, gab es meist nur unter der Hand. Hatte man ein Haus finanziell konzipiert, musste man fast noch mal soviel als Schmiermittel auf der hohen Kante haben. Bürokratische Vorschriften stellten einem Bauherrn so manche Hürde  in den Weg.  Die DEFA-Komödie „Der Baulöwe“ ist dafür geradezu ein Lehrstück, liefert sie doch einen ziemlich guten Einblick in den DDR-Alltag.

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Der erfolgreiche Berliner Unterhaltungskünstler Ralf Keul muss innerhalb eines Jahres sein Grundstück an der Ostsee bebauen, sonst wird der Pachtvertrag aufgelöst. Das Glück beschert ihm und seiner Frau Doris einen Lottogewinn von 35.000 Mark. Mutig, aber ohne eine Ahnung, geht er das Unterfangen an.  Natürlich bleibt dem unerfahrenen Bauherrn bleibt nichts erspart. Die Maurer stehlen das Material von anderen Baustellen zusammen, sodass er sie entlassen muss. Beim Versuch, mit seinem Wartburg Zementsäcke zu befördern, bricht der Wagen zusammen. Die Dachdecker, die er unklugerweise vorab bezahlt hat, verschwinden und lassen ein Loch im Dach zurück. Auf halber Strecke geht das Geld aus. Er versäumt Proben für seine Bühnenshow und dann sogar den Auftrittstermin, weil er Ärger mit den Bauleuten hat. Das Theater kündigt ihm daraufhin das Engagement. Seine Frau reicht die Scheidung ein, weil sie in seiner Fanpost, ein Foto findet, das ihn mit einer Blondine am FKK zeigt. Das Fräulein aus dem Baustoffhandel hatte Keul mit dem Versprechen an den Strand gelockt, ihm Badfliesen zu besorgen.  Trotz aller Hindernisse steht das Haus am Ende. Das Gericht weist Doris‘ Scheidungsklage mit der Begründung zurück: Ein Bauherr ohne Erfahrung sei einer höheren Gefährdung ausgesetzt als ein Testpilot, da der wisse, was er fliegt.

So ähnlich ist die Geschichte dem Drehbuchautor Kurt Belicke passiert. Wie sein Filmheld hatte er sich blauäugig in das Unternehmen Hausbau gestürzt und eben diese Erfahrungen gemacht. Mehr als zehn Jahre dauerten die Arbeiten an seinem Ferienhaus, bis es endlich fertig war. Am Ende hatte es nicht einmal einen Schornstein. Belicke nahm‘s mit Humor und münzte seinen Ärger in einen der witzigsten Filme über die Widrigkeiten um, die der reale Sozialismus den Häuslebauern so bescheren konnte. So ein Vorhaben trieb das Problem des Mangels und der Schwarzarbeit auf die Spitze.

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Zu Beginn der Dreharbeiten befand sich Kurt Belickes Haus noch im Rohbau. Schauspieler Rolf Herricht posiert davor auf dem Filmauto, einem alten Opel Rekord, ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Als wir während der Sommerfilmtage 1980 mit dem Film auf Premierentour waren, klopften sich die Zuschauer wohlwissend vor Vergnügen auf die Schenkel“, erzählte Annekathrin Bürger, im Film die Gattin des Titelhelden. „Jeder wusste, was es für eine Tragödie sein konnte, sich Stein auf Stein ein Eigenheim zu bauen. Der Film ging damals ganz schön ans Eingemachte. Mit allem, dem Klauen, den Preisen und Unverschämtheiten wie den saufenden Dachdeckern. So etwas war nur als Komödie machbar.“ Die Schauspielerin wusste, wovon sie sprach. Ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Rolf Römer war ein Baulöwe im wahrsten Sinne des Wortes. Mit allen Wassern gewaschen. Er baute Zeit seines Lebens nicht nur an seinem eigenen Haus. Wenn er zu Freunden kam, die ein Haus hatten, setzte er sich ganz still hin und sagte nach einer Weile: „Weeßte, eigentlich fehlt hier ein Kamin.“ Einwände, dass es zu viel Arbeit wäre oder zu teuer, wehrte er ab: „Ach, das mache ich dir.“ Damit fing er sie und begann das Haus umzukrempeln. „Überall, wo er aufschlug, hatte er bauliche Verbesserungsvorschläge“, erinnert sich seine Frau.

Für SUPERillu hatte ich mich mit Annekathrin Bürger 2008 in Ahrenshoop auf die Suche nach dem Haus ohne Schornstein begeben, um das sich das Film-Abenteuer rankt. „Kurt Belicke hatte uns sein Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt. Es war damals immer noch ein Rohbau“, erinnerte sie sich. Während wir in der einstigen Künstlerkolonie nach Belickes Grundstück suchten, streiften wir viele Erinnerungen.

Als Kind verlebte Annekathrin Bürger jeden Sommer mit ihren Eltern und Bruder Olaf in Ahrenshoop. „Wir wohnten bei einer Bekannten, picknickten mit Freunden am Strand und machten mit den Nachbarjungs Fahrten auf alten Zeesen. Es gab keine gepflasterten Straßen, wie heute, aber das Land hier oben hatte Charme und Romantik.“ Deshalb zog es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Kunstmaler im Sommer hierher auf die Halbinsel Fischland. Auch Annekathrin Bürgers Vater Heinz Rammelt suchte hier seine Motive. Am Strand, in den weiten grünen Wiesen. Eine Weite, die seine Tochter heute vermisst.

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Annekathrin Bürger mit Ulrich Thein in ihrer ersten Filmrolle 1956. Bei den Dreharbeiten für „Eine Berliner Romanze“ verliebten sich die Schauspieler ineinander ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unvergessen bleibt ihr der Sommer 1956. Die damals 19-Jährige hatte ihren ersten Film abgedreht, „Eine Berliner Romanze“ mit Ulrich Thein. „Danach machten wir Urlaub an der Ostsee. Ecke Friedrichson, den später jedes Kind in der DDR als Meister Nadelöhr kannte, hatte das Quartier besorgt, irgendeinen ausgebauten Hühnerstall in Ahrenshoop. Null Komfort, aber das war uns egal. Hauptsache Ostsee. Wir waren den ganzen Tag am Strand, abends saßen wir am Lagerfeuer“, schwärmte sie in Erinnerung daran. Romantik, Charme und Weite sind inzwischen passé. Fast jedes freie Fleckchen wurde bebaut, mit Hotels, Ferienhäusern, Parkplätzen. Keine Idylle mehr zum Malen. Annekathrin Bürger stellt das mit Wehmut fest. „Es begann eigentlich schon Ende der 70er Jahre. Als wir 1978/79 unseren Film drehten, boomte der Bau von Fertigteilhäusern. Sehr zum Ärger der Alteingesessenen mit ihren Reetdach-Häusern. Sie empfanden das als Verschandelung. Heute fragt danach keiner.“

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Das Ehepaar Keul (Annekathrin Bürger als Doris, Rolf Herricht als Ralf) malt sich gerade aus, wie ihr neues Ferienhäuschen aussehen soll ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Vielleicht ist ja es die Nostalgie der Außenstehenden, dass wir uns zurücksehnen. Wer hier seine Existenz sichern muss, denkt anders.“ Annekathrin Bürger  erzählt von den Ostsee-Urlauben mit ihrem Mann Rolf Römer. „Ich weiß noch, dass ich in Berlin meinen Trabi-Kombi vollgestopft habe. Man nahm ja alles mit, was man nicht missen wollte. Und wenn wir hier ankamen, habe ich in der Gärtnerei erst mal Arme voll Rosen gekauft und unser Quartier ausgeschmückt.“ Nur essen gehen konnte man in den kleinen Orten kaum. Es fehlte an Kneipen, und die Speisekarten waren nicht jedermanns Geschmack. Man versorgte sich selbst. Das war normal. „Wir haben viel Fisch gegessen, den wir morgens frisch beim Fischer am Hafen holten. Wenn wir uns etwas gönnen wollten, sind wir nach Warnemünde ins Neptun gefahren. Dort gab es verschiedene kleine Restaurants, in denen man kubanisch, finnisch, russisch oder chinesisch essen konnte.“ Beim Abendessen im schicken Hotel Dorint in Wustrow fiel uns auf, dass wir es genießen, die Wahl zu haben.

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Die Schauspielerin Annekatrin Bürger mit ihrem Bruder, dem Dessauer Maler Olaf Rammelt, und seiner Frau, der Bildhauerin Christine Rammelt-Hadelich © xil/Michael Handelmann

So einfach wie gedacht gestaltete sich die Suche nach dem Haus ohne Schornstein nicht. Die Jahre hatten die Erinnerungen getrübt. Wo war die Straße, wie sah das Haus aus? Am nächsten Tag gesellte sich Annekathrins Bruder Olaf Rammelt mit seiner Frau Christine zu uns. Der Maler machte mit seiner Frau Christine in schöner familiärer Tradition in Ahrenshoop Urlaub. „Ich habe das Malzeug dabei, aber noch keinen Strich getan“, verriet er und freute sich über das Treffen. Die Geschwister sind sich sehr nahe. Olaf verbrachte als Jugendlicher oft seine Sommerferien bei der Schwester und ihrem Mann Rolf Römer in der Holländerwindmühle in Wustrow, die einem Freund gehörte. Für den Schauspieler Rolf Römer, der mit Leib und Seele auch (gelernter) Maurer war, ein Mekka. Hier konnte er sich austoben. Er hat Wände verputzt, Annekathrin hat gestrichen. Irgendwann störte es ihn, dass es kein fließend‘ Wasser im Haus gab. Also hat er angefangen, im Urlaub Gräben zu buddeln und Rohre zu verlegen. Freunde und Verwandten, die bei ihnen Unterschlupf suchten, mussten mit ran. Olaf denkt oft an die abenteuerliche Zeit zurück. „Rolf hat uns eingeladen. Ich bin mit meinem Freund auch gern gekommen. Für freie Kost und Logis sind wir ihm zur Hand gegangen. Allerdings kannte Rolf keine Pause. Er vergaß, dass wir Ferien ja hatten. Jedes Mal, wenn ich jetzt nach Ahrenshoop fahre und an der Mühle vorbeikomme, sehe ich uns ackern.“

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Um an Badfliesen zu kommen, lässt sich der arglose Ralf Keul an den FKK locken. Schauspieler Rolf Herricht war die Szene etwas peinlich. Er meinte zu Regisseur Georgi Kissimov: „Meinen Sie, die Menschen wollen einen 52-jährigen Mann nackt am Strand sehen?“ Er behielt bei den Aufnahmen dann eine kleine Badehose an. (Screenshot)

Annekathrin Bürger führt uns auf den „Weg zum Hohen Ufer“. Irgendwo hier muss es gewesen sein, ist sie sich sicher. „Irgendwo hier haben wir die Szenen rund um das Haus gedreht.“ Eine gute Stunde suchen wir die Gegend ab. Ohne Erfolg. Aber keins der reetgedeckten Häuser kommt ihrer Erinnerung nahe. Sie sind entweder zu groß, zu neu oder haben einen Schornstein. Ein Foto mit ihr vor dem Haus sollte die Brücke schlagen. Wir kamen am „Boddenblick“ vorbei, zu DDR-Zeiten ein FDGB-Heim, das nach der Wende zum Hotel umgebaut wurde. Annekathrin Bürger zeigte uns, wo Herbert Köfer sein Haus gehabt hat, wo Gunter Emmerlich mit seiner Familie Urlaub machte.

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Keul erwischt den Maurer (Willi Neuenhagen) mit den geklauten Steinen ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Unsere letzte Hoffnung ist eine ältere Ahrenshooperin, die in ihrem Garten arbeitet. Wir hatten Glück. Sie erinnerte sich an den Trubel, den die Filmleute damals veranstalteten. Auch an Rolf Herricht. „Ja, Belickes Haus steht noch. So ein kleines blaues, nur ein Stück den Weg da runter. Nicht zu übersehen.“ Nach knapp 200 Metern war unser Ziel erreicht. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Annekathrin Bürger strahlte: „Ja, das ist es. Das ist die Tür, durch die alle im Film zur Toilette gingen.“ Auch die Fertigteilhäuser auf den Nachbargrundstücken gibt es noch. Versteckt hinter hoch gewachsenen Hecken, mit neuen Fassaden und Reetdächern erkennt die Schauspielerin sie kaum wieder. „Die sind alle während unserer Dreharbeiten entstanden. Man konnte förmlich zuschauen, wie sie wuchsen.“

Wir umrundeten das Objekt unserer Begierde. Niemand war zu sehen, nichts war zu hören. Keiner reagierte auf unser Klopfen. Auf der Terrasse stehen Stühle und ein Tisch. Was tun? Einfach fotografieren? Der Gedanke fühlte sich nicht gut an. Der Besitzer musste gefragt werden. Dann öffnete sich doch die Tür. Annekathrin Bürger erkannte Frau Belicke.  Sie erklärte unser Anliegen, den unangemeldeten Überfall. Die ehemalige Kostümbildnerin des Friedrichstadtpalastes war 2005 von Berlin in ihr einstiges Ferienhaus gezogen. Sie war damals alles andere als erfreut, dass ihr Mann das Haus zum Drehort umfunktionieren ließ. „Ich kam überraschend hier an, und es wimmelte von Menschen. Dixi-Klos gab es nicht, alle benutzten unsere Toilette. Die Sickergrube war im Nu voll. Für einige Szenen mussten immer wieder die Scheiben eingeschmissen werden.“

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Alles für den Film. Nicht nur Scheiben wurden eingeworfen, auch ein Brand wurde inszeniert.  (Screenshot)

Frau Belicke konnte auch so viele Jahre später noch nicht darüber lachen. „Und warum hat das Haus keinen Schornstein? fragte ich. „Der uns damals einen setzten sollte, war beim Materialklau erwischt worden und saß im Knast. Vier Jahre stand das Haus ungedeckt da. Dann hatten wir die Nase voll und das Dach zumachen lassen.“ Ohne Schornstein. So war es nur im Sommer nutzbar. Nach der Wende ließ Kurt Belicke das Haus sanieren und eine Fußbodenheizung einbauen. Unter den Dreharbeiten leidet das Haus aber immer noch. Weil es dem Regisseur nicht hässlich genug war, wurde die Front damals mit brauner Leimfarbe gestrichen. „Daran knabbere ich noch heute“, sagte Frau Belicke. Ich habe die Wand schon zweimal abschleifen lassen, weil beim Überstreichen nichts hält.“ Für uns war es perfekt. Das Blau sieht sehr hübsch aus inmitten des grünen Gartens.

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Annekathrin Bürger vor dem Filmhaus. © SUPERillu/Boris Trenkel

 

 

Jutta Wachowiak: „Was ich zu sagen habe, gehört auf die Bühne“

Ich hatte nach langem wieder mal einen Theaterabend erlebt, der mich nicht mit einem unbefriedigenden Gefühl entließ. Ich konnte etwas anfangen mit dem, was mir erzählt wurde. Bei vielen Inszenierungen verstehe ich deren Interpretation nicht mehr. In der Box, der kleinen Bühne des Deutschen Theaters, habe ich mir „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ angesehen. Seit der Premiere im Oktober 2018 sind diese Vorstellungen stets ausverkauft. Ich muss gestehen, dass mich journalistische Neugier getrieben hat, denn es ist über 20 Jahre her, dass ich mit der Schauspielerin gesprochen habe.

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„Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ ist ein Theaterabend von Jutta Wachowiak, Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez ©DT/Arno Declair

In ihrem Solo-Abend „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ spielt sie die Wärterin in einem Dinosaurier-Park, den man weder verlassen noch unkontrolliert betreten darf. Zunächst fragt man sich: Was hat der Blockbuster hier zu suchen? Doch schnell erschließt sich eine Parabel auf die DDR. Die Geschichte des Parks vermischt sich mit der Biografie der Schauspielerin. Sie reflektiert die äußeren und inneren Umstände ihres Lebens. Von den Kindertagen angefangen über ihren künstlerischen Werdegang in der DDR, die Zweifel an sich, die Hürden, die Erfolge auf diesem Weg. Sie erzählt von der Hoffnung, als sich der Park öffnet und dem Erlebten danach, wie sie zurückgeworfen wird, nichts mehr so ist wie es war. „Das war eine Zeit, in der ich lebte, als wäre keine Haut auf meiner Seele, so ausgeliefert war ich dem brutalisierten Alltag.“

…und alle heben sich gleichzeitig empor / von ihren Stangen / und flattern hinauf in die Kuppel / als hätten sie das Loch dort oben im Eisengitter / erst jetzt gesehen…“

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„Ich kann jetzt überall hin, nur nach Hause kann ich nicht“,  sinniert Jutta Wachowiak in ihrem Monolog übetr die Folgen des Mauerfalls ©DT/Arno Declair

Wie die Dinosaurier in dem imaginären Park flogen die Menschen aus den geöffneten „Fenstern“ hinaus in die unbekannte Freiheit. Doch die neue Freiheit ließ sich nicht genießen. Als sie zurückkamen, war der Ort noch da, aber das Zuhause weg. Das Zuhause der Schauspielerin war das Deutsche Theater. Es wurde wie alle ehemaligen DDR-Bühnen einer Metamorphose unterzogen, die künstlerische Merkwürdigkeiten hervorbrachten. Intendant Thomas Langhoff konnte die vormalige künstlerische Höhe des Theaters nicht halten. Seine Inszenierungen seien konventionell, brav, gegenwartsfremd wurde ihm vorgeworfen. Jutta Wachowiak sah sein Dilemma, helfen konnte sie ihm nicht. „Die Arbeit mit Langhoff ist immer elektrisierend gewesen, bis seine Regie an Spannung verlor und ihr Magnetfeld plötzlich zusammenbrach.“ Beide kannten sie sich seit 1963 aus ihrer gemeinsamen Schauspielzeit am Hans-Otto-Theater. Unter seiner Regie stand sie in großen Rolle wie „Maria Stuart“ auf der Bühne oder als Rosi in dem dreiteiligen Fernsehfilm „Guten  Morgen, du Schöne“ nach Maxi Wanders Frauenporträts. Nun verstand sie ihn nicht mehr.

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Jutta Wachowiak 1993 als Mutter Wolffen in Thomas Langhoffs Inszenierung „Der Biberpelz“ am Deutschen Theater (Screenshot aus der ZDF-Fernsehaufzeichnung )

Es kamen Frank Castorf, Einar Schleef und Christoph Schlingensief mit ihren experimentellen Inszenierungen (postdramatisches Theater). Jutta Wachowiak tat sich schwer damit. „Maria Stuart“ flog nach zehn erfolgreichen Jahren 1993 vom Spielplan. Danach feierte sie zwar Erfolge als Mutter Wolffen in Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ (1993-97), als Frau Fielitz in seiner Fortsetzung „Der rote Hahn“ (1997). Dennoch wuchs ihr Unbehagen. „Ich hatte damals schon begriffen, dass Castorf und Schlingensief große Künstler sind. Mein Leiden hing eher damit zusammen, dass ich es nicht verstand. Und dass das an mir lag.“ Sie bemerkte, wie sie sich verlor, wie sie eine ungewollte Aggressivität entwickelte, mit der sie andere verletzen konnte. Sie stand morgens hinter der Tür und sagte: „So, die Stacheln raus und rein in die feindliche Welt.“ Das war nicht mehr sie.  Sie zog ihre Konsequenz. Als Schutz und um sich Sensibilität und Verletzbarkeit für ihren Beruf zu bewahren, trainierte sie sich „ein ausgesprochenes Bedürfnis nach Alleinsein an. So bleibt meine Einmischung in das gesellschaftliche Leben nahe an meiner Arbeit.“  Viel später erst kam ihr ins Bewusstsein, wie sie mir sagt, woran das lag, dass sie sich in einer Verfassung befand, in der sie nicht mehr im Einklang mit sich selbst war. „Ich war damals wirklich aus meiner Mitte herausgerückt“, beschreibt sie ihren damaligen Zustand.

Um die Leerlaufzeiten sinnvoll zu überbrücken, unterrichtete sie bis zu ihrem Weggang 2005 aus Berlin Szenenstudium an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst.Das war eine Sache, die Spaß machte. Ich hatte das Gefühl, ich kann den jungen Leuten etwas verklickern. Dabei war ich selber immer am Ball, denn ich musste mich mit meiner ganzen Sensibilität und Beobachtungsschärfe einbringen.

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Herausragend war Jutta Wachowiaks Verkörperung der alternden Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz in Ralf Kirstens Filmbiografie „Käthe  Kollwitz – Bilder eines Lebens“ ©DEFA-Stiftung/Norbert Kuhröber

Als dem Berliner Senat 1996 aus Sparsamkeitsgründen die Idee kam, die „Ernst-Busch“ der Westberliner Hochschule der Künste unterzuordnen, schrieb Jutta Wachowiak einen Protestbrief an den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. „Da hätte man einen gut funktionierenden Körper an einen Tropf gehängt. Das wäre das Ende der besten deutschen Ausbildungsstätte für Schauspieler gewesen“, kann sich noch so viele Jahre später darüber empören. Diese Unvernunft wollte sie nicht mittragen und war bereit, ihr Bundesverdienstkreuz, das ihr 1992 für ihr politisches Wirken im Herbst 1989 verliehen worden war, zurückzugeben, falls der Senat bei seinem Vorhaben der bliebe. „Man hat mich mit dem Orden für meine Integrität und Gründlichkeit belohnt. Und ich wollte nicht in Verdacht kommen, mich für Arschlöchigkeit loben zu lassen.

Da Eberhard Diepgen auf das Schreiben der Schauspielerin nicht reagierte, kam es zu einer spektakulären Protestkundgebung. Am 14. März 1996 verlas Jutta Wachowiak vor Hunderten Schauspielern, Studenten und Theaterfreunden im bat, dem Studiotheater der Hochschule, ihren Brief. Am 12. März hatten Schauspielstudenten und prominente Künstler begonnen, sich mit Aufführungen und Lesungen gegen die Schließung ihrer Schule zu wehren. Von überall her kamen Solidaritätsbekundungen. Intendant Jürgen Flimm vom Thalia Theater Hamburg schrieb, Thomas Langhoff vom Deutschen Theater, Birgitta Vallgarda von der Lunds Universität in Malmö. Das Schauspielhaus Zürich unterstrich, dass die „Ernst Busch“ mit ihren Besonderheiten und der anerkannten Qualität ihrer Ausbildung erhalten bleiben muss.

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Regisseur Roland Gräf mit Jutta Wachowiak 1981 bei den Dreharbeiten zu  „Märkische Forschungen“  nach dem Roman von Günter de Bruyn ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Die Rolle der Mahnerin gehört nicht zu denen, die sich Jutta Wachowiak gewünscht hat, noch viel weniger, dass das mit „Henry-Maske-Tamtam“ passierte. „Aber es ging hier nicht anders“, betont sie in unserem zweiten Interview, dass wir 1998 führten. Die Fusion fand nicht statt. Die Ernst-Busch-Hochschule hat ihre Eigenständigkeit behalten, auch dank des Einsatzes der prominenten Schauspielerin. Der Orden, den sie nur an jenem Abend am Revers trug, liegt wieder im Schrank.

„Ich bin keine Intellektuelle“, sagt Jutta Wachowiak. „Ich fühlte mich denjenigen nahe, die ihren Brigadeausflug ins Theater machten. Darüber stellte sich zwischen uns eine Art konspiratives Einverständnis her.“ Im Herbst 1989 schloss sie sich ihrem Publikum an, engagierte sich dafür, dass sich in der DDR etwas ändert. „Ich konnte den „Zynismus und die Scheinheiligkeit im Umgang mit den Menschen nicht mehr ertragen. Da lag der Scheißhaufen mitten im Wohnzimmer, und die haben ein Spitzendeckchen drübergelegt. Und wehe dem, der sagte, es stinkt.“ Das hat sie geärgert an der DDR, dass die „feinen Herren aus Wandlitz in ihren Limousinen mit zugezogenen Gardinen zur Arbeit fuhren.“ – und auch wieder zurück. „Die wollten nicht sehen, was wirklich los ist. Trotzdem bin ich wahnsinnig froh, dass ich 40 Jahre auf unserer Seite zugebracht habe. Und den Rest sehe ich zu, dass ich meine Aufrichtigkeit und Integrität verteidige gegen andersgeartete Gefährdungen.

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Jutta Wachowiak nimmt das Theater als moralische Anstalt ernst. Es geht um eine gerechte Ordnung, um eine Gesellschaft der Freien, die moralisch handeln. Darum ging sie 1989 auf die Straße ©DT/Arno Declair

Den Aufbruch 1989 fand sie wunderbar: „Da flog noch mal der Kalk aus den Arterien, es kam Wind in die Bude.“ Jutta Wachowiak stand am 4. November 1989 mit in der ersten Reihe, als Theaterleute, Schriftsteller, Kunst- und Kulturschaffende am Berliner Alexanderplatz für Veränderungen im Staat protestierten. „Wir hatten keinen Umsturz im Sinn. Die Gesellschaft, den Staat umbauen, weiterbauen, darum ging es. Wir wollten die Möglichkeiten der öffentlichen Kritik und freien Meinungsäußerung einklagen, forderten eine andere Medienpolitik“, benennt sie das Anliegen von damals noch einmal.

Sie wurde Mitglied im Zeitweiligen Untersuchungsausschuss mit, der Licht in die gewalttätigen übergriffe der Polizei am 7., 8. und 9. Oktober an Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg bringen wollte. Die Erinnerung daran lässt sie in Rage geraten. Es war grässlich. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass so viele Leute sagten: Ich war’s nichts. Da habe sie viel dazu gelernt, konstatierte sie später.

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Jutta Wachowiak als Käthe Kollwitz 1986 ©DEFA-Stiftung/Norbert Kuhröber

Wie sie den monatelangen Spagat durchgehalten hat, vermag sie nicht zu sagen. Tagsüber las sie Gedächtnisprotokolle, die ihr schlaflose Nächte bereiteten, führte Podiumsdiskussionen, abends stand sie als „Maria Stuart“ auf der Bühne des Deutschen Theaters. „Es ging schon an die Substanz. Vielleicht war es naiv, anzunehmen, wir könnten uns einmischen“, sann sie in unserem Gespräch nach. „Aber es ging um unsere Zukunft. Da konnte ich nicht einfach aufhören. Ich habe dafür eine moralische Verantwortung empfunden.“ Mulmig bis ins tiefste Innere wurde ihr, als am 9. November die Mauer fiel. „Da wusste ich, jetzt ist es vorbei mit Umbauen und Weiterbauen. Die Erfahrung aber war nicht umsonst“, denkt sie heute.

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Ich bin hier das Relikt“ , sagt sie ins Publikum ©DT/Arno Declair

Jutta Wachowiak leistet sich keine Larmoyance, keine Nostalgie im Blick auf ihr Leben, derer man ja schnell verdächtig wird heute. „Die Gesellschaft ist eine andere geworden, ich bin anders geworden. Ideologisch geprägte Verhaltensweisen wie Disziplin, Anpassung und Notwendigkeit sind jetzt ganz individuell bezogen. Haben einzig mit dem zu tun, was mich und meine Kinder angeht. Das habe ich zu akzeptieren gelernt.
Die Mutter hatte die Tochter gewarnt, als die aufmachte, Schauspielerin zu werden: „Kind, das ist ein sehr harter Beruf.“ Das bezweifelte die damals 17-Jährige nicht. Aber leicht wollte sie es auch nicht haben „Ich war immer jemand, der es ganz gerne schwer hat. Es muss natürlich auszuhalten bleiben“, erklärt Jutta Wachowiak sechs Jahrzehnte später. Die Zeiten dazwischen haben ihr viel abverlangt.

An die Grenzen des Aushaltbaren kam sie, nachdem Thomas Langhoff seinen Platz als Intendant des Deutschen Theaters räumen und der Solinger Bernd Wilms die Macht übernahm. Er verkörpert den Typ „Wessi“, der von der Warte des Siegers auf die Menschen im Osten guckt. Das hat Jutta Wachowiak sehr schnell zu spüren bekommen. Nach 30 Jahren am Deutschen Theater musste sich die Schauspielerin, die aus den Spielplänen nicht wegzudenken war, fragen lassen: „Wer sind Sie denn?“ So tief verletzt hatte sie noch niemand. Die Ausgrenzung begann. Wilm hat fast das gesamte Ost-Ensemble ausgetauscht. Nur die Unkündbaren wie Jutta Wachowiak gab es noch. Die Kollegen aus dem Westen blieben ihr fremd.

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1979 drehte Roland Gräf mit ihr die Liebesgeschichte „P.S“. Die Bewährungshelferin Margot (Jutta Wachowiak)  verliebt sich in den 18-jährigen Peter (Andrej Pieczinski) ©DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann

„Sie stellen sich mal schön hinten an“, hieß es. „Ich war ja staatserhaltend! Habe Auszeichnungen bekommen. Das wurde mir angekreidet.“ Man ließ keine Gelegenheit aus, ihr klar zu machen, dass man sie für eine zwangsweise übernommen Altlast hielt. Die Bitternis von damals klingt an, als sie davon erzählt. Doch dann macht sich Empörung Luft. „Es gibt kein Gefühl dafür, dass wir da auch gerne gelebt haben. Dass wir uns gerieben haben oder dass wir Reglementierungen unerträglich fanden. Man stellt keine Fragen, aber weiß, wie es geht. Ein ganzes Land mit seinen sämtlichen Erinnerungen wird bis heute denunziert. Fähigkeiten, Leistungen, Ideen und Wissen werden ignoriert. Das ist entwürdigend, schmerzhaft und unnötig“, möchte ich die Schauspielerin hier aus dem Programmheft für ihren Abend Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ zitieren.

Man überging sie bei der Besetzung neuer Stücke. Manchen Tag setzte sie sich nachmittags ins Kino und sah sich Blockbuster wie „Blade Runner“ an. Sie wollte, dass die hämmernden Gedanken in ihrem Kopf aufhören: Bin ich wirklich nur auf Scheiße reingefallen? Haben wir wirklich nur Sklavensprache gesprochen? Habe ich mit meiner Kunst den Staat gestützt? Ihr Selbstbewusstsein war am Boden. Mit ihrem Soloabend „Iphigenie auf Tauris“ versuchte sie, sich zu lokalisieren. „Ich musste mich fragen, welche Spielregeln ich akzeptieren kann und welche nicht.“ Sie konnte und wollte die Demütigungen an dem Theater, das nicht mehr ihres war, nicht mehr ertragen.Am Ende der Spielzeit 2004/2005 zog einen schmerzlichen Schlussstrich unter 35 Jahre ihres künstlerischen Lebens am Deutschen Theater. Es war das einzig Richtige, das sie tun konnte. Sie musste da weg, weil sie nicht mehr spielen konnte.

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In dem Fernsehfilm „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ (Josef Karlík) 1968 lernte die 27-jährige  Schauspielerin, dass sie rustikale Kraft und Lebenserfahrung der Partisanin Babka über eine ganz karge Grundhaltung ausdrücken kann Foto: Screenshot  

Sie veließ die Gefilde, in denen man sie kannte,  ihre Leistung als der Schauspielerin schätzte, und folgte Anselm Weber, der als Gast am DT inszeniert hatte, auf dessen Angebot hin nach Essen. Weber übernahm als Intendant das dortige Schauspielhaus und baute mit jungen Leuten ein neues Ensemble auf. Rafael Sanchez, den sie auch schon vom DT kannte, Roger Vontobel, David Bösch. Die erfahrene Schauspielerin wollte ihre Erfahrungen weitergeben und mutierte selbst zur Lernenden. „Ich wollte ihre Art, Theater zu machen, verstehen.“ Sie bemerkte, dass die Jungen die emotionalen Verquickungen genau wie sie sehen. „Sie finden dafür aber ganz andere Bilder und meinen es nicht so angriffig, wie ich dachte.“ Sie ließ sich auf sie ein. „Plötzlich war mein Zugang zu ihren Inszenierungen viel größer“, konstatierte sie schon bald.

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Der 40jährige Karl (Dieter Mann) steckt in der Midlife- Crisis. Er verliebt sich in eine Jüngere und eröffnet seiner Frau Elisabeth (Jutta Wachowiak) nach vielen Ehejahren, sie nie geliebt zu haben.  Das gesellschaftskritische Filmdrama „Glück im Hinterhaus“ (1980 von Hermann Zschoche gedreht) ist eine Adaption von Günter de Bruyns Roman „Buridans Esel“ ©DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss

In Essen, wo sie niemand kannte, keiner je DEFA-Filme geguckt hat, gelang es Jutta Wachowiak aus ihrem seelischen Tief, ihrer emotionalen Talsohle herauszukommen. „Ich fühlte mich in der Stadt keinen Moment fremd.“ Die Stadt, die Menschen und das Leben hatten etwas Vertrautes, es kam ein bisschen DDR-Gefühl hoch – ein gutes.  Sie blieb bis Anselm Weber ans Schauspielhaus Bochum wechselte und kehrte 2009 nach Berlin zurück. Sie traf Thomas Langhoff wieder, der sich national wie international als Regisseur etabliert hatte, und spielte am Berliner Ensemble in seiner Inszenierung „Donã Rosita oder die Sprache der Blumen.“ Ihr Neubeginn auf einer Berliner Theaterbühne. Das Deutsche Theater betrat sie erst 2012 wieder, als Rafael Sanchez sie in William Shakespeares Tragödie „Coriolanus“ besetzte. „Früher hätte ich auch keinen Schritt in das Haus setzen können, partout nicht“, sagt Jutta Wachowiak. Dass sie nun wieder öfter auf ihrer einstigen Hausbühne steht, bedeutet der Schauspielerin sehr viel.

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Jutta Wachowiak 1995 bei meinem Besuch in ihrem Sommerparadies ©Boris Trenkel

Für mein Interview 1995 besuchte ich sie in ihrem Sommerparadies auf der Potsdamer Halbinsel Hermannswerder. Ein winziges Stück Idylle, direkt am Templiner See. Wir saßen am Steg, an dem ein Paddelboot vertäut war. Wochenlang kann sie allein sein im Garten. Hier kann sie stricken, lesen, schwimmen, sich sonnen… Wenn die Aprikosen reif sind, lädt sie Freunde zum Knödelessen ein. „Ick muss mir Abwechslung verschaffen können, wann ick will. Sonst kriege ick die Motten.“ Die Parzelle, auf der sie sich ein Haus gebaut hat, ist auch ihr Schlupfloch, wo Trubel und Chaos des Alltags draußen bleiben.

Der Drang nach Abwechslung führte Jutta Wachowiak in den Schauspielerberuf. „Ich mochte Theater und bin in jede neue Aufführung gegangen.“ Als es daran ging, dass sie in der Schule einen Berufswunsch äußern sollte, hatte sie keine Vorstellung. „Ich war vierzehn, extrem winzig, gerademal 1,42 Meter und zart. Das ist jetzt vielleicht zum Lachen, wenn man mich anguckt.“ Sie lässt den Blick an sich heruntergleiten und hat dabei ein schönes Strahlen im Gesicht.

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Jutta Wachowiak 1980 ©DEFA-Stiftung/Nobert Kuhröber

Jutta Wachowiak hatte eine gescheite Mutter, eine echte Berlinerin, die fest im Leben stand. Im Kriegsjahr 1944 war sie mit ihren beiden Töchtern wie Tausende Berliner Mütter aus der Stadt in die deutschen Ostgebiete im heutigen Polen evakuiert worden. Nach Kriegsende kehrte sie in den Prenzlauer Berg zurück. Aus Angst vor den Russen ging die Mutter mit den kleinen Mädchen sie zu Fuß, lehnte freundliche Aufforderungen, sie mitzunehmen ab. Doch als die Kinder nicht mehr konnten, stieg sie doch auf die Ladefläche eines Wagens. Und die kleine Jutta schrie und schrie, bis es nicht mehr auszuhalten war. Da stieg der Offizier aus dem Wagen, ging  zu einem Garten und riss einen Stachelbeerstrauch heraus. Und Jutta pickte bis Berlin die Beeren ab und stopfte sie in den Mund. Ruhe war nun. Sie kamen in ihre Wohnung in der Wichertstraße, die noch war, wie sie verlassen hatten.

Die Mutter sagte ihrer feinnervigen und durch eine Lymphdrüsen-Tuberkulose im Wachstum zurückgebliebenen Tochter nun als es an die Berufswahl ging: „Pass auf, da lernste erst mal Steno und Maschine. Da kann man immer was mit anfangen. Dann sehen wir weiter.“ Also lernte das Mädchen Stenotypistin und war mit sechzehn Sekretärin beim Stadtbezirk Prenzlauer Berg. „Meine kleine Mama raste ins Büro, um mich und meine Schwester durchzukriegen. Sie war eine ganz ungewöhnliche Frau, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommend, mit einer ungewöhnlichen Toleranz versehen, so lebhaftem Interesse an ernsthaften Vorgängen zwischen den Menschen. Das hat sie mir alles mitgegeben.“ Die Mutter war im Jahr vor unserem Interview gestorben.

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Günter Linke fotografierte die Schauspielerin 1969  für ein Autogrammfoto ©FMP/Günter Linke

Es dauerte nicht lange, da fing die frischgebackene Sekretärin an,  ihr Büro andauernd umzuräumen, legte die Briefe mal hier hin, mal dort hin, damit die Handgriffe nicht immer die gleichen waren. „Ich merkte, ich bin nicht ausgelastet oder verkehrt an dem Platz.“ Nach einem Jahr suchte sich sie eine Anstellung bei der Notenbank. „Ganz bewusst da, weil ich wusste, die haben eine Laienspielgruppe.“ Nach der Arbeit im Büro stand sie auf der Bühne und empfand sich da am richtigen Platz. Wohlwollend beobachtet von ihrem Chef, Herrn Todtmann, der später Karriere im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe in Moskau machte. Jutta Wachowiak erinnert sich gern an ihn: „Er war ein feiner Herr mit romantisch gebildetem Hintergrund. Wir hatten lange Kontakt. Es war gut, sich mit so jemandem zu unterhalten, man kam über den eigenen Horizont hinaus.“ Herr Todtmann war es, der sie zur Schauspielschule schickte. „Fräulein Jutta“, sagte er, „hier können Sie nicht bleiben. Sie müssen zum Theater.“ Sie bekam von ihm zum Einstudieren Komödien von Curt Götz, die sie überhaupt nicht kannte, weil das kein Theater in Ostberlin gespielt hat.

Ihr Vorspiel an der Schauspielschule in Schöneweide endete im Fiasko. Sie sei unbegabt. „Wenn man fünf Stunden warten muss und dann nicht mehr kann, weil sich da eine Sensibilität verrät, die irgendwann von Nutzen ist, wenn man sie durch Professionalität mit Kraft versieht, ist das kein Zeichen für Unbegabtheit, sondern für das Gegenteil.“ So sieht es die erfahrene Schauspielerin heute. Und so sah das damals auch die wohl bekannteste Berliner Dozentin für Schauspiel Doris Thalmer, der Schauspieler wie Christian Grashof, Franziska Troegner, Dieter Mann und Katharina Thalbach ihr handwerkliches Können verdanken. Doris Thalmer schickte die 17jährige Jutta zur Filmhochschule Babelsberg und sagte ihr, sie müsse sich gleich vorstellen, weil man da nur bis achtzehn immatrikuliert. An der Schauspielschule suche man ohnehin handfeste, proletarische Frauentypen. Ein solcher war die zarte, fummelige Jutta ja nun nicht.

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Jutta Wachowiak und Christian Grashof 2019 nach ihrer Fontane-Lesung ©Andrea Doberenz

Das Studium in Babelsberg gefiel ihr. An der Filmhochschule konnte man ihrer Fummeligkeit umgehen. 1963 dann das erste Engagement am Hans-Otto-Theater Potsdam. Fünf Jahre blieb sie und hatte ordentlich Lehrgeld zu zahlen. „Ich war noch so hingebungsvoll, hatte eine übertriebene Anerkennung für alles, was die anderen sagten, dass ich anfing zu zweifeln, ob ich richtig bin in dem Beruf.“ Diese Selbstzweifel behinderten sie in ihrem Spiel, wenngleich sie auch Erfolg hatte als Eliza in „Pygmalion“, ihre erste größere Rolle. „Ich konnte mich nicht öffnen. Es war mir klimatisch nicht möglich, zu der Form aufzulaufen, die ich zu dem Zeitpunkt sogar schon hätte haben können“, schätzte die Schauspielerin im Rückblick ein.

Sie wechselte 1968 an die Karl-Marx-Städter Bühne. „Ich wollte erfahren, ob ich den Beruf durchhalte.“ Plötzlich hatte sie den Raum und die Atmosphäre, die sie brauchte. Sie spielte ohne Hemmungen, setzte ihre emotionale Kraft, ihre Phantasie und ihr erlerntes Können ein. An der Seite von Christian Grashof spielte sie die Luise in „Kabale und Liebe“. Es war eine unerwartet starke Darstellung, auch für Jutta Wachowiak selbst. „Ich besann mich wieder, warum ich den Beruf ergriffen habe und dass ich mir selbst der wichtigste Zensor bin.“ Sie legte sich ihre Messlatte selbst, und wenn es in ihren Augen „nüscht war“, hat es sie doch weitergebracht. 1970 holte der grandiose Schauspieler und Regisseur Prof. Wolfgang Heinz das kongeniale Paar Wachowiak/Grashof ans Deutsche Theater nach Berlin.

Es war ein Start mit Hindernissen. Jutta Wachowiak kam mit der brüskierenden Arroganz des Intendanten Hanns Anselm Perten nicht klar. Die Gelegenheit war günstig, sich erst einmal auszuklinken. Sie hatte gerade den Nachrichtensprecher Klaus Ackermann geheiratet und zu ihm gesagt: „Komm wir machen ein Kind“. Tochter Anja kam im November 1971 zur Welt, ein halbes Jahr später kehrte die junge Mutter ans Theater zurück. Schon sehr erwartet von Prof. Wolfgang Heinz. Er wollte mit ihr Tschechows „Onkel Wanja“ inszenieren. Perten war wieder weg.

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2012 inszenierte Rafael Sanchez Shakespeares „Coriolanus“ und besetzte Jutta Wachowiak als Cominius und Konsul ©DT/Arno Declair

Die Arbeit mit Wolfgang Heinz bescherte Jutta Wachowiak eine wichtige Erfahrung. Ehrfurcht und Demut vor diesem klugen Mann, diesem einfühlsamen Schauspieler und Regisseur, hatten sie anfangs in den Proben gelähmt. Sie wusste, in Prof. Heinz hat sie jemanden, der steht wie ein Fels. Ein gediegener, gewachsener. Wenn der sagte: Nein, Kindele, dann wollte er sie nicht schikanieren. Er wollte, dass die Sache gut wird. „Ich ging auf der Bühne in die Knie, wenn er von seinem Sitz im Saal etwas sagte. Ich ertrug es nicht, dass ich oben stand und er saß unten. Aber irgendwann im Leben gibt es einen Punkt, wo es anfängt, dass man die qualvollen Strecken auch genießen muss, damit sie Folgen haben.

Und dann kam dieser Punkt. Sie blieb stehen und führte den Dialog in aufrechter Haltung. Genau das hatte Wolfgang Heinz provozieren wollen. Sie redeten auf Augenhöhe. „Er wollte nicht, dass man in die Knie geht. Er wollte sich auch reiben.“ Auf diese Weise haben sie dann viele Jahre gearbeitet. Die Schauspielerin litt, als er nicht mehr so gegenhalten konnte mit wachsendem Alter. Sie zog für sich die Konsequenz. „Ich versuchte, zu ihm zu halten, dachte: jetzt ist dir eben eine Verantwortung zugewachsen, jetzt haste das mit aufzufangen. Das ist mir nicht immer gelungen.“

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Hermann Beyer und Jutta Wachowiak als Ehepaar Pötsch 1981 in Roland Gräfs Literaturverfilmung „Märkische Forschungen“ nach dem Roman von Günter de Bruyn ©DEFA-Stiftung/Waltraud Pathenheimer

Neben der Bühne hat Jutta Wachowiak seit ihrem Studium eine Parallelwelt vor der Kamera. Die DDR war klein, DEFA und Fernsehen hatten zwar eigene Ensemble, aber man griff gern auf Theaterschauspieler zurück. Sie brachten ihre Bühnenerfahrungen mit ein und hatten auf der anderen Seite selbst mehr Abwechslung in den Rollen. So funktionierte das 40 Jahre lang wunderbar.

Thomas Langhoff, der ab 1971 auch als Regisseur Fernsehfilme drehte, besetzte Jutta Wachowiak 1976 mit der Hauptrolle in seinem Frauendrama „Die Forelle“. Ihre erste große Filmrolle und ein Durchbruch vor der Kamera. Sie spielt eine junge Frau, die durch einen Unfall ihren Mann verliert. Allein mit zwei Kindern sehnt sich bald nach einem neuen Partner. Die Schauspielerin erspürt Leiden, Verlustschmerz, Sehnsucht, Hoffnung und Zweifel ihrer Figur mit einer seltenen Gefühlstiefe und Empfindsamkeit.

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Jutta Wachowiak und Erwin Berner 1977 in Thomas Langhoffs Fernsehspiel „Befragung  – Anna O.“ ©Waltraut Denger, Quelle: FFdabei 16/1977

Im Jahr darauf drehte Thomas Langhoff mit ihr das Fernsehspiel „Befragung – Anna O“, in dem es um eine Vierzigjährige geht, die lange von ihrem Mann getrennt war. Auf sich gestellt, hat sie sich zu einer starken, selbstbewussten Persönlichkeit emanzipiert. Jutta Wachowiak verlieh dieser Frau große Souveränität. Es entwickelten sich spannende und dramatische Spielszenen.

Der Regisseur holte seine Protagonistin immer wieder in Rollen vor die Kamera, in denen sie ihre spielerischen Facetten ausloten konnte. Er entlockte ihr in seinen eigenwilligen Adaptionen klassischer Sujets wie „Stine“ (1979) und „Stella“ (1982 die ihr gegebenen Fähigkeiten. 1980 entstand der sensible, warmherzige und auch heitere Fernsehfilm „Muhme Mehle“, nach einer Erzählung von Ruth Werner. Er spielt Anfang der 40er Jahre und ist eine Geschichte von der Freundschaft der unpolitischen Muhme (Käte Reichel) und der kommunistischen Funkerin Mirjam (Jutta Wachowiak), die abgelegen in den Schweizer Bergen leben.

„Die Verlobte” DEFA-Stiftung/Waltraud Pathenheimer
So akzeptierte es Jutta Wachowiak, das Standfoto machen zu lassen ©DEFA-Stiftung/Waltraud Pathenheimer

Ihre ergreifende Verkörperung der Widerstandskämpferin Hella Lindau im DEFA-Film „Die Verlobte“ dürften allen, die sie gesehen haben, unvergessen bleiben. Sie wurde dafür 1980 mit dem Nationalpreis I. Klasse der DDR ausgezeichnet. Auf dem XXII. Internationalen Filmfestival in Karlový Váry folgte im selben Jahr der Grand Prix. Die Filmfotografin Waltraud Pathenheimer erinnerte sich in einem Gespräch mit mir, wie schwer es war, eine bestimmte Szene nachzustellen. „Jutta Wachowiak weigerte sich, für das Standfoto nach dem Abdrehen noch einmal tief in die Szene einzutauchen. Es waren die ersten Einstellungen in der Wäscherei. Wir drehten auf einem Dachboden. Hella Lindau öffnet ein vernageltes Fenster und wird von dem Licht geblendet. Das wollte Jutta Wachowiak nicht wiederholen, weil es sie emotional sehr angespannt hatte.“ Die Fotografin suchte nach Lösungen, um die Schauspielerin zur Mitarbeit zu bewegen. Am Ende entstand eine bewegende Aufnahme.

Meine Filmbegegnungen mit Jutta Wachowiak begannen mit der DEFA-Komödie „Auf der Sonnenseite“. Sie studierte damals gerade im ersten Jahr an der Filmhochschule, als Regisseur Ralf Kirsten sie für einen Miniauftritt als Sängerin vor die Kamera holte. Wirklich erinnern kann ich mich an die Szene nicht. Dafür aber an den DEFA-Krimi „Die Glatzkopfbande“.

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Ende August 1961. Der ehemalige Fremdenlegionär King (Thomas Weisgerber, r.) treibt mit einer Band Rowdys (Rolf Römer als Jolle, l.) sein Unwesen in der DDR ©DEFA-Stiftung/Alexander Schittko

Er spielt wenige Tage nach dem Mauerbau am 13. August 1961 und erzählt von einer randalierenden Gang im Ostseebad Bansin. Aus Frust und Langeweile scheren sich die Jungs die Schädel kahl, knattern auf Motorrädern umher, pfuschen bei ihrer Arbeit und belästigen die Urlauber auf Usedom. Klar ist das ein Fall für den Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei…
Für Jutta Wachowiak seien die Dreharbeiten 1962 ihre „erste grauenhafte Bekanntschaft mit dem Medium“ gewesen, erzählte mir die heute 79-Jährige. Als Kind hatte sie Lymphdrüsen-Tuberkulose und von dieser Krankheit eine schwarze Stelle im Schneidezahn zurückbehalten. Regisseur Richard Groschopp schickte sie zum Zahnarzt. „Der stülpte mir eine Plastekrone drüber, damit ich immer schön lächeln konnte. Mehr machte ich auch nicht, sonst wäre mir das Ding aus dem Mund gefallen.“

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Jutta Wachowiak spielte nur eine kleine Rolle als Marianne Pohl in dem ersten Actionfilm der DEFA, aber sie war nachhaltig ©DEFA-Stiftung/Alexander Schittko

Mit eingefrorenem Lächeln stakste sie so ungelenk durchs Bild, dass es sogar die bekannte und scharfzüngige Filmkritikerin Renate Holland-Moritz vom Satiremagazin „Eulenspiegel“ einer Erwähnung wert befand: Auffallend, die umwerfend miserable agierende Elevin Jutta Wachowiak… Heulend wollte sie sich von der Filmhochschule exmatrikulieren lassen, so blamabel fand sie sich. Aber was hatte sie ihrer Mutter gesagt: „Ich will ja auch nicht leicht haben.“ Nein, da musste sie durch! Viel zu nah war sie ihrem Traumberuf schon gekommen. Und die ihre Lehrer fanden eher den Film schlecht als sie.

Als ich Jutta Wachowiak 1995 kennenlernte, hatte sie gerade an der Seite von Harald Juhnke in der deutsch-österreichischen Adaption des Fallada-Romans „Der Trinker“ vor der Kamera gestanden. Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf hatte Hans Falladas tragische Geschichte des Unternehmer Erwin Sommer in die Zeit nach der Wende verlegt. Unaufdringlich-präzise ist Jutta Wachowiaks Darstellung der Ehefrau Magda Sommer. Über die Rolle hatte sie sich wahnsinnig gefreut. Es war das erste Mal, dass die damals 53-Jährige nach Jahren wieder vor der Kamera stand. Ihren letzten Film, „Scheusal“ (1990) hatte sie noch für das DDR-Fernsehen gedreht.

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Jutta Wachowiak und Harald Juhnke in „Der Trinker“ Quelle: DW-Kultur-Berlin

6,8 Millionen Zuschauer verzeichnete die ARD bei der Ausstrahlung des „Trinkers“ am 6. Dezember 1995. Was für die Schauspielerin wie ein Comeback in große Fernsehrollen aussah, erfüllte sich nicht. „Ich bekam sehr schöne Briefe von Leuten – die mir was wert sind – aber keine neuen Angebote“, erinnerte sie in unserem Interview drei Jahre später. Natürlich hatte sie darauf gehofft, doch festzuklammern hatte sie sich abgewöhnt. „Dieser Industriezweig, der heute Schauspieler verwertet, hat mich danach so wenig beachtet wie vorher.“

Der Markt war durch den Zulauf an DDR-Schauspielern nach Wende übervoll. Die Filmproduzenten und Casting Agenturen wussten auch kaum etwas anzufangen mit dem Namen Wachowiak, kannten ihn nicht mal. Dem Warten im Abseits begegnete die vormals sehr gefragte Schauspielerin mit Nüchternheit. „Es macht nicht glücklich, aber ich leide darunter nicht. Das Leben von Frauen zwischen 50 und 65 interessiert keinen, deshalb gibt es auch kaum gute Rollen für uns. Die Zeiten großer Filme, wie wir sie bei der DEFA und im DDR Fernsehen gedreht haben, sind ohnehin vorbei.“

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Jutta Wachowiak (M.) 1986  in dem DEFA-Film „Das Haus am Fluss“ von Roland Gräf. Die Fischersfrau Voß lebt mit ihren beiden Töchtern, der und Schwiegertochter und dem Schwiegersohn Jupp an einem großen Strom. Es ist das Jahr 1942 und der Krieg zieht auch hier ein ©DEFA-Stiftung/Dietram Kleist

Diese Vielseitigkeit anspruchsvoller Rollen vermisst sie. Eine ihrer intensiven Figuren war zum Beispiel die Hebamme Christine in Heiner Carows Mutter-Tochter-Film So viele Träume“ aus dem Jahr 1985. Im gleichen Jahr stand sie bei Roland Gräf in der tragischen Kriegsgeschichte „Das Haus am Fluss“ vor der Kamera. Jutta Wachowiak hält nicht viele Rollen, in denen sie in den Jahren nach der Wende vor der Kamera gestanden hat, für erwähnenswert. Da waren 1995 kleine, feine in der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ und „Nikolaikirche“. 1996 spielte sie in dem 12-minütigen Kurzfilm „Fremde Heimat“ von Damir Lukacevic eine der drei Frauen, deren Schicksal er erzählt. Der Film gewann den Bundesfilmpreis in Gold.

Die Zeit in Essen gehörte der Bühne und ihrer seelischen Genesung. Hier kam sie iirgendwann wieder bei sich an. „Es ist mir tatsächlich gelungen, wieder gesund zu werden. Das war ein mühsamer und sehr schwerer Weg“, schrieb sie mir in einer Mail. Sechs Jahre hatte sie keine Filmrollen angenommen. Zuletzt agierte sie 2004 in der TV-Biografie über die Schriftstellerin Brigitte Reimann als deren Mutter. Erst nach ihrer Rückkehr 2009 nach Berlin und auf die Bühne, kehrte die Schauspielerin  in einer kleinen Gastrolle in dem sozialkritischen ARD-Gesellschaftsdrama „Wohin mit Vater“ auch auf den Bildschirm zurück. Sie wollte wieder dabei sein. Es folgten Parts in der ZDF-Krimi-Reihe „Bella Block“ und der Beziehungskomödie Nach all den Jahren“.

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Sie knacken den 30-Millionen-Jackpot (v.l.):  das schwule Paar Otto (Ulrich Pleitgen) und Jacob (Joachim Bliese), die gutmütige Rosi (Ursula Karusseit), das liebesmüde Ehepaar Günter (Dieter Mann) und Karin (Jutta Wachowiak) und der alternde Lebemann Conrad (Michael Gwisdek) Altepflegerin Ursula (Marie Gruber, M.) sorgt sich um die sechs ©ARD Degeto/Arvid Uhlig

Zu ihren schönsten Rollen der letzten Jahre  gehört die lebensfrohe, rüstige Karin in der ARD-Tragikomödie „Die letzten Millionen“, die mit ihrem griesgrämigen Mann Günter in einem Seniorenheim wohnt. Der wird gespielt von ihrem großartigen Kollegen Dieter Mann vom Deutschen Theater, 1984-1991 Intendant des Hauses. Mit ihm spielte sie auch in Thomas Langhoffs Inszenierung Der Biberpelz“ auf der Bühne. „Die letzten Millionen“  sind eine wundervolle Ensemblearbeit herausragender Schauspieler, zu denen noch Ursula Karusseit, Marie Gruber, Swetlana Schönfeld, Michael Gwisdek, Ulrich Pleitgen, und Joachim Bliese gehören.

Jutta Wachowiak hat es geschafft, wieder dabei zu sein. Ihre kleine Rolle als lebenserfahrene Oma in dem Drama „Hanne“ war ein Highlight für mich. Zwei Hauptrollen im „Prag Krimi: Der kalte Tod“ und im „Polizeiruf 110: Mörderische Dorfgemeinschaft“ lassen auf mehr hoffen. Jutta Wachowiak steht im 80. Lebensjahr. Ich habe sie damals, vor 25 Jahren, gefragt, was sie sich für die kommende Zeit noch wünscht. Die Antwort: „Eine Rolle in einem richtig schönen Menschenfilm, wo zugegeben wird, dass das Leben wunderbar und erbarmungslos ist. Und eine schöne alte Frau möchte ich sein, äußerlich und innerlich.“ Letzteres hat sich aus meiner Sicht schon erfüllt. An der Sache mit dem Film könnten die Drehbuchschreiber noch arbeiten. Da ist noch Luft nach oben.

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Zu Hochform lief Jutta Wachowiak 2015/16 als Corinna in Roland Schimmelpfennigs „Wintersonnenwende“ auf. Das Stück zeichnet ein genaues Bild der gegenwärtigen Mitte der Gesellschaft und kratzt dabei an der Wunde des schlimmsten Kapitels deutscher Geschichte. ©DT/Arno Declair

Ein Gedanke sei noch gesagt: Der Solo-Abend „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ ist mehr als eine Selbstreflexion der Schauspielerin über ihr Leben. Dabei sein heißt für sie, die zurückgewonnene Kraft nutzen, um sich unser Leben nicht immer von den erzählen zu lassen, die nicht dabei waren. „Für mich ist die Inszenierung auch ein Versuch, die offizielle Geschichtsschreibung ein wenig gerade zur rücken“, heißt es im Programmheft. Deshalb erzählt sie ihr Leben auch auf westdeutschen Bühnen wie Köln und Braunschweg.  Mag sein, dass es nicht allen Zuschauern gelingt, die Zusammenhänge bis ins Letzte zu erfassen – dafür muss man sich auskennen mit der DDR. Aber jeder Abend endet für die Schauspielerin mit dem wundervollen Gefühl, dass das Publikum ihr zugehört hat, sie zu verstanden hat. Dass sie es mit ihrer Botschaft erreicht hat.

Hinweis:

Die Vorstellungen „Jutta Wachowiak erzählt Jurassic Park“ fallen derzeit wegen der Corona-Epidemie aus. Im Deutschen Theater hat der Vorverkauf für die Vorstellung am 21.Oktober begonnen.

 

 

Heiner Carow & Benno Pludra – Mit Sheriff Teddy fing der „Ärger“ an

„Sheriff Teddy“ – eins meiner liebsten Kinderbücher. Keine Ahnung, wie oft ich es gelesen habe. Wohl sehr oft, denn die Ecken des Einbands sind ziemlich abgestoßen. Es lag 1959 auf meinem Geburtstagstisch. Für meine Eltern wäre es Frevel gewesen, ein Buch wegzuwerfen. So zog Sheriff Teddy“ über all die Zeit immer mit uns um und blieb in meinem Blickfeld. Es war mein erstes Buch von Benno Pludra. Wenn ich mich zurückversetze, spüre ich noch die Faszination, die ich beim Lesen empfand.

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Kalle alias Sheriff Teddy (Gerhard Kuhn, r.) fällt es schwer, sich in der neuen Schule in Ostberlin einzugewöhnen. Er gerät mit seinem Rivalen Andreas (Axel Dietz, l.) aneinander © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Die Geschichte von Kalle alias Sheriff Teddy spielt in der gleichen Zeit, in der auch ich Kind war. Ich wohnte in einem Dorf bei Potsdam, er im geteilten Berlin, wohin ich als Kind nie gekommen bin. Sein Leben verlief so ganz anders als meins. Ich hatte keine Vorstellung, wie es ist, wenn man erst im Westen gewohnt hat, dort zur Schule ging und dann in den Osten kam, wo es ganz anders zuging. Und man zwischen den Fronten hin und her gerissen wird. Benno Pludra lotste mich mit seiner Erzählweise so durch Kalles problembeladene Tage, dass ich mich einfühlen und hineindenken konnte. Mit jeder Buchseite kam ich ihm näher. Meine Welt dehnte sich aus. Das habe ich als Zehnjährige so nicht reflektiert, wohl aber gespürt.IMG_9003
Dass mir das Buch gerade jetzt wieder in den Sinn kam, hat mit der Verleihung des Heiner-Carow-Preises zu tun, zu der ich ins Berliner Kino International eingeladen war. Er wird seit 2013 von der DEFA-Stiftung im Rahmen der Berlinale an einen Spiel-, Dokumentar- oder Essayfilm aus der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ vergeben und ist dem 1997 verstorbenen Regisseur gewidmet. Heiner Carow hat das Profil der DEFA mit Filmen wie „Sie nannten ihn Amigo“ (1958), „Die Russen kommen“ (1968), „Die Legende von Paul und Paula“ (1972), „Ikarus“(1975) entscheidend mit geprägt. Wie in jedem Jahr wurde auch an diesem Abend einer seiner Filme gezeigt. Es war der kaum noch bekannte Kinderfilm „Sheriff Teddy“ aus dem Jahr 1956 nach dem gleichnamigen Buch von Benno Pludra.

Das Buch war damals gerade mit Illustrationen von Hans Baltzer im Kinderbuchverlag Berlin erschienen und hatte sogleich für Furore gesorgt. Benno Pludra und Hans Baltzer gewannen beim Preisausschreiben für Kinder- und Jugendliteratur des Ministeriums für Kultur der DDR dafür gleich mehrere Preise. Etwa zum gleichen Zeitpunkt war der damals 27-jährige Heiner Carow auf der II. Leipziger Woche für Kultur- und Dokumentarfilm für seinen Dokumentarkurzfilm „Martins Tagebuch“ mit der Silbernen Taube, dem Preis des Clubs der Filmschaffenden der DDR, ausgezeichnet worden.

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Szene aus Heiner Carows Kurzfilm „Martins Tagebuch“, den er mit Kameramann Helmut Bergmann drehte. @ DEFA-Stiftung/ Helmut Bergmannn

Sensibel und genau geht er den Problemen eines Jugendlichen nach, dessen Eltern für seine Träume und Wünsche kein Verständnis haben. Dieser Film zeigte sehr deutlich Heiner Carows Neigung zum Spielfilm. „Martins Tagebuch“ öffnete dem jungen Regisseur, der beim DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme arbeitete, endlich die Tür ins DEFA-Studio für Spielfilme. Mit „Sheriff Teddy“ begann für Heiner Carow ein harter Weg, auf dem er sechzehn der bewegendsten DEFA-Filme schuf.

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Kalle hat eine andere Sicht auf die Regierungszeit von Friedrich II als Lehrer Freitag (Günter Simon) © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Meine Erinnerungen an den Film „Sheriff Teddy“ waren schon sehr verblasst. Ich hatte ihn Anfang der 1960er Jahre in der „Flimmerstunde, einer Kindersendung des Deutschen Fernsehfunks, gesehen. Natürlich verknüpfte sich mein Blick auf das Geschehen jetzt mit dem gewachsenen Wissen um die historischen Ereignisse im Berlin der 50er Jahre. Damals kannte ich Berlin nicht, wie gesagt. Inzwischen lebe ich seit 40 Jahren in der Stadt. Ich erkannte die Drehorte um den Rosenthaler Platz herum und die Zionskirche, die Brunnenstraße, den Alex und die Friedrichstraße, die Wollankstraße im Westteil der Stadt, die ich als Kind nie gesehen hatte. So wurde der Film, den ich so spannend fand wie als Kind, für mich auch zur Zeitreise. Wie harmlos liefen doch damals Prügeleien auf dem Schulhof ab. Es ging in einer Auseinandersetzung nicht darum, jemanden „kaltzumachen“. Da gab es noch eine Gewaltschwelle, die nicht überschritten wurde. Wer am Boden lag, wurde nicht noch getreten.

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Zigarettenpause. Heiner Carow und Kameramann Götz Neumann © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Ich habe Heiner Carow im August 1996 kennengelernt. Er war ein großer stattlicher Mann. Voller Ruhe, von einer Freundlichkeit, die eine Unterhaltung leicht macht. Ich durfte ihn in seinem Haus nahe des DEFA-Studios Babelsberg besuchen. Mit offenen Armen lehnte er in der Couch, während er mir aus seinem Leben erzählte, warum er Regisseur geworden war, was ihn antrieb und was ihm diesen Beruf schwer machte. Schon während seiner Schulzeit in Rostock hatte er Stücke geschrieben und inszeniert. Er wollte Regisseur werden. Das war sein erklärtes Ziel. Nach dem Abitur 1949 gründete er ein Jugendtheater. „Wir sind wir über die Dörfer gezogen und haben in Gasthöfen vor den Bauern gespielt“, erzählte er. Bei der ersten Vorstellung in der Aula seiner Schule saß zufällig eine Schauspielerin im Publikum neben seiner Mutter und fragte sie: „Das hat ein Schüler der 12. Klasse gemacht? Der sollte sich mal beim DEFA-Nachwuchsstudio bewerben.“ Davon hatte Heiner Carow geträumt. Er bewarb sich und bestand die Aufnahmeprüfung. „1952 wurde die Schule geschlossen. In meinem Abschlusszeugnis stand, dass ich für den Beruf des Regisseurs ungeeignet sei, allenfalls Dramaturg werden könnte“, verriet er amüsiert.“ Er ließ sich nicht beirren und nahm eine Stelle als Regie-Hilfe im Studio für Populärwissenschaftliche Filme an. „Ich wurde nur einmal als Assistent eingesetzt, dann habe ich eigene Filme gemacht.“

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Regisseur Slatan Dudow 1963 bei Dreharbeiten für „Christine“ @ DEFA-Stiftung/ Herbert Kroiss/Waltraut Pathenheimer

Entscheidend für seinen Entschluss ist eine Begegnung mit dem bulgarischen Filmregisseur Slatan Dudow gewesen, der einige der wichtigsten Nachkriegsfilme der DEFA gedreht hat, wie „Familie Benthin“, Frauenschicksale“, Stärker als die Nacht“ und „Christine“. Carow erinnerte sich: „Ich erlebte Dudow 1950 bei der Premiere seines Films ,Unser täglich Brot‘. Die Besessenheit, mit der er davon sprach, die Kunst dafür zu nutzen, dass es keinen Krieg mehr gibt, dass Gerechtigkeit herrscht, hat mich begeistert. Ich war 15, als man uns kurz vor Kriegsende 1945 noch mit der Panzerfaust in Richtung Berlin schickte. In den Dörfern lagen die Frauen in den Fenstern und schrien: ,Nicht die Kinder, nicht die Kinder‘. Das hat sich mir eingebrannt. Kurz vor Schwerin war dann alles vorbei, der Führer war tot und alles löste sich auf. Die Amerikaner griffen uns auf. Ich bin auf eine merkwürdige Art aus dem Lager gekommen. Jemand hatte mir einen Zettel geschrieben, ich sei kein Soldat.“ Dudows Traum wurde auch Carows Traum. „Ich wollte Filme machen, die die Menschen etwas angehen.“

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Benno Pludra 1955 in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus in Berlin-Friedrichshagen. © Horst E. Schulze

Ich nenne es einen schicksalhaften Zufall, dass Benno Pludra und Heiner Carow damals in Leipzig aufeinandertrafen. Sie lagen in ihrem künstlerischen Anliegen auf einer Linie. Jeder reflektierte auf seine Weise die soziale Wirklichkeit im Land und beschrieb, wo sie nicht zu den offiziellen Wunschprojektionen passte. Ihr erstes Zusammentreffen hatte Heiner Carow noch lebhaft in Erinnerung: „Es war sehr lustig. Wir saßen uns während der Leipziger Dokfilm-Woche 1956 im Presseclub gegenüber und ich hatte ihm gesagt, dass ich einen Film aus seinem Buch machen möchte. Benno lehnte in seinem Sessel und schwieg. Ich dachte, er schläft. Plötzlich sagt er: ,Wo wohnst’n du?‘ Ich: ,In Babelsberg.‘ Er: ,O Gott!‘ Ich: Wieso O Gott? Er: ,Ich wohne in Friedrichshagen, genau am anderen Ende. Das war nicht optimal, aber wir haben das Drehbuch zusammen gemacht.“

Am 29. November 1957 hatte „Sheriff Teddy“ in Berlin-Lichtenberg im „Haus der Jungen Pioniere“ Premiere. Die Presse reagierte sehr wohlwollend. Der Film sei unverfälscht und menschlich wahr, schrieb der Theater – und Filmkritiker Christoph Funke am 3. Dezember 1957 im „Morgen“. Er nehme die Kinder ernst, verniedliche und belehre nicht und sei nicht gönnerhaft, lobte die DDR-Filmpublizistin Rosemarie Rehan in ihrem Artikel „Jungenschicksal – heute und gestern“ in der Wochenpost“ am 14. Dezember 1957. Heiner Carow erwies sich in der Arbeit mit den jungen Darstellern als atmosphärisch genau und feinfühlig, ist im „film-dienst“ zu lesen. So entstand ein spannender Kinderfilm, in dem sich das geteilte Berlin im Alltagsleben von Dreizehnjährigen spiegelt.

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Kalle hat die Schnauze voll von seiner neuen Schule und dem Vater, der seine Schmöker zerristen hat, und will zu seinem Bruder Robbi (Hartmut Reck) nach Westberlin. Robbi überredet ihn, ihm bei einem Einbruch zu helfen © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Ein halbes Jahr später hat sich der Wind gedreht. Heiner Carow geriet mit Sheriff Teddy“ in ein politisches Kreuzfeuer. Der Film gehörte zu einer ganzen Reihe Berlin-Filme, die die DEFA damals produzierte – und von denen heute noch gesprochen wird: Alarm im Zirkus“, „Berlin, Ecke Schönhauser“ oder „Die Berliner Romanze“, Arbeiten von Regisseur Gerhard Klein und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Sie alle standen auf der Filmkonferenz im Juli 1958 im Fokus der Kritik durch die Kulturfunktionäre der SED. Man wollte wohl besonders den jungen Filmemachern klar machen, wo sie lang zu marschieren haben. „Es war meine erste Konfrontation mit der offiziellen Kulturpolitik. Man warf mir eine revisionistische Sicht vor, so, wie ich das Leben im geteilten Berlin darstelle. Damals war ich noch jung und versuchte lange Zeit zu glauben, dass irgendetwas dran sein muss, wenn so viele alte weise Männer das gleiche sagen“, beschrieb mir Heiner Carow seine damalige Situation.

Er unterwarf sich der Selbstzensur und quälte sich damit zehn Jahre, die er nur durchhielt, wie er mit einer tiefen Dankbarkeit in der Stimme sagte, weil seine Frau Evelyn ihn immer bestärkt hat. Evelyn Carow war eine der bedeutendsten Schnittmeisterinnen der DDR und hat die wichtigsten DEFA-Filme, darunter auch die ihres Mannes, montiert. Seinen Film „Die Russen kommen“ hat sie komplett umschneiden müssen, nachdem die erste Fassung kurz vor der Premiere 1968 verboten wurde.

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Gert Krause-Melzer als Günter © DEFA-Stiftung/Jürgen Brauer

Der Film spielt im Frühjahr 1945 in einem Ort an der Ostsee und erzählt vom Schicksal des 15-jährigen Günter, der noch an den Endsieg glaubt. Auf der Jagd nach einem russischen Fremdarbeiter, einem Jungen in seinem Alter, ist er der schnellste und stellt ihn. Der Dorfpolizist erschießt den Jungen. Kurz nachdem sowjetische Soldaten den Ort besetzt haben, verhaften sie Günter wegen Mordes an dem Fremdarbeiter. Er wird in einen Keller gesperrt, verrät aber den wahren Mörder nicht. Doch der Fall wird aufgeklärt. All die Ereignisse stürzen Günter in tiefe Verwirrung und lassen ihn seine Schuld erahnen.

Heiner Carow hat hier eigene Erlebnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit verarbeitet. „Ich wurde als 17-Jähriger wegen illegalen Waffenbesitzes von den Russen ein halbes Jahr in einen Keller eingesperrt und kam damit noch glimpflich davon. Sie hätten mich auch erschießen können.“ Bei der ersten Abnahme im Schneideraum heulten alle. Was für ein liebenswürdiger, wunderschöner Film, hieß es. Ein paar Wochen später kam die Abnahme durch die Hauptabteilung Film des Kulturministeriums und die Aufführung wurde verweigert. Der Film psychologisiere den Faschismus, warf man dem Regisseur vor. „Ich denke, er erinnerte wohl einige Leuten unliebsam daran, dass auch sie sich nicht gefragt haben: Auf welcher Seite stand ich?“, rekapitulierte Carow. Vielleicht hatte auch die Brisanz der Ereignisse im August 1968 eine Rolle gespielt, als Truppen des Warschauer Vertrages zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in Prag einmarschiert sind.

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Victor Perewalow als russischer Junge © DEFA-Stiftung/Jürgen Brauer

Der Regisseur änderte den Film komplett. Diese Selbstverstümmelung, wie er es bezeichnete, bereitete ihm schlaflose Nächte. Der Film wurde dennoch vernichtet. „Da begriff ich“, sagte Carow, „dass sie nicht recht haben. Sie haben nicht recht, wenn sie  dich loben, und sie haben nicht recht, wenn sie dich tadeln. Du musst tun, was du für richtig hältst. Slatan Dudow hat irgendwann mal zu mir gesagt: es war ein Fehler, wir haben geschwiegen. Bei uns wurde sehr viel geschwiegen.“ Seine Frau Evelyn hatte jedoch eine Arbeitskopie gesichert und mit nach Hause genommen. So konnte der Film 1987 doch noch ins Kino kommen.

Fast alle Carow-Filme gerieten durch ihre gesellschaftskritische Sicht an den Abgrund zur Versenkung. Voll Bitterkeit sprach er von der Zeit nach seinem Film „Bis daß der Tod euch scheidet“, den er 1978 gedreht hatte. „Mit dieser tragischen Ehegeschichte hatte ich mich zu weit vorgewagt. Der Film wurde zwar nicht verboten, aber ich bekam von der DEFA Jahre keine Aufträge mehr.“ Erst 1986 konnte er mit „So viele Träume“ wieder einen Film fertigstellen. Seine letzten großen DEFA-Arbeiten waren „Coming out“ (1989) und „Die Verfehlung“ (1991). Heiner Carow hatte sich mit 67 Jahren wohl aufgezehrt und verstarb an einem Hirnschlag.

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Benno Pludra und Heiner Carow blieben sich in alle den Jahren verbunden. Als 1965 Pludra Buch „Die Reise nach Sundevit“ erschien, machten sich beide sogleich an das Drehbuch. Am 20. Mai 1966 lief er in den DDR-Kinos an. Für Regie, Kameraführung und Dramaturgie gab es 1967 den Heinrich-Greif-Preis I. Klasse. Erstaunlicherweise, denn der Film hatte es besonders schwer, wie sich Benno Pludra erinnerte.

Der Kinderbuchautor schaffte es in seinen Büchern, geschickt die Forderungen der Kulturverantwortliche zu umschiffen. „Die wollten immer, dass wir positive Bücher über angeblich typische Helden und Kollektive schreiben sollten. Aber das geht doch gar nicht, das kann doch nur eine Farce werden“, mokierte er sich mal auf einem Spaziergang Mitte der 80er Jahre, als ich ihn mit meinem Mann, seinem Neffen, in Nedlitz besucht habe. „Der Gedanke, darf ich oder darf ich nicht, war wahrscheinlich immer Hinterkopf. Daraus entstanden manchmal Ausweichgeschichten“, sagte er, als ich ihn fragte, wie er das gemacht habe, die Zensur zu umgehen. Er sei beim Schreiben immer seiner inneren Stimme gefolgt. Wenn die wieder mal einen Knall hatten, wie er meinte, dann habe er eben etwas nicht so geschrieben, er es eigentlich wollte, um nicht Wasser auf die Mühlen zu geben.

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Tim hat die Abfahrt ins Zeltlager nach Sundevit verpasst, weil er erst noch etwas erledigen musste. Er fährt hinterher und gerät durch Unvorsichtigkeit auf ein Manövergelände © DEFA-Stiftung/Horst Blümel

Es gab natürlich Erfahrungen, die waren schwierig und traurig. „Mit den Filmen, die nach meinen Büchern gedreht wurden, gab es aber immer Ärger. Die Regisseure sind ja alle Füchse“, erklärte er. „Sie erschnuppern das Brisante, worüber man in der Literatur eher drüber weg liest, und bringen es nach vorn. Heiner Carow war ja einer der besten Regisseure der DEFA gewesen und hat ununterbrochen Filme gemacht, die bestimmte Leute auf die Barrikaden getrieben haben.“

Es ging in der Kulturpolitik der DDR seitens der Funktionäre schon sehr kleinkrämerisch, demagogisch zu. Wieviel Unsicherheit im Glauben an die eigene Sache musste sie beherrscht haben, um so zauberhaften, berührenden Filmen wie „Lütt Matten und die weiße Muschel“ und „Insel der Schwäne“, die von Hermann Zschoche verfilmt wurden, vorzuwerfen, sie würden die DDR-Realität verzerren, das Bild von der sozialistischen Gesellschaft beschädigen. Benno Pludra hatte stets im Sinn, dass am Ende Hoffnung für Kinder sein muss. Ihm lag daran, die ihr Denken und Fühlen zu beflügeln. Es war seine große Begabung, so mit der Sprache umgehen zu können, dass man ihr nicht entkommen konnte. Lakonisch, knapp und bedächtig, emotional, eindringlich und unpathetisch verhalten lockte sie ihre Leser hinein in die Welt, von der er erzählte. Lakonisch, knapp und unpathetisch geht auch eine Unterhaltung mit ihm.

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Benno Pludra 2002 auf seinem Grundstück in Nedlitz.  Zum Nachdenken saß er gern hier oder ging mit seinem Hund Olex spazieren © privat

Das Schreiben lag immer schon in ihm drin, erzählte er, und dass er nie Lust gehabt hatte, Bücher für Erwachsene zu machen. Er fühle sich zuständig für die Kinder, weil sich die Eltern – jedenfalls die meisten – für ihre Wünsche und Träume nicht interessieren, ihre Bedrängnisse, Nöte und Sorgen nicht ernst nehmen. Er nahm sie ernst und knüpfte seine phantasievoll-realistischen Alltagsgeschichten, die auch mal Märchen sein konnten, in denen seine jungen Leser Wege aus ihren eigenen Kümmernissen finden konnten. Seine Kritik an den Erwachsenen, an Umständen im real-sozialistischen Alltag, verwob er in schönen Sätzen (seine Worte) mit leisem Humor. Nie guckt einen da ein ideologischer oder politisch-pädagogischer Zeigefinger an. Seine immer spannend geschriebenen Erzählungen stimmen auf unmerkliche Weise ganz von selbst nachdenklich. Das macht sein Schaffen für die Kinder- und Jugendliteratur so bedeutsam.

Benno Pludra hatte von Kind an eine unbändige Sehnsucht nach dem Meer. Das war weit weg von seinem Heimatort Mückenberg in der Niederlausitz, wo er am 1. Oktober 1925 als Sohn eines Metallgussformers zur Welt kam und aufwuchs. Seine Eltern ließen ihn ziehen, als er mit 16 Jahren nach Hamburg ging, um die Seefahrtsschule der Handelsmarine zu besuchen. „Deshalb musste ich nicht Soldat werden und mich womöglich mit Schuld beladen.“ Welches Glück das für ihn war, begriff er erst später.

Im Kriegssommer 1943 begann der nicht gerade groß gewachsene schmale Junge auf dem Segelschulschiff „Padua“ seine Matrosenausbildung. Mit dem Tampen bekam er da die Seetüchtigkeit auf den Hintern gebläut, erinnerte er sich. Sie segelten in der Rigaer Bucht. „Es war uns wie im Frieden. Und wenn du den Krieg nicht spürst, bleibt er dir fern. Wir hatten auch nicht genug Verstand, um zu begreifen, war passiert.“

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Benno Pludra 1958 auf seinem Segelboot „Mobby Dick“ vor der Insel Hiddensee, wohin er jeden Sommer fuhr © privat

1944 heuerte der Jungmatrose Pludra auf dem Erzfrachter Ditmar Koel an. Da rückte der Krieg schon näher. Stets auf der Hut vor Torpedo-Flugzeugen, fuhren sie nur nachts. „Am 7. Dezember 1944 machten wir klar zur Ausfahrt aus der Bucht vor Bergen, als es knallte und das Heck sank“, erzählte er mir im Sommer 2003 in einem Interview für die Zeitschrift SUPERillu. Er wollte sich retten und sprang in Wasser. Der Sog zog ihn unweigerlich nach unten. „Ich dachte: jetzt bist du am Ende. Dann habe ich wieder oben rausgeguckt und jemand hievte mich in ein Rettungsboot.“ Mit dem Bewusstsein überlebt zu haben, kam das Entsetzen. „Das wirst du nicht mehr los“, sagte er.  In diesem Jahr wurden die Haare des 19-Jährigen weiß.

Ende der 80er  Jahre lernte Benno Pludra auf einem Freundschaftstreffen der norwegischen Widerstandsbewegung auf den Shetlandinseln den Mann kennen, der 1944 die „Ditmar Koel“ torpediert hatte. „Er erzählte mir von seinen Schuldgefühlen. Es hat ihn sein Leben lang beschäftigt, dass er junge deutsche Seeleute, die keine Soldaten waren, in den Tod geschickt hat. Ich versuchte, ihm das auszureden. Ich sagte: es war Krieg, wir hatten da nichts zu suchen. Wir trennten uns als Freunde. Das sind so Begegnungen, die ein ganzes Buch auslösen können“, erklärte der damals 78-Jährige. Benno Pludra hat das Buch geschrieben. Das Schicksal des Leichtmatrosen Daniel Bloom, der mit Segelschulschiff „Pandora“ untergeht, ist seine Geschichte. „Aloa-héist Pludras einziger Roman der für Erwachsene.

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In „Aloa-hé“ hat Benno Pludra seine Erlebnisse auf dem Segelschulschiff „Padua“ und seinen Untergang mit der „Ditmar Koel“ verarbeitet

Nach dem Krieg ging Benno Pludra zurück zu seinen Eltern, die inzwischen nach Großenhain in Sachsen umgezogen waren. Es gab keine Schiffe mehr, auf denen er hätte anheuern können. Aber Lehrer brauchte die Stadt. Er bewarb sich und schickte ihn für acht Monate zu einem Neulehrer-Kurs nach Riesa. Das gefiel ihm ganz gut. Der Praxis fühlte er sich der 20-Jährige am Ende nicht gewachsen. Den schnatternden Haufen kleiner Mädchen gab er nach zwei Tage wieder ab. „Die hatten sich immer was zu erzählen, das war mir zu anstrengend. Und mit den zehn- und elfjährigen Jungs, die ich dann bekam, gab es andere Probleme. Es war ja eine harte Zeit, unmittelbar nach dem Krieg.“ Jeden Morgen, wenn er zu seiner Arbeit in die Schule ging, hämmerte der Satz in seinem Kopf: Das hältst du nicht aus. Nicht dein ganzes Leben. Er gab auf, fand aber später, dass ihm die Zeit als Lehrer sehr von Nutzen war.

Mittlerweile 21 Jahre, machte er an der Arbeiter- und Bauernfakultät sein Abitur nach und studierte Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte, erst in Halle, dann Berlin. Nebenher arbeitete er als Reporter für die Märkische Volksstimme. Nach einer Reportage aus dem Oderbruch schrieb er seine erste Erzählung Ein Mädchen, fünf Jungen und ein Traktor“. Im Sommer darauf schickte ihn der Chefredakteur der Schulpost, Gerhard Holtz-Baumert – von ihm stammen die beliebten Geschichten über den Pechvogel Alfons Zitterbacke – ins Pionierlager an den Hölzernen See. „Ich sollte mich da mal umsehen und dann was schreiben“, erzählte Benno Pludra ein halbes Jahrhundert später. Er wohnte mit einer Gruppe Jungs in einem Zelt und das habe ihm gut gefallen. „Da ging es noch lockerer zu als in den Ferienlagern später.“

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Benno Pludra 1953 mit Sohn Thomas © privat

Dann hörte er von dem Aufruf für neue Kinderbücher. „Ich dachte: Da schreibst du was.“ Er hatte inzwischen Frau und Kind, die er versorgen musste. Mit dem einjährigen Thomas, seinem ersten Sohn auf dem Schoß, tippte er die Ferienlagergeschichte „Die Jungen von Zelt 13“ in die Maschine, die 1952 mit dem 1. Preis für Kinder- und Jugenliteratur ausgezeichnet wurde. Benno Pludra: „Zuerst sollte ich keinen Preis kriegen. Die was zu sagen hatten, fanden: so sind unsere Kinder nicht. Aber ich habe sie so gesehen. Anständige Kerle im Grunde, die sich bloß bestimmte Freiheiten genommen haben.“

Im noch jungen Kinderbuchverlag, er war am 1. Juli 1949 gegründet worden, ermunterte man ihn: Komm schreib, schreib! Und er schrieb weiter neben seiner Arbeit als Redakteur bei der Rundfunkzeitung, zu der er gewechselt war. Ab 1952 war er freischaffender Schriftsteller.

Das Meer hat Benno Pludra nie losgelassen. In vielen seiner Geschichten spielt es mit. „Bootsmann auf der Scholle“, „Tambari“, „Lütt Matten und die weiße Muschel“, „Die Reise nach Sundevit“ erzählen von der Sehnsucht nach dem Unergründlichen, der Schönheit und den Gefahren. Jeden Sommer verbrachte der Dichter mit seiner Familie auf Hiddensee, segelte mit seinem Boot „Mobby Dick“ im Bodden. Manchmal durften auch seine beiden Jungen Thomas und Matthias mit.

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In fünf Jahrzehnten Jahren dichtete, erfand und schrieb Benno Pludra ein stattliches Oeuvre von fast 50 feinsinnigen, spannenden und poetischen Erzählungen und Romanen für Kinder und Jugendliche, auch Verse für die ganz Kleinen, mit einer Gesamtauflage von mehr als 5 Millionen Exemplaren. „Kinder brauchen Literatur, die gut und stark macht, in der der Humor nicht fehlt, sie sollen nachdenken, aber auch lachen“, so das Credo eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren, dem er auch nach der Wende treugeblieben ist. All seine Bücher waren ihm wichtig. Manche waren wichtiger, andere haben die Zeit nicht überdauert. Vor fünf Jahren, am 27. August 2014, verstarb Benno Pludra nach langer Krankheit.

 

„Sheriff Teddy“ – Der Film

Der 13-jährige Kalle Becker lebt in Westberlin. Als sein Vater seine Arbeit verliert, zieht die Familie in den Osten. Herr Becker ist Heizer. Das System ist ihm gleichgültig, bot ihm aber eine sichere Arbeit, Einkommen und Wohnung. Berlin ist zwar eine geteilte Stadt, aber mit offener Grenze. Man setzt sich in die S-Bahn und fährt vom Alexanderplatz im Osten zum Gesundbrunnen im Westen. Kalle fällt es schwer, sich in dem neuen Umfeld einzugewöhnen. Am Gesundbrunnen hatte er seine Clique, die Teddy-Bande, und er war der Chef, Sheriff Teddy, sein Vorbild aus einem der Schmöker, die er zu Dutzenden verschlingt.

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Kalle verhökert auf dem Schulhof seine alten Schmöker.© DEFA-Stiftung/ Eberhard Daßdorf

Die Schmöker sind im Osten verboten, aber auch hier heißbegehrter Lesestoff bei Kalles neuen Klassenkameraden. Als er die Heftchen auf dem Schulhof verhökert, kommt er in die Bredouille. Er gerät mit Andreas, den er als Kontrahenten ausmacht, aneinander. Die Schlägerei hat Folgen. Kalles Vater, ein jähzorniger Mann, zwingt ihn die Schmöker zu zerreißen. Andreas trägt Kalle die Prügelei nicht nach, doch der will sich rächen und aktiviert die Teddy- Bande.

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Andreas soll in eine Falle gelockt werden © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Sie wollen Andreas in für eine Nacht in einer Ruine festhalten und ihn dann mit herausgeschnittenem Hosenboden wieder freilassen. Was für eine Schmach! Der Plan missglückt. Kalle kann Andreas nicht in die Falle locken. Damit ist er bei der Teddy-Bande unten durch. Die beiden Kontrahenten beginnen sich anzufreunden.

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Kalle findet, dass Andreas gar nicht so übel ist © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Andreas hat ein Fahrrad und schlägt Kalle vor, ihm auch eins zusammenzubauen. Auf der Suche nach den Teilen schwärmt Andreas von einem Tacho, den er für sein Rad gern gehabt hätte.

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Kalle klaut den Tacho aus dem Lehrmittelschrank der Schule. © DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

Kalle will dem neuen Freund eine Freude machen und ihm den Geschwindigkeitsmesser von seinem Taschengeld kaufen. Weil das nicht reicht, stiehlt er den Tacho aus dem Lehrmittelschrank der Schule. Es wird bemerkt. „Du bist ein Dieb, das hätte ich nicht von dir gedacht“, wendet sich Andreas enttäuscht von ihm ab. Auch die anderen aus der Klasse lassen ihn stehen. In seiner Verzweiflung sucht Kalle Hilfe bei seinem großen Bruder Robi, der im Westen von krummen Geschäften lebt, und lässt sich in dessen kriminelle Machenschaften hineinziehen: Wenn er Robbi und dessen Kumpanen hilft, aus einem Ostberliner Lager Fotoapparate zu stehlen, wird er ihm das Geld für den Tacho zu geben.

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Andreas hat die Polizei gerufen. Bis die kommt, halten die Jungs die Verbrecher fest @ DEFA-Stiftung/Eberhard Daßdorf

 Kalle ist dabei nicht wohl, aber sagt zu. Im richtigen Moment sind Andreas und die andern und verhindern den Coup. Zum ersten Mal spürt Kalle, der abgemusterte Bandenchef Sheriff Teddy, was echte Freundschaft ist.

Schauspieler Wolfgang Winkler ist tot. „Wir Schauspieler spielen bis zum Umfallen.“

Es ist doch erst ein Dreivierteljahr her, dass ich ihm zu seinem 76. Geburtstag gratuliert habe. Er sprach von neuen Folgen für die ARD-Serie „Die Rentnercops“, die im April wieder gedreht werden sollten. Sein Herz schlug 2014 Purzelbaum, als er das Casting gewann und neben Tilo Prückner die zweite Hauptrolle spielen durfte. Was für den 2012 in Pension geschickten „Polizeiruf 110“-Kommissar Herbert Schneider „ein Geschenk und wirklich ein Glück war. Auch für das Selbstwertgefühl“, wie er mir damals verriet. Er hätte in den Ruhestand gehen können. Aber mit 71 fühlte er sich noch nicht reif für die Ofenbank. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.“

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Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 2. März 2018 besuchte ich Wolfgang Winkler zu Hause am Rande von Berlin @ Nikola

Dieser Beruf hatte sich ihm ins Herz gebrannt. Seit er fünfzehn war. Und nun hat eine Krankheit seinen Lebensplan vorzeitig beendet: Ein Hirntumor. Nach der OP kehrte er nicht mehr zu den „Rentnercops“ zurück. „Ich kann mir doch keine Texte mehr merken“, sagte er bei einem fröhlichen Beisammensein im August mit Freunden. Ich hatte ihn  einmal gefragt, wie es für ihn sein würde, wenn er nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehen könne. „Das würde mir schon schwer fallen. Ich wüsste nicht, ob ich die Charakterstärke hätte, das so ohne weiteres zu akzeptieren. Es sei denn, eines Tages ist die Einsicht da, dass ich mir den Stress nicht mehr antun muss, Rollen auswendig zu lernen und Angst zu haben, Texte nicht mehr abrufen zu können.“ Mit seiner Frau Marina hat er sich voller Mut und Optimismus andere Ziele gesucht, die er nie mehr erreichen kann. Sein Humor, seine Frozzeleien, seine Freundlichkeit wird fehlen, auf dem Bildschirm und denjenigen, die ihn liebten und mochten.

Seit 2003 sind wir immer wieder zu Interviews zusammengekommen, ich erfuhr von einem Leben, das ziemliche Tiefen hatte. Geschuldet der Zeit, in die er hineingeboren wurde, den Umständen, unter denen er aufwuchs, die seinen Weg ins Erwachsenenleben prägten, und die ihn schließlich zu seinem Beruf führten, der ihn glücklich gemacht hat. Vieles habe ich hier schon geschrieben, vieles noch nicht.

 

Nachlese aus meinem Interview mit
Wolfgang Winkler vom 21. Februar 2018

Ihr Weg zur Filmhochschule in Babelsberg führte über eine Lokführer-Lehre im Braunkohlenwerk „John Scheer“ bei Hoyerswerda. Was war falsch an dem Beruf, dass Sie zur Schauspielerei umgeschwenkt sind?
In der damaligen Zeit war Lokführer ein Traumberuf. Aber die Schauspielerei hat ganz andere Reize. Da kann der Lokführer nicht mithalten, wenn man in sich die Lust verspürt, zu spielen, sich zu verstellen. Da kann der Lokführer nicht mithalten. Im Wohnheim habe ich ein Kabarett gegründet. Das war nicht unbedingt die Lust, sich politisch zu äußern, sondern in Rollen.

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„Heute ist Existenzangst unserem Beruf immanent. Man kann nicht voraussehen, ob man sein Lebensniveau halten und seine Familie versorgen kann.“ © Nikola

Und Sie hatten diese Lust schon als Schüler. Wenn auch ein Mädchen aus der Parallelklasse der Anlass war, dass Sie in der Theatergruppe mitmachten. Sie hieß Friederike Aust, auch eine bekannte DDR-Schauspielerin.
Stimmt. Sie war der Anlass, aber es war eben auch die Lust, sich zu äußern.

Sie waren sehr überzeugt von sich und haben ein Vorsprechen an der Filmhochschule Babelsberg abgelehnt, als man Sie dazu eingeladen hatte.
Ja, das war ziemlich blöd. Ich habe stattdessen unfreiwillig freiwillig Armeedienst gemacht. Ich hatte den Werbern der NVA sehr überzeugend vorgespielt, dass ich unbedingt zur Armee wollte, aber mit 17 leider noch zu jung sei. Eines Tages kamen sie mit einer Sondergenehmigung, dass ich schon mit 17 zur Armee könnte. Da hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als für die Eignungsprüfung zu bimsen.

Mit welchen Vorstellungen sind Sie in den Schauspielerberuf gegangen?
Da war am Anfang viel Naivität. Da wollte man einfach spielen, egal was. Aber es stellte sich schon ziemlich früh raus, dass ich wohl in der Komik behaftet bin. Und da waren das die Rollen, die mir am meisten gelegen haben. So die ganz großen jugendlichen Helden wie Ferdinand oder Romeo sind an mir auch vorbeigegangen.

Hat Sie das gekränkt?
Nee. Ich habe andere schöne Rollen gespielt. Die Diener waren oft interessanter als die schmalzenden Liebhaber. Und man mit einer kleinen Rolle, die Substanz hat, mehr Aufmerksamkeit als mit einer Hauptrolle, die man in den Sand gesetzt hat. Ich habe nie darunter gelitten.

Diener waren die Minderzahl in Ihrer Rollenvita.
Ja, wir hatten ein breites Spektrum am Theater, von der Shakespeare-Komödie bis zu Gegenwartsdramen. Gleich nach der Filmhochschule habe ich 1965 in Görlitz, wo ich debütiert habe, bevor ich 1980 nach Halle ging, den Handwerker Zettel in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ gespielt.  In Zittau habe ich in Kants „Die Aula“ die diffizile Figur des Karl-Heinz Riek gespielt und in Rossows „Unterwegs“ den Wolodja.

Welche Rolle hat für Sie immer noch besonderen Wert?
Das ist der Waskow in dem Kriegsdrama „Im Morgengrauen ist es noch still“, der mit sechs jungen Rotarmistinnen in die Sümpfe zieht, um deutsche Fallschirmspringer gefangen zu nehmen. Eine nach der anderen fällt im Kampf, er überlebt schwerverletzt. Das war die emotionalste Rolle, die ich je gespielt habe und ist bis heute eins der besten Antikriegsstücke. Wir haben das 1975 nach der Erzählung von Boris Wassiljew inszeniert, es wurde dann in allen Theatern der DDR nachgespielt.

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Wolfgang Winkler 1965  DEFA-Film „Das Kaninchen bin ich“ mit Annemarie Espers (v.l.) und Angelika Waller (h.) © DEFA-Stiftung/Jörg Erkens

Ihre Laufbahn als Filmschauspieler begann 1965 mit einer Rolle in Kurt Maetzigs Gegenwartsfilm „Das Kaninchen bin ich“. Regisseur Kurt Maetzig setzt sich darin kritisch mit dem Problem des Karrierismus auseinander, den es auch in der DDR gab. Der Film wurde verboten, hatte seine Premiere erst 1990. Wie sind Sie als junger Schauspieler mit diesem Thema umgegangen?
Die 60er waren eine hochgradige Zeit, in der wir viel diskutiert haben. Wir dachten damals, wir bauen schon die bessere Gesellschaft mit auf und haben an solchen Punkten einen Knacks gekriegt. Wieso war eine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit der Justiz von der Politik auf einmal öffentlich nicht diskutabel? Darüber haben wir geredet.

Hat das Ihr Verhältnis zur Politik in der DDR verändert?
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war von Hause aus so geprägt. Großvater war im KZ, Großmutter in der Partei. Da gab es für mich keine Zweifel. Erst als die Überzeugung schwand, kamen opportunistische Gedanken auf. Man ist kritisch gewesen, aber nicht offensiv.

Wann hat das angefangen?
Ende der siebziger Jahre gab es vieles, womit ich nicht mehr einverstanden war. 1961 habe ich ja verstanden, dass man das ökonomische Ausbluten des Landes verhindern muss, deshalb eine Mauer zieht. Aber später konnte ich trotz aller Erklärungen nicht mehr einsehen, dass Menschen mehr eingesperrt sind als behütet werden. Es wurde immer klarer, dass mit dem ökonomischen und politischen Gefüge etwas nicht stimmen kann. 1970 hatten wir mit der „Aula“ ein Gastspiel im Westen. Da gab es schon Überlegungen, drüben zu bleiben. Aber ich hatte eine Familie, die ich nicht nachholen konnte.

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Zitat 2008: „Popularität ist was ganz Furchtbares, aber noch furchtbarer ist es ohne. Als Schauspieler trittst du ja auch ein bisschen an, um erkannt zu werden.“ © Nikola 2018

Wie schätzen Sie die Zeit seit der Wende für sich persönlich ein?
Ich hatte irgendwie Schwein. Für mich gab es kein schwarzes Loch. Ich durfte gleich eine Serie drehen, hätte im Theater weiter spielen können. Aber an Freunden, die nichts mit der Schauspielerei zu tun haben, sehe ich: Viele sind auf der Strecke geblieben, die nichts dafür können, weil die gesellschaftlichen Umstände so sind. Dass diese Gesellschaft Solidarität vermissen lässt, belastet mich schon – und ärgert mich auch.

Welche Phasen Ihres Lebens würden Sie gern noch einmal erleben?
Ich bin so ein alter Nostalgiker und fahre dann auch da hin, wo ich schöne Zeiten erlebt habe. Aber es funktioniert nicht mit dem Zurückholen der Zeit, weil sich der Ort verändert hat, die Menschen nicht mehr da sind. Aber das ist der Lauf der Welt, weil sich alles weiterentwickelt.

Es gibt ein Kapitel in Ihrem Leben, das auf der Schattenseite liegt. Ihre Frau Renate, die Mutter Ihrer beiden Kinder, war Alkoholikerin. Sie starb 1999. Inwieweit fühlten Sie sich verantwortlich für Ihre Krankheit?
Man fühlt sich immer schuldig oder glaubt, Schuld daran zu tragen. Aber es liegt in der Chemie des menschlichen Körpers begründet, ob einer Alkoholiker wird oder nicht. Ich habe alles versucht, sie von dieser Sucht abzubringen. Doch das funktioniert nur, wenn es der  Betreffende auch selbst will. Das hat sie leider nicht geschafft.

Sie sind bei den Großeltern aufgewachsen. Ihre Mutter konnte sich nicht um sie kümmern, Ihren Vater kennen Sie nicht. Hat Sie das in Ihrem Verhältnis zu Ihren Kindern beeinflusst?
Das weiß ich gar nicht. Meine Frau und ich haben den Kindern vorgelebt, und da das zwei prächtige Menschen geworden sind, haben wir wohl keine Fehler gemacht. Ich glaube auch, dass ich gar nicht so ein toller Vater gewesen bin. Als junger Schauspieler ist man sehr egoistisch, was den eigenen Beruf betrifft. Obwohl ich beide sehr geliebt habe, war der Egoismus zum Beruf stärker als die Lust Vater zu sein.

Haben sie Ihnen jemals Vorhaltungen gemacht?
Sie haben kritisch angemerkt, dass etwas mehr Kümmern hätte sein können. Was ich verstehe. Für unser gutes familiäres Verhältnis blieb das ohne negative Konsequenzen.

Ihre Großeltern haben Ihnen die Eltern ersetzt. Was haben Sie Ihnen an Gutem mitgegeben?
Zu haben mich zu Ehrlichkeit erzogen, zu einer gewissen Aufrichtigkeit. Das haben sie mir auch vorgelebt und das habe ich verinnerlicht. Ohne in größere Sphären vorzudringen bin ich ein ganz normaler Mensch geworden, nicht zu Höherem geboren.

2005 trafen Sie die Tanzpädagogin Marina Groth wieder, mit der Sie 1973 eine Affäre hatten. Für die es aber damals keine Zukunft gab. 32 jahre später schon.  2008 haben sie geheiratet. Ihre Frau ist 12 Jahre jünger. Kommen Sie sich alt vor?
Manchmal, wenn ich die Treppe runtergehe und nicht mehr drei Stufen auf einmal nehmen kann, merke ich, dass ich älter geworden bin. Ansonsten nicht. Weil ich es ablehne, alt zu werden. Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu sagen, jedes Alter hat seine Schönheiten. Man muss mit den Gegebenheiten des Alters leben, aber schön ist es meistens nicht.

Also hat es Sie richtig geärgert, dass Sie am 2. März wieder ein Jahr älter geworden sind?
Ja. Man fängt an zu sagen: Ich bin ja bald 80. Früher hat man sich gern älter gemacht, um ins Kino zu kommen. Jetzt macht man sich älter, um zu hören: Ach, das sieht man Ihnen gar nicht an. Den Satz hört man ja gern. Aber eigentlich ist er auch Mist.

 

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Wolfgang Winkler, Marie Gruber und Jaecki Schwarz ermittelten bis 2013 im MDR-„Polizieruf 110“ © mdr/Steffen Junghans

Am 8. Februar  erlag Ihre langjährige befreundete Kollegin Marie Gruber ihrer Krebserkrankung. Sie war erst 62 Jahre. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie es erfuhren?
Man überlegt, wie das sein kann. Aber man ist gut beraten, die Angst nicht an sich ran zu lassen, dass es einem selbst passieren könnte. Man will ja weiterleben.

 

Wolfgang Winkler kam am 2. März im Kriegsjahr 1943 in Görlitz zur Welt. Er starb am 7. Dezember 2019 in Berlin.

Ein Abschiedslied für Regisseurin Christa Mühl

Am 22. Oktober bekam ich folgende Mail:
Sehr verehrte, liebe Bärbel Beuchler,
ich wende mich heute mit einer großen Bitte an Sie, auch im Namen von Christa Mühls Tochter Susanne Hecht. Ich war zu DDR-Zeiten bei allen Filmen, die Christa Mühl bei der DEFA gedreht hat, ihre Regie-Assistentin. Daraus ist in 40 Jahren eine tiefe, intensive und enge Freundschaft entstanden. Nachdem wir beide kurz hintereinander Witwen wurden, vertiefte sich die Freundschaft noch. Nun ist Christa Mühl sehr schnell und plötzlich verstorben, und wir befinden uns alle noch in einer Art Schockstarre. Meine Bitte an Sie ist, ihr einen Nachruf zu widmen.
Mit sehr herzlichen Grüßen Barbara Häselbarth-Pietsch“

Es war für mich keine Frage, dieser Bitte zu entsprechen. Christa Mühl und ich hatten uns befreundet, als ich 2014 für die SUPERillu einen Beitrag über ihren Film „Die Rache des Kapitän Mitchell“ geschrieben habe.

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Im Juni und im August 2019 war Christa Mühl (3.v.r.) mit dem ehemaligen ZDF-Traumschiff, der „MS Berlin“, auf Lesereise © Privatarchiv Mühl

Christa Mühl war 72 Jahre und mitnichten bereit zu gehen, als ein heimtückischer Krebs sie in den frühen Morgenstunden des 14. Oktober 2019 aus dem Leben riss. Die Diagnose bekam sie nur vier Wochen zuvor. Sie war gerade von einer erfolgreichen Lesereise auf der „MS Berlin“, dem einstigen ZDF-Traumschiff, zurückgekehrt. Für zwei Folgen der Reihe hatte sie die Drehbücher verfasst, „Argentinien“ 1998 und „Tahiti“ 1999. Man hatte die Autorin nicht vergessen und zum 40-jährigen Jubiläum des Kreuzfahrtschiffes als Stargast für das Unterhaltungsprogramm eingeladen.

Wer Christa Mühl kannte, weiß, dass sie nie ohne ein Mitbringsel kam. So hatte sie denn auch neben ihren beiden Krimis „Seniorenknast – wir kommen!, der Fortsetzung „Seniorenknast – da sind wir!“ und ihrem Buch „Action! – im Traunsee-Märchenland“ als Geschenk eine extra für diese Reise geschriebene Geschichte im Gepäck: „Ich war noch niemals in New York“. Darin erzählt sie, wie Produzent Wolfgang Rademann sie angeheuert hat und wie ihre Filme für das „Traumschiff“ entstanden sind. Als die Regieaufträge ausblieben, gab sie nicht auf und hat aus drei nicht angenommenen Drehbüchern ihre Krimi-Bücher erarbeitet, mit denen sie dann auf Lesereise gehen konnte. Marianne Conrad, eine langjährige Mitarbeiterin ihres Mannes Werner Hecht, die sie bei der Digitalisierung und Drucklegung der Bücher unterstützte, erzählte mir: „Aus dem Alten schöpfen, aufschreiben, was sich in vier Jahrzehnten Filmemachen zugetragen hat, Geschichten, die keiner kannte, dieser Gedanke hat sie in der letzten Zeit wieder aktiviert. Darin hatte sie noch einmal eine Perspektive gesehen“.

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Am 10. Juli 1971 haben Christa Mühl (1947-2019) und Werner Hecht (1926-2017) geheiratet. Das Foto zeigt sie 1982.  © Privatarchiv Mühl

Werner Hechts Tod im Februar 2017, er war im Dezember 90 Jahre alt geworden, hatte die fröhliche, voller Energie und Pläne steckende Regisseurin lange innerlich gelähmt. Ein halbes Jahrhundert waren sie sich nicht nur in Liebe zugetan, sondern lebten auch eine große schöpferische Partnerschaft. „Werner fand meine Arbeit viel spannender als seine. Es gefiel ihm auch sehr, dass wir zwei Dokumentarfilme miteinander machen konnten. Er hätte gern den Brecht hingeschmissen und nur noch Drehbücher geschrieben, am liebsten Krimis“, schreibt Christa Mühl in ihren privaten Aufzeichnungen.
Die Chemiefacharbeiterin und der Dramaturg des Berliner Ensembles hatten sich im März 1968 kennengelernt, als Werner Hecht im Hallenser Klub der Intelligenz einen Vortrag über Brechts Theatermethode hielt. Die damals 21-Jährige  folgte seinen Ausführungen begierig, wollte sie doch seit ihrem 16. Lebensjahr Regisseurin werden. Während der Schulzeit in Halle hatte sie im Dramatischen Zirkel gearbeitet, Artikel über Theateraufführungen geschrieben, sich mit den deutschen Klassikern befasst – Feuchtwanger, die Brüder Mann, Heine und was die Bibliothek an großer Literatur noch so hergab. „In Gedanken sah ich viel Gelesenes als Film vor mir“, notierte sie.  Aber wie wird man Regisseurin?  Was braucht man dafür?

Christa Mühl erzählte dem erfahrenen Theatermann von ihren Ambitionen. Es entwickelte sich schnell eine intensive Beziehung, die über die gemeinsamen Theaterinteressen hinausging. Werner Hecht ließ sich scheiden und heiratete 1971 die zwei Jahrzehnte Jüngere. 1973 bekamen sie ihre Tochter Susanne. Christa Mühl studierte und arbeitete weiter unter ihrem Mädchennamen. Sie wollte nicht vom Ruhm ihres Mannes profitieren. Werner Hecht fand es völlig in Ordnung, wenn ihn Leute, die nichts mit Brecht zu tun hatten, mit „Herr Mühl“ ansprachen.

 


Als ihr erstes gemeinsames Projekt entstand 1970 Christa Mühls Hochschulfilm Die Kollwitz und ihre Kinder“. Ein amüsantes zehnminütiges Filmfeuilleton über das Treiben der Kinder auf dem Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg, die das Denkmal von Käthe Kollwitz unbekümmert als Spielplatz in Besitz nehmen, wie die Fotos zeigen. „Wir wohnten in der Nähe und amüsierten uns im Vorbeigehen, wie die Kinder darauf herumtobten“, erzählt die Regisseurin 2018 in einem Interview, als sie hier noch einmal mit Kamera und Mikrophon unterwegs war. Der Bildhauer Gustav Seitz, dem Werner Hecht geschrieben hatte, was seiner Plastik so jeden Tag widerfährt, war sehr froh darüber. „Der Sockel ist extra breit und niedrig gehalten, mit der Absicht, dass Kinder darauf spielen und herumkraxeln können. Sollten Sie mal Fotos mit den Kindern an der Kollwitz-Plastik machen können, dann würde es mich freuen“, antwortete er im Oktober 1969. Christa Mühl legte die Sätze über die letzten Sequenzen ihres Films (siehe oben). „Aus unserem kleinen Film ist ein richtig großes Ding geworden“, erinnerte sie sich. Nach seiner Ausstrahlung im Fernsehen, was bei Studentenfilmen nicht üblich war, löste er eine riesige öffentliche Debatte über den „Gebrauchswert“ von Kunst aus. Das war noch nie vorgekommen.

 

1973 erarbeitete sie mit Werner Hecht ein Filmporträt über Helene Weigel, für das das „Kollektiv“ Werner Hecht und Christa Mühl mit dem Fernsehpreis „Silberner Lorbeer“ ausgezeichnet wurde. Im Jahr darauf drehten sie eine szenische Rekonstruktion vom Verfahren, das 1932 zum Verbot des legendären Films von Slatan Dudow und Bertolt Brecht Kuhle Wampe: Oder wem gehört die Welt?“ geführt hatte. Durch die erhaltenen Zensurprotokolle kam ein spannendes Drehbuch zustande, mit dem sie prominente Schauspieler wie Kurt Böwe, Erika Pelikowski, Erwin Geschonneck und Wolfgang Greese für das Projekt gewinnen konnten. Die Produktion hatte das DEFA-Dokumentarfilmstudio übernommen. Für die frischgebackene Absolventin der Filmhochschule Babelsberg der erste Schritt in das Hollywood des Ostens, wie sie sagte.

Die DEFA wurde für Christa Mühl in den folgenden Jahren mit jedem Film, den sie hier für das Fernsehen drehte, mehr zur zweiten Heimat. Über diese Zeit hatte sie Material gesammelt, sich mit vielen ehemaligen DEFA-Mitarbeitern getroffen und erinnert. „Bei allen Problemen und Unzulänglichkeiten war das eine unvergessliche Zeit voller Kreativität und voller Geschichten“, erzählte sie mir einmal. Aus all dem sollte ein Buch werden, „Babelsberg – die zweite Heimat“, das nun unvollendet geblieben ist. Ebenso ein zweites, das sie den Kollegen widmen wollte, ohne die keiner ihrer Filme zustande gekommen wäre. Christa Mühl pflegte ihre intensiven Beziehungen zu Menschen, mit denen sie gearbeitet hat, auch über die Produktion eines Films hinaus.

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Ein Arbeitsfoto der Regisseurin aus den 80er Jahren

„Christa hat den Beruf ausgeübt, wie heute kaum ein Regisseur. Sie war ein Teamplayer, sie hat die Atmosphäre am Set geschaffen, jeder war für sie wichtig. Man konnte mit ihr Schmerz wegtragen, wenn etwas schiefgegangen war“, erzählt mir Schauspieler Wolfgang Stumph, der mit ihr von 1995 bis 1998 elf Filme für die ZDF-Krimi-Reihe „Stubbe – Von Fall zu Fall“ gedreht hat. „Es ist Christas Verdienst, dass wir nach dem tödlichen Unfall von Wolfgang Luderer, dem ersten Regisseur, sofort weitermachen konnten.“ Ihr warmherziger, nie aufgeregter Umgang mit allen, die an ihren Filmproduktionen beteiligt waren, selbstredend den Schauspielern, hielt auch den vor Einfällen übersprühenden Wolfgang Stumph im Zaum, der sich damals noch als Neuling auf dem Terrain bewegte. Was eine Kunst ist, wie jeder weiß, der mit dem selbstbewussten Dresdner schon zu tun hatte. Christa Mühl hatte auch ein genaues Gespür für das Anliegen der Reihe. Neben der harten Krimirealität sollte es in den Filmen menscheln. Das zu produzieren, lag in ihrem Naturell.

Viele Jahre kannte ich Christa Mühl nur vom Sehen. Es war irgendwann in den 70er Jahren, als wir uns auf dem Gelände des DDR-Fernsehens in Johannisthal über den Weg liefen. Ich war dort Redakteurin in der Redaktion „Für Freunde der russischen Sprache“. Mit einem unverwechselbaren, fröhlichen Lachen schlenderte sie mit zwei Kolleginnen zur Kantine, in knallengen Jeans, Pulli und einem Tuch um die rotblonden Haare geschlungen. Ein bisschen außergewöhnlich, fand ich, aber schick. Sie gehörte zum Bereich „Dramatische Kunst“, der eine Etage über uns angesiedelt war. Wir hatten damals keine Berührungspunkte. Ich wusste weder was sie machte, noch wie sie hieß. Da ich nun ihrem Lebensweg nachgegangen bin, weiß ich, dass sie Regie-Assistentin und ihr Mentor Thomas Langhoff war, einer der wichtigsten Regisseure der DDR. Mit ihm drehte sie 1975/76 den Fernsehfilm Die Forelle“ – und war wieder in Babelsberg. Thomas Langhoff! Das war wie ein Hauptgewinn im Lotto… Von ihm habe ich so viel gelernt, vor allem, was die Arbeit mit Schauspielern betrifft… Dass ich ihm assistieren durfte, war ein großes Glück für meine weitere Arbeit im Regie-Beruf, schreibt sie in ihren privaten Notizen.

Dieter Mann , zur DVD-Serie...
2014 besuchte ich mit Christa Mühl Schauspieler Dieter Mann, den Protagonisten ihres zweiten Brecht-Films, „Die Rache des Kapitän Mitchell“, der 1979 der am 23. 12. 1979 im DDR-Fernsehen Premiere hatte.  © Boris Trenkel

Dass ihr schon bald der Sprung von der Assistentin zur Regisseurin gelungen ist, hatte nicht nur mit handwerklichem und künstlerischem Können zu tun. Christa Mühl hatte zusammen mit ihrem Mann Werner Hecht einen Filmstoff gefunden, den die Chefs der „Dramatischen Kunst“ nicht ablehnen konnte: Bertolt Brechts knapp erzählte Kalendergeschichte „Der Arbeitsplatz“. Filmproduzent Alfried Nehring, er war damals Chefdramaturg für „Weltliteratur und Theater“, erinnert sich: „Als Voraussetzung hatte sie drei Trümpfe in der Hand: Es war die erste eigene Brecht-Verfilmung im DDR-Fernsehen, sie hatte dafür die Zustimmung der Brecht-Erben und bei der Arbeit am Drehbuch ihren Mann, den Brechtspezialisten Werner Hecht, an der Seite. Was ich im Verlauf der Drehbucharbeit und der Vorbereitung an ihr besonders schätzen lernte, war ihr klares Verständnis dafür, was dieser Film braucht. Schon ihr neuer Titelvorschlag Tod und Auferstehung des Wilhelm Hausmann gefiel mir. Dann schlug sie vor, ihn nicht in Farbe zu drehen. Sie wollte die Zeit und die soziale Situation, in der die Story spielt – der großen Weltwirtschaftskrise – so authentisch wie möglich filmisch umsetzen.“

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Christa Mühl im Herbst 2016 auf dem Baumwipfelpad in Beelitz-Heilstätten. Ihr Mann Werner Hecht befand sich hier in der Klinik © Privatarchiv Mühl

Christa Mühl war als Regisseurin etwas Besonderes. Sie besaß die Gabe, ihre Begeisterung für ein Projekt auf andere zu übertragen. So gewann sie herausragende Schauspieler wie Ursula Karusseit, Walfriede Schmitt und Kurt Böwe für die Hauptrollen, in den Nebenrollen agierten Jutta Wachowiak, Martin Trettau und Hans Teuscher. Darüberhinaus konnte sie in kritischen Situationen wunderbar improvisieren und rette zum Beispiel den ersten Drehtag für Tod und Auferstehung des Wilhelm Hausmann“.

Walfriede Schmitt, die in beinahe jedem Mühl-Film mitspielte, erzählt: „In der Nacht vor dem ersten Drehtag wurde am Drehort eingebrochen, Kostümteile, Requisiten und vieles andere gestohlen. An sich eine Katastrophe. Nicht für Christa. Sie plante um, organisierte, um Fehlendes zu ersetzen. Auch als der Zug entgleist ist, in dem wir gedreht haben, blieb sie entspannt, holte Hilfe herbei, hat das Team beruhigt, gescherzt, aufgemuntert, als wären Katastrophen ihr eigentliches Element.“ Zur Abnahme des Films lud sie Thomas Langhoff ein.  Sein zustimmendes Nicken war ihr mehr wert als die Meinung der Fernsehleitung. Das schönste Weihnachtsgeschenk für die damals 30-Jährige war die Ausstrahlung ihrer ersten eigenen Regiearbeit am 24. Dezember 1977.

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Die Produktion des Films verlangte quasi Wunder von Szenenbildner Klaus Winkler, denn er spielte in London und musste aus Kostengründen in der DDR gedreht werden  Quelle: Superillu-shop

Nur zwei Jahre später inszenierte Christa Mühl ihren zweiten Brecht-Film, „Die Rache des Kapitän Mitchell“ , nach dem nahezu unbekannten Filmstoff „Safty First“, den Brecht 1934 in London entwickelt hatte. Dramaturg Detlef Espey hatte die Geschichte Jahre zuvor entdeckt und vergeblich versucht, von den Brecht-Erben die Rechte für seine Fernsehspielreihe „Erlesenes“ zu bekommen. Nachdem Christa Mühl mit ihrem Debütfilm „Tod und Auferstehung des Wilhelm Hausmann“ international Beachtung gefunden hatte, für den Prix Italia, dem damals höchsten europäischen Fernsehpreis, nominiert war, und gute Verkäufe im Ausland die Kassen klingeln ließen, gaben sie ihre Zustimmung. Es musste aber ein Film werden, und er musste wiederum in den Händen von Christa Mühl und Werner Hecht liegen.

„Wir fanden in der Geschichte Material für einen abenteuerlichen Film mit extremen Handlungsumschwüngen“, erzählte mir Christa Mühl, als ich 2014 mit ihr und Dieter Mann für einen Artikel in der SUPERillu über den Film sprach. Am 23. Dezember 1979 hatte die Geschichte über den Versicherungsbetrug um den britischen Luxusliner „Astoria“ im 1. Programm des DDR-Fernsehens Premiere. Der Film war wiederum mit den besten Schauspielern der Berliner Theaterszene besetzt. Die Hauptrolle spielte Dieter Mann, daneben wirkten Ekkehard Schall, Jutta Hoffmann, Walfriede Schmitt und Swetlana Schönfeld. Voller Verehrung erzählte er, wie selbstverständlich der große Wolfgang Heinz seine kleine Rolle spielte und sich in die Hände der jungen Regisseurin gab. „Christa hat mir jede Freiheit gelassen. Und wir haben mitunter schon eine gute Fassung gehabt, konnten sie aber nicht nehmen, weil die Regisseurin hinter der Kamera alles verlacht hat“, erinnert sich Dieter Mann. Bei Christa Mühl war das so. Wer sie am Set suchte, musste nicht den Kabeln zur Kamera folgen, er brauchte nur ihrem Lachen entgegenlaufen.

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Christa Mühl hatte zum Treffen bei Dieter Mann ihre Drehbuchnotizen und die Klappe mitgebracht © Boris Trenkel

Die Realisierung ist eine große Herausforderung gewesen. Nicht nur für die Regisseurin. „Das Verderben war, wir hatten nichts. Kein Schiff, keine Devisen um in England zu drehen“, erzählte Christa Mühl über vier Jahrzehnte später. Der Szenenbildner Klaus Winter hat wahre Wunder vollbracht. Auf dem DEFA-Gelände zauberten die Kulissenbauer die Londoner Hafencity. Von englischen Aufklebern über Bierdeckel, Straßenschilder bis zum „Daily Telegraph“ von 1938 ist alles Marke Eigenbau. Die Stoffe für die Ausstattung der Räume für die Innendrehs hat Winters Cousine aus England geschickt. Eine ganze Straße im Zentrum von Brandenburg wurde für die Szene, in der Mitchell aus dem Café zu Jane läuft, umgestaltet. Winters genialste Idee war es, ein altes Taxi zu bekleben, alle Schilder mit Spiegelschrift anfertigen und die Knopfleisten der Kostüme versetzen zu lassen. Dann wurde gedreht, seitenverkehrt kopiert und alles war richtig. Alle glaubten, die Aufnahmen seien in London entstanden. Mit Kosten von 1, 2 Millionen DDR-Mark war es die aufwendigste Filmproduktion, die das Fernsehen je für einen 90-Minuten-Film ausgegeben hat. Mit diesen beiden Filmen erwarb Christa Mühl in der Branche, vor allem bei den Schauspielern großes Vertrauen. Wenn sie eine Besetzung anbot, sagte niemand nein.

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Wiedersehen nach langer Zeit aus traurigem Anlass. Schauspielerin Walfriede Schmitt  drehte mit Christa Mühl  in der SAT.1-Serie „Für alle Fälle Stefanie“, Madeleine Lierck-Wien  in der Soap „Rote Rosen“ © B. Beuchler

Inhaltlich wandte sie sich ab 1980 verstärkt Gegenwartsthemen zu. Sie griff die kleinen und großen Probleme im Leben und ihrer Geschlechtsgenossinen auf. „Meine Filme sollen auch Mut machen, das Bewusstsein schärfen für die enormen Chancen, die Frauen in unserer Gesellschaft haben“, sagte sie 1987 in einem Interview mit der DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“. Oft genug stieß Christa Mühl dabei selbst an Mauern, musste einen Kampf gegen ideologische Engstirnigkeit bei der Fernsehoberen führen. Weil er sich ihrer Ansicht gegen die Kulturpolitik der DDR richte, verschwand ihr Film „Die Generalprobe“ nach seiner Premiere am 11. Juli 1982 im zweiten Programm des DDR-Fernsehens im Archiv. Erzählt wird darin, wie eine junge selbstbewusste Schauspielerin an einem kleinen Theater sich in ihrer Ehe und in ihrem Beruf gegen überkommene Vorstellungen von der Rolle der Frau zur Wehr setzt. Zwei Jahre später legte Christa Mühl das Drehbuch für den Film „Paulines zweites Leben“ vor, in dem sich eine Frau mit 50 aus ihrer beengenden Ehe befreit und neu anfängt. „Ein liebevoller, witziger Film über unser Leben, der anfangs gar nicht erst gedreht werden sollte. Er habe keine 20-Uhr-Qualität, hieß es vom Fernsehkomitee“, erinnert sich Walfriede Schmitt, die mit Schauspielerin Annemone Haase  die Hauptrollen spielt, in ihrer Abschiedsrede auf der Trauerfeier.

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Heidemarie Wenzel und Leon Niemczyk 1985 auf dem Titel der DDR-Fernsehzeitschrift „FF dabei“ . Sie spielten die Hauptrollen in Christa Mühls Fontane-Adaption „Franziska“ . Mit der Schauspielerin hat sie aus ihrem Krimi „Seniorenkanst – wir kommen“ gelesen © FF dabei/ Waltraud Denger

Christa Mühl schaffte es nach vielen Attacken, dass sie den Film drehen durfte. Als er nach nochmals vielen Mühen gesendet wurde, gab es große Zustimmung bei den Zuschauern. Warum werden nicht mehr solcher Geschichten gezeigt, war der Tenor der Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift FF dabei“. Es war der nicht seltene Fall, dass die Verantwortlichen in ihren Positionen nicht wussten, was das Fernsehvolk wirklich sehen wollte. Nachdem der Film in Bulgarien mit einem Fernsehpreis ausgezeichnet worden war, zog das DDR-Fernsehen nach und verlieh der Regisseurin und den Hauptdarstellerinnen den „Silbernen Lorbeer“. Danach suchte sie sich erholsame Filmstoffe und drehte 1985 die Fontane-Adaption Franziska“ (1985) und 1986 nach einer Vorlage von Anna Seghers „Das wirkliche Blau“.

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Christa Mühl auf dem Titelbild der Frauenzeitschrift „Für dich“, die die  Regisseurin anlässlich ihres 40. Geburtstages in einem Interview vorgestellt hat © Privatarchiv Mühl

Ich sah Christa Mühl 1988 wieder, als ich für die „FF dabei“ in der Hochschule der Volkspolizei an einer Diskussion mit angehenden Kriminalisten teilnahm. Ich erinnere mich, dass es um die Frage ging, wie realistisch muss die Arbeit der Kriminalisten dargestellt werden, wieviel Freiheit kann sich der Regisseur nehmen, um einen Täter für die Zuschauer spannend zu überführen. Gegenstand war Polizeiruf 110: Abschiedslied für Linda“, den Christa Mühl inszeniert und für den ihr Mann Werner Hecht das Drehbuch geschrieben hatte. Viele ihrer Einfälle wurden gestrichen, Details bis hin zu solchen Kleinigkeiten wie ein Aschenbecher im Zimmer der drei Kommissare und herumliegende Akten wurden moniert. „Danach Die jungen Polizisten fanden das übertrieben. Sie wollten spannende Krimis sehen und nicht ein Abbild der Realität. Christa Mühl gab mir damals ihre Telefonnummer. Ich hätte ja noch Fragen haben können. Was für ein Glück, dass sie sie nie geändert hat. So erreichte ich sie, als ich den Auftrag hatte, für die SUPERillu etwas über den Film Die Rache des Kapitän Mitchell“ zu schreiben.

Christa Mühls letzte Arbeit für das DDR-Fernsehen war die siebenteilige Serie Fritze Bollmann will angeln“, die von Anfang an unter einem schlechten Stern stand. Hauptdarsteller Dieter Wien erkrankte schwer, dann kam die Wendezeit und mehrere Schauspieler gingen in den Westen. Nach etlichen Umbesetzungen konnte die Serie zu Ende gedreht werden. Am Ende der DDR, des Fernsehens und der DEFA wusste die 44-Jährige, die 1988 mit dem Kunstpreis der DDR geehrt wurde und eine der wenigen erfolgreichen Filmregisseurin in der DDR gewesen ist, eigene Filme wie bisher wird sie nicht mehr machen. Von nun an lebte sie in einer westdeutsch dominierten Branche. Die gut ausgebildeten Kollegen, die da aus dem Osten plötzlich in den Markt schwemmten, waren Konkurrenz, die man nicht wollte.

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Christa Mühl mit Filmproduzent Alfried Nehring (2. v. r.) und Kameramann Franz Xaver Lederle bei  Dreharbeiten für ihren Film „Stubbe macht Urlaub“ 1995 in Ahrenshoop ©  Privatarchiv A. Nehring

Es veränderte sich aber auch etwas in der Fernsehlandschaft. Anfang der 90er Jahre brach die Epoche der Weeklys, Soaps und Telenovelas an. Für Christa Mühl tat sich ein Tor auf. Sie schrieb und inszenierte 1992-1994 für den Filmproduzenten Thomas Bürger, einen ehemaligen DEFA-Aufnahmeleiter, die Soap „Marienhof“. Anschließend drehte sie zwei Folgen für die „Lindenstraße“. Parallel zu ihrer Arbeit für die ZDF-Reihe „Stubbe – Von Fall zu Fall“ stieg sie 1996 als Regisseurin in die   die beliebte STA1.-Serie „Für alle Stefanie“ ein. Bis 2001 drehte sie 23 Folgen und schrieb 15 Drehbücher. Was immer sie  inszeniert, sie holt viele den Zuschauern im Osten vertraute DDR-Schauspieler wieder vor die Kamera. „Ich hätte mir nie träumen lassen, mal mit Theatergrößen wie Dieter Mann, Annekathrin Bürger, Barbara Dittus Horst Drinda und Christine Schorn zu spielen“, sagt Wolfgang Stumph.

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„Das Buch ist ein Oldtimer… 2003 geschrieben – nach zwei glücklichen Jahren in Gmunden“, leitet Christa Mühl ihre Erzählungen ein, die im Engelsdorfer Verlag erschienen sind

Oft wurde Christa Mühl gefragt, ob sie bei einer Staffel der Serie „Schlosshotel Orth“ Regie führen möchte. Und immer musste sie absagen, weil schon andere Verträge unterschrieben waren. 2001 hat sie endlich Zeit und erlebt im österreichischen Gmunden zwei ihrer schönsten Arbeitsjahre. Auch deutsche Fernsehproduzenten wissen inzwischen Christa Mühls Kreativität, ihr handwerkliches Können und ihren Einsatz zu schätzen. 2004 hebt sie mit „Bianca – Wege zum Glück“ die deutschen Telenovelas aus der Taufe und inszeniert bis 2011 wohl an die 200 Folgen der Reihe. Für die ARD dreht sie von 2006 bis 2010 die Dauerserie „Rote Rosen“. Was sie mit ihren DDR-Filmen angefangen hat, setzte sie in den Serien fort. Sie verwendete viel Mühe darauf, in die Geschichten, die sich wieder um das Leben von Frauen drehen, die gesellschaftlichen Verhältnisse einzubeziehen. „Wenn ich schon Serien mache, dann mit Puff“, hatte sie mal gesagt.

Und plötzlich ist sie ausgemustert. Mit 65 zu alt, zu teuer. Sie reicht Drehbücher ein, doch keiner will sie. Ihr Krimi Seniorenknast – wir kommen!“ sollte ursprünglich ein Film werden. Da machte sie eine ähnliche Erfahrung wie beim DDR-Fernsehen. Leute jenseits der 60 sind heute zwar das Gros der Zuschauer, doch die Sender kaprizieren sich auf eine jugendlichere Zielgruppe. Die sitzt mitnichten abends vor dem Fernseher. Es hat sie tieftraurig gemacht, nicht mehr Regie führen zu dürfen, als ausschussreifes Schrottmodell stigmatisiert zu werden, wenn man es noch gar nicht ist, erfahre ich bei der Trauerfeier von ihrer Freundin, der Regisseurin Renata Kaye.

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Ihre Freundinnen Renata Kaye und Barbara Häselbarth-Pietsch führen den Trauerzug an. Allen, die Christa Mühl kannten, wird besonders eins fehlen: ihr herzerfrischendes Lachen © B. Beuchler

Am 12. November wurde Christa Mühl neben ihrem Mann auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Begleitet von ihrer Familie, von engen Freunden und Menschen, mit denen sie gearbeitet hat, die sie als Regisseurin schätzten wie die Schauspieler Ute Lubosch, Giso Weißbach – den Hauptdarsteller im Polizeiruf 110: Abschiedslied für Linda“ – , Pierre Sanoussi-Bliss, der 1986 in Christa Mühls „Weihnachtsgeschichten“ mitspielte.  Wirklich fassen kann es jedoch noch keiner, dass sie nicht mehr da ist. „Der Tod muss gestolpert sein und hat dabei das Kreuz auf seiner Liste an die falsche Stelle gesetzt“, spricht Schauspielerin Walfriede Schmitt allen aus dem Herzen. Christa Mühl nahm den Krebs als eine vorübergehende, zu bewältigende Krankheit. Sie besaß eine unerschütterliche Zuversicht in das Leben. Der Tod musste sie schon einmal gehen lassen. Mit großer Anstrengung hatte sie eine Erkrankung überwunden, die für andere das Ende bedeutet hätte. Doch dieses eine Mal reichten Zuversicht, Optimismus und Kraft nicht.

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Die Goldene Stimme von Prag ist verstummt. Meine Erinnerungen an den Sänger Karel Gott

Als ich meinen Blog 2015 eingerichtet habe, musste ich nicht lange überlegen, welches meiner Interviewfotos am besten für mein Anliegen steht, über Künstler und Schauspieler zu schreiben, die von Millionen Menschen im Osten geliebt und verehrt werden. Das war und bleibt die „Goldene Stimme von Prag“, Karel Gott. Er schlief in der Nacht zum 1. Oktober 2019 für immer ein. Karel Gott, der am 14. Juli 80 Jahre alt geworden war, starb an einer akuten Leukämie. Nach einem  2011 überstandenen Lymphdrüsenkrebs hatte er in vergangenen Jahren immer wieder mit Erkrankungen zu kämpfen. Millionen Menschen werden Karel Gott mit seinen Liedern im Herzen behalten, die auf mehr als 150 Alben verewigt sind. Bei uns machten ihn vor allem „Fang das Licht“, Babička“, „Einmal um die ganze Welt“, „Lady Carneval“ und natürlich „Die kleine Biene Maja“ populär, in Tschechien sind es unendlich mehr. In seiner Heimat trägt er den Ehrentitel „Mistr“ (Meister), der vor ihm nur an den Reformator Jan Hus (1370-1405) vergeben wurde.

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Während meines Besuches bei Karel Gott machten wir einen Spaziergang an der Modau @ Handyfoto Bärbel Beuchler

Für mich ist es der Mensch Karel Gott, den ich kennen und schätzen gelernt habe, an den ich mich immer erinnern werde.  Meine erste Begegnung hatte ich mit ihm im November 2006, als er in Berlin sein erstes Album mit Wiegenliedern vorstellte. Animiert dazu hatte ihn seine fünf Monate zuvor geborene Tochter Charlotte Ella. In dem kurzen Interview, das ich damals mit ihm führte, erzählte er voller Wärme: „Es ist interessant zu beobachten, wie sie reagiert. Ihre Augen werden ganz weit, wenn ich singe und Tränen versiegen sofort.“

Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich ihn für ein langes Gespräch in seinem Haus im Prager Stadtteil Smíchov treffen würde. Es sollte um seine Rolle in dem Märchenfilm „Teuflisches Glück“ gehen, den „SUPERillu“ 2014 in ihrer DVD-Kultkino-Edition veröffentlichte. Aus dem Anlass wurde eine Reflektion seines damals 75-jährigen Lebens, seiner Karriere, die ihn durch zwei Welten trieb, und die Suche nach dem Glück. Ein Star – nahbar, ehrlich im Denken.

Müßig, einem Prager Taxifahrer die Adresse zu nennen. Jeder Einheimische kennt sie: Nad Bertramkou 18, im Pager Stadtteil Smíchov. Die Straße endet in einem Rondell vor einem Hügel, gesäumt von Villen aus den 30er Jahren. In diesen Tagen, seit dem Tod von Karel Gott, zieht sich ein nicht enden wollender Strom aus Blumen, Kerzen und Abschiedsbriefen die Straße hinunter. Von überall her kamen die Menschen, um seiner Frau Ivana und seinen Töchtern Charlotte Ella und Nelly Sophie ihr Beileid zu bekunden. Die Beisetzung war am 12. Oktober, zuvor hatten Tausende Menschen an seinem Sarg Abschied genommen.

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Tausende Menschen waren am 11. und 12. Oktober 2019 über die Karlsbrücke zum Prager Sophienpalast gezogen, um Karel Gott die letzte Ehre zu erweisen. Sein Sarg, der im großen Saal stand, war mit weißen Rosen bedeckt © Bärbel Beuchler

Es war ein heißer Tag damals, der 7. Juli 2014, als wir unseren Interviewtermin mit  Karel Gott hatten. Er hatte uns zu sich nach Hause eingeladen. Ich war aufgeregt wie selten vor einem Interview. Dem Fotografen Boris Trenkel ging es ähnlich. Und dann standen wir auch noch 20 Minuten zu früh vor dem Gartentor zu seinem Grundstück. Dicht gewachsene Lärchen und Tannen schirmen das Haus ab. Das Tor war nicht verschlossen, eine Klingel gab es nicht. Wir hätten hineingehen müssen, um zu klingeln. Nein, das hätte seine Familie vielleicht in Verlegenheit gebracht. Wir warteten also im Schatten einer riesigen Konifere, die sich hinter dem Zaun in den Himmel reckt. Und wir hatten gut daran getan. Denn kurz vor unserem Termin um elf Uhr öffnete sich die Haustür und seine Frau Ivana kam mit ihren Töchtern Charlotte Ella und der zwei Jahre jüngeren Nelly Sophie heraus. Ein freundliches „Dobrý den“ und „Na shledanou!“, und schon waren die Drei weg. „Sie geht mit den Mädchen auf den Spielplatz“, erklärte Karel Gott, der in dieser Minute in der Tür stand und uns hereinbat. Die Kinder haben nichts in seiner Medienöffentlichkeit zu suchen.

In der kleinen Diele standen Schuhe und hingen Kindermäntel und Jacken. Man spürte, dass in diesem Haus gelebt wird. Karel Gott führte uns ins Wohnzimmer. Mein Blick schweift über die Einrichtung. Sie zeigt Geschmack und Stil des Hausherrn und dass in diesem Haus gelebt wird. Es sei, so wie es gebaut ist, erklärte er später auf dem Weg an die Moldau, wo er gern spazieren ging, mit dem großen Wohnraum unten, einer Küche und drei kleineren Zimmern in der oberen Etage, nicht für eine Familie mit zwei Kindern geeignet. Deshalb hat er sein Arbeitszimmer oben für die Mädchen geräumt und ist mit Schreibtisch und Computer nach unten gezogen. „Ich habe jetzt hier eine kleine Ecke“, sagte er und lächelte. Die Kinder dürfen überall spielen, nur sein Arbeitsplatz ist für sie tabu.

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Mein Gespräch mit Karel Gott am 7. Juli 2014 in seinem Haus. Im Hintergrund seine Arbeitsecke. An der Wand Bilder, die er selbst gemalt hat. Er wollte eigentlich Malerei studieren, bestand aber sie Aufnahmeprüfung an der Prager Kunstschule nicht. © Bärbel Beuchler

„Möchten Sie Kaffee, Tee, Wasser?“ Karel Gott war ein perfekter Gastgeber, freundlich, zugewandt, charmant, obwohl ihn seit Tagen Journalisten mit Interviews anlässlich seines damals bevorstehenden 75. Geburtstages und seiner ersten Autobiografie „Zwischen zwei Welten“ nervten. Karel Gott war sich des Vorzugs bewusst gewesen, ein „Doppelleben“ führen zu können. Er sagte mir damals: „Viele haben mir nach der Wende vorgeworfen, dass ich Privilegien hatte. Das ist so eine oberflächliche, dumme Sicht. Jeder, der im System gearbeitet hat, wurde vom System bezahlt. Die Staatsmacht hat mich reisen lassen, weil ich dem Land Devisen brachte.“ Es hätte nur die Möglichkeit für ihn gegeben, zu emigrieren. Aber das wollte er nicht. Er wollte bleiben, arbeiten und für sein Publikum singen. „Ich verstand mich als musikalischer Botschafter für mein Land. Das haben die meisten meiner Landsleute auch so verstanden.“ Dafür nahm er in Kauf, vor jedem Auslandsgastspiel im Westen zu bangen, dass ihm die Gastspielagentur Prago-Konzert trotz oder gerade wegen seiner Popularität den Pass verweigerte. „Man ließ mich spüren: Wir zeigen mit dem Daumen rauf oder runter.“ Zeit seines Lebens vertrat Karel Gott die Ansicht, dass Politik und Kunst besser zu trennen sind. „Gesang ist keine Kanone“, fügte er mit Nachdruck hinzu.

Karel Gott , besuch in Prag
Karel Gott hatte für seine Töchter Charlotte und Nelly sein Arbeitszimmer geräumt. Komponiert und geprobt hat am Klavier im Wohnzimmer © Boris Trenkel

Unser Gespräch begann in der Küche, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Dann führte uns Karel Gott auf die Terrasse und zeigte uns den malerischen Blick auf Prag, den er sehr geliebt hat. Wie auf einem Silbertablett breitete sich die Stadt hinter dem Fluss vor uns aus. Auf der Wiese, die hinten leicht abfällt, eine Schaukel für die Mädchen. Karel Gott hatte das Haus Ende der 60er Jahre für sich und seine Eltern gekauft.

Karel und Marie Gott waren 1945 mit ihm von Pilsen nach Prag gezogen. Da war er sechs Jahre alt. Er habe bis zu dem Zeitpunkt, als sich der zweite Weltkrieg dem Ende neigte, eine schöne, behütete Kindheit – den Umständen entsprechend gesehen, hatte er im Rückblick noch hinzugefügt. „Wir fühlten uns relativ sicher, die Schrecken des Krieges schienen an uns vorüber zu gehen.“ Als Ende 1944, Anfang 1945 die Bomben der englischen und amerikanischen Alliierten auf die Stadt und die Škoda-Werke fielen, wurde auch das Haus in der Slovanská-Straße, in dem die Familie Gott wohnte, getroffen. „Wir hatten Glück, dass wir alle am Leben geblieben sind.“ Verstanden hatte der Fünjährige den Angriff auf die Wohnhäuser nicht. In seiner Erinnerung ist die Frage an seinen Vater hängengeblieben: „Die sind doch unsere  Freunde, die Alliierten, oder? Warum werfen die dann Bomben auf uns?“, als wieder einmal Tiefflieger über Pilsen kreisten. „Auf die Schnelle wusste mein Vater darauf keine Antwort.“

Der Krieg war vorbei, doch die Familie Gott war ohne Dach über dem Kopf. „Ich blieb bei meiner Oma auf dem Land, während meine Eltern in Prag eine neue Bleibe suchten. Mein Vater fand eine neue Anstellung und wir zogen in die Hauptstadt.” Zuerst lebten sie im Stadtteil Kobylisy, später dann in Smíchov.  Bis zur Wende ein Arbeiter- und Industrieviertel mit Textilfabriken, Brauereien und einem Eisenbahnwagonwerk, in dem die berühmten Tatra-Bahnen gebaut wurden. Das Werk wurde abgerissen. Auf dem Platz steht heute die Prager O2-Arena, in der Karel Gott Konzerte gegeben hat. „So bin ich nach der Wende zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“, erzählte er.

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Hinter Karel Gott und mir der Blick von seiner Terrasse auf Prag.  „Lassen Sie uns reingehen, es wird auf der Terrasse um Mittag herum sehr heiß“, meinte er wissend. Ich hätte den Blick noch ewig genießen können. Es entspann sich ein sehr offenes Gespräch. © Boris Trenkel

Die Musik war nicht die erste Wahl des jungen Karel. Seine künstlerischen Ambitionen gehörten seit seiner Schulzeit der Malerei. Die Mutter schenkte ihm Bücher mit Bildern der großen Meister, Rubens, Botticelli…, die er versuchte nachzumalen. Sein Klassenlehrer half ihm, sich auf ein Studium an der Kunstschule UMPRUM vorzubereiten. „Ich bestand die Aufnahmeprüfung aber nicht und machte eine Lehre zum Starkstrom-Elektromonteur im Straßenbahnwerk ČKD, wo mein Vater gearbeitet hat. Als ich 1957 meinen Facharbeiterbrief in der Hand hielt, war er stolzer als ich“ erinnerte sich der Sänger. Die Lehre hatte ihm nicht gerade eine Freude bereitet.

Seit der Kindheit gehörte seine Leidenschaft neben der Malerei dem Film und der Musik. Während seiner Lehrzeit trieb es ihn in die Prager Nachtklubs, wo handgemachte Musik gespielt wurde. Seinen Freundinnen gaukelte er vor, er sei Film- und Theaterschauspieler. Das war zeitlebens seine stille Sehnsucht. Hin und wieder durfte er in Filmen mitspielen, aber meistens als er selbst. „In dem Märchenfilm Teuflisches Glück trat ich zum ersten Mal als jemand auf, der nichts mit mir zu tun hatte.“ Er spielte sowohl den Teufel Luzifer und als auch Gott. „Ich war ein Teufel mit menschlichem Antlitz, streng, aber nicht böse, sondern sympathisch.“ 2018 erfüllte sich für Karel Gott ein unerwartetes Glück. Er spielte zusammen mit seinen Töchtern und seinem Enkelsohn Aleš die Hauptrollen in dem zauberhaften tschechisch-slowakischen Märchenfilm „Das Geheimnis des zweiköpfigen Drachen“.

Seine ersten Platten Anfang der Fünfziger schickte ihm seine Tante, die in Hessen wohnte. „Das war Westmusik. Rock’n’Roll. Diese Art von Musik gab es bei uns in der Zeit nicht, die geprägt war vom Stalinismus. In den 60ern wurde die politische Lage offener gegenüber Westmusik. Ich steckte mein ganzes Geld in Platten. Es waren Schätze, die wir zusammengetragen haben. Das hatte etwas von Rebellion. Wir empfanden uns als Botschafter, die diese Musik hierhergebracht haben“, erinnerte er sich. Es war für ihn Freude und gleichzeitig Investition. „Ohne diese Stadt, ohne die Platten wäre ich nie Musiker geworden.“ Sein Deutsch lernte er übrigens auch in dieser Zeit, mit Hilfe von Zeitschriften, die die Tante mit in ihre Pakete legte.

Die Musik ließ Karel Gott nicht mehr los. Er lernte Gitarre und begann die Titel auf den Platten mit- und a cappella nachzusingen. In der Badewanne, auf der Straße, in der Fabrik vor den Kollegen. 1957 hatte er auf einer Country-Musikveranstaltung in der Nähe von Prag seinen ersten Auftritt vor unbekanntem Publikum. Zwei Jahre später hörte ihn die tschechische Jazzlegende Karel Krautgartner bei einem Wettbewerb und holte ihn als Sänger in sein Orchester. „Obwohl ich damals bei einem Talentwettbewerb durchgefallen war. Krautgartner sagte mir damals: ,Mach dir nichts draus, Junge. Wichtig ist, dass es dem Publikum gefallen hat. Das ist das Entscheidende. Wenn du mit uns singen willst, komm zu unserer Jamsession.‘ Seine Worte waren Musik in meinen Ohren. Es war für mich unglaublich aufregend, mit diesen berühmten Profis zu arbeiten.“

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Es machte Spaß, dem Sänger beim Erzählen zuzuhören. Er sprach im Interview Deutsch. Gelernt hatte er aus bunten Zeitschriften, die ihm seine Tante aus dem Westen schickte. © Bärbel Beuchler

Schnell entwickelte sich der gutaussehende junge Amateursänger zum Geheimtipp in der Prager Musikszene. Bald holten ihn auch andere Bands als Frontmann und Musik und Arbeit in der Fabrik ließen sich nicht mehr vereinbaren. Der Anfang 20-Jährige musste sich entscheiden, in welche Zukunft ihn sein Weg führen sollte. Und die hieß für ihn erst einmal Studium am Konservatorium. „Eine zusätzliche Motivation, die mit der Musik und den bescheidenen Gagen nicht viel zu tun hatte: Ich hatte als Sänger meine ersten weiblichen Fans! Für einen jungen Mann war es der Traum schlechthin, von schönen Frauen verliebt angeguckt zu werden. Es hat meine Seele gestreichelt. Ich hatte viele Freundinnen, oft mehrere gleichzeitig. Als Fabrikarbeiter lagen einem die Mädchen nicht wirklich zu Füßen“, verriet er mit schelmischem Blick. „Deshalb habe ich bei meinen Dates als Lehrling auch immer geflunkert und mich als Schauspieler ausgegeben.“

Man muss kein Schlagerfan sein, um von dem Sänger und seinen Liedern berührt zu werden. Was im Übrigen ohnehin zu eng betrachtet wäre. Karel Gott bediente weit mehr Genres. Er sang Rock’n’Roll, Jazz, Blues, Country , Opern- und Operetten. Karel Gott hat in seiner Stimme Klarheit und Seele vereint. Woher er die „Goldene Stimme” habe, wollte ich von ihm wissen. Die Antwort kleidete er in eine Episode.
Einer seiner Lehrer war der russische Tenor Konstantin Karenin. „Karenin brachte mir nicht nur die Kunst des Belcanto bei, sondern tolerierte auch meine Pop-Ambitionen. Er war ein alter Charmeur. Man hat gespürt, dass er in seiner Zeit ein Gentleman war. Mit 70 hat er bei seiner Schülerin, als sie mit dem Studium fertig war, um ihre Hand angehalten. Er starb auf einer Bank im Park mit einem Buch in der Hand und einem Lächeln um den Mund. So glücklich war er“, erzählt sein Meisterschüler Gott.

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Fotograf Boris Trenkel filmte unser Gespräch mit meinen Handy. Ich habe Screenshots davon gemacht. © Bärbel Beuchler

1963 erschien seine erste Single, die tschechische Version von „Moon River“. Noch nicht 30 Jahre alt avancierte Karel Gott in seiner Heimat zum Superstar. 1966 hörte ihn der Chef der Plattenfirma Polydor auf einem Festival in Bratislava und war sofort überzeugt, dass dieser junge Mann auch in Deutschland die Schlagerfreunde begeistern würde. Er hatte sich nicht geirrt. Karel Gotts erste Single in Deutschland wurde mit dem Titel „Weißt du wohin“ sofort ein Riesenerfolg. Seinen wirklichen Durchbruch feierte er 1970 mit dem Schlager „Einmal um die ganze Welt“, den er in der DDR nicht singen durfte. Der sich darin spiegelnde Traum des aus einfachen Verhältnissen kommenden Sängers wurde aus politischer Engstirnigkeit verboten. Es war die Angst, die DDR-Bürger könnten es zur Hymne gegen das Reiseverbot in den Westen erheben. Als Hit wurde es hier trotzdem gefeiert. Man hörte schließlich Westradio!

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Zum Abschluss meines Besuches signierte mir Karel Gott sein Buch

Die Anfangs holprig beginnende Karriere der „Goldenen Stimme aus Prag“, ein Label, das die Polydor erfand, nahm von da an einen steilen Verlauf. 1967/68 folgte der Einstieg in Amerika. Ein halbes Jahr Las Vegas. Ein No-Name aus dem Ostblock sollte und wollte das amerikanische Publikum gewinnen, dass so ganz andere Vorstellungen von einem Entertainer auf der Bühne hat. Man präsentierte ihn als den ersten Künstler „from behind the Iron Curtain“, als ersten Kommunisten auf einer Bühne in Las Vegas. „Ja, so wurde ich verkauft“, erinnerte er sich. „Man hatte alles schon mal in Las Vegas, aber jemanden aus dem ,Reich des Bösen‘, als lebendes, singendes Ausstellungsobjekt noch nie.“ Sein Protest, dass er nie Kommunist gewesen ist, wurde weggewischt. Das sei Showbusiness. „Es war eine so harte Schule, dass ich alles locker fand, als ich zurückkam. Normalerweise hätte mir die Konkurrenz, die es in der damaligen BRD für mich gab, schweres Lampenfieber vor jedem Auftritt und Magengeschwüre verursacht. Aber mein Manager in Las Vegas hat mir eingetrichtert: Du musst hier mit der Überzeugung auf die Bühne gehen, dass sich die Leute glücklich schätzen können, dich sehen und hören dürfen. Die Leute wollen einen a priori Sieger sehen. Das waren die Gebote, und die klangen nach teurem Zirkus. Ich kehrte sehr selbstbewusst und ein bisschen frecher zurück.“

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Seine erste Autobiografie war kurz vor meinem Besuch 2014 erschienen. © Bärbel Beuchler

Nur eins hatte er sich nicht angenommen. Die Arroganz der amerikanischen Künstler. Man hatte ihm gesagt: Nur nicht bedanken. Und das lag nicht im Charakter von Karel Gott. Menschen, die ihm seinen Erfolg brachten, verdienten seinen Dank, seine Achtung. Trotz seines Erfolges war er einer, der bescheiden geblieben ist. „Ich bin keiner, der sich hinter Bodygards versteckt, der sein Publikum stehen lässt oder gar beschimpft, wie ich es bei Judy Garland erlebt habe. Ich gehe allein durch Hamburg, durch Paris. Ich brauche diese Schau nicht. Ich bin ein Romantiker. Am Ufer entlanggehen, in die Sterne gucken, sich inspirieren lassen von schönen Frauen, die vorbeigehen und denken: Wie soll mein nächstes Lied klingen. Das ist meine Vorstellung.

Und wieder waren wir beim Thema Frauen. Karel Gott bezeichnete sich selbst immer als ewigen Junggesellen. „Das hat mit meinem Lebensgefühl zu tun. Ich denke immer, das Beste kommt noch. Ich brauchte die ständige Verliebtheit, um etwas zu kreieren. Ich hatte Angst, wenn ich heirate kommt die Romantik abhanden. Manch eine hat bei mir gefrühstückt, aber nie bekam eine den Haustürschlüssel.“ Das änderte sich, als er die 37 Jahre jüngere Fernsehmoderatorin Ivana Macháčková kennenlernte. Sie war die Erste, der er einen Schlüssel zu seinem Haus und zu seinem Herzen gab. „Ich musste mir ihr Vertrauen erarbeiten. Sie ließ sich nicht sofort auf mich ein. Wir haben uns aber auch sieben Jahre Zeit gelassen, bis ich ihr in Las Vegas einen Heiratsantrag gemacht habe. Die Trauzeugen haben wir uns im Hotel gesucht. Zwei Kellner im Anzug.“ Er lacht. Sie heirateten am 7. Januar 2008 in der Graceland Hochzeitskapelle des Hotels „New Frontier““. Keine Blitzhochzeit, weil die zweite Tochter Nelly Sofie war unterwegs. Dass es sein Leben miteinander verbringen will, wusste das Paar spätestens seit der Geburt ihrer Tochter Charlotte Ella 2006.

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Ein glücklich strahlender Ehemann und Vater. Karel Gott hatte am 7. Januar 2008 die Mutter seiner Tochter Charlotte Ella (*20.4. 2006) in Las Vegas geheiratet. © Karel Gott Privatarchiv

Woher nehmen Sie nun als Vater und Ehemann Ihre Inspiration, wollte ich wissen. Er lächelte, seine Augen sprachen von einem großen Glück in ihm. „Ich bin kreativ durch die Freude der Kinder, die morgens am Bett stehen, fröhlich sind und sagen: ‚Vati, Schlafmütze, aufstehen!‘ Oder mir ihre Errungenschaften zeigen. Zeichnungen, ein neues Kleid … Das ist eine Herausforderung, die mich glücklich macht. Ich habe die Stimulation durch eine Famile verkannt“, gestand er.“ Seine beiden erwachsenen Töchter Dominika (*1973) und Lucie (*1987) wuchsen bei ihren Müttern auf. Er war 23, als Dominka geboren wurde, und gerade auf dem Weg, sich die Musik zu erobern. Vater und Töchter lernten sich erst kennen, als sie junge Mädchen waren. „So war das mit den Müttern so abgemacht, aber ich habe immer für sie gesorgt, denn ich liebe alle meine Töchter“, versicherte er.

Immer wieder wurde Karel Gott für seine künstlerischen Leistungen im In- und Ausland geehrt. In seiner Heimat Tschechien hat man ihn mehr als 40 Mal zum Sänger des Jahres gekürt. 41 Mal gewann er den tschechoslowakischen Musikwettbewerb „Goldene Nachtigall”, kurz nachdem er einen Lymphdrüsenkrebs überstanden hatte. Nach einer mühsamen Therapie ging es ihm eine Zeit lang besser, und er stürzte er sich wieder in die Arbeit. Die Fotos zeigten einen jünger wirkenden Mann, der Lebensfreude ausstrahlte.

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Kurz vor seinem Geburtstag im Juli hat Karel Gott das Duett „Srdce nehasnou” mit seiner Tochter Charlotte Ella aufgenommen. Er sprach danach mit großer Bewunderung von der Professionalität der 13-Jährigen. Begleitet wurden sie von Richard Krajčo und seiner Popgruppe „Kryštof“. Anders als gewohnt, wurde das Lied nicht zuerst auf CD, sondern auf dem Youtube-Kanal von Supraphon veröffentlicht. Mehr als 1,4 Mio. Menschen haben es bisher gehört  Foto: Screenshot

Im Mai entstand der Titel „Srdce nehasnou“ – Herzen erlöschen nicht – auf. Ein bewegendes Duett, das der bekannte tschechische Schauspieler und  Songschreiber Richard Krajčo  für ihn und seine 13jährige Tochter Charlotte geschrieben hat. Nach diesem Lied habe er sich schon lange gesehnt, sagte Karel Gott. Es trage die emotionale Tiefe und Energie eines Dialogs zwischen einem Vater und seiner heranwachsenden Tochter in sich, sagte der Sänger, – und die Nachdenklichkeit über die Endlichkeit des Lebens.

Herzen erlöschen nicht

Manchmal weiß man, was der liebe Gott vorhat
Und dass man nicht alle Orte mehr erreichen wird
Aber er ist ein Guter, ein Altruist
Denn er hat mir dich gegeben, ein Zuhause, einen Hafen.
Und in ihm bist du
Meine ganze Welt
Deine gütige Umarmung
Ein wilder Flug
Und um uns herum die Musik
Eine der Schönheiten
Wenn uns der Frost
Über den Rücken läuft.

Du weißt, dass die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren
Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern,
Weiterhin leuchten
Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann musst du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten

Ich fühle jetzt, wie die Zeit sprintet
Bevor ich einschlafe, möchte ich deine Stimme hören
Damit auch diese paar Augenblicke unendlich bleiben
Als du mit voller Kraft gesungen hast
Ich weiß, deine Wurzel ist zäh wie ein Stamm
Und Bäume wachsen weiter, vergiss das nicht
Auf deren Wipfel führen tausende Wege
Am Ende eines jeden werden wir uns wiedersehen.

Du weißt, dass die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten
Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann mußt du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten
Du weißt, daß die Herzen nicht erlöschen
Aber es kann passieren Sehr oft sogar
Dass ich Angst bekomme
Dann darfst du nicht aufgeben
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir, mein einziger Stern
Weiterhin leuchten

Und was, wenn mich der Strom hinunterzieht
Dann musst du auf ihm segeln
Auf einem Floß aus Lorbeeren
Und nicht auf ihm einschlafen
Auf allen deinen Wegen
Werde ich dir weiterhin leuchten
Manchmal weiß man, was der liebe Gott vorhat

Claudia Wenzel über ihr geteiltes Leben, Freiheit, Karriere gestern und heute

Freundschaft heißt nicht, tagtäglich miteinander zu reden. Aber wenn es wichtig ist. Und da ist es egal, wer wen anruft. Zwischen einer Journalistin und einer Schauspielerin sind das Momente, wo letztere etwas zu erzählen hat oder auch, wenn ein runder Geburtstag ins Haus steht. Also bekam ich, die Journalistin, von Claudia Wenzel, der befreundeten Schauspielerin, ein paar Tage von ihrem 60. Geburtstag eine SMS: „Liebe Bärbel, ich werde 60… Hurra! Wollen wir was machen?“

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Claudia Wenzel bei den Dreharbeiten im August 2019 für den Bergdoktor. Selfi  mit Hans Sigl

Ich kenne Claudia seit über 20 Jahren als jemanden, der auch anklopft, wenn es ihm wichtig ist. Und das finde ich in Ordnung. Ihr Zeitplan wird derzeit von den Dreharbeiten für die ZDF-Serie „Der Bergdoktor“, Proben für die Weihnachtskomödie „Alle unter eine Tanne“ am Kölner Theater am Dom – Premiere ist am 7. November – bestimmt. Nachdem sie im vorigen Jahr mit dem Stück „Wunschkinder“ ohne ihren Mann, den Schauspieler Rüdiger Joswig, durch 63 Städte getourt war, spielen beide hier nun wieder zusammen. Mit einer speziell für sie geschriebenen Geschichte wird Claudia Wenzel als Vera Bader ab 26. November wieder intensiv in der Serie „In aller Freundschaft“  dabeisein. Um den Zuschauern die Spannung nicht zu nehmen, verrät die Schauspielerin nur, dass die bisher intrigant und skrupellos angelegte Figur Veränderungen durchmacht. Und dann natürlich ist ihr Geburtstagsjubiläum, das am 21. September war, ein Grund, um in der Schatulle ihres Lebens zu kramen. Was war, was ist, und wohin sie noch möchte.

Claudia Wenzel und Ruediger Joswig
Gespräch mit Rüdiger Joswig und Claudia Wenzel (r.) in der Ausstellung „Mauerbilder” ihres Vaters Manfred Wenzel  am 3. Novmeber 2014 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin Foto: Michael Handelmann

Es mag Zufall sein, dass unser letztes Interview genau (schon) fünf Jahre zurückliegt. Zusammen mit ihrem Mann, Schauspieler Rüdiger Joswig, saßen wir am 3. November 2014 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in einer Ausstellung mit Bildern ihres Vaters Manfred Wenzel. Der Wittenberger Maler war 1990/93 mit dem Fahrrad entlang des Mauerstreifens in und um Berlin gefahren und hat in seinem Gemäldezyklus „Mauerbilder“ festgehalten, was er erlebte und entdeckte. Claudia hatte die Ausstellung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls initiiert und kuratiert. Wir haben damals über ihre Hoffnungen und Erwartungen gesprochen, die sie mit dem Ende der Teilung Deutschlands verbanden, wie ihr Rückblick auf das verlorene Land ist, die Zeit des Umbruchs.

Daran kommen wir auch in unserem jetzigen Gespräch nicht vorbei. Die Wendezeit war für sie auch eine Lebenswende. Sie spielte damals am Schauspiel Leipzig. „Wir wollten eigentlich seit Tagen Goldonis Stück Das Lügenmaul probieren. Aber wir haben nur gesessen und diskutiert. Es gab ja bei aller Freude auch Verunsicherung. Wie würde es weitergehen mit dem Land, mit dem Theater. Ich war auf einmal politisch aktiv, wie ich es bis dahin nie war“, erinnert sie sich. „Niemand hat damit gerechnet, dass mit dem Vereinigungsprozess nicht nur der Staat DDR verschwand, sondern auch alles, was unser Leben, unsere Biografien ausgemacht hat. Ich weiß, dass ich zu den Glücklichen gehöre, denen es gut geht, weil sie Arbeit haben.“ Dennoch entgeht ihr nicht, was sich in der Gesellschaft heute abspielt.

Zeitenwende
Einladung zur Lesung „Zeitenwende – Lebenswende“ von Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig zeigt das Bild „Mauerspechte“ von Manfred Wenzel

Haltung zeigen, sich positionieren lässt die Schauspielerin nicht nehmen. Seit 30 Jahren sind die Grenzen offen, doch immer noch trifft die Schauspielerin in den westlichen Bundesländern auf Menschen, die nichts über den Osten wissen. „Ich bin erschrocken, wie viele negative, falsche und verquaste Ansichten es gibt. Dass der Osten immer in die rechte Ecke geschoben wird, ist nicht zu akzeptieren. Die AfD entstand nicht aus dem Nichts, und dass sie von so vielen – Ost wie West – gewählt wurde, dass sie im Bundestag sitzt, muss als Warnzeichen ernst genommen werden. Man sollte jemanden, der sich in Diskursen auf Themen bezieht, die die AfD für ihre Zwecke okkupiert hat, nicht einfach platt als rechts oder Nazi diffamieren.”

Mit ihrem Mann hat sie das Projekt „Zeitenwende – Lebenswende“ entwickelt. Sich einzubringen, aufzuklären aus den eigenen Lebenserfahrungen mit der deutsch-deutschen Geschichte heraus ist beiden Schauspielern wichtig. „Rüdiger und ich haben die DDR ja sehr verschieden erlebt. Er hat das Land verlassen, weil er die politische Diktatur nicht mehr aushielt. Ich bin geblieben, weil ich dachte, es können doch nicht alle gehen, denen es nicht mehr passt oder die vom Staat in die Enge getrieben wurden. Es müssen doch welche bleiben, die etwas verändern.“

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Claudia Wenzel als Hexe Hella in „Meister und Margerita“ 1985 am Schauspielhaus Leipzig Foto: Heinrich Pawlick/Privatarchiv C. Wenzel

Von jedem ihrer Gastspiele im Westen kehrte sie wieder zurück, wenngleich es ihr zunehmend schwerer fiel. „Ich habe dort ein großes Gefühl von Freiheit erlebt, das mir in der DDR fehlte. Mit dem Abstand von der anderen Seite hat man gemerkt, dass da ein ganzes Volk wirklich eingesperrt wird, wie sehr wir doch in einer Diktatur leben.“ Aber sie hat auch gesehen, dass der Teil des Landes, in dem sie geboren wurde, mehr für das büßen muss, was Deutschland mit dem zweiten Weltkrieg an Verbrechen von 1939 bis 1945 begangen hatte. Das war für mich damals so ein krasser Widerspruch. Von da an habe ich die DDR mit anderen Augen gesehen.“

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Die Schauspielstudentin Claudia Wenzel 1981/82 als Gretchen in „Faust I“ am Schauspielhaus Leipzig Foto: Helga Wallmüller/Privatarchiv C. Wenzel

Claudia Wenzel hätte schon bei ihrem ersten Gastspiel mit dem Leipziger Schauspielhaus 1982 in Mannheim bleiben können. Sie gab das Gretchen im „Faust I“ so mitreißend, dass man ihr ein Engagement mit verlockender Gage anbot. Sie zog jedoch nicht einmal in Erwägung, es anzunehmen. Zuviel stand für ihre Familie in Wittenberg auf dem Spiel. „Ich konnte mir ausrechnen, welche Schikanen auf meine Eltern und Geschwister zugekommen wären. Ihre Biografien zu zerstören, nur weil ich ein anderes Leben führen wollte, hätte ich mir nie verzeihen können. Das saß mir schon im Nacken“, reflektiert sie die Zeit.

Prägungen.

Claudia Wenzel wuchs mit vier Geschwistern in einem Akademikerhaushalt auf. Beide Eltern waren Lehrer. Ihr Vater Manfred Wenzel lehrte Kunsterziehung und malte. „Wir Kinder waren ziemlich zeitig auf uns selbst gestellt, weil keiner von uns unbedingt in den Hort gehen wollte“, erzählt Claudia. Sie verbrachte viel Zeit im Atelier ihres Vaters. Bildbände über Picasso und Beckmann waren ihre Bilderbücher. Das Familienleben der Wenzels war gut organisiert. „Jedes von uns Kindern wurde in seinen Neigungen gefördert. Meine Schwestern gingen zum Schwimmen, lernten Klavierspielen, mein Bruder nahm Gitarrenunterricht, und ich bin mit 12 Jahren auf die Kinder- und Jugendsportschule gekommen.“ Am Ende des Tages saß man zusammen am Abendbrottisch, die Kinder erzählten, was sie gemacht haben. Auch wenn das Lehrergehalt gut war, kam es vor, dass das Geld in der Familie Wenzel zum Monatsende sehr knapp wurde bei den fünf Kindern. „Dann gab es die letzten drei Tage nur Brot mit Butter. Das fanden wir nicht schlimm.“

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Claudia Wenzel mit ihrem Vater und ihren Schwestern Sylvia (r.) und den Zwillingen Monika und Cornelia (l.) vor einer Porträtwand in der Ausstellung zum 85. Geburtstag des Malers Foto: Privatarchiv C. Wenzel

Höhepunkte waren die Pakete ihrer Oma aus Bayern. Die Familie ihres Vaters stammte aus Schönlinde, bis Kriegsende Sudentengebiet, von wo sie 1946 vertrieben wurde und nach Wittenberg übersiedelte. 1949 zog Oma in den Westen, ihre beiden Söhne blieben in der DDR. „Es war für sie sehr schwer, ihre Familie so weit entfernt zu haben“, erzählt Claudia. „Sie besuchte uns jeden Sommer und agitierte meine Eltern, doch in den Westen zu kommen. Meine Eltern wollten das nicht. Obwohl sie nicht in der Partei waren, standen sie zu dem Land. Wir Kinder verstanden nicht, warum wir aus Wittenberg weggehen sollten. Uns ging es gut- Hier waren wir zu Hause, das war unsere Heimat.”

Bei den Wenzels wurde sehr offen gesprochen, politisch diskutiert. Ihr Zuhause hat Claudia und ihre Geschwister geprägt, kritisch zu sein, aber gleichzeitig wertzuschätzen, was ihnen der sozialistische Staat gab. „Das war angefangen vom kostenfreien Bildungssystem über kulturelle Teilhabe für alle und die Unterstützung für kinderreiche Familien nicht wenig“, erzählt die heute 60jährige Schauspielerin. Was alle bedrückte, war die fehlende Freiheit, so offen auch außerhalb der vier Wände Probleme zu benennen. „Ab einem bestimmten Alter wussten wir, was nicht nach außen getragen werden durfte, weil es schaden könnte. Immer aufpassen zu müssen, was man wo und wie sagt. Diese Doppelmoral oder Zweizüngigkeit leben zu müssen, war belastend.”
Ein Anliegen ihres Projektes „Zeitenwende – Lebenswende“ ist es deshalb auch, in Diskussionen mit jungen Leuten zu kommen und ihnen die Augen dafür zu öffnen, dass Freiheit kein Selbstläufer ist, nicht selbstverständlich. In der DDR eckte sie als rebellische Künstlerin am Theater oft an. „Heute“, sagt sie, „haben wir eine Demokratie, die Meinungsfreiheit ist Verfassungsrecht.”

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1982 spielte sie – hier mit Ulrike Krumbiegel – ihre erste Filmrolle in der DEFA-Gegenwartsgeschichte „Schwierig, sich zu verloben“ Foto: Goldmann & Bangemann/DEFA-Stiftung

Die Schauspielerin.

Olympiasiegerin wollte sie werden, gehörte an der KJS in Leipzig zu den Besten. Ein Achillessehnenriss beendete diese Karriere ehe sie begonnen hatte. Trotz schrecklicher Schmerzen war sie dankbar, wie sie heute sagt. Ihr Kindertraum rückte in den Fokus. „Ich habe noch einen Aufsatz aus der 2. Klasse, in dem steht, dass ich Schauspielerin werden möchte.“ Ihre Großmutter Ida, die aus Bayern, hat Saatkorn in ihre Kinderseele gelegt. Sie erzählte ihrer Enkelin, von dem Tanzsaal im Gasthof ihrer Eltern in Krásná Lípa, wie Schönlinde heute heißt, in dem sie mit selbstgeschriebenen kleinen Stück aufgetreten ist.

In einer Hauruck-Aktion verließ Claudia die KJS, kehrte zurück nach Wittenberg, machte ihr Abitur und suchte nach Möglichkeiten, Schauspielerin zu werden. Rolf Colditz, ein bekannter Bühnenschauspieler aus Halle, beriet sie. Mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Eckhardt, bekannt als Musiker Wenzel, studierte sie zum Vorsprechen Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ ein. Im September 1978 Jahren begann sie als eine der Jüngsten ihr Studium an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig, bekam nach dem Diplom 1982 ein Engagement am Schauspiel Leipzig. Sie reüssierte in Rollen wie der Mascha in „Drei Schwestern“ oder der Hexe Hella in „Meister und Margerita“. Da machte sie Furore, weil sie nackt auf der Bühne stand. „Für die Zuschauer war das erst einmal ein Schock“, erinnert sie sich amüsiert. „In einer Talkshow hat mir Sebastian Krumbiegel von den Prinzen erzählt, dass er wegen mir dreimal in der Vorstellung gewesen ist.“ Neben ihrer Theaterarbeit machte sie in DEFA- und Fernsehproduktionen auf sich aufmerksam. Mit Wucht und wehenden Locken wirbelte sie als umtriebige Tochter des Zahnarztes Dr. Wittkugel durch die beliebte DDR-Serie „ Zahn um Zahn“.

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Claudia und ihr Mann Rüdiger in Sorrento an der Amalifi Küste. Sie feierten hier seinen 70. Geburtstag. Sie leben seit 27 Jahren zusammen, seit 2003 als Ehepaar. Kennengelernt haben sie sie 1984 am Theater in Leipzig Foto: Privatarchiv C. Wenzel

Mit genau solchem Schwung gelang ihr als Fanny Moll in der Serie „Unser Lehrer Doktor Specht“ 1990 der Einstieg ins gesamtdeutsche Fernsehen. „Dass es so kam, verdanke ich dem glücklichen Umstand, dass die französische Besetzung für die Rolle eine Woche vor Drehbeginn absagte und Regisseur Werner Masten in Berlin vor dem Fernseher saß und DDR-Serie „Klein, aber Charlotte” anschaute, in der ich mitspielte. Er ließ mich kommen, beguckte mich von allen Seiten und sagte mir, dass ich in zwei Tage in Celle drehen müsste.” Sie nutzte die Gunst der Stunde, packte in Leipzig ihre Koffer. „Es war einer meiner mutigsten und besten Entscheidungen, aus einem festen Engagement zu gehen und etwas Neues anzufangen”, erzählt Claudia Wenzel. Kein Jahr seitdem, in dem sie nicht auf dem Bildschirm in Serien, Krimis oder Schmonzetten zu sehen war.

Vielleicht liegt es an ihrer Haarpracht, die einem unweigerlich ein „Wow“ entlockt. Vielleicht an ihrem Auftreten, mondän, mit einer Körpersprache, die sie unterkühlt, stolz und zielbewusst wirken lässt, dass Regisseure und Produzenten in ihr Figuren sehen, die eiskalt berechnend, intrigant bis skrupellos ihre Interessen durchsetzen. Ein Rollenbild, das sie bis zur Perfektion trieb. Ihr besonderes Talent dazu deutete sich in der Serie „Dr. Stefan Frank  – der Arzt, dem die Frauen vertrauen“ an, in der sie sieben Jahre die scheinheilige, heuchlerische Klinikchefin Irene Kadenbach spielte.  Am Ende standen für ihre Figuren immer zerbrochene Beziehungen, nicht selten das Gefängnis. So ihr Schicksal als PR-Agentin der bösartigen und verlogenen Cora Franke in der Serie „Sturm der Liebe“, die den Fürstenhof 2006 mit Lug, Trug und Mord aufmischte. Schauspielerisch brachte die intensive fünfmonatige Drehzeit Claudia Wenzel weiter. „Ich bin durch das hohe Pensum, das in einer Telenovela abgeleistet werden muss, schneller und flexibler geworden.“ Auch Vera Bader kehrte bei ihrem ersten Comeback 2017 aus dem Gefängnis in die Sachsenklinik zurück.

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Am 26. November mischt die Schauspielerin als Vera Bader wieder das Leben der Ärzte und Schwestern in der Sachsenklinik auf. Foto: Privatarchiv C. Wenzel

„Als Schauspielerin möchte ich natürlich viele Facetten zeigen, unterschiedliche Charaktere spielen“, sagt sie. Dass sie das kann, bewies sie überzeugend in dem Rosamunde-Pilcher-Film „Das Gespenst von Cassley“ als feinfühlige, abergläubische Lady Susan. Die Fans der Serie „Verbotene Liebe“ erlebten drei Jahre Claudia Wenzel als Hippie-Mutter Vashanti Schulz in ihrem wohl extremsten Rollenkontrast. „Wenn die Produzenten mich nicht anders als Geschäftsfrau oder Biest sehen wollen, dann nicht. Pech gehabt.“ Nach 40 Jahren einer erfolgreichen Schauspielkarriere leistet sie sich diese Umkehrung. „Ich habe da einen Abstand gewonnen, der mir guttut.“ Am Ton ihrer Stimme höre ich, dass es sie tief innen dennoch verletzt, nur in dem Klischee der Bösen gesehen zu werden.

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Bei den Luisenburg-Festspielen 2015 in Wunsiedel reüssierte das Ehepaar Wenzel/Joswig als Titania und Oberon in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ © Privatarchiv C. Wenzel

Ihr Gleichgewicht als Schauspielerin findet sie schon seit langem wieder auf der Bühne. Oft und gern zusammen mit ihrem Mann Rüdiger Joswig. „Bei uns gibt es keine Hemmschwellen, wir können uns fallen lassen, uns erotisch nähern, ohne die Professionalität zu verlieren.” So wurde ihre Theater-Tournee mit dem Stück „The Blue Room“ für das Publikum ein absoluter Genuss. Auf diesen Mann, ihren Traumprinzen, hat Claudia Wenzel lange gewartet. Und ohne die Wende hätten sie sich nie gefunden. Sie lernten sich 1984 am Theater in Leipzig kennen. Er hatte die Rolle eines erkrankten Kollegen im „Raub der Sabinerinnen“ übernommen. „Wir waren beide noch verheiratet und Rüdiger hatte seit 1982 einen Ausantrag laufen. Das waren die denkbar schlechtesten Bedingungen für eine Beziehung. Also beließen wir es beim Flirten.” 1987 siedelte der Rüdiger Joswig nach Westberlin über. Ende der Geschichte. Mitnichten. 1990, die Grenzen waren offen, sie hatte die Rolle als Fanny Moll in „Doktor Specht“, zog Claudia Wenzel nach Berlin-Charlottenburg. Sie wollte den Westen spüren. Zwei Jahre später begegnete sie Rüdiger wieder. „Ich war inzwischen geschieden, er noch nicht.“ Heimliches Zusammenleben bis auch er 1994 auch frei war. „Wir haben uns als Paar gefunden und genießen unser gemeinsames Leben jeden Tag. Ich habe früher nie gedacht, dass man bis ins Alter auf allen Strecken so gut miteinander kann.”

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In der Broadway-Komödie „Wanja und Sonja und Mascha und Spike“ tourten sie durch Niedersachsen Foto: B.Bischoff

Bleibt noch die Frage offen, was sie in der Zukunft noch erwartet. „Ich habe immer große Erwartungen an meinen Beruf, in dem man nie aufhört zu lernen”, sagt sie. Eine Rolle in einem Kostümfilm hat sie noch nicht gespielt, das wäre schön. Aber mehr noch das: „Es ist mir in den 30 Jahren seit dem Mauerfall nicht gelungen, in einer der vielen Geschichten mitzuspielen, die sich mit der DDR oder unserer jüngeren Vergangenheit beschäftigen. Das bedauere ich sehr. Ich würde mich gern in einem politischen Film beweisen.

 

Schauspielerin Swetlana Schönfeld: Ihre Wiege stand in einer Holzbaracke im GULag Kolyma

Es war kein guter Ort, an dem Swetlana Schönfeld am 9. September 1951 das Licht der Welt erblickte und die ersten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte. Nicht gut für sie, nicht für ihre Schwester Ludmilla. Vor allem nicht für ihre Mutter Betty Schönfeld, eine deutsche Kommunistin, die als 21-Jährige voller Enthusiasmus in das erste kommunistische Land gereist war.

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Die Schauspielerinnen Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn und Alexandra Maria Lara bei den Dreharbeiten als GULag-Insassinnen. „Wir haben in nassen, schweren Klamotten bei minus 13 Grad im Januar 2018 Bäume gefällt. Da musste man die Erschöpfung nicht spielen.“ ©mafilm/Arnim Thomaß

Der Ort heißt Kolyma, benannt nach dem Fluss, der die Landschaft mit ihren grenzenlosen Wäldern und Gebirgen im fernöstlichen Sibirien mehr als 2.100 Kilometer durchzieht. An den Ufern ließ Stalin unter dem Zeichen des Sowjetsterns, der den Kommunisten der Welt als Symbol des Fortschritts, der Menschenwürde galt, GULags – Arbeitslager – errichten. Hunderttausende wurden hier verschleppt, um die unwirtlichen Regionen urbar zu machen. Sie bauten in arktischer Kälte die 2000 Kilometer lange Kolyma-Trasse, eine der gefährlichsten Straßen Russlands, schürften Gold, förderten Uran und Zinn aus der metertief gefrorenen Erde oder den Bergen. In den 30er Jahren wurde Kolyma die Hochburg stalinistischer Repressionen, die Heimat der Angst und des Schreckens. Als die politischen Säuberungsaktionen gegen Oppositionelle und Gegner Stalins in der Zeit des Großen Terrors 1936-38 ihren Höhepunkt erreichten, wurden auch viele deutsche Kommunisten und Emigranten unter Scheinvorwürfen verhaftet, erschossen oder zur Zwangsarbeit in GULags verurteilt. 18 Millionen Menschen waren von 1930 bis 1953 in den Lagern inhaftiert. Mehr als 2,7 Millionen starben in dieser Zeit im Lager oder in der Verbannung. 1937 wurde auch die 27-jährige Betty Schönfeld nach in einem politischen Schauprozess zu Zwangsarbeit in Kolyma inhaftiert. Sie überlebte den GULag und kam mit ihren beiden Töchtern 1957 in die DDR.

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Eigentlich wollte ich ein Doppelinterview mit Swetlana Schönfeld & Barbara Schnitzler machen. Letztere machte mich auf die Geschichte ihrer ehemaligen Kommilitonin von der Schauspielschule aufmerksam. Deshalb traf ich mit  beiden. Doch am Ende wurde es die Geschichte von Swetlana Schönfelds Mutter, der Kommunistin Betty Schönfeld  ©Vivian Wild/SUPERillu

Mich erwartete kein leichtes Gespräch, als ich mich mit Schauspielerin Swetlana Schönfeld traf, um mit ihr über ihre Mutter zu sprechen, über eine Zeit, die sie tief in sich versenkt hat und nicht hervorholen wollte. Wenn sie früher nach ihrem Geburtsort gefragt wurde, sagte sie nur: „Ich komme aus der Sowjetunion.“ Warum Kolyma erwähnen, sie wusste als Kind ja selbst nichts über den Ort. Für Lebensläufe gab es Vordrucke. Da reichte es auch, wenn sie hinter die Frage nach dem Vater „tot“ schrieb.

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Szene aus dem Kinofilm „Und der Zukunft zugewandt“. V. l.: Antonia Berger (Alexandra Maria Lara), Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) und Irma Seibert (Karoline Eichborn) erhalten überrraschend ihre Entlassungspapiere. Nach 20 Jahren im GULag sind sie frei und dürfen nach Hause ©mafilm/Arnim Thomaß

Mein Anlass für das Gespräch war Bernd Böhlichs Film Und der Zukunft zugewandt, der zurzeit in den Kinos läuft, und eng an die Biografie von Betty Schönfeld angelehnt ist. Er bringt ein bis heute weithin unbekanntes Kapitel unserer jüngeren Vergangenheit ans Licht. Böhlich, in der DDR verwurzelt, will Fragen beantworten, die bislang nicht gestellt wurden. Die er sich selbst erst stellte, nachdem er durch Zufall auf das Thema stieß. Wie erging es denen, die aus den sowjetischen GULags in die Heimat zurückkehrten? In die DDR, ein Land, das sich nach dem Sieg über den Faschismus beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft an der Sowjetunion orientierte. Wie ist man umgegangen mit denen, die sich der Idee des Kommunismus verschrieben haben und dann das Unfassbare erlebten, von den eigenen Genossen denunziert, zu Verrätern gestempelt, erniedrigt und gequält zu werden? Seine Geschichte ist ein sorgfältig inszeniertes Drama über Idealismus und politischen Machtmissbrauch, aber auch eine Geschichte über eine Liebe, die an einer Lüge aus „Einsicht in die Notwendigkeit“ zerbricht. Mit diesem Argument wurden bis zur Wende Gängelung in Reise- und Meinungsfreiheit, kritikwürdige Entscheidungen der Partei- und Staatsführung der DDR von jenen toleriert, die fest überzeugt waren, auf der richtigen, der besseren Seite der Welt zu stehen.

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Antonia Berger (A. M. Lara) besucht mit ihrer Tochter Lydia (Carlotta von Flakenhay) ihre Mutter (Swetlana Schönfeld), der sie nicht erzählen darf, warum sie sich über 20 Jahre nicht gemeldet hat. Kameramann des Films war Thomas Plenert ©mafilm/Arnim Thomaß

Bernd Böhlich stellt in seinem Film, den er 1952/53 in der Zeit des Stalinismus in der DDR ansiedelt, die Kommunistin Antonia Berger in den Mittelpunkt.
Nach 20 Jahren GULag und Verbannung in Sibirien kommt sie mit ihrer schwerkranken Tochter nach Fürstenberg. Hier entsteht gerade die erste sozialistische Stadt. Ihre Vision von einer besseren Welt scheint sich zu erfüllen. Die Genossen öffnen ihr die Tür zu einem neuen Leben, das Sicherheit, Arbeit, Wohnung bringt. Doch es wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie Stillschweigen über ihre Zeit im GULag bewahren muss. Um den jungen Staat zu schützen, der im Innern noch viele Zweifler und Feinde hat. Es werde die Zeit der Wahrheit kommen, verspricht man ihr. Nach dem Tod Stalins versucht Antonia dieser Lebenslüge zu entkommen und stößt mit ihrer Wahrheit auf Widerstand. Niemand will hören, welche Verbrechen das große Vorbild Stalin im Namen des Kommunismus begangen hat. Ihr Geliebter Konrad Zeidler, der sein bürgerliches Leben als Arzt in Hamburg verlassen hat, weil er an die Idee des Kommunismus glaubt, verlässt sie und die DDR enttäuscht. Antonia resigniert, aber sie bleibt.

Frau Schönfeld, Regisseur Bernd Böhlich macht in seinem Film am Schicksal Ihrer Mutter ein Thema publik, das in der DDR totgeschwiegen wurde. Wie kam es dazu?
Lange vor der Wende brachte ihn ein Zufall auf das Thema. Wir drehten 1988 einen „Polizeiruf 110“ an der Ostsee. Beim Einchecken an der Hotelrezeption sah er auf meinem Ausweis, dass ich in Kolyma geboren bin und fragte nach. Viel konnte ich ihm damals nicht erzählen, denn ich kannte nur Bruchstücke der Biografie meiner Mutter. Sie ist Fragen über Sibirien immer ausgewichen. Dass sie nicht reden durfte, wusste ich all die Jahre nicht. Im Film wird zum ersten Mal ausgesprochen, dass alle, die aus den sowjetischen GULags kamen, zum Schweigen darüber verpflichtet wurden.

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Schauspielerin Swetlana Schönfeld während meines Interviews mit ihr im Juli 2019 zu Bernd Böhlichs „Und der Zukunft zugewandt“ ©Vivian Wild/SUPERillu

Wann haben Sie mehr erfahren?
Nach dem Tod meiner Mutter 1999 hatte ich die Möglichkeit, die Vernehmungsprotokolle, Dokumente und Briefe zu bekommen. Sie hätte zu ihren Lebzeiten nie zugelassen, dass meine Schwester und ich das lesen. Das Material habe ich dann Bernd Böhlich gegeben. Er bekam so ein Gespür, wie diese Frau gelebt, geatmet hat. Wie sie darauf reagiert hat, schweigen zu müssen. Damit begann seine Arbeit am Drehbuch. Bernd Böhlich hat es fertiggebracht, dieses große Thema in klare Geschichten einzuordnen, sodass es im Kontext stimmig blieb.

Ein Argument des Parteifunktionärs im Film war: „Die Wahrheit ist das, was uns nützt.“ Wie stand Ihre Mutter dazu?
Sie hat sich immer ihre Anständigkeit bewahrt, hatte zu nichts eine korrupte Haltung. Aber sie ist mit dem Schweigen irgendwie nicht umgegangen. Es herrschte zwischen Ost und West Kalter Krieg, da gab es für meine Mutter Wichtigeres. Es ging um den Aufbau einer Gesellschaft als Alternative zum Kapitalismus. Im Nachhinein denke ich, was für eine erstaunlich tolle Frau sie war. Mit dieser Geradlinigkeit, diese ganze Sache zu leben und das Maß zu finden.

Wie sind Sie mit dem Schweigen umgegangen?
Anders als das Leben meiner Mutter ist mein Leben ist stabil verlaufen. Ich habe durch den Beruf die Chance, Dinge zu kompensieren.

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Familienkonstellation: Swetlana Schönfeld spielt Waltraud Kessler, die Mutter der Filmheldin Antonia Berger (Alexandra Maria Lara). Carlotto von Falkenhayn ist ihre Enkelin Lydia

Die Figur Ihrer Mutter wird eindrucksstark von der Schauspielerin Alexandra Maria Lara verkörpert. Sie haben die Rolle ihrer Mutter, also Ihrer Großmutter, übernommen.
Ich wollte überhaupt nicht mitspielen. Aber Bernd Böhlich war das wichtig. Meine Großmutter habe ich selbst nie kennengelernt. Alexandra Maria Lara hat mit ihrer authentischen Darstellung sehr viel vom Wesen meiner Mutter erfasst. Wie in der Szene im Kulturhaus, als sie den Kreissekretär für Landwirtschaft, der sie anschreit, ruhig und gefasst verbessert, obwohl sie das innerlich sehr aufgewühlt hat.

Stalins Verbrechen sind neben dem Faschismus die zweite große gesellschaftliche Tragödie des 20. Jahrhunderts. Die junge Generation heute hat davon keine Ahnung. Warum ist Ihre Mutter in die Sowjetunion gereist? Was hat sie dort gemacht, dass man sie wegen konterrevolutionärer Umtriebe verhaftet hat?
Meine Mutter war 1929, mit 19 Jahren, in die KPD eingetreten. Sie spielte im Berliner Arbeitersportverein „Fichte“ Tennis und engagierte sich in der Agitprop-Truppe  „Kolonne Links“. 1932 lernte sie den sowjetischen Kommunisten Dmitri Jegarew kennen, der in Berlin für die Kommunistische Internationale tätig war. Sie wurde Mitglied der Komintern, um mit ihm nach Moskau zu gehen. Dort arbeitete meine Mutter im Hotel Lux, wo das Gästehaus der Komintern untergebracht war, als Sekretärin im Büro von Wilhelm Pieck, dem späteren DDR-Präsidenten. 1935 wurde Jegarew vom NKWD, dem gefürchteten „Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“, als Anhänger des Trotzkismus verhaftet und erschossen. Meine Mutter schloss man wegen dieser Beziehung 1936 aus der KPD aus. Im Juni 1937 ist sie in einer Nacht und Nebelaktion vom NKWD aus ihrem Zimmer geholt und in die berüchtigte Lubjanka gebracht worden. In einem Schnellprozess wurde sie zu Zwangsarbeit und Verbannung in Kolyma verurteilt. 20 Jahre verbrachte sie in der Hölle.

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Swetlana Schönfeld erzählt, dass sie sich die Akten ihrer Mutter, die sie 1999 bekam, nicht allein sehen konnte. Beim Filmfestival im indischen Goa, bei dem der Film ausgezeichnet wurde, erfuhr Babara Schnitzler erstmals, warum Swetlana während des Studiums nie über ihrer Kindheit gesprochen hat ©Vivian Wild

Wer aus dem GULag entlassen wurde, musste sich in Kolyma ansiedeln. Auch Ihre Mutter war ein sogenannter Arbeitssiedler. Nach Ende ihrer Lagerhaft 1947 wurden über sie noch zehn Jahre Verbannung verhängt. Sie und Ihre Schwester kamen dort zur Welt. Woran können Sie sich erinnern?
Es gibt kleine traumatische Erlebnisse, die ich nicht erzählen will, weil ich sie nicht in mein Leben reinlassen möchte. Wir wohnten in einer Holzbaracke, die kaum vor der eisigen Kälte schützte. Es gab ein Stück Land, um Kartoffeln und Gemüse anzubauen. Ich kann mich nicht erinnern, Freude gehabt zu haben. Es war ein gesetzloses Leben. Uns Kindern ist nie etwas passiert. Meine Mutter passte gut auf uns auf. Für eine Frau war es überlebenswichtig, einen Mann zu haben. Und meine Mutter war eine schöne Erscheinung, blauäugig, klein und zierlich, mit weißblonden Haaren. Sie hatte meinen Vater, einen russischen Kommunisten, im GULag kennengelernt und lebte seit 1948 mit ihm zusammen. Ich war ein Jahr alt, als man ihn ermordete und meiner Mutter sterbend in die Küche warf. Heute verstehe ich ihr Schweigen uns gegenüber. Sie wollte nicht, dass wir diese Schrecken mit in unser Leben nehmen.

Wie gelang es Ihrer Mutter mit Ihnen da rauszukommen? Wie war das ohne Geld und Hilfe von außen möglich? Kolyma lag 6000 km von Moskau entfernt
Nach Stalins Tod wurde ihre Verbannung aufgehoben. Sie konnte mit uns die Siedlung verlassen und bekam in der Gebietshauptstadt Magadan Arbeit. Eine Freundin meiner Mutter war im Krieg die Mitarbeiterin von Richard Sorge. Sie hat uns ausfindig gemacht und mit Arthur Pieck, der damals Chef der Lufthansa war und sich bei seinem Vater stark für die Rückholung gemacht hat, unseren Rücktransport organisiert. Für uns Kinder war das ein Abenteuer. Als meine Mutter uns im Hotel in Moskau allein lassen musste, weil sie sich bei den Behörden abmelden musste, haben wir uns auf die Fensterbank gesetzt und die Bein rausbaumeln lassen. Im 11. Stock! Meiner Mutter ist fast das Herz stehengeblieben, als sie uns von unten sah. Wir dachten uns nichts dabei. In Kolyma sind wir oft durchs Fenster ins Haus.

1956 hatte Nikita Chruschtschow die Auswüchse des stalinistischen Terrors erstmals benannt. Davon wussten auch die SED-Funktionäre in der DDR.  Trotzdem wurde Ihrer Mutter bei ihrer Rückkehr 1957 eine Schweigeverpflichtung abgefordert. Hat das ihren Glauben an die Idee des Kommunismus erschüttert?
Das wird ihr Geheimnis bleiben. Sie war ja nicht die Einzige, die nicht reden durfte. Sie hatte Freundinnen aus ihrer früheren kommunistischen Arbeit, die voneinander wussten. Ich hatte Kollegen am Maxim-Gorki-Theater die ihr Schicksal kannten. Aber es hat nie jemand etwas gesagt. Diese Frauen haben zusammengehalten. Was ich weiß, ist, dass meine Mutter keine dogmatische Kommunistin war, keine Parteigängerin. Ihr Leben hat der Gedanke der Komintern geprägt, dass die Welt doch einmal anders formiert werden kann als kapitalistisch. Sie hat uns im Glauben des Kommunismus erzogen, doch sie agierte nie dogmatisch.

Warum ist sie der Idee treugeblieben, obwohl sie einen Teil ihrer Biografie verleugnen musste?
Als die Probleme der DDR immer gravierender wurden, habe ich sie gefragt, wie sie die Bigotterie aushält. Eine Antwort bekam ich nicht. Ich denke, hätte meine Mutter nicht an ihrem kommunistischen Urglauben, festgehalten, wäre sie zerbrochen. Ihr Kampf, ihr Leben wären umsonst gewesen.

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Es war das erste Mal, dass die Schauspielerin in einem Interview etwas über ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Mutter erzählt ©Vivian Wild/SUPERillu

Wie haben Sie und Ihre Schwester mit den Löchern in Ihrer Biografie gelebt?
Wir wussten schon, wo wir herkamen und dass meine Mutter Furchtbares erlebt hat, worüber sie nicht reden wollte. Wenn ich sie provoziert habe, erzählte sie mir eine Schreckensgeschichte, und dann habe ich es irgendwann gelassen. Als wir 1957 nach Berlin kamen, sprachen wir kein Wort deutsch, aber wir wollten nicht russisch sprechen. Wir haben uns da verweigert. Und ich habe immer gesagt, ich heiße Monika. Ich wollte nicht anders sein. Ich erinnere mich noch, wie ich versuchte, meinen Pelzmantel loszuwerden. Aber den wollte keiner haben. Mein Leben in der DDR war mit Theater- und Filmrollen so gut ausgefüllt, dass ich keinerlei Lebensdefizite oder Beschädigungen durch meine Biografie verspürte. Trotzdem blieben Fragen: Was war da? Warum sind wir VdN, Verfolgte des Naziregimes? Diesen Punkt konnte ich klären: Mit diesem Status genoss meine Mutter Schutz vor Nachfragen zu ihrer Biografie und hatte einige soziale Vorteile.

Wurde sie wie die Filmfigur in der DDR eingesperrt?
Nein, sie hat sich immer an das Schweigen gehalten. Ein Professor aus Mannheim, der sie in seinem Buch über Deutsche im GULag als vermisst geführt hat, wollte das in einem Film aufklären. Ich höre sie noch sagen: „Meine Herren, was wollen Sie wissen?“, als das Drehteam anrückte. Dann erzählte sie Abenteuerstorys. Wie sie zum Beispiel beim Holztransport mit den Pferden in der Taiga hängengeblieben ist. So war meine Mutter.

Mit dem Fall der Mauer muss für sie doch die Welt zusammengebrochen sein?
Ich glaube, sie hat keiner Gesellschaftsordnung mehr getraut. Ihr Leben war in Ordnung, wenn es uns gut ging. Sie hat bis zur Rente als Sachbearbeiterin bei der Interflug gearbeitet. Meine Mutter war eine sehr starke freie Frau. So, wie sie ihr Schicksal durchgestanden hat, wie sie mit dem Leben umgegangen ist. Ich bin froh, dass sie durch den Film eine Art Wiedergutmachung erfährt, die ich allein nie hinbekommen hätte.

 

Anne Kasprik: Mein zweigeteiltes Leben. Ein Gespräch über Wurzeln und Wandel

Der Sommer 1989  war anders als alle, an die ich mich erinnere. Bleiern. Über der DDR schwebte ihr Untergang. Alle spürten das. Bis auf diejenigen, die den desolaten Zustand zu verantworten hatten. Aber wie konnte man das Offensichtliche nicht sehen? Die zunehmende Unzufriedenheit der Menschen? Sie wollten sich nichts mehr vormachen, sich nicht mehr gängeln lassen. Es musste sich etwas verändern im Land. Für die einen hieß der Weg sozialistische Erneuerung, das Land umkrempeln. Statt Parteidiktatur demokratischer Sozialismus, freie Wahlen, neue Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft, Meinungsfreiheit… Die anderen wollten nur raus dem „Käfig“ in die goldene Freiheit des Westens, der mit allem lockte, was das Menschenherz scheinbar begehrte.  In jenem Sommer 1989 hatten 1,5 Millionen DDR-Bürger ihre Ausreise beantragt. Hunderte belagerten die BRD-Botschaften in Prag , Warschau und Budapest. Viele flüchteten über die Grüne Grenze in Ungarn nach Österreich. Der Herbst kam, und am 9. November 1989 fiel die Mauer. Am 18. Mai 1990 wurde der Staatsvertrag für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. Am 1. Juli  hielt die D-Mark Einzug in die Portemonnaies der DDR-Bürger. Euphorie von Ahrenshoop bis Zittau. Was ist daraus geworden, heute, 30 Jahre später? Haben sich die Erwartungen, die Hoffnungen erfüllt, die jeder für sich damals rekrutierte?

Ich habe die Schauspielerin Anne Kasprik besucht, die sich eben diese Frage gestellt hat und ihr zweigeteiltes Leben in ihrem Buch „Ich aus dem Osten“ Revue passieren lässt. Heute feiert sie ihren 56. Geburtstag. „Ich hatte offenkundig das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, die sich nicht beugte, die geradlinig und aufrecht durchs Leben ging und mir dies wohl mit auf den Weg gab. Mit solch einer moralischen Grundausstattung wird man zwangläufig zum Opfer“, erzählt sie mit dem Blick auf die Unwägbarkeiten, die sie aber nicht unglücklich gemacht haben.

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Das Buch erschien im Verlag Neues Leben Berlin

Frau Kasprik, was machen Sie aktuell?
Ich drehe für die ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“, in der ich seit 2007 als Sozialarbeiterin und Psychologin Karin Berger dabei bin. Anfangs noch als Frau des ehemaligen Revierleiters Martin Berger, gespielt von Peer Jäger, der die Serie 2013 verlassen hat. Und dann bin ich mit meinem Buch „Ich aus dem Osten“ zu Lesungen unterwegs.

Wie wichtig ist es Ihnen, als Ostfrau wahrgenommen zu werden?
Es ist für mich eine Solidarisierung mit den Menschen, die wie ich ihr Leben nach dem Verschwinden der DDR unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen neu organisieren mussten. Ich bin zwar ausgezogen, um die Welt zu erobern, aber nicht, um meine Wurzeln zu verleugnen. Ich fühle mich als Europäerin, aber ich komme aus dem Osten.

Was bewog Sie, darüber nachzudenken und ein Buch zu schreiben?
Im November ist der Mauerfall 30 Jahre her, und ich finde, die Zeit ist reif für eine Rückschau, sich selbst zu befragen: Was haben diese 30 Jahre mit mir gemacht? Ich habe ein halbes Leben im Osten, in der DDR, gelebt und ein halbes Leben im Westen. In den 90ern waren wir damit beschäftigt, auf all das Unbekannte, Neue zu reagieren, das mit der Vereinigung über uns kam. Arbeitslosigkeit, Existenzängste, wir mussten uns neue Jobs suchen… Nichts blieb wie es war. Da hatte man keinen Nerv, zurückzuschauen.

Wie sind Sie aufgewachsen? Ihr Vater war der bekannte Film- und Fernsehregisseur Hans-Joachim Kasprzik. Sie haben später das Z aus Ihrem Namen gestrichen, um ihn zu vereinfachen.
Durch den Beruf meines Vaters bin ich in einem Kokon großgeworden. Wir waren privilegiert. Dennoch haben mich meine Eltern zu Bescheidenheit und Bodenständigkeit erzogen. Mein Vater machte mir klar, dass ich nichts Besseres bin als andere Kinder. Er hat nie studiert, sich alles Wissen autodidaktisch angeeignet. Diese Zielstrebigkeit hat er mir vermittelt. Was ich an meinen Eltern sehr geschätzt habe, war ihre Loyalität anderen gegenüber. Ich hatte Freundinnen, die glaubten an Gott. Meine Eltern sagten zu mir: „Lass sie glauben, Anne, du musst das nicht.“ Anders als heute waren Religion und Kirche kein Thema in der DDR.

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Hans-Joachim Kasprzik in den 50er Jahren. Er versenkte sich zeitlebens in Bücher Foto: Privatarchiv Kasprik

Als Sie 1963 geboren wurden, arbeitete er gerade am Drehbuch für die Verfilmung des Romans „Kleiner Mann – was nun?“ Er ließ alles stehen und liegen und eilte zu Iher Mutter ins Krankenhaus. Wie haben Sie ihn später als Kind und Jugendliche erlebt?
Geredet haben wir nicht wirklich viel miteinander. Aber mein Vater hat mir alle Freiheiten gelassen und sich für meine Wünsche interessiert. Er ist mit mir zum Schwimmen gefahren als ich klein war, hat mich zum Drehen mitgenommen. Ansonsten empfand mein Vater Familienunternehmungen als Störfaktoren für seine Arbeit. Viele Jahre sind wir deswegen nicht in den Urlaub gefahren. Filme machen und Lesen waren sein Lebensinhalt. Er hatte einen unglaublichen Wissensdurst und suchte immer nach neuen Stoffen für seine Filme. Bei uns standen an den Wände Bücherregale bis unter die Decke. Er hatte Tausende. Mein Vater ist der Sohn eines Bergmanns. Von ihm hat er als Kind Prügel dafür bezogen, dass er untätig in der Ecke saß und las. Nach dem Krieg diente sich mein Vater am Westberliner Theater „Die Tribüne“ zum Regie-Assistenten hoch. Dort lernte er Kurt Maetzig kennen, den Mitbegründer der DEFA. Er folgte ihm nach Babelsberg, weil er für sich im Westen keine künstlerische Zukunft sah. Die meinte er in der DDR zu finden.

Ihr Vater hat sich mit politischen und historischen Stoffen auseinandergesetzt. Geriet er da an Tabus?
Sehr oft. Es gab immer Diskussionen um Inhalte, und es war für ihn jedes Mal ein Kampf. Bei „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ sollte er die historische Sicht komplett umarbeiten. Mit den Jahren machte ihn das immer unzufriedener. Ich erlebte die Entwicklung meines Vaters von einem überzeugten Sozialisten zu einem Menschen, der sagte: Ich gehe hier weg. Das hat mich sehr berührt.

Wann bekam Ihre Welt einen Bruch?
Als Teenager hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr gut ist, so wie es ist. Ins Bewusstsein kam es mir in der Schule. Immer darauf bedacht, zum Abitur zugelassen zu werden, studieren zu können, behielt man seine ehrliche Meinung zu politischen oder gesellschaftlichen Fragen für sich. Insofern gab es auch keine wirklichen Diskussionen. Es ging doktrinär zu. So empfand ich das.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, aus der DDR wegzugehen?
Ich wollte nie weg, nur mal gucken, wie es auf der anderen Seite aussieht. Schon als Kind. Es gibt da eine Geschichte, an die ich mich erinnerte, als meine Tante Renate uns vor zwei Jahren in Kleinmachnow besuchte. Mit gefälschten Pässen hatten sie und ihr Mann sich nach dem Bau der Mauer 1961 in den Westen abgesetzt. In der Konsequenz durften sie die DDR nicht mehr betreten. Ihre Schwester nicht mehr zu sehen war schrecklich für meine Mutter. Sie trafen sich deswegen immer mal im Sommer in Bulgarien. Als ich sieben Jahre alt war, lernte ich dort Tante Renate kennen. Ich fragte sie damals, ob sie mich nicht adoptieren will, dann könnte ich doch mal in den Westen. Sie sei total perplex gewesen, wie ein Kind auf so eine Idee kommen kann, erzählte sie.

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Annes Mutter Jutta war 23, als sie ihre Tochter zur Welt brachte. Foto: Privatarchiv Kasprik

Auch später war Abhauen keine Option für Sie. Was hielt Sie in der DDR?
In erster Linie mein Sohn Alexander, und ich hatte viele schöne berufliche Aufgaben. Es gab für mich keine Veranlassung zu sagen, ich halte es hier nicht mehr aus. Enttäuscht war ich 1987 nach dem Internationalen Filmfestival in Moskau. Die DDR beteiligte sich mit dem Film „Vernehmung der Zeugen“, der auf einem authentischen Kriminalfall beruht. Es ging um einen Schülermord. René Steinke und ich spielten die Hauptrollen. Ich lernte in Moskau Filmkünstler kennen wie Margarethe von Trotta und Vadim Glowna. Mit ihm verstand ich mich gut, und er meinte, dass wir ja mal etwas zusammen machen könnten. Stolz wie Bolle war ich, dass Robert de Niro, der Vorsitzender der Jury war, meinen Film sah. Ich schwebte auf Wolke Sieben. Zurück in Kleinmachnow stand ich in meinem Garten und empfand ganz stark die Ungerechtigkeit, dass ich nicht auch mal im Westen arbeiten darf. Da begann es schwer in mir zu brodeln.

Sie haben aber versucht, ein Angebot im Westen wahrzunehmen.
Ja, ich bin mit der Bitte zu unserem Fernsehintendanten Heinz Adameck gegangen, der mir sagte: „Anne, wie willst du den Zuschauern klar machen, dass du von der anderen Seite der Mauer in ihre Wohnzimmer schaust?“ Ich war mir gar nicht bewusst, dass ich so populär sein sollte. Ein Vorstoß beim Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann endete mit seiner Antwort, dass er für mich als Fernsehensemble-Mitglied nicht zuständig sei. Ich solle mich an Kurt Hager wenden. Der war im ZK der SED auch für Kultur und Bildung verantwortlich. Da gab ich auf.

Sie kamen als Dreijährige das erste Mal mit dem Metier Film in Berührung. Ihr Vater nahm Sie mit zu einer Mustervorführung und später mit zu Dreharbeiten. Hatte das eine Auswirkung auf Ihre Berufswahl?
Beim zweiten Nachdenken, ja. Ich war fasziniert, wie Hunderte Leute auf ihn hörten. So ein Bestimmer wollte ich auch werden. Meine erste Wahl wäre das Hotelfach gewesen. Aber wegen meiner Westverwandtschaft hätte ich mich nur innerhalb der DDR bewegen können. Also verwarf ich das. Als ich mit Fünfzehn meinem Vater mein Ansinnen vortrug, Regie zu studieren, schickte er mich zum Arbeitertheater Teltow. Ich sollte dort erst einmal „Staub wischen“. Ich kam ziemlich schnell auf die Bühne und habe so als Schülerin schon große Rollen gespielt.

Anne Kasprik 1981 am Arbeitertheater Teltow im Stück „Der Held der westlichen Welt“ als Pegeen
Anne Kasprik 1981 am Arbeitertheater Teltow im Stück „Der Held der westlichen Welt“ als Pegeen Foto: Privatarchiv Kasprik

Dennoch blieben Sie bei Ihrem Vorhaben, Regie zu studieren. Nach der Ablehnung an der Filmhochschule nahmen Sie ein Regie-Volontariat beim DDR-Fernsehen auf und landeten an der Schauspielschule. Was brachte Sie von Ihrem Weg ab?
Zu unserer Ausbildung gehörte ein dreimonatiges Etüden-Seminar an der „Ernst Busch“. Die Arbeit machte Spaß, und ich war offenbar auch nicht talentfrei. Das brachte mich ins Schwanken, ob ich nicht doch lieber Schauspielerin werden sollte. Ein Anruf der Schauspielschule beendete meine Unschlüssigkeit. Man bot mir einen Studienplatz an – den ich nur zu gern annahm.

Einige Filme haben Sie mit Ihrem Vater gedreht. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, den „Polizeiruf 110: Der Wahrheit“ verpflichtet. Wie war das Arbeiten mit ihm?
Die Zusammenarbeit war sehr schön, weil ich ihn von einer Seite kennenlernte, die ich nicht vermutet hatte. Er zeigte sich im Umgang mit uns Schauspielern als ganz sensibler Mensch. Zu Hause habe ich ihn anders erlebt. Da hat er auch mal gebrüllt, wenn wir gestritten haben oder wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Natürlich hatte ich zuerst Schiss. Aber wohl mehr vor Dietrich Körner, der den sächsischen Kurfürsten August den Starken verkörperte, dessen Mätresse ich spielte. Körner, einer der ganz Großen unter den DDR-Schauspielern, war freundlich und humorvoll. Meine befürchteten Hemmungen kamen gar nicht erst auf.

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Heimat ist für Anne Kasprik ihr Zuhause in Kleinmachnow. Hier lebt sie seit 1965 Foto: Nicola

Sie schildern in Ihrem Buch, dass das Leben für Sie in Ihrer Film- und Fernsehwelt in Ordnung war. Sie verdienten sehr gut. Mit der realen DDR-Wirklichkeit seien Sie nur selten in Berührung gekommen, wie etwa beim Besuch in der Fischfabrik Saßnitz oder bei den Dreharbeiten in einer chemischen Reinigung. Wie haben Sie das reflektiert?
Es hat mich für den Moment ernüchtert. Da war nichts in Ordnung. Die Frauen füllten Heringe mit der Hand in die Dosen. Sie waren fröhlich, aber sichtlich demotiviert. Was nütze es, sagte uns der Produktionsleiter, wenn sie die Produktion erhöhen, aber der Vertrieb nicht funktioniere. Erschütternd fand ich die Arbeitsbedingungen in der chemischen Reinigung, in der wir gedreht hatten. Da konnte man vom Glauben abfallen. Doch in meiner damaligen Unbedarftheit hielt ich das für Ausnahmen und habe es nicht weiter reflektiert. Rückblickend war das nur ein Mosaikstein von vielen, die die Menschen im Herbst 1989 auf die Straßen getrieben haben.

Haben Sie an das Verschwinden der DDR geglaubt?
Nein, das haben die wenigsten. Nach dem 9. November schaute ich zuversichtlich in Zukunft, weil ich meinte, alles würde sich zum Besseren wenden. Mein Optimismus speiste sich aus der Tatsache, dass ich weiterhin viel zu tun hatte. Mein Vater war sturzunglücklich. Er sagte damals: Um Gottes Willen, jetzt kommt alles, was wir bekämpft haben, dieser ganze Kapitalismus, wieder hierher. Er begrüßte die Reisefreiheit, aber nicht dieses System, bis zum Schluss nicht. Er hat 1989 mit dem Polizeiruf „Der Wahrheit verpflichtet“ seinen letzten Film gedreht. Geld zu erbetteln, um seine Stoffe zu realisieren, das brachte er nicht über sich. Er war damals 61.

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Hans-Joachim Kasprzik war 35 als seine Tochter Anne geboren wurde. Foto: Privatarchiv Kasprik

Ihr Vater starb 1997 an einem Schlaganfall.
Es war sein zweiter, und er hatte Krebs. Der psychische Druck, dass er keine Filme mehr machen durfte und die Sorgen, die mit den Rückgabeansprüchen der ehemaligen Besitzer unseres Hauses auf meine Eltern zukamen, haben ihn krank gemacht. Aus dem selbstbewussten Mann wurde ein verunsicherter Mensch. Ich denke, das hat auch den Krebs ausgelöst, mit dem er sich lange gequält hat. Der Tod war für ihn eine Erlösung.

Erinnern Sie sich noch an den Tag der Währungsunion?
Wir drehten in Binz „Blonder Tiger – schwarzer Tango“ und mussten bis zu diesem Tag fertig werden, weil es dann unser Geld nicht mehr gab. Nach der letzten Klappe saß ich abends mit dem Regisseur Manfred Mosblech und dem Kameramann am Strand. Hinter uns war eine Sparkasse. Weit vor Mitternacht stellten sich die Leute dort an. Jeder wollte so schnell wie möglich das Westgeld in den Händen haben. Es wirkte befremdlich. Ich hatte kurz zuvor noch für die Serie „Einsatz Dr. Federau“ eine Prämie bekommen und 4000 DDR-Mark auf meinem Sparbuch. Genau die Summe, die 1:1 in Westmark umgetauscht wurde. Alles, was darüber lag, wurde ja halbiert.

Wie haben Sie den Westen am Anfang erlebt?
Sehr bunt, sehr schrill und laut. Anfangs beeindruckte mich Westberlin mit seinen Geschäften, dem so anderen Geruch. Bis sich Normalität einstellte, und ich merkte, auch hier wird nur mit Wasser gekocht. Als Kind hatte ich immer einen Wunsch: Von der Teltower Brücker aus sieht man drei Türme in Steglitz. Da wollte ich einmal hin, wissen, was da ist. Sie stellten sich als völlig unspektakuläre Schornsteine vom Heizkraftwerk Lichterfelde heraus.

Bereits Anfang 1990 wirkten sich die politischen Veränderungen in der DDR auch auf das Fernsehen aus. Das 2. Programm wurde eingestellt, ganze Abteilungen entlassen und auch das Fernsehensemble mit Schauspielern und Regisseuren aufgelöst. Wie sind Sie damit umgegangen?
Mich hat es nicht so beunruhigt wie meine älteren Kollegen. Ich erinnere mich noch an die Diskussionen. Ratlosigkeit, Trauer, Existenzängste kamen auf, die keiner von uns zuvor gekannt hatte. Sich anbieten wie Sauerbier, Klinken putzen, das konnten sich die meisten nicht vorstellen. Ich habe den Umbruch für meine Generation als positiv empfunden, als Chance, Wege zu gehen, die es vorher nicht gab. Ich hatte das Glück, dass in dieser Phase Kontakte zu verschiedenen Film- und Fernsehschaffenden in Westberlin entstanden. Hans Robert Eisenhauer, Leiter der Berliner Filmförderung, kam zu uns nach Adlershof und nahm mich zu einem Treffen von DDR-Fernsehleuten und Westberliner Regisseuren und Produzenten mit. So umschiffte ich die Riffs und Untiefen. Über Billy Wilder suchte ich Kontakt Vadim Glowna. Ungewiss, ob er sich noch an mich erinnert und damals in Moskau auch gemeint hat, was er sagte.

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Kurz vor Ende der Dreharbeiten für „Die Troublemaker“ 1995 wurde Anne Kasprik von Billy Wilder nach Los Angeles eingeladen Foto: Privatarchiv Kasprik

Und hat er?
Ja, Vadim meldete sich wirklich. Ich war da seit sechs Wochen arbeitslos und überlegte, das Kinotheater in Kleinmachnow zu übernehmen. Vadim Glowna beruhigte mich, ich würde auf jeden Fall wieder spielen. Kurz darauf bekam ich eine Einladung zum Casting für seinen Film „Eines Tages irgendwann“.

In jeglicher Hinsicht ein Schicksalsfilm für Sie. Sie hatten beruflich wieder den Fuß in der Tür und der Kameramann des Films hieß Oren Schmuckler.
Wir drehten 1991 am Olympia-Stadion in Berlin. In einer Drehpause standen Oren und ich zufällig nebeneinander und kamen ins Gespräch über unsere Kindheit, über geteilte Städte und Mauern. Bei den nachfolgenden Dreharbeiten in Prag näherten wir uns weiter an. Da war noch ungewiss, ob die geknüpfte Bande halten würden. Ich flog dann oft zu ihm nach Tel Aviv. Auf mich strömte eine ganz andere Kultur ein. Ich war fasziniert vom Nahen Osten. Diese Eindrücke überwogen alles andere. Deshalb habe ich die Ausmaße der Veränderungen im Osten erst einmal gar nicht so wahrgenommen. Tiefgreifend wurde es, als wir um das Haus meiner Eltern kämpften. Mit einer hohen Summe konnten wir es der westdeutschen Erbengemeinschaft schließlich abkaufen.

Sie sind 1992 nach Köln gezogen. Wie hat man auf Sie, eine aus dem Osten regiert?
Ich war damals dort noch ein Exot. Ich musste erzählen, wie es war in der DDR und mit dem Mauerfall. Es war eine gewisse Neugier da. Viele haben damals verschwiegen, dass sie aus dem Osten kommen. Heute ist die Situation eine andere. Das Selbstbewusstsein der Menschen hier ist gestiegen. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer haben sich Ost und West angenähert, aber es gibt immer noch viel Trennendes, das mit unserer unterschiedlichen Vergangenheit zu tun hat. Mit den heranwachsenden Generationen wird das hoffentlich aufhören.

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Schauspielerin Anne Kasprik in ihrem Haus in Kleinmachnow  Foto: Nikola

Woran machen Sie die Unterschiede fest?
Ich gehe dafür noch mal zurück in meine Zeit an der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“. Im zweiten Studienjahr bin ich schwanger geworden. Der damalige Rektor, Hans-Peter Minetti, war natürlich nicht begeistert. Dann meinte er aber väterlich, dass es genau der richtige Zeitpunkt sei, wenn man als Schauspielerin ein Kind möchte. Ich bekam einen Krippenplatz, der jeder alleinerziehenden Mutter in der DDDR nach der Entbindung sofort zustand, und die Schauspiele nahm während der Ausbildung Rücksicht. Ich wurde vom Fecht- und Akrobatikunterricht befreit. An einer Schauspielschule in London, Paris oder New York hätte man mich gefeuert. In der DDR ging das nicht. Mit dickem Bauch spielte ich 1985 vor einer internationalen Theaterdelegation, die unsere Schule besuchte, in Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ die Beatrice. Meine Westverwandtschaft war erstaunt: Was, die Anne ist schwanger? Die ist doch gar nicht verheiratet!

Die Rolle der Frau wird bis heute in Ost und West sehr unterschiedlich gesehen und führt gerade wieder zu heftigen Diskussionen über ihre Stellung in Gesellschaft und Familie.
Vieles, was für uns in der DDR selbstverständlich war, müssen wir uns wieder erkämpfen. Entsetzt hat mich, dass uns Ostfrauen Schlag 1991 mit dem Paragraphen 218, die Freiheit wieder genommen wurde, selbst zu entscheiden, ob wir eine Schwangerschaft austragen oder einen Abbruch vornehmen lassen. Was die DDR gesetzlich legalisiert hat, war wieder rechtswidrig. Die DDR hatte für unsere Berufstätigkeit mit Krippe, Kindergarten und Schulhort die Rahmenbedingungen geschaffen. Hier tut man sich schwer damit, weil eine althergebrachte Vorstellung von der Familie vorherrschend ist. Als ich meinen Sohn in Köln in den Hort schicken wollte, erklärte mir die Lehrerin: Frau Kasprik, das können Sie doch nicht machen! Das ist etwas für sozial Schwache. Bei den Elternabenden war ich die weitaus Jüngste und habe im Gegensatz zu den meisten anderen Müttern gearbeitet.

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Anne Kasprik 1990 beim Spaziergang an der Mauer mit ihrem Sohn Alexander Foto: Privatarchiv

Wie kamen Sie in Köln zurecht?
Ich bin dort nie angekommen. Es war eine völlig andere Welt. Wir wohnten in einer wohlhabenden und erzkatholischen Gegend. An allen Ecken und Enden bekam ich das zu spüren. Der katholische Hort lehnte die Aufnahme meines ungetauften Sohnes ab und schickte uns zu einer evangelischen Einrichtung. Hier war man tolerant.

War der einzige Grund für den Umzug Ihre Hauptrolle in der Serie „Einsatz für Lohbeck“, die in Duisburg gedreht wurde?
Nein. Es hatte auch mit meiner privaten Situation zu tun. Ich hatte mich vom Vater meines Sohnes getrennt und 1991 meinen Mann Oren Schmuckler kennengelernt. Wir suchten einen neutralen Ort für den Beginn unseres gemeinsamen Lebens. Mein Sohn war inzwischen sechs und musste eingeschult werden. Dann bekam ich eine Spielfilmrolle in Remscheid und Oren drehte eine Serie in Bonn. So blieben wir erst einmal in Köln hängen.

Was trifft Sie empfindlich, wenn Westdeutsche über Ostdeutsche reden?
Wenn mir jemand erklärt, wie ich gelebt habe und davon selbst keine Ahnung hat, von Dunkel-Deutschland redet und unsere Biografien herabwürdigt. In der DDR war nicht alles paradiesisch, doch wir hatten ein Leben, in dem es Freude gab, Theater, Kultur, Bücher, Filme, Diskos… Es wurde etwas dafür getan, dass jeder am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnte. Das war sogar erwünscht. Natürlich hatte jeder seinen Kosmos, suchte seine eigenen Wege, um gut leben zu können. Mit welchen Problemen das behaftet war, versuchten Filmemacher, Schriftsteller und Künstler deutlich zu machen. Die sechsteilige TV-Verfilmung von Hans Webers Roman „Einzug ins Paradies“ zeigt den DDR-Alltag wie er wirklich war. Wir haben den Film 1983 gedreht, doch er wurde erst vier Jahre später gesendet. Er sprach zu viele brisante Probleme an. Dass er nach Änderungen überhaupt ausgestrahlt werden durfte, lag an dem Protest der Künstlerverbände gegen das Verbot.

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1995 drehte Anne Kasprik mit Terence Hill und Bud Spencer den Italo-Western „Die Troublemaker“ Foto: Privatarchiv Kasprik

Im Mai haben Sie und Oren Schmuckler Silberhochzeit. Sie haben während der Dreharbeiten zu „Troublemaker“ geheiratet, Terence Hill war Ihr Trauzeuge. Erzählen Sie doch, wie es dazu kam.
Es war für mich schon erstaunlich, dass Terence Hill ausgerechnet mich für die Rolle der Tierärztin Bridget wollte. Im Gegensatz zu meinem Vater kannte ich keinen seiner Filme. Also sah ich mir ein paar Filme an und dachte: Warum nicht und flog nach New Mexico. Wir drehten in Santa Fe. Als Oren anrief und sich auch nicht abwimmeln ließ, gab es wegen eines Streiks gerade etwas Stress. „Willst du mich heiraten“, brüllte er ins Telefon, weil ich vor Krach kaum etwas verstehen konnte. Wollen schon, aber wie sollte das gehen? Ich in Santa Fe, er in London, die Kinder in Köln und Tel Aviv. Terence’ Frau Lori nahm die Zügel in die Hand. Es bildete sich ein Hochzeitskomitee. Im Courthouse von Santa Fe erfolgte das Aufgebot, Oren und Kinder reisten an. Die Familie war zusammen, für die Amerikaner das Wichtigste. Die Kostümbildnerin nähte mir ein Brautkleid und Sachen für Alex und Roni im Western Stil. Dass Terence unser Trauzeuge ist, war wohl Loris Idee. Am 28. Mai wurden wir in der Filmkulisse auf der Bonanza Creek Ranch vom Friedensrichter getraut. Oren und die Kinder blieben dann noch sechs Wochen. Es war eine tolle Zeit.

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1995 heirateten Anne Kasprik und der Regisseur Oren Schmuckler in der Filmkulisse der Bonanza Creek Ranch in Sata Fé Foto: Privatarchiv Kasprik

Ihr Mann Oren, schreiben Sie, sitzt immer auf zwei gepackten Koffern. Was hat das zu bedeuten?
Er ist Israeli und hat seine Erfahrungen mit latentem Antisemitismus gemacht. Wenn es sein muss, kann er sofort aus Deutschland verschwinden. Leider ist der Antisemitismus wieder akut geworden. Das finde ich schlimm. Ich bin weltoffen erzogen worden. Was hier und überall in der Welt passiert, lässt nichts Gutes für die Zukunft ahnen. Es muss mehr getan als geredet werden.

Wenn Sie auf Ihren Alltag heute blicken, was sind Ihre wichtigsten Erfahrungen?
Wir sind alle Einzelkämpfer geworden. Jeder kann frei für sich entscheiden, aber man hat kein Netz mehr, das einen auffängt. Das haben wir alle mehr oder weniger schmerzhaft lernen müssen. Interessant ist, dass man sich heute in der Öffentlichkeit wieder genau überlegt, was man sagt. Man hat also wieder oder immer noch eine Schere im Kopf. Es könnte einem ja an dem einen oder anderen Punkt schaden. Ich habe gelernt, diplomatisch zu sein. Trotzdem bleibe ich ein fröhlicher Mensch und hoffnungsvoller Optimist.

Wie ist Ihr persönliches Resümee der 30 Jahre? Sehen Sie sich als Gewinner?
Ja. Ich bin privilegiert aufgewachsen und wollte auch wieder hin auf die schöne Seite des Lebens. Dafür habe ich gerackert, war eine Getriebene. Ich habe so vieles auf einmal gemacht. Die Kinder waren klein, wir hatten nicht so viel Geld. Das hat sich mittlerweile geändert. Beruflich ist es ruhiger geworden, ich bin nicht mehr soviel in der Welt unterwegs. Ich arbeite in Hamburg, Leipzig und Berlin für Serien, die die Zuschauer mögen. Das tut auch unserer Beziehung gut. Oren und ich sind in einer sehr tiefen Partnerschaft. Es macht mich glücklich, dass meine Familie gesund und munter ist, dass wir ein schönes Leben führen können. Mit Orens Tochter Roni, die inzwischen Regisseurin ist, habe ich in Israel die schwarze Komödie „Chanel Chance“ gedreht, in der ich erstmals eine Szene mit meinem Sohn Alexander hatte. Er ist in meine Fußstapfen getreten.