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Wolfgang Winkler: „Ich bin ein Zweckpessimist

Er hat am 2. März seinen 75. Geburtstag gefeiert. Ohne großes Brimborium, nur mit seiner Familie. Jetzt sitzt er wieder über seinen Texten für neue Folgen der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“, legt das Drehbuch aber zur Seite, als ich ihn für ein Interview in Berlin-Karow besuche. Vor vier Jahren hat er mit dem Sohn seiner Frau Marina hier ein Zweifamilienhaus gekauft. „Mehrere Generationen unter einem Dach, so wie es früher üblich war, finde ich ganz gut. Man büßt zwar etwas von seiner Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit ein, dafür hat es den Vorteil, dass wir mit jungen Menschen zusammenleben“ , sagt er und lässt mich über die Terassentür ein. Die Sonne durchflutet den großzügigen, gemütlichen Wohnraum mit einem langen Esstisch vor der offenen Küche, an den wir uns setzen.  Der Schauspieler wirft die Kaffeemaschine an. „Latte Macchiato oder Espresso?“ fragt er. Ich nehme Milchkaffee, er einen doppelten Espresso.  Wann gehen die Dreharbeiten für „Rentnercops“ wieder los, will ich wissen, mit Blick auf das Drehbuch auf dem Tisch. „Im April“, antwortet er. „Ich lerne aber schon weit davor meinen Text.“

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler mit der Autorin Bärbel Beuchler  Foto © Nikola

Du bist jetzt 75 geworden. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn du nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera stehst?
Das würde mir schon schwer fallen. Ich wüsste nicht, ob ich die Charakterstärke hätte, das so ohne weiteres zu akzeptieren. Es sei denn, eines Tages ist die Einsicht da, dass ich mir den Stress nicht mehr antun muss, Rollen auswendig zu lernen und Angst zu haben, Texte nicht mehr abrufen zu können. Aber am Firmament sehe ich diesen Tag noch nicht. Schauspieler sind eben bekloppt – zumindest ich.

2012 wurdest du mit Jaecki Schwarz nach 17 Jahren „Polizeiruf 110“ in Rente geschickt. Bis zum Beginn der „Rentnercops“ 2015 sah man dich kaum auf dem Bildschirm.
Also ein reichliches Jahr war echt Drehruhe. Ich war zwar schon Rentner, aber als Schauspieler willst du immer weiter spielen. Ich hatte kleine Rollen in „SOKO Leipzig“, „Familie Dr. Kleist“ und bei „In aller Freundschaft“. Dann habe ich Theater gespielt, „Warten auf Godot“ 2013 in Koserow und 2014 mit Jaecki Schwarz in Halle. Da hatten wir im April 2015 unsere letzte Vorstellung. Aber man wünscht sich auch im Alter noch mal eine große Rolle. Und wenn man so einen Figur bekommt, wie in „Rentnercops“, die auch noch dem Alter entspricht, ist das ein großer Glücksumstand.

Wolfgang Winkler
     Der Schauspieler wurde am 2. März 1943 in Görlitz geboren ©Nikola

Serie drehen ist anstrengend. Wie packst du das?
Man stößt schon mal an die Grenzen seiner Kraft. Geistig wie körperlich. Denn es ist ein hoher Aufwand zu bewältigen. Aber wenn du mit einem Kollegen wie Tilo Prückner spielst, mit dem du auf der gleichen Wellenlänge schwimmst, ist das die halbe Miete. Wir haben die gleiche politische Haltung, haben fast den gleichen Humor und können uns über vieles gleichermaßen amüsieren. Man bereitet sich mit 75 natürlich intensiver vor als mit 40 oder 50. Weit vorm Drehen lerne ich meinen Text, deshalb das Drehbuch auf dem Tisch. Ab April geht es mit acht neuen Folgen weiter.

Wie ähnlich ist dir die Figur?
Es gibt Parallelen. Der Ex-Polizist Günter Hoffmann lebt genau wie ich privat in einem Haus mit drei Generationen. Aber seine Pendanterie habe ich nicht. Zum Glück!

Wie hälst du dich für den Kraftaufwand fit?
Ich weiß nicht, wie ich Kraft speichere. Ich lebe verhältnismäßig faul, ohne Sport. Sicher wäre es besser, sich mehr zu bewegen. Aber durch meine Beinbrüche 2008 bin ich gezwungen, physiotherapeutischen Übungen zu machen. Das wirkt sich vielleicht ganz günstig aus. Ansonsten ist Sport mehr vorm Fernseher.

Dreharbeiten für die neue Vorabendserie haben in Köln und Umgebung begonnen
Wolfgang Winkler und Tilo Prückner in „Rentnercops“ @ARD/Kai Schulz

Wenn du dein inneres Spiegelbild betrachtest, wie alt ist der Wolfgang, der dich da ansieht?
Die Sicht auf das Alter hat sich ganz schwer geändert. In meiner Jugend waren 75-Jährige hornalt. Jetzt habe ich den Eindruck, mittendrin zu sein, dass noch einiges vor mir liegt. Ich bin zwar Rentner, habe aber noch gar keine Lust mich aufs Altenteil zu setzen. Dazu habe ich noch viel zu viel Spaß am Beruf.

Dein Weg zur Filmhochschule in Babelsberg führte über eine Lehre als Lokführer im Braunkohlenwerk „John Scheer“ bei Hoyerswerda. Was war falsch an dem Beruf, dass du umgeschwenkt bist zur Schauspielerei?
Nichts. In der damaligen Zeit war Lokführer ein Traumberuf. Meiner Großmutter zuliebe habe ich die Lehre gemacht. Sie hatte Angst, dass ich in dem „Milieu“ auf die schiefe Bahn gerate. Aber die Schauspielerei hat ganz andere Reize. Da kann der Lokführer nicht mithalten, wenn man in sich die Lust verspürt, zu spielen, sich zu verstellen. Im Wohnheim habe ich ein Kabarett gegründet. Da war nicht unbedingt die Lust, sich politisch zu äußern, sondern in Rollen auf der Bühnen zu stehen.

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Wolfgang Winkler 2013  ©André Kowalski

Du warst von dir sehr überzeugt und auch die FDJ-Leitung im  Werk. Sie haben an die Filmhochschule Bablesberg geschrieben. Du aber hast ein Vorsprechen abgelehnt, als man dich dazu eingeladen hatte.
Ja, das war ziemlich blöd. Ich dachte: Entweder die nehmen dich ohne oder gar nicht. Diese Einstellung habe ich umgehend aufgegeben, als die Werber für die NVA – damals gab es noch keine Wehrpflicht – mit einer Sondergenehmigung kamen, dass ich als 17-Jähriger auch zum Wehrdienst könne. Ich hatte denen nämlich bei ihren Besuchen in unserem Wohnheim sehr überzeugend vorgespielt, dass ich unbedingt zur Armee wollte, aber mit 17 leider noch zu jung sei.  In Uniform hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als für die Eignungsprüfung zu bimsen.

Deinen Traumberuf hast du 1978 in dem Kinderfilm „Des kleinen Lokführers große Fahrt“ ausüben dürfen.
Ja, da bin ich mit Lust und Laune die Diesellok gefahren. Im selben Jahr spielte ich einen Lokführer in „Spuk unterm Riesenrad“ und 2003 dann noch einmal in dem Fernsehfilm „Tage des Sturms“. Da haben wir in Polen gedreht und bekamen eine Dampflok aus dem Museum. Der Regisseur wollte immer, dass ich schön mit Dampf fahre und die vom Museum hatten Angst, dass die Maschine auseinanderfällt.

Mit welchen Vorstellungen bist du in den Schauspielerberuf gegangen?
Da war am Anfang viel Naivität. Ich wollte spielen, egal was. Aber es stellte sich schon ziemlich früh heraus, dass ich wohl in der Komik behaftet bin. Das sind bis heute die Rollen, die mir am meisten liegen. Die klassischen jugendlichen Helden wie Ferdinand oder Romeo sind an mir auch vorbeigegangen.

Hat dich das gekränkt?
Nee. Ich habe andere schöne Rollen gespielt. Die Diener sind meist interessanter als die schmalzenden Liebhaber. Und eine kleine substanzielle Rolle erlangt oft mehr Aufmerksamkeit als eine Hauptrolle, die man in den Sand gesetzt hat. Ich habe nie darunter gelitten.

Diener waren die Minderheit deiner Rollen, guckt man auf deine Vita.
Es ist tatsächlich ein breites Spektrum, das ich am Theater gespielt habe, von der klassischen Komödie bis hin zu Gegenwartsdramen. Gleich nach der Filmhochschule debütierte ich 1965 in Görlitz als Handwerker Zettel in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. In Zittau habe ich in Kants „Die Aula“ die diffizile Figur des Karl-Heinz Riek gespielt und in Rossows „Unterwegs“ den Wolodja. Um die Weihnachtszeit standen Märchen auf dem Programm.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler feierte seinen 75. Geburtstag ©Nikola

Welche Rolle hat für dich immer noch besonderen Wert?
Das ist der Sergeant Waskow in dem Kriegsdrama „Im Morgengrauen ist es noch still“. Mit sechs jungen, kampfunerfahrenen Rotarmistinnen zieht er in die karelischen Sümpfe, um zwei deutsche Fallschirmspringer gefangen zu nehmen. Sie stoßen auf eine Überzahl deutscher Soldaten. Die Mädchen fallen. Er überlebt als Einziger schwerverletzt. Das war die emotionalste Rolle, die ich je gespielt habe und es ist eins der besten Antikriegsstücke. Wir haben das Stück 1975 nach der Erzählung von Boris Wassiljew am Landestheater Halle inszeniert. Es wurde dann in allen Theatern der DDR nachgespielt.

Deine Karriere in Halle begann 1966. Warum bist du nach 20 Jahren weggegangen?
Ich habe Veränderung gesucht. Und unter Peter Sodann zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Weil ich immer schon neben der Theaterarbeit sehr viele Fernsehrollen gespielt habe, konzentrierte ich mich darauf. Die Bühne blieb mir am Fernsehtheater Moritzburg, das wunderbare Lustspiele und Schwänke bis zum Abwickeln des DFF inszeniert hat.  Zur Wende 1990 war ich allerdings froh, dass mich Peter Sodann wieder genommen hat. Er hätte auch „tschüss“ sagen können.

Es gab für dich also nicht das „schwarze Loch“, in das so viele DDR-Bürger nach der Wende gefallen sind?
Ich hatte irgendwie Schwein. Nachdem ich 1993 bei Peter Sodann ein zweites Mal, nun endgültig, ausgestiegen bin, besetzte mich TV-Produzent Otto Meißnermit einer Hauptrolle in der Serie „Immer wieder Sonntag“. Es sind viele auf der Strecke geblieben sind, die nichts dafür können, weil die gesellschaftlichen Umstände so sind. Dass diese Gesellschaft Solidarität vermissen lässt, belastet mich schon. Und ärgert mich auch.

Erinnerst du dich noch an das Stück „Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf“, das 1973 in Halle fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde?
Ja, eine herrliche ironische Komödie von Bulgakow, in der ich mit Wally Schmitt zusammen gespielt habe. In der Moritzburg war ein Essen aufgebaut, ein Riesenhecht, Truthähne… alles echt, weil das Kaschieren teurer gewesen wäre als die frischen Speisen. Frag nicht, wie das am Ende gerochen hat. Das Fernsehspiel wurde dann wegen vermeintlicher politischer Spitzen nicht gesendet. Ein halbes Jahr spä­­ter kam der sowjetische Film mit einem Riesenerfolg in die Kinos.

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Wolfgang Winkler in „Das Kaninchen bin ich“, DEFA 1965, mit Annemarie Esper (l.) und Angelika Waller (r.) Quelle http://www.spondo.de

Dein Filmdebüt hast du 1965 in Kurt Maetzigs Film „Das Kaninchen bin ich“ gegeben. Mit Alfred Müller und Angelika Waller in den Hauptrollen. Du hast ihren 19-jährigen Bruder gespielt, der wegen „staatsgefährdender Hetze“  zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Der DEFA-Film setzt sich mit dem Problem des Karrierismus auseinander, den es auch in der DDR gab. Der Film wurde verboten. Was ging damals in dir vor?
Die 60er Jahre waren eine hochgradige Zeit. Wir waren dachten, wir bauen schon die bessere Gesellschaft mit auf und haben an solchen Punkten einen Knacks gekriegt. Wir haben darüber diskutiert, wieso eine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit der Justiz von der Politik, um die es in dem Film ging, nicht öffentlich geführt werden durfte.

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„Das Kaninchen bin ich“ ein Verbotsfilm von Kurt Maetzig. DVD bei spondo.de

Hat das deine Haltung zur DDR verändert?
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war von Hause aus so geprägt. Großvater war im KZ, Mutter in der Partei. Da gab es für mich keine Zweifel. Erst als die Überzeugung schwand, kamen opportunistische Gedanken auf. Man ist kritisch gewesen, aber nicht offensiv.

Wann hat das angefangen?
Ende der siebziger Jahre gab es vieles, womit ich nicht mehr einverstanden war. Es wurde immer klarer, dass mit dem ökonomischen und politischen Gefüge etwas nicht stimmen kann. Als wir 1970 mit der „Aula“ ein Gastspiel im Westen hatten, gab es schon Überlegungen, drüben zu bleiben. Aber ich hatte eine Familie, die ich nicht nachholen konnte.

 

Deine Großeltern haben dir die Eltern ersetzt. Was haben sie dir an Gutem mitgegeben?
Zu haben mich zu Ehrlichkeit erzogen und zu einer gewissen Aufrichtigkeit. Das haben sie mir auch vorgelebt und das habe ich verinnerlicht. Ohne in größere Sphären vorzudringen, bin ich ein ganz normaler Mensch geworden.

Dir ist eine angenehme Bodenständigkeit eigen.
Ja, ich bin nicht zu Höherem geboren.

Das klingt so nach Wunsch. Wärst du gern zu Höherem geboren?
Nee. Ich bin mit dem, was ich so gemacht habe, ganz zufrieden.

Du hattest auch einiges Pech mit Filmrollen. 1970 hast du die Titelrolle des DEFA-Films „Dr. med. Sommer II“ ausgeschlagen, weil du lieber bei Gerhard Klein, er war der angesagteste Regisseur damals,  in „Leichsache Zernick“ spielen wolltest. Kurz nach Beginn der Dreharbeiten starb Klein, der Film wurde von einem anderen Regisseur mit neuer Besetzung gedreht. Hat dich sehr geärgert?
Es war nicht schön, es hat mich belastet, aber ich bin nicht verzweifelt. Damals hatte ich noch die Arroganz zu denken: Dann kommt eben etwas anderes.

Wolfgang Winkler
              Foto ©Nikola

Und heute?
Heute bin ich ein Zweckpessimist. Ich gehe lieber davon aus, dass etwas nicht klappt, dann ist man nicht so enttäuscht. Innerlich aber ist die Hoffnung da, dass das Gegenteil eintritt. Also zweckpessimistisch. Ich hatte mir auch eingeredet, dass ich die Rolle in „Rentnercops“ nicht bekomme.

Was ist für dich heute Heimat?
Als Görlitzer habe ich, was meine Heimatstadt betrifft, einen besonderen Knall. Ich liebe diese Stadt, halte sie hoch und fahre oft hin. Sie ist wieder wunderschön geworden, aber es gibt keine Arbeit. Die jungen Leute ziehen weg. Das ist die Tragik in dieser Gesellschaft. Es geht doch aber nicht nur darum, Geld zu haben. Du brauchst die Arbeit, um dich zu verwirklichen und Spaß am Leben zu haben. Wenn dir das genommen wird, bist du ein Krüppel.

Noch ein aktuelles Thema. Wie geht es dir mit der Diskussion um #MeToo?
Ich finde, diese Diskussion hat Züge, die nicht mehr normal sind, indem dieser Wettbewerb der Geschlechter in eine Form gepresst wird, der nur Ungesundes hervorbringt. Wäre ich heute ein junger Mensch, wüsste ich gar nicht, wie ich mich einem Mädchen nähern soll. Mache ich mich ran, bin ich gleich sexistisch. Dabei war es ja nur mein Ansinnen, mit ihr vielleicht ein Leben zu beginnen.

Wolfgang Winkler
Schauspieler Wolfgang Winkler sieht optimistisch in die Zukunft. Foto © Nikola

Mit 75 hat man den größten Teils seines Lebens vollbracht. Wie weit guckst du noch nach vorn?
Ich möchte mich da nicht festlegen. Es soll schon noch eine Weile gehen. Vor fünf, sechs Jahren hatte ich noch den Ehrgeiz, alles zu spielen. Heute sage ich mir: Jetzt machst du das hier, das füllt dich aus, das füllt sich sehr schön aus. Und wenn jemand anders eine große Altersrolle bekommt, gönne ich sie ihm von Herzen und bin ich nicht mehr zu Tode betrübt, dass nicht ich sie spiele. Diese ist Haltung ist sehr angenehm.

 

 

 

 

Annekathrin Bürger über den Rest, der bleibt

Was ist der Rest, der bleibt, wenn man 80 ist? Zehn Jahre, fünfzehn, zwanzig oder irgendetwas dazwischen? Annekathrin Bürger will es nicht wissen. „Keiner will hinter diese Tür gucken“, sagt sie. „Ab der Mitte des Lebens, wo immer die auch liegt, wird er weniger, der Rest, der bleibt.“

Wir sitzen im Wintergarten, wie jedes Mal seit 21 Jahren, wenn ich für ein Interview hierherkomme. Ich mag die Gemütlichkeit, die Helligkeit, die Nähe der Natur. Große Fenster mit einer Schiebetür zum Garten geben den Blick auf eine schöne Rotbuche und die Rhododendren frei, die Annekathrins Mann Rolf Römer gepflanzt hat. Haus und Garten – das ist eine Geschichte für sich. Ich erfuhr sie irgendwann beim Übergang vom Sie zum du. Was hier steht und wächst ist das private Lebenswerk von Rolf Römer. Zu Hause schlüpfte der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur in seinen Blaumann. Er mauerte, putzte, malerte, klempnerte und gärtnerte, um diese Oase zu schaffen. „Rolf liebte den Garten“, sagt Annekathrin Bürger.

Das Ende einer Liebe

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Rolf Römer, der „Gärtner“ erklärt seiner Frau Annekathrin, was er gerade gemacht hat ©privat 

Vor 17 Jahren wurde er ihm zum Verhängnis. Beim Laubverbrennen fing der Overall des Schauspielers Feuer. Rolf Römer starb am 14. März 2000 an den Folgen der schweren Verbrennungen. Am 3. April ist Annekathrin Bürger 80 Jahre alt geworden. 39 Jahre davon hat sie mit Rolf Römer verbracht. Es ist für sie legitim, dass wir über ihn sprechen. Neben ihrem Vater, dem Tierillustrator und Trickfilmzeichner Heinz Rammelt, war Rolf der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Sie waren ein starkes Paar, künstlerisch und im alltäglichen Leben, das sie durch einige Tiefen geführt hat. „Ich habe mich an das Alleinsein gewöhnt, nur manchmal fehlt er mir als Gesprächspartner, mit dem man sich gemeinsam erinnern kann.“
Sie nimmt einen Zug aus der Zigarette und schaut nachdenklich in den Garten. Sie hat das grausige Schauspiel mit ansehen müssen. Verzweifelt hat sie mit einer Decke das Feuer erstickt, den Notruf 112 gewählt. „Das Bild wirst du nicht los. Du musst es an dich heranlassen, damit du damit leben kannst“, sagt sie.

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Die Büste von Rolf Römer modellierte seine Schwägerin Christine Hadelich-Rammelt ©privat

In ihren autobiografischen Erinnerungen „Der Rest, der bleibt“ (2007) hat sie das innerlich alles noch einmal durchgemacht. „Über den Schmerz kommt man hinweg. Es macht mich nur unendlich traurig, wenn ich Filme mit Rolf sehe und wie gut er war. Auf der anderen Seite weiß ich, dass er nie wieder er geworden wäre und so nicht hätte leben wollen.“ Es war ihr Erklärung, Trost, beruhigender Abschluss der Trauer. Sie braucht keinen besonderen Anlass, um an ihn zu denken. Der Garten und seine Büste, die ihre Schwägerin Christine Hadelich-Rammelt modelliert hat, lassen ihn jeden Tag gegenwärtig sein. Annekathrin hat den Kopf ans Fenster gestellt mit Blick in den Garten, den ihr Mann so geliebt hat.

Ihre Gedanken kehren aus der Vergangenheit zurück. „Ja, was ist der Rest, der bleibt, wenn man 80 Jahre gelebt hat? Hört man auf zu rauchen?“ Nein, das wird sie sich nicht mehr abgewöhnen für den Rest, der bleibt. Ganz pragmatisch gesehen, habe sie ja damit doch ein ganz schön langes Stück Leben geschafft. „Hinter den 80 Jahren“, sagt sie, „steht eine schöne Karriere, die ich hatte, 61 Jahre Film, mit dabei 52 Jahre Theater. Jetzt versuche ich, mit dem Rest, der vorhanden ist, umzugehen.“ Sie drückt die halb gerauchte Zigarette aus, holt frischen Kaffee aus der Küche. Im Gehen und Kommen sagt sie: „Einfach etwas tun möchte ich noch. Aber für 80-Jährige gibt es wenige Figuren.“ Da fallen hin und wieder Minirollen ab wie in „Mord mit Aussicht“, „Nele in Berlin“ oder „Soko Stuttgart.“

der_rest_der_bleibtEs gibt Ausnahmen wie „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden 2012. Gerade fertig geworden ist der Spielfilm „Die Anfängerin“, in dem sie mit Ulrike Krumbiegel als Mutter und Tochter vor der Kamera steht. „Die beiden haben ein schwieriges Verhältnis zu einander, weil die Mutter das Leben ihrer Tochter immer dominiert hat.“ Ein Film mit Anspruch, eine Rolle mit Anspruch. „Ich war sehr glücklich, dass Regisseurin Alexandra Sell mich haben wollte. Schade ist nur, dass sich die Veröffentlichung so hinzieht.“ Eine Premiere um ihren 80. Geburtstag herum, hätte die Schauspielerin gefreut. Da wäre sie zu ihrem Jubiläum mit etwas Neuem in ihrem Metier präsent gewesen. Nun soll der Film im Herbst kommen und zunächst im Kino laufen, danach auf ZDF und Arte ausgestrahlt werden. Es macht sie ein wenig traurig, dennoch kann man zufrieden sein, meint sie. Annekathrin Bürger hat einen klaren Blick auf das Metier, in dem sie so lange erfolgreich war. Es ist nicht mehr verlässlich, schon gar nicht für jemanden, dem die allgemeine Popularität fehlt. Nach der Wende ist der gesamtdeutsche Film an ihr vorbeigegangen. Im Fernsehen hatte sie einige Rollen, die sie mochte. Sieben Jahre hat sie die Waschsalonbesitzerin Frederike im MDR-„Tatort“ mit Peter Sodann als Kommissar Ehrlicher gespielt.

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Annekathrin Bürger mit ihrem ehemaligen DDR-Kollegen Klaus Manchen  in der ZDF-Serie „Die Stein“ ©ZDF

In der Fernsehserie „Die Stein“ agierte sie als Mutter der Titelfigur. 2009 war sie in dem Episodenfilm „Eines Tages…“ als Ehefrau eines Demenzkranken besetzt. „ Ich habe nicht den Depressionsehrgeiz von Leuten, die daran verzweifeln, dass sie nicht mehr gebraucht werden“, erklärt sie. Sich anbieten, Klinken putzen, das hat sie nach der Wende nicht gemacht und dazu hat sie jetzt, mit 80, erst recht keine Lust. Auch wenn sie ihre Autobiografie untertitelt hat „Erinnerungen an ein unvollkommenes Leben“ ist es im Rückblick besehen erfüllt gewesen. „Ich habe kein Recht zu jammern, wenn ich keine Filmrolle mehr bekomme. Ich hatte alles.“

Durchgefallen und doch genommen

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Als Frederike mit Peter Sodann als Kommissar Ehrlicher im „Tatort“ ©mdr/Spitz

Dieses „alles“ begann 1955, als DEFA-Regisseur Gerhard Klein ihr die Rolle der Uschi in seinem Ost-West-Liebesfilm „Eine Berliner Romanze“ gab. Da hatte die 17-jährige Gebrauchswerberin Annekathrin Rammelt – unter dem Namen steht sie im Geburtsregister von Berlin-Charlottenburg – ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden, bereits begraben. Sie war bei der Bewerbung an der Schauspielschule „Ernst Busch“ aufs nächste Jahr vertröstet worden. „Mein lieber Vater wollte mir helfen und gab mir eine Annonce. Die DEFA suchte ein waschechtes Berliner Mädchen, 16 bis 19 Jahre alt.“

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Annekathrin mit 17 als Bühnenbild-Assistentin im Theater Bernburg ©privat

Waschecht war sie, aber mit anhaltinischem Dialekt. Der Wehrmachtsgefreite Heinz Rammelt war im April 1945 von seinem Standort in Rathenow desertiert und mit seiner schwangeren Frau Anne und der kleinen Kathrin vor der heranrückenden Roten Armee in Richtung Elbe geflohen. „Wir sind in Sachsen-Anhalt kleben geblieben, ich bin da zur Schule gegangen, habe dann bei der HO eine Lehre als Gebrauchswerberin gemacht und war ein Jahr Bühnenbild-Assistentin und Requisiteurin im Theater Bernburg.“ Der Dialekt färbte über die Jahre ab. In Berlin hatte sie ohnehin nur ihre ersten vier Lebensjahre verbracht. Der Vater musste an die Front. Annekathrins leibliche Mutter Gerda, eine Tänzerin, gab das Kind in ein Heim in Thüringen. „1943 ließ sie mich dann in ein Jugendheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Brünn bringen. Mein Vater hätte das nie zugelassen. Meine Mutter war aber inzwischen mit einem nationalsozialistisch gesinnten Komponisten liiert. Sie ließ sich von meinem Vater scheiden“, erzählt die Tochter. Es gab nur noch einmal eine Begegnung zwischen Annekathrin und ihrer Mutter Gerda. „Da war ich 18“, erinnert sich die Tochter. In Rathenow lernte Heinz Rammelt eine neue Frau kennen. Sie heirateten 1944. Heinz Rammelt forderte das Sorgerecht für seine Tochter ein, seine Frau Anne wurde ihre neue Mutter. Annekathrin bekam noch zwei Brüder, Hans-Jörg und Olaf, die in Dessau leben. AK-Schauspielerin-Annekathrin-Buerger-in-Kamera-blickend

Jahre später, 1955, wartete sie in Babelsberg mit hunderten anderen Mädchen auf die Probaufnahmen und wurde aussortiert, ehe sie den Regisseur Gerhard Klein zu Gesicht bekam. Aber es war noch lange nicht aller Tage Abend. Im Sommer mimte Annekathrin auf Rügen für den Naturfilm „Gebirge und Meer“ eine Pionierleiterin. Klein hatte seine Uschi immer noch nicht gefunden und suchte sie nun gerade dort, wo Annekathrin drehte. Es ist das berühmte Quäntchen Glück, das sie hatte. Ihr Kameramann kannte den Regie-Assistenten, der sie in Babelsberg aussortiert hatte. Es war Heiner Carow, der später den Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ gedreht hat. Annekathrin erinnert sich: „Ich entsprach überhaupt nicht Kleins Vorstellung, ich war ihm viel zu dick. Aber irgendwas muss es gewesen sein, dass er mich trotzdem genommen hat.“ Klein war kein Feinfühliger. Jeden Tag beim Essen hat er seiner Hauptdarstellerin jeden Bissen in den Mund gezählt und Stopp gesagt. Dass sie  krank werden könnte, kam ihm nicht in den Sinn, als er die Abschlussszene auf dem Jahrmarkt im Winter drehte. „Ich stand da in meinem dünnen Kleid, barfuß in Sandalen bei Minusgraden und musste Sommergefühle zeigen.“ Die Folgen blieben nicht aus.

Thein – Rammelt – Pape?

a_burgerFür Gerhard Klein war die gebürtige Berlinerin aus Bernburg eine Notbesetzung. Aber wie das manchmal so ist. Er drehte mit ihr einen der gelungensten DEFA-Filme. Mit ihrer Unbekümmertheit, Frische und Natürlichkeit bescherte das Mädchen mit dem Babyspeck dem Film einen Riesenerfolg. Allerdings blieben ihre ersten Fotos in den Zeitungen namenlos. Klein hatte ein Problem mit ihrem Familiennamen: Rammelt. Die Werbeplakate würden zur Lachnummer, wenn über den Fotos der Hauptdarsteller stünde: Thein – Rammelt – Pape. Sie sollte sich einen anderen Namen suchen. „Mir fiel nur Bürger ein, so hieß meine Großmutter Käthe. Und da sie Malerin war, also Künstlerin, passt das, dachte ich mir.“

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Fünf Jahre waren Annekathrin Bürger und Ulrich Thein ein Paar. Hier mit dem Esel Charlie, den er von Dreharbeiten zu „Fünf Patronenhülsen“ aus Bulgarien mitbrachte ©privat

2006 lief „Eine Berliner Romanze“ auf der Berlinale in der Retrospektive „Traumfrauen. Stars der fünfziger Jahre“. Annekathrin Bürger neben Doris Day, Elizabeth Taylor, Marina Vlady… Was für ein Gefühl! Sie lacht: „Ich hatte allen Grund, mich zu freuen. Aber was dachte ich: O Gott, was ziehe ich an? Wie soll ich denn da, 1,55 Meter groß, in keine gängige Konfektionsgröße passend, gegen Designerkleider halten, in denen die Stars und Nichtstars in diesen Zeiten stecken?“ Sie sah’s dann nüchtern: „Es geht um dich, deinen ersten Film, nicht um dein Kleid.“

Mit Gerhard Klein hat sie nie wieder gedreht. „Ich weiß nicht, warum er mich nicht mehr wollte“, sagt sie heute. Die Dreharbeiten hatten sie für ein Schauspielstudium qualifiziert, das sie an der Filmhochschule Babelsberg absolvierte. Die Dreherei lief nebenher weiter. Spur in der Nacht“, „Tilmann Riemenschneider, Verwirrung der Liebe“… Annekathrin Bürger war auf dem Weg zum Filmstar, der aber auch die Mühen der Ebenen zu bewältigen hatte. Sie büffelte, um Studium, Examen und Dreharbeiten mit  ihrem Privatleben unter einen Hut zu kriegen. Denn der Junge aus der „Romanze“ und das Mädchen haben die gespielte Filmliebe mit ins Leben genommen. Ulrich Thein und Annekathrin Bürger waren ein verlobtes Paar, bis er sie im Februar 1961 für die tschechische Schauspielerin Jana Brechová verließ. Einen Tag, bevor Annekathrin zur Premiere ihres Films „Fünf Tage – fünf Nächte“, der ersten deutsch-sowjetischen Koproduktion, nach Moskau flog.

Die Liebe und der Ananas-Fresser

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Annekathrin Bürger und Rolf Römer 1968 in „Mit mir nicht, Madam!“ ©DEFA-Stiftung

Als sie damals zurückkam, brauchte sie jemanden zum Reden. Ihr fiel sofort Rolf Römer ein, der sie schon an der Filmhochschule mit seiner Klugheit, seinem Durchblick und seiner Lebensweisheit beeindruckt hatte. Er kam ein Studienjahr später und irritierte sie zunächst. Spillerig, hager wie ein Specht – das war übrigens sein Geburtsname – aber mit einem ungeheuren Selbstbewusstsein ausgestattet. „Er fraß eine Büchse Ananas, als ich ihn zum ersten Mal sah“, erzählte sie in einem unserer früheren Interviews. Das hat sich eingeprägt. Aber er hatte etwas, das ihr gefiel. Er war ruppig, zärtlich, verletzlich, ehrlich. „Rolf provozierte mit seiner klaren Sicht auf die Dinge, mit seiner Direktheit. Er verbog sich nicht, was ihn immer politisch anecken ließ. Am Theater in Senftenberg, als er sich weigerte, sich von Heiner Müller Stück ,Die Umsiedlerin‘ zu distanzieren, wurde der Genosse Römer postwendend aus der SED ausgeschlossen“, beschreibt sie ihren Mann. Sie wusste damals, er mag sie. Nein, er liebte sie. Sie mochte ihn. Aus ihrem Mögen wurde Liebe. Sie wollte nur noch ihn. 1966 heirateten sie.  Er schrieb ihr mit „He, Du!“, Mit mir nicht, Madam! und „Hostess“ drei ihrer schönsten Filme.

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Annekathrin Bürger als Magdalena 1962 in „Königskinder“ ©DEFA-Stiftung /Pathenheimer

Das Jahr 1961 ist für das Leben von Annekathrin Bürger von besonderer Bedeutung. Frank Beyer hatte gerade mit ihr und Armin Mueller-Stahl die Dreharbeiten für „Königskinder“ begonnen, als es in Berlin politisch heiß wurde. Am 13.August teilte plötzlich eine Mauer die Stadt. Die DDR machte ihre Grenzen zum Westen dicht. „Das war ein Schock für uns“, erinnert sich Annekathrin Bürger. Das Leben wurde halbiert. Kein Kinobesuch mehr drüben, keine der großen amerikanischen und französischen Filme mehr sehen können. Nich zu reden von der Kosmetik, die sie nun nicht mehr kaufen konnten. Für Schauspielerinnen das A und O. Mit Rolf Römer diskutierte sie das Für und Wider der nun undurchlässigen Grenze. Mit nachhaltiger Wirkung. Der angehende Filmstar sieht über den Tellerrand ihrer Karriere hinaus und setzte sich von da an auch politisch auseinander, mischte sich in die Kulturpolitik ein, arbeitete im Rat für Kultur beim Minister für Kultur.

Erich Honecker sagte: „Bleibt wie ihr seid!“

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Annekathrin Bürger singt am 4. November 1989 auf dem Alex

Der Name Annekathrin Bürger hatte inzwischen Gewicht. Sie rettete 1975 Charlotte von Mahldorfs Gründerzeitmuseum. In einem persönlichen Gespräch wollte sie 1976 den Kulturminister über den ideellen Schaden aufklären, den die Ausbürgerung von Wolf Biermann nach sich zog. „Kaum jemand kannte ihn vorher. Durch diese Aktion bekam er eine unverdiente Popularität. Das war eine politische Dummheit“, sagt sie heute. Erreicht hatte sie damals nichts, der Minister war zum vereinbarten Termin außer Haus. Biermann blieb bis zur Wende draußen und viele andere Kulturschaffende sind auch gegangen. „Die ideologische Gängelei, die Repressalien wurden danach heftiger, bis zur Unerträglichkeit. Film, Literatur, Bildende Kunst litten darunter. Das durfte so nicht bleiben“, erklärt sie. Das Schauspielerehepaar Römer/Bürger schrieb sich in einem seitenlangen Brief von der Seele, was sich seit 1961 angestaut hatte, und trug dies in einem persönlichen Gespräch am 29. April 1977 Erich Honecker vor. Der Generalsekretär des ZK der SED hörte mit zustimmender Freundlichkeit zu. „Als wir nach einer Dreiviertelstunde gingen, sagte er zu uns: ,Bleibt, wie ihr seid!’ Wir haben viele guten Leute verloren.“

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Annekathrin als Klärchen 1963 bei der Probe für „Egmont“ mit Ottmar Richter, Regisseur Klaus Gendries (M) und Rolf Römer in Senftenberg @FMP/Kastler

Für Annekathrin Bürger und Rolf Römer stand die Frage nie, ob sie die DDR verlassen. Es war ihr Land, zu dem sie standen, zu der sozialistischen Idee, deren Umsetzung sich in der Realität als Utopie erwies . „Wir hätten viele Gelegenheiten gehabt, nicht wieder in die DDR zurückzukehren, bei Dreharbeiten im Ausland, bei Theater-Gastspielen, den DDR-Filmwochen in Frankreich oder unserem Urlaub in Italien. Aber das war nicht in unserem Sinne, nicht im Sinne unserer Eltern, die wir ohnehin nie verlassen hätten. Warum auch. Ich habe Fellini kennengelernt, und es wäre leicht gewesen zu sagen: Ich bleibe. Aus heutiger Sicht war man vielleicht blöd, das nicht zu tun. Aber uns erschien es damals unsinnig, ohne Freunde und Familie in ein fremdes Land zu gehen. Wir hatten ja alles.“ 

Ein Land geht verloren und eine gute Idee

Am 4. November 1989 passierte der Umbruch, der Versuch einer Reformation des realen Sozialismus. Auf dem Alexanderplatz in Berlin demonstrierten 500 000 gutwillige DDR-Bürger für eine Veränderung des doktrinären Systems. Annekathrin Bürger sang das Lied eines politischen Häftlings an Stalin und widmete es dem Schriftsteller Walter Janka. Sie war eine der Initiatoren des Begehrens für eine reformierte DDR, das von den Schauspielern, den künstlerischen Mitarbeitern der Volksbühne ausging, dem die anderen Theater folgten. „Wir standen auf dem Alex und wollten etwas anderes als das, was dann mit der Vereinigung passierte.“

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1990 in „Der Rest, der bleibt“ mit Alexander Höchst ©Gudrun Hensling

In dem Jahr, 1989, bekommt Regisseur Bodo Fürneisen endlich die Zusage des DFF, seinen Film „Der Rest, der bleibt“ zu drehen, den er bereits 1983 für Annekathrin Bürger geschrieben hat und realisiert ihn 1990. Sie spielt eine Chansonsängerin Ende Vierzig, die sich mit ihrem Mann nichts mehr zu sagen hat und eine Liaison mit einem 20 Jahre jüngeren Mann beginnt. „Sechsmal wurde das Buch vom DDR-Fernsehen abgelehnt, weil die Beziehung einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann unmoralisch sei, die Menschen würden dagegen protestieren. Umgekehrt ginge, das kenne man ja. Was für eine Heuchelei!“, regt sie sich jetzt noch auf. Ihr bedeutet der Film viel, für den auch sie so bei der Fernsehintendanz gekämpft hat. „Er ist zwar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden, aber die Menschen haben ihn leider nicht wirklich wahrgenommen worden“, bedauert sie.

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Mit Stefan Lisewski 1958 in „Verwirrung der Liebe“.  Annekathrin Bürger wird immer beliebter beim DDR-Publikum ©DEFA-Stiftung

Die TV-Premiere des Films „Der Rest, der bleibt“ am 12. September 1991 fiel in eine Zeit, als die Menschen im Osten mit anderen Dingen beschäftigt waren. Sie mussten die neue Situation verdauen und sehen, wie sie ihre Existenz als Neubürger der BRD sichern. „Da waren viele schwarze Löcher zu überwinden, erinnert sich die Schauspielerin, die sich wieder nicht herausgehalten hat aus der Politik, als Vorsitzende der Nationalen Bürgerbewegung aktiv war und das Wort Solidarität praktizierte. Mit ihrem Mann Rolf Römer sammelte sie Hilfsgüter für  Waisenkinder in dem russischen Städtchen Rasswjet. Mit Gleichgesinnten gründeten sie 1993 den Verein „Waisenkinder am Don“ e.V.

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Das frisch verheiratete Ehepaar 1966 in Dresden ©privat

„Es war uns ein Bedürfnis, zu helfen, als wir von der Not und dem Engagement des Ehepaares Sorokin für die Kinder erfuhren. Ich habe die Organisation der Spendensammlung, die Koordination der Transporte nach Rolfs Tod noch zwei Jahre weitergeführt, bin nach Rasswjet gefahren. Dann habe ich das nicht mehr geschafft.“ Manchmal hat sie heute ein schlechtes Gewissen, sich nicht im Ehrenamt für die armen Kinder hierzulande zu engagieren. Aber dann fragt sie sich, was tut eigentlich die Regierung unseres reichen Landes für die Rechte der Kinder auf Bildung, soziale Sicherheit? „Das, was sie am besten kann: reden, Blasen schlagen.“

Seit dem Tod ihres Mannes lebt Annekathrin Bürger allein. Manchmal nervt sie das. Aber sie hat ihre Freundin, die Familie. Sie schreibt Gedichte und ist mit ihren musikalischen Lesungen „Weisheiten der Liebe“, „Erotische Geschichten aus Boccaccios Decamerone“ und ihrem Lyrik- und Chansonprogramm Liebe ist das schönste Gift“ unterwegs.

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Mit dem Gedichtbuch „Weisheiten der Liebe“, das sie zusammen mit ihrer Schwägerin Christine Hadelich-Rammelt geschrieben hat ©Michael Handelmann

Ihr Publikum hat sie noch nie vor leeren Sälen auftreten lassen. Ihre Wünsche für den Rest, der bleibt: „Ich hätte gern Figuren gehabt, die aus sich herausgehen, wo es knirscht, wie sie Jutta Hoffmann spielen durfte. Vielleicht kommt ja so eine Altersrolle mit Abgründen oder Konflikten noch.“ Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Zum 70. Geburtstag von Schauspielerin Uta Schorn: „Sie ist leider sehr begabt.“

Zwischen heute und diesem Satz, den sie als junges Mädchen zufällig im Gespräch ihrer Eltern hörte, liegt über ein halbes Jahrhundert. Er ließ Uta Schorn einen Weg einschlagen, den sie für sich eigentlich nicht vorgesehen hatte. Sie wurde Schauspielerin.

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Heidi Weigelt, Klaus Gehrke und Uta Schorn 2017 in der Komödie „Sei lieb zu meiner Frau“ ©show-express/Gössinger

Es ist Januar, es schneit, die Straßen sind glatt, in Sachsen und Thüringen herrscht Schneealarm. Kein Wetter, um mit dem Auto durch die Weltgeschichte zu fahren. Doch Uta Schorn beginnt ihr neues Lebensjahrzehnt – am 13. Januar vollendete sie ihren 70. Geburtstag – mit einer Theatertournee. Quer durch den Osten der Republik. „Sei lieb zu meiner Frau“ heißt das heitere Stück, in dem zwei Paare heimlich untereinander fremdgehen. Neben Uta Schorn reizen Heidi Weigelt, Klaus Gehrke und Hartmut Schreier in dem turbulenten „Bäumchen-wechsle-dich“-Spiel die Lachmuskeln des Publikums.

Das Quartett kennt sich aus gemeinsamer Arbeit beim DDR-Fernsehen. Mit Heidi Weigelt ist Uta Schorn seit der gemeinsamen Studienzeit an der „Ernst Busch“, der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, befreundet. Jeder der Vier weiß um die Spielqualität der anderen, und die Chemie stimmt auch. „Es macht riesigen Spaß, auch wenn 30 Vorstellungen in zwei Monaten, noch dazu im Winter, nicht ganz ohne sind“, sagt die Schauspielerin im Gespräch am Telefon.

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Uta Schorn (vorn) mit Cornelia Lippert, Matti Wien und Maria Jany in „Fisch zu viert“ ©Berliner Kriminaltheater

Ihre freie Zeit ist knapp, denn zwischen den Tour-Terminen steht sie im Berliner Kriminaltheater auf der Bühne. Seit November zeigt sie sich hier in der rabenschwarzen Komödie „Fisch zu viert“ gallig, scheinheilig und mörderisch. Das schon 40 Jahre alte Erfolgsstück stammt aus der Feder des bekannten Filmautors Wolfgang Kohlhaase („Ecke Schönhauser“, „Solo Sunny“, „Blumen vorm Balkon“). „Man spielt einen Krimi und gleichzeitig Komödie. Mit dem fein geschliffenen Wortwitz, den uns der Autor in die Hand gibt, ist das wunderbar“, schwärmt die Schauspielerin, die eine der drei spitzzüngigen reichen Schwestern spielt, die jede ein Verhältnis mit Diener Rudolf hat, ohne dass die anderen davon wissen. Und jede versprach ihm, ihn für seine Liebesdienste in ihrem Testament zu bedenken. Als Rudolf den versprochenen Liebeslohn vorzeitig einfordert, wird es brenzlig.

Uta Schorn hundsgemein zu sehen – ein seltenes Erlebnis. Für mich verbinden sich mit der Schauspielerin vor allem sympathische Figuren. Freundlich, hilfsbereit, mitfühlend, Familienmenschen wie Inge Kleist in der ARD-Serie „Familie Dr. Kleist“, zupackend wie Barbara Grigoleit, Chefarztsekretärin in der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“. Mit diesen Rollen hat sie, die in der DDR zu den Fernsehlieblingen gehörte, endgültig auch bei den Zuschauern im Westen Namen und Gesicht gewonnen. Während es für sie in der Eisenacher Familienserie „Dr. Kleist“ weitergehen wird, inzwischen das 14. Jahr, hat man „Barbara Grigoleit“ 2014 im Leipziger Dauerbrenner in Rente geschickt.

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15 Jahre waren Uta Schorn und Heinz Bellmann als Sekretärin Barbara Grigoleit und Chefarzt Prof. Dr. Simoni ein Team ©mdr/Wernicke

Mit neuen Gesichtern, neuen Konstellationen sollte frischer Wind in das 15-jährige Erfolgsformat gebracht werden. Für die ausgemusterten Darsteller ein rigoroser Einschnitt. „Barbara war Teil meines Lebens geworden“, sagt Uta Schorn. „Aber ich wusste schon ein Jahr vorher, dass man sich von meiner Figur verabschiedet. Ich konnte mich vorbereiten und dachte, dass ich den Abschied gut wegstecke.“ Am letzten Drehtag gab es trotzdem Tränen. Manchmal vermisst sie die Kollegen, mit denen sie viele schöne Momente spielen durfte, sich auch hinter der Kamera gut verstand.

Wie sollte man sich mit ihr auch nicht verstehen. Die attraktive Schauspielerin, die immer ein Lächeln im Gesicht trägt, ist weder mufflig noch intrigant, hat Humor, macht gern Witze und ist jederzeit für ihre Freunde da. „Meine Mutter hat immer zu mir gesagt, ich sei ein Sonntagskind, obwohl ich am Montag zur Welt gekommen bin. Ich habe nie geningelt, selten geweint. Mein sonniges Gemüt und mein Humor sind die besten Eigenschaften an mir“, beschreibt sich Uta Schorn in unserem ersten Interview vor 20 Jahren. Sie halfen ihr in Zeiten, die nicht so rosig waren. „Das Schauspielerleben macht nicht nur glücklich, insbesondere, wenn man keine Arbeit hat.“ Auch das kam in der DDR vor.

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Uta Schorn in den 70ern ©Filmmuseum Potsdam

Bevor sie ab 1984 fest im Schauspielerensemble des Fernsehens spielte, musste sie sich selbst um Auftritte und Rollen kümmern. Wenn das nicht klappte oder manches nicht zufriedenstellend verlief, überkamen die junge Schauspielerin heftige Selbstzweifel. „Bis weit über Dreißig litt ich oft unter Depressionen, was keiner vermutete.“ Irgendwann aber waren die Depressionen weg. Uta Schorn schreibt das ihrem Mann Peter zu, der diese Phasen mit Ironie bedachte: „Du hast allen Grund depressiv zu sein. Bist hässlich, eine ganz schlechte Schauspielerin, lebst in Armut und Grausamkeit, dich liebt keiner, sagte er immer. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich nicht mehr dazu kam, mich einzuigeln.“

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Uta Schorn mit Ursula Karusseit während eines Fotoshootings zum 15-jährigen Jubiläum der Serie „In aller Freundschaft“ ©mdr/Wernicke

Eine Traumarbeitsstelle nennt Uta Schorn die Serie „In aller Freundschaft“. Produktionsteam und Schauspieler sind über die Jahre zusammengewachsen wie eine Familie, in der es die meiste Zeit harmonisch zugeht. „So lange vom Schauspielerberuf gut leben zu können ohne sich Sorgen machen zu müssen, ist nicht selbstverständlich. Aber ich bin zufrieden, wie es jetzt ist. Man kann nach 15 Jahren auch sagen: Is’ jut, Zeit, etwas anderes zu machen.“ Wenn sie frei von der Leber weg redet, fällt die gebürtige Schwäbin unweigerlich ins Berlinern. Ihren „Heimatdialekt“ kann sie gar nicht. „Ich bin als Kleinkind mit meinen Eltern nach Berlin gekommen und habe hier sprechen gelernt.“

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Joe Schorn 1974 als Zacharias im DEFA-Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ ©DEFA-Stiftung

Im eisigen Winter 1947 wurde sie als Tochter des Schauspielerehepaares Joe Schorn und seiner Frau Traudi Harprecht in Augsburg-Göggingen geboren. Sie lebten da in einer kleinen Theaterwohnung. Augsburg war zu fast einem Viertel im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. 1947 ging als Jahr des größten Hungers in die Annalen ein, denn die Lebensmittelvorräte waren aufgebraucht. Trotzdem wurde Theater gespielt. Joe Schorn erhielt kurz nach Utas Geburt ein Engagement in Bremen, wenig später ein Angebot vom Metropol-Theater in Berlin. Die kleine Familie zog vom Westen in den Osten und blieb dort. Ich sah Joe Schorn in vielen DEFA- und Fernsehfilmen der 50er bis 70er Jahre, in „Carola Lamberti – Eine vom Zirkus“, „Fünf Patronenhülsen“, „Die Glatzkopfbande“, in den  Märchenfilmen „Der kleine Muck“, „Hans Röckle und der Teufel“ und in den Indianerfilmen „Tecumseh“, „Ulzana“ und „Kit & Co.“ Sein markantes Gesicht ist mir gut in Erinnerung. Dass er der Vater der beliebten Schauspielerin Uta Schorn ist, weiß ich erst seit unserem Interview 1996. Joe Schorn starb 1994 mit 83 Jahren.

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1971 mit Berko Acker im TV-Märchen „Der Nachtigallenwald“ ©FF dabei/Christine Nerlich

Das Schauspielerpaar versuchte, seine Tochter in Richtung eines soliden Berufes zu lenken. „Ich dachte auch nicht, dass ich mal Schauspielerin werde, obwohl ich mich schon fürs Theaterspielen interessiert habe“, erzählte sie mir damals. Aber es sollte anders kommen. Uta besuchte die musisch orientierte Gerhart-Hauptmann-Oberschule in Berlin-Friedrichshagen, an der man die künstlerischen Talente der Schüler förderte. Es gab Gesangs- und Rezitatoren-Wettbewerbe, Ausscheide im Gedichteschreiben und Theaterspielen. Einmal im Jahr wurde eine große Talent-Show veranstaltet, die Uta moderierte. „Unsere Klasse hat jedesmal die meisten Preise abgeräumt.“ Darüber freut sie sich heute noch.

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Erste Autogrammkarte 1969

Das allerdings gab nicht den Ausschlag, dass sie den Berufsweg zur Schauspielerin einschlug. Es ist eher einem Zufall geschuldet. Die Mutter hatte mit Utas Klasse „Lysistrata“ inszeniert. Als die Siebzehnjährige von einer Probe nach Hause kam, hörte sie, wie ihr Vater fragte: „Und –  wie ist sie?“, und die Mutter sagte: „Leider sehr begabt“. Von da an war es für sie nicht mehr abwegig, es den Eltern gleichzutun.  Ohne ihnen zunächst etwas zu sagen, bewarb sich Uta Schorn an der Schauspielschule. Die Texte, die sie vorsprechen wollte, zeigte sie dann aber doch lieber erst einmal dem Vater. Der nickte: „Mach das!“ sie wurde sofort angenommen. Nach vier Jahren schloss sie das Studium 1970 mit dem Diplom ab. Ich habe  Uta Schorn zu ihrem 60. Geburtstag gefragt, bei wem sie sich gerne noch mal bedanken würde. „Bei meiner Mutter“, sagte sie. „Sie ist sehr früh gestorben, und es ist noch Unausgesprochenes geblieben. Ich bedanke mich nun auf einer anderen, der energetischen Ebene bei ihr.“

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Uta Schorns Mutter, die Schauspielerin Traudi Harprecht, war 54 Jahre alt, als sie starb

Von Anfang war Uta Schon „mehrgleisig“ unterwegs. Sie stand am Maxim-Gorki-Theater, später in Radebeul, Halle und am Theater im Palast der Republik auf der Bühne. Schon während des Studiums hatte sie im Spionagefilm „Verdacht auf einen Toten“ 1969 ihr Filmdebüt gegeben. Die Karriere nahm langsam aber stetig ihren Lauf. Ab 1972 hatte sie Rollen in mehreren Filmen der DDR-Fernsehkrimi-Reihe „Polizeiruf 110“, war durchgehend in der beliebten Fernsehserie „Rentner haben niemals Zeit“ und den Nachfolgern „Geschichte übern Gartenzaun“ und „Neues übern Gartenzaun“ besetzt. Energiegeladen fand sie immer noch Platz für Auftritte mit Kleinkunstprogrammen, moderierte im Friedrichstadtpalast  Revuen, zweimal die große DDR-Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ und von 1973 bis zum Ende des DFF 1991 zusammen mit Gerd E. Schäfer die beliebte Fernsehsendung „Der Wunschbriefkasten“.

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1973 mit Klaus-Peter Thiele (l.) und Hans-Peter Reinicke im „Polizeiruf 110: Vorbestraft“ ©mdr

Sehr oft verkörperte Uta Schorn selbstbewusste Frauen, die ihren eigenen Weg im Leben gehen. Diese Figuren sind dicht an ihr selbst. Das macht sie so authentisch. Für ihre Darstellung der vom Schicksal hart getroffenen Ärztin in der DFF-Serie „Bereitschaft Dr. Federau“ wurde sie 1988 von den Lesern der DDR-Programmzeitschrift „FF dabei“ zum Fernsehliebling gekürt und erhielt den „Goldenen Lorbeer“, die höchste Auszeichnung, die das DDR-Fernsehen zu vergeben hatte. Ein ausgesprochen begehrter Preis. Für diese Rolle wie auch die der alleinerziehenden Richterin in der Serie „Mit Herz und Robe“, der letzten Serie des DFF, konnte sie auf Erfahrungen aus ihrem Leben zurückgreifen.

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Tim Hoffmann (M.) 1964 mit seinen Eltern Adolf-Peter Hoffmann und Gaby Jäh-Hoffmann im Fernsehspiel „Es war nicht der Milchmann“ ©Waltraut Denger

16 Jahre war sie mit dem Schauspieler Tim Hoffmann verheiratet gewesen, als die Ehe geschieden wurde. Die Liebe hielt nicht fürs Leben, wie es sich Uta vorgestellt hatte. Sie war Studentin, als sie sich in den vier Jahre Älteren verliebte und 1968 die gemeinsame Tochter Danne zur Welt brachte. Seit Jahren ist in bunten Blättern von einer „kurzen Ehe“ zu lesen. Uta Schorn ärgert sich darüber maßlos. „Das hat ein Journalist in die Welt gesetzt, dem ich nie ein Interview gegeben habe. Und alle schreiben das ab. Keiner fragt mal nach.“  Die Trennung hat ihr damals sehr zu schaffen gemacht. Dann lernte sie den Schauspieler Peter Zintner kennen und begann mit ihm 1984 ein neues Leben. Für die Serie „Bereitschaft Dr. Federau“ standen sie in der ersten Folge gemeinsam als Ehepaar vor der Kamera. „Wir sind eine gut funktionierende Patchworkfamilie mit unseren Kindern und Enkeln.“

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Danne Suckel am Theater Halle in „Endstation Sehnsucht“. Sie sieht ihrer Großmutter Traudi Harprecht sehr ähnlich ©Bühnen Halle

Danne ist heute Schauspielerin am Neuen Theater Halle, verheiratet und Mutter eines 16-jährigen Sohnes. Gelegentlich übernimmt sie Rollen bei Film und Fernsehen. Gerade erst war sie in der Folge „Aus der Hölle“ in der Krimi-Serie „SOKO Leipzig“ als Pastorin zu sehen. Das Leben hat Mutter und Tochter sehr zusammengeschweißt. Uta Schorn genießt diese enge Bindung. „Das Schönste für mich ist, dass ich eine so prachtvolle Tochter habe, und sie mir einen so wunderbaren Enkel geschenkt hat“, wird Uta Schorn nicht müde, Fragen nach privaten Highlights zu beantworten.

1989 kam die Wende und mit ihr ein Umbruch, der das Leben der Menschen in der DDR radikal veränderte. Am 3. Oktober 1990 erfolgte der Beitritt zur BRD und der Staat DDR hörte auf zu existieren. Betriebe, Institutionen und Medien wurden abgewickelt. Und irgendwie auch die Menschen, die sich 40 Jahre bemüht hatten, die sozialistische Idee im Alltag umzusetzen. Am 31.12.1991 gingen beim DFF die Lichter aus. Mit vielen anderen Künstlern nahm Uta Schorn in der historischen Silvestersendung mit dem berühmten Schlager von Peter Alexander „Sag leise Servus“ Abschied von einem langen, erfüllten Stück Leben. „Wir haben sozusagen das Licht ausgemacht, mit fröhlichen Gesichtern, aber Innen tat es weh“, erinnert sich die Schauspielerin. Die Folgen dieses politischen Umsturzes haben sie nicht überrascht. „Ich wusste, dass wir nicht in ein Schlaraffenland kommen, wo man für Nichtstun alles kriegt. Das wahre Leben im Kapitalismus hat nichts mit dem zu tun, was das Werbefernsehen zeigt. Das haben wir in der Schule gelernt, nur keiner hat’s geglaubt“, sagte Uta Schorn in einem Interview, das wir zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit geführt haben.

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Mit Ulrich Pleitgen in der ARD-Serie „Familie Dr. Kleist“ ©ard/degeto/Norbert Kuhröber

Auch Uta Schorn hatte ihr Wendetief, lebte knapp zwei Jahre von Arbeitslosengeld und gelegentlichen Auftritten. 1994 bot ihr Filmproduzent Otto Meissner an, sie zusammen mit Günter Schubert durchgehend in der Serie „Elbflorenz“ zu besetzen, einer konfliktreichen Geschichte zweier Schwestern aus Ost und West. Die miteinander befreundeten DDR-Schauspieler waren dem Westberliner Produzenten nicht unbekannt. „Meissner hat sich angesehen, was wir in der DDR gespielt haben, und uns als Paar in der ZDF-Miniserie ,Die Durchreise’ und ,Ein Bayer auf Rügen’ getestet. Das sagte er mir, als ich erstaunt fragte, ob er mich  überhaupt kenne.“

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Letzter Drehtag für Uta Schorn 2014 in der Sachsenklinik ©mdr/Wernicke

Mit der Serie „Elbflorenz“ erlangte Uta Schorn eine unerwartete Popularität in den alten Bundesländern. In der Folge flatterten neue Rollen auf ihren Tisch. Sie spielte zwei Jahre in der Serie „Der Landarzt“ und war drei Jahre als Hebamme Henriette bei „Frauenarzt Dr. Markus Merthin“ zu sehen. „Eine ganz tolle Rolle“, findet sie noch heute. Einer, der das Können der Schauspieler aus der DDR ebenfalls sehr schätze, war TV-Produzent Wolfgang Rademann. 1997 holte er Uta Schorn auf sein „Traumschiff“. Von diesen Dreharbeiten auf Hawaii, in Thailand, Burma, Rangun, Oman und Madras schwärmt sie noch heute. Schmunzelnd erzählt sie, dass sich Rademann erst in ihrer Vita vergewissern musste, dass sie auch nicht zu jung für ihren Partner Hans Teuscher ist. „Er sollte einen 55-Jährigen spielen und ich eine etwa 50-Jährige. Rademann hielt mich für weit jünger. Dabei hatte ich das Alter. Auf der Reise bin ich 49 geworden.“

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Von Falten keine Spur. Uta Schorn 2010 ©Rüdiger Eichhorn

Mit Uta Schorn lässt sich problemlos übers Alter reden. Sie „zickt“ nicht. „Ich stehe  dazu wie zu meinen Falten, die ich mir redlich erworben habe mit den Jahren.“ Mal gefällt sie sich morgens im Spiegel, mal nicht. Und am Abend beim Abschminken nach einem anstrengenden Tag vor der Kamera, ist das noch mal etwas ganz anderes. „Ich erinnere mich an meine Mutter. Wenn sie in ihrem Sessel saß, so im Gegenlicht, dann hatte sie einen Lachfaltenkranz um die Augen herum. Das habe ich immer sehr gemocht, fand es schön.“ Ihre Falten bemerkt man kaum. Und sie hat nicht nachgeholfen. In ihrer Jugend wollte Uta Schorn eine herbe Frau sein, mit eckigen Backenknochen und grätig. Ihr schönes Gesicht erschien ihr wie ein Fluch. Machten ihr junge Männer Komplimente, gingen bei ihr die Warnsignale an. „Ich dachte immer, sie meinen das nicht ehrlich.“

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In ihrem Garten ©Rüdiger Eichhorn

Mit Yoga, morgendlichen „Tibetern“, viel Wasser und ausgewogener Ernährung hält sich die Schauspielerin seit Jahren fit. „Dass man schneller erschlafft und ermüdet, dass einem die Knochen wehtun und die Spannkraft der Haut nachlässt, finde ich nicht schön. Doch je älter ich werde, desto bewusster lebe ich, beginne jeden Tag mit Freude. Ich habe nicht mehr so hohe Erwartungen und lebe entspannter.“

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Mit Heidi Weigelt (l.) verbindet Uta Schorn eine lebenslange Freundschaft ©show-express/Gössinger

Dass man ihr die Siebzig nicht ansieht, sie für jünger hält, verdankt sie ihrem Temperament und ihrer Ausstrahlung. „Das ändert nichts daran, dass ich spüre, dass mein Körper 70 ist. Wenn ich nach einer Vorstellung nachts mit dem Auto lange Strecken nach Hause fahre, schlaucht mich das mehr als früher. Ich muss das endlich begreifen und Konsequenzen ziehen.“ Was bedeuten würde: Kürzertreten und sich endlich richtig Urlaub gönnen, nicht mal nur 12 Tage. Das wollte sie schon, als sie 65 geworden war. Es hat nicht funktioniert.frau-presse-jpg-show-express-koennerngoessinger

Wenn es die Gesundheit hergibt, kocht Uta Schorn nicht auf Sparflamme. So ist sie gestrickt. Nicht mal mit einer Bronchitis hat sie sich am Jahresende ins Bett gelegt. Da waren die verkauften Karten, die Kollegen, die sie auf der Bühne brauchten. Sie gehört zu der Generation, die sich in Verantwortung sieht und es mit dem Pflichtbewusstsein auch schon mal übertreibt. „Wenn ich 80 bin, sofern ich noch bis dahin komme, lege ich mich mit einer Erkältung ins Bett“, scherzt sie und wird gleich darauf nachdenklich. „Im letzten Jahr sind so viele Kollegen überraschend gestorben. Das geht mir an die Nieren. Ich will noch etwas von meinem Leben haben, etwas von der Welt sehen.“

Man darf gespannt sein, denn im August geht es an der Comödie Dresden mit dem Erfolgsstück „Kalendergirls“ weiter. ph-cover-250x370

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie ordentlich grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung, füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

Heiko Reissig – der Kavalier der heiteren Muse

Wenn am 15. und 16. Juli in der Alten Ölmühle zu Wittenberge zum 17. Mal Tausende Freunde der heiteren Muse unvergessliche Nächte mit populären Melodien aus Oper, Operette, Musical, Film erleben, ist das insbesondere einem zu danken. Kammersänger Heiko Reissig, seit Jahren einer der beliebtesten deutschen Operettentenöre, hat die inzwischen international populären „Elbland-Festspiele“ in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen und sich bis 2008 als Intendant und Regisseur dafür engagiert.

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Elbland-Festspiele Wittenberge 2004: Heiko Reissig  (M.) singt mit Counter-Tenor Jochen Kowalski, Stephanie de Kowa, René Kollo, Johannes Heesters und Dagmar Frederic  das Finale aus der Fledermaus „Im Feuerstrom der Reben“ (v.l.)  

Die Oper wurde als gehobene Unterhaltung immer gepflegt. Die Operette galt wegen ihrer Lebensfreude und Leichtigkeit als seicht und wurde geringschätzt. Unverdienterweise.  Die Musik ist üppig, die Geschichten haben einen kritisch-frivolen Unterton, eine fein-ironische Sprache. Man muss sich nur für diese Kunst öffnen, um das zu erkennen. „Operette ist immer ein gesellschaftskritischer Spiegel gewesen“, bricht Heiko Reissig eine Lanze für das als „kleine Oper“ im 19. Jahrhundert hervorgegangene heitere Bühnengenre. Populäre Beispiele – Johann Strauss’ „Fledermaus“, den „Zigeunerbaron“ und Carl Millöckers „Bettelstudent“.

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Duett mit Deborah Sasson 2009

Als charmanter Entrepreneur hat sich Heiko Reissig dieser oftmals stiefmütterlich behandelten Kunst angenommen. Er trat in die Fußstapfen so großer Protagonisten der Operette wie Richard Tauber, René Kollo, Johannes Heesters und Jan Kiepura, einem der beliebtesten Operetten-Tenöre des 20. Jahrhunderts.

Heiko Chritian Reissig
Am 19. Februar ist er 50 geworden

Berlin-Reinickendorf. Ein Stück historisches Berlin verströmt hier im Kiez um den Franz-Neumann-Platz noch sein Flair. Die Mehrfamilienhäuser, karminrot und beige gestrichen, mit Stuckfassaden und Kastendoppelfenstern, wurden 1927 erbaut. Heiko Reissig hat mich zum Interview in seine gemütliche Wohnung eingeladen. 2016 ist für den sympathischen und humorvollen Wahlberliner das Jahr der Jubiläen. Im Februar feierte er seinen 50. Geburtstag, was man dem lausbubenhaft Wirkenden, dessen Mund meistens ein Lächeln umspielt, kaum abnimmt. Im September steht sein 40-jähriges Bühnenjubiläum an.

Heiko Chritian Reissig
Heiko Reissig ist ein humorvoller Erzähler

Zu Fuß geht es vier Treppen hoch. Fotograf Nikola Kuzmanic hat zu asten. Oben angekommen, schlägt uns das Herz bis zum Hals. „Das ist mein tägliches Konditionstraining“, empfängt uns Heiko Reissig, elegant gekleidet in heller Hose und apricotfarbenem Hemd. Er reicht Wasser zur Erfrischung. „Möchten Sie sich kurz umschauen?“ fragt er. Aber ja doch. Journalisten sind neugierig. Drei Zimmer – an einem steht „Kabinett“ – Küche, Bad auf 75 Quadratmetern, das ist nicht üppig. Für ihn passt es perfekt. „Ich habe keine Nachbarn neben mir und über mir nur den Dachboden. Wenn ich singe und übe, stört das keinen.“

CD-Cover Heiko Reissig - Jubiläumsalbum 2016
Ein Doppelalbum mit den schönsten Melodien der Liebe aus Operette und Oper ist der Auftakt für sein 40-jähriges Bühnenjubiläum 

Der ausgebildete Opernsänger hat einen kräftigen Tenor, hören wir später, als er beim Foto-Shooting ein paar Takte singt. Zu leicht für die schwere italienische Oper, befand seinerzeit sein Gesangsdozent an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, Prof. Wolfgang Büttner, und wies ihm den Weg auf die Operettenbühne. Gleich im ersten Studienjahr spielte der damals 24-Jährige an der Komischen Oper in Jacques Offenbachs Operette „Zwei Berliner in Paris“ eine der Titelrollen. „So kam ich in dieses Fach und habe es nie bereut“, erfahren wir bei Apfeltaschen und Kaffee. Er hat sie extra für uns gebacken. „Mit Liebe gebacken“, scherzt er. Mir fällt die Arie des Prinzen Orlofsky aus der „Fledermaus“ ein: „Ich lade gern mir Gäste ein, man lebt bei mir recht fein…“ Beim Kaffeebrühen muss ich helfen. Dem Teetrinker fehlt das Maß.

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Heiko Reissig als Hans in Bedřich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ mit Sopranistin Julia Henning, 2009

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Schnell ist ausgemacht, dass er allein lebt. Junggeselle aus Passion? Ein Mann wie mit seinen Vorzügen ist doch ein Traum: gutaussehend, häuslich, charmant. „Nein. Bei mir ist es wie bei den Schmetterlingen. Ich fliege von Blüte zu Blüte, um die richtige zu finden. Noch hat es nicht gepasst.“ Die blauen Augen funkeln verschmitzt. Ich muss an einen Tonfilm- Schlager der 30-er Jahre denken, den er natürlich auch in seinem Repertoire hat: „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n…“
Da ist aber keine Midlife-Crisis im Spiel, die Männer seines Alters oft mal überfällt. Diese Stimmung kommt in seinem Befindlichkeitsrepertoire gar nicht vor. Wie sollte es auch bei jemandem, der sein Herz der heiteren Muse verschrieben hat und fröhlichen Gemüts ist. Sein starkes Hinterland ist die Familie in Wittenberge, die Eltern, die Schwester mit Mann und Sohn. „Für meinen Neffen bin ich ein Traumonkel“, lacht er. Er hat mit mir schon die halbe Welt gesehen.“ Und so umgänglich und kommunikativ wie wir ihn erleben, ist er für den mittlerweile 26-Jährigen sicher ein echter Kumpel gewesen.

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Heiko Reissig mit seinem Ensemble „Die Berliner Grammophoniker“ und Opel-Legende Heidi Hetzer in ihrem „Hispano Suiza“, Bj. 1924

Reissigs Leben ist ausgefüllt. Neben Gastspielen, Konzerten, Tourneen kümmert er sich seit seiner Studienzeit um die Förderung junger Operetten-Künstler. Damals gründete er das „Deutsche Konzertbüro“, aus dem der Förderverein „BühnenReif“ hervorging. „Mir war aufgefallen, dass im Bereich der Operette nicht viel passiert, der Nachwuchs fast immer hintan stand. 2001 haben wir einen Studenten an das Liverpool Institute of Performing Arts delegiert, dessen Mitbegründer Paul McCartney ist.“ In diesem Sinne engagiert er sich auch ehrenamtlich als Präsident in der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien. Und es kommen bekannte Schauspieler zu ihm, um ihre Stimme schulen zu lassen. Wie Karsten Speck, mit dem er zusammen in seinem letzten Studienjahr an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ studiert hat.

Heiko Chritian Reissig
Konzentriert studiert er die Noten ein

Mancher würde sich bei dieser Vielseitigkeit verzetteln. Reissig macht alles strukturiert, mit Akkuratesse. „Ich habe Spaß an allem, verliere aber nie die Übersicht. Das war schon immer so.“ Beim Blick auf seinen Schreibtisch können einem angesichts der Heftstapel und Notenblätter allerdings Zweifel kommen. „Alles hat seinen Platz“, gibt er Antwort auf meinen fragenden Blick.
Was bleibt eigentlich hängen bei den vielen Eindrücken, die unweigerlich auf ihn einstürmen, wenn er durch die USA tourt, in Ungarn, Österreich, Italien, Mexiko oder Afrika auftritt? „Vieles. Ich nehme mir immer Zeit, durch die Städte zu streifen, um etwas von dem Lebensgefühl aufzunehmen. Und  natürlich bleiben die Begegnungen mit den Menschen. Unglaublich, wie beliebt unsere Operettenmusik in Japan ist.“

Begeistert erinnert er sich an die Konzerte im traditionsreichen Freizeitpark „Glücks-Königreich“ auf der Insel Hokkaido. Fünf Monate hat er dort fast jeden Tag für die Besucher im Nachbau von Schloss Bückeburg gesungen. „Ein japanischer Milliardär hat nahe der Stadt Obihiro ein Mini-Deutschland erbauen lassen, mit Straßen, Fachwerkhäusern, Schlössern, Denkmälern – alles in Originalgröße“, erzählt er. „Die Japaner haben eine große Vorliebe für die deutsche Kultur. Viele können sich die Reise nach Deutschland aber nicht leisten. Sie kommen in den Park.“
Unvergesslich für ihn die Konzerte am Nordpol in der berühmten Eiskirche von Tromsø. Und eben erst ist er von einer 12-tägigen Ostsee-Kreuzfahrt zurückgekehrt. „Ich habe reiche Leute unterhalten. Für die meisten war Operette leider ein Fremdwort.“ Aber er hat sie eingefangen und als galanter und humorvoller Fremdenführer in seiner „Musikalischen Rumpelkammer“ auf eine Zeitreise in die Welt berauschender Operetten- und Filmmelodien mitgenommen.

Heiko Chritian Reissig
Die Gedanken schweifen lassen muss auch mal sein

Das Programm ist eine Hommage an die Helden seiner Kindheit. Und das war nicht Gojko Mitic als DEFA-Indianerhäuptling Tokei-ihto, Chingachgook oder Ulzana und auch nicht Pierre Brice als Winnetou. Ihn haben die Ufa-Stars wie Heinz Rühmann, Marika Rökk, Zarah Leander, Hilde Hildebrandt, Hans Moser, Theo Lingen oder Johannes Heesters fasziniert. „Wenn montags die alten Filme im Fernsehen liefen, lag ich auf dem Boden hinter der Couch, im Rücken meiner Eltern, und habe heimlich mitgeguckt. Kult wurde für den Jungen auch „Willi Schwabes Rumpelkammer“. Eine sehr beliebte Fernsehsendung in der DDR. Der Schauspieler Willi Schwabe entstaubte in einer Bodenkammer Requisiten und Schallplatten mit Melodien berühmter Ufa-Filme und zeigte Szenen, zu denen er immer auch Anekdotisches und Hintergründe zu berichten wusste.

Renate Holm & Heiko Reissig, 2013
Duett mit Kammersängerin Prof. Renate Holm

Das hat tiefe Spuren hinterlassen bei dem kleinen Heiko und seine Liebe zu der Welt der heiteren Muse geweckt, die heute seine große Leidenschaft ist. „Ich wollte diese Ufa-Stars unbedingt kennenlernen.“  In der DDR eine Unmöglichkeit. Doch die Wende 1989, der Beitritt zur BRD, ließ ihn hoffen. „Ich habe sie fast alle noch getroffen, sogar wunderbare Freundschaften entstanden“, erzählt er. Er war zu Gast bei Heinz Rühmann, bei Marlene Dietrich in Paris, Carl Raddatz, Leni Riefenstahl, Hans Holt, Paula Wessely, Camilla Spira, Johannes Heesters, Karin Hardt, Jenny Jugo, Marianne Hoppe, Kristina Söderbaum… Stars, deren Namen heute fast vergessen sind. Heiko Reissig holt sie in seinen unterhaltsamen Konzertprogrammen wieder auf die Bühne. – „Greifen Sie zu, der Teller muss leer sein, wenn Sie gehen“, animiert er uns, bevor er einige seiner Anekdoten erzählt, und wir uns seine Fotosammlung anschauen.

Heiko Chritian Reissig
Ufa-Legende Heinz Rühmann hat seinen größten Fan 1989 nach Aachen eingeladen. Heiko Reissig (r.) 

Ein Schwarzweißfoto zeigt ihn mit Ufa-Legende Heinz Rühmann. Seine Filme „Die drei von der Tankstelle“ oder „Die Feuerzangenbowle“ sind Evergreens. Dutzende Briefe schrieb der Junge aus Wittenberge damals an seinen allergrößten Schwarm. „Ich hatte keine Adresse, deshalb stand auf dem Umschlag nur: An Heinz Rühmann, BRD.“ Die Deutsche Post der DDR hat sie aussortiert. Kontakte in den Westen waren nicht erwünscht. Angekommen ist nur einer. „Den hatte ich 1988 bei einem Urlaub in Budapest geschrieben und von dort abgeschickt.“

Wenige Monate später, kurz vor Weihnachten, kam Antwort. „Als ich Büro H. R. las, haben mir vor Aufregung die Hände gezittert.“ Heinz Rühmann bedankte sich und schickte mir seine Biografie mit einer Widmung.“ Das Jahr darauf, Wendezeit, erhielt er unerwartet einen weiteren Brief. Diesmal mit einer persönlichen Einladung des Schauspielers. „Lieber Heiko Reissig“ hieß es darin, „Ihr Wunsch ist nicht vergessen. Herr Rühmann lädt Sie zu seiner letzten Weihnachtsmatinee am 17. Dezember 1989 in das Stadttheater nach Aachen ein. Die Karte liegt an der Kasse.“

Heiko Chritian Reissig
Heiko Reissig mit Hertha Rühmann in der Villa am Starnberger See, wo er für die Familie ein Hauskonzert gegeben hat

Sein Herz jubelte. Der 23-Jährige nahm seine 100 DM West Begrüßungsgeld, mit denen man die DDR-Bürger nach der Grenzöffnung in der BRD willkommen hieß, kaufte eine Fahrkarte und fuhr nach Aachen. „Meine erste Westreise ging zu meinem großen Star. Kaum zu fassen, wenn man weiß, dass Heinz Rühmann mit seinen Fans grundsätzlich keinen persönlichen Kontakt pflegte. Es traf mich wie ein Blitz, als er mir von der Bühne in die Augen sah. Bei Hirschbraten und Klößen, Rühmanns Lieblingsessen, unterhielten ich mich mit ihm und seiner Gattin Hertha im Hotel Steigenberger zwei Stunden.“

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Es war die Neugier auf den Jungen aus dem Osten, der mit seinem Brief den großen Rühmann zu Tränen gerührt hatte, die den Schauspieler diese Ausnahme machen ließ. Der damals bereits 88-Jährige hat bis dahin nicht erahnt, wie sehr ihn auch die Menschen auf der anderen Seite der Mauer verehrt haben. „Später habe ich bei Rühmanns am Starnberger See ein Hauskonzert gegeben. Frau Rühmann schrieb mir danach in einem berührenden Brief, ich hätte mit meinem Singen das Glück in ihr Haus gebracht.“ Heinz Rühmann starb 1994, mit 92 Jahren. Zu seinem 100. Geburtstag widmete Heiko Reissig seinem Lieblingsstar das heiter-besinnliche Kammerspiel „Ein Freund, ein guter Freund!“, das er zusammen mit Prof. Hans-Hermann Krug, dem damaligen Intendanten des Winterstein-Theaters Annaberg-Buchholz – schrieb. Die Hauptrolle sang und spielte der beliebte DDR-Musicalstar Peter Wieland.

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Operettenstars unter sich: Renate Holm, Heiko Reissig und Peter Wieland 2008 zur Eröffnung der Europäischen Kulturwerkstatt am Brandenburger Tor in Berlin

Fast alle Sehnsüchte aus Kindertagen erfüllten sich. Prof. Boleslaw Barlog, ehemaliger Generalintendant der (West)-Berliner Schauspielbühnen mochte den interessierten Musikstudenten, der sich bei ihm gleich nach der Wende vorstellte. Beide freundeten sich an, und Reissig wurde Barlogs persönlicher Assistent. „Er hat mir die ersten Wege zu den Ufa-Stars geebnet“, erzählt Reissig. „Barlog rief bei ihnen an und sagte: Da kommt so ein kleener Verrückter, seid mal nett zu ihm.“

Heiko Chritian Reissig
Prof. Boleslaw Barlog und Heiko Reissig 1996. Der ehemalige Generalintendant der Berliner Schauspielbühnen unterstützte den wissbegierigen und sympathischen jungen Mann

Heiko Chritian Reissig

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Marika Rökk schreibt ein Autogramm für Heiko Reissig 

Heiko Reissig besuchte Marika Rökk in ihrer Villa in Baden bei Wien. Eins seiner kuriosesten Erlebnisse. „Ich stand im Salon. Eine große Eichentür ging auf und Marika Rökk erschien in einem dunkellila Morgenmantel. Ich wollte gerade etwas sagen, als sie mich, die Arme ausbreitend, in ihrem faszinierenden ungarischen Dialekt begrüßte: ,Junger Mann, wenn Sie kommen auf Bühne, Sie müssen machen groß, groß, groß! Habe ich gemacht mein ganzes Leben. Immer für das Publikum groß, groß, groß! Und ganz wichtig’ – sie streckte mir ihr rechtes Bein entgegen und schlug drauf – ,Muskulatur, Muskulatur ! Fass mal an!’ Ich durfte wahrhaftig den Oberschenkel der großen Rökk berühren! Unglaublich, wie im Traum! Dann haben wir Kaffee getrunken und noch viel gelacht.“ Heute ist er mit Rökks Tochter Gabriele Jacoby befreundet. „Wenn ich Konzerte in Österreich gebe, wohne ich in der Villa ihrer Mutter.“

Mit der Schauspielerin Ilse Werner, berühmt für ihr Pfeiftalent, stand er in seinem Programm „Operette mit Pfiff“ auf der Bühne. Er gerät ins Schwärmen über die gemeinsamen Auftritte. „Ein wunderbare Künstlerin, aber auch ein Biest. Sie ließ mich einmal auf der Bühne stehen, ging einfach ab. Sie hatte ihren Pfiff-Einsatz vergessen. “

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Heiko Reissig ist Stargast bei der großen Gala zum 100. Geburtstag von Marika Rökk 2013 im Operetten-Theater Budapest

Unzählige Devotionalien hat er im Lauf der Jahre geschenkt bekommen, so einen weißen Schal von Johannes Heesters, von Marika Rökk das Monokel aus ihrem Film „Die Frau meiner Träume“. Die Hausjacke und die Laterne von Rumpelkämmerer Willi Schwabe gehören zu seinem Bühnenoutfit, wenn er seine „Musikalische Rumpelkammer“ präsentiert.

Heiko Chritian Reissig
Mit Diseuse und Brecht-Interpretin Gisela May 1984 auf dem Solidaritätsbasar der DDR-Journalisten in Berlin 

Dass er sich mit Haut und Haaren einmal der Operette verschreiben würde, hatte Heiko Reissig nicht im Sinn, als er mit zehn Jahren als Kinderdarsteller in der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ die phantastische Welt des Theaters betrat. Es fügte sich alles auf seinem Weg auf die Operettenbühne, wenn auch mit einigen Umwegen. Die Eltern, bodenständige Leute, hatten nichts mit Kunst zu tun. „Ich bin das sogenannte Schwarze Schaf“, erzählt er.
Weil der Vater meinte, er solle einen handwerklichen Beruf erlernen, damit er etwas könne, wenn es als Sänger nicht klappt, absolvierte der Sohn nach dem Abitur bei der Schweriner Volkszeitung zunächst eine Lehre zum Buchdrucker und Typografen. Im Anschluss holte die obligatorische Wehrpflicht den 18-Jährigen für anderthalb Jahre zur Nationalen Volksarmee. Als sein Wehrdienst beendet war, ging er in die Kultur, wurde in Perleberg wegen seines Organisationstalentes gleich stellvertretender Kulturhausleiter – der jüngste in der DDR.

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Mit Ivan Rebroff 2007

Sein Organisationstalent und sein Engagement fielen überall auf. Die FDJ-Kreisleitung Perleberg delegierte ihn 1988 zum Pfingsttreffen nach Berlin. Ihm oblag es, hinter den Kulissen die Jugendrevue „Immer am Ball“ im Friedrichstadtpalast zu managen. Das sollte kein Intermezzo bleiben. Friedrichstadtpalast-Intendant Reinhold Strövesand gefiel der kreative junge Mann aus Wittenberge. So einer fehlte in seiner Abteilung für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Er bot ihm eine Stelle an. „Wer hätte da nein gesagt“, erinnert sich Heiko Reissig. „Aus der Provinz nach Berlin, davon träumte jeder damals.“

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Udo Lindenberg und Heiko Reissig in Hamburg. Der Operetten-Tenor mag Lindenbergs Musik und schätzt dessen klare Haltung

Er suchte sich eine Wohnung, die er mit viel Glück im Friedrichshain fand. 26 Quadratmeter klein. Seine Berufswünsche richteten sich nun in Richtung Regie. Er hatte den Studienplatz an der Filmhochschule Babelsberg schon fast in der Tasche, als er bei der Musikprüfung gefragt wurde, warum er mit seiner Stimme nicht Opernsänger wird. „Das gab mir zu denken, mein Kindertraum keimte wieder auf. Langen Überlegungen, wohin nun des Wegs, nahm ihm die Wende ab. Über das beliebte Revuetheater – mit der größten Theaterbühne der Welt, 2854 m² – rollte 1990 wie über alle Betriebe der DDR nach deren Beitritt zur BRD die Entlassungswelle. „400 der 700 Mitarbeiter mussten gehen.“ Seine Gesangslehrerin riet ihm, sich nun endlich für ein Studium zu bewerben, bevor er arbeitslos wird.

Heiko Chritian Reissig

An der renommierten Hochschule für Musik und Theater in Leipzig wurde er sofort angenommen. Später studierte er noch weiter an den Hochschulen in Berlin und München. 1994 hatte er sein Diplom als Opernsänger und Gesangspädagoge in der Tasche. In den USA, Italien und Österreich folgten Meisterkurse in Gesang, unter anderem bei der weltberühmten Operettensopranistin Marta Eggerth, der Ehefrau von Jan Kiepura. Bei dem großen Maximilian Schell lernte er in Köln Schauspiel.

Heiko Chritian Reissig
Maximilian Schell unterrichtete den jungen Operetten-Tenor in der Schauspielkunst. Ihre Freundschaft hielt bis zum Tod der Schauspiel-Legende

Auch seiner Neigung zur Regie folgte er noch, studierte bei den namhaften Theater- und Opernregisseuren Ruth Berghaus, Harry Kupfer und August Everding. „Für mich bedeutet der Beruf mehr, als nur auf der Bühne zu stehen und zu singen.“ Seiner Leidenschaft alles zu geben, was er vermag, das ist sein Credo. Als Sänger, Schauspieler, Moderator vermag er sein Publikum mitzureißen. Schubladendenken sind dem charismatischen Multitalent fremd.

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Heiko Reissig mit einem prominenten „Damenquartett“ – Anke Lautenbach, Sarianna Salminen, Stephanie de Kowa und Lauren Francis (v.l.)

1998 wird Reissig zu den traditionellen österreichisch-ungarischen Operetten-Festspielen nach Mörbisch am See eingeladen. Täglich 6000 Operetten-Liebhaber strömen zu dem alljährlichen Sommerfestival. „Die Begeisterung des Publikums war umwerfend. Die Österreicher lieben und pflegen die Operette, was ich mir auch für Deutschland wünschte“, sagt er. Mit der Idee, in Wittenberge ein ähnliches Sommerfestival der heiteren Muse zu gründen, fuhr er damals nach Hause. „Es war nicht leicht, die Vertreter der Stadt davon zu überzeugen, dass Kultur auch ein Wirtschaftsfaktor ist“, erinnert sich Heiko Reissig. „Was brauchen keine Kultur, wir brauchen Industrie, hieß es.“ Schließlich erlebten 1400 Zuschauer mit dem „Feuerwerk der Musen“ am 20. Juni 2000 die Geburt der Internationalen Operetten-Festspiele in der Industriebrache Alte Ölmühle. Es wurde ein grandioser Erfolg und die Presse feierte ihn den „ Kavalier der heiteren Muse“. Der Ehrentitel wurde sein Markenzeichen.

Heiko Chritian Reissig
2000 war Operetto-Tenorbuffo Reissig bei den Seefestspielen in Mörbisch im „Zigeunerbaron“ zu erleben

Die Elblandfeste leben bis heute erfolgreich weiter und locken Jahr für Jahr das begeisterte Publikum in Scharen nach Wittenberge. 2012 wurde dem Künstler, anlässlich seines 25-jährigen Berufsjubiläums, in der Berliner Philharmonie der Ehrentitel „Kammersänger“ verliehen. Derzeit forscht und schreibt er an seiner Promotion an der Universität der Künste zur Geschichte der Staatsoper Berlin von 1933-1945. Sein Mentor ist der legendäre Staatsopernintendant Prof. Dr. Hans Pischner, mit dem er schon seit über 30 Jahren sehr befreundet ist.

Heiko Reissig - Meer

Was bleibt noch offen in seinen Wünschen? „Nicht nur die Operette ist heute eine vergessene Kunst. In unseren Filmarchiven zerfallen jeden Tag sechs Kilometer Filmkunst. Weil die alten Nitro-Filme keiner mehr zeigt, werden sie auch nicht in moderne Speichermedien überspielt. Ich wünsche mir daher ganz dringend einen eigenen Fernsehkanal, in dem diese Schätze gehoben, gesichert und den nachwachsenden Generationen nahegebracht werden. Wie uns damals von Willi Schwabe. Das hatte bleibenden Effekt.“

http://www.heikoreissig.de

Aktuelle Termine:

17.7. – 23. 7. Konzerte „Im weißen Rößl am Wolfgangsee“ in St. Gilgen am Wolfgangsee und Wien

– 24.9. – Große Jubiläumsgala 40 Jahre Bühne „HR – Ich lade gern mir Gäste ein!“ / Festspielhaus Wittenberge mit vielen Stars und Künstlerkollegen von Bühne & Film

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15./16.12. – Meistersingerhalle Nürnberg:  Nürnberger Weihnachtsgala (Gesang & Moderation) u. a. mit Startrompeter Walter Scholz

Und ab Januar 2017 geht er mit seiner Filmschlager-Revue „Das gab’s nur einmal“ zum 100. Geburtstag der Ufa auf Tournee.Elf Konzerte im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin stehen schon. Internationale Stars wie die Schwedin Karin Pagmar und die dänische Sopranistin Lisa Tjalve werden dabei sein.

 

Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche

„Die Zeit ist unerbittlich und läuft immer schneller, merkwürdigerweise. Man muss das akzeptieren. Man kann nicht unentwegt darüber sinnieren, wie viel einem noch bleibt. Das sind die großen Ungewissheiten im Leben.“

So begann mein erstes Interview vor 15 Jahren mit Hilmar Thate. Sein 70. Geburtstag hat uns damals zu einem sehr langen philosophischen Gespräch über das Leben veranlasst, das ihn wie auf einer Achterbahn rauf und runter schickte. Wir redeten darüber, welchen Sinn alles Geschehene gemacht hat. Ich weiß es noch wie heute: Mit meinem PC bin ich zu ihm nach Charlottenburg gefahren, und wir haben die Gedanken sortiert, an Fragen und Antworten gefeilt. Es war uns wichtig, dass es genau wird und einen Humor hat. Es machte großen Spaß. Der zierliche Mann mit der strubbligen Punk-Frisur, die ihm die Natur geschenkt hat, ist ein sehr witziger Mensch. Unter der Überschrift „Ich bin ein Guerillero“ erschien es am 17. April 2001 in der „Morgenpost“.

Hilmar Thate
In seinem Lieblingsitaliener stoßen wir 2006 auf seinen 75. Geburtstag an. Foto: Yorck Maecke

Damals begannen wir uns gut leiden zu können und legten das Fundament Vertrauen für spätere Begegnungen, an deren Ende ein Interview stand. An besonderen Geburtstagen waren sie gesetzt. Nur in diesem Jahr, zu seinem 85., musste die Plauderei, der Rückblick mit neuen Erkenntnissen ausfallen. „Es geht nicht“, sagt Angelica Domröse, die nur knapp zwei Wochen zuvor, am 4. April, ihren 75. Geburtstag beging. „Wir sind nicht auf der Höhe.“ Mehr ist von ihr nicht zu erfahren.

Seit 40 Jahren geht das Paar zusammen durchs Leben. Nicht ohne große Krisen, an denen ihre Beziehung jedoch nicht gescheitert ist. Im Gegenteil. „Wir haben uns geschützt und gestützt. Es ging um mehr als unsere Liebe. Die Ereignisse nach dem Verlassen der DDR haben uns vor eine ganze Problemserie gestellt. Ihre Bewältigung hat uns zu einem großen Bündnis gemacht“, beschreibt es Hilmar Thate. In diesem Bündnis ist es jetzt Angelica Domröse, die ihn, ihre  Lebensliebe schützt und stützt. Zuletzt trafen wir uns 2013 zur Premiere der Filmkomödie „Hinterm Horizont, dann links!“ über den Aufstand einer Seniorengruppe mit einer sehr aufmüpfigen Angelica. Er wirkte zerbrechlich, aber es war Freude in seinen Augen.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Angelica Domröse und Hilmar Thate vor dem Kino Babylon zur Preisverleihung der DEFA Stiftung 2008. Foto: André Kowalski

Gespräche mit Hilmar Thate haben mich immer bereichert. Ich profitierte von der Tiefgründigkeit seiner Gedanken, der Weisheit, seiner Suche nach dem Sinn des Daseins der Menschheit seit dem Urknall „Gegen Erdbeben ist kein Kraut gewachsen. Aber was an technischem Unfug gemacht wird, ohne die Risiken zu bedenken, grenzt an Lebensmüdigkeit.“ Thate hat sich und sein künstlerisches Tun stets in Beziehung zur Welt gesetzt. So erlernt bei Brecht am Berliner Ensemble, dem er zehn Jahre angehört hat, und mit dem er um die Welt reiste als Givola in „Arturo Ui“ (1959) oder als Aufidius in „Coriolan“. In der Erinnerung an diese Zeit schwärmt er von Helene Weigel, der Prinzipalin. „Unser Verhältnis entwickelte sich allmählich. Helli war eine Urwienierin, mit Schmäh und Verspieltheit. Sie kochte vorzüglich. Wir spielten zusammen in Mutter Courage, Coriolan, Frau Flinz. Eine grandiose Schauspielerin! Ihre Schützlinge hat sie umsorgt und war außerdem eine Frau mit Geschmack und großem ästhetischen Feingefühl. Das übertrug sich besonders auf uns junge Schauspieler. Angelica, die 1960 kam, hat ihr die Leidenschaft für Antiquitäten zu verdanken.“

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Hilmar Thate in„Wahlverwandtschaften“, 1974 Foto:  DEFA/Goldmann (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich , als ich noch Kind war“)

In den vergangenen sechs Jahrzehnten deutscher Theater- und Filmgeschichte hat Hilmar Thate eine kräftige Spur hinterlassen mit seinen markanten Interpretationen  von Gestalten wie Shakespeares „Richard III.“ ( 1972),  Galy Gay in Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ (1969) oder auch dem LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (1976, DDR-Fernsehen). Seine letzte Rolle vor der Kamera ist der Komponist Hanns Broch in dem Drama „Hitlerkantate“ (2004), in dem es letztlich um die Frage geht, welche Verantwortung ein Einzelner für den Gang der Geschichte trägt. Welche Rolle dem Künstler in der Gesellschaft zukommt. Für Thate heißt künstlerische Auseinandersetzung, „wach zu sein, neugierig, hirnfähig, das mit zu verarbeiten, was ich erlebe. Doch nicht vordergründig.“

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Baby Hilmar 1932, Foto: privat

Thate kam am 17. April 1931 in Dölau zur Welt. Der Vater war Lokomotivbauer und darüber hinaus ein Musenmensch. Er mochte Wagner, Verdi, sang und hatte immer die Sehnsucht, mehr wissen zu wollen. Diesen Drang gab er an seine drei Kinder weiter. Hilmar, der sich sehr früh für Literatur interessierte, entdeckte bald den Reiz des Theaters für sich. „Ich war ein Dörfler und wollte immer die Welt hinter Dölau kennenlernen. Das Theater hatte für mich eine höchste Merkwürdigkeit. Schauspieler waren für mich besondere Menschen. Auf der Straße habe ich ihnen immer hinterher geguckt. Über die Staunerei fühlte ich mich herausgefordert, das auch zu schaffen.“

An der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik Halle wurde der Grundstein gelegt. 1949, mit Achtzehn, stand der Dorfjunge in Cottbus auf der Bühne. Der Oberspielleiter Hans Albert Schewe erkannte sein Potenzial und schickte ihn zu Brecht nach Berlin. Diese Begegnung gehört zu den nachhaltigsten Höhepunkten in Thates Leben. „Ich saß in Brechts Wohnung in Weißensee. Er unterhielt sich eine Stunde mit mir, und wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Vorsprechtermin. Helene Weigel, die Prinzipalin und hochgeschätzte Schauspielerin, lehnte ihn ab. „Geh, Buberl, lern’, erst ’mal sprechen“, sagte sie ihm. Er sah sich noch Mutter Courage im Theater an und fuhr dann kleinlaut nach Cottbus zurück.

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Porträt von 1949. Foto privat

Zweifel nagten, er wollte den Beruf aufgeben. Doch was dann? – Thate ging nach Berlin zurück. Seine Schule wurden das Theater der Freundschaft und das Gorki Theater. „Es war generell in meinem Leben immer eine Angststufe zu überwinden, eine sehr hohe Hürde, um dann loszulegen“ sagte im Interview 60 Jahre später. 1959, zwei Jahre nach Brechts Tod, schaffte er es, die Weigel zu überzeugen, dass er bei ihr spielen kann. Die Zeit am Berliner Ensemble prägte ihn entscheidend. Dennoch verließ er das BE 1970. „Das Theater war in seiner Weltberühmtheit erstarrt und fing an, sich selbst zu zitieren. Meine Hoffnung auf ein Team, einer Denkgemeinsamkeit, auf Übereinstimmung, was Themen betrifft, das hat sich nicht erfüllt. Ich habe mich für die freie Wildbahn entschieden und bin ein Guerillero geblieben.“

Nach einem Intermezzo an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielte er ab 1972 am Deutschen Theater, umjubelt als „Richard III“. Wirklich glücklich war er nicht. „Es war kein Haus, das Leute offenherzig aufnahm. Ich wurde nur schwer geduldet“, erinnerte er sich in seinem Rückblick. Aber: „Erfolg und Erfüllung von Sehnsüchten fliegen einem nicht wie gebratene Tauben in den Mund. Es gab mehr Zäsuren, Hochs und Tiefs als ich geahnt habe, mehr Feinde als Freunde. Das gehört zu dem großen Spiel, das da Leben heißt.“

In der DDR feierte Hilmar Thate vor allem auch als Filmschauspieler große Erfolge. Schon 1954 holte Regisseur Wolfgang Staudte den jungen Schauspieler vor die Kamera. „Einmal ist keinmal“  wurde Thates Leinwanddebüt. Er entwickelte sich zu einem erstklassigen Charakterdarsteller und begreift sich als politischer Schauspieler, der seinen Figuren Leidenschaft und Energie verleiht.

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Mit Raimond Schelcher in „Das Lied der Matrosen“ 1958 (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

Es sind ausnahmslos jene, die sich  positionieren, meistens fortschrittlich-revolutionär, idealistisch: 1958 im DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“, 1960 in „Professor Mamlock“, 1974 in Goethes „Wahlverwandtschaften“, 1976 den LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ im gleichnamigen TV-Fünfteiler. Für diese Rolle wurde er mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Später, im Westen, fasziniert er auch auf der Seite des Bösen. Er verleiht dem Kindermörder im Tatort „Ein mörderisches Märchen“ eine menschliche Gestalt voller Widersprüche wie auch dem Zuhälter in der TV-Serie „Der König von St. Pauli“. Thate ist der Mephisto, nie der Faust. Er sagt dazu: „Mich fasziniert die Kraft, ,die stets das Böse will und stets Gutes schafft’, von der Mehrdeutigkeit, die in diesem Gedanken steckt, mal ganz abgesehen.“

Das Jahr 1976 war auch das Schicksalsjahr für Hilmar Thate und Angelica Domröse. Im Juli heirateten sie. Das gehört zu den schönen Ereignissen. Die schlimmen folgten, nachdem sie die Petition kritischer DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatten. „Es ging uns nicht um die Person. Aber man kann nicht einen rausschmeißen und Tausende nicht rauslassen. Deshalb haben wir das gemacht.“ Man hat sie bedrängt, ihre Unterschrift zurückzunehmen. Die Oberen der DDR wollten das bekannte Schauspielerpaar nicht verlieren. Der Chefideologe Kurt Hager selbst bemühte sich um sie. Als man merkte, dass sie nicht widerrufen würden, kam die Strafe. Die Theater versagten Hilmar Thate Rollen, auch Filmangebote bekam er nicht mehr. Der Fernsehfilm „Fleur Lafontaine“ 1978 war für ihn die letzte Arbeit in der DDR.

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1978 in „Fleur Lafontaine“ mit seiner Frau Angelica (Repro aus  Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

„Es war nicht unser Trachten, die DDR zu verlassen. Weder Angelica noch ich mochten das kapitalorientierte System im Westen. Aber man hatte uns die Existenzgrundlage genommen, und wir wollten uns nicht verbiegen lassen. Wir waren genötigt, eine Entscheidung zu treffen.“ 1980 siedelten sie nach Westberlin über. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in „Jeder stirbt für sich allein“, Angelica drehte „Don Quichottes Kinder“. Sie bauten sich ein neues Leben auf. Und sie stehen viel zusammen auf der Bühne. Am Schlosspark-Theater in „Virginia Woolf“ oder in George Taboris Inszenierung „Stalin“ 1988. ein Zwei-Personen-Stück von Gaston Salvatore. Tabori besetzte Angelica Domröse in der Titelrolle, Thate spielte den jüdischen Schauspieler, der als Spielball für den Diktator herhalten muss. Das ungleiche Duell zweier hochintelligenter Männer trieb die Spiellust der Beiden zur Grandiosität. „Diese Arbeit gehört durch den hohen Grad ihrer Ungewöhnlichkeit zu den wertvollsten in meinem Theaterleben“, resümiert Thate in seiner Autobiografie.

Thate arbeitete unter Regie-Größen wie George Tabori, Peter Zadek, Ingmar Bergman unter anderem in Wien und Salzburg. Mit Rainer Werner Fassbinder drehte er „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und ist den Fernsehzuschauern im Westen als schillernder Bordellbesitzer Rudi Kranzow in Dieter Wedels Fernsehserie „Der König von St. Pauli“ bekannt geworden. 2004 stand er für den Film „Hitlerkantate“ das letzte Mal vor der Kamera. Es lag an den Angeboten. Er mochte sie nicht spielen. Es sind nun mehr seine Soloauftritte mit Liedern und Texten von Brecht und Weill oder Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, mit dem er seine Freude an Auftritten vor Publikum stillt.

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Die Autobiografie erschien 2006

Zu seinem 80. Geburtstag  2011 habe ich ihn gefragt, was ihn noch vorwärts treibt. Er antwortete: „Das Denken. Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.

Thate 2011 zu Fragen seines Lebens

Erstaunt es Sie, so alt zu sein?
Ja. Ich habe nie gedacht, dass ich mal diesen Geburtstag erlebe. Ganz lange Zeit war ich immer der Jüngste, jetzt bin ich plötzlich einer der Ältesten. Das ist komisch. Es ist ein gewisser Glückszustand, dass ich mich fühle wie jetzt. Man merkt natürlich, dass die Energie kürzer zu fassen ist, dass man eher ermüdet. Aber man muss sich diesen Zustand an die Brust ziehen und sagen: Sei mein!

Was, wenn’s mal anders wird?
Ich möchte nie nicht lebend ein Elend ertragen. Meinem Hausarzt und Freund habe ich gesagt: „Wenn ich in einer dreckigen Situation bin, halt den Schierlingsbecher bereit.“

War der Gang in den Westen nicht eine Befreiung von Zwängen, wenn auch unfreiwillig?
Aber ja. Du kannst Leute nicht unentwegt abgrenzen, ohne dass sie dabei Schaden nehmen. Wir müssen die Welt in Gänze wahrnehmen können. Sonst wird man unfähig, mit Realität umzugehen. Das ist in der DDR leider passiert. Ich habe als positiv angenommen, dass ich die Welt sehen konnte, Leute wie Rainer Werner Fassbinder, Rosl Zech und Ingmar Bergman kennenlernte. Andererseits ist die Freiheit hier, auch nicht der letzte Schrei. Wir sind ebenso Zwängen unterworfen. Nur wie die Goldfische in der Flasche merken wir nicht, dass es keine Freiheit ist, sondern eine große Flasche.

Dahinter steckt aber viel Ironie.
Ja, natürlich. Sonst hätte ich keine Freunde. Und ich habe wirklich Freunde.

Was würden Sie anders machen, wären Sie noch mal jung?
Ich habe neulich erst gedacht, dass ich heute wahrscheinlich nicht mehr in diesen Beruf gehen würde. Theater war immer ein Seismograph für die Befindlichkeit der Gesellschaft. Heute stehen Schauspieler aufgereiht an der Rampe mit einem Fragezeichen über dem Bauch. Und gestellt wird auch nur die Bauchfrage – die keineswegs abendfüllend ist: Wer bin ich? Ohne Beziehung zur Welt, deren Gefährlichkeit, deren sozialen Verwerfungen. Theater ist abgesackt in die Beliebigkeit. Es kommt nicht mehr zu dem, was wir uns leisten konnten – über eine Theorie, ein Modell nachzudenken. Da war übrigens das weltberühmte Berliner Ensemble in der DDR eine Enklave.

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Repro aus der Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“

Das heutige Theater liegt nicht mehr auf Ihrer Wellenlänge?
So ist es. Ich will nicht mehr Theater spielen. Wirkliche Ensemblearbeit gibt es nicht mehr, jeder bewegt sich gegen jeden. Wie in der Gesellschaft. Es müsste eine ganz neue Denkweise einsetzen, um etwas zu verändern. Ich trete gern auf, aber allein. Singe meine Lieder, lese Brecht oder aus meinem eigenen Buch. Das macht mir Spaß. Und es gefällt dem Publikum, das gern Frage- und Antwortspiel treibt

Der gelernte DDR-Bürger hat sich gemeinhin für einen politischen Menschen gehalten.
Wir waren vermeintlich politisch. Genau genommen waren wir aber Duckmäuser, haben uns mit einer gewissen niedrigen Anspruchsweise identifiziert. Sonst hätten wir etwas getan. Die DDR und der Westen hatten einiges gemeinsam – das deutsche Kleinbürgertum. Das hat es immer gegeben. Hüben wie drüben.

Der sozialistische Gesellschaft war eine Utopie. 
Wir Menschen brauchen Utopien, Träume, Hoffnungen. Die DDR ist ja nicht vom Himmel gefallen. Es war ja ein Ereignis, das historisch entstanden ist. Das wird nie erwähnt. Für mich war das Land lange Zeit ein historisches gesellschaftliches Experiment. Etwas Neues nach dem fürchterlichen Krieg.Ohne Wirtschaftswunder. Durch Verkrustung und Verfilzung mutierte die DDR zu einem kleinbürgerlichen Laubenpiepergebilde. doch der Marxismus ist nach wie vor eine Denkleistung, die nicht einfach in den Wind gehauen werden kann.

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Angelica Domröse, 2009. Foto: Jürgen Weyrich

Seit 1976 sind Sie mit Angelica Domröse verheiratet. Eine so lange Ehe ist unter Schauspielern nicht die Norm. Worin liegt Ihr Geheimnis?
Wir haben immer wieder entdeckt, dass wir uns doch wichtiger sind, wesentlicher als die Alternativen. Ich habe für mich keinen wesentlicheren Menschen gefunden. Und sie wohl auch nicht.

Sind Sie sich eigentlich sehr ähnlich?
Ja, was den künstlerischen und Lebensanspruch betrifft. Und in den Gefühlen liegen wir auf fast gleichem Niveau.

Was unterscheidet Sie?
Ich bin radikaler als Angelica. Ich habe erfahren müssen, dass Frauen praktischer sind als Männer, und in dem Sinn auch intelligenter. Sie durchschauen schneller als wir. Männer – nicht alle natürlich – neigen zur Spinnerei.

Halten Sie sich für einen erotischen Mann?
Na und ob! Meine Schärfe hat etwas mit der Gegenseite der Medaille zu tun, mit meiner Liebesfähigkeit. Weil ich eigentlich Innigkeit suche. Ich umarme gern, will Neigung spüren. Wenn ich Angelica in den Arm nehme, ist sie glücklich. Wir gehen gern Hand in Hand.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?
Ich vertrage keinen Ärger mehr, keine Reizungen. Ich brauche gute Laune, Spaß. Früher konnte ich sehr böse werden, ich war jähzornig. Das ist einer Grundfreundlichkeit gewichen, weil ich gemerkt habe, dass es mir damit körperlich besser geht. Schlicht und einfach. Der Kreislauf sackt bei mir sofort ab, wenn ich schlechte Laune habe. Das ist für mich ein Maßstab geworden für Lebenshaltung.

Verspüren Sie Angst vor dem Tod?
Schiller hat mal gesagt: Der Körper ist der Attentäter des Geistes. Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst. Schiller hat ja auch poetisiert Freude schöner Götterfunken…

 

 

Jutta Hoffmann – Es begann mit Peterchens Mondfahrt

Zwei Jubiläen fallen in diesem Jahr zusammen, und das ist ein schöner Zufall. Vor 70 Jahren, am 17. Mai 1946, wurde in Potsdam-Babelsberg die DEFA gegründet. Fünf Jahre zuvor, am 3. März 1941, kam in einem Dorf bei Halle ein Mädchen zur Welt, das einmal zu den bekanntesten Gesichtern der Deutschen Film-AG gehören sollte, die Schauspielerin Jutta Hoffmann. Sie wurde jetzt 75. Auf ihrem Weg liegen Filme mit Ewigkeitswert wie „Kleiner Mann – was nun?“ (1967), „Junge Frau von 1914“ (1970), „Anlauf“ (1971), „Der Dritte“ (1972), „Die Schlüssel“ (1974) und „Lotte in Weimar“ (1975). Und auch solche, die der kulturpolitischen Zensur nach dem 11. Plenum der ZK der SED 1965 zum Opfer fielen: „Karla“ und „Denk‚ bloß nicht, ich heule“, die erst 1990 zur Aufführung kamen.

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Zum 75. Geburtstag der Schauspielerin gab Icestorm Entertainment eine DVD-Edition mit vier ihrer besten Filme heraus (19,99€) 

Einem Millionen Publikum im Westen wurde Jutta Hoffmann als duldsame und zugleich aufmüpfige Ostverwandte des Westberliners Motzki in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt, die sich satirisch mit den deutsch-deutschen Befindlichkeiten kurz nach der Wende auseinandersetzt. Die Nation rieb sich daran. Jutta Hoffmann stritt für die Serie. Ein Blick ins Drehbuch genügte ihr, um es „wunderbar“ zu finden, weil es um etwas ging, das hinter der Fassade steckte. Lebenshaltungen. In einem Interview mit dem Journalisten Arno Luik sagte sie 1993: „Ich finde Motzki optimal. Da muss man schon genau schon genau hingucken, nicht einfach im Sessel hocken und das alles auf sich kippen lassen. Und wenn man sich darauf einlässt, amüsiert man sich. Sie erfahren etwas über Leute, die nicht in so Nobelheimen wie Sie herumsausen. Und ich dachte auch, dass ich ein bisschen was für die DDR-Leute machen müsste. Für Leute, die wieder in den Arsch gekniffen sind.“

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Jutta Hoffmann als Karla mit Klaus-Peter Pleßow. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Jutta Hoffmanns Haltung zur Kunst ist politisch. Leute, die sich mit der Wirklichkeit abmühen, interessieren sie. Und das nicht nur vor der Kamera. Denn auch sie ist eine, die sich abgemüht hat, mit ihrer Arbeit etwas zu bewegen. Da geht sie konform mit ihren Figuren. Mit der jungen Lehrerin Karla etwa, die geradlinig ist, ohne Anpassung und Betrug ihr Leben meistern will. Die ihren Schüler sagt: „Vorausgesetzt, es hat einer eine eigene Ansicht und plappert nicht nur nach, dann ist es hier und heute geradezu verwerflich, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten. Alles andere ist feige, wenn nicht Heuchelei.“

Im Film kommt eine Zeit der Anpassung. Karla gibt dem Druck der Schulbehörde nach. Es ist bequem, aber die Selbstverleugnung hält nicht an. Am Ende findet sie wieder zu sich selbst zurück. Jutta Hoffmann ist nicht unterdrückbar. Regisseur Egon Günther sagte 1971, nachdem er seinen zweiten Film, „Anlauf“, mit ihr gemacht hat: „In sieben von zehn Fällen gelingt es nicht, ihr ein X für ein U vorzumachen. Sie muss wissen, was sie tut. Mindestens muss, wenn die Regie Ziele verheimlicht, das kommt vor, ihr der Nutzen des Verheimlichens klar sein. Falsche Autoritätsansprüche durch Texte oder Anweisungen der Regie weist sie zurück, verbal oder durch entsprechendes Spiel auf Proben. Das ist ungeheuer wertvoll für das gegenseitige Vertrauen in der weiteren Arbeit.“

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Die DEFA verdankt dieser besonderen Partnerschaft ebenso besondere Filme. Die Zusammenarbeit mit Egon Günther hatte für Jutta Hofmann immer etwas Spielerisches. Er habe sie nie zu etwas gezwungen, was ihr fremd war. Sie vielmehr bestärkt, ihren Intentionen zu folgen, sich auf eine Rolle einzulassen und aus ihr herauszutreten, ins Private. Sie hat ihr Spiel gern unterbrochen, indem sie in die Kamera lachte oder einfach nichts tat.  Etwas, womit sie den Zuschauer zu sich heranzieht, fasziniert. „Wir hatten versucht, einen gemeinsamen Ton zu finden und uns auf diesen Ton einzustimmen. Irgendetwas, das zusammen klingt“, zitiert Ralf Schenk die Schauspielerin in seiner Vorbemerkung für das Buch „Jutta Hoffmann Schauspielerin“ (Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Verlag Das Neue Berlin, 2011). Für Egon Günther war die Arbeit mit Jutta Hoffmann immer „ein Hochgenuss“. Sie konnte spontan in eine Situation hineingehen und frei spielen.

Alles, was sie vor der Kamera tut, erscheint dem Zuschauer wahr, als würde es in dem Augenblick geschehen. Für den Film „Die Schlüssel“ gab es kein ausformuliertes Drehbuch. Viele Dialoge entstanden erst beim Drehen. Es war die hohe Kunst der Improvisation der Schauspieler Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz. Diese tragische Liebesgeschichte ist der beste Film, den die DEFA gemacht hat, meint die Hauptdarstellerin heute. Leider kam das DDR-Publikum kaum in den Genuss, ihn zu sehen.  Die polnische Vertretung in der DDR – der Film spielt in Krakau – hatte interveniert. Er würde nur Dreckecken zeigen, die Wirklichkeit verzerren. Also verschwand er nach nur wenigen Vorführungen aus dem Filmangebot der Kinos, wurde auch nicht im Fernsehen gezeigt und erhielt Export-Verbot. Die Zusammenarbeit mit dem sozialistischen Bruderland sollte nicht belastet werden.

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Jutta Hoffmann 1970 als Lenore in Egon Günthers Film „Junge Frau von 1914“ (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

Der Regisseur und die Schauspielerin waren sich 1969 auf dem DEFA-Gelände begegnet. Die gerade 28-Jährige hatte bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht durch ihre Arbeit am Maxim Gorki Theater („Frau Jenny Treibel“), Fernseh-Inszenierungen („Der tolle Tag“) und Frank Vogels Film „Julia lebt“ (DEFA 1963). Sie kannte Egon Günthers Film „Abschied“ und war hoch glücklich, als er ihr die weibliche Hauptrolle in seinem Film „Junge Frau von 1914“ nach dem Roman von Arnold Zweig anbot. Die zierliche Jutta Hoffmann, die ihm gerade bis zur Schulter reichte und dabei so viel Kraft in sich hatte, „so viel Ausdruck, leidenschaftliches Temperament und Zartheit des Gefühls mit sauberer sprachlicher Gestaltung verbindet“, war perfekt für die Rolle der Studentin und Bankierstochter Lenore, die sich mit den Umständen ihrer Zeit, dem beginnenden Ersten Weltkrieg, auseinandersetzt. Soldaten, eigentlich Brüder, töten sich, und Keiner hat Keinem etwas getan. Wie beiläufig fallen die Worte, während sich Lenore ihre Stiefel anzieht, um zu ihrem Hilfsdienst für heimkehrende Schwerverletzte zu gehen. Dass es diese Szene so gibt, hat die Schauspielerin durchgesetzt. Ursprünglich sollte nur das Interieur im Bild sein. Doch Jutta Hoffmann wollte diesen „schönen und wichtigen Text“ spielen.

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„Karla“ wurde u. a. am Schwielowsee gedreht. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Die Tochter eines Buchhalters in den Buna-Werken hatte nie etwas anderes werden wollen als Schauspielerin. Als das Hallenser Thalia-Theater 1946 wiedereröffnet wurde, ging sie oft mit den Eltern in die Vorstellungen. Sie sah „Peterchens Mondfahrt“ mit Heinz Rosenthal, einem Freund der Familie. Vor ihr taten sich Türen zu einer unbekannten Welt auf. Ihre ersten Bühnenerfahrungen machte sie im Laienspielzirkel. Mit Achtzehn bestand sie die Begabtenprüfung an der Theaterhochschule Leipzig, wurde trotzdem nicht immatrikuliert. Das Kontingent für Nicht-Arbeiterkinder war für dieses Jahr ausgeschöpft. So kam sie 1959 an die Filmhochschule Babelsberg.

Im Kopf die Vorstellung von einem Theater wie es Brecht auffasste, war sie von der Schauspiel-Lehre an der Hochschule enttäuscht. Ein Jahr studierte sie zusammen mit den später ebenfalls bekannten DDR-Schauspielern Sigrid Göhler, Peter Reusse, Klaus Gehrke, Günter Junghans. Sie brach das Studium ab, nachdem sie im Dezember 1960 ihr überdurchschnittliches Talent am Maxim Gorki Theater in dem Stück „Und das am Heiligabend“  gezeigt und die Leitung des Hauses  ihr angeboten hatte, als Elevin zu bleiben. Den Beruf von der Pike auf lernen, ja, das hörte sich gut für sie an. Mit der großartigen Marga Legal spielte sie 1961 „Rummelplatz“ und drehte im selben Jahr ihren ersten DEFA-Film, die Komödie „Das Rabauken-Kabarett“ unter der Regie von Werner W. Wallroth. Selbstkritisch stellte sie dabei fest, dass ihr zur wirklichen Schauspielerin noch Technik und Handwerkszeug fehlten. „Ich konnte Szenen in der Wiederholung nicht wie beim ersten Mal spielen. Ich hatte nur mich und mein bisschen Talent. Ich musste spielen lernen“, erinnert sie sich.

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Jutta Hoffmann mit Horst Jonischkan 1961 in ihrem ersten DEFA-Film „Das Rabauken-Kabarett“. c/o DEFA-Stiftung, Josef Borst

Sie hat es gelernt. Bei namhaften Filmregisseuren der DEFA wie Herrmann Zschoche, mit dem sie 1964 „Engel im Fegefeuer“ und ein Jahr später „Karla“ gedreht hat. Er wurde auch ihr erster Ehemann. Ihre gemeinsame Tochter Catharina kam 1962 zur Welt. Sie macht Musik für Kinder und ist als „Hexe Knickebein“ sehr beliebt. Regisseur Hans-Joachim Kasprzik besetzte Jutta Hoffmann 1966 mit der Rolle des Lämmchen in seiner Literaturverfilmung von Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. In diesem Film hat sie mich ungemein fasziniert. Sanft, fast scheu wirkend, entwickelt Lämmchen unter der „Hand“ von Jutta Hoffmann eine große Kraft. Bei ihrer Überlegung, wie die Figur spielen könnte, stellte sie sich ihre Mutter als junge Frau vor. Ihre Auffassung sei ideologisch falsch, wurde ihr vom  damaligen Fernsehchef Heinz Adameck vorgeworfen. Lämmchen sei Proletarierin, keine Kleinbürgerin. Die 25-Jährige widersprach verhement. Lämmchen sei dabei ihre Klasse zu verlassen, um mit dem Verkäufer Pinneberg, dem Mann mit dem weißen Kragen, zu leben. So wie Fallada das Mädchen sah, so wollte sie es spielen. Wenn das nicht passen würde, müsse man sie umbesetzen. Was nicht geschah.

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Mit Regisseur Egon Günther 1972 bei Dreharbeiten für „Der Dritte“. c/o DEFA-Stiftung, Heinz Wenzel

Ihre größten Fortschritte und Erfolge als Schauspielerin erreichte Jutta Hoffmann in der Zusammenarbeit mit Regisseur Egon Günther. Für ihre Rolle in „Der Dritte“ erhielt sie auf der Biennale in Venedig den Darstellerpreis „Venezia Critici“, auf dem Filmfest in Karlovy Vary den Hauptpreis als beste Schauspielerin. Zwei  Filme unter der Regie von Frank Beyer, an denen sie in Hauptrollen mitwirkt, liefen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“, Drehbuch Klaus Poche, wurde im „Schutze der Dunkelheit“ spät abends gesendet. Er gibt Bilder wider, die für einen DDR-Gegenwartsfilm ungewöhnlich sind, weil sie die Seelenlandschaft der Leute transparent machen. Das war suspekt. Die Filmkomödie „Das Versteck“, Szenen einer Ehe, wurde 1977 zugelassen, aber erst 1978 in ausgewählten Kinos gezeigt, weil Manfred Krug in den Westen ausgereist war. 1979 stand die inzwischen berühmte Hoffmann für den Film „Blauvogel“ das letzte Mal bei der DEFA vor der Kamera.

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Die Facetten der Schauspielerin Jutta Hoffmann zu erfassen, erscheint fast unmöglich. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase formuliert es 2011 so: „Ich habe Jutta Hoffmann in großen Rollen gesehen, die aus besonderen Momenten gemacht waren. Ein Blick, ein Gang, ein so oder so gesprochener Satz, ein Lachen, ein Schweigen. Ihr Gesicht und das Entstehen eines Gefühls. Sie spielt eine Handlung, keine Meinung, und das Publikum kann entdecken, was die Fantasie ihm erlaubt. Das halte ich bei der Schauspielerei für die Kunst.“

Als immerfort Lernende sah sich Jutta Hoffmann vor allem auch auf der Bühne – am Maxim Gorki Theater, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble. Da waren es namhafte Regisseure wie Fritz Bornemann, Albert Hetterle, Manfred Wekwerth, Luc Bondy und Thomas Langhoff, die ihre Begabungen herausfordern. Besonders geprägt habe sie die Arbeit mit Einar Schleef. Seine Inszenierung von August Strindbergs selbstmörderisch endender Liebesgeschichte mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle entließ ein aufgestörtes, erstauntes, sprachloses, befremdet reagierendes Berliner Publikum. Jutta Hoffmanns aufgewühltes, verzweifeltes bis anmutiges Spiel gipfelte am Schluss in einer Flucht über die Stuhlreihen an den Köpfen der Zuschauer vorbei. Nach wenigen Aufführungen wurde das Stück verboten.

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Für ihre Rolle als „Yerma“ 1984 an den Münchner Kammerspielen wurde Jutta Hoffmann von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt. (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

1982 erhielt  Jutta Hoffmann eine Arbeitserlaubnis für die Salzburger Festspiele, wenig später wurde sie an den Münchner Kammerspielen engagiert. Ab 1985 folgte ein fünfjähriges Engagement in Hamburg am Schauspielhaus. Sie zog dorthin, behielt jedoch ihren DDR-Pass, weil sie den anderen nicht wollte. Die DDR ist ihr immer Heimat geblieben. Dennoch war es ein Abschied und das Zurechtkommen mit der anderen Welt, in der man sie wenig bis gar nicht kannte, nicht eben leicht. Jutta Hoffmann brachte eine andere, nicht gewohnte Art des Spielens auf die West-Bühnen. Körperliches Erzählen nennt es der Münchner Dramaturg Michael Eberth. „Ihre Figuren sind ein Feuerwerk von Erfindungen und auch von Vitalität. Sie ist das Perfekteste, was jemals gesehen habe.“ 1984 wählte die Zeitschrift Theater heute sie zur Schauspielerin des Jahres. Vor allem die Arbeit mit Peter Zadek machte sie beim westdeutschen Theaterpublikum bekannt. 20011 erhielt sie einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.

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DVD-Box mit den verbotenen Filme der DEFA , herausgegeben von Icestorm Entertainment

1992 bis 2006 lehrte Jutta Hoffmann als Professorin für Darstellende Kunst an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Der Nachwuchs liegt ihr bis heute am Herzen. Zuvor hatte sie schon in Berlin und Wien als Dozentin angehende Schauspieler auf ihren Weg gebracht. In einem Interview wollte ich wissen, was sie daran reizt. „Erst mal etwas ganz Egoistisches: Ich kann mich mit meinem Beruf beschäftigen. Und dann: Gemeinsam mit den Studenten herauszufinden, was ihre Anlagen sind, das Besondere. Ihnen zu vermitteln, ihren Anlagen zu folgen und sich halten.“
1999 übernahm sie für vier Folgen im Brandenburger „Polizeiruf 110“ die Rolle der Hauptkommissarin Wanda Rosenbaum. Die Figur hat sie zusammen mit Drehbuchautor Stefan Kolditz erfunden. „Wir hatten uns überlegt, die Fälle mit Wandas Geschichte zu verknüpfen. Und mit vier Sujets war alles über sie, also mich, gesagt“, erzählte sie mir. Mit ihrem zweiten Mann, dem österreichischen Schauspieler Nikolaus Haenel und dem gemeinsamen Sohn Valentin ist sie 2005 zurück in den Osten gezogen, nach Potsdam. Sie begann auch fürs Radio zu arbeiten, nahm Hörspiele und Hörbücher auf. „Es macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich muss vorher unheimlich üben“, sagt sie.

Goldene Henne 2006
Anlässlich des 60. Geburtstages der DEFA wurden die DEFA-Stars Jutta Hoffmann, Gojko Mitič und Winfried Glatzeder 2006 mit der Goldenen Henne, dem größten deutschen Publikumspreis geehrt

Die Filmarbeit bleibt nach der ihrem Weggang aus der DDR im Westen und auch nach der Wende nahezu auf der Strecke. 1997 kommt der Film „Bandits“ in die Kinos. Über 700.000 CDs mit den Filmsongs wurden verkauft. 2003 stand Jutta Hoffmann mit ihrer ehemaligen Schülerin Marie Bäumer vor der Kamera, als deren Mutter in dem Beziehungsdrama „Der alte Affe Angst“. Was sie „ganz witzig“ fand. Im letzten Jahr drehte sie für den ARD-Film „Ein Teil von uns“, dessen Ausstrahlung im Herbst man nicht verpassen sollte. Ein Mutter-Tochter-Drama, in dem Jutta Hoffmann die psychisch kranke Mutter spielt. Die Alkoholikerin ist, die auf der Straße lebt und sich von niemandem bevormunden lässt. Eine Figur, die einmal mehr Jutta Hoffmanns große Schauspielkunst zeigt. Und sie wird uns wie in all ihren Filmen ein Abbild unserer Welt vorführen.

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Wolfgang Winkler – Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin

Zwei meiner Lieblingsschauspieler. Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler. Er feiert heute Geburtstag. Sie zieht am 9. März nach. 73 ist der „alte Knabe“ geworden. Und hält sich gut. „Muss ich und will ich auch“, sagt er. Für wen? „Für mich, sonst funktioniert es nicht.“ Dass seine Frau Marina, mit 61 immer noch aktiv als Tanzlehrerin, ihm gewissermaßen ein Ansporn ist, versteht sich von selbst. Und dann mag er auch kein Rentner sein – gleichwohl er es faktisch ja ist.

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Porträt von André Kowalski

Loslassen vom Job kann und will Wolfgang Winkler einfach noch nicht. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin“, sagt er mir am Telefon. Und bis dahin – so Gott will – hat er noch eine Menge Zeit. Vor genau einem Jahr hat der ehemalige Hallenser „Polizeiruf 110“-Kommissar – nach 50 Fällen mussten er und sein Partner Jaecki Schwarz den Dienst quittieren – seinen Polizeidienst auf dem Bildschirm wieder aufgenommen. In der ARD-Vorabendserie „Die Rentnercops – Jeder Tag zählt“. Zusammen mit Schauspieler Tilo Prückner ist er als Kommissar a. D. im TV-Dezernat 12 der Kripo Köln-Mühlheim aktiv. Ein aktuelles Thema. Der Polizei fehlt der Nachwuchs. Wie im wahren Leben.

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Mit Wolfgang Winkler im Café des Schauspieler Christian Kahrmann in Berlin. Foto: Boris Trenkel

„So eine Figur zu spielen ist ein Geschenk und wirklich ein Glück. Auch für das Selbstwertgefühl. Wenn du Kollegen in deinem Alter siehst, die gerade wieder einen großen Film gemacht haben, kannst du dir sagen: Du hast auch was Neues gemacht. Du bist auch noch präsent. Das hilft schon, die Erfolge der anderen zu ertragen. Ich könnte mich auch zurücklehnen und sagen: Lass die anderen machen. Aber da sitzt so ein kleiner Teufel im Nacken und piekst.“

Im Mai geht es nun weiter mit den humorigen Krimi-Geschichten. „Wir hatten gute Einschaltquoten. Die zwei alten Zausel, die 40 Jahre zusammen gearbeitet und den Erfolg des anderen immer mit Missgunst beobachtet haben und sich auch jetzt nichts schenken, machen den Zuschauern Spaß.“

Eine Krimi-Serie mit Augenzwinkern, die den Schauspieler vergessen lässt, dass Altwerden keinen Spaß macht. „Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu sagen, jedes Alter hat seine Schönheiten. Man muss mit den Gegebenheiten des Alters leben, aber schön ist es meistens nicht. Man fängt an zu sagen: Ich bin ja bald 80. Früher hat man sich gern älter gemacht, um ins Kino zu kommen. Jetzt macht man sich älter, um zu hören: Ach, das sieht man Ihnen gar nicht an. Den Satz hört man ja gern. Aber eigentlich ist er auch Mist.“

Aber sich deshalb in Depressionen hineinzusteigern, liegt Wolfgang Winkler fern. Da schiebt schon sein Humor einen Riegel vor. Und die Enkel und sein Freund Jaecki Schwarz. Die beiden sind mindestens einmal im Monat zu heiteren Lesungen mit ihrem Buch „Herbert & Herbert. Bloß gut, dass ich mit dir nicht verheiratet bin“ unterwegs. Zu Ostern sind sie in Lichtenhagen bei Rostock.

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„Buddha bei die Fische“ – Das Team will einen heiter-nachdenklichen Film übers Altwerden drehen

Was ihm jetzt noch am Herzen liegt, ist die Verwirklichung eines Drehbuches, das ein junger Kollege geschrieben hat, Jörg Gahr. „Eine wichtige Geschichte, die sich ums Zurechtkommen mit dem Altwerden dreht. Dafür haben wir – Marie Gruber, Andreas Schmidt-Schaller, Ernst Georg Schwill und ich – einen Trailer gedreht, um das Geld für die Produktion zusammen zu bekommen. Dass sich eine Produktionsfirma oder ein TV-Sender findet, der dafür Geld gibt, das wünsche ich mir.“ Ich drücke die Daumen.

Von Brecht bis C. U. Wiesner – zum Tod von Stefan Lisewski

Es macht traurig. Schauspieler Stefan Lisewski ist tot. Er starb am 26. Februar im Alter von 82 Jahren. Unerwartet für alle. Ich habe ihn weniger auf der Bühne des Berliner Ensembles erlebt, wo er in nahezu allen Brecht-Stücken Hauptrollen spielte, als vielmehr in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen. Rothaarig, sportliche 1,90 Meter hochgewachsen und mit einer einprägsamen, ausdrucksstarken Stimme, war er ein besonderer Typ. Überzeugend in seinen künstlerischen Darstellungen und von Kollegen, insbesondere Filmpartnerinnen, zudem wegen seiner humorvollen Art, seiner Jungenhaftigkeit besonders gemocht. „Mit ihm zu drehen war stets ein Vergnügen“, erinnerte sich Annekathrin Bürger in einem unserer vielen Interviews. In den Erinnerungen an ihren ersten Film „Verwirrung der Liebe“ (1959) verriet mir Angelica Domröse, dass ihr Stefan Lisewski imponiert habe. „Er hat am BE gespielt!“

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Stefan Lisewski 2009 beim Filmtreff in Quedlinburg c/o Hans-Jürgen Furcht

Da, wo sie hin wollte, gehörte Lisewski von 1957 an zu den wichtigsten Schauspielern. Mit der Übernahme der Intendanz des BE durch Claus Peymann 1999 schied er – inzwischen 65 Jahre – aus dem Ensemble aus. Doch er blieb dem Theater bis zu seinem Tod verbunden. Mehr als 500 Mal hat er als Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ das Publikum im Theater am Schiffbauerdamm und bei Auslandsgastspielen wie in Griechenland und Italien begeistert. Man sah den Charakterdarsteller in „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Die Gewehre der Frau Carrar“, in „Das Leben des Galiliei“, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ oder im „ Kaukasischen Kreidekreis“. Noch am 21. Februar verkörperte er den Dogsborough in Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Weit mehr als 300 Mal stand er in dieser Rolle in der Inszenierung von Heiner Müller seit der Premiere 1995 auf der Bühne.

Ursprünglich war das Theater, die Schauspielerei nicht Lisewskis Lebensziel. Geboren am 6. Juli 1933 im polnischen Tczew (Dirschau), war er, elfjährig, mit seiner Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wie viele deutsche Umsiedler aus Pommern in Schwerin gelandet. Als Statist am Theater frönte er schon als Schüler seiner Leidenschaft fürs Schauspielen. Als ernsthaften Beruf für sich sah er das aber nicht. Er wollte Hütteningenieur werden und bewarb sich nach dem Abitur an der Bergakademie Freiberg. Doch die Lust zum Spielen war stärker, und so sprach er an der Berliner Schauspielschule vor – und wurde abgelehnt. Er ging als Praktikant ins Schwermaschinen-Kombinat Magdeburg und arbeitete dort am Schmelzofen.

Die Bühne lockte den damals 20-Jährigen jedoch sehr. Immer wieder übernahm er am Theater der Stadt Komparsenrollen und startete 1955 einen neuen Versuch an der Berliner Schauspielschule. Es klappte. Sein zweieinhalbjähriges Studium schloss er 1957 während der Dreharbeiten zu seinem ersten Film, „Das Lied der Matrosen“, ab und erlangte anschließend ein Engagement am Berliner Brecht-Ensemble. Er hat noch mit Helene Weigel und Ernst Busch zusammen gearbeitet und war sehr dankbar für die großartige Zeit, die ihn über die Grenze der DDR hinaus in die ganze Welt geführt hat, wie er in einem Interview zu seinem 70. Geburtstag sagte.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Film ich Stefan Lisewski zum ersten Mal gesehen habe. Es könnte „Das Lied der Matrosen“, der Musikfilm „Eine Hand voll Noten“ oder „Maibowle“ gewesen sein. Mittags, in einer der Halbzwei-Uhr-Testsendungen des DDR-Fernsehens in den 60er Jahren. Vielleicht war es auch „Die Jagd nach dem Stiefel“, ein Kinderfilm von Konrad Petzold, oder „Chronik eines Mordes“.

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Jedenfalls hat er sich mir eingeprägt. Sein Gesicht, seine Stimme, die ich sofort im Ohr habe, wenn ich den Namen höre oder lese. Auch Szenen, wie die mit Hildegard Alex beim Versuch zusammen in eine Badewanne zu steigen. Was praktisch ein Ding der Unmöglichkeit war, denn der Einsneunzig-Mann passte ja allein schon kaum hinein. „Wir hatten viel Spaß beim Probieren, wie das gehen soll“, erzählte mir Hilde Alex, als ich ihr meine Erinnerung einmal schilderte. Ich glaube, die Fernseh-Reihe hieß „Rund um die Uhr“. Das Komödiantische war die andere Seite des Charakterdarstellers, die populäre, die ihn beim Publikum so beliebt machte.

In den 70er und 80er Jahren hat der Schauspieler das Filmen zugunsten des Theaters zurückgefahren und sich mehr oder weniger auf Rollen in Kinderfilmen beschränkt. Diese Arbeit machte dem zweifachen Vater und Großvater sehr viel Freude. Regisseur Günter Meyer fand in dem Hünen die ideale Besetzung für den Riesen Otto in seiner Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“, Drehbuch „Eulenspiegel“-Autor C. U. Wiesner.

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Die Autorin mit Stefan Lisewski (M) im August 2013 im Treptower Park sowie mit Regisseur Günter Meyer (r.) und den Filmkindern Katrin Raukopf (2.v.r.) und Henning Lehmbäcker. c/o Boris Trenkel

Ihr verdanke ich, dass ich Stefan Lisewski im August 2013 persönlich kennenlernen durfte. Natürlich im Treptower Park unterm Riesenrad. Sein voller roter Haarschopf war ergraut, und es ging dem Schauspieler auch nicht gut. Er kämpfte mit Atemnot, aber seinen Humor hatte er nicht verloren. An den Film hatte er glänzende Erinnerungen. „Der ist losgegangen wie eine Rakete. Und geht es noch. Als ich jetzt längere Zeit im Krankenhaus war, haben mich die Schwestern kurz vor der OP gefragt: „Sind Sie nicht der Riese?“ – Erwachsene Leute, die damals Kinder waren. Es war ja auch eine tolle Geschichte dadurch, dass die uralten Märchenfiguren mit dem prallen Leben der DDR konfrontiert wurden. Daraus ergab sich wundervoll Satirisches. Wenn man älter wird und mal Revue passieren lässt, was man so gemacht hat, gehört das mit zu den schönsten Arbeits- und Urlaubserlebnissen, die ich hatte. Wir haben im Harz gedreht, auf der Burg Falkenstein. Wir haben an der Rappbodetalsperre gewohnt. Das war toll. Und wenn wir nachts gedreht haben, sind wir früh zu einem Bauern gefahren und haben warme Milch getrunken.“

Es war so einiges passiert bei den Dreharbeiten, das ihm im Nachhinein ein Schmunzeln ins Gesicht zauberte. „Auf dem Hexentanzplatz sollte ich auf ein fahrendes Auto springen. Das hat meinen sportlichen Ehrgeiz angestachelt. Aber es real zu versuchen, wäre dann doch zu gefährlich gewesen. Deshalb wurde es am Schneidetisch geschickt zusammenmontiert.“ Für die Anfangsszenen, in denen der Riese groß ist, hatte Stefan Lisewski bei einem Artisten Stelzen laufen gelernt. „Günter Meyer fand mich mit meinen 1,88 noch zu klein als Riese. Ich musste auf einen Stuhl steigen, damit er sehen konnte, wie das mit Stelzen sein würde.“

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Die Geister in der Spree. Szene aus der Serie „Spuk unterm Riesenrad“

Dass er bei der Flucht der Geister mit Boot auf der Spree einen Moment Todesangst hatte, ist auch so eine Geschichte. In der Hektik, die Szene noch vor Sonnenuntergang „in den Kasten“ zu kriegen, hatte niemand an die Eisengewichte in dem Ruderboot gedacht, die als Lastenausgleich für die Schauspieler, insbesondere den schweren Stefan Lisewski, in den Bug gelegt worden waren. Als das im Film nicht zu sehende Motorboot den Geisterkahn am Schlepptau in Bewegung setzte, neigte sich plötzlich der Bug des Ruderboots gen Wasser, immer tiefer, bis es schließlich versank – und mit ihm die Geister. „Ich hatte einen schweren Schafspelz an, der sich voll Wasser sog. Katja Paryla, die Hexe, und Siegfried Seibt, Rumpi, konnten ja schwimmen in ihren Sachen, ich nicht. Da war mir schon komisch, bis ich merkte, ich habe Boden unter den Füßen. Wir standen auf einer Sandbank mitten in der Spree.“ Mit seinem trockenen Witz würzte er als Hausmeister den „Spuk im Hochhaus“ und wirkte als Graf Bärenfels auch in der Serie „Spuk von draußen“ mit.

Für das Berliner Ensemble werden die Inszenierungen mit Stefan Lisewski wichtige Abschnitte in der Geschichte des Theaters sein. In seinen großen wie kleinen Filmrollen wird er lebendig bleiben, sich den vielleicht auch nachfolgenden Generationen einprägen.

 

Ohne Freiheit geht gar nichts – Zum Tod von Sonja Kehler

Vorbei. Das ist endgültig. Und der Tod ist endgültig. Sonja Kehler wird sich nie mehr zu Wort melden mit Brecht-Liedern, Eisler- oder Weill-Songs. Sie wird auf keiner Theaterbühne mehr stehen – sie hasste Stühle, weil sie beim Sitzen fast immer lag – und uns mit hintersinnigen Kästner-Texte begeistern, mit Versen von Ringelnatz oder uns die expressionistische Lyrik der deutsch-jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler nahebringen. Sonja Kehler hat sich von der Welt verabschiedet. Sie starb am 18. Januar in ihrer Wohnung in Berlin. Leise, ohne Anlass.

Leise war auch der letzte Abschied. Am 2. Februar, es wäre ihr 83. Geburtstag gewesen, wurde die international hoch geschätzte Schauspielerin und Diseuse von ihrer Familie und engen Freunden auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf bestattet.

Nur einmal habe ich die Künstlerin getroffen. In ihrer Berliner Wohnung. Für ein kleines Porträt, zu ihrem 76. Geburtstag. Zum 75. hatte es nicht geklappt. Mein Respekt, meine Hochachtung wirkten wie eine Bremse. Sie löste sie umgehend mit ihrer Gastfreundlichkeit, ihrer unkomplizierten Art, sich auf Menschen einzulassen. Eigentlich wollte sie nach Mecklenburg, wo sie in einem Bauernhaus auf dem Dorf lebte. Ihr Platz, um die Seele baumeln zu lassen, was aber höchst selten vorkam. Viele Freunde, ihre Lieblingsenkeltochter Paula und ihre Urenkel Oskar und Julia besuchten sie oft und gern. Auch, um ihre dänische Küche zu genießen.

Sonja Kehler
Im Januar 2009 traf ich Sonja Kehler in ihrer Berliner Wohnung zum Interview. Foto: Yorck Maecke

Damals, im Januar 2009, lagen gerade wieder ein paar Wochen Dänemark vor der rastlosen 76-Jährigen. Seit Mitte der 80-Jahre hatte Sonja Kehler an der staatlichen Schauspielschule in Odense als Gastdozentin gelehrt, an verschiedenen Theatern in Dänemark gearbeitet und dafür die Landessprache perfekt gelernt. Berlin war Zwischenstation, wenn sie mit ihrem Pianisten Milan Šamko zu Konzerten in Deutschland unterwegs war oder nach Spanien und Portugal geflogen ist, wo man die eigenwillige Künstlerin sehr schätzte. 2006 hatte man sie als Brechtexpertin nach Sevilla geholt, um das Theater-Ensemble bei der Einstudierung der „Dreigroschenoper“ zu unterstützen. Daraus ergaben sich weitere Arbeiten. 2007 erarbeitete sie mit dem international renommierten Professor für Choreographie und zeitgenössischen Tanz Paco Macià Vicente in Murcia den „Kaukasischen Kreidekreis“. Später folgte ein neues Brecht-Programm.

Dänemark war ihr eine Art künstlerischer Wahlheimat geworden. „Ich bin Mitte der 70-er Jahre zum ersten Mal in Kopenhagen aufgetreten, und es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnerte sie in unserem Gespräch. Danach wurde sie immer wieder eingeladen, auch nach Svendborg in das Haus mit dem Strohdach, in dem Brecht zwischen 1933 und 1939 gewohnt hat. Nach einem Workshop zur Arbeit mit Brecht war die Schauspielschule von Odense auf sie zugekommen und hatte gefragt, ob sie Interesse hätte, Interpretationsunterricht zu geben. „Ich war die einzige, die mit Brecht anders umging, sehr viel körperlicher.“

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Sie war eine der bedeutendsten Brecht-Interpreten, eine Künstlerin von internationalem Format und  Theaterpädagogin. Foto: Yorck Maecke

Für Sonja Kehler, die eigentlich Romanistik in Leipzig studiert hatte und nur durch puren Zufall zum Schauspiel und zum Gesang gekommen war, hieß Theater: Bewegung, Einsatz von Stimme und Körper. Wenn sie redete, redete alles an ihr mit. Arme, Hände, Finger, Augen – ein Stuhl wurde unter ihr zur Bühne. „Ein Schauspieler muss tanzen und singen können, ein Tänzer singen und spielen“, sagte sie. Nach dem Prinzip hat sie ihre Studenten unterrichtet. „Stimme und Körper“ hieß ihr Fach, und sie hat ein Lehrbuch geschrieben, wichtig für Sänger wie Schauspieler, das 2009 in Dänemark erschienen ist.

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Sie selbst bezeichnete sich als „singende Schauspielerin“. Der Theaterkritiker und Brechtforscher Prof. Dr. Ernst Schumacher (†2012) schrieb über sie: „Man kann von ihr wirklich sagen, sie sei eine gestische Schauspielerin. Das Anziehende, das Hinreißende ihres Vortrags besteht darin, dass sie zu jedem Gedicht, das sie singend vorträgt, einen eigenen Gestus zu finden vermag… wie sie die Züge ihres Gesichts dem, was sie singt, anpasst oder widersetzt, und natürlich, wie sie die Stimme moduliert und selbst gestisch wirken lässt und wie sie das Kunststück fertigbringt, sich in kaum einer Geste zu wiederholen.“

Ihre Art der Interpretation unterschied die Kehler von der anderen großen Brecht-Interpretin, Gisela May. Als Studentin hatte sie die May in einem Brechtkonzert in Leipzig erlebt und für sich beschlossen: „Das willste nie“. Deshalb hielt sie sich von Brecht-Texten auch lange fern, ließ sich DDR-Lyrik vertonen. 1967 gewann sie beim Chanson-Wettbewerb der DDR den Sonderpreis des Rundfunks. In die „Szene geschubst“, wie sagte, hat sie 1968 der Jenaer Komponist Tilo Medek († 6.2.2006). Er hatte ihr „Meine Wunder“, acht Lieder für Schauspielerstimme und Sinfonieorchester geschrieben. Das war neues Hören. Lächelnd erinnerte sie sich: „Ich stand auf der gleichen Bühne in Leipzig wie damals Gisela May und war richtig stolz.“

Allerdings gab es bei diesem, ihrem ersten Konzert gleich einen „Skandal“. Da stritten sich Kompetenzen über die Frage: Darf man zeitgenössische E-Musik mit U-Musik kombinieren – und dann auch noch eine Schauspielerin singen lassen? Ein Streit, der heute nur noch Schmunzeln hervorruft. Sonja Kehler hatte er genutzt. Sie bekam sehr viele Angebote, so dass für die damals 35-jährige Mutter zweier Töchter keine Notwendigkeit mehr für ein festes Theaterengagement bestand, um Geld zu verdienen. Sie spielte noch als Gast an verschiedenen Bühnen in der DDR, war die She Te in Brechts „Der gute Menschen von Sezuan“, an die 200 Mal die Eliza Doolittle in „My Fair Lady“. Sie feierte Erfolge als Luise in „Kabale und Liebe“, als Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ oder als Elisabeth in „Maria Stuart“.

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Mit ihrem ersten und eigenen Brecht-Programm trat sie 1971 auf. Drei Jahre später trug sie auf dem Eisler-Kongress in Berlin Eisler- und Dessau-Lieder vor. Sie machte Tourneen durch ganz Europa, Ost wie West, und avancierte zur herausragenden Brecht-Interpretin. Sonja Kehler entwickelte nun eigene literarische Programme, immer „gierig auf das Neue“. Wozu auch die wenig bekannten und eigenwilligen Lieder von Kurt Weill gehören. Paul Dessau hatte für sie Brechts Vers „Das Pferd“ vertont. Ein frecher Text über ein Pferd, das nichts taugt und deshalb Politiker wird. Sie durfte das singen – der Text war ja von Brecht und den konnte man in der DDR schlecht verbieten. Sie sang auch unerwünschte Texte von Sarah Kirsch, Günter Kuhnert und Volker Braun. „Meine Freiheit habe ich mir nicht nehmen lassen. Ich habe weltweit über 40 Konzerte im Jahr gegeben und es genossen, fremde Menschen kennenzulernen.“

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Die Diseuse und Schauspielern in ihrem Arbeitszimmer. Foto: Yorck Maecke

Eine Merkwürdigkeit hatte sich in den 80-ern ergeben. Die Künstlerin war „in Ungnade“ gefallen, weil nach einem Konzert im Westen ein Musiker weggeblieben war, nicht in die DDR zurückkehrte. Als Verantwortliche musste sie es büßen. Reiseverbot, keine Konzert, keine Plattenaufnahmen. Dann wurden die Devisen knapp und die „Künstler-Agentur der DDR“ schickte sie zur Arbeit ins kapitalistische Ausland.

Dickköpfig reizte es die Kehler immer, ihre schauspielerischen Grenzen auszutesten. Exzellent und international hoch beachtet war ihre liebevolle Interpretation von Rosa-Luxemburg-Texten, Briefe aus dem Gefängnis, mit der sie ab 1980 in einem Ein-Personen-Stück der Mitbegründerin der KPD ein künstlerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Mit dem berühmten Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, der in der DDR als Paradebeispiel für subversives Denken galt. Das Programm wurde im Ausland 150 Mal aufgeführt, aber nur ein einziges Mal in DDR. Nach einem Auftritt in Westdeutschland wurde sie mal gefragt: „Wo würde Rosa Luxemburg eigentlich heute leben wollen? In der DDR?“ Da hat sie gelacht und geantwortet: „Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, wo für sie überhaupt eine Chance wäre. Sie würde wahrscheinlich wieder erschlagen werden.“ Das hat eine Zeitung gedruckt und die Kehler hatte wieder Trouble…

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Einen Ruhestand kannte Sonja Kehler bis zum Schluss nicht. „Nicht zu arbeiten, wäre richtiger Stress für mich“, hat sie immer gesagt. Das wusste niemand besser als ihr Mann, der Regisseur Harald Quist, mit dem sie seit 1975 verheiratet war. Außerdem wollte sie noch viel geben. „Je älter man wird, desto mehr hat man in diesem Beruf einzubringen. Das nicht zu tun, wäre Verschwendung.“ Sie gab bis zum Schluss Unterricht, hat inszeniert und ist mit eigenem Repertoire aufgetreten. Zum 80. Geburtstag hatte sie noch ein großes Konzert in Dänemark und ihren 81. Geburtstag hat sie während einer mehrwöchigen Arbeit mit Studenten wie so oft en passant begangen. Unvergesslich für alle, die sie erlebt haben, bleibt Sonja Kehler bei der „Langen Hanns Eisler Nacht“ am 8. September 2012. Die alte Dame bekam spontane Ovationen für ihren herausragenden Brecht-Vortrag „Ein Pferd klagt an“.

Eine Künstlerin von internationalem Format ist gegangen. Was sie uns hinterlassen hat, sind Platten mit ihren Chansons und Interpretationen von Bert Brecht, Kurt Weill, Paul Dessau und Hanns Eisler. Eine reiche Gabe.