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Wolfgang Winkler: „Ich bin ein Zweckpessimist

Er hat am 2. März seinen 75. Geburtstag gefeiert. Ohne großes Brimborium, nur mit seiner Familie. Jetzt sitzt er wieder über seinen Texten für neue Folgen der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“, legt das Drehbuch aber zur Seite, als ich ihn für ein Interview in Berlin-Karow besuche. Vor vier Jahren hat er mit dem Sohn seiner Frau Marina hier ein Zweifamilienhaus gekauft. „Mehrere Generationen unter einem Dach, so wie es früher üblich war, finde ich ganz gut. Man büßt zwar etwas von seiner Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit ein, dafür hat es den Vorteil, dass wir mit jungen Menschen zusammenleben“ , sagt er und lässt mich über die Terassentür ein. Die Sonne durchflutet den großzügigen, gemütlichen Wohnraum mit einem langen Esstisch vor der offenen Küche, an den wir uns setzen.  Der Schauspieler wirft die Kaffeemaschine an. „Latte Macchiato oder Espresso?“ fragt er. Ich nehme Milchkaffee, er einen doppelten Espresso.  Wann gehen die Dreharbeiten für „Rentnercops“ wieder los, will ich wissen, mit Blick auf das Drehbuch auf dem Tisch. „Im April“, antwortet er. „Ich lerne aber schon weit davor meinen Text.“

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler mit der Autorin Bärbel Beuchler  Foto © Nikola

Du bist jetzt 75 geworden. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn du nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehst?
Das würde mir schon schwer fallen. Ich wüsste nicht, ob ich die Charakterstärke hätte, das so ohne weiteres zu akzeptieren. Es sei denn, eines Tages ist die Einsicht da, dass ich mir den Stress nicht mehr antun muss, Rollen auswendig zu lernen und Angst zu haben, Texte nicht mehr abrufen zu können. Aber am Firmament sehe ich diesen Tag noch nicht. Schauspieler sind eben bekloppt – zumindest ich.

2012 wurdest du mit Jaecki Schwarz nach 17 Jahren „Polizeiruf 110“ in Rente geschickt. Bis zum Beginn der „Rentnercops“ 2015 sah man dich kaum auf dem Bildschirm.
Also ein reichliches Jahr war echt Drehruhe. Ich war zwar schon Rentner, aber als Schauspieler willst du immer weiter spielen. Ich hatte kleine Rollen in „SOKO Leipzig“, „Familie Dr. Kleist“ und bei „In aller Freundschaft“. Dann habe ich Theater gespielt, „Warten auf Godot“ 2013 in Koserow und 2014 mit Jaecki Schwarz in Halle. Da hatten wir im April 2015 unsere letzte Vorstellung. Aber man wünscht sich auch im Alter noch mal eine große Rolle. Und wenn man so einen Figur bekommt, wie in „Rentnercops“, die auch noch dem Alter entspricht, ist das ein großer Glücksumstand.

Wolfgang Winkler
     Der Schauspieler wurde am 2. März 1943 in Görlitz geboren ©Nikola

Serie drehen ist anstrengend. Wie packst du das?
Man stößt schon mal an die Grenzen seiner Kraft. Geistig wie körperlich. Denn es ist ein hoher Aufwand zu bewältigen. Aber wenn du mit einem Kollegen wie Tilo Prückner spielst, mit dem du auf der gleichen Wellenlänge schwimmst, ist das die halbe Miete. Wir haben die gleiche politische Haltung, haben fast den gleichen Humor und können uns über vieles gleichermaßen amüsieren. Man bereitet sich mit 75 natürlich intensiver vor als mit 40 oder 50. Weit vorm Drehen lerne ich meinen Text, deshalb das Drehbuch auf dem Tisch. Ab April geht es mit acht neuen Folgen weiter.

Wie ähnlich ist dir die Figur?
Es gibt Parallelen. Der Ex-Polizist Günter Hoffmann lebt genau wie ich privat in einem Haus mit drei Generationen. Aber seine Pendanterie habe ich nicht. Zum Glück!

Wie hälst du dich für den Kraftaufwand fit?
Ich weiß nicht, wie ich Kraft speichere. Ich lebe verhältnismäßig faul, ohne Sport. Sicher wäre es besser, sich mehr zu bewegen. Aber durch meine Beinbrüche 2008 bin ich gezwungen, physiotherapeutischen Übungen zu machen. Das wirkt sich vielleicht ganz günstig aus. Ansonsten ist Sport mehr vorm Fernseher.

Dreharbeiten für die neue Vorabendserie haben in Köln und Umgebung begonnen
Wolfgang Winkler und Tilo Prückner in „Rentnercops“ @ARD/Kai Schulz

Wenn du dein inneres Spiegelbild betrachtest, wie alt ist der Wolfgang, der dich da ansieht?
Die Sicht auf das Alter hat sich ganz schwer geändert. In meiner Jugend waren 75-Jährige hornalt. Jetzt habe ich den Eindruck, mittendrin zu sein, dass noch einiges vor mir liegt. Ich bin zwar Rentner, habe aber noch gar keine Lust mich aufs Altenteil zu setzen. Dazu habe ich noch viel zu viel Spaß am Beruf.

Dein Weg zur Filmhochschule in Babelsberg führte über eine Lehre als Lokführer im Braunkohlenwerk „John Scheer“ bei Hoyerswerda. Was war falsch an dem Beruf, dass du umgeschwenkt bist zur Schauspielerei?
Nichts. In der damaligen Zeit war Lokführer ein Traumberuf. Meiner Großmutter zuliebe habe ich die Lehre gemacht. Sie hatte Angst, dass ich in dem „Milieu“ auf die schiefe Bahn gerate. Aber die Schauspielerei hat ganz andere Reize. Da kann der Lokführer nicht mithalten, wenn man in sich die Lust verspürt, zu spielen, sich zu verstellen. Im Wohnheim habe ich ein Kabarett gegründet. Da war nicht unbedingt die Lust, sich politisch zu äußern, sondern in Rollen auf der Bühnen zu stehen.

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Wolfgang Winkler 2013  ©André Kowalski

Du warst von dir sehr überzeugt und auch die FDJ-Leitung im  Werk. Sie haben an die Filmhochschule Bablesberg geschrieben. Du aber hast ein Vorsprechen abgelehnt, als man dich dazu eingeladen hatte.
Ja, das war ziemlich blöd. Ich dachte: Entweder die nehmen dich ohne oder gar nicht. Diese Einstellung habe ich umgehend aufgegeben, als die Werber für die NVA – damals gab es noch keine Wehrpflicht – mit einer Sondergenehmigung kamen, dass ich als 17-Jähriger auch zum Wehrdienst könne. Ich hatte denen nämlich bei ihren Besuchen in unserem Wohnheim sehr überzeugend vorgespielt, dass ich unbedingt zur Armee wollte, aber mit 17 leider noch zu jung sei.  In Uniform hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als für die Eignungsprüfung zu bimsen.

Deinen Traumberuf hast du 1978 in dem Kinderfilm „Des kleinen Lokführers große Fahrt“ ausüben dürfen.
Ja, da bin ich mit Lust und Laune die Diesellok gefahren. Im selben Jahr spielte ich einen Lokführer in „Spuk unterm Riesenrad“ und 2003 dann noch einmal in dem Fernsehfilm „Tage des Sturms“. Da haben wir in Polen gedreht und bekamen eine Dampflok aus dem Museum. Der Regisseur wollte immer, dass ich schön mit Dampf fahre und die vom Museum hatten Angst, dass die Maschine auseinanderfällt.

Mit welchen Vorstellungen bist du in den Schauspielerberuf gegangen?
Da war am Anfang viel Naivität. Ich wollte spielen, egal was. Aber es stellte sich schon ziemlich früh heraus, dass ich wohl in der Komik behaftet bin. Das sind bis heute die Rollen, die mir am meisten liegen. Die klassischen jugendlichen Helden wie Ferdinand oder Romeo sind an mir auch vorbeigegangen.

Hat dich das gekränkt?
Nee. Ich habe andere schöne Rollen gespielt. Die Diener sind meist interessanter als die schmalzenden Liebhaber. Und eine kleine substanzielle Rolle erlangt oft mehr Aufmerksamkeit als eine Hauptrolle, die man in den Sand gesetzt hat. Ich habe nie darunter gelitten.

Diener waren die Minderheit deiner Rollen, guckt man auf deine Vita.
Es ist tatsächlich ein breites Spektrum, das ich am Theater gespielt habe, von der klassischen Komödie bis hin zu Gegenwartsdramen. Gleich nach der Filmhochschule debütierte ich 1965 in Görlitz als Handwerker Zettel in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. In Zittau habe ich in Kants „Die Aula“ die diffizile Figur des Karl-Heinz Riek gespielt und in Rossows „Unterwegs“ den Wolodja. Um die Weihnachtszeit standen Märchen auf dem Programm.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler feierte seinen 75. Geburtstag ©Nikola

Welche Rolle hat für dich immer noch besonderen Wert?
Das ist der Sergeant Waskow in dem Kriegsdrama „Im Morgengrauen ist es noch still“. Mit sechs jungen, kampfunerfahrenen Rotarmistinnen zieht er in die karelischen Sümpfe, um zwei deutsche Fallschirmspringer gefangen zu nehmen. Sie stoßen auf eine Überzahl deutscher Soldaten. Die Mädchen fallen. Er überlebt als Einziger schwerverletzt. Das war die emotionalste Rolle, die ich je gespielt habe und es ist eins der besten Antikriegsstücke. Wir haben das Stück 1975 nach der Erzählung von Boris Wassiljew am Landestheater Halle inszeniert. Es wurde dann in allen Theatern der DDR nachgespielt.

Deine Karriere in Halle begann 1966. Warum bist du nach 20 Jahren weggegangen?
Ich habe Veränderung gesucht. Und unter Peter Sodann zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Weil ich immer schon neben der Theaterarbeit sehr viele Fernsehrollen gespielt habe, konzentrierte ich mich darauf. Die Bühne blieb mir am Fernsehtheater Moritzburg, das wunderbare Lustspiele und Schwänke bis zum Abwickeln des DFF inszeniert hat.  Zur Wende 1990 war ich allerdings froh, dass mich Peter Sodann wieder genommen hat. Er hätte auch „tschüss“ sagen können.

Es gab für dich also nicht das „schwarze Loch“, in das so viele DDR-Bürger nach der Wende gefallen sind?
Ich hatte irgendwie Schwein. Nachdem ich 1993 bei Peter Sodann ein zweites Mal, nun endgültig, ausgestiegen bin, besetzte mich TV-Produzent Otto Meißnermit einer Hauptrolle in der Serie „Immer wieder Sonntag“. Es sind viele auf der Strecke geblieben sind, die nichts dafür können, weil die gesellschaftlichen Umstände so sind. Dass diese Gesellschaft Solidarität vermissen lässt, belastet mich schon. Und ärgert mich auch.

Erinnerst du dich noch an das Stück „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, das 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde?
Ja, eine herrliche ironische Komödie von Bulgakow, in der ich mit Wally Schmitt zusammen gespielt habe. In der Moritzburg war ein Essen aufgebaut, ein Riesenhecht, Truthähne… alles echt, weil das Kaschieren teurer gewesen wäre als die frischen Speisen. Frag nicht, wie das am Ende gerochen hat. Das Fernsehspiel wurde dann wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr spä­­ter kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

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Wolfgang Winkler in „Das Kaninchen bin ich“, DEFA 1965, mit Annemarie Esper (l.) und Angelika Waller (r.) Quelle http://www.spondo.de

Dein Filmdebüt hast du 1965 in Kurt Maetzigs Film „Das Kaninchen bin ich“ gegeben. Mit Alfred Müller und Angelika Waller in den Hauptrollen. Du hast ihren 19-jährigen Bruder gespielt, der wegen „staatsgefährdender Hetze“  zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Der DEFA-Film setzt sich mit dem Problem des Karrierismus auseinander, den es auch in der DDR gab. Der Film wurde verboten. Was ging damals in dir vor?
Die 60er Jahre waren eine hochgradige Zeit. Wir waren dachten, wir bauen schon die bessere Gesellschaft mit auf und haben an solchen Punkten einen Knacks gekriegt. Wir haben darüber diskutiert, wieso eine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit der Justiz von der Politik, um die es in dem Film ging, nicht öffentlich geführt werden durfte.

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„Das Kaninchen bin ich“ ein Verbotsfilm von Kurt Maetzig. DVD bei spondo.de

Hat das deine Haltung zur DDR verändert?
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war von Hause aus so geprägt. Großvater war im KZ, Mutter in der Partei. Da gab es für mich keine Zweifel. Erst als die Überzeugung schwand, kamen opportunistische Gedanken auf. Man ist kritisch gewesen, aber nicht offensiv.

Wann hat das angefangen?
Ende der siebziger Jahre gab es vieles, womit ich nicht mehr einverstanden war. Es wurde immer klarer, dass mit dem ökonomischen und politischen Gefüge etwas nicht stimmen kann. Als wir 1970 mit der „Aula“ ein Gastspiel im Westen hatten, gab es schon Überlegungen, drüben zu bleiben. Aber ich hatte eine Familie, die ich nicht nachholen konnte.

 

Deine Großeltern haben dir die Eltern ersetzt. Was haben sie dir an Gutem mitgegeben?
Zu haben mich zu Ehrlichkeit erzogen und zu einer gewissen Aufrichtigkeit. Das haben sie mir auch vorgelebt und das habe ich verinnerlicht. Ohne in größere Sphären vorzudringen, bin ich ein ganz normaler Mensch geworden.

Dir ist eine angenehme Bodenständigkeit eigen.
Ja, ich bin nicht zu Höherem geboren.

Das klingt so nach Wunsch. Wärst du gern zu Höherem geboren?
Nee. Ich bin mit dem, was ich so gemacht habe, ganz zufrieden.

Du hattest auch einiges Pech mit Filmrollen. 1970 hast du die Titelrolle des DEFA-Films „Dr. med. Sommer II“ ausgeschlagen, weil du lieber bei Gerhard Klein, er war der angesagteste Regisseur damals,  in „Leichsache Zernick“ spielen wolltest. Kurz nach Beginn der Dreharbeiten starb Klein, der Film wurde von einem anderen Regisseur mit neuer Besetzung gedreht. Hat dich sehr geärgert?
Es war nicht schön, es hat mich belastet, aber ich bin nicht verzweifelt. Damals hatte ich noch die Arroganz zu denken: Dann kommt eben etwas anderes.

Wolfgang Winkler
              Foto ©Nikola

Und heute?
Heute bin ich ein Zweckpessimist. Ich gehe lieber davon aus, dass etwas nicht klappt, dann ist man nicht so enttäuscht. Innerlich aber ist die Hoffnung da, dass das Gegenteil eintritt. Also zweckpessimistisch. Ich hatte mir auch eingeredet, dass ich die Rolle in „Rentnercops“ nicht bekomme.

Was ist für dich heute Heimat?
Als Görlitzer habe ich, was meine Heimatstadt betrifft, einen besonderen Knall. Ich liebe diese Stadt, halte sie hoch und fahre oft hin. Sie ist wieder wunderschön geworden, aber es gibt keine Arbeit. Die jungen Leute ziehen weg. Das ist die Tragik in dieser Gesellschaft. Es geht doch aber nicht nur darum, Geld zu haben. Du brauchst die Arbeit, um dich zu verwirklichen und Spaß am Leben zu haben. Wenn dir das genommen wird, bist du ein Krüppel.

Noch ein aktuelles Thema. Wie geht es dir mit der Diskussion um #MeToo?
Ich finde, diese Diskussion hat Züge, die nicht mehr normal sind, indem dieser Wettbewerb der Geschlechter in eine Form gepresst wird, der nur Ungesundes hervorbringt. Wäre ich heute ein junger Mensch, wüsste ich gar nicht, wie ich mich einem Mädchen nähern soll. Mache ich mich ran, bin ich gleich sexistisch. Dabei war es ja nur mein Ansinnen, mit ihr vielleicht ein Leben zu beginnen.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler sieht optimistisch in die Zukunft. Foto © Nikola

Mit 75 hat man den größten Teils seines Lebens vollbracht. Wie weit guckst du noch nach vorn?
Ich möchte mich da nicht festlegen. Es soll schon noch eine Weile gehen. Vor fünf, sechs Jahren hatte ich noch den Ehrgeiz, alles zu spielen. Heute sage ich mir: Jetzt machst du das hier, das füllt dich aus, das füllt sich sehr schön aus. Und wenn jemand anders eine große Altersrolle bekommt, gönne ich sie ihm von Herzen und bin ich nicht mehr zu Tode betrübt, dass nicht ich sie spiele. Diese ist Haltung ist sehr angenehm.

 

 

 

 

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