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Rolf Hoppe – er lebte aus dem Körper heraus

Gespräche mit Rolf Hoppe wird es nicht mehr geben. Es waren viele in den 21 Jahren, die wir uns kannten. Und es war uns gegenseitig immer eine Freude, uns in seinem Refugium, einer kleiner Blockhütte in seinem Garten, gegenüber zu sitzen und zu reden oder am Telefon miteinander zu plaudern. So hielten wir zuletzt Kontakt, nachdem er sich aus dem Schauspielerleben zurückgezogen hatte. Am 14. November ist der wunderbare Mensch und hochverehrte Schauspieler von dieser Welt gegangen. Still und leise im Einklang mit sich und den geliebten Menschen, die er zurückließ. „Ich bin ein Harmonisierer, ich will keine Aggressivität“, beschrieb er mir seine Art zu leben. In drei Wochen hätte er seinen 88. Geburtstag gefeiert. Die Kraft reichte nicht mehr bis dahin und weiter. Wie ich es ihm vor einem Jahr noch gewünscht hatte. Er entgegnete mir mit dem ihm eigenen Realitätssinn: „Ach, weißt du, man darf nicht vergessen, dass es doch ein schönes Alter ist, 87 zu sein. Und so lange es so geht, wie es geht, ist es gut. Da arbeite ich auch noch ein bisschen. Und wenn es nicht mehr weitergeht, werde ich es schon merken.“ Er lachte und sagte mit seiner sanften Stimme „Tschüss, danke für den Anruf“.

Im Sommer 2015 habe ich Rolf Hoppe anlässlich seines 85. Geburtstages interviewt. Wie immer fand das Gespräch in seinem Refugium statt. Im Hintergrund Bilder seiner Rollen. © York Maecke

Zu Ostern telefonierten wir noch einmal. Es klang nicht, als wäre es das letzte Mal. Er freute sich, dass es in seinem Garten wieder zu grünen und zu blühen begann. Jeden Strauch, jeden Apfelbaum, jedes Pflänzchen sind ein Stück von ihm. Er hat sie selbst gepflanzt, im Laufe der Jahre eine Steingartenlandschaft mit seinen Mitbringseln aus aller Herren Länder angelegt. Das Blockhaus mit dem Garten im Schönfelder Hochland bei Dresden war so ein Traum von ihm, den er sich mit 61 Jahren erfüllt hat. „Ein Irrsinn, sich als alter Zausel noch ein solches Haus zu bauen“, erklärte er mir mit einem Schmunzeln und Leuchten in den Augen, als ich ihn 1997 das erste Mal besuchte. Wir wanderten damals durch seine grüne Oase, und er erzählte mir von seiner Kindheit im Harzstädtchen Ellrich, wo er am 6. Dezember 1930 wie ein  Nikolausgeschenk für seine Eltern zur Welt kam.

Am Rande von Dresden schuf Rolf Hoppe für sich und seine Familie eine grüne Oase. © York Maecke

Der Vater besaß eine Bäckerei, die der Sohn übernehmen sollte. So wie der Vater von seinem Vater. Der Gedanke, sein Leben lang Teig zu kneten, war dem Kind aber ein Graus. „In mir steckte schon als kleiner Junge eine große Lust zum Spielen.“ Dennoch lernte er das Handwerk. Rolf Hoppe war acht Jahre als der zweite Weltkrieg in das Leben der Menschen eingriff und es für immer veränderte. „Da, wo ich aufgewachsen bin“, erinnerte er sich. „in Ellrich, war eins der brutalsten Arbeitslager. Dort wurde die V2 hergestellt. Was wirklich passiert ist, wusste ich nicht. Tagtäglich haben die Schornsteine des Krematoriums geraucht. Und nur 500 Meter von meinem Geburtshaus entfernt, im Bürgergarten, war ein KZ. Es ist für mich grauenvoll, wenn ich daran denke.“

Ohne Bart fühlte sich Rolf Hoppe nackt. 2010 musste er ihn für die Rolle eines Stasi-Oberst abnehmen. © Boris Trenkel

Das sind Dinge, die er gern vergessen wollte, es aber nicht konnte. Ellrich war einst eine lebendige Stadt. Der Krieg hatte ihren Menschen das Lachen genommen. Auch ihm selbst. „Ich bin dem Lachen nachgerannt, ich wollte wieder lachen und dass sich die Menschen wieder am Leben erfreuen.“ Darum wollte er Clown werden, aber seine Neigung zum Schauspiel war stärker. „Das Clowneske in mir habe ich behalten. Lachen ist Lebenshilfe, ohne Humor kann der Mensch nicht sein“, sagte er. 

Viele Kämpfe focht er auf in den DEFA-Indianerfilmen mit Gojko Mitic aus. Im Leben waren sie gute Freunde. © Boris Trenkel

Ihn machte es glücklich, wenn die Menschen zu ihm kamen,  ihm zuhörten. Jenseits von Bühne und Kamera liebte er es, in der Erde zu buddeln. Er tat es, solange die Kraft dafür noch da war. „Es ist noch so viel Platz in meinem Garten, ich müsste wieder etwas pflanzen“, sinnierte er, wenn ich ihn bei unseren Telefonaten nach seinem Lieblingsort fragte. Leise, fast ein bisschen traurig, erklärte er dann: „Ich genieße es lieber, in der Sonne zu sitzen, dem leisen Rauschen der Bäume zu lauschen.“ Vor zwei Jahren sprachen wir noch darüber, dass ich im Frühling mit ihm zusammen buddele. Mittlerweile umgibt ein dichter Rasenteppich die zwei Birken vor dem Haus. Er nannte sie Josephine und Christine. Es sind die Lebensbäume seiner beiden Töchter.

Zärtlich drückt Rolf Hoppe seine Friederike an sich. Am 19. August haben sie noch ihren 55. Hochzeitstag gefeiert © York Maecke

Die starke Kiefer ein Stück weiter hinten im Garten taufte er Friederike. „Sie ist stark wie meine Frau, kein Sturm kann sie brechen“, erklärte er mir. Denn ohne seine Frau hätte es sein Leben so, wie es war, nicht gegeben. „Sie war mein Rückhalt, hat unsere Mädels großgezogen, war für ihre Sorgen und Nöte da, während ich durch die Welt schwirrte.“ Wochenlang hat er für die DEFA-Indianerfilme in der Sowjetunion gedreht, in der Mogolei, in Rumänien. Er war in China und Japan, spielte schon zu DDR-Zeiten sieben Jahre in Salzburg den Mammon im „Jedermann“. „Mein Riekchen“, wie er seine Frau liebevoll rief, „hat sich nie beschwert.“ Es war ihm wichtig, dies zu sagen. Rolf Hoppe hat seine Verantwortung für das Glück seiner Familie immer ernst genommen. Dafür hat er viel gearbeitet. Aber das Spielen war ihm auch eine Lust. Wie einem Kind, das sich daran erfreut, wenn es andere mit seinem Spiel begeistert. „Ich will den Menschen, die mir zuschauen, etwas geben, das ihnen hilft, wenigstens eine kurze Zeit den Druck des Alltags zu vergessen, ein bisschen Kraft für sich ziehen.“

Im Juni 2006 besuchte ich Rolf Hoppe bei den Dreharbeiten für die ARD-Serie „Commissario Laurenti“ in Triest, in der er den Pathologen Calvano spielte © York Maecke

Über 400 Rollen füllte Rolf Hoppe Zeit seines Lebens auf der Bühne und vor der Kamera aus. Prall gefüllte Jahre von der Kindheit im Harzstädtchen Ellrich bis zum vielfach geehrten Schauspieler. Zuerst war es das Puppentheater, das er mit zehn Jahren von seinen Eltern geschenkt bekam und das er vor dem Laden des Vaters aufstellte. Mit einem Freund spielte er Grimms Märchen, später wirkte er im Laienzirkel der Antifa-Jugend mit. Zuvor durfte er seiner Leidenschaft für Pferde nachgehen, indem er nach der Befreiung 1945 als Panje-Kutscher für die sowjetische Kommandantur arbeitete. 1951 begann sein Weg auf die Theaterbühnen der DDR und bald zum Film. Nach der Wende erfüllte er sich noch einen dritten großen Traum: Er kaufte einen Dreiseithof und schuf in Weißig das Hoppesche Hoftheater. „Ich wollte ein Theaterchen, ganz klein, wo das Leben nur eine Stufe ist: das gespielte Leben, das geträumte Leben und das wirkliche Leben im Parkett, das ineinander überfließt.“

1983 drehte Rolf Hoppe unter der Regie von Peter Schamoni „Frühlingssinfonie“.  In dem Film geht es um die Liebe zwischen Robert und Clara Schumann. Als ehrgeiziger Vater vereinnahmt er die Tochter (Nastassja Kinski)  @DEFA-Stiftung/Sybille U. Werner

Rolf Hoppe überraschte nicht nur die Zuschauer mit der Vielseitigkeit seines schauspielerischen Talents, das von der diffizilen Darstellung des Generals Göring über Künstler, Professoren und Jidden mit ihrem speziellen Humor bis hin zu gutherzigen Märchenfiguren wie den König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Hans Röckle und der Teufel“ reicht. Rolf Hoppe verfügte über die Gabe einer schönen Ironie. Süffisanz mischte sich mit Verletzlichkeit. Er verstand es, das Boshafte im Guten zu verstecken. „Jeder Mensch besitzt diese zwei Seiten“, sage er, „die Gefährlichkeit liegt darin, dass sich das Böse mit Menschlichkeit tarnt.“

1974 spielte Rolf Hoppe die Titelfigur in dem DEFA-Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ © Icestorm/DEFA-Stiftung/Uwe Fleischer

Man wusste bei ihm nie so genau, was Hoppe und was Rolle ist. Er war in den kleinsten Auftritten authentisch. Ich fragte ihn einmal, ob er es denn wüsste. Da grinste er mich an. „Nee, das ist ja meine Lebensaufgabe, das herauszukriegen. Ich bin ja immer wieder erstaunt und neugierig, wie der Hoppe sich verhält. Ich lebe aus dem Körper heraus, der immer wieder neu ist.“ Nach seinem oscarprämierten Erfolg in István Szabós „Mephisto“ standen dem damals 51-Jährigen die Türen in Amerika offen. Doch es war keine Option für ihn. „Ich kann nur dort leben und spielen, wo ich mit meiner Sprache und meinen Gefühlen zu Hause bin. Ich versuche immer, den Menschen in einer Rolle zu finden. Ich muss in der Sprache auch denken können“, sagte er. Wie ein Hochstapler habe er sich gefühlt, als er mit Volker Schlöndorff 1998 in Florida auf englisch den Psychokrimi „Palmetto“ gedreht hat.

Im Februar 2008 besuchten wir Schloss Wackerbarth bei Radebeul. Im Weinkeller spielte eine Szene des DEFA-Films „Orpheus in der Unterweltmit Rolf Hoppe in der Titelrolle © York Macke

Rolf Hoppe hat den Tod nie aus seinen Gedanken verdrängt. „Ich habe mich in meinem Beruf immer mit der Frage beschäftigt, wo komme ich her, was will ich hier, wo gehe ich hin? Das ist der Kreislauf des Lebens. Der Tod gehört zum Leben. Woher wissen wir, dass er nicht zum Schönsten im Leben gehört? Nur die Frage wie beantworte ich nicht. Vor solchen Gedanken habe ich Angst.“ In den vergangenen beiden Jahren hat er, der immer unermüdlich unterwegs war, ohne Arbeit nicht sein konnte, sich gestattet, sich alle Zeit für sich, für sein Dasein zu nehmen. „Der Beruf war mein Leben, aber mit dem Alter muss man bescheidener werden. Die Zeit wird wertvoller.“  Und dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: „Ich würde sogar mit den Engeln auf Wolke Sieben ein Theater aufziehen. Zu meiner Freude und der der Leute.“

Schauspieler Rolf Hoppe im Porträt von York Maecke
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