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Ute Lubosch – Mit 65 läuft noch alles rund

Es gibt schon seltsame Zufälle. Sie feiert ihren 65. Geburtstag und unsere Freundschaft wird zwanzig. Habe ich eben in meinem Archiv entdeckt. „Wir sind in Lübben, genießen die Sonne und ich will mit meinen drei Weibern nachher essen gehen“, sagt Ute Lubosch am Telefon. Sie spricht  von ihrer Tochter Maria und ihren beiden Enkelinnen. Sohn Marc ist als Kameramann unterwegs. Den ganzen Tag schon wollte ich die Schauspielerin anrufen. Es wäre mir fatal gewesen, ihr ausgerechnet zum 65. nicht zu gratulieren. Sie lacht. „Du rufst doch jedes Jahr an, seit wir uns kennen.“

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Eine Liebe fürs Leben. Ute Lubosch lernte ihren Mann, den Journalisten Rolf Grevelmann, 1994 kennen. Am 10. März wurde die Schauspielerin 65 Jahre. © Reinhold Hack

Lübben ist schön, aber dass sie hier ist, hat den Grund, dass sich ihr Mann sich in der Reha-Klinik befindet. „Er hält das nur aus, weil ich mit hier bin“, sagt sie. Ich erinnere mich noch, wie sie mir in unserem ersten Interview 1998 erzählte, dass er nach „Missgriffen“ wieder Licht in ihr Leben gebracht hat.  „Rolf ist ein Westberliner mit Ossi-Herz.“ Wir saßen in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung oben unterm Dach in der Schwedter Straße im Prenzlauer Berg. Nachdem sich ihr Sohn eine eigene Bleibe gesucht hatte, war damals auch ihre 21-jährige Tochter ausgezogen. „Ohne meine Kinder fühle ich mich ein bisschen wie ein Hund ohne Schwanz“, sagte sie. Sie hat ihre Kinder allein großgezogen. „Ich bin froh, dass mir das in der DDR passiert ist“, sagt sie mit Blick auf die wenig sozialen gesellschaftlichen Umstände für Mütter heute. Die enge Bindung ist geblieben, auch zu den Enkelinnen, die ihre Oma über alles lieben.

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Mit Dieter Mann 1980 in Herrmann Zschoches Film „Glück im Hinterhaus“ © DEFA-Stiftung/Christa Köfer

Seit Ute Lubosch 1970 als lesbische Beziehung von Jutta Hoffmann in dem seinerzeit viel diskutierten DEFA-Film „Der Dritte“ – Regie Egon Günther (†31.8.2017) – das erste Mal vor der Kamera stand, hat sie vor allem in der  Film- und Fernsehlandschaft der DDR ihre Spuren hinterlassen. Mehr als 90 Figuren hat sie geprägt. Sie war erst 16 Jahre, als sie wegen ihrer besonderen Begabung an der Theaterhochschule Leipzig aufgenommen wurde. „Ich bin als letztes von fünf Kindern auf die Welt gekommen. Mein Vertrauen in meine Persönlichkeit war so gering, dass ich die größte Erfüllung empfand, wenn ich fremden Charakteren Profil verleihen konnte“, erklärt sie ihren Berufswunsch. Diese Unsicherheit wandelte sich während des Studiums in starkes Selbstvertrauen. „Für mich hat mein Beruf mit Verwandlung, inhaltlichem Engagement für die Figur zu tun“, sagt sie.

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Ute Lubosch (r.) mit Karin Düwel in der DDR-Fersehserie „Johanna“  Quelle: mdr

So kämpfte sie hartnäckig für ihre Serienfigur „Johanna“ – dreifache Mutter, Ehefrau, engagiert in der Gewerkschaft. „Solche Frauen gab es“, sagt Ute Lubosch, „aber sie waren nicht so, wie das DDR-Fernsehen sie darstellen wollte. Immer lächelnd, einen flotten Spruch auf den Lippen, auch nach 14 Stunden Stress.“ Jeden Tag der zweijährigen Dreharbeiten 1987-1989 rang sie um Realitätsnähe. Am Ende brach sie nervlich zusammen. Aber sie hat erreicht, dass sich die werktätigen Frauen in Johanna wiederfanden. „Ich bedauere, dass die Bürgerbewegung nach dem 9. November 1989 die Chance versäumte, aus diesem Land etwas anderes zu machen, als es jetzt ist,“ resümiert sie.

Die Schauspielerin hatte sich in der DDR selbst sehr früh politisch kritisch engagiert. Nie fehlte ihr der Mut zum Widerspruch. „Ich versuchte, ein Sandkörnchen im Getriebe der Maschinerie zu sein, die alles beschönigte, Probleme glättete, Wahrheiten verzerrte. Niemand muss mir heute sagen, dass er keine Möglichkeiten hatte, sich einzumischen.“ In ihrem Wohnbezirk im Prenzlauer Berg gehörte Ute Lubosch seit 1982 zur Initiative für „Frieden und Menschenrechte“. Ihre Kinder gab sie in einen kirchlichen Kindergarten, um ihnen auch diese Seite der Bildung zu ermöglichen. Sie erinnert sich an eine besondere Aktion: „Als die Stasi 1987 die Umweltbibliothek ausräumte und die Leute verhaftete, holten wir sie durch Mahnwachen aus dem Knast. Nach dem Beitritt zur BRD hat sie die Bürgerwegung verlassen. „Ich konnte mich mit den Aktionen des Neuen Forums unter Bärbel Bohley nicht mehr identifizieren.“

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Ute Lubosch (2.v.l.) 1990 in Peter Kahanes kritischem DDR-Film „Die Architekten“ © DEFA-Stiftung/Christa Köfer

1983 hatte sie für heftige Aufregung bei der Leitung des DDR-Fernsehens gesorgt, weil sie es ablehnte, ihre Rolle in den Gegenwartskapiteln des 7-teiligen Fernsehromans „Märkische Chronik“ fortzusetzen. „Die Darstellung politischer Ereignisse wie des 17. Juni 1953 war mit so vielen Lügen und Verdrehungen behaftet, dass ich mein Gesicht dafür nicht hergeben wollte“, erinnert sie sich. Man bot ihr an, ihre Rolle umzuschreiben, aber darum ging es ihr nicht. „Das wollten oder konnten die Verantwortlichen damals nicht begreifen.“ Sie blieb konsequent, eine andere Schauspielerin musste ihren Part übernehmen. „Erstaunlicherweise hatte es keine Konsequenzen für meine Karriere in der DDR“, wundert sich Ute Lubosch noch heute. Sie drehte danach Fernsehfilme wie „Paulines zweites Leben“, „Das wirkliche Blau“, „Grüne Hochzeit“, spielte in mehreren „Polizeiruf 110“-Filmen.  Und 1987 bekam sie die Rolle der Straßenbahnfahrerin Johanna in der gleichnamigen Alltagsserie des DDR-Fernsehens, in der sie bis 1989 die Herzen der Zuschauer eroberte.

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Ute Lubosch mit Karl Thiele 1975 in Roland Gräfs DEFA-Film „Bankett für Achilles“ © DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann

Der Rückblick auf die ersten Jahre nach Wende ist ein Blick in Tiefen: ABM-Projekte, Synchronarbeit, mager bezahlte Theater-Gastspiele und auch mal eine kleine Kino- oder TV-Rolle. „Meine Kinder mussten nicht hungern, aber ab 1991 saß ich in einem Existenzangstloch. 1996 war es so still, dass sie sich mit zwei Liebesgeschichten an einem Autorenwettbewerb der Berliner Zeitung beteiligte und den Hauptpreis gewann. Ute Lubosch machte Urlaub, ließ die Seele baumeln und dachte darüber nach, wie sie wieder Fuß fassen kann. Sie ist kein Mensch, den es in die Öffentlichkeit drängt. Doch sie kam zu der Einsicht: Es geht heutzutage nicht anders, du musst gesehen werden. Auf der Berlinale 1997 traf sie den DEFA-Regisseur Frank Beyer wieder, der sie in seiner Verfilmung von Manfred Krugs Buch „Abgehauen“ 1998 mit der Rolle der Schriftstellerin Christa Wolf betraute. „Christa Wolf faszinierte mich immer schon als Autorin und in ihrer menschlichen und politischen Haltung. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, mit meiner Filmfigur inhaltlich übereinzustimmen“, sagt sie. Ein Jahr später lernte sie Tom Tykwer kennen. Den damals jungen Nachwuchsregisseur reizte die Eigenwilligkeit ihrer Persönlichkeit, so dass er Ute Lubosch in seinem Kinofilm „Lola rennt“ (1999) die Rolle der Mutter übertrug.

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Dieses Foto entstand während der Dreharbeiten zu „Peng!“ © Jan Maroske

Es gibt gute und weniger gute Zeiten, was Rollenangebote betrifft. Aber Ute Lubosch klagt nicht. „Ich bin ja  immer noch da“, lacht sie. Man sieht sie in der bayerischen Heimatserie „Dahoam is Dahoam“, im April in „SOKO Stuttgart“, „SOKO Wismar“ und in der ZDF-Serie „Die Spezialisten“. 2017 war ein stressiges Jahr. Denn neben den Dreharbeiten hat sie seit einigen Jahren auch als Lehrbeauftragte an der Musik- und Theaterhochschule Rostock gut zu tun. Eine Arbeit, die ihr vor allem Spaß macht und berufliche Erfüllung gibt.  Dann erzählt sie begeistert von dem Kurzspielfilm „Peng! – Die Pistole“, den sie während der Berlinale 2017 mit dem Filmemacher Jan Maroske gedreht hat.

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Ute Luboschs letzte Saison 2013 in der „Müritz-Saga“. 8. Folge „Gottesfurcht im Niemandsland“  © Gerlind

Die 65-Jährige fühlt wohl in ihrem Leben, wie es ist. „Ich muss nicht darben“, scherzt sie, „habe den besten Mann. Und so lange wir zusammen sind, kann uns nichts passieren.“ In einer Jazz-Kneipe hatte sie den Westberliner Journalisten Rolf Gevelmann 1994 kennengelernt. Im Juli 2009 haben sie in Waren-Müritz geheiratet. Ute Lubosch spielte im Freilichttheater Waren seit 2006 in der „Müritz Saga“.  Und so wurde nach dem Standesamt eine zünftige Mittelalterhochzeit gefeiert. Beide finden, dass sie ein gutes Team sind. „Berufsfrust und Tiefschläge nehme ich durch Rolf leichter. Ich bin dankbar, dass wir uns getroffen haben“, bekennt die Schauspielerin.

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Mit Hilmar Eichhorn 1978 in „Addio, piccola mia“. DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann

Anfang Mai beziehen beide wie jeden Sommer ihren „Landsitz“ in Mecklenburg. Ein Schnitterhaus ohne Luxus, mit großem Garten. „Wir mutieren langsam zu Selbstversorgern. Auf meinem Fensterbrett in Berlin stehen kleine Kartoffelpflanzen, und die Auberginen treiben auch schon aus.“ Ute Lubosch sprüht geradezu vor Freude. Der fünfte Sommer, den sie stressfrei genießen wird. Von 2006-20013 stand sie in der Zeit jeden Tag in der „Müritz-Saga“ auf der Freilichtbühne Waren. „Ich merkte plötzlich, dass der Spaß weg war.“ Sich quälen und Zeit versäumen, die sie besser verbringen kann, das will sie sich nicht mehr antun. Ob sie das alter merkst? Ja, wenn wieder ein Kollege oder Freund vom „Schnitter“ geholt wurde. „Bei mir läuft alles noch rund. Ich jogge jeden Tag durch den Wald oder fahre Rad. Im letzten Jahr habe ich Englisch gelernt, jetzt ist Französisch dran.“ Dafür braucht sie keine Volkshochschule. Das macht sie autodidaktisch. Hut ab!

 

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