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Schauspieler Wolfgang Winkler ist tot. „Wir Schauspieler spielen bis zum Umfallen.“

Es ist doch erst ein Dreivierteljahr her, dass ich ihm zu seinem 76. Geburtstag gratuliert habe. Er sprach von neuen Folgen für die ARD-Serie „Die Rentnercops“, die im April wieder gedreht werden sollten. Sein Herz schlug 2014 Purzelbaum, als er das Casting gewann und neben Tilo Prückner die zweite Hauptrolle spielen durfte. Was für den 2012 in Pension geschickten „Polizeiruf 110“-Kommissar Herbert Schneider „ein Geschenk und wirklich ein Glück war. Auch für das Selbstwertgefühl“, wie er mir damals verriet. Er hätte in den Ruhestand gehen können. Aber mit 71 fühlte er sich noch nicht reif für die Ofenbank. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin.“

Wolfgang Winkler
Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 2. März 2018 besuchte ich Wolfgang Winkler zu Hause am Rande von Berlin @ Nikola

Dieser Beruf hatte sich ihm ins Herz gebrannt. Seit er fünfzehn war. Und nun hat eine Krankheit seinen Lebensplan vorzeitig beendet: Ein Hirntumor. Nach der OP kehrte er nicht mehr zu den „Rentnercops“ zurück. „Ich kann mir doch keine Texte mehr merken“, sagte er bei einem fröhlichen Beisammensein im August mit Freunden. Ich hatte ihn  einmal gefragt, wie es für ihn sein würde, wenn er nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehen könne. „Das würde mir schon schwer fallen. Ich wüsste nicht, ob ich die Charakterstärke hätte, das so ohne weiteres zu akzeptieren. Es sei denn, eines Tages ist die Einsicht da, dass ich mir den Stress nicht mehr antun muss, Rollen auswendig zu lernen und Angst zu haben, Texte nicht mehr abrufen zu können.“ Mit seiner Frau Marina hat er sich voller Mut und Optimismus andere Ziele gesucht, die er nie mehr erreichen kann. Sein Humor, seine Frozzeleien, seine Freundlichkeit wird fehlen, auf dem Bildschirm und denjenigen, die ihn liebten und mochten.

Seit 2003 sind wir immer wieder zu Interviews zusammengekommen, ich erfuhr von einem Leben, das ziemliche Tiefen hatte. Geschuldet der Zeit, in die er hineingeboren wurde, den Umständen, unter denen er aufwuchs, die seinen Weg ins Erwachsenenleben prägten, und die ihn schließlich zu seinem Beruf führten, der ihn glücklich gemacht hat. Vieles habe ich hier schon geschrieben, vieles noch nicht.

 

Nachlese aus meinem Interview mit
Wolfgang Winkler vom 21. Februar 2018

Ihr Weg zur Filmhochschule in Babelsberg führte über eine Lokführer-Lehre im Braunkohlenwerk „John Scheer“ bei Hoyerswerda. Was war falsch an dem Beruf, dass Sie zur Schauspielerei umgeschwenkt sind?
In der damaligen Zeit war Lokführer ein Traumberuf. Aber die Schauspielerei hat ganz andere Reize. Da kann der Lokführer nicht mithalten, wenn man in sich die Lust verspürt, zu spielen, sich zu verstellen. Da kann der Lokführer nicht mithalten. Im Wohnheim habe ich ein Kabarett gegründet. Das war nicht unbedingt die Lust, sich politisch zu äußern, sondern in Rollen.

Wolfgang Winkler
„Heute ist Existenzangst unserem Beruf immanent. Man kann nicht voraussehen, ob man sein Lebensniveau halten und seine Familie versorgen kann.“ © Nikola

Und Sie hatten diese Lust schon als Schüler. Wenn auch ein Mädchen aus der Parallelklasse der Anlass war, dass Sie in der Theatergruppe mitmachten. Sie hieß Friederike Aust, auch eine bekannte DDR-Schauspielerin.
Stimmt. Sie war der Anlass, aber es war eben auch die Lust, sich zu äußern.

Sie waren sehr überzeugt von sich und haben ein Vorsprechen an der Filmhochschule Babelsberg abgelehnt, als man Sie dazu eingeladen hatte.
Ja, das war ziemlich blöd. Ich habe stattdessen unfreiwillig freiwillig Armeedienst gemacht. Ich hatte den Werbern der NVA sehr überzeugend vorgespielt, dass ich unbedingt zur Armee wollte, aber mit 17 leider noch zu jung sei. Eines Tages kamen sie mit einer Sondergenehmigung, dass ich schon mit 17 zur Armee könnte. Da hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als für die Eignungsprüfung zu bimsen.

Mit welchen Vorstellungen sind Sie in den Schauspielerberuf gegangen?
Da war am Anfang viel Naivität. Da wollte man einfach spielen, egal was. Aber es stellte sich schon ziemlich früh raus, dass ich wohl in der Komik behaftet bin. Und da waren das die Rollen, die mir am meisten gelegen haben. So die ganz großen jugendlichen Helden wie Ferdinand oder Romeo sind an mir auch vorbeigegangen.

Hat Sie das gekränkt?
Nee. Ich habe andere schöne Rollen gespielt. Die Diener waren oft interessanter als die schmalzenden Liebhaber. Und man mit einer kleinen Rolle, die Substanz hat, mehr Aufmerksamkeit als mit einer Hauptrolle, die man in den Sand gesetzt hat. Ich habe nie darunter gelitten.

Diener waren die Minderzahl in Ihrer Rollenvita.
Ja, wir hatten ein breites Spektrum am Theater, von der Shakespeare-Komödie bis zu Gegenwartsdramen. Gleich nach der Filmhochschule habe ich 1965 in Görlitz, wo ich debütiert habe, bevor ich 1980 nach Halle ging, den Handwerker Zettel in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ gespielt.  In Zittau habe ich in Kants „Die Aula“ die diffizile Figur des Karl-Heinz Riek gespielt und in Rossows „Unterwegs“ den Wolodja.

Welche Rolle hat für Sie immer noch besonderen Wert?
Das ist der Waskow in dem Kriegsdrama „Im Morgengrauen ist es noch still“, der mit sechs jungen Rotarmistinnen in die Sümpfe zieht, um deutsche Fallschirmspringer gefangen zu nehmen. Eine nach der anderen fällt im Kampf, er überlebt schwerverletzt. Das war die emotionalste Rolle, die ich je gespielt habe und ist bis heute eins der besten Antikriegsstücke. Wir haben das 1975 nach der Erzählung von Boris Wassiljew inszeniert, es wurde dann in allen Theatern der DDR nachgespielt.

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Wolfgang Winkler 1965  DEFA-Film „Das Kaninchen bin ich“ mit Annemarie Espers (v.l.) und Angelika Waller (h.) © DEFA-Stiftung/Jörg Erkens

Ihre Laufbahn als Filmschauspieler begann 1965 mit einer Rolle in Kurt Maetzigs Gegenwartsfilm „Das Kaninchen bin ich“. Regisseur Kurt Maetzig setzt sich darin kritisch mit dem Problem des Karrierismus auseinander, den es auch in der DDR gab. Der Film wurde verboten, hatte seine Premiere erst 1990. Wie sind Sie als junger Schauspieler mit diesem Thema umgegangen?
Die 60er waren eine hochgradige Zeit, in der wir viel diskutiert haben. Wir dachten damals, wir bauen schon die bessere Gesellschaft mit auf und haben an solchen Punkten einen Knacks gekriegt. Wieso war eine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit der Justiz von der Politik auf einmal öffentlich nicht diskutabel? Darüber haben wir geredet.

Hat das Ihr Verhältnis zur Politik in der DDR verändert?
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war von Hause aus so geprägt. Großvater war im KZ, Großmutter in der Partei. Da gab es für mich keine Zweifel. Erst als die Überzeugung schwand, kamen opportunistische Gedanken auf. Man ist kritisch gewesen, aber nicht offensiv.

Wann hat das angefangen?
Ende der siebziger Jahre gab es vieles, womit ich nicht mehr einverstanden war. 1961 habe ich ja verstanden, dass man das ökonomische Ausbluten des Landes verhindern muss, deshalb eine Mauer zieht. Aber später konnte ich trotz aller Erklärungen nicht mehr einsehen, dass Menschen mehr eingesperrt sind als behütet werden. Es wurde immer klarer, dass mit dem ökonomischen und politischen Gefüge etwas nicht stimmen kann. 1970 hatten wir mit der „Aula“ ein Gastspiel im Westen. Da gab es schon Überlegungen, drüben zu bleiben. Aber ich hatte eine Familie, die ich nicht nachholen konnte.

Wolfgang Winkler
Zitat 2008: „Popularität ist was ganz Furchtbares, aber noch furchtbarer ist es ohne. Als Schauspieler trittst du ja auch ein bisschen an, um erkannt zu werden.“ © Nikola 2018

Wie schätzen Sie die Zeit seit der Wende für sich persönlich ein?
Ich hatte irgendwie Schwein. Für mich gab es kein schwarzes Loch. Ich durfte gleich eine Serie drehen, hätte im Theater weiter spielen können. Aber an Freunden, die nichts mit der Schauspielerei zu tun haben, sehe ich: Viele sind auf der Strecke geblieben, die nichts dafür können, weil die gesellschaftlichen Umstände so sind. Dass diese Gesellschaft Solidarität vermissen lässt, belastet mich schon – und ärgert mich auch.

Welche Phasen Ihres Lebens würden Sie gern noch einmal erleben?
Ich bin so ein alter Nostalgiker und fahre dann auch da hin, wo ich schöne Zeiten erlebt habe. Aber es funktioniert nicht mit dem Zurückholen der Zeit, weil sich der Ort verändert hat, die Menschen nicht mehr da sind. Aber das ist der Lauf der Welt, weil sich alles weiterentwickelt.

Es gibt ein Kapitel in Ihrem Leben, das auf der Schattenseite liegt. Ihre Frau Renate, die Mutter Ihrer beiden Kinder, war Alkoholikerin. Sie starb 1999. Inwieweit fühlten Sie sich verantwortlich für Ihre Krankheit?
Man fühlt sich immer schuldig oder glaubt, Schuld daran zu tragen. Aber es liegt in der Chemie des menschlichen Körpers begründet, ob einer Alkoholiker wird oder nicht. Ich habe alles versucht, sie von dieser Sucht abzubringen. Doch das funktioniert nur, wenn es der  Betreffende auch selbst will. Das hat sie leider nicht geschafft.

Sie sind bei den Großeltern aufgewachsen. Ihre Mutter konnte sich nicht um sie kümmern, Ihren Vater kennen Sie nicht. Hat Sie das in Ihrem Verhältnis zu Ihren Kindern beeinflusst?
Das weiß ich gar nicht. Meine Frau und ich haben den Kindern vorgelebt, und da das zwei prächtige Menschen geworden sind, haben wir wohl keine Fehler gemacht. Ich glaube auch, dass ich gar nicht so ein toller Vater gewesen bin. Als junger Schauspieler ist man sehr egoistisch, was den eigenen Beruf betrifft. Obwohl ich beide sehr geliebt habe, war der Egoismus zum Beruf stärker als die Lust Vater zu sein.

Haben sie Ihnen jemals Vorhaltungen gemacht?
Sie haben kritisch angemerkt, dass etwas mehr Kümmern hätte sein können. Was ich verstehe. Für unser gutes familiäres Verhältnis blieb das ohne negative Konsequenzen.

Ihre Großeltern haben Ihnen die Eltern ersetzt. Was haben Sie Ihnen an Gutem mitgegeben?
Zu haben mich zu Ehrlichkeit erzogen, zu einer gewissen Aufrichtigkeit. Das haben sie mir auch vorgelebt und das habe ich verinnerlicht. Ohne in größere Sphären vorzudringen bin ich ein ganz normaler Mensch geworden, nicht zu Höherem geboren.

2005 trafen Sie die Tanzpädagogin Marina Groth wieder, mit der Sie 1973 eine Affäre hatten. Für die es aber damals keine Zukunft gab. 32 jahre später schon.  2008 haben sie geheiratet. Ihre Frau ist 12 Jahre jünger. Kommen Sie sich alt vor?
Manchmal, wenn ich die Treppe runtergehe und nicht mehr drei Stufen auf einmal nehmen kann, merke ich, dass ich älter geworden bin. Ansonsten nicht. Weil ich es ablehne, alt zu werden. Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu sagen, jedes Alter hat seine Schönheiten. Man muss mit den Gegebenheiten des Alters leben, aber schön ist es meistens nicht.

Also hat es Sie richtig geärgert, dass Sie am 2. März wieder ein Jahr älter geworden sind?
Ja. Man fängt an zu sagen: Ich bin ja bald 80. Früher hat man sich gern älter gemacht, um ins Kino zu kommen. Jetzt macht man sich älter, um zu hören: Ach, das sieht man Ihnen gar nicht an. Den Satz hört man ja gern. Aber eigentlich ist er auch Mist.

 

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Wolfgang Winkler, Marie Gruber und Jaecki Schwarz ermittelten bis 2013 im MDR-„Polizieruf 110“ © mdr/Steffen Junghans

Am 8. Februar  erlag Ihre langjährige befreundete Kollegin Marie Gruber ihrer Krebserkrankung. Sie war erst 62 Jahre. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie es erfuhren?
Man überlegt, wie das sein kann. Aber man ist gut beraten, die Angst nicht an sich ran zu lassen, dass es einem selbst passieren könnte. Man will ja weiterleben.

 

Wolfgang Winkler kam am 2. März im Kriegsjahr 1943 in Görlitz zur Welt. Er starb am 7. Dezember 2019 in Berlin.

Wally Schmitt und Wolfgang Winkler zum 76.: „Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben“

Per Zufall stieß ich in meinem Archiv auf mein Doppel-Interview, das ich vor sechs Jahren mit Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler gemacht habe, und erinnerte mich, wieviel Spaß wir dabei hatten über Alter und Sex, Enkelkinder und ein Rentnerdasein zu reden, das beide nicht wollen. Der Anlass war damals der 70. Geburtstag der Schauspieler. Beide Märzkinder des Jahres 1943 – sie wurde am 9. März 76, er feierte sieben Tage zuvor, am 2. März.  Freunde, Vertraute sind sie seit ihren ersten Schritten auf dem beruflichen Weg.

Szene aus „Kalendergirls“ mit Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann Wally Schmitt und Ursula Karusseit
Die „Kalender Girls“ in der Dresdner Comödie –  Renate Blume, Uta Schorn, Angelika Mann, Walfriede Schmitt und Ursula Karusseit († 1.2.2019) © Robert Jentzsch

Seit einigen Jahren findet Walfriede Schmitt nicht mehr so häufig auf dem Bildschirm statt. Das findet sie nicht so schklimm. Zuletzt sahen wir sie 2017 in der Episode „Schmerzhafte Einsichten“ der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ und 2018 in „SOKO Leipzig – Missing in Action“. Davor begeisterte sie 2013 in der Dresdner Comödie in „Kalendergirls“ und drei Jahre später in der Komödie „(K)ein guter Tausch“. Mit dem österreichischen Regisseur und Filmproduzenten Christian Frosch hatte sie bereits für sein Kinodrama „Von jetzt an kein Zurück“ zusammengearbeitet. Seine autobiografisch gefärbte Geschichte ist im katholisch geprägten Milieu einer westdeutschen Kleinstadt 1967 angesiedelt und Walfriede Schmitt spielt die gewalttätige Klosterschwester Agathe. „Mit der Aufarbeitung von Gewalt und Missbrauch in ihren Mauern und den Folgen für die Betroffenen tut sich die katholische Kirche ja bis heute schwer“, nimmt Wally Schmitt Stellung. Dem Puls der Zeit spürt die Schauspielerin auch in ihren literarisch-musikalischen Programmen nach. Aktuell mit ihrem Tucholsky-Abend  „Affenkäfig Berlin“, bei dem sie von dem bekanntn Jazz-Posaunisten Conny Bauer begleitet wird.  22 Jahre gehörte die Berlinerin zum Ensemble der Berliner Volksbühne, arbeitete mit namhaften Theaterregisseuren wie Benno Besson, Heiner Müller, Matthias Langhoff, Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Johann Kresnik zusammen. Inzwischen hat sie sich selbst aufs Schreiben verlegt. Nach ihrem Erstling „Gott ist zu langsam“ (Thurneysser Verlag) arbeitet sie nun an einem zweiten Buch.

André Kowalski
Wolfgang Winkler beim Interview 2013  © André Kowalski

Für Wolfgang Winkler hat sich sein Wunsch, nach dem Abschied vom „Polizeiruf 110“ noch mal mit einer schönen Altersrolle beschenkt zu werden, erfüllt. Seit 2015 bringt er mit seinem kongenialen Partner Tilo Prückner in der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“ die Zuschauer zum Schmunzeln. Zwei reaktivierte Kommissare a. D., Konkurrenten und Freunde in einem, lösen im Zeitalter der digitalen Technik auf analoge Weise kleine und größere Kriminalfälle.  Humorige Dialoge, die wie ein Nadelstich in die Alltagsrealität pieken, sind die Würze in den Geschichten.

Wolfgang erhebt sein Glas: „Lasst uns auf den Jahrgang 1943 anstoßen.“

Wie  geht es euch, wenn ihr daran denkt, jetzt das siebte Lebensjahrzehnt  angebrochen zu haben?
Wally: Ich weiß nicht, wie es dir geht Wolfgang, aber je älter ich werde, desto erstaunter gucke ich in den Topf, der diese Welt ist. Und bei der Vorstellung, dass ich am 9. März aufwache und mir sage, ich bin jetzt 70 Jahre auf der Welt, muss ich lachen. Das bringe ich mit mir nicht zusammen. Deshalb sage ich ganz oft: Kinder, lasst mich in Ruhe, ich bin schon alt. Damit ich das verinnerliche. Das Alter hat ja auch eindeutig Vorteile, man wird mit sich einig, hat mehr Freude an seinem Ich, weiß mehr! Gut, man hat’s auch in den Gelenken, wird ein bisschen vergesslich…
Wolfgang: Die Vergesslichkeit macht mir manchmal Sorge. Hatte ich früher was vergessen, habe ich das nicht so ernst genommen. Aber jetzt denke ich: Ist das der Beginn von Demenz?
Wally: Ach, Quatsch! Du musst dich nur daran erinnern, wo du das gedacht hast, und genau an den Platz zurückgehen. Da hängt der Gedanke noch an der Decke. Wenn er dich sieht, plumpst er runter. Aber wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an den Platz…
Wolfgang: Manchmal funktioniert’s ja. Das tröstet mich dann auch.

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In der DDR waren sie beide A-Promis © André  Kowalski

Macht euch das Alter in irgendeiner Weise Angst?
Wolfgang: Es gibt ja nur die zwei Möglichkeiten: früher Tod oder alt werden. Da wähle ich lieber die zweite.
Wally: Neulich hat eine Freundin zu mir gesagt: „Jetzt haben wir schon zwei Drittel hinter uns…“ Ich fragte, von welchen zwei Dritteln redest du? Es ist getan. Es ist getan! Was jetzt kommt, sind lauter schöne Zugaben.
Wolfgang: Du hast vollkommen recht, Wally.
Wally: Das sind Geschenke. Da kann man sich drüber freuen, jeden Tag, jeden Moment!

Drängt es euch nicht mehr zur Arbeit?
Wolfgang: Doch, ja, der Ehrgeiz ist noch da. Ich würde gern noch richtig viel spielen, weil ich in mir noch Kraft und Saft spüre.  Da ich nicht zu den A-, sondern zu den B-Promis gehöre, kommt leider nicht mehr soviel. Was im Augenblick noch nicht ins Gewicht auffällt, weil Jaecki und ich mit unserem Buch unterwegs sind. Gäbe es das nicht, wäre es wahrscheinlich komplizierter. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist nicht so angenehm.

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Walfriede Schmitt mit Bürger Lars Dietrich in „(K)ein guter Tausch 2015 in der Dresdner Comödie  © Robert Jentzsch

Wally: Ich schreie nicht mehr nach Arbeit. Als die Serie „Für alle Fälle Stefanie“ 2004 beendet war, hatte ich natürlich damit gerechnet, dass man sich nach mir „sehnt“. Aber ich bin weder gekränkt noch unglücklich, dass sich die Angebote in Grenzen halten.  Ich schreibe – 2009 erschien mein Roman „Gott ist zu langsam – Also denn um sechse bei Werner“ – bin mit meinen literarisch-musikalischen Programmen unterwegs. Habe zweimal an der Komödie am  Ku’dammspielen dürfen. Jetzt spiele ich an der Comödie Dresden „Kalender Girls“. Und ich habe vor vier Jahren eine  künstlerische Heimat in Thomas Rühmanns „Theater am Rand“ in Zollbrücke gefunden. Da wird mein Buch als szenische Lesung aufgeführt. Also ich werde mich auch in Zukunft nicht langweilen…
Wolfgang: Und dann hat sie in Mecklenburg ein wunderschönes Häuschen mit Garten. Da durften Jaecki und ich schon zu Gast sein …
Wally: Und ihr habt meine Nachbarin „verhaftet“. Daraus ist sie noch heute stolz.

Walfriede Schmitt und Kollege Wolfgang Winkler mit Bärbel BeuchlerDas Geburtstagsinterview 2013 ©André Kowalski

War das Schreiben für dich eine Flucht in neue Beschäftigung?
Wally: Nein, ich hatte mal für mich eine Figur erfunden, so eine Miss Marple, und habe das einem befreundeten Autor gezeigt. Der hat mich dann ermutigt, weiterzuschreiben. Das war kein Ausreißen, sondern eine völlig getrennte Geschichte, die mir zum Glück geworden ist. Wenn ich in meinem Häuschen sitze, und ich merke, was ich für ein Leben in mir habe, wie das in meinem Gehirn wirbelt, was da für Ideen sind. Da brauche ich keine Anrufe.
Wolfgang: Dieses Talent hätte ich auch gern.

Euch zu beobachten ist herrlich. Wie lange kennt ihr euch eigentlich?
Wolfgang: Ewigkeiten. In Halle standen wir in Schillers „Räuber“ zusammen auf der Bühne. Sie war Amalia, auf die alle scharf waren, der Franz, der Karl und der Grimm – also ich.
Wally: Ein ganz starkes Erlebnis ist für mich die Fernsehproduktion „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, die wir 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet haben. Eine herrliche  satirische Komödie von Bulgakow.
Wolfgang:  Es ist eine sehr schöne Arbeit geworden!  Das Fernsehspiel wurde dann aber wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr später kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

Ändert man mit dem Älterwerden seine Essgewohnheiten?
Wally: Essen ist der Sex des Alters. Ich versuche, Trennkost zu essen, so lange ich das durchhalte.
Wolfgang: Ich esse kaum noch was… (lacht)

Und wie ist das mit dem echten Sex?
Wally: Bärbel, die Liebe höret nimmer auf…
Wolfgang: Ich bin doch noch jung verheiratet, was glaubst du denn!

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Ohne Frage, Sex im Alter muss sein © André Kowalski

Guckt ihr sexy Typen hinterher?
Wally: Aber immer! Ob Mann oder Weib, ein schöner Körper ist inspirierend.
Wolfgang: Ich kann nicht sagen, dass ich weggucke, wenn ich eine  schöne Frau sehe!
Wally Bei Männern ist das ja immer noch was anderes als bei einer alten Frau. Alte Männer können immer noch eine Chance haben. Die Welt ist ja noch von männlichem Denken dominiert. Das kannst du an fast jeder Plakatsäule sehen. Die Frau ist noch lange nicht gleichberechtigt, obwohl es im letzten Jahrhundert viel schöner und freier geworden ist.
Wolfgang: Du hättest Wally mal als Amalia sehen sollen! So eine Wespentaille! Wir Räuber waren hin und weg.
Wally: Siehste Wolfgang, und das habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. So ist das mit den Selbstzweifeln.

Was haltet ihr von der Sexismus-Diskussion?
Wally:
Das ist lächerlich.
Wolfgang: Ich mache meine Späße drüber … Diese Diskussion ist ungesund.
Wally: Und sie ist spießig.

Denkt man mit 70 schon über den Tod nach?
Wally:  Man sollte sich schon darauf vorbereiten, weil der Tod das Einzige im Leben ist, was todsicher ist. Nur schade, dass man hinterher nicht davon erzählen und sagen kann: So schlimm war’s gar nicht. Ich bin einverstanden. (lacht): Ich kann mir eine Welt ohne Wally so schwer vorstellen.
Wolfgang: Mir ist schon lange  klar: Wenn du weg bist, geht das Leben einfach normal weiter, wie immer.
Wally: Ja, das ist ja das Dumme! Man ist nicht mehr dabei.

Von welchen Eitelkeiten habt ihr euch verabschiedet?
Wolfgang: Früher hatte ich mit Eitelkeiten nichts am Hut. Jetzt plötzlich komme ich eben darauf, abzunehmen. Um meine Knochen weniger zu belasten. Und man sieht natürlich auch besser aus! Das gefällt mir schon.
Wally: Meine Eitelkeiten sind im Laufe der Jahre auf ein Minimum geschrumpft. Und ich  würde auch nicht sagen, dass ich nicht mehr kämpfe! Doch ich wäge ab, ob sich der Einsatz lohnt.

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Vertraut, befreundet für immer © André Kowalski

Was erhofft Ihr euch noch für die letzten Lebensjahre?
Wolfgang: Noch denke ich, es muss doch noch was kommen. Ich will ja spielen.
Wally: Du darfst auch nicht aufhören, noch etwas zu wollen. Das Alter wird erst gefährlich, wenn du darauf hörst. Und du hast Recht, Schauspielen ist eine Sucht. Du kannst für dich beschließen, dich in dein Dorf zurückzuziehen. Da genügt ein Anruf: „Wir machen jetzt „Kalender Girls“ und würden Sie gern dabei haben, Frau Schmitt“, und schon erwacht der Spieler!

Wie feiert Ihr euren Geburtstag?
Wolfgang: Meine Kinder haben etwas in Görlitz organisiert – vielleicht ein Essen mit Nicolas Cage.
Wally: Ich war noch nie in Görlitz.
Wolfgang: Da musst du aber noch mal hin – vor dem Tod.
Wally: Hetz mich nicht.
Wolfgang: Ich habe ja nicht gesagt, dass du in den nächsten zehn Jahren fahren sollst…