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Christel Bodenstein: Aus dem Leben einer Prinzessin

Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich zwölf. Wie Millionen andere Mädchen umfing auch mich die Schönheit der Prinzessin in dem Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“. Einmal so ein Kleid tragen… ein Traum. Im Laufe der Zeit und meines Erwachsenwerdens kamen andere Filme mit Christel Bodenstein dazu: „Revue um Mitternacht“ , „Minna von Barnhelm, „Was ihr wollt“ oder „Beschreibung eines Sommers“. Eine breite Palette an Rollen. Doch die Prinzessin haftet ihr bis heute an. Ich hatte das Glück – dank meines Berufes – der Schauspielerin und dem Menschen Christel Bodenstein nahezukommen. Aus der Sympathie, die mit unserem ersten Interview 1996 begonnen hatte, ist Freundschaft geworden. Am 13. Oktober feierte Christel Bodenstein nun ihren 80. Geburtstag. Wir hatten uns vorab zu einer kleinen Zeitreise durch ihr Leben verabredet. Ich besuchte sie und ihren Mann Hasso von Lenski in Borgsdorf, wo sie auf der schmalen Insel zwischen Oranienburger- und Oder-Havel-Kanal seit 20 Jahren die Zeit von Mai bis Oktober verbringen.

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Christel Bodenstein spielte als 19-Jährige die Prinzessin in dem DEFA-Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“ Foto: @ Icestorm/DEFA-Stiftung /Kurt Schütt

Die Oktobersonne gibt noch einmal ordentlich Feuer. Der Herbst verkleidet sich als Sommer. In einem weißen Leinenanzug steht Christel Bodenstein wartend auf dem grünen Wiesenhügel, der bestückt ist mit jungen Apfel- und Birnenbäumen. Die Kleingartenanlage ist gut gesichert. Ihr Mann muss das eiserne Tor an der Einfahrt aufschließen, damit wir hineinkommen. Es ist eine Weile her, dass ich hier war. Zehn Jahre! „Ans Wasser können wir heute nicht“, sagt Hasso von Lenski. Die Holztreppe zum  Deich hinauf ist morsch geworden, nicht mehr begehbar. Eine neue müsste gebaut werden. „Vielleicht wird’s im nächsten Jahr“, sagt der 76-Jährige leichthin.
Er hat für uns einen kleinen Tisch und bequeme Gartenstühle vor blühenden Eibisch gerückt. „Gibst du mir eine Zigarette“, bittet Christel. Hasso lächelt. Er hat sie parat, ebenso den Aschenbecher. Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, bei dem sie nicht geraucht hätte. „Ohne Zigarette geht gar nichts.“ Rau und dunkel ist der Klang ihrer Stimme. Der sanfte klare Ton der „Prinzessin“ ist lange Vergangenheit.

Christel Bodenstein
 Christel – eigentlich Christa – Bodenstein  ist am 13. Oktober 1938 in München geboren   Foto: © Nikola

Achtzig – ist das der Zeitpunkt, wo einen Angst ergreift vor dem, was kommen kann? Was macht die Zahl mit einem, die sagt, dass man alt ist? Ich schaue in Christels Gesicht. Es ist kein altes Gesicht. Ich sehe Falten um den Mund, wenn sie spricht. Sie verschwinden, wenn sie lacht, wobei sich dann die Nase lustig kräuselt. Ich sehe ihr Strahlen, die leichte Verschmitztheit in ihrem Blick. Und, frage ich sie, wie fühlt es sich an, die letzten Dekaden des Lebens anzutreten? „Es ist furchtbar!“ Sie nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. „Die 65 und die 70 konnte ich gut aushalten. Aber jetzt begreife ich, dass ich 80 bin an dem, was ich nicht mehr machen kann. Zwei Harkenstriche im Garten und mein Rücken schreit: Biste verrückt! Wenn ich Unkraut zupfe, bräuchte ich eigentlich rechts und links eine Stütze, damit ich wieder hochkomme. Es wird nicht besser, und davor fürchte ich mich.“

Christel Bodenstein
 Die Schauspielerin sagt im Rückblick auf ihr Leben, sie sei ein Glückskind Foto: © Nikola

Sie meint das ernst und dennoch lacht sie dabei. Sie verweigert der Furcht, sie zu beherrschen. Und sollte so ein Moment kommen, denkt sie an ihr Motto: Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Das half ihr, ihren Weg zu finden und ihn zu gehen, auf den holprigen Pflastersteinen seelischer Tiefs und auf glatter Bahn, wenn sie glücklich war. „Ich denke ganz viel über mein Leben nach, das immer ein bisserl hektisch war. Und Ärger musste auch verkraftet werden“, beginnt sie zu erzählen. „Am Ende komme ich immer zu dem Schluss: Ich bin ein Glückskind, meine Kindheit in München ausgenommen. Ab dem Punkt, als meine Mutter mit mir im September 1949 nach Leipzig zog, haben sich meine Träume erfüllt.“ Der Entschluss der Mutter war auch für die Tochter eine lebenswichtige Entscheidung, was diese als Elfjährige nicht ahnte.

Ein knappes Jahr vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges kam Christel Bodenstein in der Münchener Frauenklinik in der Mozartstraße zur Welt. Die Eltern hatten nach ihrer Hochzeit Mitte der 30er Jahre ihre Heimatstadt Erfurt verlassen. Wilhelm Bodenstein bekam als Kaufmann eine Anstellung in einem großen bayerischen Sämereigeschäft. Ein großes Glück in der Zeit der allgemeinen Weltwirtschaftskrise, die von Massenarbeitslosigkeit geprägt war. „Wir lebten in Waldtrudering in einem kleinen Holzhaus mit Rundumlaufbalkon, einem Garten und einem Waschhaus, in dem meine Mutter für andere Leute wusch. Sie hatte den Traum, Pianistin zu werden. Aber die damaligen Zeiten ließen das nicht zu. Vor mir bekam sie meine Schwester Eva und musste uns allein versorgen, als unser Vater an die Front musste. Ich stand unter der Fuchtel meiner gerade mal ein Jahr älteren Schwester, und das war nicht schön“, erinnert sich die heute 80-Jährige. Sie war sieben, als der grauenvolle Krieg mit dem Sieg Alliierten 1945 beendet wurde. „Ich habe noch das Geheul der Sirenen im Ohr, wenn Bomber über München flogen. Meine Mutter rannte dann mit uns Kindern ins Nachbarhaus, das aus Stein war und einen Keller hatte, in dem wir Schutz suchten.“

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„Wir Kriegskinder“ nannte Christel Bodenstein das plastische Bild von sich und ihrer ein Jahr älteren Schwester Eva

Tief eingeprägt hat sich in das Bewusstsein des Kindes der Hunger, den es aushalten musste. „Als mein Vater aus der Gefangenschaft kam, ist er mit dem Rad über die Dörfer gefahren und tauschte, was wir entbehren konnten, gegen Brot, Milch, Eier und Butter ein. Oder er kolorierte Fotos gefallener Soldaten für ihre Familien . Manchmal kam er auch mit leeren Taschen zurück, und es gab nichts zu Essen.“ Sie hatte immer Hunger. Dieses Gefühl verfolgt sie heute noch, treibt sie manchmal zu früh aus dem Schlaf. Dann muss sie essen. Sonst schläft sie nicht wieder ein. Eine Zeit lang hatten Amerikaner Quartier im Haus der Bodensteins in Waldtrudering bezogen. Sie mochten die aufgeweckte Christel, und sie durfte mit der Milchkanne Essen vom Versorgungsstandort der Soldaten holen. „Ich war ganz stolz, meine Familie versorgen zu können.“

Der Krieg hatte die Eltern entzweit. Sie ließen sich scheiden. Das Gericht sprach dem Vater die Mädchen zu. Die Mutter, ohne Beruf und Arbeit, hatte dem nichts entgegenzusetzen. Sie musste weg aus dem Haus, neu anfangen. Ihr Bruder aus Leipzig half, bot ihr an, zu ihm zu kommen. Es gäbe eine freie Stelle bei der Post. Ein Schock für Christel. Um nichts in der Welt wollte sie bei Vater und Schwester bleiben, die Mutter allein ziehen lassen. „Mein Herz hing so sehr an meiner Mutter, dass ich ein schauderhaftes Theater machte, bis mein Vater mich mit nach Leipzig gehen ließ.“ Ihre Erinnerung an ihn verbindet sich mit Strenge und Härte. „Er watschte gern. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich mal liebevoll in den Arm genommen hätte. Was ich allerdings von ihm Gutes habe ist die innere Stärke, Sachen aus der Erde zu stemmen, zu erreichen, was ich will. Er war auch künstlerisch begabt, malte und bastelte.“

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Erna und Wilhelm Bodenstein en miniature von ihrer Tochter Christel  modelliert

Diese Seite des Vaters schlägt sich in ihrem Hobby nieder, dass sie 1984 für sich entdeckte, als ihr Sohn Mirko mal Modelliermasse aus dem Trickfilmstudio mit nach Hause brachte, um eine Arbeit zu erledigen. „Ich nahm ein Stück in Hand und es fühlte sich so warm an.“ Sie begann zu kneten und zu formen, noch ungelenk. Doch sie fand soviel Freude daran, dass es ihr zur liebsten Beschäftigung geworden ist, wenn sie nicht arbeitete. „Christel vertieft sich dabei so sehr in ihre Figuren, dass sie über Stunden alles um sich herum vergisst“, sagt Hasso. Manchmal beschwert er sich: „Kommst du auch mal wieder zurück?“ Aber er weiß, sie braucht dieses Abtauchen. Es ist ihre Ausgleichgymnastik für die Seele. Unter diesem Titel stand auch die erste Ausstellung ihrer Bilder und Figuren 1990. Sehr bald hat die Hobbykünstlerin eine große Fertigkeit im Modellieren ihrer Miniaturen entwickelt. Es sind witzige, berührende und fantasievolle Figuren, die sie dem Leben um sich herum entlehnt. Die kleinen Kunstwerke setzt sie in Bilderrahmen. Diese Form plastischer Bilder entstand aus Mangel an Platz in ihrer Berliner Zwei-Zimmer-Wohnung, die inzwischen einer Galerie gleicht. „Ich konnte die vielen Figuren bald nirgends mehr hinstellen.“ Die Künstlerin gibt so gut wie keines ihrer Schöpfungen weg. Verkaufen? Undenkbar. Es zerisse ihr das Herz. „Einige habe ich an besondere Freunde verschenkt. Mit Schmerzen und Freude zugleich“, erzählt sie.

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Das plastische Bild von ihrem Sohn Mirko, der als Illustrator und Animator arbeitet, zeigt die große Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem Regisseur Konrad Wolf (†1982)

Die Verbindung zu Vater und Schwester ist ein paar Jahre nach dem Umzug abgebrochen. Zweimal verbrachte Christel die Sommerferien aufgrund eines Gerichtsbeschlusses, den Wilhelm Bodenstein erwirkt hatte, in München. „Er holte mich nicht zu sich, weil er mich liebte. Er strafte mich damit, weil ich mit meiner Mutter weggegangen bin. Ich musste die ganzen Ferien bei ihm in der Wäscherei arbeiten. Das hielt ich aber nicht lange durch.“ Christels späterer Versuch, sich mit dem Vater zu versöhnen, scheiterte. „Ich hatte ihm nach so vielen Jahren verziehen und wollte ihm nach Mirkos Geburt mein Baby zeigen. Er lehnte ab, uns zu sehen. Zu meiner Schwester fand ich nie mehr Kontakt. Um sie tut es mir leid.“

In Leipzig begann für das Mädchen aus Bayern ein neues, vor allem anderes Leben. Die Stadt gefiel ihr sofort. „Wir kamen spät in der Nacht an. Ich war fasziniert von den vielen Laternen, die wie Sterne leuchteten“, hat Christel noch ihre erste Begegnung mit ihrer neuen Heimat im Sinn. „Kurz vor Gründung der DDR, gerade noch rechtzeitig, hatte sich meine Mutter entschieden, das Angebot ihres Bruders anzunehmen. Ich weiß nicht, was aus mir im Westen geworden wäre. Mit Sicherheit keine Märchenprinzessin“, ist sie sich sicher. Leicht fiel ihr die Eingewöhnung damals nicht.

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So sieht sich Christel Bodenstein in ihrer Rolle als Prinzessin Tausendschön

Es gab Verständigungsschwierigkeiten. „Sächsisch war für mich eine Fremdsprache und mein bayerischer Dialekt für die anderen.“ Vergebens bemühte sich die Tante, ihrer Nichte Sächsisch beizubringen. Im Unterricht wurde zum Glück hochdeutsch gesprochen. Die Schauspielerin erinnert sich gern an ihre Schulzeit. „Das Schönste war für mich, dass es in der großen Pause für jedes Kind ein Brötchen und einen viertel Liter Milch gab.“ Als die Pionierorganisation gegründet wurde, war sie  mit Feuer und Flamme dabei. „Es überraschte meine Mutter sehr, als ich eines Tages mit weißer Pionierbluse und blauem Halstuch aus der Schule kam. Ich glaube, sie hat meine Begeisterung nicht geteilt.“  Die Mutter belächelte ihre Tochter und schlug ihr vor, das Tuch auch zum Nachthemd umzubinden. Der nächste Schock folgte für die arme Frau auf dem Fuße, als Christel ihr eröffnete, dass sie unbedingt zur Balletschule wollte.

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Christel als kleine Ballerina, die roten Spitzenschuhe sind künstlerische Überhöhung.

Leipzig steht im Leben der Schauspielerin vor allem für ihren großen Traum, Tänzerin zu werden, den sie sich mit großer Zielstrebigkeit auch erfüllte. Auf dem Schulweg war ihr eines Tage ein Plakat von einer jungen französischen Ballerina aufgefallen, die in Leipzig eine Matinee gab. Heiß schoss in dem quirligen Mädchen der Wunsch hoch, so tanzen zu können. Als sie etwas später die russische Primaballerina Galina Ulanowa in dem Ballettfilm „Romeo und Julia“ erlebte, konnte sie nichts mehr davon abbringen, eine große Ballerina werden zu wollen. Die Mutter stöhnte auf, doch sie schneiderte ihrer verrückten Tochter ein schwarzes „Tütü“ aus einem alten Rock und aus einem weißen Kissenbezug ein Oberteil. Stich für Stich nähte sie alles mit der Hand. Nur die teuren Spitzenschuhe konnte sie ihrer Tochter nicht kaufen. Weil am Ende aber doch nicht genug Geld für privaten Ballettunterricht übrig war, musste Christel die Tanzschule bald wieder verlassen. Die Zwölfjährige entdeckte eine andere Möglichkeit. Sie tanzte einer Eignungskommission beim Tanz- und Gesangsensemble der „Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“ vor und wurde aufgenommen. Nach dem Schulabschluss – sie war 14 – absolvierte Christel Bodenstein eine dreijährige Ausbildung an der Leipziger Ballettschule und bekam 1955 ihr erstes – und letztes – Engagement am Landestheater Halle. Denn sie wurde für den Film entdeckt.

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Christel Bodenstein als 14-Jährige in der Ballettschule Foto privat

Lebhaft erinnert sich sie an den Tag, an dem eine Begegnung am FKK von Ahlbeck ihren Lebensweg ins DEFA-Studio lenkte. Sie ahnte damals nicht die Schicksalhaftigkeit dieser kuriosen Episode. „Ich hatte vor Beginn meines Engagements in Halle Ferien und wurde von ein paar jungen Schauspielern eingeladen, mit ihnen an die Ostsee zu fahren.“ Die 17-Jährige, die noch nie Urlaub gemacht hatte, sagte freudig zu. Eines Vormittags, die jungen Leute spielten Ball, kam ein Mann mit zwei Windspielen den Strand entlang. Die Schauspieler rannten auf ihn zu und begrüßten ihn stürmisch. Dann stellten sie ihm die etwas abseits stehende Christel vor. So lernte sie den berühmten DEFA-Regisseur Prof. Kurt Maetzig kennen, der die junge Tänzerin auf den Weg zu einer vielgeliebten Schauspielerin führte. Maetzig war ein freundlicher Herr, der sie wohlwollend betrachtete und – nach einem längeren Gespräch am nächsten Tag – zu Probeaufnahmen nach Babelsberg einlud. Er suchte damals gerade eine Hauptdarstellerin für seinen Film „Schlösser und Katen“.  „Dass ich splitternackt eine Rolle angeboten bekam, ist mir nur einziges Mal passiert“, lacht Christel. Bei den Probeaufnahmen musste sie eine Liebesszene spielen. „Ich fand es gewagt, was Prof. Maetzig mir zumutete. Aber ich hatte noch nie Angst vor einer Kamera. Und damals waren das noch Ungetüme“, erzählt sie. Mit ihrer gar zu mädchenhaften Erscheinung passte sie aber nicht in Rolle, denn am Ende des Films war die Figur 70 Jahre alt. Maetzig besetzte die 26jährige Karla Runkehl.

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Christel Bodenstein 2016 als Kräuterhexe (mit Steffi Kühnert) vor ihrem Konterfei von 1957 in der ARD-Verfilmung des Märchens „Das singende, klingende Bäumchen“ Foto: © MatthiasB Photography

Zwei andere bekannte DEFA-Regisseure, die ihre Probeaufnahmen gesehen hatten, interessierten sich für die 17-Jährige. Slatan Dudow besetzte sie in seiner Filmkomödie „Der Hauptmann von Köln“ als Partnerin des namhaften Theaterschauspielers Rolf Ludwig. Parallel drehte sie unter der Regie von Helmut Spieß den Märchenfilm „Das tapfere Schneiderlein“ und tanzte außerdem noch ihre Rollen am Landestheater Halle. „In dem Jahr 1956/1957 spielte sich mein privates Leben hauptsächlich im DEFA-Auto ab, das mich zwischen Halle und Babelsberg hin und her brachte. Der Kraftfahrer hatte er mir auf dem Rücksitz ein Bett gebaut, damit ich schlafen konnte. Er sorgte sich  wie ein Vater und verwöhnte mich mit Obst und belegten Brötchen. Ich schwebte wie auf Wolken.“ Es war der Beginn ihrer DEFA-Zeit, von der sie heute sagt, dass es die glücklichste in ihrem Leben war. Im Sommer 1957, am Ende der Theatersaison, verabschiedete sich Christel Bodenstein von der Bühne und ihrem Traum, eine große Ballerina zu werden. Sie folgte dem Rat ihres Entdeckers Kurt Maetzig und besuchte die Filmhochschule in Babelsberg.  Auch ein Naturtalent braucht Handwerkszeug, hat sie bei den Dreharbeiten für ihre beiden Filmdebüts erkannt. Doch auch während des Studiums stand sie oft vor der Kamera. Gleich im ersten Studienjahr bekam sie die Rolle, für die sie seit 61 Jahren geliebt wird: die Prinzessin in dem Märchenfilm „Das singende, klingende Bäumchen“.

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Mit viele Liebe zum Detail schuf Christel die Figuren für das Memory-Spiel „Das singende, klingende Bäumchen“

Am 13. Dezember 1957 erlebte der Film seine Premiere in den Kinos der DDR, ab dem 14. September 1958 zog er die Kinder im Westen Deutschlands in seinen Bann. In den ersten beiden Jahren hatte er bereits sechs Millionen Zuschauer. Mit ihrem ersten Mann, dem Regisseur Konrad Wolf, wohnte Christel Bodenstein damals in Babelsberg gegenüber einer Schule. Wenn sie aus der Tür trat oder das Fenster öffnete, riefen ihr die Kinder zu: „Guten Tag, Prinzessin“. Mit dieser plötzlichen Popularität umzugehen, war für die junge Schauspielerin nicht einfach. „Ich musste lernen, zu akzeptieren, dass nicht ich, sondern die Figur gemeint ist.“ 1960 kürten die Leser des Jugendmagazins „Neues Leben“ sie zur beliebtesten Schauspielerin der DDR. Inzwischen ist sie dankbar für die Liebe ihrer Fans, die sie als Mütter und Großmütter weitergeben. Und wenn ein Kind sagt: „Du siehst aber nicht aus wie die Prinzessin“, antwortet sie lachend: „Auch Prinzessinnen werden alt.“

Christel Bodenstein
Foto: © Nikola

Ihre Beziehung mit Konrad  Wolf ist dem Erfolg des Films „Das singende, klingende Bäumchen“ geschuldet. 1960 wurde er auf der DEFA-Filmwoche in Helsinki gezeigt und sie war als Hauptdarstellerin dabei. Zum Kreis der DEFA-Delegation gehörte ebenfalls der Regisseur Konrad Wolf, Sohn des international hoch geachteten Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf („Cyankali“, „Prof. Mamlock“). Zum Abschluss des Festivals hatten finnische Filmleute die DEFA-Kollegen zu einem gemütlichen Beisammensein eingeladen. Ein Abend, an dem sich Christels Bodensteins Leben für die nächsten 18 Jahre entschied. „Wir aßen Krebse, anschließend wurde getanzt. Koni war ein Riese von zwei Metern, trotzdem sehr scheu, sogar schüchtern. Ich mochte ihn sofort“, erzählt sie.  Er fragte, ob sie mit ihm tanze wolle. Natürlich wollte sie. Er nahm sie in den Arm. Sie schaute zu ihm hoch und redete unentwegt, bis er sie bat, aufzuhören, er müsse die Takte zählen. Im September 1961 kam Sohn Mirko zur Welt und ein Jahr später, einen Tag vor Weihnachten 1962, wurde geheiratet. Eigentlich wollten sie das nicht. Es waren äußere Zwänge, die das bestimmten. Unverheiratete bekamen in Hotels kein Doppelzimmer und – das wog schwer – wollte man von offizieller Seite, dass der bekannte Regisseur, der zudem Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst und Präsident der Akademie der Künste war, kein uneheliches Lotterleben führt. In diesem Punkt war die Partei ganz konservativ, geradezu spießbürgerlich.

Der kleine Prinz
Szene aus dem Film „Der kleine Prinz“ mit Christel Bodenstein in der Titelrolle und Eberhard Esche als Pilot. Foto © DFF/Icestorm/DEFA-Stiftung

Ein leichter Wind streicht über die Blütensträucher. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Wird es regnen? „Ich denke nicht“, sagt Hasso. Er holt eine neue Flasche Wasser. Christel hat die dritte oder vierte Zigarette beim Wickel, als wir auf ihre 18 Jahre an der Seite von Konrad Wolf zurückblicken. Mit ihrem Mann hat sie nur einen einzigen Film gedreht, weil er es hasste, wenn Regisseure ihre Frauen in die Hauptrollen holten. Nur einmal wich er von seinem Prinzip ab.

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Der kleine Prinz mit seiner Rose. Figur by Christel Bodenstein

1966  gab er seiner Frau in seinem Film „Der kleine Prinz“ die Titelrolle. Er machte diese Ausnahme, weil er wusste, wie sehr sich Christel Bodenstein diese Rolle insgeheim wünschte. Die Erzählung von Antoine de Saint- Exupéry war ihre „Bibel“ seit sie das Buch als junges Mädchen bekam. Er schenkte ihr die Rolle zum Geburtstag. „Es war Wochenende und hatte er vergessen, ein Geschenk zu besorgen. Das habe ich erst vor sechs Jahren von unserem gemeinsamen Freund Angel Wagenstein erfahren“, erzählt sie. „Die beiden hatten zusammen an dem Film gearbeitet.“ Sie mochte es damals nicht glauben, als ihr Mann sie damit diesem Geschenk überraschte, weil sie wusste, wie genau Konrad Wolf über Besetzungen nachdachte, er sich für einen Schauspieler entschied. „Als ich nachfragte, sagte er, er sei überzeugt, dass ich das kann. Es wurde eine sehr schöne Arbeit mit großartigen DDR-Schauspielern.“ Nur dauerte es 50 Jahre bis der Film aus dem Archiv endlich in die Kinos kam. Er war nicht unter die politischen Räder gekommen. Er durfte nicht gezeigt werden, weil das DDR-Fernsehen vor der Produktion 1966 vergessen hatte, sich bei Antione de Saint-Exépurys Buchverlag Editions Gallimard die Verfilmungsrechte zu sichern.“ 2015 waren die Autorenrechte abgelaufen und der Film für Aufführungen frei.

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Fotograf Nikola bei der Arbeit

Das Resümee ihrer Ehe mit dem Regisseur fällt nicht so begeistert aus. „Wir hatten schöne Zeiten, aber der Alltag lag auf meinen Schultern. Ich drehte, kümmerte mich um unseren Sohn. Ohne die Hilfe meiner Mutter hätte ich das nicht bewältigt.“ Ihr Traum von einem Familienleben, wie sie es sich gewünscht hatte, löste sich in Luft auf. 1978 ließen sie sich scheiden. Für Konrad Wolf – er drehte 14 der wichtigsten DEFA-Filme – war die Arbeit immer wichtiger als seine Familie.

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Von 1955 bis 1980 schuf Konrad Wolf 14 Filme, die die DEFA-Stiftung als DVD-Box herausbrachte

Es gab wenig Zeit für ihre seelischen Tiefs, die sich aus zunehmend unbefriedigenden Rollen ergaben, ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit und für den gemeinsamen Sohn. „Ich glaube, Koni bemerkte nicht einmal mehr, wie sehr es mir fehlte, seine Liebe zu spüren. Ich fühlte mich wie ein Möbelstück, das einfach da war, wenn er nach Hause kam. Heute stelle ich fest, wie wenig ich von ihm weiß. Wir konnten uns ja nie richtig kennenlernen. Das ist eine sehr traurige Erkenntnis.“ Der

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Hasso von Lenski, vier Jahre jünger, ist Schauspieler und Dramaturg Foto: © Nikola

Mit Hasso von Lenski lebt Christel Bodenstein seit 41 Jahren zusammen, 26 davon sind sie verheiratet. Bei ihm spürt sie, was Konrad Wolf ihr nicht zu geben vermochte: Wärme, Liebe, Aufmerksamkeit. „Wir haben unser gemeinsames Leben bei Null angefangen. Das waren oft harte Zeiten, die wir zusammen durchstanden. Wir schliefen bei Freunden im Wohnwagen, bis wir unsere Wohnung, in der wir heute noch leben, im Plänterwald bekamen“, erinnern sich beide. Für Christel ist Hasso das ganz große Glück. „Seit wir uns kennen, hatte ich nie mehr das Gefühl von Einsamkeit und Alleinsein“, macht sie ihrem Mann eine Liebeserklärung. Begegnet sind sich die beiden Schauspieler 1976 in der Kantine der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, ohne zu ahnen, dass sich ihre Weg 1977 wieder kreuzten und von da an gemeinsam verlaufen sollten. „Hasso machte auf mich so einen fröhlichen, jungenhaften Eindruck. Am meisten gefielen mir seine neugierigen frechen Augen. Wie der einen anschaute!“ erinnert sich seine Frau lachend.

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Christel Bodenstein 1962 als Grit mit Manfred Krug in dem DDR-Gegenwartsfilm  „Beschreibung eines Sommers“ Foto: © Icestorm/DEFA-Stiftung/Max Teschner

Sie hat das DEFA-Ensemble, dem sie seit Ende ihres Studiums angehört hatte, 1973 verlassen. „Mich reizten die Rollen der freundlichen, lustigen Mädchen nicht mehr. Ich wäre gern ins ernste Fach gewechselt, doch solche Rollen bot man mir nicht an.“ Die einzige Ausnahme war 1962 die FDJ-Sekretärin Grit in dem Gegenwartsfilm „Beschreibung eines Sommers“ an der Seite von Manfred Krug. Für diese Rolle hatte Christel Bodenstein gekämpft. „Es war das einzige Mal, dass ich einen Regisseur bat, mich zu besetzen.“ Sie bekam die Rolle, nicht zuletzt auch, weil sich Manfred Krug für sie bei Regisseur Ralf Kirsten stark gemacht hat. Mit dem 2016 verstorbenen Schauspieler verband sie eine lange Freundschaft. „Wir kamen zur selben Zeit als Scheidungskinder nach Leipzig. Manfred hat mich immer beschützt.“

Drei Jahre war Christel Bodenstein als freischaffende Künstlerin zunächst mit eigenen Liedern aufgetreten, dann mit dem Feuilletonisten Hans-Georg Stengel zusammen, der seine Texte auf die Bühne bringen wollte. Sie gewannen zwei Goldmedaillen der Unterhaltungskunst und waren in der ganzen Republik unterwegs. Die Sache hatte nur den Haken, dass Christel Bodenstein in dieser Zeit ihren Sohn Mirko allein lassen musste. Diesem Problem entsprang Idee, ein Kleinkunst-Theater in Berlin zu gründen. Es wurde ein langer, beschwerlicher Weg bis dahin. Doch schließlich eröffnete 1978 unter dem Dach des Friedrichstadtpalastes die Kleine Bühne DAS EI. Christel stand in dem Eröffnungstück „Was soll das Theater“ als Clown auf der Bühne, Hasso von Lenski führte Regie.

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Christel Bodenstein als Clown in dem Stück „Was soll das Theater“

„Bei den Proben haben Hasso und ich uns wiedergetroffen, und es ging mitten ins Herz“, erzählt Christel. „Wir haben wunderschöne Abende veranstaltet. Ich habe gern dort gespielt. Doch ich brauche Harmonie für meine Arbeit. Ich hasse Ungerechtigkeiten, Spannungen, Verlogenheit und Boshaftigkeit, die leider irgendwann die Atmosphäre vergiftet haben.“ 1989 verließ sie ihr kleines Theater schweren Herzens, die Situation war für sie unerträglich geworden. Hasso, der Dramaturg und Leiter der Kleinen Bühne DAS EI war, ging mit ihr. „Ich hätte nicht erwartet, dass er für mich seine Arbeit dort aufgibt“, sagt Christel.

Im Friedrichstadtpalast fanden beide eine neue berufliche Heimat. Christel wurde als Regieassistentin für die „Kleine Revue“ engagiert. Sie weiß noch gut, wie schmerzvoll es sich anfühlte, nicht mehr als Schaupielerin auf der Bühne zu stehen, sondern von unten hinauf zu schauen und ein ganz anderes Metier zu bedienen. „Mein Zustand war  nicht der beste. Ich musste das verarbeiten und gleichzeitig mit dem Neuen umgehen lernen.“ Aber: Christel schafft alles, was sie will. Sie verspürte bald das Bedürfnis, ihre Ideen für Inszenierungen selbst umzusetzen. Als erste eigene Regiearbeit brachte sie den musikalisch-literarischen Abend „Claire“ auf die Bühne, ein Jahr später feierte sie mit der Revue „Sommernachtsträume“ einen großen Erfolg. Die Wende 1989 setzte noch einmal Fragezeichen für die Zukunft. Was wird aus unseren Träumen? Mit unseren Idealen? Was fangen wie an mit unserem Weltbild? Als die Kleine Revue 1997 geschlossen wurde, gab Christel Bodenstein den Sprecherkindern des Friedrichstadtpalastes Schauspielunterricht und übernahm 1998 einen Teil der Regiearbeit für die Märchenrevue „Hänsel und Gretel“.

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Seit 41 Jahren sind Christel und Hasso ein Paar Foto: © Nikola

An ihrem 60. Geburtstag fand Christel Bodenstein, es ist an der Zeit, in die Ausruhphase des Lebens zu treten. Tatsächlich gestaltete sich das jedoch nur als Rahmen, um ausschließlich das zu tun, was ihr Spaß macht. Acht Jahre lud sie zu Talkshows mit ehemaligen DEFA-Kollegen ins „Café Nass“ nach Berlin-Johannisthal ein. 2006 veröffentlichte sie ein Bildertagebuch aus ihrem Leben Einmal Prinzessin, immer Prinzessin“, mit dem sie seither auf Lesereise geht. Begleitet von ihrem Mann Hasso, der zu ihren Geschichten die Bilder auf eine Leinwand projiziert. Immer ein unterhaltsamer Abend für das Publikum.

Mit ihrem Mann zusammenzuarbeiten ist für Christel das Schönste. Gemeinsam entwickelte sie 2012 mit ihm und ihrem Sohn Mirko das Memory-Spiel „Das singende, klingende Bäumchen“ für die ganze Familie.  Mirko, der als Illustrator und Trickfilmzeichner arbeitet, schuf nach ihren Figuren die Zeichnungen,  Hasso war für das Marketing und die Logistik zuständig.

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Der Spaß für große und kleine Märchenfans ist bei der DEFA-Stiftung erhältlich

Ich frage Christel Bodenstein, ob es Träume gibt, die sich noch nicht erfüllt haben. „Ja, natürlich gibt es die“, sagt sie. „Als Filmschauspielerin ist es mir nicht nicht gelungen, ins ernste Fach einzusteigen. Es wäre traumhaft“, verrät sie mit einem Sehnsuchtsseufzer, „jetzt, im hohen Alter, noch einmal eine Charakterrolle zu spielen.“ Es geschehen immer wieder Wunder. Warum nicht auch in diesem Fall.

 

Christel Bodenstein
 Foto: © Nikola

Übers Erzählen ist es später Nachmittag geworden. Das Spiel der dunklen Wolken hat die Sonne verdeckt. Der Himmel gibt sich mystisch. Christel und Hasso begleiten uns zum Auto. Er muss das Tor wieder aufschließen. Noch ein paar letzte Fotos an der Schaukel, die sich im Wind bewegt. Ich entdecke noch Blüten an den Apfelbäumchen. Das passiert, wenn der Sommer lang und warm ist.

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Zwei großartige Schauspieler feiern Geburtstag – Christel Bodenstein und Dieter Wien

Es ist mir wichtig, nach persönlichen Glückwünschen hier noch einmal zwei Schauspielern zu gratulieren, die ich seit vielen Jahren kenne. Christel Bodenstein, die stolze Prinzessin Tausendschön aus dem DEFA-Märchenklassiker „Das singende, klingende Bäumchen“, feierte am 13. Oktober ihren 79. Geburtstag. Als der Märchenklassiker von 1957 für die ARD im vorigen Jahr neuverfilmt wurde, hat man extra für sie eine Rolle hineingeschrieben: „Ich spiele eine Kräuterfrau, die ursprünglich nicht vorkommt. Das fand ich sehr schön und hat mir viel Freude gemacht“, erzählte sie mir. Der Clou an der Geschichte ist, dass im Thronsaal ein Gemälde von Tausendschön hängt, das die Mutter der (neuen) Prinzessin zeigen soll.  „Zweimal ich, nur liegen 60 Jahre dazwischen“, sagt die einstige DEFA-Märchenprinzessin.  Fragt sie nach ihrem Lieblingsfilm, hört man: „Ich habe über 30 Spielfilme gedreht und alle Rollen gern gespielt, aber ich war sehr, sehr gern die Prinzessin. Ein sehr wichtiger Film für mich war Beschreibung eines Sommers mit Manfred Krug.“
Aber am Herzen liegt ihr die Verfilmung von Saint-Exupérys Geschichte „Der kleine Prinz“, die einzige Arbeit mit ihrem damaligen Mann, Konrad Wolf. Sie spielt die Titelfigur, den kleinen Prinzen.
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Christel Bodenstein mit ihrem Mann Hasso von Lenski und der neuen DVD „Der kleine Prinz“ (kommt am 27. Oktober in den Handel) c/o privat

In diesem Jahr ging ihr größter Wunsch in Erfüllung. Der 1966 für eine Millionen DDR-Mark produzierte Film durfte endlich gezeigt werden. „Er war nicht unter die kulturpolitischen Räder gekommen“, erzählt Christel Bodenstein, „sondern das DDR-Fernsehen hatte schlichtweg versäumt, einen Lizenzvertrag mit Exépurys Buchverlag Editions Gallimard abzuschließen.“ Konrad Wolfs Verfilmung des Romans „Der kleine Prinz“ sollte zur Premiere des DDR-Farbfernsehens laufen. Der Zeitpunkt war zu Beginn der Planungen für den Film 1965 noch unklar. So kam es, dass die aufwendige Produktion einmalig und ohne Vorankündigung am 21. Mai 1972 um 20 Uhr im Zweiten Programm des DDR-Fernsehens „versendet wurde. Die Ausstrahlung blieb zwar ohne rechtliche Folgen, doch das Risiko, juristisch belangt zu werden, wurde vom DDR-Fernsehen nie wieder eingegangen. Seit dem 1. Januar 2015 ist die 70-jährige Schutzfrist des Urheberrechts für das Werk von Antoine de Saint-Exupéry abgelaufen, denn er starb im Jahr 1944. Der Film konnte vom Deutschen Rundfunkarchiv zur Nutzung frei gegeben werden.

„Die DEFA-Stiftung hat sehr viel Geld in die Digitalisierung des Films gesteckt, der ja eine Koproduktion zwischen dem Fernsehen und der DEFA war, und hat uns das wunderbar aufgearbeitete Master zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt“, sagt Brigitte Miesen, Produktmanagerin der Studio Hamburg Enterprises GmbH. Gerade habe ich eine WhatsApp-Nachricht von Christel Bodenstein erhalten: „Ich bin sooo glücklich. Am 27. Oktober kommt er ans Licht und alle können ihn sehen!!!!“

Abgesehen von der Freude, die ihr ins Gesicht geschrieben steht, was macht sie noch glücklich? „Nach wie vor gestalte ich meine Bilder und Figuren – das ist Ausgleichsgymnastik für meine Seele. Und ich bin mit einer bebilderten Lesung meiner Buches Einmal Prinzessin – immer Prinzessin unterwegs. Ich kann es eben doch nicht lassen und dem Publikum macht es Spaß und mir auch!“
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Schauspieler Dieter Wien wurde am selben Tag 83 Jahre. Als ich ihn fragte, wie es ihm geht, lachte er und meinte: „Über meinem Schreibtisch hängt ein Plakat auf dem steht: Es ist wie es ist“. 1934 in Gdansk geboren, hat er miterlebt, was Krieg bedeutet. Im Winter 1945 flohen seine Eltern mit ihm vor den Bombenangriffen. „Mit dem Schiff ging es nach Rostock, von dort mit einem Güterzug nach Halle. Mein Vater hatte eine Cousine dort. Hier kam ich zum Schauspiel“, erzählt er.  „Die Frau des Klempners im Vorderhaus hatte ein Puppentheater, da spielte ich mit, war dann in der Kinderkomparserie am Theater Halle. Es machte Spaß.“  Während seiner Buchdrucker-Lehre war er im Laienspiel des Betriebes. „Der Leiter fragte mich, ob ich Schauspiel studieren möchte. Es war in Leipzig an der Schauspielschule des Theaters gerade ein Platz frei geworden. Aber ich hatte nur ein paar Stunden Unterricht bei dem großen Martin Flörchinger, weil die Schule aufgelöst und daraus die Hochschule für Theater und Musik wurde.“
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Dieter Wien als Kohlweis in dem Kinderfilm „Käuzchenkuhle“ 1969 c/o DEFA-Stiftung

In dem DEFA-Kinderfilm „Käuzchenkuhle“ stand er 1969 seinem großen Vorbild Martin Flörchinger als Widersacher gegenüber. „Ich spielte einen ehemaligen SS-Mann, der kurz vor Ende des 2. Weltkrieges den Fischer eines mecklenburgischen Dorfes gezwungen hatte, ein Fass mit Raubkunst in der Käuzchenkuhle zu versenken. Er hatte sich in den Westen gerettet und kam nun in die DDR, um seine Beute zu holen.“ Durch Flörchinger hatte der Film für Wien eine besondere Bedeutung.  Dass er sein großes Vorbild schlagen musste, kostete ihn nur kurz Überwindung. „Wir waren ja beide Profis, und es gehörte zur Rolle.“ 1976 ging der mittlerweile 67-jährige Flörchinger zurück in seine Heimat nach Bayern. Er starb 2004.

Dieter Wien hat sich sein schauspielerisches Können dann als Autodidakt erarbeitet Ein erstes Engagement erhielt er im August 1952 am Theater der jungen Garde in Halle. Danach folgten Zeitz, Gera, Plauen und Erfurt. Von 1964 bis 2001 war er festes Ensembles-Mitglied am Maxim-Gorki-Theater Berlin, ab 2003 einer der Hauptdarsteller des Tournee-Theaters Theater des Ostens unter der Intendantin Vera Oelschlegel. „2012 habe ich den Vorhang für immer fallen lassen“, erzählt er. „Ich habe an meine beiden Söhne übergeben Matti und Fabian übergeben.“ Seine Kreativität lebt er in seinem Garten aus. „Dass er oft allein zu Hause ist, weil seine Frau Madeleine Lierck-Wien in Lüneburg seit vielen Jahren in der Serie „Rote Rosen“ spielt, stört ihn nicht. „Ich bin glücklich, dass sie es ist.“

 

Vom singenden, klingenden Bäumchen und anderen Märchen

Märchen begleiten mich, seit ich denken kann. Eine Geschichte, die mir immer zuerst einfällt, wenn ich mich zurückbesinne, ist die vom „kleinen Häwelmann“. Wie er in seinem Bett des nachts durchs Zimmer rollt, die Wand hinauf, an der Decke entlang bis der Mond einen Strahl durchs Schlüsselloch schickt. Auf dem fährt Häwelmann hinaus und in der Weltgeschichte umher…

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Diese kleine Erzählung, die sich Theodor Storm 1849 als Gute-Nacht-Geschichte für seinen Sohn ausdachte, hat mich als Kind sehr beschäftigt und vielleicht deshalb nicht losgelassen. Ich war Fünf, als ich sie von meiner Oma hörte. Als ich die Geschichte jetzt mal gegoogelt habe, stellte ich fest, dass sie ein Klassiker ist und vielfach verlegt wurde. Bei YuoTube fand ich eine Hörspielplatte von Litera, mit Arno Wyzniewski als Erzähler. Wunderschön.

Natürlich erzählte mir meine Oma auch Märchen wie „Der Wolf und sieben Geißlein“, „Rotkäppchen“ und „Tischlein deck dich“. Als ich dann lesen konnte, wurden „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ zu meiner ersten Lektüre. Die vier Bände des Kinderbuchverlages Berlin, die ich 1957 geschenkt bekam, sehen ziemlich zerlesen aus, stehen jedoch immer noch griffbereit im Bücherregal. Inzwischen sind viele der Märchen verfilmt worden, und ich gebe zu: Für einen schönen Märchenfilm lasse ich jeden Krimi sausen. Verrückt.

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Christel Bodenstein war die erste DEFA-Prinzessin. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt

Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal Prinzessinnen und Prinzen treffen werde, die in den Märchenfilmen mein Kinderherz erobert hatten. Dieses Glück hat mir meine Arbeit als Journalistin beschert. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört das DEFA-Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“. Der Film von Regisseur Francesco Stefani aus dem Jahr 1957 gilt als eine der reizvollsten und erfolgreichsten Märchenproduktionen der DEFA. Was wohl kaum jemand vermutet: Die Handlung beruht auf einem Märchenfragment der Brüder Grimm. 1964 strahlte der britische Fernsehsender BBC den DDR-Film als Miniserie in drei Teilen auf Englisch aus. Sie wurde bis 1980 mehrfach wiederholt.

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Die DEFA-Kulissenbauer zauberten einen echten See und einen Wasserfall  ins Studio. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt

Fasziniert bin ich bis heute von der farbenprächtigen Kulisse und den beiden Hauptdarstellern, Christel Bodenstein als wunderschöne, aber hochmütige Prinzessin und Eckart Dux als Prinz, der in einen Bären verwandelt wird. Nach Abschluss der Dreharbeiten haben sie sich nicht wiedergesehen, bis ich beide zum Interview über ihren Film einlud. Eckart Dux lebte damals in Westberlin, Christel Bodenstein im Ostteil der Stadt, in der DDR. Nach dem Mauerbau 1961 arbeitete Eckart Dux ausschließlich in Westdeutschland. Christel Bodenstein drehte und lebte in der DDR.

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Die Schauspielerin hat zu ihrem Märchen ein Spiel entwickelt. Foto: MatthiasB Photography

„Es war damals schwer, sich zu trennen, als es vorbei war. Die Chemie zwischen uns hat gestimmt“, gestand die heute 78-jährige Schauspielerin. „Auf die Idee aber, etwas miteinander anzufangen, kamen wir nicht. Ecki war ein schnuckeliges Kerlchen. Aber mit 18 empfindet man 30-Jährige wie Väter, außerdem  war er verheiratet“, verriet die  „Prinzessin“ und lachte. Über das Treffen nach fünf Jahrzehnten waren beide sehr glücklich. Der schöne Prinz feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag. Mit seiner Frau, einer Schnittmeisterin, und seinem Sohn lebt er in der Nähe von Wolfsburg. Manchmal arbeitet er noch als Synchron- und Hörspielsprecher.

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Glückliches Ende. Das Bäumchen singt und klingt im Zauberreich. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütt  

Das Märchen-Traumpaar hatte bei den Dreharbeiten so einiges erlebt. „Mühevoll hatte man im Reich des Zwerges die Tauben verteilt. Dann wurde die Klappe geschlagen und alle stoben davon. Wir hatten eine sehr lange Pause…“, erinnerte sich Christel Bodenstein. Der Schecke des Prinzen war ein Zirkuspferd und rollte sich jedes Mal auf den Rücken, wenn er in die Knie ging. „Ich konnte reiten, wusste das aber nicht. Wir konnten es ihm auch nicht abgewöhnen. Also musste ich  abspringen, bevor er sein Kunststück machte.“

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Das Pferd aus dem Kunstschnee freizuschaufeln war für die Schauspielerin in Kraftakt. Foto: DEFA-Stiftung Kurt Schütz

Dass „Das singende, klingende Bäumchen“ mal zum Kultfilm avancieren würde, hätte zur Produktionszeit vor 60 Jahren keiner geglaubt.  „Dass er im Zeitalter von Action- und computeranimierten Filmen noch so beliebt ist, bedeutet doch, dass sich auch die Kinder von heute gern in eine Märchenwelt hineinträumen“, meinen die beiden Hauptdarsteller. Die DEFA-Szenenbildner haben auch alles dafür getan, die Kulisse märchenhaft zu gestalten. Tief berührt hat mich der (Papp)-Fisch mit großen traurigen  Kulleraugen. Jedesmal, wenn ich den Film sehe, kommen mir die Tränen, wenn er im Eis feststeckt und das Pferd im Schnee versinkt.

Zum ersten Mal seit 1957 ist „Das singende, klingende Bäumchen“ in diesem Jahr fürs Fernsehen neu verfilmt worden. Eine Adaption der alten Geschichte mit mehr Action, umgesetzt mit den heutigen technischen Mitteln. Regie führte Wolfgang Eißler. Die Prinzessin verkörpert Jytte-Merle Böhrnsen, den Prinzen spielt Lucas Prisor und Heinz Hoenig den alten König. (Zu sehen am 25. 12. um 14.45 Uhr auf ARD)

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Christel Bodenstein und Steffi Kühnert (Amme) in der ARD-Produktion Foto: MatthiasB

Auch Christel Bodenstein hat darin eine kleine Rolle bekommen. „Ich bin eine Kräuterfrau, die es in unserem Film nicht gab.“ Gedreht wurde im Harz, im Potsdamer Schloss Belvedere sowie im Kloster Chorin. Für den Kinokenner bietet der Film noch ein kleines Extra, den sich die Filmemacher als Reminiszenz an die DEFA-Verfilmung haben einfallen lassen: Das im Schloss an der Wand hängende Porträtbild der verstorbenen Mutter der Prinzessin ist das Plakatmotiv der DEFA-Verfilmung. Ob der neue Film denselben Kultstatus erreicht wie das Original…? Die Kinopremiere auf dem 4. Thüringer Märchenfilm-Fest in Weimar war jedenfalls ein Erfolg.

Märchen aus Tschechien

Zu meinen absoluten Highlights gehört der Märchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Die tschechische Schauspielerin Marie Kyselková, die liebreizende Lada, lernte ich in Prag zusammen mit ihrem Märchenprinzen Josef Zíma kennen. Zwei Menschen, die genauso sympathisch sind wie in ihren Rollen. Schmunzelt erzählte mir die heute 80-Jährige. „Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Josef, aber Regisseur Martin Fric ließ sich darauf nicht ein.“ Erst ganz zum Schluss gestattete er den beiden einen Hochzeitskuss. Josef Zíma lacht und wiederholt die Kuss-Szene. Er ist in Tschechien ein beliebter Sänger und Moderator geworden.

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„Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ mit Josef Zíma als Prinz und Marie Kyselková als Prinzessin Foto: DEFA-Stiftung/Progressfilm

Das poesievolle Märchen, dem sein Regisseur keine große Bedeutung zumaß, ist in Tschechien Kulturerbe und dort wie in Deutschland nicht weniger Kult als Václav Vorličeks Adaption von Božena Nĕmcovás Aschenbrödel-Geschichte.
Marie Kyselková liebt ihre Rolle als Lada. Sie schwärmt: „Wenn ich unseren Film sehe, ist immer die Szene, in der wir die Ringe tauschen und uns Treue schwören, für mich der wichtigste Moment. Er weckt dieses wunderbare Gefühl des Wohlbefindens. Es ist eine starke Liebe vor der Kamera, die ans Herz geht.“

Wer ohne Märchen aufwächst, verpasst so vieles. Sie öffnen das Tor zu unserer Seele. Bringen uns dazu, uns emotional auszuleben, zu spüren, was uns berührt, was uns Angst macht. So lernen wir schon in jungen Jahren, uns mit Gut und Böse auseinanderzusetzen.
Und manchmal lernen auch Schauspieler aus ihren Märchenrollen. Wie Pavel Trávniček. Der tschechische Schauspieler spielte seine erste Rolle in der DEFA-Barrandov-Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Er war damals gerade 23 Jahre alt.

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Pavel Trávniček und Libuše Šafranková 1974 in dem Märchenfilm Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Foto: DEFA-Stiftung/Filmstudio Barrandov Jaromir Komarek

Heute erinnert er sich: „Ich war als junger Mann sorglos. Dachte, ich werde immer Prinzen spielen, immer schön sein. Ich habe den Ruhm genossen. Aber das Leben wird mit der Zeit komplizierter, musste ich lernen, und die Realitäten auf mich nehmen. Dennoch sollte sich jeder Mensch ein Stück Romantik in seinem Leben gönnen. Sie ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.“
Sein Paradies ist das Theater Skelet, das er 1997 gründete. Sein privates Paradies sind ein Haus mit großem Garten bei Prag, wo er mit seiner dritten Frau, der Sängerin Monika Trávničková lebt. Sie erwarten im Dezember ihr Baby.

Eine wunderschöne Adaption des Grimm’schen Märchens von „Dornröschen“ schuf übrigens Václav Vorliček 1977 mit seinem Film „Wie man Prinzessinnen weckt“, mit der damals 17-jährigen Marie Horáková, dem 22-jährigen Jan Hrušínský und dem 24-jährigen Jan Kraus in den Hauptrollen. Der Regisseur erzählte mir, dass er auf der Suche nach der Prinzessin durch ganz Tschechien gereist war und sie dann unter Tausenden Mädchen in Prag fand. „Marie war ideal. Fotogen, geistreich und nicht auf den Mund gefallen. Sie konnte sich wunderbar in die lebenslustige Rosenprinzessin einfühlen.“

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Jan Hrušínský und Marie Horákova 1977 in „Wie man Prinzessinnen weckt“ 

Die beiden Jungs wollten nicht nur im Film das Herz der Schönen erobern und beschlossen, Marie mit einer Mutprobe zu imponieren. „Wir kletterten nachts aus dem Fenster unserer Hotelzimmer und balancierten über den Sims. Ich rutschte ab und fiel durch das Glasdach des Artriums sechs Meter tief auf eine Theke. Ich hatte Glück im Unglück und und brach mir nur ein Bein“, erinnerte sich Jan Hrušínský, der als Prinz Jároslav längst das Herz der Prinzessin entflammt hatte. Jans Bein musste bis zur Hüfte eingegipst werden, was die Dreharbeiten sehr kompliziert hat. Für den Sturz in den Teich wurde er bis zum Bauch in einen wasserdichten Sack gesteckt. Trotzdem drang Wasser ein, und der Kran schaffte es kaum, ihn aus dem Tümpel zu ziehen. Der Sack war mit 9 Grad kaltem Wasser zu einem riesigen Ballon aufgequollen.

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Marie Horákova und Jan Hrušinský verstehen sich heute noch gut. Manchmal tritt sie in seinem Theater Na Jezerce  auf. Foto: Jürgen Weyrich

Heute ist Jan Hrušínský hauptsächlich Intendant, Regisseur und Schauspieler in seinem eigenen Theater, dem „Divadlo Na Jezerce“.
Maries Herz hat übrigens keiner der beiden Jans damals mit dieser waghalsigen Aktion erobert. „Es waren nette Jungs, aber zum Verlieben reichte es nicht“, erzählte Marie mit Blick zu Jan Hrušínský. Sie hat Regie und Dramaturgie für Puppentheater studiert und eine Marionettenbühne gegründet. Dass Herz der vierfachen Mutter gehört den Kindern. Oft gibt sie Vorstellungen auf Kinderstationen. „Ich habe ein reiches Leben“, sagt sie. „Schöner könnte auch ein Märchen nicht enden.“

Warum gibt es überhaupt Märchen?

Mit den Märchen halten wir einen großen Schatz in den Händen, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. So ist es seit Jahrhunderten. Doch wer hat die Geschichten von Liebe, Abenteuer, Verwandlungen, von sprechenden Tieren, Drachen, Hexen, Prinzessinnen, Prinzen, Feen… erfunden? Woher kommen die Märchen, die uns als Große noch mit Kinderaugen in eine verwunschene Welt schauen lassen, die uns immer wieder in Bann zieht?img_6489
Sie sind uralt. Schon unsere Vorfahren schufen in ihrer Phantasie mächtige Wesen, gute und böse Geister, mit denen sie Ereignisse ihrer Umwelt zu erklären suchten. In der Zeit des Mittelalters sind es hauptsächlich Armut, Not, Hunger, Krieg, die das Leben der Menschen bestimmen und sich in den Märchen spiegeln. Verwoben darin die Sehnsucht nach Wohlstand, Glück und Gerechtigkeit. Man nannte sie Hungermärchen, erzählte sie sich in Spinnstuben und Wirtshäusern.

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Hänsel (Jürgen Micksch) und Gretel (Maren-Inken Bielenberg) in der Hubert-Schonger-Produktion 1954, Regie: Walter Janssen, Foto: spondo.de

Eins der bekanntesten ist „Hänsel und Gretel“. Am Ende des 17. Jahrhunderts verstand jeder, wenn Eltern in bitterster Not ihre Kinder in der Kälte aussetzten. Die Märchen in ihrer ursprünglichen Fassungen waren – wie die Welt, in der sie entstanden – alles andere als romantisch. Wie nah liegt da doch zu wünschen, es käme eine Fee und verwandele Haselnüsse in schöne Kleider, man träfe einen Königssohn, fände ein Tischleindeckdich oder einen Goldesel.

Dass uns die Welt der Märchen heute dennoch romantisch erscheint, liegt nicht zuletzt an den Brüdern Grimm, die sie zu einer Literatur für Kinder gemacht haben, was nicht vorgesehen war. Große Leute sollten durch die Texte wieder zur kindlichen Poesie finden. Jacob Grimm vermerkte 1812 für die erste Auflage der Kinder und Hausmärchen: „Das Märchenbuch ist mir gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht und das freut mich sehr.“ In späteren Ausgaben tilgten die Brüder alles, was an Hunger und Schrecken des armen Lebens heranreicht und für Kinderträume wenig Platz ließ.

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Die DEFA verfilmte „Rotkäppchen“, 1962  mit Blanche Kommerell in der Titelrolle. Die Eltern spielten Helga Raumer und Horst Kube. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Und so kommt es, dass Märchen, in denen Böses geschieht, am Ende doch gut ausgehen. Rotkäppchen wie auch die sieben Geißlein werden aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit. Schneewittchen, dem seine eifersüchtige Stiefmutter nach dem Leben trachtet, erlangt durch die Liebe eines jungen Königs das Leben zurück. Aschenputtel bekommt trotz aller Intrigen von Stiefschwestern und Stiefmutter den Prinzen.Und Dornröschen wird durch einen Kuss aus 100-jährigem Schlaf erweckt.

Die schönsten 20 Filme präsentiert Icestorm als Adventsangebot mit Spielen und einem Prinzessinnen-Kleid in einer prachtvollen „Märchenschatztruhe“ .

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