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Eine unvergängliche Liebe – „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“

Nach langem habe ich wieder einmal einen Lieblingsfilm meiner Kindheit gesehen. Im Fernsehen lief das tschechische Märchen „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Ein Facebook-Post hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Und ich saß – wohl nicht allein – wie einst versunken vor dem Bildschirm. 217 Herzchen-Likes stehen unter dem Facebookpost, er wurde 15mal geteilt. „Darf ich nicht verpassen.“ „Ja, muss sein“, heißt es in den vielen Kommentaren. Seit seiner Uraufführung am 18. Dezember 1959 wird der tschechoslowakische Märchenfilm alle Jahre wieder in der Weihnachtszeit gespielt. Obwohl ihm Regisseur Martin Frič keine große Bedeutung beimaß, gehört der Film heute zum tschechischen Kulturerbe. In der DDR kam er am 21. Oktober 1960 in die Kinos, lief am 21. Dezember 1961 erstmals im Fernsehen. Die Kinder von damals sind heute Großeltern und haben ihre Liebe für den Film weitergegeben.

Vor zehn Jahren lernte ich „Prinzessin Lada“ und „Prinz Radovan“ in Prag kennen. Wie habe ich als Kind für sie geschwärmt, Szenen nachgespielt, aber im Traum nicht daran gedacht, dass ich ihnen einmal begegnen werde. Und dann, 50 Jahre später, wurde es sogar mehr. Wir schlenderten durch das winterliche Prag und in mir wirbelten die Glückshormone nur so. Marie Kyselková und Josef Zíma, damals 74 und 77 Jahre alt, erzählten von den Dreharbeiten, einem Kuss-Verbot, was sie fühlten… Aber nun alles der Reihe nach.

Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich sitze zwischen Prinzessin Lada (marie Kyselková) und Prinz Radovan (Josef Zíma) im Salon des Savoy-Hotels © Boris Trenkel

Der 3. März 2010 war ein kalter Tag. Wir hatten uns im altehrwürdigen Hotel Savoy auf der Prager Kleinseite verabredet. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie nervös ich war. Werde ich sie überhaupt erkennen? „Wirst du schon“, beruhigte mich Gabriela Oeburg, die uns als Dolmetscherin half, einander zu verstehen. Und es fügte sich. Schauspieler Josef Zíma trat zuerst in die Lobby. Er wirkte auf mich ebenso freundlich, sympathisch und zugewandt wie Prinz Radovan. „Ist meine Prinzessin schon da?“ fragte er erwartungsfroh. In dem Moment kam sie. Eine kleine Frau mit einem silbergrauem Kurzhaarschnitt und strahlenden Augen. Sie erzählten und lachten, konnten einander nicht sattsehen. Zwei schöne alte Menschen, die eine bewundernswerte Lebenslust ausstrahlten.

Die Schauspielerin nippte an einem Glas Weißwein, vor Josef Zíma stand eine Cola. Im Dezember 20019, zum 50-jährigen Jubiläum der „Prinzessin mit dem goldenen Stern“, hatten sie sich das erste Mal wieder getroffen. Beiden schlug das Herz bis zum Hals, wie sie mir verrieten. „Ich war so neugierig, wie meine Prinzessin aussieht, sie war so schön“, sagte der Schauspieler und fügte mit liebevollen Blick auf Marie Kyselková hinzu: „Sie ist es noch. Ich treffe sie so gern. Sie mich auch, hoffe ich.“ Marie Kyselková bejahte. „Es war sehr, sehr schön, wie heute auch. Die Erinnerungen sind so reich, die man nach so vielen Jahren austauscht. Und niemand hat uns das Küssen verboten!“ lachte sie. „Wir treffen uns jetzt öfter.“ Wieso war Küssen verboten, wollte ich wissen. Mit verschmitztem Blick klärte mich die Schauspielerin auf: „Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Pepiček bekommen. Der Regisseur sagte: ,Nicht vor der Kamera. Hinter der Tür kannst du ihn küssen, soviel du willst.’ Am Ende gestattete er uns einen Hochzeitskuss.“

Für Regisseur Martin Frič war damals, 1959, ganz anderes wichtig. Er wollte so dezent wie möglich den ideologischen Auftrag erfüllen: Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Es war die Zeit, in der Ideologie die Kultur beherrscht hat, selbst Märchenfilme. „Im Film lehnt sich das Volk gegen Kazisvět auf. Die ideologische Absicht war nicht vordergründig, aber man merkt die Momente“, sagte Marie Kyselková, die den Film inzwischen mit der Erfahrung gesellschaftlicher Umbrüche in ihrem Land sieht. „Frič hätte sonst die wunderschöne poetische Liebesgeschichte, die der Hauptinhalt ist, nicht verwirklichen können.“

Martin Fričs Geschichte von der Prinzessin Lada, erinnert mich an das Grimmsche Märchen „Allerleirauh“ . Darin flieht die Prinzessin allerdings vor dem Begehren ihres Vaters, sie zur Frau zu wollen. Er hatte seiner Gemahlin am Sterbebett versprechen müssen, erst wieder zu heiraten, wenn er eine Frau fände, die so schön wie sie sei. Nach langem vergeblichen Suchen stellt der König fest, dass nur seine Tochter die Schönheit ihrer Mutter besitzt…

Das Märchen von der „Prinzessin mit dem goldenen Stern“

König Hostivít (František Smolík) bittet seine Tochter, Prinzessin Lada (Marie Kyselková) König Kazisvět (Martin Růžek) zu heiraten © DEFA-Stiftung

Die anmutige und gütige Prinzessin Lada wurde um des lieben Friedens willen von ihrem gebrechlichen Vater dem kriegerischen Nachbarn, König Kazisvět VI. , als Braut versprochen. Doch sie will diesen Unhold nicht heiraten und stellt ihm die unlösbare Aufgabe, drei Kleider nähen zu lassen, das erste aus den morgendlichen Sonnenstrahlen, das zweite aus dem Himmel eines Sommertages und der Stoff des dritten sollte aus der Sanftheit einer Sommernacht gewebt sein. So schön und prächtig die Gewänder auch sind, sie erfüllen nicht Ladas Bedingungen. Sie weist sie zurück. Nun droht Kazisvět ihrem Vater, das Königreich mit Krieg zu überziehen, wenn die Prinzessin nicht in die Hochzeit einwilligt.

Die Amme (Jarmila Kurandová) hilft ihrem Liebling zur Flucht aus dem Schloss. Sie versteckt Ladas Schönheit unter einem Mantel aus Mäusefellen, sodass niemand sie erkennt. © DEFA-Stiftung

Die Amme weiß Rat. Sie gibt Lada ein Cape , das aus Mäusefellen genäht wurde. Die Kapuze verdeckt den goldenen Stern und auch sonst ist nichts mehr von der Schönheit der Prinzessin zu sehen. So unscheinbar gemacht, flieht Lada aus dem Schloss. Sie findet Unterschlupf am Hof des Prinzen Radovan und verdingt sich als Küchenmagd. Doch wie es in einem Märchen kommen muss, verliebt sie sich in den Prinzen. Als ein Ball veranstaltet wird, auf dem er seine zukünftige Gemahlin finden will, schlüpft sie in ein schönes Kleid und geht zum Fest.

Prinz Radovan (Josef Zíma) läuft der unbekannten Schönen in den Garten nach und gesteht ihr seine Liebe © DEFA-Stiftung

Natürlich verliebt sich Radovan in die unbekannte Schöne. In einem berührenden Lied gesteht er ihr seine Liebe und sie tauschen die Ringe, bevor sie sich trennen. Es blieb nicht aus, dass König Kazisvět zu Ohren kam, wo sich Prinzessin Lada aufhält. Er macht sich mit seinem Heer in das Reich des Prinzen auf und verlangt von Radovan, ihm Lada herauszugeben. Doch der weigert sich, da er inzwischen wusste, wer das „Mäusepelzchen“ in seiner Küche ist.

König Kazisvět (František Smolík) fordert von Prinz Radovan die Herausgabe der Prinzessin © DEFA-Stiftung

Schließlich tritt Lada in ihrem Umhang vor den König und sagt, dass sie die Prinzessin sei. Kazisvět empört sich, dass man ihm dieses hässliche „Ding“ als Prinzessin Lada geben will und erklärt, dieses Mäusepelzchen nicht haben zu wollen. Da schlägt Lada die Kapuze ihres Mantels zurück und der funkelnde Stern wird sichtbar. Wütend, so hinters Licht geführt worden zu sein, beginnt Kazisvět einen Kampf mit Prinz Radovan. Keine Frage, dass er von Radovan besiegt und davon gejagt wird.

Alles nimmt ein glückliches Ende. Lada ist dem Koch nicht böse, veleiht ihm sogar einen Orden. © DEFA-Stiftung

Der Hochzeit der Liebenden steht nun nichts mehr im Wege. Bevor es jedoch soweit ist, fällt der Koch vor der Prinzessin auf die Knie und entschuldigt sich, dass er manchmal etwas hart zu ihr war. Lada verzeiht ihm und verleiht ihm die „Mäusepelzchen-Orden“.

Was geschah nun bei den Dreharbeiten?

Blick vom Hradschin auf die Karlsbrücke. Zärtlich hält Josef Zíma seine Filmprinzessin Marie Kyselková im Arm © Boris Trenkel

Wir beschlossen, zur Prager Burg hinaufzusteigen. Sie liegt nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt. Auf dem Hradschin, hoch über der Stadt, wehte ein kalter Wind. „Ich war extra beim Friseur, nun zerzaust der Wind meine Haare“, sagte Marie und strich die sich aufbäumenden Strähnen aus dem Gesicht. Josef nahm die zierliche Frau in den Arm, drückte und küsste sie. „Wir sind Schauspieler, wir packen das.“ Sie ließ es geschehen. Beide genossenen ihr Beieinandersein. Eine platonische Liebe, die ihre eigenen Beziehungen nie gestört hat. Josef Zíma war schon während der Dreharbeiten mit der Schauspielerin Eva Klepácová verheiratet. „Ein sehr schönes Mädchen. Während der Dreharbeiten erwartete Pepiček sein erstes Kind“, erinnerte sich Marie Kyselková. Sie selbst war damals frisch verheiratet mit dem Schauspieler Petr Hanicineč. „Er war mein Kommilitone. Trotzdem bin ich Marie bis zu Dreharbeiten nie begegnet.“ Was hätte es geändert? Nichts, wie ich erfahren sollte. Es kam zwischen beiden zu keiner Romanze.

Die beiden Schauspieler verbergen ihre Zuneigung zueinander nicht. © Boris Trenkel

„Nein, wirklich nicht. Wir hatten ja auch nicht einmal Zeit, uns richtig kennenzulernen“, erklärte Josef Zíma. Nach Abschluss des Films gingen beide eigenen Wege weiter. Sie haben nie wieder zusammen gearbeitet. Dennoch blieben die gemeinsamen Dreharbeiten nicht ohne Wirkung. Es entwickelte sich ein starkes Gefühl, das über fünf Jahrzehnte anhielt. Für Marie verbindet es sich tief im Herzen mit der romantischen Liebesszene im Schlossgarten. „Sie gab mir eine goldenen Ring, jetzt liegt er in meiner Hand…“

Ich glaube, jedes Mädchenherz schlägt bei dieser Szene für den Prinzen. Marie Kyselková ergeht es nicht anders. „Wir tauschten die Ringe, schworen einander Treue. Das war so romantisch. Wenn ich den Film sehe, ist immer dieser Moment für mich wichtig. Er weckt dieses wunderbare Wohlbefinden. Es war eine so starke Liebe vor der Kamera. Manchmal habe ich Josef vermisst“ , bekannte die 74-Jährige, nachdem so viele Jahre vergangen waren.

Kaum jemand kennt das Geheimnis, das dahinter steckt. Am Abend zuvor hatte Josef Zíma erfahren, dass er Vater einer Tochter geworden ist. „Ich habe eine Party gegeben, viel getrunken und nicht geschlafen. Die Maskenbildner hatten ordentlich zu tun, mich kameratauglich herzurichten“, verriet leicht verschämt.

König Kazisvět (Martin Růžek) kommt nicht in friedlicher Absicht zu Prinz Radovan © DEFA-Stiftung

Die Dreharbeiten hatten es ohnehin in sich. Beim mit König Kazisvět fügte er sich eine schmerzhafte Schnittwunde zu. „Es begann sehr lustig. Mein Kollege Martin Růžek hatte bis dahin nie ein Schwert in der Hand. Also haben wir geübt, ordentlich Action gemacht. Ich sprang hoch, er sollte mit dem Schwert unter meine Füße schlagen. Und man glaubt es nich, er säbelte mir die Sohle vom Schuh wie eine Scheibe Brot! Was für ein Ding!“ Was dann kam, war – wie er sagte – seine eigene Dummheit. „Unser Kampf endet damit, dass Radovan das Schwert seines Gegners Kazisvět über dem Knie zerbricht. Dafür wurde es auf einer Seite angesägt. Ich schlug es mir also mit voller Wucht auf mein Bein und verspürte einen wahnsinnigen Schmerz. Ich hatte das Schwert falsch herum gehalten. Die eingekerbte Seite zeigte nach unten, sie hätte aber nach oben zeigen müssen, damit die Klinge bricht. In Windeseile bildete sich ein Bluterguss, der bald in allen Farben schimmerte.“ Von da an stand immer ein Sanitätswagen am Set.

Die morgendliche Begrüßung der Schauspieler wäre František Smolík fast ins Auge gegangen, als Marie Kyselková sich zu ihm beugt. ©DEFA-Stiftung

Abenteuerliche und gefährliche Momente erlebte auch František Smolík als König Hostevít. Marie Kyselková erzählte, wie sie ihm mit den Spitzen ihrer Krone fast ins Auge gestochen hätte. „Wir kamen aus der Maske und ich wollte ihn begrüßen. Wie man es so macht, beugte ich mich ihm entgegen und hatte nicht im Sinn, dass ich schon die Krone auf dem Kopf hatte. So traf ich mit den Zacken sein Gesicht. Das hätte im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen können.“

Schmerzhafte Erfahrungen musste auch Marie Kyselková selbst machen. Jeden Tag wurde der Schauspielerin der goldene Stern auf die Stirn geklebt und nach dem Dreh wieder abgelöst. „Meine Haut wurde mit der Zeit wund und brannte höllisch. Diese allabendliche Tortur machte mich aggressiv.“ Am Ende behielt sie eine kleine Narbe von dem ätzenden Klebstoff zurück. Nichtsdestotrotz liebt sie den Film und die Erinnerungen an die Dreharbeiten. „Ich gebe zu, dass ich mir wie fast jedes Mädchen gewünscht hatte, einmal eine Prinzessin zu sein. Und sie ging mit der Rolle in Erfüllung. Ich fühlte mich wunderbar darin.“

Der Koch (Stanislav Neumann) versucht der schönen Unbekannten seine Süßigkeiten schmackhaft zu machen © DEFA-Stiftung

Ihre Rolle in dem Märchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“verdankte Marie Kysleková dem Umstand, dass die ursprünglich vorgesehene Schauspielerin Miriam Hynková kurz vor Beginn der Dreharbeiten erkrankte. Man wartete ein paar Tage ab, aber die Schauspielerin fühlte sich nicht in der Lage zu spielen und zu tanzen. Für Marie hatte Regisseur Frič eigentlich nur eine kleine Rolle als Prinzessin auf dem Ball vorgesehen. Nach der Absage von Miriam Hynková suchte er in einem Stapel Filmfotos einen Ersatz. Seine Ehfrau entdeckte das zarte Wesen mit den goldblonden Haaren. „So rutschte ich in die Hauptrolle“, erinnert sie sich. Das war ein echter Glückstreffer für den Film. Denn ihrer Anmut und ihrer edelmütigen Auro machte den Streifen sehr zum Erstaunen des Barrandov-Studios zu einem Kinohit, dessen Beliebtheit noch immer anhält.

Prinzessin Lada, der Oberküchenjunge (josef Vinklář) und der Koch (Stanislav Neumann) Quelle: didis screens

Plötzlich war sie nicht mehr die unbekannte Schauspielerin, die nur kleine Rolle und wenig Geld bekam. Das meiste davon schickte sie ihrer Mutter. So war sie erzogen. Die Jungen sorgten für die Alten. Das war ganz selbstverständlich zu jener Zeit. Auch wenn es manchmal schwerfiel. Marie Kyselková fällt eine kleine Episode ein. „Bei den Dreharbeiten hatte ich immer Hunger, und eine Versorung am Set so wie heute gab es nicht.“ Also mopste sie heimlich Brot aus der Film-Schlossküche und aß es auf. Das fehlte dann für die Aufnahmen mit dem Küchenjungen. „Der Requisiteur verzichtete auf seine Frühstücksbuchteln, die er von zu Hause mitgebracht hatte. So war die Szene gerettet“, weiß die Schauspielerin noch.

Marie Kyselková als „Prinzessin mit dem goldenen Stern“ Cover der DVD von ICESTORM

Marie Kyselkovás Lebensweg sah ursprünglich keine Karriere als Schauspielerin vor. Sie studierte an der medizinischen Fakultät in Brno. „Aber ich habe gern gesungen und getanzt. Meine Sehsucht war es, Ballett-Tänzerin zu werden.“ Doch ein kleiner Minderwertigkeitskomplex – wie sie erzählte – ließ sie Abstand davon nehmen, eine Ballettschule zu besuchen. Sie fand, sie hätte zu dicke Beine für einen grazilen Bühnentanz. Ihrer Leidenschaft fürs Tanzen ging sie in ihrer Freizeit unter anderem im Jugendtanzensembles „Radost“ nach. 1954 trat sie beim traditionellen Saison-Ball in Brno bei der Chopin-Polonaise auf. Die Managerin eine Modell-Agentur sah sie dort und holte sie als Mannequin nach Prag. Dort entdeckte sie FilmregisseurJiři Sequens, der gerade so ein Mädchen für seinen Film „Der windige Berg“ (1955) suchte. Dieses Engagement gab den Ausschlag für ihre Entscheidung, Schauspielerin zu werden. „Ich wurde am berühmten Stanislav-Kostka-Neumann-Theater als Darstellerin aufgneommen und spielte dort vier Saisons.“ In dieser Zeit besetzte man sie in den erfolgreichen Filmen „Die Bombe“(1957) und „Sehnsucht“ (1958). Dann kam der Glücksumstand, dass Regisseur Martin Frič ihr die Rolle der schönen Lada übertrug.

Marie Kyselková war 21, als sie sich in den bekannten Schauspieler Petr Hanicineč verliebte (Privatfoto von Marie Kyselková)

Die hübsche Marie Kyselková war auf der Bühne ein blonder Engel. Es dauert nicht lange, dass der attraktive und berühmte Schauspieler Petr Hanicineč ihr den Hof machte und sie sich umgehend in ihn verliebte. „Er war ein großartiger Schauspieler, ein Charmeur, von vielen Frauen umschwärmt.“ Er ließ sich von seiner Frau Štěpánka scheiden und heiratete Marie. Während der Dreharbeiten für den Märchenfilm wurde sie schwanger. „Den wachsenden Bauch versteckten die Kostümbildnerin in engem Kleid.“ Sohn Ondřej kam Anfang 1960 zur Welt. Was sich für sie zuerst so schön angefühlt hatte, wandelte sich bald. „Petr war meine erste Liebe, ich habe gehofft, es würde ein Leben halten. Aber er sah viel zu gut, um treu zu sein“, erzählte sie mir. Nach 15 Jahre reichte sie die Scheidung ein. Der junge Zahnarzt Vladimír Demek hatte sich in die noch immer wunderschöne zwölf Jahre ältere Schauspielerin verliebt.

Mit ihrem Mann Vladimír Demek änderte sich vieles in ihrem Leben. Marie Kyselková war reifer geworden. „Ich habe aus meiner ersten Ehe gelernt, Komplikationen, die es manchmal gibt, an mir vorbeigehen zu lassen. Solchen Sachen wie Untreue passieren, und daran muss man vorbeischauen. Sonst geht eine Bezeihung kaputt.“ , sagte sie. Mit 38 bekam sie ihre Tochter Zofie, mit 42 Alzběta. „Als meine Töchter klein waren, habe ich für sie Prinzessinnenkleider aus Gardinen genäht und Krönchen gebastelt. Das ist eben die ewige Sehnsucht eines Mädchen“, erinnerte sie sich schmunzelnd. Wie die Mutter so die Töchter.

Marie Kyselková ist mit 54 Jahre in Rente gegangen © Boris Trenkel

Nach ihrem Erfolgsfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ drehte die Schauspielerin nur noch einen Film. In der dreiteiligen Fernseh-Komödie „Drei Männer in einer Hütte“ (1961). Den anspruchsvollen Beruf und das Familienleben zu bewältigen, kostete sie viel Kraft. Deshalb stand sie nur noch selten auf der Bühne. Nachdem ihre beiden Töchter geboren waren, zog sie sich aus dem Beruf zurück. „Ich habe all die Kolleginnen bewundert, die Karriere machten und sich dabei um ihre Familie kümmern konnten. Ich habe den Beruf Mutter gewählt und das ist mir nicht schwergefallen“, resümiert sie im Rückblick. Es war auch eine Zurücktreten vor der Karriere ihres Mannes Petr Hanicineč, einen der gefragtesten tschechischen Schauspieler.

Es war ihr wichtiger, ihren Kindern Geborgenheit zu geben, für sie da zu sein als auf Rollenangebote zu warten. „Meine Kinder haben sehr geschätzt, dass ich zu Hause war, wenn sie aus der Schule kamen.“ Etwas Geld verdiente sie sich in Heimarbeit. Sie fertigte hübsche, kleine Kunstwerke aus Stoff und Filz für kleine Unternehmen. Mit 54 ging Marie Kyseklová in Rente. „Das ist bei uns möglich“, erklärte sie mir. Ihr Sohn war inzwischen 29 Jahre, war aus dem Haus. Es gab keinen Kontakt mehr zwischen ihnen. Als auch die Töchter erwachsen geworden waren, ihre eigenen Wege gingen, fühlte sich die Schauspielerin einsam. Ihr zweiter Mann war gestorben. Sie nahm eine Halbtagsstelle an der Rezeption eines Studentenwohnheims an und arbeitete in der Uni-Bibliothek. Die Kommunikation mit den jungen Leuten tat ihr gut. „Ich wurde wieder gebraucht, das hat mich gücklich gemacht.“ Mit ihrer Gutmütigkeit, die sie wie Prinzessin Lada auszeichnete, fand sie schnell Verbindung zu den Studenten. Wo sie konnte, half sie, nahm ihre Sorgen ernst. Marie Kyselková hat von zu Hause sehr viel Mitgefühl für sozial Schwächere mitbekommen.

Marie Kysekolvá wurde im Familiengrab in Brno beigesetzt Quelle: Wikipedia

Sie erzählte damals, 2010, nicht, warum sie keinen Verbindung mehr zu ihrem Sohn hat. Ich habe es beim Nachrecherchieren in tschechischen Magazinen gelesen. Es war Selbstschutz. Drogen- und Alkoholprobleme hatten ihn ins kriminelle Milieu abgleiten lassen. Sehr eng hingegen blieb das Verhältnis zu ihren Töchtern. In den vergangenen drei Jahren ging es Marie Kyselková gesundheitlich sehr schlecht, sie konnte kaum noch laufen. Ihre Tochter Alzběta und der Schauspieler Ivo Niederle, der im selben Haus wohnte, kümmerten sich um sie. Er fand sie am 21. Januar 2019 morgens tot auf. Als „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ wird Marie Kyselkova für uns weiterleben.

Die Schauspielerin Eva Klepáčová war mit Josef Zíma über 50 Jahre verheiratet. Sie starb am 18. Juni 2012 © Sorobo/CC BY-SA 3.0

ÜberJosef Zíma habe ich gelesen, dass er sich guter Gesundheit erfreut. Er feierte am 11. Mai seinen 88. Geburtstag. Den achten ohne seine geliebte Frau Eva Klepáčová. Die Schauspielerin war für ihn seine wahre Prinzessin. Sie starb 2012, mit 79 Jahren. Wie er mir erzählte, litt sie seit jungen Jahren an Asthma und musste schließlich ihren Beruf aufgeben.

Die Rolle des Prinzen war für Josef Zíma, der zuvor schon in anderen Filmen mitgespielt hatte und auf der Theaterbühne stand, die erste große Filmrolle. „Ich war praktisch ein Anfänger und fühlte mich sehr geehrt, dass ich neben meinen großen Vorbildern und Legenden des tschechischen Films wie František Smolík, Martin Růžek und Stanislav Neumann mitspielen durfte“, erzählte er. Josef Zíma hat an der Theater-Fakultät der Akademie der musischen Künste in Prag Schauspiel studiert und gleichzeitig Gesangsunterricht genommen. Sein erstes Engagement erhielt er 1953 in Benešov bei Prag.

Josef Zíma diente 1955 bis 1957 im Kunstensemble der tschechischen Armee Quelle: Facebook-Josef-Zíma Fan-Club

„Dann kamen zwei Jahre Militärdienst, die ich als Sänger im Armee-Ensemble absolvierte. Anschließend engagierte mich das Prager Satire-Theater ABC “, nennt er im Schnelldurchlauf seine wichtigsten Karrierestationen. Wie Regisseur Martin Frič auf ihn für die Rolle des Prinzen Radovan kam, weiß er nicht mehr. Er erinnere sich nicht, zu einem Vorsprechen gewesen zu sein. Nach Abschluss des Films ging er zurück ans ABC-Theater, trat aber viel im Fernsehen als Sänger, Conférencier und Entertainer auf. „1959 habe ich einen Verkehrsunfall verursacht, dem ein Mensch gestorben ist“ erzählte er. Er war mit den Sängerinnen Juditha Čeřovská und Alena Pánková sowie dem Regisseur Jiří Jungwirth auf dem Weg zu Dreharbeiten. Jiří Jungwirth ist im Krankenhaus verstorben. Schuld daran zu sein, bedrückt Josef Zíma noch immer. Sein Metier war die Rock- und Popmusik. In den späten 60er Jahren gab es für ihn in der Musikszen keinen Platz mehr.

Josef Zíma ist der ungekrönte König der Blaskapelle . Hier bei einem Auftritt am 2. Juni 2020 in Ostrava. Quelle: Facebook-Fan-club

Der tschechische Supraphon-Verlag machte ihm ein Angebot, und Josef Zíma begann sich als Blaskapellen-Sänger zu profilieren. Er trat auf Festivals auf, gewann drei Gold- und eine Platinplatte. Viele Jahre moderierte er im Tschechischen Runfunk eine Show über Blaskapellen. Die Theaterbühne verließ er Anfang der 90er Jahre. „Nach der Wende, die es auch bei uns in Tschechien gab, wurden die Theater reformiert. Mir gefiel die neue Art nicht.“ Ganz ohne die Bühne kann Josef Zíma aber nicht sein. „Das Spielen und Singen würde mir fehlen“, sagt er und tritt noch immer hin und wieder mit seiner Blaskapelle auf.

Vom singenden, klingenden Bäumchen und anderen Märchen

Märchen begleiten mich, seit ich denken kann. Eine Geschichte, die mir immer zuerst einfällt, wenn ich mich zurückbesinne, ist die vom „kleinen Häwelmann“. Wie er in seinem Bett des nachts durchs Zimmer rollt, die Wand hinauf, an der Decke entlang bis der Mond einen Strahl durchs Schlüsselloch schickt. Auf dem fährt Häwelmann hinaus und in der Weltgeschichte umher…

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Diese kleine Erzählung, die sich Theodor Storm 1849 als Gute-Nacht-Geschichte für seinen Sohn ausdachte, hat mich als Kind sehr beschäftigt und vielleicht deshalb nicht losgelassen. Ich war Fünf, als ich sie von meiner Oma hörte. Als ich die Geschichte jetzt mal gegoogelt habe, stellte ich fest, dass sie ein Klassiker ist und vielfach verlegt wurde. Bei YuoTube fand ich eine Hörspielplatte von Litera, mit Arno Wyzniewski als Erzähler. Wunderschön.

Natürlich erzählte mir meine Oma auch Märchen wie „Der Wolf und sieben Geißlein“, „Rotkäppchen“ und „Tischlein deck dich“. Als ich dann lesen konnte, wurden „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ zu meiner ersten Lektüre. Die vier Bände des Kinderbuchverlages Berlin, die ich 1957 geschenkt bekam, sehen ziemlich zerlesen aus, stehen jedoch immer noch griffbereit im Bücherregal. Inzwischen sind viele der Märchen verfilmt worden, und ich gebe zu: Für einen schönen Märchenfilm lasse ich jeden Krimi sausen. Verrückt.

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Christel Bodenstein war die erste DEFA-Prinzessin. ©DEFA-Stiftung/Kurt Schütt

Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal Prinzessinnen und Prinzen treffen werde, die in den Märchenfilmen mein Kinderherz erobert hatten. Dieses Glück hat mir meine Arbeit als Journalistin beschert. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört das DEFA-Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“. Der Film von Regisseur Francesco Stefani aus dem Jahr 1957 gilt als eine der reizvollsten und erfolgreichsten Märchenproduktionen der DEFA. Was wohl kaum jemand vermutet: Die Handlung beruht auf einem Märchenfragment der Brüder Grimm. 1964 strahlte der britische Fernsehsender BBC den DDR-Film als Miniserie in drei Teilen auf Englisch aus. Sie wurde bis 1980 mehrfach wiederholt.

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Die DEFA-Kulissenbauer zauberten einen echten See und einen Wasserfall  ins Studio. © DEFA-Stiftung/Kurt Schütt

Fasziniert bin ich bis heute von der farbenprächtigen Kulisse und den beiden Hauptdarstellern, Christel Bodenstein als wunderschöne, aber hochmütige Prinzessin und Eckart Dux als Prinz, der in einen Bären verwandelt wird. Nach Abschluss der Dreharbeiten haben sie sich nicht wiedergesehen, bis ich beide zum Interview über ihren Film einlud. Eckart Dux lebte damals in Westberlin, Christel Bodenstein im Ostteil der Stadt, in der DDR. Nach dem Mauerbau 1961 arbeitete Eckart Dux ausschließlich in Westdeutschland. Christel Bodenstein drehte und lebte in der DDR.

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Die Schauspielerin hat zu ihrem Märchen ein Spiel entwickelt. ©MatthiasB Photography

„Es war damals schwer, sich zu trennen, als es vorbei war. Die Chemie zwischen uns hat gestimmt“, gestand die heute 78-jährige Schauspielerin. „Auf die Idee aber, etwas miteinander anzufangen, kamen wir nicht. Ecki war ein schnuckeliges Kerlchen. Aber mit 18 empfindet man 30-Jährige wie Väter, außerdem  war er verheiratet“, verriet die  „Prinzessin“ und lachte. Über das Treffen nach fünf Jahrzehnten waren beide sehr glücklich. Der schöne Prinz feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag. Mit seiner Frau, einer Schnittmeisterin, und seinem Sohn lebt er in der Nähe von Wolfsburg. Manchmal arbeitet er noch als Synchron- und Hörspielsprecher.

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Glückliches Ende. Das Bäumchen singt und klingt im Zauberreich. © DEFA-Stiftung/Kurt Schütt  

Das Märchen-Traumpaar hatte bei den Dreharbeiten so einiges erlebt. „Mühevoll hatte man im Reich des Zwerges die Tauben verteilt. Dann wurde die Klappe geschlagen und alle stoben davon. Wir hatten eine sehr lange Pause…“, erinnerte sich Christel Bodenstein. Der Schecke des Prinzen war ein Zirkuspferd und rollte sich jedes Mal auf den Rücken, wenn er in die Knie ging. „Ich konnte reiten, wusste das aber nicht. Wir konnten es ihm auch nicht abgewöhnen. Also musste ich  abspringen, bevor er sein Kunststück machte.“

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Das Pferd aus dem Kunstschnee freizuschaufeln war für die Schauspielerin in Kraftakt. © DEFA-Stiftung/ Kurt Schütz

Dass „Das singende, klingende Bäumchen“ mal zum Kultfilm avancieren würde, hätte zur Produktionszeit vor 60 Jahren keiner geglaubt.  „Dass er im Zeitalter von Action- und computeranimierten Filmen noch so beliebt ist, bedeutet doch, dass sich auch die Kinder von heute gern in eine Märchenwelt hineinträumen“, meinen die beiden Hauptdarsteller. Die DEFA-Szenenbildner haben auch alles dafür getan, die Kulisse märchenhaft zu gestalten. Tief berührt hat mich der (Papp)-Fisch mit großen traurigen  Kulleraugen. Jedesmal, wenn ich den Film sehe, kommen mir die Tränen, wenn er im Eis feststeckt und das Pferd im Schnee versinkt.

Zum ersten Mal seit 1957 ist „Das singende, klingende Bäumchen“ in diesem Jahr fürs Fernsehen neu verfilmt worden. Eine Adaption der alten Geschichte mit mehr Action, umgesetzt mit den heutigen technischen Mitteln. Regie führte Wolfgang Eißler. Die Prinzessin verkörpert Jytte-Merle Böhrnsen, den Prinzen spielt Lucas Prisor und Heinz Hoenig den alten König. (Zu sehen am 25. 12. um 14.45 Uhr auf ARD)

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Christel Bodenstein und Steffi Kühnert (Amme) in der ARD-Produktion ©MatthiasB

Auch Christel Bodenstein hat darin eine kleine Rolle bekommen. „Ich bin eine Kräuterfrau, die es in unserem Film nicht gab.“ Gedreht wurde im Harz, im Potsdamer Schloss Belvedere sowie im Kloster Chorin. Für den Kinokenner bietet der Film noch ein kleines Extra, den sich die Filmemacher als Reminiszenz an die DEFA-Verfilmung haben einfallen lassen: Das im Schloss an der Wand hängende Porträtbild der verstorbenen Mutter der Prinzessin ist das Plakatmotiv der DEFA-Verfilmung. Ob der neue Film denselben Kultstatus erreicht wie das Original…? Die Kinopremiere auf dem 4. Thüringer Märchenfilm-Fest in Weimar war jedenfalls ein Erfolg.

Märchen aus Tschechien

Zu meinen absoluten Highlights gehört der Märchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Die tschechische Schauspielerin Marie Kyselková, die liebreizende Lada, lernte ich in Prag zusammen mit ihrem Märchenprinzen Josef Zíma kennen. Zwei Menschen, die genauso sympathisch sind wie in ihren Rollen. Schmunzelt erzählte mir die heute 80-Jährige. „Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Josef, aber Regisseur Martin Fric ließ sich darauf nicht ein.“ Erst ganz zum Schluss gestattete er den beiden einen Hochzeitskuss. Josef Zíma lacht und wiederholt die Kuss-Szene. Er ist in Tschechien ein beliebter Sänger und Moderator geworden.

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„Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ mit Josef Zíma als Prinz und Marie Kyselková als Prinzessin © DEFA-Stiftung/Progressfilm

Das poesievolle Märchen, dem sein Regisseur keine große Bedeutung zumaß, ist in Tschechien Kulturerbe und dort wie in Deutschland nicht weniger Kult als Václav Vorličeks Adaption von Božena Nĕmcovás Aschenbrödel-Geschichte.
Marie Kyselková liebt ihre Rolle als Lada. Sie schwärmt: „Wenn ich unseren Film sehe, ist immer die Szene, in der wir die Ringe tauschen und uns Treue schwören, für mich der wichtigste Moment. Er weckt dieses wunderbare Gefühl des Wohlbefindens. Es ist eine starke Liebe vor der Kamera, die ans Herz geht.“

Wer ohne Märchen aufwächst, verpasst so vieles. Sie öffnen das Tor zu unserer Seele. Bringen uns dazu, uns emotional auszuleben, zu spüren, was uns berührt, was uns Angst macht. So lernen wir schon in jungen Jahren, uns mit Gut und Böse auseinanderzusetzen.
Und manchmal lernen auch Schauspieler aus ihren Märchenrollen. Wie Pavel Trávniček. Der tschechische Schauspieler spielte seine erste Rolle in der DEFA-Barrandov-Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Er war damals gerade 23 Jahre alt.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel
Pavel Trávniček und Libuše Šafranková 1974 in dem Märchenfilm Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. ©DEFA-Stiftung/Filmstudio Barrandov/Jaromir Komarek

Heute erinnert er sich: „Ich war als junger Mann sorglos. Dachte, ich werde immer Prinzen spielen, immer schön sein. Ich habe den Ruhm genossen. Aber das Leben wird mit der Zeit komplizierter, musste ich lernen, und die Realitäten auf mich nehmen. Dennoch sollte sich jeder Mensch ein Stück Romantik in seinem Leben gönnen. Sie ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.“
Sein Paradies ist das Theater Skelet, das er 1997 gründete. Sein privates Paradies sind ein Haus mit großem Garten bei Prag, wo er mit seiner dritten Frau, der Sängerin Monika Trávničková lebt. Sie erwarten im Dezember ihr Baby.

Eine wunderschöne Adaption des Grimm’schen Märchens von „Dornröschen“ schuf übrigens Václav Vorliček 1977 mit seinem Film „Wie man Prinzessinnen weckt“, mit der damals 17-jährigen Marie Horáková, dem 22-jährigen Jan Hrušínský und dem 24-jährigen Jan Kraus in den Hauptrollen. Der Regisseur erzählte mir, dass er auf der Suche nach der Prinzessin durch ganz Tschechien gereist war und sie dann unter Tausenden Mädchen in Prag fand. „Marie war ideal. Fotogen, geistreich und nicht auf den Mund gefallen. Sie konnte sich wunderbar in die lebenslustige Rosenprinzessin einfühlen.“

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Jan Hrušínský und Marie Horákova 1977 in „Wie man Prinzessinnen weckt“ 

Die beiden Jungs wollten nicht nur im Film das Herz der Schönen erobern und beschlossen, Marie mit einer Mutprobe zu imponieren. „Wir kletterten nachts aus dem Fenster unserer Hotelzimmer und balancierten über den Sims. Ich rutschte ab und fiel durch das Glasdach des Artriums sechs Meter tief auf eine Theke. Ich hatte Glück im Unglück und und brach mir nur ein Bein“, erinnerte sich Jan Hrušínský, der als Prinz Jároslav längst das Herz der Prinzessin entflammt hatte. Jans Bein musste bis zur Hüfte eingegipst werden, was die Dreharbeiten sehr kompliziert hat. Für den Sturz in den Teich wurde er bis zum Bauch in einen wasserdichten Sack gesteckt. Trotzdem drang Wasser ein, und der Kran schaffte es kaum, ihn aus dem Tümpel zu ziehen. Der Sack war mit 9 Grad kaltem Wasser zu einem riesigen Ballon aufgequollen.

WIE MAN PRINZESSINNEN WECKT
Marie Horákova und Jan Hrušinský verstehen sich heute noch gut. Manchmal tritt sie in seinem Theater Na Jezerce  auf. ©Jürgen Weyrich

Heute ist Jan Hrušínský hauptsächlich Intendant, Regisseur und Schauspieler in seinem eigenen Theater, dem „Divadlo Na Jezerce“.
Maries Herz hat übrigens keiner der beiden Jans damals mit dieser waghalsigen Aktion erobert. „Es waren nette Jungs, aber zum Verlieben reichte es nicht“, erzählte Marie mit Blick zu Jan Hrušínský. Sie hat Regie und Dramaturgie für Puppentheater studiert und eine Marionettenbühne gegründet. Dass Herz der vierfachen Mutter gehört den Kindern. Oft gibt sie Vorstellungen auf Kinderstationen. „Ich habe ein reiches Leben“, sagt sie. „Schöner könnte auch ein Märchen nicht enden.“

Warum gibt es überhaupt Märchen?

Mit den Märchen halten wir einen großen Schatz in den Händen, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. So ist es seit Jahrhunderten. Doch wer hat die Geschichten von Liebe, Abenteuer, Verwandlungen, von sprechenden Tieren, Drachen, Hexen, Prinzessinnen, Prinzen, Feen… erfunden? Woher kommen die Märchen, die uns als Große noch mit Kinderaugen in eine verwunschene Welt schauen lassen, die uns immer wieder in Bann zieht?img_6489
Sie sind uralt. Schon unsere Vorfahren schufen in ihrer Phantasie mächtige Wesen, gute und böse Geister, mit denen sie Ereignisse ihrer Umwelt zu erklären suchten. In der Zeit des Mittelalters sind es hauptsächlich Armut, Not, Hunger, Krieg, die das Leben der Menschen bestimmen und sich in den Märchen spiegeln. Verwoben darin die Sehnsucht nach Wohlstand, Glück und Gerechtigkeit. Man nannte sie Hungermärchen, erzählte sie sich in Spinnstuben und Wirtshäusern.

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Hänsel (Jürgen Micksch) und Gretel (Maren-Inken Bielenberg) in der Hubert-Schonger-Produktion 1954, Regie: Walter Janssen, ©spondo.de

Eins der bekanntesten ist „Hänsel und Gretel“. Am Ende des 17. Jahrhunderts verstand jeder, wenn Eltern in bitterster Not ihre Kinder in der Kälte aussetzten. Die Märchen in ihrer ursprünglichen Fassungen waren – wie die Welt, in der sie entstanden – alles andere als romantisch. Wie nah liegt da doch zu wünschen, es käme eine Fee und verwandele Haselnüsse in schöne Kleider, man träfe einen Königssohn, fände ein Tischleindeckdich oder einen Goldesel.

Dass uns die Welt der Märchen heute dennoch romantisch erscheint, liegt nicht zuletzt an den Brüdern Grimm, die sie zu einer Literatur für Kinder gemacht haben, was nicht vorgesehen war. Große Leute sollten durch die Texte wieder zur kindlichen Poesie finden. Jacob Grimm vermerkte 1812 für die erste Auflage der Kinder und Hausmärchen: „Das Märchenbuch ist mir gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht und das freut mich sehr.“ In späteren Ausgaben tilgten die Brüder alles, was an Hunger und Schrecken des armen Lebens heranreicht und für Kinderträume wenig Platz ließ.

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Die DEFA verfilmte „Rotkäppchen“, 1962  mit Blanche Kommerell in der Titelrolle. Die Eltern spielten Helga Raumer und Horst Kube. ©DEFA-Stiftung /Karin Blasig

Und so kommt es, dass Märchen, in denen Böses geschieht, am Ende doch gut ausgehen. Rotkäppchen wie auch die sieben Geißlein werden aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit. Schneewittchen, dem seine eifersüchtige Stiefmutter nach dem Leben trachtet, erlangt durch die Liebe eines jungen Königs das Leben zurück. Aschenputtel bekommt trotz aller Intrigen von Stiefschwestern und Stiefmutter den Prinzen.Und Dornröschen wird durch einen Kuss aus 100-jährigem Schlaf erweckt.

Die schönsten 20 Filme präsentiert Icestorm als Adventsangebot mit Spielen und einem Prinzessinnen-Kleid in einer prachtvollen „Märchenschatztruhe“ .

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