Die 1970er Jahre begannen für Walter Beck mit einem „Zwischenspiel“. Im DEFA-Studio für Spielfilm fand – wieder einmal – ein Strukturwechsel statt. Das hatte mannigfaltige Ursache, gesellschaftliche, studiointerne, auch indivduell bedingte, wie er anmerkte. „Grundsätzlich war damals das schöpferische Klima im Studio durch eine schleichende Stagnation beeinträchtigt“, beschreibt er im Nachhinein die Situation. Die „Künstlerische Arbeitsgruppe Kinder- und Jugendfilm“ wurde aufgelöst, die einst gebündelten Kräfte, die ihn trugen, zerstreut. „Es bildeten sich neue Dramaturgengruppen, keine aber widmete sich einzig dem Kinderfilm.“ Gudrun Deubener, Margot Beichler und Inge Wüste-Heym, die wie er mit Leib und Seele dem Kinderfilm verbunden waren, und ihm mit ihrer schöpferischen Aktivität über die Jahre wichtige Partner waren, hatte man den Arbeitsgruppen „Berlin“, „Babelsberg“ und „Johannisthal“ zugeteilt. Es schien, als würde dies das Ende des DEFA-Spielfilms für Kinder sein.
Diese Sorge bewegte auch Walter Beck. Der sich mit allen Fasern dem Kinderfilm verschrieben hatte, fühlte sich nach der Auflösung seiner „Familie“ plötzlich heimatlos. Alle da Versammelten hatten ihre Impulse, ihre Ideen, ihre Kraft für die Belange des Spielfilms für Kinder eingesetzt. Mit allen Gegensätzlichkeiten und Auseinandersetzungen, die vorhanden waren. Ein Jahrzehnt habe er nicht einfach nur Spielfilme für Kinder gedreht, sondern mit Gleichgesinnten zusammengearbeitet, die dem Film für Kinder in schöpferischer Weise gegenüberstanden, ihn als ebenbürtige Kunst etablieren und in seiner Zugehörigkeit zur nationalen Kultur voranbringen wollten, konstatiert er in seinem Manuskript „Mär und mehr“. Woher sollte er nun Impulse empfangen? Wo sollte, konnte nun in schöpferischer Kommunikation für den Kinderfilm gestritten werden?
Ruf aus Adlershof
In jenen Monaten 1971, die für ihn wieder einmal eine Zeit der Ungewissheit darüber war, wie sein Weg weitergehen würde, ob ihm das Arbeitsfeld Kinderfilm bleiben kann, wird ihm vom Studio mehrmals angetragen, Aufträge vom Fernsehen zu übernehmen. Vor allem der Künstlerische Direktor Günter Schröder machte ihm immer wieder Vorschläge. Als „gebranntes Kind“ war Walter Beck solchen Angeboten bislang stets ausgewichen. 1957 hatte er für das damals noch in den Kinderschuhen steckende Fernsehen eine „Sendung für die Frau“ inszeniert, und war auf Bedingungen getroffen, unter denen er kein zweites Mal arbeiten wollte. Nun, mehr als ein Jahrzehnt später geriet er doch in eine ernsthafte Versuchung, sich dem gewachsenen Fernsehen nicht starrköpfig zu verweigern. Die Adlershofer waren im Oktober 1969 mit einem zweiten Programm, dem „DFF 2“, gestartet und speziell im künstlerischen Bereich auf Hilfe von außen angewiesen.
Walter Beck erinnerte sich noch sehr genau an das Telegramm, das ihn am 11. Juni 1971 aus Berlin-Johannisthal vom Bereich „Unterhaltende Dramatik“ erreichte. Das Fernsehen beabsichtigte, eine Serie über den sächsischen Rebellen Karl Stülpner zu produzieren, er sollte die Regie übernehmen. Wahrscheinlich hätte er wieder ablehnend reagiert, erzählte Walter Beck, wäre da nicht diese Vorgeschichte gewesen. Sie lag lange zurück, der Gegenstand war für ihn eigentlich abgehakt. Auf der Ostseewoche 1958 hatte ihm der Dichter und Dramatiker Kurt Barthel versprochen, ein Buch für einen Film zu schreiben. Dabei gschwärmte er geradezu immer wieder von einem Karl Stülpner, einer Legende im Erzgebirgischen. Ein Wilderer und Rebell, der 1762 bis 1841 gelebt hatte und bis heute als Volksheld angesehen wird. Walter Becks Neugierde und Lust auf diese ihm bis dahin unbekannte historische Figur war geweckt. Doch ehe Kurt Barthel sein Versprechen einlösen konnte, verstarb er unverhofft auf einer Gastspielreise mit dem Rostocker Volkstheater in Frankfurt (Main). Tumulte bei der Aufführung seiner „Revolutionsrevue 50 rote Nelken“ am 12. November 1967 regten den 53jährigen derart auf, dass es zum Herzversagen kam. Mit dem Angebot des Fernsehens, eine Serie über diesen Volkshelden Karl Stülpner zu inszenieren, war Walter Becks einstige Neugierde wieder ganz gegenwärtig geworden. Er ließ sich das Manuskript schicken.
Was er las, enttäuschte ihn, um es sacht zu formulieren. Stülpner kam als „ungebärdiger Schlagetot“ daher. Ein schier asozialer Wilderer, der die Obrigkeit lächerlich macht und den armen Dörflern ab und zu einen Hasen hinter die Tür hängt. In sächsischer Derbkomik hatten Gerhard Branstner und C. U. Wiesner Aktion an Aktion gereiht. Die Leitung des DFF hatte die damals laufende ungarische Serie „Der Kapitän vom Tenkesberg“ im Auge, wie Walter Beck nebenbei erfuhr. Einen solchen „Straßenfeger“ wollte man nun selbst produzieren. Nur, was Walter Beck da als Szenarium in die Hand bekommen hatte, konnte das nicht leisten. Es lag weiter unter seinem Anspruch und unterschätzte mit ziemlicher Sicherheit auch den der Fernsehzuschauer. Dennoch war Walter Beck bereit, sich darauf einzulassen. Die Figur, wie sie Kurt Barthel beschrieben hatte, barg mehr als nur Handgreiflichkeiten und Klamauk. Er machte sich kundig, wer dieser Karl Stülpner war.
Schon das, was für ihn zunächst an Information erreichbar war, bestätigte Kurt Barthels Erzählung. Der Kritik Walter Becks an den Manuskripten sowie seinem neuen Konzeptionsansatz stimmten der Bereichsleiter der „Unterhaltenden Dramatik“, Dr. Manfred Seidowsky, sowie die beiden Autoren zu. Anfang Juli 1971 begab sich Walter Beck für seine Drehbuchkonzeption ins Erzgebirge, um dem Leben und der Person des Carl Heinrich Stilpners so nahe wie möglich zu kommen, Menschen zu treffen, die mehr von ihm wussten. Im Heimatmuseum Bergmagazin Marienberg fand er in einer Ausstellung Dokumente aus jener Zeit und einige persönliche Gegenstände Stülpners. Einiges wusste der Leiter des Jugendwerkhofes auf Burg Scharfenstein. Als eine „Fundgrube“ erwies sich der Besuch bei Johannes Pietzonka, einem ehemaligen Lehrer und passionierten Stülpner-Forscher aus Großolbersdorf. Der damals schon ältere Herr gab Walter Beck seine historisch belegten Erkenntnisse in die Hand und verhalf ihm zu den Büchern von Stülpners Zeitgenossen Friedrich von Sydowund Carl Heinrich Wilhelm Schönberg. Sie waren die einzigen Biographen, die den Scharfensteiner Wildschütz persönlich kannten. „Allmählich“, so lese ich im Kapitel „Stülpner-Legende“ in Walter Becks Kaleidoskop „Mär und mehr“, „gewinne ich ein klareres Stülpner-Bild. Es fügt sich sehr ein in meine Konzeption.“
Carl Heinrich Stilpner kam am 30. September 1762 als letztes der acht Kinder des Mühlknappen und Schusters Johann Christoph Stilpner und seiner Frau Marie Sophie in Scharfenstein zur Welt. Die Familie besaß ein kleines Häusleranwesen mit Garten und einem Stück Hochwald. Nach dem Tod des Vaters nahm ein Förster aus Ehrenfriedersdorf den zehnjährigen Karl auf und machte ihn mit dem Jägerhandwerk vertraut. Auf dringendes Verlangen der Mutter kehrte er zwei Jahre später nach Scharfenstein zurück. 1774 wurde ihr Haus wegen Überschuldung zwangsversteigert, die Mutter behielt lebenslanges Wohnrecht. Inzwischen 14jährig trug Karl Stülpner mit Gelegenheitsarbeiten zum Lebensunterhalt bei. Wegen seiner außerodentlichen Treffsicherheit als Schütze zog man ihn zu herrschaftlichen Jagden heran. Stülpner versprach sich davon, eine Anstellung als Herrschaftsjäger zu bekommen. Doch sein Widerspruchsgeist, sich mit Ungerechtigkeiten nicht abfinden zu können, stand dem im Wege. Er fiel nachgerade in dauerhafte Ungnade bei der Scharfensteiner Obrigkeit. Dies ist historisch belegt und diente Walter Beck als Ausgangspunkt für seine siebenteilige „Stülpner-Legende“, in der er abenteuerreiche Episoden aus dem Leben des Stülpner Karl erzählt.
Walter Beck beschreibt seine Filmfigur als einen freundlichen, doch auch jähzornigen jungen Kerl, der einen, seinen Fähigkeiten angemessenen Platz in der Gesellschaft sucht. Da man ihm den verweigert, richtet er sich außerhalb ein. Er geht in die erzgebirgisch-böhmischen Wälder und findet in seinem jugendlichen Abenteuerdrang Gefallen an dieser vermeintlichen Freiheit. Wilderei und allerlei Aktionen bringen ihn aber immer wieder in Konflikte mit den geltenden Gesetzen. Ohne falsche Zurückhaltung bezieht der Regisseur in die wahre Geschichte effektvoll überlieferte Mythen und Legenden um Stülpner als ein Stück Wirklichkeit mit ein. Es sind dies die wichtigsten „Zutaten“, um dicht an der Historie eine unterhaltsame Serie zu inszenieren. Walter Beck sah in Stülpner einen „berechtigt Rebellierenden und zugleich gesellschaftlich Scheiternden“, und so wollte er ihn von den Zuschauern erkannt wissen. „Stülpner wurde ja zum Idol neu aufkeimenden Widertrotzes gegen die Oberen, ohne dies eigentlich beabsichtigt zu haben.“
In der Zeit zwischen 1794 und 1800, über die Walter Beck die Handlung führt, erlebt die Filmfigur einen Reifeprozess, den der historische Stülpner vermutlich so nicht durchgemacht hat. Als junger Jagdgehilfe nutzte er seine Fähigkeiten, um die ersehnte Anstellung als Herrschaftsjäger zu erlangen. Späterhin, um sich im Zwist mit der Obrigkeit seiner Haut zu wehren. Mit der Zeit, so schreibt es Walter Beck der Filmfigur zu, bestimmen soziale Aspekte seine Aktionen. Wobei der Regisseur in der Serie auf jene Vorgängen setzt, die im Volk immer weitererzählt wurden. „Die Vorführung seiner Größe soll der legendären Bedeutung seiner Gestalt gerecht werden, wie sie in der Erinnerung des Volkes sich herausgebildet hat. Die Vorführung seiner Begrenztheit soll der historischen Wahrheit gerecht werden“, formulierte er seine filmische Absicht. „Legenden“, sagte er, „haben allemal eine fast mythische Kraft, von der historischen Wahrheit abzuweichen und zugleich eine neue, schöpferische Wahrheit hervorzubringen.“
Stülpners ärgster Widersacher ist der Gerichtsverwalter. Der lässt den renitenten Jagdgehilfen für acht Jahre zwangsrekrutieren. Beim Militär geht es Stülpner gut. Als Leibjäger des Hauptmanns streift er durch den Wald, statt auf dem Kasernenhof gedrillt zu werden. Er kann heimlich sogar seine Geliebte Christine besuchen. Doch das Pachtrevier des Regiments bringt nicht genug Beute. Stülpner „bedient sich“ am Wild im Nachbarforst. Dabei kommt es zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit Helfrich, der ihm beim Preisschießen seine Anstellung als Herrschaftsjäger vereitelt hatte und nun Revierförster ist. Stülpner desertiert, um Arrest und Peitschenhieben zu entgehen. Er setzt sich in das sächsisch-böhmischen Grenzgebiet ab, versteckt sich in Waldhütten, Höhlen und wandert einige Jahres durch die Nachbarländer. Man schreibt das Jahr 1789. Stülpner erfährt von der französischen Revolution und ihrem Streben nach Gerechtigkeit und Freiheit für das Volk. Etwas, das auch ihn gegen die Obrigkeit rebellieren lässt.
Nach vier Jahren treibt ihn die Sehnsucht nach seiner Geliebten und seiner alten Mutter schließlich zurück nach Scharfenstein. Seine einzigen Verbündeten sind Christine und sein böhmischer Freund, genannt der „Schwarze“, der ihm so manches Mal aus der Klemme hilft. Wieder versucht der Gerichtsverwalter, Stülpner endlich habhaft zu werden. Die Aktion schlägt fehl. Stülpner entwischt. Aus Wut darüber schlägt der Büttel „Gesetzeshüter“ die alte Stilpnerin. Das macht das Maß voll. Stülpner beschließt, die beiden Leuteschinder selbst spüren zu lassen, was sie anderen antun. An dieser Stelle inszeniert Walter Beck den berühmtesten Stülpner-Streich. Nur mit seinem Gewehr hält er Soldaten und Gerichtsverwalter auf der Burg in Schach und verhindert, dass sie die Schuldverschreibungen der Bauer eintreiben können. Stülpner wirft die Pfandbriefe in den Fluss. Im Wald passt er Gerichtsverwalter und Büttel ab. Er zwingt den Verwalter, dem Büttel eigenhändig zehn Hiebe zu verpassen.
Es ist der Zeitpunkt, zu dem der Wildschütz über sein Tun nachzudenken beginnt. In einem Dialog mit dem „Schwarzen“ lässt Walter Beck selbigen sagen: „Für den Raubschütz ist die Frage: Wie schadet man der Obrigkeit am meisten?“ Worauf Stülpner antwortet: „Hast nichts dazugelernt. Besser wär: Wie nützt man unseren armen Leuten?“ Es ist gut gemeint, was er unternimmt. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Gegebenheit kann er damit nicht bewirken. Die Sympathie des Zuschauers liegt allemal bei Stülpner, dessen Motivation, für Gerechtigkeit zu sorgen, nur allzu verständlich ist. Sein Streben, die ihn umgebene Welt zu verändern, bleibt dazumal illusorisch. Dies erkennt die Filmfigur: „Freiheit“, erklärt er dem Schwarzen, „ist ein schönes Wort. Aber sind wir wirklich frei? Ich denk‘ manchmal, wir machen da so unsere eigene Willkür. Machen das verworrene Bild des allgemeinen Elends nur noch wirrer.“
Stülpner steckt in einem Dilemma. Er weiß, dass er nicht ewig im Wald hausen kann, schon gar nicht mit Frau und Kind. Er zieht eine Konsequenz. Er will nicht mehr wildern. Nicht als Rebell von den einen gejagt, von den anderen verehrt werden. „Bin ich kugelfest? fragt er rethorisch? „Ich bin verwundbar. Meine Seele auch. Ich möchte ein Mensch sein. Ein Mensch, der zur rechten Zeit das rechte tut. Ein Mensch. Aber wie wird man das?“ Was Stülpner an sich selbst nicht zu erkennen vermag, sehen die verzweifelten Bauern, denen er in der Not geholfen hat. Stülpner tut das rechte, als er sich vom Grafen nicht vor dessen Karren spannen lässt. Er durchschaut dessen Absicht, ihn mit der Anstellung als Herrschaftsjäger unter Kontrolle zu bringen und die Bauern zu besänftigen. Einsiedels Angebot, er könne doch für 500 Taler seinen Tod vortäuschen und außer Landes verschwinden, lehnt er ab. Mit einem letzten „Streich“ verabschiedet sich Stülpner. Er bringt den Grafen dazu, den Bärengrund, einst Gemeinde-Forst, zur freien Jagd an die Bauern zurückzugeben. Mit seiner schwangeren Frau Christine und dem „Schwarzen“ geht Stülpner in der letzten Szene über die Grenze nach Böhmen, wo eine alte Schänke ihr neues Zuhause werden soll.
Immer wieder Hindernisse
Über zwei Jahre band die Serie Walter Beck ans Fernsehen. Eine Zeit, die er tief unbefriedigt überstand, wie er beim Aufschreiben seiner Erinnerungen konstatierte. Er hatte vertrauensvoll gehofft, seine Entscheidung nicht bereuen zu müssen. Doch am 13. September kam es zu einem unschönen Zwischenfall. Walter Beck war vom Bereichsleiter der „Unterhaltenden Dramatik“ zu einem Gespräch über die gelieferten Drehbücher eingeladen worden. „Ich saß im Vorzimmer und wartete darauf, hereingebeten zu werden, aber es tat sich nichts.Die Sekretärin fragte mehrmals nach, entschuldigte sich, dass ihr Chef noch anderweitig beschäftigt sei.Sie wagte sich dann nicht mehr in sein Zimmer. Er besaß nicht den Anstand, selbst herauszukommen und ein Wort der Erklärung zu geben.“ Nachdem eine Stunde über den festgesetzten Termin hinaus verstrichen war, verließ Walter Beck das Vorzimmer. In einem nachfolgenden Telefonanruf spitzte der Bereichsleiter die Situation damals noch zu. „Erbost darüber, dass ich es gewagt hatte, zu gehen, wollte er die Zusammenarbeit mit mir aufkündigen und die Drehbücher nicht abnehmen. So ein respektloses Verhalten hatte ich meinem gesamten Arbeitsleben noch nie erlebt und sollte es auch niemals wieder.“ Die Fassungslosigkeit seinerzeit holte Walter Beck beim Erzählen wieder ein.
Er bereute damals zutiefst, seine alten Erfahrungen beim Fernsehen beiseite geschoben zu haben. Es war eine Atmosphäre entstanden, die man heute als Mobbing bezeichnen würde. Intern hatte der Bereichsleiter die Einstellung der Arbeiten an dem Projekt „Stülpner“ angewiesen. Von seiner Position aus hatte der Walter Beck nur eine Wahl: Er musste sich an oberer Stelle Hilfe holen, um die Serie wie vertraglich vereinbart drehen zu können. Auf Anraten seines Künstlerischen Direktors beim DEFA-Spielfilmstudio – dem er ja weiterhin angehörte – wandte er sich an Horst Pehnert, damals stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Fernsehen. Seine Intervention hatte Erfolg. Die interne Anweisung wurde getilgt. Im Fortgang der Arbeit konnte sich Walter Beck des Eindrucks nicht erwehren, dass man ihm seitens des Bereichs „Unterhaltende Dramatik“ nicht mehr wohl gesonnen war.
Walter Beck 1972 bei Dreharbeiten für die DFF-Serie „Stülpner-Legende“, vermutlich an der Rochsburg bei Penig. Hier entstanden Szenen, die auf der Burg Scharfenstein sowie in der Kaserne spielen Quelle: Privatarchiv Walter Beck
Noch bevor sicher war, ob das Projekt weitergeführt wird, schrieb Walter Beck das noch ausstehende Drehbuch für die siebte Folge. Am 15. September mussten alle Bücher vorliegen. Ihm blieben nur zwei Nächte und ein Tag, um seinerseits den Vertrag einzuhalten. Da er diesen Teil der Serie gänzlich neu konzipiert hatte, konnte er nicht auf das ursprüngliche Szenarium zurückgreifen. Er musste Handlungen, Dialoge, Bilder, Szenen gleichsam beim Schreiben neu erfinden. „Dank meiner Frau Inge, die die fertigen Seite umgehend in die Maschine tippte, gelang es uns, auch das letzte Drehbuch vertragsgetreu abzuliefern.Ich ließ mir sogar eine Quittung geben, was mir vorher noch nie in den Sinn gekommen war.“ Walter Becks Drehbücher zeichnen allgemein durch Sorgfalt und sprachliche Genauigkeit aus. Trotz der Eile verabsäumte er es auch hier nicht, die Dialoge dem Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts anzupassen. Die Darsteller der einfachen Leute sprachen zudem Mundart, um den Eindruck von Authentizität zu erhöhen.
In seinen Erinnerungen berichtet Walter Beck von den vielen Erschwernissen, die man ihm danach in den Weg legte. Sein Titelvorschlag „Sächsische Legenden“ wurde von der Leitung des Fernsehens heftig angefochten. Besonders der Bereichsleiter beharrte auf dem Arbeitstitel „Karl Stülpner“. Für ihn waren Legenden religiöse Geschichten. Eine sehr enge Sichtweise, von der ihn nichts abbringen konnte, rekapitulierte Walter Beck. Unterstützt von Kollegen erlangte er schließlich einen Kompromiss. Er gab das „Sächsische“ preis und ersetzte es durch „Stülpner“. So entstand der Titel „Stülpner- Legende“.
Als äußerst schwierig erwies sich die Besetzung. Für fast zweihundert Rollen mussten Darsteller gefunden werden. Die Vorschläge des Adlershofer-Besetzungsbüros waren kaum brauchbar. Gertraude Acker-Thiess, die Leiterin des DEFA-Besetzungsbüros, leistete „ihrem“ Regisseur kollegiale Hilfe. „Sie musste das nicht tun, denn die Serie war keine DEFA-Produktion. Ich habe es ihr zu danken, dass ich die umfangreiche Besetzungsliste überhaupt zusammenstellen konnte“, schreibt Walter Beck im Kapitel „Stülpner-Legende“. Wie bei jedem seiner Filme hatte er sehr konkrete Vorstellungen vom Charakter der Figuren, nach denen er die Darsteller aussuchte.
Holger Mahlich spielt den intriganten und feigen Herrschaftsjäger Helfrich Secreenshot/Dailymotion/TV-Serie„Stülpner-Legende“/BRA @ Günter Heimann
Einige der Hauptrollen konnte er mit Schauspielern aus seinem „imaginären Ensemble“ besetzen – Thomas Langhoff als Büttel Wohllebe, Holger Mahlich als Stülpners Kontrahent Helfrich. Helmut Schreiber spielte den Wirt Wolf, Christines Vater. Dieter Wien übernahm die Rolle des Kommissars Speckhoff, Waltraut Kramm war die Bäuerin Babette, Agnes Kraus Stülpners Mutter. Ihre Besetzung musste er „dickköpfig“ erzwingen. Die Kollegen des Fernsehens verkannten die Schauspielerin als muntere Komikerin. Walter Beck hingegen wusste aus seinem „Dornröschen“-Film um ihre Stärke als Charakterdarstellerin. Die Schauspielerin Renate Reinecke als Stülpners Gefährtin Christine war für ihn ein neues Gesicht, ebenso der tschechische Schaupieler Jan Pohan. Ihn besetzte Walter Beck treffsicher als den „Schwarzen“, ein böhmischer Musikant, im „Nebenberuf“ Raubschütz wie Stülpner, der selbigem ein kluger Freund und Verbündeter ist.
Für die Titelrolle kam für Walter Beck kein anderer als Manfred Krug in Frage. Anders als bei „König Drosselbart“ war es dieses Mal kein „Experiment“. Aus seiner damaligen Erfahrung konnte er sicher sein, dass der Schauspieler den Stülpner so verkörpern würde, wie er ihn sah: kraftvoll, dreist, kämpferisch, mit ehrlichem Herzen und gefühlvoll. Letztlich rundum sympathisch. Es wird später über ihn gesagt, dass man sich keinen Besseren in der Rolle vorstellen könne. Manfred Krug sei die ideale Besetzung. Seine Darstellung des Wildschütz, den seine Erfahrungen mit der Obrigkeit in die Wälder und zu Gedanken über gesellschaftliche Ungerechtigkeit und zum Aufbegehren führen, sei glaubhaft. In Adlershof wollte man diesen Schauspieler nicht. Walter Beck blieb unnachgiebig. Zu recht. Manfred Krug gab dem sächsischen Volkshelden ein unverwechselbares Gesicht, was sich am Ende als maßgeblich für den Erfolg der Serie auszahlte.
Zu gern hätte Walter Beck den unvergleichlichen Rolf Hoppe in der Rolle des Gauklers Noggel gesehen, die ihm wie auf den Leib geschrieben gepasst hätte. Es wäre auch für den Schauspieler ein Fest gewesen, der von sich selbst gern als Gaukler sprach. Aber viele Verpflichtungen bei der DEFA – er stand 1972/73 in acht Filmen vor der Kamera – ließen zusätzliche Dreharbeiten für die „Stülpner-Legende“ nicht zu. Das „Trio“ Hoppe, Beck und die Rolle kam auf andere Weise doch noch zusammen. Walter Beck, extrem unzufrieden mit dem Darsteller Hans Hick, bestand darauf, ihn durch einen anderen Schauspieler synchronisieren zu lassen. Rolf Hoppe hatte ein freies Zeitfenster und nahm das Angebot sehr gern an. Wäre es doch seine Rolle gewesen. Der Schauspieler überspielte mit seiner erstklassigen Synchronisation Hicks schlechte Leistungen, so dass niemand daran Anstoß nehmen konnte.
Alle ihm wichtigen Besetzungen musste Walter Beck gegen Vorbehalte und Ablehnungen durchfechten. Auch beim DEFA -Spielfilm wurden Besetzungsvorschläge diskutiert, Vorbehalte formuliert. Aber sie blieben individuell. Beim Fernsehen hingegen, so erinnerte er sich, erlangten kritische Bemerkungen leitender Mitarbeiter rasch den Charakter einer Weisung und wurden entsprechend umgesetzt. Deutlich ablesbar war dies für ihn, als er Peter Sodann, der den Amtsschreiber spielt, nicht aus seiner Besetzungsliste strich, nachdem ihm von mehreren Seiten gezielt zugetragen worden war, dass der Schauspieler aus politischen Gründen im Gefängnis gesessen hatte. Dass er auf solche Einwände nicht einging, an Sodanns Besetzung festhielt, trug dem Regisseur Misstrauen ein.
Armin Mueller-Stahl spielt seit frühester Kindheit Geige, hat Violine und Musikwissenschaft studiert, ehe er zum Schauspiel wechselte. Walter Beck brachte seinen ursprünglichen Serientitel „Sächsische Legende“ auf dem Bänkelbild unter. Quelle: Dailymotion/TV-Serie/BRA @ Günter Heimann
Als besonderes Bonmont hatte sich Walter Beck den Schauspieler Armin Mueller-Stahl als Moritatensänger ausgesucht. Mueller-Stahl hatte sich in Filmen wie „Fünf Patronenhülsen“,„Königskinder“, vor allem aber als KZ-Häftling Höfel in Frank Beyers „Nackt unter Wölfen“ einen Namen gemacht. Er überlegte lange, wie Walter Beck sich erinnerte, ob er die kurze Rolle in der vierten Folge annehmen sollte. Dann sagte er zu, stellte aber eine seltsame Bedingung: Er wollte seinen Auftritt mit dem Satz einleiten: „Ich bin der schärfste Sänger des Erzgebirges.“ Dieses Selbstlob konstrastiert der eitle Blick der Figur in einen Handspiegel, das Richten der Frisur mit einem Kamm.
Walter Beck gestand Mueller-Stahl den Satz zu, obwohl er weder etwas mit dem Film, noch mit der Rolle oder der Szene zu tun hatte. Doch er wollte „den singenden Schauspieler unbedingt in dieser Rolle wissen“. Wie er es vermutet hatte, wird gerade an diesem Satz bei der Abnahme Anstoß genommen. Die Begründungen erkannte Walter Beck im Stillen als berechtigt an. Er befand sich in einer misslichen Lage, wie er sagte. „Ich musste den Satz verteidigen, obwohl ich ihn nicht für verteidigungswert erachtete. Hätte ich ihn am Schneidetisch entfernt, wäre ich bei dem Schauspieler in Verruf gekommen.“ Dafür opferte der Regisseur eine ihm wichtige Szene, in der Stülpner eine Wildsau aufbricht. Dem Bereichsleiter war dies eine zu blutige Angelegenheit. Da half auch nicht der Hinweis, dass es sich um einen Schwarz-Weiß-Film handele, Blut seine abschreckende Wirkung gar nicht entfalten könne. „Mueller -Stahl hat mir dieses Opfer nie danken können“, ironisierte Walter Beck in unserem Gespräch. Es gibt viele Jagdszenen, in denen Stülpner Wild erlegt und dieses auch weidgerecht aufbricht. Diese Einstellungen gingen anstandslos durch die Abnahme. Wo ist da der Unterschied?
Ein Straßenfeger entsteht
Ende November 1971 fuhr Walter Beck erstmalig nach Dresden. Da die Serie in Sachsen spielt, hatte man die Produktion dem regionalen Fernsehstudios übertragen. Er fand das legitim und stellte sich darauf ein, mit Kollegen zu arbeiten, die ihm allesamt unbekannt waren, folglich auch ihre Arbeitsweisen und Fähigkeiten. Ausbedungen hatte er sich daher als Kameramann seinen DEFA-Kollegen Günter Heimann. Serie war wieder einmal ein unbekanntes Feld, auf das sich Walter Beck begab. „Als besondere Form der von Fernsehgeschichten gab es damals noch wenig konkrete Erfahrungen und „insofern für mich kaum theoretische Erkentnntnisse“, erzählte er. Seine dramaturgische Konzeption für die „Stülpner-Legende“ hatte er weniger als Serie mit abgeschlossenen Episoden in jeder Folge angelegt, sondern eher als einen siebenteiligen Film, der seinen Sinn erst im Zusammenhang erschließt.
Er brauchte an der Kamera einen Partner, der kreativ an der filmischen Umsetzung mitarbeitete. Mit dem auch die Probleme zu lösen waren, die die Unzweckmäßigkeit des Dresdner Studios für Filmaufnahmen mit sich brachte. Günter Heimanns handwerkliche Qualitäten, sein Engagement hatte der Regisseur das Jahr zuvor bei den Dreharbeiten für den historischen DEFA-Kinderfilm „Der rote Reiter“ schätzen gelernt. Ihre Zusammenarbeit wird sich über die „Stülpner-Legende“ hinaus in den Jahren bis zur Auflösung der DEFA fortsetzen. Sie drehen 1977 den Kinderfilm „Das Raubtier“, 1979 „Des Henkers Bruder“ und 1986 den Märchenfilm „Der Bärenhäuter“.
Die Kollegen aus Dresden hatten die Produktion gut vorbereitet. Insbesondere die Arbeit des Szenenbildners Hans Völkel anerkannte Walter hoch. „Er war ein hervorragender Mitarbeiter, hatte Schauplätze und Motive erkundet, die bestens geeignet waren, ohne Einwände oder Vorbehalte benutzt werden konnten.“
Für die Szenen im alten Dorf Scharfenstein hatte Hans Völkel in Südthüringen den 264-Seelen-Ort Dingsleben gefunden. Gelegen in einem tiefmuldigen Einschnitt des Bernharder Kalkplateaus bot sich hier das nahezu authentische Ambiente – jahrhundertealte Lehmhäuser, unbefestigte Wege, Wald, Wiesen und ein Bach. Kulisse für die Burg Scharfenstein war die Rochsburg bei Penig. Zu den Drehorten gehörte auch das Schloss Reinhardsgrimma. Der Grenzübertritt nach Böhmen wurde in Schellerhau gefilmt.
Szene in Stülpners unterirdischen Wohnhöhle. Christine und der Schwarze warten auf seine Rückkehr vom Gespräch mit Graf Einsiedel. Dessen Sohn (Jörg Knochée, l.) war das Unterpfand für Stülpners Sicherheit Screenshot TV-Serie „Die Stülpner-Legende“/Dailymotion/BRA @ Günter Heimann
Hans Völkel hatte vorsorglich alte Balken, Türen, Pfosten Treppen und Bretter eines Abrissbau gesichert, an denen der jahrhundertlange Gebrauch seine Spuren hinterlassen hatte. „Er baute daraus herrliche Dekorationen“, schwärmte Walter Beck. Eine davon war die unterirdische Behausung im Wald, in der Stülpner und der Schwarze ihren Unterschlupf hatten.
Die Dreharbeiten gingen zügig vonstatten. Nicht zuletzt, weil Walter Beck auch hier seine seit Jahren bei der DEFA praktizierte Methode der kompletten Synchronsation eines Films nutzen konnte. Das heißt, er ließ alle Töne – Sprache, Geräusche, Atmosphäre– im Atelier produzieren, womit die mühselige Aufnahme von Originaltönen währedn des Drehens entfiel. Zur Kontrolle wurden lediglich die Gespräche auf einem tragbaren Aufnahmegerät mitgeschnitten. Außerdem konnte eine „stumme“ Kamera eingesetzt werden, deren Um- und Aufbau weniger Zeit beansprucht als die sonst üblichen Kameras mit schalldämpfender Ummantelung.
Neben einem effizienteren Drehablauf ergaben sich noch andere Vorteile aus Walter Becks Arbeitsweise. „Bei totaler Synchronisation eines Films kann sich der Schauspieler jeweils auf die Gestaltung eines Elements konzentrieren. Beim Drehen muss er nur die Gestaltung seiner Rolle im Blick haben. Bei der Sprachaufnahme im Synchronstudio geht es um die künstlerische und technische Gestaltung des Wortes. .… Auch die Geräusche werden separat aufgenommen. … Wir gewinnen völlige Freiheit in der Tongestaltung. Ich bin nun nicht mehr auf die naturalistischen Zugaben angewiesen, die sich ungewollt einschleichen. Was wir benutzen, … sind zielgerichtet gestaltete Geräusche, … also dramaturgisch nötige Geräusche, während unnötige weggelassen werden können“, schreibt er im Kapitel „Alles synchronisieren“.
Walter Beck sah diesen Teil in der Endfertigung seiner Filme als ein nicht gering zu schätzendes Gestaltungsmittel. Eine gute, sorgfältige Synchronisation kann, wie oben beschrieben, ein großer Gewinn für eine Rolle und insofern für den Film sein. Sie kann auch das Gegenteil bewirken, wenn nämlich Ton und Bild nicht stimmig sind, die Stimmelage des Synchronsprechers nicht zum optischen Eindruck vom Darstellers passt, Geräusche fehlen oder auffällig künstlich wirken. Was mir heutzutage bei fast jedem synchronisierten Film schmerzhaft ins Ohr sticht. Derlei kommt in der „Stülpner-Legende“ – wie in keinem Film von Walter Beck – vor. Die einfühlsame wie optimistisch-fröhliche Musik von Klaus Lenz und die wunderbaren Lieder begleiten die Bilder nicht sinnfrei, sondern haben allemal einen inhaltlichen Bezug zu den Szenen. In der Serie, die auf YouTube verfügbar ist, wurden einige Lieder getilgt, wie Walter Beck feststellte, sodass die dazugehörigen Bildmontagen stumm bleiben. Offenbar habe jemand Anstoß an den Texten genommen, vermutet er.
Der Goldene Lorbeer und westliche Zensur
Das Fernsehen wollte einen „Straßenfeger“ und hat ihn bekommen. Die Sonntagnachmittage vom 11. November bis 23. Dezember 1973 waren bei den DDR-Familien ein „Jour fixe“ für die „Stülpner-Legende“ . Von Folge zu Folge mehrten sich die Zuschauerzahlen. Im Bereich „Unterhaltende Dramatik“ ließ man das bei der Bewertung unter den Tisch fallen. Den Regisseur überraschte das nicht. Schon bei der Abschlussfeier im Studio Dresden erwähnte Bereichsleiter Manfred Seidowsky in seiner Rede die Regie mit keinem Wort. „Später, unter vier Augen“, so erinnerte sich Walter Beck, „glaubte er mich mit der Bemerkung, ich hätte einen guten Kinderfilm gemacht, gezielt verletzen zu können. Daß ich das eher als großes Lob erlebe, war ihm nicht gewahr. Was für ihn offensichtlich eine Nebenbeschäftigung minderen Ranges ist, gilt mir als bedeutende Arbeit.“
Als die hohe Sehbeteiligung und die enorme Zahl der Zuschauerbriefe nicht mehr ignoriert werden konnten, drehte sich der Wind. Da war dann nicht mehr die Rede davon, dass durch die Inszenierung „Unterhaltung und Schauwert für den Zuschauer weitestgehend verschenkt wurden“ , wie die beauftragten fernsehinternen Bewerter die über die ersten beiden Folgen urteilten. Drehbuchautor und Regisseur Eberhard Görner nahm die Arbeit seines Kollegen gänzlich anders wahr. Walter Beck zitiert: „Nach drei Folgen kann man einschätzen, daß den Schöpfern dieser Serie ein guter Wurf gelungen ist. […] Zu bedauern ist, daß diese Serie nicht in Farbe gedreht wurde. Zu bedauern ist auch die Entscheidung, daß sie im Nachmittagsprogramm eingesetzt wird und überhaupt nicht zu verstehen ist die völlige Negierung einer zielbewußten Öffentlichkeitsarbeit.“ Die Fernsehdramaturgin Käte Riemann bescheinigte Walter Beck nach der fünften Folge: „Die Inszenierung zeugt von großer Sorgfalt und zeichnet sich durch liebevolle Ausmalung von Details und, wenn es die Vorlage erlaubt, durch Charakterstudien aus.“
Im Februar 1974 erhielt Walter Beck vom Staatlichen Komitee für Fernsehen beim Ministerrat der DDR den „Goldenen Lorbeer“, die höchste Auszeichnung des Fernsehens. Ein Glückwunsch des Bereichsleiters blieb aus. „Ich bin nicht vordergründig auf derartige Auszeichnungen orientiert“, schreibt Walter Beck dazu, „aber gerade diese nach so vielen Mißhelligkeiten erhalten zu haben, ist mir schon von Bedeutung und erfüllt mich damals mit gewisser Genugtuung. Zu danken habe ich sie dem Publikum.“
Die Serie wurde ein Export-Schlager in die sozialistischen Länder. Besonderes Aufsehen erregte damals, dass sie auch von der ARD gekauft wurde. Nach der Ausstrahlung durch den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart Anfang 1975 erreichte den Regisseur „eine überraschende Welle von Resonanz aus dem Westen“. Allerdings wurden – ohne sein Einverständnis – rigorose Kürzungen an Stellen vorgenommen, die „die ideellle Substanz beschädigten“. Als Beispiel nannte Walter Beck das Gespräch des Grafen Einsiedel mit seinem Sohn über Rousseaus Gedanken, der Mensch sei in seinem Wesen gut, werde jedoch durch die schlecht eingerichtete Gesellschaft verdorben, völlig eliminiert. In seinem Brief vom 24. 2. 1975 an den SWR intervenierte er, „daß die vorgenommenen Kürzungen die Akzente des Films von der inneren Entwicklung der Figur des Stülpner weiter weg und zur äußeren Turbulenz weiter hin gesetzt haben. Dies steht im Widerspruch zu meinem eigenen Bestreben gegenüber der Fabel.“
Auf seine schriftliche Intervention bekam er zur Antwort, alle Folgen der Stülpner-Legende lägen seit Monaten sendefähig bereit, man können daran nichts mehr ändern. Können hätte man schon gekonnt, man wollte nicht, bemerkte Walter Beck dazu. So erlebte er „erstmalig am Leibe eigener Arbeit verletzende Einschnitte in einen fertigen Film. Alle westliche Kritik an >Zensur in der DDR< erhält auf meiner Zunge den Beigeschmack dieses Erlebnisses und wird ihn nie verlieren“, hielt er damals für sich fest. 2011 registrierte Walter Beck, dass auf Youtube eine Fassung zu sehen ist, bei der man im Ton einige Lieder gelöscht hat, sodass die dazugehörigen Bilder stumm bleiben. „Offenbar hat jemand Anstoß an den gesellschaftskritischen Liedtexten genommen, die gut auf die heutige Gesellschaft passen“, vermutete er.
Trotz des Erfolgs der „Stülpner-Legende“ beschloss Walter Beck damals, fürderhin nicht mehr für das DDR-Fernsehen zu arbeiten. Wenngleich Versuchungen da waren, wie das Angebot einer Serie mit Geschichten aus „1001 Nacht“ und die Verfilmung des Märchens „Rapunzel“. Er widerstand. Künstlerische Arbeit war ihm nur in einer Atmosphäre möglich, in der Klarheit, Offenheit und Achtung der Mitarbeiter die Grundlage sind. Und die war, so seine Erfahrung, im „Adlershofer Institut“ nicht gegeben.
Seine zweijährige Abwesenheit hat Walter Becks innere Bindung an sein „Studio“ noch stärker gemacht. Er empfand es wie die Rückkehr ins „Gelobte Land“, dass er nun jeden Tag wieder in Babelsberg sein konnte. In den Jahren ihres Wirkens war bei den Kinderfilmern das gemeinsam getragene Selbstbewusstsein gewachsen, dass der Film für Kinder lebensfähig ist. Die drei Dramaturginnen der Arbeitsgruppe hatten den „Virus“ Kinderfilm in ihre neuen Arbeitsbereiche getragen.
Teil 9: „Trini“ und „Das Raubtier“ – zwei spannend inszenierte Filme, in deren Mittelpunkt zwei Bauernjungen stehen. Ersterer entstand nach dem gleichnamigen Jugendroman von Ludwig Renn und spielt zur Zeit der mexikanischen Revolution 1910/1920. „Das Raubtier“ ist ein Gegenwartsfilm aus dem Jahr 1977. Er erzählt von einem 12jährigen, der in Konflikte und Widersprüche zu seiner Umwelt gerät, weil er sich mit Leidenschaft und Konsequenz für eine Wahrheit einsetzt, die ihm niemand abnimmt. Er hat einen Wolf im Wald gesehen.
Wann sagte sie das? Es ist mehr als fünfzehn Jahre her. Ich interviewte sie damals für die SUPERillu. Sie hatte gerade ihr neues Programm „Starke Frauen“ kreiert. Wir kamen auf ihren wahnsinnigen Erfolg zu sprechen, den sie 1967 als Eliza in „My fair Lady“ auf der Opernbühne in Karl-Marx-Stadt hatte. Es war nach dem Abschluss der Schauspielschule ihr erstes Engagement. „Die Leute haben getrampelt vor Begeisterung. Ich hatte mein Herz auf die Bühne geschmissen und erreicht, dass man mir abnimmt, was ich spiele; dass aus einem kleinen, dreckigen Etwas eine Lady werden kann. Ich bin beschmiert, ohne angeklebte Wimpern auf die Bühne gegangen. Ich war so ordinär wie die Rolle es verlangte, aber auch verzweifelt bemüht, diesem Zustand zu entkommen.“
Ein Stück weit sah sich die 24jährige selbst in dieser Eliza, und sie versprach sich und dem lieben Gott angesichts des sich wiederholenden tosenden Applaus stets alles zu geben, um einen solchen Erfolg auch bei weniger spektakulären Rollen zu erreichen. „Das habe ich mein Leben lang befolgt und hart daran gearbeitet. Aber so eine Resonanz habe ich nie wieder erlebt. Annähernd vielleicht bei meinem Unterhaltungsprogramm Schauspielereien“, holte Dorit Gäbler über ein halbes Jahrhundert später noch einmal die Erinnerungen hervor. Inzwischen ist ein Rollenwechsel eingetreten. Jetzt wirft sie in der Neuinszenierung, die das Opernhaus Chemnitz zum 50jährigen Jubiläum 2017 auf die Bühne gebracht hat, als Mrs. Higgins kritische Blicke auf das ordinäre, aber sympathische Blumenmädchen Eliza.
Eliza, Susi und ich
Am 12. Januar hatte die Schauspielerin und Chansonnette ihren 80. Geburtstag. Dorit Gäbler sitzt zu Hause in Friedewalde in ihrem Büro. Es ist ein Dienstag, ihr Marketing-Tag. Wir unterhalten uns per Live-Video. „Weißt du“, sagt sie, „ich habe mir die Botschaft, die das Stück enthält, zu eigen gemacht. Es ist egal, wo du herkommst, ob du Geld oder Beziehungen hast. Du brauchst eine Vision, wohin du im Leben willst.“
Das hört sich leichter an, als es für sie mitunter war. Was hinter ihr liegt, ergäbe ein spannendes Buch. „Nee“, sagt sie, „alle schreiben Bücher, ich nicht. Dazu habe ich einfach keine Lust und auch keine Zeit.“ Sie macht das anders. Auf der Bühne. „Momentaufnahmen – Dorit Gäbler wie sie leibt und lebt… und lacht… und singt“ heißt ihr aktuelles Programm. Zum ersten Mal erzählt sie ihrem Publikum direkt etwas von sich, ihrem durchwachsenen Lebensweg, der sie dahin geführt hat, wo sie heute ist. Es ist amüsant, ergreifend, spannend. Gleichwohl konnte man sich schon ein Bild machen, wenn man ihren Liedern genau zuhört.
Lach nur, heul nicht, bleib immer am Ball Ständig was Neues und möglichst mit Knall Lach nur, heul nicht, vertrau’ deinem Mut Bau auf deine Freude und alles wird gut
Das Leben ist eine Rutschpartie Wohin’s dich führt, weißt du vorher nie Du rutschst in was rein Es rutscht dir was raus Mal rutschst du nach oben Und mal rutschst du aus
Lach nur, heul nicht, sei immer bereit Wart‘ nicht schimpfend auf die bessere Zeit Lach nur, heul nicht, auch wenn die Maske stört Lebe im Jetzt, solang es dir gehört Leben gibt‘s eine Ewigkeit
Und „früher“ war immer die bessere Zeit Mal lebst du auf Pump Mal lebst du mit Spaß Mal lebst du wie’n Fürst Und mal lebst du auf Nass
Für Dorit Gäbler galt immer: Geht nicht, gibt‘s nicht. Sie hat immer einen Weg gesucht und immer einen gefunden. Egal, wie verzweifelt sie auch war. Dieser starke Wille hat sie auf die Welt gebracht. Ihre Mutter ist die Treppen heruntergesprungen, als sie merkte, dass sie schwanger war. Sie wollte den Embryo in sich loswerden. Doch das kleine Etwas ließ sich nicht abschütteln, kämpfte, um wachsen und ins Leben zu dürfen. „Ich habe sogar verstanden, dass meine Mutter das Kind nicht wollte, nachdem ich von ihr erfahren hatte, dass mein ständig fremdgehender Vater glaubte, mit drei Kindern würde sie es nicht wagen, sich scheiden lassen“, erzählt die Tochter, die sich ihrer Mutter immer verbunden fühlte. „Ich hatte nie das Gefühl, ein ungewolltes Kind zu sein. Sie hat mich nicht weniger geliebt als meine Brüder.“
1946, Dorit war drei Jahre, verließ Ria Gäbler samt Kindern ihren Mann. Plauen lag ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fast vollständig in Trümmern. Die meisten waren Wohnhäuser zerstört. Dorit Gäbler erinnert sich an ihrer Kinderzeit. „Wir waren arm. Das Geld, das meine geschiedene Mutter nun als Verkäuferin verdiente, reichte selbst mit dem Unterhalt von meinem Vater hinten und vorne nicht. Aber sie hat es geschafft, dass sich das nicht auf unsere Kindheit auswirkte. Und die war wunderschön. Ich weiß noch, wie wir im eiskalten Schlafzimmer im Bett saßen, und sie las uns, mit Handschuhen an den Händen, vor. Wenn sie vor Übermüdung einschlief, haben meine Brüder die Geschichte weitergesponnen…“ Es gab kein Weihnachten ohne Überraschung. Ria Gäbler hat mit den Kindern gebacken und an den Adventssonntagen wurde im Wohnzimmer musiziert. Die Gäbler-Jungs spielten Geige, Klavier und Flöte, ich spielte Gitarre. Die Nachbarn kamen zum Mitsingen vorbei. „Unsere Bude war immer voll.“
Das musikalische Trio war auf Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festivitäten Plauener Honoratioren gefragt. „Wir kamen immer mit großen Futter-Paketen nach Hause. Das reichte oft für eine ganze Woche“, erzählt Dorit, die auf diese Weise früh zu schätzen lernte, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zu essen zu haben. Es gab nämlich oft Tage, da gingen die Drei ohne Pausenbrote zur Schule. „Ich hatte das Glück, neben der Tochter eines Fleischers zu sitzen. Die ließ ich abschreiben und bekam dafür ihr Wurstbrot.“ Statt es zu essen, nahm sie das Brot mit nach Hause, um es mit den Brüdern zu teilen. „Da war soviel Butter und Wurst drauf, dass es für drei Stullen reichte“, erinnert sie sich. An andere zu denken, nicht egoistisch zu sein, hat sie als Charaktereigenschaft gepflegt.
Das Mädchen musste schon früh Hausarbeiten übernehmen. „Es ging auch nicht anders. Meine Mutter hätte das allein auch nicht geschafft“, sagt sie und schaut auf ihre Hände. „Mit fünf habe ich schon Kartoffeln geschält, mit sechs, sieben die Treppen gewischt… Vielleicht habe ich deshalb so hässliche Hände.“ Ich will das so nicht stehen lassen und sage: „Finde ich nicht. Sie sind kräftig, aber nicht hässlich.“ Manchmal, da ging sie in die fünfte Klasse, tauchte sie aus dem Aschenputtel-Dasein ab. Sie schwang sich die Überdecke vom Bett um, stellte sich vor den großen dreiteiligen Spiegel und deklamierte aus Stücken von Schiller, Shakespeare und Kleist, die sie in Reclam-Heften las. „Ich habe die Frauenfiguren auswendig gelernt und versuchte zu verstehen, worum es ging.“ Vor dem Spiegel war sie die Luise Millerin aus „Kabale und Liebe“, das Gretchen aus „Faust“ oder die Eve aus dem „Zerbrochenen Krug“. Viele Jahre später sollte sie tatsächlich in dieser Rolle auf der Bühne stehen, im Staatsteater Dresden an der Seite von Rolf Hoppe als Dorfrichter Adam.
Das war natürlich nicht absehbar. Vorerst probierte sich Dorit in Schulinszenierungen aus, nahm an Rezitatoren-Wettbewerben teil. „Theater war für mich eine ungeheure Abenteuerwelt. Ich habe als Zehnjährige den „Freischütz“ gesehen und wochenlang davon geträumt. Ich wusste, da oben will ich mal stehen.“ Von dem wenigen Geld, das Ria Gäbler zur Verfügung stand, legte sie immer etwas für besondere Ausgaben zurück. War genug in dem Umschlag, ging sie mit ihrer Tochter ins Theater. Einmal spielte Dorits Bruder Mäckie in einem Weihnachtsmärchen als Erzähler mit. Sie lacht, als sie erzählt, dass sie während der Aufführung dachte: Das kann ich besser. Gesagt hat sie ihm das nie.
In der 8. Klasse gewann die 13jährige einen Rezitatoren-Wettbewerb und wurde eine Weile von Klaus Gendries betreut. Der spätere DEFA-Regisseur war damals Schauspieler am Vogtland-Theater. „Er wollte mir beibringen, Hochdeutsch zu sprechen, und ist schier verzweifelt“, erinnert sich Dorit. „Ich sollte Barbara saß nah am Abhang sagen. Aber mein A klang immer wie ein O. Ich konnte mich abmühen wie ich wollte, es klappte nicht.“ Klaus Gendries sprach ihr die Worte immer wieder vor, über Bor kam sie nicht hinaus. „Mir ging es wie Eliza Doolittle. Nur der Satz meines Lehrers: Jetzt hat sie’s!, fiel nie.“ Ihren sächsischen Dialekt ist Dorit Gäbler nie ganz losgeworden. „Ich hatte eine exzellente Sprecherzieherin an der Schauspielschule und habe vor dem Schauspielstudium zwei Jahre intensiv private Sprecherziehung genommen. Die Vokale spreche ich heute noch nicht sauber, der sächsische Einschlag ist in jeder Rolle zu hören.“
Diese kleine Episode verhalf ihr zehn Jahre später zur Titelrolle in Klaus Gendries’ turbulenter Sommergeschichte „Gib acht auf Susi!“. Wir machen einen Sprung ins Jahr 1966, Dorits letztem Studienjahr an der Schauspielschule in Berlin-Schöneweide. Klaus Gendries, inzwischen Filmregisseur, sah sich unter den Studentinnen nach einer „Susi“ um. Ein junges Ding von 17 Jahren, hübsch, sexy, ein bisschen leichtfertig, das mehr Interesse für das andere Geschlecht hat als für Hausarbeit.
Gendries hatte schon 200 Mädchen angesehen und vorsprechen lassen. Keins passte auf die Figur, wie er sie sich vorstellte. Da kam Dorit auf ihn zu, in knallenger roter Hose und einem üppigen Oberteil. „Ich sah ihn zufällig mit unseren Lehrern vor der Probebühne und sprach ihn an. Er guckte etwas irritiert. Fragte, woher ich ihn kennen würde. Ich sagte, wir hätten schon miteinander zu tun gehabt. Als er mich ungläubig ansah, begann ich: Borbora soß noh am Obhang… Er lachte schallend: ,Na klar, du bist die kleene Gäbler!‘, und ließ mich das alte Volkslied Ein Mops kam in die Küche… rezitieren. Dann ging mit unseren Lehrern zurück in den Probenraum. Als er wieder herauskam, strahlte er übers ganze Gesicht: ,Ja, das isse!‘ Damit hatte ich meine erste richtige Rolle. Im Sommer 1967, da hatte ich schon mein Engagement am Theater in Karl-Marx-Stadt, haben wir gedreht.“ Der Film wurde der TV-Weihnachtsknüller 1968.
Zurück ins Jahr 1957. Für Träume und Wünsche war bei den Gäblers nicht die Zeit. Ria Gäbler hatte gesundheitliche Probleme. Als Dorit ihrer Mutter verkündete, sie möchte Schauspiel studieren, kam ein kategorisches Nein. Sie habe nicht die Kraft, noch ein Studium zu finanzieren. Schlimmer noch. Die Mutter verlangte von ihrer Tochter, dass sie nach der 8. Klasse die Schule verlässt und einen Beruf erlernt. Für das lernbegierige Mädchen brach die Welt zusammen. Wie sollte sie mit einem Grundschulabschluss zu ihrem Traumberuf bekommen? Was sollte sie werden? Wie herauskommen aus dem Leben, das ihr zu klein war? Welcher Beruf könnte sie vielleicht doch noch ans Theater, auf die Bühne bringen? Wo traf sie vielleicht Menschen, die ihr helfen könnten, einen Weg zu finden, wie sie doch noch Schauspielerin werden könnte. Vieles wirbelte ihr im Kopf herum. „Ich habe dann eine dreijährige Lehre zum Facharbeiter für Gebrauchswerbung gemacht und abends an der Volkshochschule versucht, die 10. Klasse nachzuholen.“ Aber das schaffte sie nicht. Ihr fehlte die Zeit zum Lernen. „Ich musste mein Lehrlingsgeld bei meiner Mutter abgeben, durfte nur 5 Mark Taschengeld für mich behalten. Also habe ich nach Möglichkeiten gesucht, nebenher Geld zu verdienen“, sagt sie.
Sie kämpfte gegen ihre Armut an, stellte sich als Haar-Modell zur Verfügung, führte auf Laufstegen, die sie als Dekorateur-Lehrling mit aufgebaut hatte, Alltagsmode Mode vor. „Plauen war in den 50er Jahren nicht der Ort, in dem ich meinem Traum nachgehen konnte. Ich wusste, da muss ich weg“, erzählt sie. Dafür musste sie finanziell unabhängig sein. Dorit wollte kein Mannequin werden, aber ein gewisses Maß an Professionalität erlangen, um auch auf großen Modenschauen zu laufen, und absolvierte einen Lehrgang in der Mannequinschule des bekannten Modehauses Bormann in Magdeburg. „Die Damen-Konfektion der Marke „Original-Bormann-Mode“ war in der DDR sehr begehrt. Sie hatte Chic und war erschwinglich. Für Kundinnen mit mehr Geld im Portemonnaie boten besondere Geschäfte – Vorläufer der Exquisit-Läden – exklusive Bormann-Mode an. Heinz Bormann entwarf, das sei nur nebenbei erwähnt, Annekathrin Bürgers Kostüme für den DEFA-Film „Mit mir nicht, Madame!“.
Gurken, Radieschen und eine Leiche
Bei einer Modenschau auf der Leipziger Herbstmesse 1960 lernte Dorit das bildschöne und erfahrene Mannequin Sabine Lehmann kennen. „Sie hat mich bestärkt, unbedingt an meinem Traum festzuhalten, und bot mir ihre Unterstützung an.“ Im Januar 1961 wurde Dorit achtzehn. Damit war man in der DDR volljährig. „Ich hatte endlich die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, was ich mache“, sagt sie. „Im Februar habe ich meiner Mutter eröffnet, dass ich ab jetzt meinen eigenen Weg gehen würde.“ An dessen nächstem Ende für sie der Beruf Schauspielerin stand. „Dass ich an mich geglaubt habe, war die eine Seite“, sagt sie. „Aber es gab Menschen wie Sabine, die mir halfen. Sie nahm mich bei sich auf, als ich mich aus Plauen davonmachte. Weil man mir die Provinz-Nulpe anmerkte, steckte sie mich in neue Klamotten und bereitete mich auf das Leben vor, in das ich wollte. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar. Wir hielten noch über viele Jahre Kontakt.“
Die erste Zeit nach ihrer „Flucht“ aus dem Kleinstadtmilieu von Plauen arbeitete Dorit als Dekorateurin bei der HO Potsdam Land und hatte gleich ihre Fühler zur DEFA nach Babelsberg ausgestreckt. „Sabine gab mir den Tipp, mich als Kleindarstellerin zu bewerben“, erzählt sie. Auf ihren ersten Einsatz musste die 18jährige nicht lange warten. Die DEFA verfilmte für das Fernsehen Wolfgang SchreyersRoman „Tempel des Satans“. Der dreiteilige Polit-Thriller dreht sich um die Machenschaften eines US-amerikanischen Zeitungskonzerns und seine Verstrickungen mit der Rüstungsindustrie. Reporter Pit Nordfors, ein ehemaliger Pilot, deckt die Hintergründe des desaströsen Fehlstarts einer mit Napalm bestückten amerikanischen Interkontinentalrakete auf und sticht in ein gefährliches Nest aus Machtgier, Korruption und politischer Manipulation. Der Handlung liegen wahre Vorkomnisse zugrunde.
„Ich war eigentlich nur für einen Tag engagiert gewesen. Lustiger Weise aber“, erzählt Dorit Gäbler, „ist der Regisseur damals auf mich aufmerksam geworden. Er hatte gesehen, dass ich mich in die Rolle als Stewardess hineingedacht habe und richtig spielte, nicht nur den Text heruntersagte.“ Sie kamen ins Gespräch, und Dorit erzählte ihm, dass sie unbedingt Schauspielerin werden wolle. Georg Leopold sah ihr an, dass sie jeden Pfennig brauchen konnte und hat ihre Mitwirkung auf zwölf Drehtage erweitert. „1440 Mark habe ich verdient, 120 Mark am Tag! Das war so viel Geld! Davon habe ich Monate gelebt.“
Bald war sie so gut beschäftigt, dass sie viele Freistunden brauchte und ihre Aufträge als Dekorateurin nicht mehr zuverlässig erfüllen konnte. „Ich besaß keine Fahrerlaubnis, nicht einmal ein Fahrrad, um nach den Einsätzen bei der DEFA zu den Geschäften zu fahren, die ich dekorieren sollte.“ Die HO löste den Arbeitsvertrag auf. Wenngleich sie damit ihre finanzielle Basis verlor, kam ihr das entgegen. Nun musste sie nur noch eine eigene Bleibe finde. Und das war wenige Wochen nach der Grenzschließung am 13. August 1961. In der Stahnsdorfer Elisabethstraße entdeckte sie eine verwaiste Datsche. Die hat sie sich von der Gemeinde für 99 Mark Jahresmiete erkämpft. Es war eins der vielen Grundstücke, die zuvor Westberlinern gehört hatten.
„Die zuständige Sachbearbeiterin hatte riesige Fragezeichen in den Augen, als ich ihr erklärte, dass ich einen Wohnsitz suche und das Holzhäuschen mit Garten genau das Richtige sei.“ Hier könne sie sich ungestört auf ihr Schauspielstudium in Berlin vorbereiten und dass es nicht weit zur DEFA sei, waren wohl akzeptable Argumente. „Ich durfte für eine Probezeit einziehen und setzte natürlich alles daran, bleiben zu dürfen.“ Mit Geschmack und Stilgefühl hat sie innen und außen alles frisch gestrichen, Blumen-Motive der vorhandenen Bettwäsche an die frisch gestrichenen Fensterläden gepinselt und Gardinen aus Stoff mit dem gleichen Muster genäht. So fiel der Kontrollbesuch der Verwalterin auch positiv aus. Sie war voll des Lobes, wie schön die 18jährige alles hergerichtet hatte und argwöhnte nicht mehr, dass hier Sodom und Gomorrha stattfinden würden. Der Garten wurde Dorits Speisekammer. „Ich habe Kräuter gesät, Tomaten, Erdbeeren, Gurken, Radieschen und Kartoffeln angebaut, Bäume und Sträucher verschnitten.“ Beim Bauern gegenüber hat sie den Pferdestall ausgemistet, um Dung für ihre Beete zu bekommen. Hin und wieder schenkte ihr die Frau ein Netz Kartoffeln oder gab ihr einen Topf Suppe.
Wie romantisch, mag man im ersten Moment denken. Ja, das war es. Aber es war vor allem eine verdammt harte Zeit für Dorit. Ihre Honorare bei der DEFA fielen nicht immer so üppig aus. Als Kleindarsteller – Rollen ohne Text, aber mit Kamerapräsenz – bekam man einen Tagessatz von 50 bis 70 Mark. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“, scherzt die Schauspielerin, obwohl das damals für sie nicht witzig war. Im Frühjahr und Herbst trampte sie zu den Modewochen nach Leipzig. „Da hatte ich für eine Woche einen gut bezahlten Job als Mannequin.“ Den sie aber nicht um jeden Preis annahm. Ihre Würde ließ sie sich nicht nehmen. Als ihr ein Veranstalter vorhielt, dass ihr Lederolmantel, in dem sie zur Arbeit erschien, unpassend sei, die anderen Mannequins kämen in Pelzmänteln, knallte sie ihm an den Kopf: „Das Geld dafür habe ich mir ehrlich verdient und nicht erschlafen!“, und war weg. Ansonsten nahm sie ihre Gitarre und vertonte Kindergedichte, wenn die DEFA gerade nichts für sie zu tun hatte. „Ich stellte mir kleine Programme zusammen und trat damit in Kindergärten auf. Das brachte mir immerhin 20 Mark ein.“ Davon bezahlte sie ihre Sprecherzieherin, die sie in Kleinmachnow gefunden hatte.
Zwei Sommer und zwei Winter wohnte Dorit in ihrem Häuschen in der Stahnsdorfer Elisabethstraße 11. „Die Winterzeit habe ich in meinem Häuschen nur überstehen können, weil mir eine Familie in der Nachbarschaft an besonders kalten Tagen Asyl bot“, erzählt sie. „Wenn das Wasser in meiner Wärmflasche gefror, ließen sie mich bei sich schlafen.“ Im Frühjahr 1962 besuchte Ria Gäblerihre Tochter das erste Mal in Stahnsdorf. „Es war eine wunderschöne Zeit“, erinnert sich Dorit. „Mutti hatte sich sogar bei der DEFA als Kleindarstellerin registrieren lassen und in zwei oder drei Filmen mitgespielt. So kam noch etwas Geld rein, aber es hat ihr auch gefallen. Danach verbrachte sie häufig längere Zeit bei mir.“ Ria Gäbler bekam so eine kleine Ahnung davon, was die Ambition ihrer Tochter war, Schauspielerin zu werden. Es entwickelte sich eine neue, eine enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter.
Dorit Gäbler wollte nicht einfach nur Schauspielerin werden, vor allem wollte sie mal eine gute Schauspielerin sein. Daher nutzte jede Gelegenheit, um zu überprüfen, ob sie für sich auch wirklich für den Beruf eigne. Sie erzählt mir eine Episode. Bei den Dreharbeiten für den zweiteiligen Kriminalfilm „Mord in Gateway“ hatte sie den bekannten DEFA-Schauspieler Martin Flörchinger kennengelernt. Sie spielte das junge hübsche Fotomodell. „Ich hatte nur einen kurzen Auftritt, denn diese Helen wird gleich zu Beginn des Films ermordet“, erzählt sie.
Martin Flörchinger war der ermittelnde Detektiv, der dieses mit vielen Missverständnissen behaftete Verbrechen aufklärt. „Ich habe ihn in einer Drehpause gefragt, ob ich ihm mal etwas vorsprechen dürfte. Er war ein erfahrener Schauspieler, und ich hatte das Gefühl, dass er mich ernst nahm.“ Flörchinger willigte ein. Amüsiert erzählt Dorit, wie sie ihm eine Szene aus Schillers Jungfrau von Orléans vorspielte.„Ich saß auf einem Stuhl und geriet so in Euphorie, dass ich nach hinten überkippte und mein Schuh an die Decke flog. War mir das peinlich“, lacht sie. Der Schauspieler reagierte mit Humor. Er guckte nach oben, zeigte auf eine kleine Delle an der Decke, und meinte: „Wenn es nicht sehr viel Begabtere gibt, hast du eine Chance, Kleene.“
Im Juli 1963 erlebte die inzwischen 20jährige Dorit Gäbler ihren glücklichsten Tag. Sie hatte die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide bestanden. Den Moment, als sie den Brief in der Hand hielt, wird sie nicht vergessen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Zusage oder Absage, schoss es ihr durch ihren Kopf. Hatte sie die Prüfung geschafft oder war ihre Vision nicht mehr als ein Luftschloss? Nein! All die Mühen und Strapazen hatten sich gelohnt. Trotz ihres noch hörbaren Sächsisch konnte sie die Prüfungskommission überzeugen, dass in ihr das Zeug zur Schauspielerin steckt. „Ich habe die Heilige Johanna in drei Versionen vorgesprochen. Das eine war ein Monolog aus Schillers Jungfrau von Orléans, dann habe ich mir eine Szene aus Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe und aus Jean Anouilhs Jeanne oder Die Lerche ausgesucht.“
Die verbleibenden Wochen bis zum Studienbeginn im September arbeitete die angehende Schauspielstudentin als „Mädchen für alles“ bei der Produktion eines DEFA-Kinderfilm mit. „Ich wollte genauer wissen, wie das so läuft, wenn ein Film gedreht wird“, sagt sie. „Leider habe ich bei allen Dreharbeiten immer wieder festgestellt, wie herablassend sich manche Schauspieler den Leuten gegenüber verhielten, die viel weniger als sie verdienten, aber ohne die beim Film nichts laufen würde. Sie haben Respekt verdient.“ Ihr ist er nie abhandengekommen.
Dass sie sich damals in den Kamera-Assistenten Ulrich Rohloff verliebt hatte, und beide 1965 für eine kurze Zeit verheiratet waren, erwähnt Dorit Gäbler nur nebenbei. „Wir hatten wenig Gelegenheit, zusammen zu sein, als ich studierte. Ich teilte mir mit Hermann Beyer, einem Kommilitonen aus meiner Klasse, eine Studentenwohnung in der Ernst-Schneller-Straße. In unserer gemeinsamen Küche lag immer ein Vier-Pfund-Brot, daneben stand eine Schüssel mit Griebenschmalz, das ich spendierte. Nach abendlichen Szenen-Studien trafen sich bei uns Studenten und Schauspieler, die uns unterrichteten.“ Das war nicht Ulrich Rohloffs Welt. Er fühlte sich als fünftes Rad am Wagen. Sie trennten sich. Die Scheidung ging ohne Probleme über die Bühne. Ulrich Rohloff drehte von 1966 bis 1981 als Kameramann Kurz- und Dokumentarfilme beim Filmstudio der NVA in Potsdam.
Taschen, Pullover und Hootenanny
An ihre Studienzeit denkt Dorit Gäbler mit gemischten Gefühlen zurück. Sie liebte das Fechttraining, schwärmt noch heute von den Szenenstudien mit Regisseur Friedo Solter. „Ich sog alles auf, wollte so viel wie möglich lernen.“ Sie litt unter ihrem Bildungsdefizit. „Alle hatten Abitur, wussten mehr über Geschichte und Literatur, konnten ihre Eltern fragen, die Schauspieler, Regisseure oder Dramaturgen waren, wenn es um Film und Theater oder Rollengestaltung ging.“ Diese Überlegenheit ließen ihre Kommilitonen Dorit auch spüren, die den Gedanken abwehrte, nicht dorthin zu gehören. „Ich habe gelesen und gelesen, bin ins Theater gegangen, wenn die anderen Party machten.“ Sie nennt Namen von prominenten DDR-Schauspielern, die sich damals menschlich nicht von ihrer besten Seite gezeigt haben. „Ihr Urteil über mich: Wissbegierig, aber dumm, die Gäbler.“
Bei einem Fototermin an der Schauspielschule lernte sie die Fotografin Barbara Meffert und ihren Mann, den Journalisten Dieter Heimlich, kennen. „Die beiden nahmen mich unter ihre Fittiche und halfen mir, meine Bildungslücken zu reduzieren. Sie schenkten mir Bücher, unter anderem Peter Hacks‘ Kindergedichte „Der Flohmarkt“, von denen ich viele vertont habe.“
Alles nachzuholen war ihr nicht möglich. Der Tag hatte nur 24 Stunden und im Gegensatz zu ihren Mitstudenten musste sie zu den 180 Mark Stipendium noch Geld dazuverdienen. Während sie Texte lernte, strickte und häkelte Dorit modische Pullover, Kleider, Umhängetaschen – die waren damals der Renner. Und sie trat mit ihrer Gitarre auf. „Für eine Veranstaltung bekam ich jetzt immerhin 50 Mark“, erinnert sie sich. „Komponieren und eigene Lieder schreiben ist immer meine Leidenschaft geblieben und die Basis für meine musikalische Karriere geworden.“
Eine wichtige Person wurde für diesen Teil ihres Talents Chris Baumgarten, eine seinerzeit bekannte Berliner Komponistin und Gesangslehrerin. Einmal im Jahr konnten sich Studenten der Schauspielschule um einen Platz in ihrem Chanson-Studio bewerben. „Diesen Platz habe ich mir 1964 erkämpft“, erzählt Dorit.
Eins kam dann zum anderen. Der kanadische Folksänger Perry Friedman war 1959 in die DDR übergesiedelt und hat 1960 die Hootenanny-Bewegung initiiert – ungezwungene Konzerte auf offener Bühne, bei denen jeder mitmachen konnte. Berlins Jugend sang, komponierte und schrieb Lieder. Chris Baumgarten ermutigte Dorit, bei den Hootenannys mitzumachen. „Ihr gefielen besonders meine Kinderlieder mit Texten von Peter Hacks.“ Bei den Hootenanny-Veranstaltungen traf sie Künstler wie Rainer Schöne, Perry Friedmann und Lutz Kirchenwitz, den Mitbegründer des Oktoberklubs. „Rainer Schöne war ganz angetan. Es sei so schön, wie ich meine Kinderlieder singe“, erzählt sie. „Da steckte auch meine ganz ehrliche Naivität drin, die ich als junges Mädchen hatte. Ich habe alles mit großer Liebe und Inbrunst gemacht, da war nichts aufgesetzt.“ Keiner sah hier von oben auf sie herab. Im Gegenteil. Dorit genoss alsbald ein Standing als Liedermacherin.
Gleich 1964 bei den ersten Konzerten, die die Berliner FDJ und der Jugendsender DT 64 in der Volksbühne organisierten, war auch Dorit Gäbler als Sängerin dabei und begeisterte das Publikum. „Ich musste bei meinem ersten Auftritt mein Lied zweimal singen, die Leute hörten gar nicht auf zu klatschen.“ Sie singt ins Telefon: „Ick möcht ma mitn Finger in Himmel pieken, ob dit wohl jeht? Ick möcht inne Sonne liegen und seh’n wie ’ne Wolke zerjeht… Wie’s weitergeht, weiß ich nicht mehr.“ Lachend erzählt sie dann von einer Veranstaltung beim DDR-Wachregiment in Berlin-Adlershof, die sie zusammen mit Frank Schöbel bestritt. „Ich erinnere mich noch gut, wie sauer er war, dass die kleene Schauspielstudentin als Sängerin angekündigt wurde und auch noch mehr Applaus als er bekam.“ Sie lacht: „Kunststück, sein Anzug hatte ja auch keinen Ausschnitt!“
1966 erschien der Amiga-Sampler „Songs, Chansons und neue Lieder“, auf der Dorit Gäbler auf der A-Seite mit ihren Hacks-Liedern vertreten ist
1966 nahm Amiga drei ihrer Lieder mit auf den Sampler „Songs, Chansons uns neue Lieder“. Ihr Engagement in der Singebewegung setzte Dorit Gäbler in Karl-Marx-Stadt fort. „Es ging ja darum, diese Bewegung in die Provinz zu tragen, vor allem die Arbeiterjugend zum gemeinsamen Singen zu bewegen. Ich war mit Leib und Seele dabei.“ Im Fritz-Heckert-Werk, dem Großbetrieb der Stadt, fand sie junge Leute, die sich auch dafür begeisterten. Mit Unterstützung des SED-Parteisekretärs des Werkes riefen sie den Singeklub 67 ins Leben. Der FDJ-Zentralrat der DDR hatte das Konzept der Hootenanny-Bewegung aufgegriffen und 1966 einen „Beschluss zur Entwicklung einer breiten sozialistischen Singebewegung unter der Jugend“ gefasst. „Dem Theater hat meine zeitaufwendige Beschäftigung nicht geschmeckt. Misstrauisch wurden unsere zahlreichen Aktivitäten beäugt.“ Als das ZDF 1967 in seiner Sendung „Kennzeichen D“ über den Klub und die aufstrebende junge Künstlerin berichtete, kostete sie das beinahe ihr Engagement. „Sie schlachteten die Zeile „…so viele Kilometer Steine liegen zwischen dir und mir…“ aus dem Liebeslied, das ich sang, als Protestsong gegen die Mauer aus. Was natürlich völliger Quatsch war. Dass ich nicht entlassen wurde, verdanke ich dem Parteisekretär des Heckert-Werkes, ein großartiger Mensch. Er hat sich sehr für mich eingesetzt“, erinnert sie sich.
Eve, Eurydike und ein Beutesohn
Ihre Stärke, sich nicht unterkriegen zu lassen, brachte die Achtklässlerin zum erfolgreichen Abschluss ihres Schauspielstudiums. Nach dem Intendanten-Vorsprechen im letzten Studienjahr hatte sie Vorverträge von der Volksbühne Berlin, vom Bergarbeiter Theater in Senftenberg und vom Stadttheater Karl-Marx-Stadt. Sie entschied sich für Karl-Marx-Stadt. „Nach meinem Gespräch mit dem Intendanten Hans Dieter Mäde sah ich dort die beste Chance, wirklich Rollen zu bekommen und spielen zu dürfen.“ Zu ihrem Leidwesen wurde Mäde noch vor Antritt ihres Engagements im September 1966 ans Staatsschauspiel Dresden beordert. Das schien alles über den Haufen zu werfen. „Ich wusste ja nicht, ob der neue Intendant mich auch spielen ließ.“
Da es nicht ihre Art war, sich auf den Zufall zu verlassen, trampte sie umgehend von der Schauspielschule ans Theater nach Karl-Marx-Stadt und setzte sich in den Zuschauersaal. Es war gerade eine Probe, der Gerhard Meyer zusah. Kaum war sie beendet, „überfiel“ ihn Dorit und erklärte: „Herr Meyer, ich habe einen Zweijahresvertrag für Ihr Theater. Weil Sie mich nicht kennen, möchte ich Ihnen vorsprechen. Ich muss wissen, ob ich in ihr Konzept passe und Rollen bekomme. Denn ich will spielen und nicht herumsitzen.“
Wohl etwas verblüfft ob ihrer Kessheit, aber schmunzelnd, meinte er: „Na, dann ab auf die Bühne.“ Die Schauspieler, die eben gehen wollten, blieben. „Alle waren gespannt, es war ja schon ziemlich gewagt von mir, ohne Anmeldung da aufzutauchen und ein Vorsprechen zu fordern.“ Wissen sollte man, dass Gerhard Meyer während seiner Intendanz bis 1990 viele junge Regisseure und Schauspieler entdeckte und förderte. Eine davon wurde mit Beginn der Spielzeit 1966/67 Dorit Gäbler.
Als ihr Absolventenvertrag 1968 auslief, wechselte sie von Karl-Marx-Stadt nach Dresden ans Staatsschauspiel. Chefregisseur und Generalintendant Hans Dieter Mäde stand zu seiner Zusage von 1966, sie zu engagieren.
Ihre Jahre am Theater in Dresden rekapituliert Dorit Gäbler als eine Zeit, in der sie sich erfolgreich freispielte. „Ich war universell einsetzbar, spielte Junge und Alte, Ladies, Diven und Mädchen, Geliebte ohne Ende. Ich bekam sogar lesbische Angebote, weil ich ein paar Weiberrollen in Stücken von Peter Hacks hingelegt habe, dass ich interessant für diese Klientel wurde. Meine Mutter allerdings, die inzwischen bei mir wohnte, wollte zu derartigen Premieren eingeladen werden.“ Aber es gab auch die Kehrseite der Medaille. In dem Moment, wo eine Umbesetzung stattfand, und mehr von Dorit Gäbler in der Rolle die Rede war als von der Vorgängerin, waren die Damen nicht mehr fein. „Da ist die Freundlichkeit hin, du wirst verleumdet, bist plötzlich eine Hure, eine Schlampe, die sich die Rollen erschläft. Das hat mich fast dazu getrieben, aus dem Fenster zu springen.“ Diese schwachen Momente überwand sie. „In mir kam die Eliza hoch. Die hat gekämpft. Und ich hatte mir ja geschworen, eine gute Schauspielerin zu werden. Das Publikum gab mir Halt. Und an den üblen Nachreden in der Kantine, dass dieses ungebildete Volk ja überhaupt nicht schätzen kann, was wirklich gut oder schlecht ist, habe ich mich nicht beteiligt.“ Sie konzentrierte sich wieder ganz auf sich, auf das, was sie wollte, und ging, wenn die anderen kamen. Manchmal vermisste sie die Gemeinsamkeit des Ensembles, die das Theaterleben erst vollständig machen. „Aber Gott sei Dank“, sagt sie, „waren nicht alle Schauspieler mit dieser dümmlichen Arroganz behaftet.“
Einer, zu dem sie aufschaute, der sie ernst nahm, war der Schauspieler Rolf Hoppe. Mit ihm spielte sie 1969/70 in Heinrich von Kleists Komödie „Der zerbrochene Krug“. Sie war die Eve, er der Dorfrichter Adam. „Es war herrlich, ihm zuzusehen, wie er seine Körperlichkeit einsetzte. Rolf hat sich die Rollen immer auf den Leib gezogen, da blieb für seine Mitspieler nicht viel Platz.“ Aber Dorit verschaffte ihn sich. Es war eine Schlüsselszene, in der er sie überspielte. Adam saß am Tisch und aß. Und das spielte Rolf brachial. Kein Mensch hätte die neben ihm stehende Eve wahrgenommen, die im Begriff ist, ihre Ehre zu verteidigen. „Ich habe Rolf gesagt, dass dies ein wichtiger Moment in meiner Rolle ist. Er hat sofort verstanden, dass er mir Raum geben musste. Wir haben später oft noch nach den Vorstellungen zusammen auf der Probe-Bühne des Theaters schauspielerische Haltungen ausprobiert. Wunderbar! Manchmal sah uns seine Frau Friederike zu.“
Neben ihrer Theaterarbeit hat Dorit Gäbler immer wieder in Filmproduktionen der DEFA und des Fernsehens mitgewirkt. „Es waren gute Rollen und welche, die ich fast vergessen habe“, rekapituliert sie im Gespräch. Nicht vergessen hat sie – und auch das DDR-Kinopublikum nicht – die Fachschuldirektorin Dr. Barbara Schwalbe in dem heiteren DEFA-Sommermusical „Nicht schummeln, Liebling!“ mit Chris Doerk und Frank Schöbel in den Hauptrollen. Es geht um Fußball kontra Kultur, ein bisschen um die Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern und natürlich Liebe. „Die Dreharbeiten in Quedlinburg und die Rolle an sich machten mir großen Spaß.“ Das Publikum liebte das Spektakel.
Ihre erotische Ausstrahlung und das sexy Erscheinungsbild empfand Dorit als junge Schauspielerin eher als Fluch denn als Segen. „Ich steckte in dieser Schublade der halbseidenen Rollen, und habe viel zu viele davon gespielt. Das bereue ich heute.“ Doch in einer dieser Rollen hat sie es 1973 auf das 8. Internationale Moskauer Filmfestival geschafft. „Nein, die bereue ich keineswegs. Die war einfach unglaublich schön.“
Das war Dorit Gäbler als Eurydike in der DEFA-Adaption von Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“, in der sie das Objekt der Begierde des lüsternen Göttervaters Jupiter ist. „Regisseur Horst Bonnet hat das sinnliche Verlangen und die Lebenslust schon sehr hervorgehoben“, erzählt sie. „Prüde durfte man da nicht sein.“ Sie lacht. „Die Rolle habe ich wahrscheinlich bekommen, weil ich den schönsten Busen hatte. Die haben ein richtiges Weib gesucht. Ich hatte meinen Sohn noch nicht geboren und einen schönen Körper.“ Sie meint das nicht ironisch und auch nicht kokettierend. Nicht nur die Männer fanden die Gäbler erotisch, sinnlich und schön.
Barbusig, in durchsichtige Gewänder aus Tüll gehüllt, tollen die Göttinnen durch den Olymp. „Als ich die Entwürfe sah, war ich zuerst erschrocken. Aber angezogen fühlten sich die Kleider auf dem Körper wie eine zweite Haut an. Sie lagen so eng an, dass man nicht einmal einen Slip tragen konnte. Der Maskenbildner hat uns am Körper alles abrasiert, was es abzurasieren gab“, erinnert sich Helga Piur – Jupiters Tochter Diana. „Alles war so grazil und diffizil. Wir liefen wie auf Wolken, wenn wir die wunderschöne Dekoration betraten. Horst Bonnet hat es verstanden, eine Atmosphäre zu zaubern, in der nichts Unanständiges aufkam. Keiner kam auf die Idee, etwas Unzüchtiges zu tun oder zu denken.“ Grienend erinnerte sich der kraftvolle Rolf Hoppe 2008, als ich die Drei auf Schloss Wackerbarth interviewte: „Ein Göttervater hat edel und moralisch zu sein. Was natürlich stinklangweilig ist.“
Die Kritiker waren sich einig: „Ein Film der Komödianten“, schrieb die Berliner Zeitung. „Herrliche Farben, zeitbezogene kabarettistische Dialoge, sparsame Kostüme“, lobte „Kino-Eule“ Renate Holland-Moritz. „Wir haben für unseren Film 1973 in Moskau keinen Preis bekommen. Aber uns hat das Publikum stürmisch gefeiert“, erinnert sich Dorit. Die DEFA-Stiftung hat den 1972 gedrehten Film inzwischen digital aufgefrischt. Eine Augenweide und ein großer Spaß.
Im Jahr 1973 entstand unter der Regie von Helmut Krätzig die dreiteilige Familienchronik „Die Frauen der Wardins“. Über vier Generationen wird die Geschichte einer märkischen Bauernfamilie erzählt, die sechs Jahrzehnte lang um ihren Hof, um ihre Existenz kämpfen musste, bis ihre Bemühungen schließlich in der sozialistischen Landwirtschaft zum Erfolg führten. Im Mittelpunkt stehen dabei das Leben, die Liebe und das Schicksal der Frauen in ihrer Zeit. Neben Angelika Waller als Anna Schlomka, Katharina Thalbach als Maria Wardin und Monika Woytowicz als Irmgard Wardin liefert Dorit Gäbler in der Rolle der reichen und selbstbestimmten Schießbudenbesitzerin Lilli Watzek eine reife Leistung.
Hochzeit, Scheidung, neuer Anfang
Dresden war neben Berlin ein Zentrum der Singebewegung. Dorit betreute junge Liedermacher an der TU Dresden und lernte dabei den Mathematikstudenten und alleinerziehenden Vater Jochen Kramer kennen. „Er schrieb gute Texte. Wir haben eng zusammengearbeitet. Zu unseren Treffen brachte er meist seinen vierjährigen Sohn Marcus mit. Ich wollte endlich meinen Plan, nicht kinderlos zu bleiben, angehen. Ich borgte mir oft Marcus aus, unternahm etwas mit ihm. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht seine Mama sein möchte. Ich sagte ihm, sofort, dein Papa muss mich aber heiraten.“ Die Frage des Vater kam prompt. Jochen Kramer war gutaussehend, sehr charmant und klug. Einer zum Verlieben. Eigentlich stand Dorit nach ihrer ersten Erfahrung nicht der Sinn danach, aber Marcus bettelte: „Heirate Papa“, und da hat sie es getan. Ein Glücksgriff war das auch nicht, obwohl sie sich liebten.
Als sie 1974 schwanger wurde, und es ihrem Mann strahlend mitteilte, erschütterte sie seine Reaktion. „Das lässt du wegmachen! Wir haben schon ein Kind.“ Den Schock musste die 31jährige erst einmal verdauen. Dann stand für sie fest: „Das Kind bekomme ich, auf den Vater kann ich verzichten.“ Sie ließ sich scheiden. Für ihren Stiefsohn Marcus blieb sie seine „Beute-Mama“. Er wohnt ganz in der Nähe und ist ein wunderbarer Mensch geworden, sagt sie. „Trotzdem schätze ich Jochen Kramer als einen der besten Texter im Land und habe einiger seiner Texte vertont. Es sind meine schönsten Lieder.“ Im Februar 1975 kam ihr Sohn Peter zur Welt. Sein Vater wollte ihn nicht einmal sehen. „Ich habe den Jungen allein großgezogen, ich wollte auch keinen Unterhalt von seinem Vater. Für meinen Sohn existiert er bis heute nicht.“
Das Jahr 1974 brachte Dorit Gäbler auch beruflich zu neuen Entscheidungen. Sie hatte die Aussicht, die Hauptrolle in Joachim Kunerts Verfilmung von Anna Seghers Roman „Das Schilfrohr“ zu bekommen. „Joachim Kunert hat mich im Theater spielen sehen und fand, ich hätte die Urwüchsigkeit dieser Bäuerin, die er sich vorstellte. Meine äußerliche Verwandlung hatte er schon genau im Kopf. Mit aufgelegten Implantaten sollte mein Gesicht verbreitert, mit Haarwuchsmitteln buschige Augenbrauen gezüchtet werden. Ich übte sogar schon den festen, bäuerischen Gang. Obwohl meine Bühnenrolle doppelt besetzt war, ließ mich das Theater nicht gehen. Kunert hat alles versucht.“ Statt endlich sich mal in einer wirklich anspruchsvollen Figur beweisen zu können, hüpfte sie auf der Bühne als Stripteasetänzerin herum. Das hat sie dem Theater nicht verzeihen können. „Ich bekam in dem Film als Trost eine kleine Nebenrolle.“ Sie ist sich sicher, dass ihre Karriere anders gelaufen wäre, wenn sie die Rolle der Marta hätte spielen dürfen. „Ich war innerlich fertig mit dem Theater und wollte nur noch weg.“
Ihr Entschluss stand fest. Sie hatte sich sich bei Film und Fernsehen eine gute Basis erarbeitet, und konnte es wagen, sich eine Solokarriere als freischaffende Künstlerin aufzubauen. Sie kündigte ihr Festengagement am Theater. „Meine Mutter unterstützte mich bei der Betreuung meines Sohnes sehr. So konnte ich mich voll auf mein Ziel konzentrieren.“ 1975 und 1977 drehte sie zwei „Polizeiruf 110“–Filme, 1976 den Episodenfilm „DEFA Disko 77“ mit Sketchen und Geschichten aus der DDR-Musikszene mit Chris Doerk, Veronika Fischer, der Gruppe Karat, Rainhard Lakomy, Angelika Mann und Schauspielern wie Marianne Wünscher, Ursula Staack, Ingeborg Krabbe, Lutz Stückrath, Rolf Herricht und Fred Delmare. Musiker und Schauspieler von Rang und Namen. Insofern ist der Film auch noch bemerkenswert, weil er das Lebensgefühl der 70er und 80er Jahre in der DDR spiegelt. Dorit Gäbler tritt am Schluss des Films im Duett mit Wolfgang Wallroth und dem Titel „Es wird bald Frühling sein“ auf.
Eine wunderbare Chance für eine anspruchsvolle, große Rolle bot sich ihr 1977. Günter Reisch wollte sie mit der Hauptrolle in seiner DEFA-Komödie „Anton, der Zauberer“besetzen. Sie sagte nein, in völliger Verkennung der Handlung. „Ich hatte Angst, es würde wieder so eine halbseidene Figur sein. Das wollte ich nicht mehr spielen und habe alles, was ich in dieser Richtung vermutete, abgelehnt. Und da hatte ich mich in dem Fall gründlich geirrt. Es ist eine richtig gute Filmkomödie geworden, mit dem großartigen Ulrich Thein und der wundervollen Barbara Dittus in den Hauptrollen.“ Dass sie sich da so geirrt hat, bedauert Dorit Gäbler im Nachhinein noch.
Nach ihrer Kündigung stellte Dorit Gäbler einige Weichen. Sie nahm Gesangsunterricht bei der renommierten Gesangslehrerin Eleonore Gendries. Anfangs trat sie mit ihrer Gitarre solistisch auf. „Ich bekam Aufträge über die Konzert- und Gastspieldirektion Dresden und die Künstler-Agentur in Berlin . Das waren drei, vier Lieder bei Großveranstaltungen und einstündige Programme in Clubs.“ 1977 konnte sie die bekannte Dresdner Band „Ebbe und Flut“ unter Leitung des Komponisten Michael Fuchs für eine Zusammenarbeit gewinnen.
1978 nahm Dorit Gäbler ihre erste LP bei Amiga auf @ privat
Mit der Zeit merkte man sich den Namen Sängerin Dorit Gäbler sowohl in der Musikszene als auch unter den Freunden des Chansons, Jazz und Blues. Der Komponist und Rundfunk-Musikredakteur Martin Hattwig entdeckte die singende Schauspielerin 1978 und ließ sie mit dem bekannten Tanzorchester Siegfried Mai „Das Schwispslied“ aufnehmen. Das klappte gleich auf Anhieb, so dass er noch den Titel„Clown sein“ hinterher schob. „Im gleichen Jahr produzierte ich bei Amiga meine erste eigene Langspielplatte“, erzählt Dorit Gäbler.
Der Mann von der „Linie 6“
In Dresden hatte sich inzwischen Karl-Heinz Bellmann mit seinem Kult-Lokal „Linie 6“ etabliert. Es ist eine lange Geschichte, mit vielen schwierigen Phasen, die sich zwischen ihm und Dorit Gäbler entwickelte. Der heute 76jährige hatte sehr jung in dem Geschäft begonnen. „Gastronomie in der DDR war langweilig. Ich wollte meinen Gästen etwas Besonderes bieten“, erzählte er mir 2008, als er einen Nachfolger für die „Linie 6“ suchte. Er hatte das Lokal im Ambiente einer Straßenbahn 1977 eröffnet. Neben gutem Essen servierte er auch niveauvolle Unterhaltung, Musik und launige Gespräche. Bellmann, ein Naturtalent als Conférencier, holte Künstler, Schauspieler, Sportler, Politiker in seine hauseigene Talkshow „Zwischen Tür und Angel“.
Am 10. April 1978 sprang Dorit Gäbler, die er lange schon im Visier hatte, kurzfristig als Talkgast in seiner Show ein. Es war für ihn die Gelegenheit, an sie heranzukommen, denn sie hatte andere Prioritäten: ihren Sohn Peter und ihren Beruf, in dem sie vorwärtskommen wollte. Und die „Linie 6“ hatte bis dahin erst einmal nicht auf ihrem Weg gelegen. Sie arbeitete daran, als Schauspielerin und Sängerin festen Fuß beim Fernsehen und in der Unterhaltung zu fassen. Karl-Heinz Bellmanns Interesse an ihr ging aber weiter, als mit ihr nur in seiner Talkshow zu plaudern. Er hatte sich in sie verliebt. „Er war mir ja nicht unsympathisch, hatte Charme und Witz. Er bemühte sich wirklich sehr um mich.“ Vor besagtem Auftritt tippten sie in seinem Büro noch fix Konzeptzettelchen und kamen sich dabei sehr nah. Es lag ein Knistern in der Luft.
Seine Liebe und seine Ausdauer, diese Frau nicht aufzugeben, führte die beiden am 22. November 1983 aufs Standesamt. Zwei Jahre später kam ihre Tochter Peggy zur Welt, die von ihren Eltern sehr geliebt wird. „Wir hatten eine glückliche Zeit damals“, erinnert sich Dorit Gäbler. Das blieb nicht so. Hat man das Paar zusammen im Interview, wird schnell gewiss, dass sie Feuer und Wasser sind. „Keine geniale Verbindung“, sagt Bellmann. Der Gedanke an Trennung beschäftigte die Schauspielerin immer wieder. Doch das Haus, das sie gebaut hatten, war groß genug. Jeder konnte da seiner Wege gehen.
Die Sendepause zwischen ihnen bedrückten Karl-Heinz Bellmann sehr. Er wusste, dass er sich ändern musste, wenn sie wieder zueinander finden wollten. 1997 erkrankte er schwer an Borreliose und litt danach an Depressionen. „Ich habe das nicht erkannt“, gesteht Dorit Gäbler. „Einer, der immer in vorderster Reihe zu finden war, sollte plötzlich Depressionen haben??“
Lange Reise nach Neuseeland und Indien halfen ihrem Mann, viel über sich zu erfahren, auch, wie man Depressionen und Krankheiten bewältigt. Und was für das Gleichgewicht seiner Gefühlwelt wichtig ist. „Ich habe Yoga und Meditation gelernt und erkannt, dass Dorit meine Familie ist. Dass sie ihren Beruf über alles liebt. Dass er es ist, der sie frisch und fit an Körper, Geist und Seele hält. Ich begriff, dass sie Erfüllung in ihrer Arbeit findet und nicht darin, mich zu hofieren. Ich habe mein Ego zurückgenommen, weil ich sie glücklich sehen will.“
Karl-Heinz Bellmann verbrachte immer wieder Zeit in Indien, lehrt inzwischen selbst Yoga, chinesische Astrologie und Meditation. Über ihre Beziehung sagt Dorit Gäbler: „Es gab richtig schwere Krisen, ich habe mit mir gekämpft, ob ich ihn verlasse. Er sagte mir, ich liebe dich. Was nun? Wir haben geredet und uns so arrangiert, dass er mir Luft zum Atmen lässt. Mittlerweile freue ich mich, wenn ich abends nach Hause komme und ganz lieb empfangen werde mit einem Nachtsnack oder einem Schluck Sekt. Wenn er mir eine Blume unterwegs geklaut hat oder mir eine gekaufte mit fröhlichem Grinden überreicht. Es ist doch so, dass niemand gern allein bleibt. Und wer ist schon vollkommen?!“
Als sie 60 wurde, rückte sie mit ihrem Mann nach Indien aus. Sie wollte nicht gefeiert, nicht daran erinnert werden, wie viele Jahre schon hinter ihr liegen, wie knapp die Zeit vor ihr noch sein könnte. „Ich hatte Angst vor der Gewissheit, nun alt zu werden.“ Diese Grenze zu überschreiten tat weh. Karl-Heinz Bellmann machte mit seiner Frau genau aus dieser Erkenntnis heraus eine Reise nach Bangalore zu den berühmten Palmblattbibliotheken. „Sie beherbergen die Niederschriften eines der 7 großen Weisen und Seher des alten Indien auf Palmblättern. Fast jeder, der hierherkommt, findet unter den unzähligen Palmblättern sein persönliches Blatt“, erklärt mir Doris. Sie hat ihres gefunden. „Das war ein unglaubliches Erlebnis, eine großartige mentale Erfahrung“, erinnert sie sich. Das Paar hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht.
Abends ins Rampenlicht
Mit Beginn der 80er Jahre etablierte sich Dorit Gäbler auf dem Bildschir, als Schauspielerin in Filmen und Serien, als Sängerin und Kabarettistin in Unterhaltungssendungen. Die Verschiedenartigkeit ihrer Rollen und Auftritte hob sie aus der Schublade des Frauentyps erotisch, sexy, leichtgewichtig heraus. Es kam zwar vor, dass sie das auch spielte, wie das mondäne Fräulein Barbara in Erwin Strankas Filmkomödie „Automärchen“.
„Diese Rolle habe ich gern angenommen, weil ich Auto fahren durfte. Ohne Fahrerlaubnis!“, lacht sie, die inzwischen Tausende Kilometer auf den Straßen dieses Landes unter den Rädern hat. „Ich saß für die Szene mit einem riesigen Krempenhut in einem Sportflitzer, kam angerast und drängelte mich an der Tankstelle frech an den wartenden Autofahrern vorbei.“ Der Film wurde 1982 gedreht und kam im Juni 1983 in die Kinos. 1985 lief er erstmals im Fernsehen.
Zu den Straßenfegern im DDR-Fernsehen gehörten die Familienserien, die sich um das Alltagsleben und die Probleme der Menschen drehten. In dem Mehrteiler „Hochhausgeschichten“ spielt Dorit Gäbler die attraktive Anne Seiler. Die 30jährige wird von zwei Männern umworben. Der eine, ein 20jähriger Monteur, der andere, sein gut situierter Chef. „Sie hat eine gescheiterte Beziehung hinter sich, will Sicherheit für ihr Leben. Deshalb heiratet sie den zehn Jahre Älteren. Das entsprach zwar nicht dem Familienbild, wie man es für die sozialistische Gesellschaft proklamierte, aber es entsprach dem wahren Leben. Liebe, Glück und ein sorgenfreies Leben gingen nicht immer zusammen, da machten auch Frauen in der DDR Kompromisse.“
Dorit Gäbler (l.) war als Frau Dr. Ursula Müller 1982 in der Serie „Geschichten übern Gartenzaun“ wenig beliebt. Die versierte Krankenschwester Claudia Hoffmann (Monika Woytowicz), eine ehemalige Mitschülerin, fühlt sich unter ihrer Leitung minderwertig Screenshot @mdr/Siegfried Peters
In den heiter-besinnlichen „Geschichten übern Gartenzaun“ mit Herbert Köfer und Helga Göring in den Hauptrollen, hatte Dorit Gäbler als Frau Dr. Müller keinen guten Stand bei den Zuschauern. „Ich bekam nur negative Reaktionen. Diese Dr. Müller ist eine egoistische Person, wenn es um ihre Karriere geht, arrogant ihren Mitarbeitern gegenüber. Die Zuschauer haben mich mit meiner Rolle identifiziert und geglaubt, ich bin jemand, der nur nach seinem eigenen Vorteil strebt.“ Aber das ist lange her, sie hat sich ihr Publikum längst zurückerobert. „Die Leute wissen, dass ich kein egoistischer Mensch bin. Ich bekomme viel Dank dafür, dass ich ihnen mit meinen Liedern und Programmen Freude bringe.“ Wo sie kann, hilft sie auch jungen Kollegen auf die Sprünge. So hat sie die junge Dresdner Schauspielerin Kristin Baumgartl animiert und dabei unterstützt, ein mobiles Kindertheater zu gründen.
Mit Erwin Stranka drehte Dorit Gäbler einen Film, auf den sie besonders stolz ist, „Die Stunde der Töchter“. Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier Schwestern, die ganz unterschiedlich mit dem Leben zurechtkommen. Eine schöne Herausforderung für Dorit Gäbler, die den Verfall einer Lehrerin und Gattin eines Hirnchirurgen zur Alkoholikerin zeigt. „Diese Frau ist verzweifelt. Sie hat ihren Lehrerberuf gekündigt, weil sie keine Freistellung bekommt, um ihren todkranken Vater im Krankenhaus zu besuchen. Dann kommt obendrauf, dass ihr Mann vom Besuch eines Kongresses in der BRD nicht in die DDR zurückkehrt. Man muss schon stark sein, um das durchzustehen. Sie ist es nicht und ergibt sie sich dem Alkohol. Ich bin auf diesen Film und meine Rolle stolz, weil das Leben der Frauen in der DDR nicht durch die rosarote Brille gesehen wird. Es wurde viel getan für uns“, sagt die Schauspielerin, „aber es ging nicht ohne eigenes Zutun. Von den Rechten, die wir hatten, ist nach der Wende nichts mehr geblieben. Und wenn eine kleine Minderheit meint, das Gendern würde Gleichberechtigung bringen, kann ich nur sagen. Da werden falsche Signale gesendet.“
Sie (Dorit Gäbler) versucht ihn (Rolf Herricht) in einer Hotelbar anzumachen . Sketch aus der Revue „Abends im Rampenlicht“ 1981 Screenshot@DRA
Bereits 1973, bei den Dreharbeiten für das DEFA-Musical „Nicht schummeln, Liebling“, arbeitete Dorit Gäbler mit Rolf Herricht zusammen. Bei den „Geschichten übern Gartenzaun“ waren sie sich wiederbegegnet. Herricht bereitete gerade seine Revue „Abends im Rampenlicht“ vor. Ihm fehlte noch die geeignete Partnerin für die Sketche und amourösen Spielszenen. Er bot Dorit Gäbler die Rollen an. „Es war herrlich, mit ihm zu spielen und zu improvisieren. Das Drehbuch ließ uns viel Raum. Und weil ich jemand bin, der gern weiterentwickelt, wurde es von Mal zu Mal besser“, erzählt sie. Nach der Premiere im Mai 1981 schlug er ihr vor, dass weiterhin zusammenarbeiten, mit eigenen Sketchen. „Er hatte es satt, den Punchingball von Hans-Joachim Preil zu geben. Leider ist daraus nichts geworden. Rolf erlag drei Monate später einem Herzinfarkt.“
Unterhaltungsstar und ein abruptes Ende
Die Show wurde im Fernsehen ausgestrahlt und war Dorit Gäblers Einstieg in die Fernsehunterhaltung. Sie gehörte bald zu beliebten Gästen mancher Show. Ihre Auftritte in der beliebtesten Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens „Ein Kessel Buntes“ und die Moderation derselben, brachten sie auf den Höhepunkt ihrer Karriere. „Mit Liedern oder Sketchen mitzuwirken, war schon wunderbar. Aber diese Show zu präsentieren, und das gleich dreimal, 1983, 1986 und 1988, das hatte schon etwas von einem Ritterschlag“, gibt sie ihr Gefühl wieder. Die Zuschauer erlebten sie mit einer Boa Constrictor tanzend, hoch zu Ross moderierte sie eine Artistik-Nummer an. Einen für sie unvergesslichen Auftritt hatte Dorit Gäbler mit ihrem Sohn Peter. „Wir haben zusammen das Lied ,Und dann klettern wir zusammen auf die Bäume‘ gesungen, für das uns sein Vater Jochen Kramer den Text geschrieben hat.“
Die Künstlerin hatte nun zwei feste Standbeine. Ihre Bekanntheit brachte ihr als Sängerin mit eigenem Programm einen vollen Terminkalender, Amiga nahm mit ihr zwei Solo-Langspielplatten auf. „Meine Veranstaltungsverträge habe ich allerdings immer mit der Klausel versehen, dass ich raus kann, wenn Fernsehangebote kommen.“
Die ließen nicht auf sich warten. Sie drehte hinter einander weg. Mit Heinz Rennhack in der Titelrolle drehte sie den Episodenfilm „Engel im Taxi“, nach „Automärchen“ den Kinderfilm „Moritz in der Litfaßsäule“, den Agententhriller „Front ohne Gnade“. Und dann, 1986, ihre Tochter Peggy war gerade drei Monate alt, kam ein Anruf von Klaus Gendries. Mitten in den Dreharbeiten für seinen Film „Claire Berolina“ war die Darstellerin von Goebbels Geliebter Alice ausgefallen. „Er fragte mich, ob ich die Rolle übernehmen kann. Ich sagte, das ginge nicht, ich habe ein Baby. Naja, wie das so ist bei Schauspielern, habe ich doch zugesagt und bin mit der Kleinen nach Berlin. Der Film reizte mich, obwohl Goebbels Geliebte ja keine so sympathische Figur war.“ Die ganze Crew kümmerte sich rührend um die Kleine, wenn sie in ihrem Körbchen auf die Mama wartete. Das Pendeln zwischen Muttersein und Drehen war so anstrengend, dass sich Dorit Gäbler nicht einmal das Gesicht ihres Filmgeliebten Uwe Karpa gemerkt hat. Was sich viele Jahre später herausstellte, als sie zusammen in „Köfers Komödiantenbühne“ die Theaterversion von „Rentner haben niemals Zeit“ spielten.
Dann kam 1990 der Riesenumbruch, und auf die Schauspielerin rollte etwas zu, das sie aus der Bahn zu werfen drohte. „Ich hätte das alles nicht überstanden, wäre ich innerlich nicht so stark gewesen“, resümiert sie rückblickend. Das Land DDR wurde als Staat getilgt. Nur die Menschen waren noch da, die nach dem 3. Oktober 1990 als BRD-Bürger aufwachten. Ob sie wollten oder nicht. Welche Konsequenzen diese „Übernahme“ nach sich zog, konnten viele damals nicht ermessen. Mit der Zeit ist es jedem klar geworden. „Plötzlich standen auch wir DDR-Künstler vor dem Nichts. Die vielen Möglichkeiten, Filme zu drehen, Hörspiele und Platten aufzunehmen, gab es für uns nicht mehr.“
Dorit Gäbler hielt sich an ihr Lebensmotto, dass sich immer ein Weg findet, auf dem es weitergeht, wenn man nur will. Und die damals 57jährige wollte sich ihren Beruf nicht nehmen lassen. Durch niemanden und nichts. „Meine Arbeit ist das, was mich am Leben hält“, betont sie immer wieder. Und so hat sie sich auch damals nicht fallen lassen. Sie scheute sich nicht davor, Klinken zu putzen, sammelte Absagen ein, und schaffte es schließlich wieder auf die Bühnen zurück. „Ich habe mich auf das konzentriert, worauf ich mich verlassen konnte.“ Das war sie selbst mit ihren Fähigkeiten als Schauspielerin und Sängerin, ihrem Talent, Lieder zu schreiben. Sie begann, sich neue Unterhaltungsprogramme aufzubauen, nahm dafür im Studio die Musik mit dem Trio „swinging-friends“ auf, um kostengünstig mit Halb-play-backs arbeiten zu können. Heute, wenn die Veranstalter das nötige Honorar aufbringen können, ist sie noch manchmal mit dem Trio live zu erleben.
Man hörte von Dorit Gäbler kein Gejammer. Sie hat die Widrigkeiten des Lebens immer in den Griff bekommen. Einiges riss ihr damals erst einmal den Boden unter den Füßen weg. Die Aussicht auf eine Rolle in der ARD-Daily-Soap „Verbotene Liebe“, in die man auch bekannte DDR-Schauspieler wie Gojko Mitic, Jürgen Zartmann und Peter Zintner holte, ging ihr 1995 verlustig. Das Casting lief perfekt. Das Engagement scheiterte daran, dass der Chefredakteur „eine aus dem Osten“ nicht mit der Hauptrolle besetzen wollte.
Manches in dieser Zeit machte sie, um das sprichwörtliche Brot zu verdienen. Sie testete Antifalten-Cremes, ließ sich für eine MDR-Dokumentation die Augenlider liften. „Das ist fast 25 Jahre her. Heute würde ich das nicht wieder machen“, sagt die 80jährige, „aber es half mir, den Blick in den Spiegel zu ertragen, nachdem ich 60 geworden war. Inzwischen weiß ich, es gibt auch jenseits der sechsten Null ein erfülltes Leben. Natürlich sollten dabei Sex und Erotik nicht außen vor bleiben. Auch sehr reife Frauen dürfen sich sexy und erotisch fühlen. Sie müssen es nur zulassen“, meint sie. Ihr Programm „Ein bisschen Sex muss sein“ ist ein Zuruf an die Frauen, dass Sex auch im reifen Alter noch Spaß machen kann. „Ich möchte ihnen die Ressentiments nehmen. Sex muss nicht immer zielführend sein. Wenn man zusammensitzt, sich ankuschelt, ein Schluck Wein mit dem Mund weitergibt, ist das eine sexuelle Handlung, verdammt noch mal!“
1992 entwickelte Dorit Gäbler ihren ersten Marlene-Dietrich-Abend, der bis heute zu ihren erfolgreichsten Programmen gehört. „Ich habe die Dietrich immer als Künstlerin und Menschen bewundert. Sie war diszipliniert wie keine bei der Arbeit war, immer auf das Team bedacht, mit dem sie gerade arbeitete. Sie war auch eine Diva, aber souverän im Umgang mit Bewunderung und Macht. Sie hat sich 1936 nicht bestechen lassen, aus den USA in das faschistische Deutschland zurückzukehren und dort wieder Filme zu drehen. So ein Rückgrat wünsche ich heute Politikern und so manchem Prominenten.“ Vergnügt erzählt mir Dorit, wie sie sich bei einem Besuch in Paris mit der Gitarre vor das Haus in der Avenue Montaigne 12 gestellt hat, wo Marlene Dietrich bis zu ihrem Tod im Mai 1992 in einem Appartement lebte, und ein paar ihrer Lieder sang. „Die Leute schauten verwundert aus den Fenstern, dann applaudierten sie. Die Dietrich ist trotz Tablettensucht eine starke Frau geblieben.“
2001 entstand ihr Album „Dorit Gäbler präsentiert Marlene Dietrich“, aufgenommen im Studio ihres Kollegen Wilfried Peetz
Mittlerweile schlüpft Dorit Gäbler seit 31 Jahren immer wieder erfolgreich in die Rolle des Weltstars. Über drei Ecken bekam sie ihre erste Bühnenrobe dafür von Georg Preuße, der als Travestiekünstler „Mary“ berühmt wurde. „Er hat seine Bühnengarderobe anfangs selbst genäht und später verkauft“, erzählt Dorit. Inzwischen musste sie die edle Strass-Robe einmal nachschneidern lassen. Die 2001 produzierte Platte „Dorit Gäbler präsentiert Marlene Dietrich“ machte sie deutschlandweit bekannt. 2004 war sie mit dem Album in der Schweizer Hitprade. 2009 trat sie anlässlich einer Marlene-Dietrich-Gala mit Liedern aus ihrer „Hommage an Marlene Dietrich“ in dem Nachbarland auf und hat das Publikum auch dort begeistert.
Wo immer auch Dorit Gäbler auf der Bühne steht, ist sie authentisch in dem was, sie tut. „Ich will die Menschen berühren, ihnen etwas geben, aus dem sie Kraft für sich ziehen können, das sie aufbaut und ihnen Freude bringt, wenn sie der Alltag erschöpft.“ Ihre Lieder drehen sich fast alle um das weibliche Wesen, seine Sehnsüchte, Wünsche, Hoffnungen, um Liebe und Verlassensein, um das zu sich selbst finden.
In der Zeit, als sich Dorit Gäbler als Schauspielerin und Sängerin zurückkämpfte, fiel ihr Hildegard Knefs autobiografischer Roman „Der geschenkte Gaul“ in die Hand. „Das Schicksal hat sie sooft aus dem Sattel geworfen, und sie kam immer wieder in Trab. Sie konnte wunderbare, so prägnante Texte schreiben. Ihr komprimierter Schreibstil begeisterte mich. Allerdings war ihr Umgang mit der Zeit des Faschismus fragwürdig. Ich habe lange gezögert, ihre Lieder zu singen.“
Nach dem Tod der Knef Tod 2002 nahm die Dresdnerin eine CD mit fünf Knef-Liedern auf. Diese Platte „Aber schön war es doch“ gab sie Paul von Schell zur „Begutachtung“ mit der Anfrage, ob sie ein zweistündiges Programm daraus machen dürfe. „Ihm gefiel, wie ich die Lieder seiner Frau interpretierte, und er gab mir sein Okay.“ Mit Songs und Texten aus dem „Geschenkten Gaul“ entwickelte Dorit Gäbler ein literarisch-musikalisches Bühnenporträt. Ein anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer Abend, der mittlerweile ihr zweiter Dauerbrenner ist. Es wäre der singenden Schauspielerin ein Leichtes, dank ihrer Erscheinung und ihrer Stimme als Hildegard Knef auf der Bühne zu stehen. Aber sie lässt Abstand für ihre Eigenständigkeit als interpretierende Schauspielerin. „Das Premieren-Kostüm hat mir Jürgen Hartmann geschneidert, der in den letzten Jahren auch Hildegard Knefs Bühnengarderobe entwarf und nähte.
Dorit Gäbler und ich 2007 vor ihrer Show „Starke Frauen“ im Dresdner Terassenrestauran Marcolini. Manchmal braucht Frau auch Hilfe @Boris Trenkel
Unterdessen, so fand sie, sei es Zeit für eine CD mit eigenen Texten und Kompositionen. 2005 spielte sie im Studio von Adagio Records Hamburg mit dem „Juri Lamorski Quintett“‚ ihre CD „Starke Frauen“ ein, die die Basis für ihre ebenso erfolgreiche Unterhaltungsshow wurden. Zum Vergnügen der weiblichen wie männlichen Zuhörer ventiliert Dorit Gäbler in lauten und leisen Liedern und Versen die Fragen des Lebens. Ist die Zeit der unverstandenen Frau, des Weibchens in Haus, Küche und Bett vorbei? Erotische Szenen wechseln sich ab mit Nachdenken über Fehler, die man erkannt hat und doch immer wieder macht. Die Quintessenz des Abends: Männer müssen vor starken Frauen keine Angst haben. Sie müssen sie nur lieben. Ich habe einen dieser Abende im Dresdner Terrassenrestaurant Marcolini genüsslich miterlebt.
Ein Solo auf dem Silbertablett
Mitte der 90erJahre adaptierte Dorit Gäbler für sich die Idee der DDR-Fernsehreihe „Schauspielereien“. Heitere und kuriose Kurzgeschichten für einen oder zwei Protagonisten. Wunderbar geeignet für die Schauspielerin, ihre Wandlungsfähigkeit, ihren Facettenreichtum auszuspielen.
Mit Musik, Erotik und Witz gestaltet Dorit Gäbler in unterschiedlichsten Rollen vergnügliche anderthalbstündige Theaterabende. „Die Zwischenmusiken schrieb mir mein Bruder Mäckie Gäbler, und bei der Regie hat mich Jürgen Mai unterstützt. Der Szenenwechsel muss ja genau getaktet sein. Meine Garderobe steht auf der Bühne, das Publikum erlebt meine Verkleidungen mit.“ Die „Schauspielereien“ waren bei den DDR-Fernsehzuschauern sehr beliebt. Zwölf Jahre – von 1978 bis 1990 – gaben sich prominente Schauspieler wie Herbert Köfer, Helga Piur, Uta Schorn, Walter Plathe, Helga Göring oder Rolf Ludwig hier einmal im Monat ein einstündiges Stelldichein. Dorit Gäblers Bitte an den MDR, das Format wieder aufzunehmen, wurzelte die Redaktionsleiterin Jana Brandt, die Tochter des DEFA-Regisseurs Horst E. Brandt, ab. „Die Zeiten, dass wir so einen Mist senden, sind Gott sei Dank vorbei, Frau Gäbler.“ Ganz so ein Mist kann es ja nicht gewesen sein, denn mehrere Folgen liefen auch in einigen Dritten Programmen der ARD. Jana Brandt war übrigens von 1988 bis zum Ende des DDR-Fernsehens 1991 Redakteurin in der für die „Schauspielereien“ zuständigen Abteilung Spielfilm/Serie des DDR-Fernsehens.
„Das hat mich damals tief getroffen, weil wieder etwas getilgt wurde, das zu unserem Leben gehört hat“, erinnert sich Dorit Gäbler. Fast möchte man es Trotz nennen. Sie entwarf ihr Bühnenprogramm und ging viele Jahre mit eigenen „Schauspielereien“ auf Tour. Natürlich gab es immer wieder Neuauflagen. „Das war mein größtes und bestes Programm“, findet sie. Nicht zu Unrecht wie sich in Kulturspalten verschiedener Tageszeitungen nachlesen lässt. Beifallsstürme im Kunstschloss Hermsdorf, Fußgetrappel und Bravo-Rufe in Kröpelin. In Greifswald und Dresden forderten die Zuschauer Zugaben, Begeisterung in Wittenberg. Mittlerweile hat sie dieses erfolgreiche Programm aufgegeben. „Die Kostümwechsel fanden auf offener Bühne statt, auf ein fließendes Spagetti-Trägerkleid zog ich Blusen und Jacken. Aber meinen so sichtbaren Oberkörper will ich keinem Zuschauer mehr zeigen“, gesteht die immer noch attraktive 80jährige.
Auf wundersame Weise, wie sie es nennt, bekam sie Ende der 90er Jahre Gast-Engagements an der Westberliner Komödie am Kurfürstendamm. „Ich spielte vier Inszenierungen in Berlin und Hamburg“, erinnert sie sich. Mit Winfried Glatzeder und Elisabeth stand sie in Mary Chase Komödie „Mein Freund Harvey“ auf der Bühne, an der Partnerbühne Comödie Dresden spielte sie mit Herbert Köfer, Hans-Jürgen Schatz und Jürgen Mai in dem Kästner-Stück „Drei Männer im Schnee“. Fast zehn Jahre ging sie ab 2008 mit Köfers Komödiantenbühne auf Tour, besonders erfolgreich in der Theaterversion von „Rentner haben niemals Zeit“, die auch in der Dresdner Comödie auf dem Spielplan stand. Von 2017 bis 2020 gehörte Dorit Gäbler als Mutter zur Besetzung in der Nikolaikirche Potsdam zur Besetzung des „Jedermann“-Inszenierungen.
Ihr großer Traum aber war ein Solo-Stück. Jahrelang hatte sie danach gesucht. Bei einer Vorstellung von „Rentner haben niemals Zeit“ mit Herbert Köfers Komödiantenbühne 2015 im TheaterNative C in Cottbus wurde es ihr auf dem Silbertablett geliefert. „Verliebt, verlobt, verschwunden“, eine One-Woman-Revue des österreichischen Theaterautoren Stefan Vögel. Gerhard Printschitsch, der Intendant des Theaters, drückte ihr das Stück in die Hand. Er hatte es für eine 60jährige Schauspielerin seines Ensembles schreiben lassen. Sie traute es sich nicht zu. Für die Komödiantin Dorit Gäbler, die ihr Publikum problemlos zwei Stunden allein unterhält, eine Paraderolle. Und inhaltlich ein gefundenes Fressen für sie, die in Sachen Beziehungen auch nicht auf Rosen gebettet war. Nach 18 Jahren Alleinseins mit zwei Kinder verspricht ein Mann einer Frau, er würde ihr den Himmel zu Füßen legen, wenn sie ihn heiratet. Doch am Hochzeitstag findet sie statt Rosen drei Worte auf einen Zettel gekritzelt: Ich kann nicht… Sie ist verletzt, wütend, verzweifelt, wie sie nur so blöd sein konnte, schon wieder auf einen Mann hereinzufallen. Im Laufe des Stücks findet sie zu sich selbst, analysiert das Wesen Mann. Sie flucht und singt sich in Rage, hadert mit Gott, der den Mann geschaffen hat. Sie warnt vor Typen, mit denen man sich nicht einlassen darf und parodiert ihren Exmann.
„Printschitsch hat das Stück bearbeitet und für die emanzipierte Frau im Osten zugeschnitten“, sagt Dorit Gäbler, die mit ihrem witzig frechen Spiel nicht nur bei den Frauen Lacher erntete. Das Schöne daran war für sie, dass sie nicht nur als Schauspielerin ihr Können zeigen konnte. „Ich durfte mir meine eigene Begleitmusik schreiben, weil ich die dazu vorhandende zu belanglos fand. Nun stand sie also die Schauspielerin mit der Songtexterin und der Komponistin in persona auf der Bühne. Ein solches Finale hatte ich mir immer erträumt!!!“
Allerdings lief das nicht so reibungslos ab, wie sie es jetzt erzählt. Ein Jahr hatte sie neben ihren anderen Verpflichtungen daran gearbeitet. Vier Tage vor der Premiere im Juni 2016 bekam sie einen Schwächeanfall. Die Generalprobe für die Revue in Cottbus musste abgebrochen werden. Die Premiere am 11. Juli und die nachfolgenden Vorstellungen meisterte die 73jährige bravourös. Inzwischen steht sie mit diesem Stück auch anderswo auf der Bühne, wie im Boulevardtheater Dresden, der Kleinen Komödie Warnemünde und dem Theater Adlershof.
Mittlerweile hat Dorit Gäbler 13 Programme, mit denen sie unterwegs ist. Früher waren es so um die 160 Veranstaltungen im Jahr. Jetzt möchte sie etwas kürzertreten, aber ihr Terminkalender ist voll. Zehn, zwölf Veranstaltungen hat sie doch immer noch im Monat.
Gedreht hat sie seit der Wende nur wenig. Da waren 1998 die turbulenten Geschichten „Leinen los für MS Königstein“, in denen sie zwei Folgen mitspielte. 1999/2000 war sie in der Serie „In aller Freundschaft“ als Pia Heilmanns Schwester Ursula in drei Folgen zu sehen. „Die Überlegung, mich dauerhaft einzubauen, lief ins Nichts. Ich passe nicht ins Ensemble, wurde mir gesagt. Naja, so war das eben. Ich habe mir andere Ziele gesetzt.“
2003 sah man sie in der Romanze „Mein Weg zu dir“ mit Pierre Besson. Nichts Weltbewegendes, aber die Rolle ließ sie als resolute Grand Dame glänzen. Eine sehr hübsche Rolle hatte Dorit Gäbler als schrullige Gärtnerin in der phantastischen Kinderserie „Das Geheimnis der Sagala“. Ihre Mitwirkung als Frau Zwirn in der Kinderserie „Schloss Einstein“ 2007/2008 waren ihre letzten Filmrollen.
Junge gegen Alte
Ich frage sie, ob es nicht Zeit wäre, sich aus dem Show-Geschäft zurückzuziehen. Nach intensiven, schönen 57 Jahren, in denen sie ihre Träume gelebt hat. „So etwas habe ich gerade auf Facebook gelesen. Da schrieb ein junger Mann, die alten Künstler sollten endlich die Bühne für die jüngeren freimachen. Das war nicht direkt an mich adressiert. Er bezog sich auf eine TV-Sendung. Ich habe ihm geantwortet, er möge doch mal herumfragen, ob junge Künstler in Kliniken und Pflegeheimen auftreten. Das glaube ich kaum. Das sind keine Bühnen, um bekannt zu werden, oder wo man viel Geld verdient. Das ist doch heute für junge Leute das Wichtigste. Da guckst du auch nicht in schöne, fröhliche Gesichter.“
Sie erzählt mir von einem Auftritt in einem Heim für Demenzkranke. „Ich habe Volkslieder zur Gitarre gesungen und sah in Gesichter, deren ausdruckslose Augen ins Nirgendwo blickten. Mit einem Mal aber kehrten die Lebensgeister in diese Menschen zurück. Sie sangen mit, ganz textsicher. Dass ich diesen Moment in meiner langen Karriere noch entdeckt habe, hat mich glücklich gemacht.“ Ich kann auf dem Laptop sehen, wie sehr sie dieses Erlebnis im Nachhinein noch berührt. Die Frage, ob sie schon darüber nachgedacht hat, wann sie sich von ihrem Bühnenleben zurückziehen will, erübrigt sich eigentlich. Sie ist noch lange nicht soweit, die Bühne aufzugeben. „Ich habe immer noch wahnsinnig viel Freude an der Arbeit und bin mit meinem Personality-Programm „Momentaufnahmen“, Geschichten aus meinem Leben, gut gebucht“, sagt sie. „Ich bleibe, solange das Publikum meine Veranstaltungen mit einem entspannten, freundlichen Gesicht verlässt, und ich höre, dass es ihnen gefallen hat. Fallen die Worte: Naja, Frau Gäbler, das war ganz nett, höre ich auf. Dann bin ich weg.“ Sie lacht und schränkt ein: „Aber ich lasse mich auch nicht wie Johannes Heesters auf die Bühne führen, wenn die Beine nicht mehr wollen.“ Eine klare Ansage.
Sie tut viel dafür, dass niemand ihre Veranstaltungen mit dem Gefühl verlässt: War ja ganz nett. Dorit Gäbler schöpft ihre künstlerische Vielseitigkeit als Schauspielerin, Sängerin und Texterin aus. „Ich möchte mein Publikum exklusiv unterhalten. Dafür steht der Name Dorit Gäbler.“ Der Erfolg ihrer zahlreichen Unterhaltungs- und Kabarettprogramme spricht dafür. „Es geht immer noch weiter“, sagt sie zum Abschied unseres Videointerviews.
Es sei hier gesagt, Feierabend ist für Dorit Gäbler noch lange nicht. Ein paar Tourdaten gefällig? https://www.dorit-gaebler.de/tourdaten/ Foto: Karl-Heinz Bellmann
Gespräche mit Rolf Hoppe wird es nicht mehr geben. Es waren viele in den 21 Jahren, die wir uns kannten. Und es war uns gegenseitig immer eine Freude, uns in seinem Refugium, einer kleiner Blockhütte in seinem Garten, gegenüber zu sitzen und zu reden oder am Telefon miteinander zu plaudern. So hielten wir zuletzt Kontakt, nachdem er sich aus dem Schauspielerleben zurückgezogen hatte. Am 14. November ist der wunderbare Mensch und hochverehrte Schauspieler von dieser Welt gegangen. Still und leise im Einklang mit sich und den geliebten Menschen, die er zurückließ. „Ich bin ein Harmonisierer, ich will keine Aggressivität“, beschrieb er mir seine Art zu leben. In drei Wochen hätte er seinen 88. Geburtstag gefeiert. Die Kraft reichte nicht mehr bis dahin und weiter. Wie ich es ihm vor einem Jahr noch gewünscht hatte. Er entgegnete mir mit dem ihm eigenen Realitätssinn: „Ach, weißt du, man darf nicht vergessen, dass es doch ein schönes Alter ist, 87 zu sein. Und so lange es so geht, wie es geht, ist es gut. Da arbeite ich auch noch ein bisschen. Und wenn es nicht mehr weitergeht, werde ich es schon merken.“ Er lachte und sagte mit seiner sanften Stimme „Tschüss, danke für den Anruf“.
Zu Ostern telefonierten wir noch einmal. Es klang nicht, als wäre es das letzte Mal. Er freute sich, dass es in seinem Garten wieder zu grünen und zu blühen begann. Jeden Strauch, jeden Apfelbaum, jedes Pflänzchen sind ein Stück von ihm. Er hat sie selbst gepflanzt, im Laufe der Jahre eine Steingartenlandschaft mit seinen Mitbringseln aus aller Herren Länder angelegt. Das Blockhaus mit dem Garten im Schönfelder Hochland bei Dresden war so ein Traum von ihm, den er sich mit 61 Jahren erfüllt hat. „Ein Irrsinn, sich als alter Zausel noch ein solches Haus zu bauen“, erklärte er mir mit einem Schmunzeln und Leuchten in den Augen, als ich ihn 1997 das erste Mal besuchte. Wir wanderten damals durch seine grüne Oase, und er erzählte mir von seiner Kindheit im Harzstädtchen Ellrich, wo er am 6. Dezember 1930 wie ein Nikolausgeschenk für seine Eltern zur Welt kam.
Der Vater besaß eine Bäckerei, die der Sohn übernehmen sollte. So wie der Vater von seinem Vater. Der Gedanke, sein Leben lang Teig zu kneten, war dem Kind aber ein Graus. „In mir steckte schon als kleiner Junge eine große Lust zum Spielen.“ Dennoch lernte er das Handwerk. Rolf Hoppe war acht Jahre als der zweite Weltkrieg in das Leben der Menschen eingriff und es für immer veränderte. „Da, wo ich aufgewachsen bin“, erinnerte er sich. „in Ellrich, war eins der brutalsten Arbeitslager. Dort wurde die V2 hergestellt. Was wirklich passiert ist, wusste ich nicht. Tagtäglich haben die Schornsteine des Krematoriums geraucht. Und nur 500 Meter von meinem Geburtshaus entfernt, im Bürgergarten, war ein KZ. Es ist für mich grauenvoll, wenn ich daran denke.“
Das sind Dinge, die er gern vergessen wollte, es aber nicht konnte. Ellrich war einst eine lebendige Stadt. Der Krieg hatte ihren Menschen das Lachen genommen. Auch ihm selbst. „Ich bin dem Lachen nachgerannt, ich wollte wieder lachen und dass sich die Menschen wieder am Leben erfreuen.“ Darum wollte er Clown werden, aber seine Neigung zum Schauspiel war stärker. „Das Clowneske in mir habe ich behalten. Lachen ist Lebenshilfe, ohne Humor kann der Mensch nicht sein“, sagte er.
Ihn machte es glücklich, wenn die Menschen zu ihm kamen, ihm zuhörten. Jenseits von Bühne und Kamera liebte er es, in der Erde zu buddeln. Er tat es, solange die Kraft dafür noch da war. „Es ist noch so viel Platz in meinem Garten, ich müsste wieder etwas pflanzen“, sinnierte er, wenn ich ihn bei unseren Telefonaten nach seinem Lieblingsort fragte. Leise, fast ein bisschen traurig, erklärte er dann: „Ich genieße es lieber, in der Sonne zu sitzen, dem leisen Rauschen der Bäume zu lauschen.“ Vor zwei Jahren sprachen wir noch darüber, dass ich im Frühling mit ihm zusammen buddele. Mittlerweile umgibt ein dichter Rasenteppich die zwei Birken vor dem Haus. Er nannte sie Josephine und Christine. Es sind die Lebensbäume seiner beiden Töchter.
Die starke Kiefer ein Stück weiter hinten im Garten taufte er Friederike. „Sie ist stark wie meine Frau, kein Sturm kann sie brechen“, erklärte er mir. Denn ohne seine Frau hätte es sein Leben so, wie es war, nicht gegeben. „Sie war mein Rückhalt, hat unsere Mädels großgezogen, war für ihre Sorgen und Nöte da, während ich durch die Welt schwirrte.“ Wochenlang hat er für die DEFA-Indianerfilme in der Sowjetunion gedreht, in der Mogolei, in Rumänien. Er war in China und Japan, spielte schon zu DDR-Zeiten sieben Jahre in Salzburg den Mammon im „Jedermann“. „Mein Riekchen“, wie er seine Frau liebevoll rief, „hat sich nie beschwert.“ Es war ihm wichtig, dies zu sagen. Rolf Hoppe hat seine Verantwortung für das Glück seiner Familie immer ernst genommen. Dafür hat er viel gearbeitet. Aber das Spielen war ihm auch eine Lust. Wie einem Kind, das sich daran erfreut, wenn es andere mit seinem Spiel begeistert. „Ich will den Menschen, die mir zuschauen, etwas geben, das ihnen hilft, wenigstens eine kurze Zeit den Druck des Alltags zu vergessen, ein bisschen Kraft für sich ziehen.“
Über 400 Rollen füllte Rolf Hoppe Zeit seines Lebens auf der Bühne und vor der Kamera aus. Prall gefüllte Jahre von der Kindheit im Harzstädtchen Ellrich bis zum vielfach geehrten Schauspieler. Zuerst war es das Puppentheater, das er mit zehn Jahren von seinen Eltern geschenkt bekam und das er vor dem Laden des Vaters aufstellte. Mit einem Freund spielte er Grimms Märchen, später wirkte er im Laienzirkel der Antifa-Jugend mit. Zuvor durfte er seiner Leidenschaft für Pferde nachgehen, indem er nach der Befreiung 1945 als Panje-Kutscher für die sowjetische Kommandantur arbeitete. 1951 begann sein Weg auf die Theaterbühnen der DDR und bald zum Film. Nach der Wende erfüllte er sich noch einen dritten großen Traum: Er kaufte einen Dreiseithof und schuf in Weißig das Hoppesche Hoftheater. „Ich wollte ein Theaterchen, ganz klein, wo das Leben nur eine Stufe ist: das gespielte Leben, das geträumte Leben und das wirkliche Leben im Parkett, das ineinander überfließt.“
1983 drehte Rolf Hoppe unter der Regie von Peter Schamoni „Frühlingssinfonie“. In dem Film geht es um die Liebe zwischen Robert und Clara Schumann. Als ehrgeiziger Vater vereinnahmt er die Tochter (Nastassja Kinski) @DEFA-Stiftung/Sybille U. Werner
Rolf Hoppe überraschte nicht nur die Zuschauer mit der Vielseitigkeit seines schauspielerischen Talents, das von der diffizilen Darstellung des Generals Göring über Künstler, Professoren und Jidden mit ihrem speziellen Humor bis hin zu gutherzigen Märchenfiguren wie den König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Hans Röckle und der Teufel“ reicht. Rolf Hoppe verfügte über die Gabe einer schönen Ironie. Süffisanz mischte sich mit Verletzlichkeit. Er verstand es, das Boshafte im Guten zu verstecken. „Jeder Mensch besitzt diese zwei Seiten“, sage er, „die Gefährlichkeit liegt darin, dass sich das Böse mit Menschlichkeit tarnt.“
Man wusste bei ihm nie so genau, was Hoppe und was Rolle ist. Er war in den kleinsten Auftritten authentisch. Ich fragte ihn einmal, ob er es denn wüsste. Da grinste er mich an. „Nee, das ist ja meine Lebensaufgabe, das herauszukriegen. Ich bin ja immer wieder erstaunt und neugierig, wie der Hoppe sich verhält. Ich lebe aus dem Körper heraus, der immer wieder neu ist.“ Nach seinem oscarprämierten Erfolg in István Szabós „Mephisto“ standen dem damals 51-Jährigen die Türen in Amerika offen. Doch es war keine Option für ihn. „Ich kann nur dort leben und spielen, wo ich mit meiner Sprache und meinen Gefühlen zu Hause bin. Ich versuche immer, den Menschen in einer Rolle zu finden. Ich muss in der Sprache auch denken können“, sagte er. Wie ein Hochstapler habe er sich gefühlt, als er mit Volker Schlöndorff 1998 in Florida auf englisch den Psychokrimi „Palmetto“ gedreht hat.
Rolf Hoppe hat den Tod nie aus seinen Gedanken verdrängt. „Ich habe mich in meinem Beruf immer mit der Frage beschäftigt, wo komme ich her, was will ich hier, wo gehe ich hin? Das ist der Kreislauf des Lebens. Der Tod gehört zum Leben. Woher wissen wir, dass er nicht zum Schönsten im Leben gehört? Nur die Frage wie beantworte ich nicht. Vor solchen Gedanken habe ich Angst.“ In den vergangenen beiden Jahren hat er, der immer unermüdlich unterwegs war, ohne Arbeit nicht sein konnte, sich gestattet, sich alle Zeit für sich, für sein Dasein zu nehmen. „Der Beruf war mein Leben, aber mit dem Alter muss man bescheidener werden. Die Zeit wird wertvoller.“ Und dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: „Ich würde sogar mit den Engeln auf Wolke Sieben ein Theater aufziehen. Zu meiner Freude und der der Leute.“
Schauspieler Rolf Hoppe im Porträt von York Maecke
Am Nikolaustag das Licht der Welt zu erblicken, ist ein Glück. Als Kind bekommt man etwas in die feingeputzten Schuhe gesteckt und einen Gabentisch mit Geburtstagsgeschenken darf man auch noch erwarten. Ein solcher Glückspilz ist Rolf Hoppe. Er begeht heute seinen 87. Geburtstag. Um meine Gratulation an den alten Freund zu bringen, brauchte es Geduld. Ich musste mich quasi in der Warteschleife anstellen. „Ja, ich habe viele Anrufe bekommen“, erklärt er mit seiner warmen Stimme, als ich ihn endlich erreichte. Der Bäckerssohn aus dem Harzstädtchen Ellrich hat es auf der Bühne und vor der Kamera mit seiner Lust am Spielen und dem unbändigen Wunsch, Freude, Abwechslung und Nachdenken zu erzeugen, zu einem der bedeutendsten deutschen Schauspieler gebracht. Er erfuhr internationale Anerkennung in seiner Rolle als General in István Szabós Film „Mephisto“ ( wurde 1982 als bester fremdsprachiger Film mit dem Oscar ausgezeichnet). In jüngerer Zeit wurde er mit dem deutschen Schauspielerpreis für sein Lebenswerk geehrt und erhielt den PAULA-Ehrenpreis für besondere künstlerische Verdienste um den deutschen Film. Der Bundesverdienstorden 1. Klasse liegt neben dem Nationalpreis der DDR 1. Klasse für Kunst und Literatur. „Ich bin stolz auf beide Auszeichnungen“, sagte er mir mal. Den DDR-Preis zurückzugeben, wie es andere Kollegen getan haben, käme ihm nie in den Sinn. Der Wahl-Dresdner gehört nicht zu denen, die sich von ihrem Leben vor 1990 distanzieren. „Dieses kleine Land DDR hat mir Großes ermöglicht. Die Jahre gehören zu meinem Leben“, betonte er auf derlei Fragen immer.
Rolf Hoppe und seine Frau Friederike c/o York Maecke
An diesem Tag heute ist die ganze Familie im Hoppeschen Blockhaus in Dresden-Weißig versammelt. Er genießt die Zeit mit ihr. Selbst durch Telefon spüre ich sein Strahlen, als er erzählt, dass auch sein Enkel Oscar da ist. „Dass er meinetwegen aus Berlin hergekommen ist, das ist eine große Freude“. Der 21-Jährige tritt in die Fußstapfen seines berühmten Großvaters. Er studiert an der Hochschule „Ernst Busch“ Schauspiel und Regie. „Natürlich bin ich stolz. Auf alle meine Kinder und Enkel bin ich stolz“, sagt der zweifache Vater und dreifache Großvater. Meinem Wunsch für ihn, noch viele Jahre gesund zu erleben, begegnet er mit dem ihm eigenen Realitätssinn: „Also 87 ist schon ein schönes Alter, muss man schon sagen. Und so lange es so geht, wie es geht, ist es gut. Da arbeite ich auch noch ein bisschen. Die Zeit der großen, langen Rollen ist vorbei“, meint er nun, da er 87 geworden ist. Am 13. November sah man ihn in einer kleinen stillen Szene im Spreewald-Krimi „Zwischen Leben und Tod“. Hoffen wir, es gibt noch viele solche Momente auf dem Bildschirm.
Zum ersten Mal fand vom 23. bis 25 August in Annaberg-Buchholz das Internationale Märchenfilmfestival „fabulix“ statt. Eine Idee des tschechisch-deutschen Textdichters und Musikproduzenten Filip Albrecht, der auch als Festivaldirektor fungierte. Es waren fünf märchenhafte Tage voller Workshops, Filme und Lesungen. Natürlich wurden auch Preise vergeben. Den Publikumspreis gewann der Märchenfilm „7 Raben“ . Er wurde anschließend nochmals auf dem Marktplatz gezeigt.
Eine große Überraschung wurde dem beliebten Schauspieler Rolf Hoppe bereitet. Er erhielt als erster überhaupt den „fabulix“-Preise für sein Lebenswerk, in dem nicht nur der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“eine wichtigen Platz einnimmt. Figuren in Kinder- und Märchenfilmen spielte er mit am liebsten. Über seine Rolle als Hans Röckle in dem DEFA-Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“sagte er mir: „DerRöckle war schon etwas Besonderes. Er erfindet Dinge, die den Menschen nützen sollen. Auch ein Fernrohr, mit dem man in Zukunft schauen kann. Er hat den Traum vom guten Leben, vom freundlichen Leben. Ich wollte die Menschen immer zur Lust auf das Leben verführen. Und in diesem Anspruch war der Röckle eine wichtige Figur in der Reihe der Menschen, die ich gespielt habe.Man wollte mir die Rolle gar nicht geben, weil ich zu der Zeit in der Schublade für die Bösen steckte. Ich spielte Faschisten und hatte mir durch meine Rolle als Feind des geliebten Indianerhäuptlings Gojko den Unwillen des Publikum zugezogen. Von Regisseur Hans Kratzert war es eine echte Tat, dass er mich für die Rolle des Hans Röckle genommen hat. Und für mich war es ein große Freude.“
1996 spielte er den guten und den schlechten König Quelle: cinema.de
Er hatte viel Spaß beim Drehen als Doppelter-König in dem Märchen „Lorenz im Land er Lügner“(1996). Sein Reitkünste und sein komisches Talent durfte er in Rolf Losanskys Märchenfilm von „Hans im Glück“(1999) ausleben. Viele Jahre hat der Dresdner Mime Weihnachten Märchen und Geistergeschichten in Schloss Weesenstein gelesen. Der heute 86-Jährige wollte eigentlich mit seiner Tochter Josephine nach Annaberg-Buchholz kommen, aber es wäre für ihn zu anstrengend geworden. Und so hat Josephine für ihn den Preis entgegengenommen.
Weißig. Auszeichnungen sind Rolf Hoppe nicht wichtig. Aber wenn sie denn kommen, steht doch ein Leuchten in seinen Augen. Ein ganz besonderer Moment war für den großartigen und beliebten Schauspieler seine Ernennung zum ordentlichen Ehrenmitglied der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien, der internationalen Gesellschaft zur Förderung von Musik, Theater und Kunst, am 16. September.
Schauspieler und Prinzipal Rolf Hoppe im Foyer seines Hoftheaters
Bewegt stand erauf der Bühne seines kleinen Hoftheaters in Dresden-Weißig und nahm die Urkunde aus den Händen des EKW-Präsidenten, Kammersänger Heiko Reissig, entgegen. „Getreu seinem Motto: Das Gute im Bösen sichtbar machen und das Böse im Guten, ist Rolf Hoppe ein unverrückbarer Garant für höchste Darstellungskunst im wahrsten Sinne des Wortes, ein Garant für packende Unterhaltung, für sprachliche Nuancen und Raffinessen, für ironisch feinen Witz oder derben Humor“, heißt es in der Laudatio. Ja, für all das liebt und verehrt ihn sein zahlreiches wie treues Publikum. Rolf Hoppe ist in seinem langen und ausgefüllten Künstlerleben zu einem wahrhaftigen Volksschauspieler avanciert. Die Reaktion des Geehrten ist typisch für ihn, den Harzer Jungen, einem Kriegskind, das den Wunsch hatte, den Leuten Freude zu bringen und bis jetzt danach lebt. „Dass Menschen an einen denken, denen man mit seiner Arbeit Freude gebracht hat, ist das eine. Aber dass meine Arbeit so hoch geschätzt wird, macht mich alten Mann glücklich. Man wird ja schnell vergessen, wenn man nicht mehr so dabei ist. Ich habe immer für die Menschen gespielt und möchte immer noch in ihre ernsten Gesichter ein Lächeln zaubern. Darum habe ich mir die Kindheit in die Tasche gestopft und hole sie heraus, wann immer mir danach ist“, sagt er. Und lacht.
September 2016. Kammersänger Heiko Reissig, ehrenamtlicher Präsident der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien, überreicht Rolf Hoppe (neben ihm Tochter Josephine) die Urkunde für die Ehrenmitgliedschaft. Foto: EKW-Archiv
Für den 85-Jährigengibt es immer noch etwas zu tun. Nicht nur in seinem Garten, den er hegt und pflegt und sich daran erfreut. Manchmal steht der Prinzipal auf der Bühne seines Hoftheaters, hin und wieder ruft der Film. Vor ein paar Tagen stand für er den neuen „Spreewaldkrimi: Die Rückkehr des Schlangenkönigs“ vor der Kamera. Tochter Christine, eine der wichtigsten Schauspielerinnen Dresdens, hat ihn begleitet. „Wir haben in einem Hotel in Burg gedreht. Es ist die Fortsetzung der ,tödlichen Legende‘, in der ich wieder den verwirrten alten Mann spiele. Es war nur ein Tag, aber ich merke inzwischen die Anstrengungen“, erzählt Rolf Hoppe. Nach über 60 Jahren eines prallen Arbeitslebens, das ihn auch in hohem Alter noch in die weite Welt geführt hat – bis nach Australien – braucht sein Akku mehr Zeit zum Aufladen. „Ich schlafe viel. Doch Kopf und Körper müssen immer noch etwas zu tun haben, sonst ist bald Schluss“, sagt er und hat sein schelmisches Lächeln im Gesicht – wie immer, wenn wir mit einander reden.
Er ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler und für mich ein ganz besonderer Mensch. In wenigen Tagen, genauer, am 6. Dezember, feiert Rolf Hoppe seinen 85. Geburtstag. Die Geschichten über sein Leben hat er in zwei Büchern erzählt – und einiges davon mir, seit wir uns 1997 für ein Porträt kennengelernt haben. Seitdem telefonieren wir so zwei-, dreimal im Jahr oder auch öfter. Es sind stets vergnügliche Plaudereien, bei denen hin und wieder eine Verabredung herauskommt. Wie im Mai, weil man sich gern wieder sieht.
Mein Hausbesuch bei diesem Mimen – bei ihm ist diese Formulierung nicht zu hoch gegriffen – führte zu einer ganz besonderen Titelgeschichte in der SUPERillu (Heft 23/15). Denn zum ersten Mal war seine Frau Friederike dabei. Zur großen Freude ihres Mannes. Nachdem sie sich aber zunächst wie immer konsequent geweigert hatte, „in einem Artikel zu erscheinen“. Sie habe da nichts verloren. Punkt. Wohl aber doch, so sieht das Rolf Hoppe. Doch dazu später noch mehr.
Kurz nach meinem Besuch in seinem Domizil in Weißig war Rolf Hoppe mit dem Deutschen Schauspielerpreis geehrt worden. Nicht für eine Rolle, sondern für sein Lebenswerk, für 60 Jahre darstellerisches Schaffen. Weit über 400 Rollen prägte er auf der Bühne, vor der Kamera oder in Hörspielen, jede eine Zäsur.
Das Porträt von Rolf Hoppe fotografierte York Maecke
Der Deutsche Schauspielerpreis wurde 2012 ins Leben gerufen. Eine Anerkennung von Schauspielern für Schauspieler. Im letzten Jahr wurde Senta Berger mit diesem Preis geehrt, die beiden Jahre zuvor Götz George und Katharina Thalbach. Rolf Hoppe empfindet es als große Ehre, ihn bekommen zu haben. „Du kennst mich ja. Ich bin in solchen Sachen ein Fluchttier, wie meine Frau. Aber da bin ich hingegangen, weil ich mich sehr gefreut habe über diese Anerkennung. Dass Menschen an einen denken, denen man mit seiner Arbeit Freude gebracht hat, ist das eine. Aber dass es Kollegen sind, die meine Arbeit würdigen, macht mich froh. Man wird ja schnell vergessen, wenn man alt und nicht mehr so präsent ist.“ Eine bittere Wahrheit für viele andere, nicht für den Mimen mit dem weißen Bart, der so gern lacht und Späße beim Gespräch macht. Der sich vor fast 70 Jahren die Kindheit in die Tasche gesteckt hat.
Nicht mehr präsent! Davon kann bei ihm wirklich nicht die Rede sein. Erst im Sommer stand er für den Kinofilm „Die Blumen von gestern“ vor der Kamera. Hoppe spielt einen Historiker, dessen Spezialgebiet der Holocaust ist. Im letzten Jahr hat er in Irland für den ZDF-Zweiteiler „Pfeiler der Macht“ gedreht und davor den Fernsehfilm „Ohne dich“. Es sind inzwischen die Rollen der Alten, Weisen, Intellektuellen, Juden, Familienoberhäupter mit geheimnisvollen Punkten im Leben, die den fast 85-Jährigen noch ein-, zweimal im Jahr vor die Kamera locken. „Es ist alles nicht mehr so ideal. Das ganze Drumherum bis ich vor der Kamera stehe ist anstrengender geworden“, sagt er. „Aber es ist schön, dass man mich Alten noch will.“ Inzwischen begleitet Enkel Oscar seinen Großvater bei den Produktionen. „Dann bin ich nicht so allein und habe jemanden, der weiß, wann ich wo sein muss.“
Frau Hoppe schaut zu, wie York Maecke ihren Mann fotografiert
Schauspieler mit der Gabeeines Rolf Hoppe sind selten. Regisseur István Szabó, in dessen Film „Mephisto“ er als Nazi-General Göring 1981 international berühmt wurde – trotzdem mag er die Rolle nicht besonders – sagte über ihn: „Er ist der Mann fürs Ambivalente. Hoppe kann mächtig und zugleich zerbrechlich wirken. Das Böse verbirgt sich bei ihm hinter verführerischer Leutseligkeit, scheinbar Gutem. Das Heuchlerische und Intrigante, das Doppelbödige hinter Liebenswürdigkeit, scheinbarer Ehrlichkeit.“
Hoppe hat einen klaren Anspruch an den Beruf. Für ihn bedeutet Schauspieler zu sein, Geschichten erzählen, Menschen in ihrem Widerspruch zeigen. „Wenn einer dumm wirkt, muss er einen hellen Geist haben. Wenn einer dick ist, muss er agil sein“. Populärstes Paradebeispiel ist der Indianerhasser Bashan im DEFA-Film „Spur des Falken“, in dem der schwergewichtige Hoppe mit seiner Wendigkeit beim Reiten selbst Gojko Mitic verblüffte. Die hohe Kunst des Schauspielers zeigte sich in seiner Rolle als Präfekt in „Mario und der Zauberer“ unter der Regie von Klaus Maria Brandauer. Dessen Worte: „Dieser Hoppe ist genial. Er beherrscht die Szene ohne etwas zu sagen. Nur mit seinen Blicken, seinen Gesten.“ Seine Körpersprache, seine Mimik und vor allem seine Stimme mit den unendlich vielen Modulationen sind Hoppes Kapital, in dem das Geheimnis seines Erfolgs liegt.
Rolf Hoppe will mit seinem Spiel aufklären, nicht dogmatisch, sondern auf eine unterhaltende Weise, die zugleich den Ernst erkennen lässt. Er macht das auf so wunderbare Weise, dass selbst die Kinder es verstehen. Für sie hat er besonders gern gedreht. Zu seinen liebsten Rollen gehören für ihn der verschlagene und der gute König in dem Kinderfilm „Lorenz im Land der Lügner“ und der wundersame Schneider „Meister Röckle“.
Der Dresdner FilmkritikerKarl Knietzsch fand in einem Gespräch mit Hoppe für die DDR-Kinozeitschrift „Filmspiegel“ ein treffsicheres Bild. „Rolf, wenn du’n Pferd geworden wärst (Hoppe mag Pferde), dann außen ‘n Kaltblüter, aber innen todsicher ‘n Vollblut!“ Diese besondere Fähigkeit ist es, die diesen leisen, fast schüchtern wirkenden Mann so besonders und für Regisseure immer wieder anziehend macht. „Ich suche in einer Figur das, was sie menschlich macht. Frage, wovon versteht sie was, wovor hat sie Angst. Egal, wie groß oder klein eine Rolle ist. Bei den kleinen ist am schwersten, macht aber am meisten Spaß“, erzählt er mir. Das ist sein Credo.
Hoppe ist ein Weltstar, auch wenn er sich als solchen nicht empfindet. Er ist nicht der Typ, der nach vorn prescht ins Rampen- oder Scheinwerferlicht. Keiner, der immer das Sagen haben will. Mit solchen Leuten kommt er schwer zurecht. „Wenn ich merke, da hat einer das Bedürfnis an der Spitze zu sein, bin ich ganz still und lasse ihn. Henry Hübchen ist so einer – über den darf ich das sagen, der weiß es.“ Sie haben zusammen für die Krimi-Reihe „Commissario Laurenti“ in Triest gedreht. Hübchen in der Titelrolle, Hoppe spielte den alten Doktor Galvano. Eine Rolle, wie für ihn gemacht. Und er genoss es, durch die Straßen der geschichtsträchtigen norditalienischen Hafenstadt an der Grenz zu Slowenien und Österreich zu spazieren.
Rolf Hoppe, der am Nikolaustag 1930 im Harzstädtchen Ellrich das Licht erblickte, hat nie etwas anderes gewollt, als Schauspieler zu sein. Seit er als Kind ein Puppentheater geschenkt bekam und den Spaß am Spielen, Verwandeln entdeckte. Und – dass man den Menschen damit, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Lachen geben kann. Der Krieg hatte es den Menschen genommen. Diesem Traum ist er nachgegangen. So intensiv, dass er 1950 im Märchenstück „Die Prinzessin und der Schweinehirt“ mit Fieber auftritt und nach mehreren Vorstellungen die Stimme verliert. „ Lähmung der Stimmlippen, weil ich mich überschrien hatte. Ich wusste nicht damit umzugehen. Das war die schlimmste Zeit, die ich erlebt habe.“
Die Bühne war passé, aber er gab nicht auf, arbeitete als Tierpfleger im Zirkus Aeros, und fand in Halle einen Professor für Logopädie. Er lernte wieder sprechen. Statt Zigaretten zu rauchen, empfahl ihm Prof. Wizzak, es mit der Pfeife zu probieren, die schade der Stimme nicht. „Ich war baff“, sagt Hoppe. Die Pfeife wurde ihm zum unabkömmlichen Requisit.
1946 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne, in der Titelrolle von Friedrich Wolfs Stück „Prof. Mamlock“ im Laientheater in Ellrich. Es wurde für ihn ein Riesenerfolg. Sein erster. Von da an stand für ihn fest, dass er die Schauspielerei ernsthaft, als Beruf, betreiben will. Nach zwei Ablehnungen für eine Schauspielausbildung in Weimar und Halle studierte er 1949/50 an der Schauspielschule des Theaters Erfurt. Das ist ein ganz Besessener, der zerrupft sich für eine Rolle – hieß es unter den Studenten. Rolf Hoppe ist ein Perfektionist. Es muss stimmen, was er spielt. So ließ er sich nicht davon abbringen, in der Operette „Feuerwerk“ mit den zur Rolle gehörenden Clownslatschen 2,50 Meter über dem Boden auf einem Drahtseil zu balancieren. Er schaffte das bis zur Generalprobe. Da stürzte er ab und landete mit Prellungen und Platzwunden im Geraer Krankenhaus.
Das war 1960. Ein Aufenthalt mit Folgen. Die drei Jahre jüngere OP-Schwester Friederike fand Gefallen an ihm und er an ihr. Von da an wird sie ihn durchs Leben begleiten, seine Träume mittragen, in denen es auch zwei Kinder gibt. Mit großer Zärtlichkeit erzählt er von seinen Töchtern Josephine und Christine, die in seine Fußstapfen getreten sind. Christine hat die große Präsenz ihres Vaters, wenn sie am Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne steht. „Das Mädel spielt die ganz großen Rollen, mit großer Wirkung.“ In seiner Stimme schwingt unbändiger Stolz mit.
Für Rolf Hoppe waren Träume nie Schäume. Was im Leben nicht ging – und das war wenig, denn sogar der Traum vom eigenen Hof-Theater erfüllte sich 2005 – erspielte er sich. Vor allem in seinen Filmrollen. Da ritt der Pferdenarr in den Indianerfilmen durch den Wilden Westen. Er war Gaukler, Artist, König, Lokführer. Doch das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn ihm seine Frau Friederike nicht den Alltag abgenommen hätte. Dafür hat sie ihren Beruf aufgegeben. „Wir sind seit 55 Jahren zusammen, nie konnte ich sie auch nur zu einem Foto für die Zeitung überreden, dabei gehört sie doch zu meinem Leben. Ohne sie wäre ich manchmal hilflos gewesen“, gesteht er. Es machte ihn traurig.
Dann passierte das große Wunder. Während Fotograf York Maecke nach meinem Gespräch Aufnahmen von Hoppe machte, erzählte mir seine Frau Friederike von ihrem Leben an der Seite des Workaholics. Ja, das war Rolf Hoppe. Um so mehr genoss die Familie die Zeit mit ihm, die Ferien in Ungarn, als Szabó ihn für seinen Film gewinnen wollte. Seine Frau und die beiden Töchter Josephine und Christine begleiteten ihn nach Salzburg, wo er sieben Jahre den Mammon im „Jedermann“ spielte.
Die kleine, resoluteFrau ließ ihn seinen Beruf ausleben, der ihn glücklich macht. „Dass ich Rolf kennenlernte, war die Erfüllung einer unbestimmten Sehnsucht. Ich wollte einen Mann, der einen besonderen Beruf hatte. Aber ich wusste nicht, was für einen.“ Als Rolf wieder gesund war damals, ging sie zu ihm ins Theater und bat ihn, ihr zwei Karten zu besorgen. „Ich war hin und weg von seiner Eleganz und habe mich in ihn verliebt.“ Es war eine glückliche Fügung. Zum Abschied unseres Besuches fragte mich Rolf Hoppe noch: „Wie hast du das nur angestellt, dass sie dir so viel erzählt. Sie weiß doch, dass du Journalistin bist. Und dass sie sich auch noch fotografieren ließ! Ich bin so glücklich darüber.“
Das muss man nicht kommentieren.
PS: Wer Lust auf einen Besuch in Rolf Hoppes Hof-Theater hat, hier findet er Spielplan und Adresse.