Happy Birthday, lieber Wolfgang Winkler!

Und wieder ist ein Jahr vergangen. Soeben habe ich Wolfgang Winkler zu seinem 74. Geburtstag gratuliert. Gesundheit gewünscht, die man mit zunehmenden Jahren mehr als alles andere braucht. Zur Zeit ist er mittwochs um 18.50 Uhr in der ARD-Vorabendserie „Rentnercops“ zu sehen. Humorvoll, witzig – etwas, das ihm liegt.

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Das Publikum seiner Lesungen mit Freund Jaecki Schwarz „Herbert & Herbert – Mit dir möchte ich nicht verheiratet sein“, kann das hautnah erleben.  Am 24. Mai plaudert das  launige Ex-Ermittlerduo des Hallenser „Polizeirufs 110“ Schmücke und Schneider auf der Großen Bühne des Theaters Eisleben aus seinem Leben.

TV-Termin 
„Rentnercops“ – ARD-Vorabendserie, mittwochs 18.50 Uhr

Lesung: 
„Herbert & Herbert – Mit dir möchte ich nicht verheiratet sein“,
24. Mai, 19.30 Uhr, Große Bühne des Theater Eisleben

 

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Zum 70. Geburtstag von Schauspielerin Uta Schorn: „Sie ist leider sehr begabt.“

Zwischen heute und diesem Satz, den sie als junges Mädchen zufällig im Gespräch ihrer Eltern hörte, liegt über ein halbes Jahrhundert. Er ließ Uta Schorn einen Weg einschlagen, den sie für sich eigentlich nicht vorgesehen hatte. Sie wurde Schauspielerin.

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Heidi Weigelt, Klaus Gehrke und Uta Schorn 2017 in der Komödie „Sei lieb zu meiner Frau“ ©show-express/Gössinger

Es ist Januar, es schneit, die Straßen sind glatt, in Sachsen und Thüringen herrscht Schneealarm. Kein Wetter, um mit dem Auto durch die Weltgeschichte zu fahren. Doch Uta Schorn beginnt ihr neues Lebensjahrzehnt – am 13. Januar vollendete sie ihren 70. Geburtstag – mit einer Theatertournee. Quer durch den Osten der Republik. „Sei lieb zu meiner Frau“ heißt das heitere Stück, in dem zwei Paare heimlich untereinander fremdgehen. Neben Uta Schorn reizen Heidi Weigelt, Klaus Gehrke und Hartmut Schreier in dem turbulenten „Bäumchen-wechsle-dich“-Spiel die Lachmuskeln des Publikums.

Das Quartett kennt sich aus gemeinsamer Arbeit beim DDR-Fernsehen. Mit Heidi Weigelt ist Uta Schorn seit der gemeinsamen Studienzeit an der „Ernst Busch“, der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, befreundet. Jeder der Vier weiß um die Spielqualität der anderen, und die Chemie stimmt auch. „Es macht riesigen Spaß, auch wenn 30 Vorstellungen in zwei Monaten, noch dazu im Winter, nicht ganz ohne sind“, sagt die Schauspielerin im Gespräch am Telefon.

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Uta Schorn (vorn) mit Cornelia Lippert, Matti Wien und Maria Jany in „Fisch zu viert“ ©Berliner Kriminaltheater

Ihre freie Zeit ist knapp, denn zwischen den Tour-Terminen steht sie im Berliner Kriminaltheater auf der Bühne. Seit November zeigt sie sich hier in der rabenschwarzen Komödie „Fisch zu viert“ gallig, scheinheilig und mörderisch. Das schon 40 Jahre alte Erfolgsstück stammt aus der Feder des bekannten Filmautors Wolfgang Kohlhaase („Ecke Schönhauser“, „Solo Sunny“, „Blumen vorm Balkon“). „Man spielt einen Krimi und gleichzeitig Komödie. Mit dem fein geschliffenen Wortwitz, den uns der Autor in die Hand gibt, ist das wunderbar“, schwärmt die Schauspielerin, die eine der drei spitzzüngigen reichen Schwestern spielt, die jede ein Verhältnis mit Diener Rudolf hat, ohne dass die anderen davon wissen. Und jede versprach ihm, ihn für seine Liebesdienste in ihrem Testament zu bedenken. Als Rudolf den versprochenen Liebeslohn vorzeitig einfordert, wird es brenzlig.

Uta Schorn hundsgemein zu sehen – ein seltenes Erlebnis. Für mich verbinden sich mit der Schauspielerin vor allem sympathische Figuren. Freundlich, hilfsbereit, mitfühlend, Familienmenschen wie Inge Kleist in der ARD-Serie „Familie Dr. Kleist“, zupackend wie Barbara Grigoleit, Chefarztsekretärin in der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“. Mit diesen Rollen hat sie, die in der DDR zu den Fernsehlieblingen gehörte, endgültig auch bei den Zuschauern im Westen Namen und Gesicht gewonnen. Während es für sie in der Eisenacher Familienserie „Dr. Kleist“ weitergehen wird, inzwischen das 14. Jahr, hat man „Barbara Grigoleit“ 2014 im Leipziger Dauerbrenner in Rente geschickt.

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15 Jahre waren Uta Schorn und Heinz Bellmann als Sekretärin Barbara Grigoleit und Chefarzt Prof. Dr. Simoni ein Team ©mdr/Wernicke

Mit neuen Gesichtern, neuen Konstellationen sollte frischer Wind in das 15-jährige Erfolgsformat gebracht werden. Für die ausgemusterten Darsteller ein rigoroser Einschnitt. „Barbara war Teil meines Lebens geworden“, sagt Uta Schorn. „Aber ich wusste schon ein Jahr vorher, dass man sich von meiner Figur verabschiedet. Ich konnte mich vorbereiten und dachte, dass ich den Abschied gut wegstecke.“ Am letzten Drehtag gab es trotzdem Tränen. Manchmal vermisst sie die Kollegen, mit denen sie viele schöne Momente spielen durfte, sich auch hinter der Kamera gut verstand.

Wie sollte man sich mit ihr auch nicht verstehen. Die attraktive Schauspielerin, die immer ein Lächeln im Gesicht trägt, ist weder mufflig noch intrigant, hat Humor, macht gern Witze und ist jederzeit für ihre Freunde da. „Meine Mutter hat immer zu mir gesagt, ich sei ein Sonntagskind, obwohl ich am Montag zur Welt gekommen bin. Ich habe nie geningelt, selten geweint. Mein sonniges Gemüt und mein Humor sind die besten Eigenschaften an mir“, beschreibt sich Uta Schorn in unserem ersten Interview vor 20 Jahren. Sie halfen ihr in Zeiten, die nicht so rosig waren. „Das Schauspielerleben macht nicht nur glücklich, insbesondere, wenn man keine Arbeit hat.“ Auch das kam in der DDR vor.

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Uta Schorn in den 70ern ©Filmmuseum Potsdam

Bevor sie ab 1984 fest im Schauspielerensemble des Fernsehens spielte, musste sie sich selbst um Auftritte und Rollen kümmern. Wenn das nicht klappte oder manches nicht zufriedenstellend verlief, überkamen die junge Schauspielerin heftige Selbstzweifel. „Bis weit über Dreißig litt ich oft unter Depressionen, was keiner vermutete.“ Irgendwann aber waren die Depressionen weg. Uta Schorn schreibt das ihrem Mann Peter zu, der diese Phasen mit Ironie bedachte: „Du hast allen Grund depressiv zu sein. Bist hässlich, eine ganz schlechte Schauspielerin, lebst in Armut und Grausamkeit, dich liebt keiner, sagte er immer. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich nicht mehr dazu kam, mich einzuigeln.“

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Uta Schorn mit Ursula Karusseit während eines Fotoshootings zum 15-jährigen Jubiläum der Serie „In aller Freundschaft“ ©mdr/Wernicke

Eine Traumarbeitsstelle nennt Uta Schorn die Serie „In aller Freundschaft“. Produktionsteam und Schauspieler sind über die Jahre zusammengewachsen wie eine Familie, in der es die meiste Zeit harmonisch zugeht. „So lange vom Schauspielerberuf gut leben zu können ohne sich Sorgen machen zu müssen, ist nicht selbstverständlich. Aber ich bin zufrieden, wie es jetzt ist. Man kann nach 15 Jahren auch sagen: Is’ jut, Zeit, etwas anderes zu machen.“ Wenn sie frei von der Leber weg redet, fällt die gebürtige Schwäbin unweigerlich ins Berlinern. Ihren „Heimatdialekt“ kann sie gar nicht. „Ich bin als Kleinkind mit meinen Eltern nach Berlin gekommen und habe hier sprechen gelernt.“

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Joe Schorn 1974 als Zacharias im DEFA-Märchenfilm „Hans Röckle und der Teufel“ ©DEFA-Stiftung

Im eisigen Winter 1947 wurde sie als Tochter des Schauspielerehepaares Joe Schorn und seiner Frau Traudi Harprecht in Augsburg-Göggingen geboren. Sie lebten da in einer kleinen Theaterwohnung. Augsburg war zu fast einem Viertel im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. 1947 ging als Jahr des größten Hungers in die Annalen ein, denn die Lebensmittelvorräte waren aufgebraucht. Trotzdem wurde Theater gespielt. Joe Schorn erhielt kurz nach Utas Geburt ein Engagement in Bremen, wenig später ein Angebot vom Metropol-Theater in Berlin. Die kleine Familie zog vom Westen in den Osten und blieb dort. Ich sah Joe Schorn in vielen DEFA- und Fernsehfilmen der 50er bis 70er Jahre, in „Carola Lamberti – Eine vom Zirkus“, „Fünf Patronenhülsen“, „Die Glatzkopfbande“, in den  Märchenfilmen „Der kleine Muck“, „Hans Röckle und der Teufel“ und in den Indianerfilmen „Tecumseh“, „Ulzana“ und „Kit & Co.“ Sein markantes Gesicht ist mir gut in Erinnerung. Dass er der Vater der beliebten Schauspielerin Uta Schorn ist, weiß ich erst seit unserem Interview 1996. Joe Schorn starb 1994 mit 83 Jahren.

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1971 mit Berko Acker im TV-Märchen „Der Nachtigallenwald“ ©FF dabei/Christine Nerlich

Das Schauspielerpaar versuchte, seine Tochter in Richtung eines soliden Berufes zu lenken. „Ich dachte auch nicht, dass ich mal Schauspielerin werde, obwohl ich mich schon fürs Theaterspielen interessiert habe“, erzählte sie mir damals. Aber es sollte anders kommen. Uta besuchte die musisch orientierte Gerhart-Hauptmann-Oberschule in Berlin-Friedrichshagen, an der man die künstlerischen Talente der Schüler förderte. Es gab Gesangs- und Rezitatoren-Wettbewerbe, Ausscheide im Gedichteschreiben und Theaterspielen. Einmal im Jahr wurde eine große Talent-Show veranstaltet, die Uta moderierte. „Unsere Klasse hat jedesmal die meisten Preise abgeräumt.“ Darüber freut sie sich heute noch.

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Erste Autogrammkarte 1969

Das allerdings gab nicht den Ausschlag, dass sie den Berufsweg zur Schauspielerin einschlug. Es ist eher einem Zufall geschuldet. Die Mutter hatte mit Utas Klasse „Lysistrata“ inszeniert. Als die Siebzehnjährige von einer Probe nach Hause kam, hörte sie, wie ihr Vater fragte: „Und –  wie ist sie?“, und die Mutter sagte: „Leider sehr begabt“. Von da an war es für sie nicht mehr abwegig, es den Eltern gleichzutun.  Ohne ihnen zunächst etwas zu sagen, bewarb sich Uta Schorn an der Schauspielschule. Die Texte, die sie vorsprechen wollte, zeigte sie dann aber doch lieber erst einmal dem Vater. Der nickte: „Mach das!“ sie wurde sofort angenommen. Nach vier Jahren schloss sie das Studium 1970 mit dem Diplom ab. Ich habe  Uta Schorn zu ihrem 60. Geburtstag gefragt, bei wem sie sich gerne noch mal bedanken würde. „Bei meiner Mutter“, sagte sie. „Sie ist sehr früh gestorben, und es ist noch Unausgesprochenes geblieben. Ich bedanke mich nun auf einer anderen, der energetischen Ebene bei ihr.“

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Uta Schorns Mutter, die Schauspielerin Traudi Harprecht, war 54 Jahre alt, als sie starb

Von Anfang war Uta Schon „mehrgleisig“ unterwegs. Sie stand am Maxim-Gorki-Theater, später in Radebeul, Halle und am Theater im Palast der Republik auf der Bühne. Schon während des Studiums hatte sie im Spionagefilm „Verdacht auf einen Toten“ 1969 ihr Filmdebüt gegeben. Die Karriere nahm langsam aber stetig ihren Lauf. Ab 1972 hatte sie Rollen in mehreren Filmen der DDR-Fernsehkrimi-Reihe „Polizeiruf 110“, war durchgehend in der beliebten Fernsehserie „Rentner haben niemals Zeit“ und den Nachfolgern „Geschichte übern Gartenzaun“ und „Neues übern Gartenzaun“ besetzt. Energiegeladen fand sie immer noch Platz für Auftritte mit Kleinkunstprogrammen, moderierte im Friedrichstadtpalast  Revuen, zweimal die große DDR-Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ und von 1973 bis zum Ende des DFF 1991 zusammen mit Gerd E. Schäfer die beliebte Fernsehsendung „Der Wunschbriefkasten“.

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1973 mit Klaus-Peter Thiele (l.) und Hans-Peter Reinicke im „Polizeiruf 110: Vorbestraft“ ©mdr

Sehr oft verkörperte Uta Schorn selbstbewusste Frauen, die ihren eigenen Weg im Leben gehen. Diese Figuren sind dicht an ihr selbst. Das macht sie so authentisch. Für ihre Darstellung der vom Schicksal hart getroffenen Ärztin in der DFF-Serie „Bereitschaft Dr. Federau“ wurde sie 1988 von den Lesern der DDR-Programmzeitschrift „FF dabei“ zum Fernsehliebling gekürt und erhielt den „Goldenen Lorbeer“, die höchste Auszeichnung, die das DDR-Fernsehen zu vergeben hatte. Ein ausgesprochen begehrter Preis. Für diese Rolle wie auch die der alleinerziehenden Richterin in der Serie „Mit Herz und Robe“, der letzten Serie des DFF, konnte sie auf Erfahrungen aus ihrem Leben zurückgreifen.

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Tim Hoffmann (M.) 1964 mit seinen Eltern Adolf-Peter Hoffmann und Gaby Jäh-Hoffmann im Fernsehspiel „Es war nicht der Milchmann“ ©Waltraut Denger

16 Jahre war sie mit dem Schauspieler Tim Hoffmann verheiratet gewesen, als die Ehe geschieden wurde. Die Liebe hielt nicht fürs Leben, wie es sich Uta vorgestellt hatte. Sie war Studentin, als sie sich in den vier Jahre Älteren verliebte und 1968 die gemeinsame Tochter Danne zur Welt brachte. Seit Jahren ist in bunten Blättern von einer „kurzen Ehe“ zu lesen. Uta Schorn ärgert sich darüber maßlos. „Das hat ein Journalist in die Welt gesetzt, dem ich nie ein Interview gegeben habe. Und alle schreiben das ab. Keiner fragt mal nach.“  Die Trennung hat ihr damals sehr zu schaffen gemacht. Dann lernte sie den Schauspieler Peter Zintner kennen und begann mit ihm 1984 ein neues Leben. Für die Serie „Bereitschaft Dr. Federau“ standen sie in der ersten Folge gemeinsam als Ehepaar vor der Kamera. „Wir sind eine gut funktionierende Patchworkfamilie mit unseren Kindern und Enkeln.“

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Danne Suckel am Theater Halle in „Endstation Sehnsucht“. Sie sieht ihrer Großmutter Traudi Harprecht sehr ähnlich ©Bühnen Halle

Danne ist heute Schauspielerin am Neuen Theater Halle, verheiratet und Mutter eines 16-jährigen Sohnes. Gelegentlich übernimmt sie Rollen bei Film und Fernsehen. Gerade erst war sie in der Folge „Aus der Hölle“ in der Krimi-Serie „SOKO Leipzig“ als Pastorin zu sehen. Das Leben hat Mutter und Tochter sehr zusammengeschweißt. Uta Schorn genießt diese enge Bindung. „Das Schönste für mich ist, dass ich eine so prachtvolle Tochter habe, und sie mir einen so wunderbaren Enkel geschenkt hat“, wird Uta Schorn nicht müde, Fragen nach privaten Highlights zu beantworten.

1989 kam die Wende und mit ihr ein Umbruch, der das Leben der Menschen in der DDR radikal veränderte. Am 3. Oktober 1990 erfolgte der Beitritt zur BRD und der Staat DDR hörte auf zu existieren. Betriebe, Institutionen und Medien wurden abgewickelt. Und irgendwie auch die Menschen, die sich 40 Jahre bemüht hatten, die sozialistische Idee im Alltag umzusetzen. Am 31.12.1991 gingen beim DFF die Lichter aus. Mit vielen anderen Künstlern nahm Uta Schorn in der historischen Silvestersendung mit dem berühmten Schlager von Peter Alexander „Sag leise Servus“ Abschied von einem langen, erfüllten Stück Leben. „Wir haben sozusagen das Licht ausgemacht, mit fröhlichen Gesichtern, aber Innen tat es weh“, erinnert sich die Schauspielerin. Die Folgen dieses politischen Umsturzes haben sie nicht überrascht. „Ich wusste, dass wir nicht in ein Schlaraffenland kommen, wo man für Nichtstun alles kriegt. Das wahre Leben im Kapitalismus hat nichts mit dem zu tun, was das Werbefernsehen zeigt. Das haben wir in der Schule gelernt, nur keiner hat’s geglaubt“, sagte Uta Schorn in einem Interview, das wir zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit geführt haben.

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Mit Ulrich Pleitgen in der ARD-Serie „Familie Dr. Kleist“ ©ard/degeto/Norbert Kuhröber

Auch Uta Schorn hatte ihr Wendetief, lebte knapp zwei Jahre von Arbeitslosengeld und gelegentlichen Auftritten. 1994 bot ihr Filmproduzent Otto Meissner an, sie zusammen mit Günter Schubert durchgehend in der Serie „Elbflorenz“ zu besetzen, einer konfliktreichen Geschichte zweier Schwestern aus Ost und West. Die miteinander befreundeten DDR-Schauspieler waren dem Westberliner Produzenten nicht unbekannt. „Meissner hat sich angesehen, was wir in der DDR gespielt haben, und uns als Paar in der ZDF-Miniserie ,Die Durchreise’ und ,Ein Bayer auf Rügen’ getestet. Das sagte er mir, als ich erstaunt fragte, ob er mich  überhaupt kenne.“

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Letzter Drehtag für Uta Schorn 2014 in der Sachsenklinik ©mdr/Wernicke

Mit der Serie „Elbflorenz“ erlangte Uta Schorn eine unerwartete Popularität in den alten Bundesländern. In der Folge flatterten neue Rollen auf ihren Tisch. Sie spielte zwei Jahre in der Serie „Der Landarzt“ und war drei Jahre als Hebamme Henriette bei „Frauenarzt Dr. Markus Merthin“ zu sehen. „Eine ganz tolle Rolle“, findet sie noch heute. Einer, der das Können der Schauspieler aus der DDR ebenfalls sehr schätze, war TV-Produzent Wolfgang Rademann. 1997 holte er Uta Schorn auf sein „Traumschiff“. Von diesen Dreharbeiten auf Hawaii, in Thailand, Burma, Rangun, Oman und Madras schwärmt sie noch heute. Schmunzelnd erzählt sie, dass sich Rademann erst in ihrer Vita vergewissern musste, dass sie auch nicht zu jung für ihren Partner Hans Teuscher ist. „Er sollte einen 55-Jährigen spielen und ich eine etwa 50-Jährige. Rademann hielt mich für weit jünger. Dabei hatte ich das Alter. Auf der Reise bin ich 49 geworden.“

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Von Falten keine Spur. Uta Schorn 2010 ©Rüdiger Eichhorn

Mit Uta Schorn lässt sich problemlos übers Alter reden. Sie „zickt“ nicht. „Ich stehe  dazu wie zu meinen Falten, die ich mir redlich erworben habe mit den Jahren.“ Mal gefällt sie sich morgens im Spiegel, mal nicht. Und am Abend beim Abschminken nach einem anstrengenden Tag vor der Kamera, ist das noch mal etwas ganz anderes. „Ich erinnere mich an meine Mutter. Wenn sie in ihrem Sessel saß, so im Gegenlicht, dann hatte sie einen Lachfaltenkranz um die Augen herum. Das habe ich immer sehr gemocht, fand es schön.“ Ihre Falten bemerkt man kaum. Und sie hat nicht nachgeholfen. In ihrer Jugend wollte Uta Schorn eine herbe Frau sein, mit eckigen Backenknochen und grätig. Ihr schönes Gesicht erschien ihr wie ein Fluch. Machten ihr junge Männer Komplimente, gingen bei ihr die Warnsignale an. „Ich dachte immer, sie meinen das nicht ehrlich.“

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In ihrem Garten ©Rüdiger Eichhorn

Mit Yoga, morgendlichen „Tibetern“, viel Wasser und ausgewogener Ernährung hält sich die Schauspielerin seit Jahren fit. „Dass man schneller erschlafft und ermüdet, dass einem die Knochen wehtun und die Spannkraft der Haut nachlässt, finde ich nicht schön. Doch je älter ich werde, desto bewusster lebe ich, beginne jeden Tag mit Freude. Ich habe nicht mehr so hohe Erwartungen und lebe entspannter.“

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Mit Heidi Weigelt (l.) verbindet Uta Schorn eine lebenslange Freundschaft ©show-express/Gössinger

Dass man ihr die Siebzig nicht ansieht, sie für jünger hält, verdankt sie ihrem Temperament und ihrer Ausstrahlung. „Das ändert nichts daran, dass ich spüre, dass mein Körper 70 ist. Wenn ich nach einer Vorstellung nachts mit dem Auto lange Strecken nach Hause fahre, schlaucht mich das mehr als früher. Ich muss das endlich begreifen und Konsequenzen ziehen.“ Was bedeuten würde: Kürzertreten und sich endlich richtig Urlaub gönnen, nicht mal nur 12 Tage. Das wollte sie schon, als sie 65 geworden war. Es hat nicht funktioniert.frau-presse-jpg-show-express-koennerngoessinger

Wenn es die Gesundheit hergibt, kocht Uta Schorn nicht auf Sparflamme. So ist sie gestrickt. Nicht mal mit einer Bronchitis hat sie sich am Jahresende ins Bett gelegt. Da waren die verkauften Karten, die Kollegen, die sie auf der Bühne brauchten. Sie gehört zu der Generation, die sich in Verantwortung sieht und es mit dem Pflichtbewusstsein auch schon mal übertreibt. „Wenn ich 80 bin, sofern ich noch bis dahin komme, lege ich mich mit einer Erkältung ins Bett“, scherzt sie und wird gleich darauf nachdenklich. „Im letzten Jahr sind so viele Kollegen überraschend gestorben. Das geht mir an die Nieren. Ich will noch etwas von meinem Leben haben, etwas von der Welt sehen.“

Man darf gespannt sein, denn im August geht es an der Comödie Dresden mit dem Erfolgsstück „Kalendergirls“ weiter. ph-cover-250x370

Die Festivals von Edinburgh feiern ihr 70-jähriges Bestehen

Ich habe eben eine Mail bekommen, die es wert ist, hier auf dem Blog promotet zu werden. Dieses Jahr begeht Edinburgh im Rahmen einer ganzjährigen Feier, die Schottlands historische Hauptstadt wie nie zuvor zu etwas ganz Besonderem macht, das 70. Jubiläum seiner weltberühmten Festivals.

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The Excitements/Edingburgh Jazz und Blues Festival

Diese einzigartige Idee wurde im Jahr 1947 geboren. Die Festivals von Edinburgh – allen voran das Edinburgh International Festival, der Edinburgh Festival Fringe und das Edinburgh International Film Festival – nahmen damals als Initiative für mehr Menschlichkeit ihren Anfang, nachdem die Unmenschlichkeit mit dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Diese Inspiration konnte 70 Jahre lang aufrechterhalten werden und machte Edinburgh und seine Festivals zu einem unvergleichlichen Ziel für erstklassige Kultur und internationalen Austausch, das Edinburgh den Ruf einer weltweit führenden Festivalstadt einbrachte. Ein 70-sekündiger Film fängt einige außergewöhnliche Augenblicke der Festivals von Edinburgh ein und gibt einen Vorgeschmack auf die Festivalsaison 2017 gibt.

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Go Get ‚EM KID/Imaginate Festival. Foto: Eion Carey

Von Theater, Tanz, Oper über Musik und Literatur bis hin zu Film, Wissenschaft, visuelle Kunst, Jazz und große Veranstaltungen ist bei den Festivals von Edinburgh für jeden Geschmack das Richtige dabei. Veranstaltungsorte und Räume jeder Art werden zu Bühnen umfunktioniert, wie zum Beispiel das prächtige Edinburgh Castle, Theater, Konzerthallen und Spiegelzelte sowie die legendären Pflasterstraßen der Stadt.

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NVA’s Speed of Light/Edinburgh International Festival. Foto: Euan Myles

Im Jahr 2017 ist die Welt zu Gast in Edinburgh. Menschen und Kultur stehen  im Mittelpunkt der Festivals. Das Jahr 2017 bietet die ideale Gelegenheit, in einer der legendärsten Städte der Welt ein einzigartiges, unvergessliches Festival zu erleben und eine Reise nach Edinburgh zu planen.

Und das sind die Termine:
Edinburgh International Science Festival:
1. bis 16. April
Imaginate Festival
27. Mai bis 4. Juni
Edinburgh International Film Festival 21. Juni bis 2. Juli
Edinburgh Jazz & Blues Festival
14. bis 23. Juli
Edinburgh Art Festival:
27. Juli bis 27. August
The Royal Edinburgh Military Tattoo – 4. bis 26. August,
Edinburgh International Festival  4. bis 28. August
Edinburgh Festival Fringe – 4. bis 28. August,
Edinburgh International Book Festival  – 12. bis 28. August
Scottish International Storytelling Festival – 20. bis 31. Oktober
Hogmanay  – 30. Dezember 2017 bis 1. Januar 2018.

Näheres unter http://www.edinburghfestivalcity.com.
Video: http://www.edinburghfestivalcity.com/edfests70

Erinnerung an Gisela May – Mit Brecht um die Welt

„Alte Leute konnte ich noch nie leiden, und jetzt bin ich selbst alt…“ Sie hatte das stolze Alter von 92 Jahren, sechs Monaten und einem Tag erreicht, als sie in der dritten Morgenstunde des 2. Dezembers 2016 einschlief. Für immer. Fast fünf Jahrzehnte hat Gisela May weltweit Triumphe gefeiert mit Chansons und Liedern von Bertolt Brecht, Kurt Weill, Hanns Eisler, von Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Sie sang Jaques Brel und Mikis Theodorakis. Sie trat in ganz Europa auf, gastierte mehrfach in Australien, den USA. Sie war die Grand Dame des politischen Liedes, gab Konzerte in der Carnegie Hall, brillierte an der Mailänder Scala. Ihr Zuhause aber das Berliner Ensembles. Sie war nach Lotte Lenya – der Frau von Kurt Weill – und Helene Weigel – Brechts Ehefrau – die „Königin des Brecht-Theaters“ wie es BE-Intendant Claus Peymann formulierte. Nun war die Lebensuhr der großen Gisela May abgelaufen.

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Gisela May gibt Autogramme nach ihrem Konzert zur Kurt-Weill-Woche in der Komischen Oper 2013. Foto: Silke Reents 

Ich habe die Künstlerin zweimal zum Interview getroffen. Das erste Mal 2004, zu ihrem 80. Geburtstag. Den feierte sie mit ihrem Kurt-Weill-Programm auf der Bühne. Den Eingangssatz sagte sie vor anderthalb Jahren zu mir. „Trotzdem gehöre ich auf die Bühne!“, fügte sie dann lächelnd hinzu. Einen Moment hatte mich die Festigkeit, mit der sie das von sich gab, sprachlos gemacht. Was war das? Trotz? Trauer? Oder einfach das Fazit ihres 91-jährigen Lebens, dass es für sie nie etwas anderes als den Beruf gab? Den sie nie hätte lassen können, selbst wenn ein Mann sie auf Händen trüge. „Die Bühne ist der Hauptgrund meiner Existenz. Das hat sich so ergeben, aber ich weiß nicht, wo es noch hingeht.“

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Gisela May 2011 in ihrer Wohnung. Foto: Silke Reents  

Wir saßen uns in der Besucherecke eines Pflegeheims gegenüber. Sie hat ihre Selbständigkeit, die eng verbunden war mit der eigenen Wohnung an der Friedrichstraße, aufgeben müssen. Nicht mit Freude, doch mit der Einsicht in die Gebrechlichkeit, die sich eingestellt hatte. „Ich bin nicht in der Lage, die Hürden des Alltags, die Realitäten, die auf mich zukommen, zu meistern. Mein Augenlicht ist so schlecht, dass ich kaum noch etwas erkenne. (Pause) In so etwas möchte man nicht hineingezogen werden, sitzt aber plötzlich mittendrin im eigenen Dilemma. Da haben dann andere ein Mitspracherecht. Aber das ist noch nicht das Ende!“ Freunde waren an ihrer Seite, auf die sich verlassen konnte, die aufpassten, dass ihr nichts geschieht.

Gisela May war nie groß, aber von guter Statur. Nun wirkte sie zerbrechlich. Ihren Humor haben ihr die Umstände nicht nehmen können. „Es ist absolut amüsant. Ja! Weil ich voll da bin, aber doch wiederum zurücktreten muss. Die Unmittelbarkeit, auf die man nicht vorbereitet ist und dann doch vorbereitet wird, die mein Leben darstellt, wird täglich neu gelebt. Ich bin ein Mensch, der in der Gegenwart lebt, in der sich Vergangenheit und Zukunft treffen“, reflektierte sie. Es erstaunte mich, mit welcher Klarheit und philosophischer Tiefe sie mit 91 Jahren ihr Leben erfasste. Intelligent, klug, inspirierend. Sie war immer noch die anspruchsvolle Gesprächspartnerin. Es war ihr immer wichtig, dass ein Zusammentreffen mit anderen Menschen auf intellektueller Ebene ablief. Daran hatte sie Freude, solche Gespräche liebte sie. Das angesprochene Ende – mit dem sie sich nie auseinandergesetzt hat – war ihr „scheißegal“.

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Probe für „Mutter Courage und ihre Kinder“ am 17. 9. 1978, zum ersten Mal mit Gisela May unter der Regie von Manfred Wekwerth, Intendant des Berliner Ensembles. Foto: Katja Rehfeld

Wer sie kannte, wird über den Jargon schmunzeln. Berliner Schnauze. Die hatte sie sich angeeignet in den vielen Jahren seit sie 1951 hierher kam, um Brecht zu spielen. Worauf sie aber noch bis 1962 warten musste. Davor lagen zunächst zehn Jahre harter Arbeit am Deutschen Theater, das damals von Wolfgang Langhoff geleitet wurde. Ein grandioser Schauspieler und Regisseur. Die May war eine strenge Arbeiterin, energisch, fordernd, bewundernswert diszipliniert, wenn es darum ging, eine Rolle, ein Lied bühnenreif zu machen. Es ging dabei nie verbissen zu. Freunde und Kollegen liebten ihren Charme, ihren Witz, ihre Wärme. Und ihre Direktheit, mit der sie bei der Arbeit inspirierte, aber ein Interview schon ins Stocken bringen konnte.

s-l300.jpgFür uns, in der DDR aufgewachsene Theater- und Musikbegeisterte, war Gisela May ein Muss. Jeder besaß wenigstens eine Schallplatte von ihr. Ich habe sie 1966 in Brechts „Dreigroschenoper“  im Berliner Ensemble erlebt. Ein Theaterabend, bei dem mir nicht in den Sinn kam, dass mir Gisela May in einem Interview einmal gegenübersitzen und erzählen würde, dass diese Brecht/Weill-Songs sie auf ihren Weg gebracht haben. Ihr Vater, Ferdinand May, war Schriftsteller. Er führte seine Tochter zunächst durch seine Literatur an Brecht heran. Gerade mal zwölf Jahre, dudelte sie die Platten mit Liedern der „Dreigroschenoper“ rauf und runter, trällerte den Mackie-Messer-Song wie einen Schlager. „Ganz besonders aber mochte ich Surabaya-Johnny.“ Sie lauschte damals auch schon Liedern von Ernst Busch, der wegen seiner kommunistischen Gesinnung von den Nazis verfolgt wurde. „Seine Schallplatten gehörten zum kostbaren geheimen Besitz meiner Eltern, nicht ungefährlich im Nazi-Reich.“

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Die Eltern  Käte und Ferdinand May 1942 in Dresden. Foto: privat. Quelle. „Es wechseln die Zeiten

Sie wuchs in einem politisch links positionierten Elternhaus auf. Das legte bei der 1924 geborenen Gisela den Grundstein für ihre politische Orientierung. In ihren humorvoll, offen und ehrlich erzählten Erinnerungen „Es wechseln die Zeiten“ (Militzke Verlag 2002) erklärte sie im Interview mit Günter Gaus: „Meine Grunderlebnisse sind der Krieg, die Nazi-Zeit, der Verlust meines Bruders, der in diesem Krieg geblieben ist, das Hungern, die Trümmer. Dieses Grauen sitzt so tief in mir und meiner Generation, dass ich das nicht abschütteln kann. Wir wollten eine echte Alternative zu diesem kapitalistischen System, das ja zu Hitler geführt hat. Die Kommunisten waren die einzigen, die gesagt haben: Hitler bedeutet Krieg…“

Für Gisela May gab es nie einen Zweifel, dass sie als Künstlerin auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat. Politisches Bewusstsein gehörte für sie zu ihrer Arbeit. Sie vertrat, wie Brecht, eine humanistische Weltsicht. Ob als Diseuse oder Schauspielerin – sie hat von der Bühne herunter versucht, etwas zu vermitteln an Menschlichkeit, an Verständnis. Sie war zu einer führenden künstlerischen Repräsentantin der DDR avanciert. Zu dem Land hat sie immer gestanden, ohne jedoch blind zu sein für seine gravierenden Probleme. Den Zusammenbruch sah sie wie viele andere kommen, als Gorbatschow mit seiner Glasnost-Politik in der Sowjetunion die Führung übernahm. „Die Wende habe ich in keiner Weise als Katastrophe behandelt. Im Gegenteil. Ich habe es ungeheuer befürwortet und sehr genau beobachtet, wie ich da neben einem anderen Menschen her lebe, dessen Haltung in eine besondere Richtung geht und plötzlich von mir geteilt wird.“

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Wolfgang Harich lebte neun Jahre mit Gisela May zusammen. Er starb 1995. Quelle: Alchetron/zeitzeugen-tv.com 

Sie sprach von Wolfgang Harich, Philosoph, Journalist, einer der bedeutendsten und widersprüchlichsten marxistischen Intellektuellen der DDR. Wegen umstürzlerischer Pläne kam er 1956 für acht Jahre ins Zuchthaus. Walter Ulbricht sollte weg, die DDR reformiert werden. Als sie sich das erste Mal begegneten, hatte Gisela May inzwischen ihr Traumziel erreicht. Sie stand auf der Bühne des Berliner Ensembles und spielte Brecht. An jenem Abend Ende 1964 war es „Der Messingkauf“. Ein kurzes sich In-die-Augen-Sehen und es funkte. Ein zufälliges Zusammentreffen Neujahr 1965 wurde der Beginn einer nie langweiligen Partnerschaft. „Es war ein spannendes Abenteuer, in dem wir viel von einander profitierten, uns in jeder Beziehung ergänzten. Mich faszinierte an Harich immer wieder seine Intelligenz, seine immense Bildung, sein Talent, in großen Zusammenhängen zu denken und brillant zu formulieren. Unsere Temperamente stießen hin und wieder kräftig aneinander, und ich besitze ein umfangreiches Schimpfwortregister, das ich auch benutzte…“, beschrieb sie ihre gelegentlichen Disharmonien. Seine Affären beschädigten ihre Liebe. Einander ganz aufgeben mochten sie aber nicht. Es gelang ihnen eine Freundschaft, die bis zu Harichs Tod 1995 anhielt.

Nach der Trennung lebte Gisela May allein und genoss die Vorzüge, ganz egoistisch nur an sich denken zu dürfen. Das Zusammenleben mit Wolfgang Harich war ihr zweiter Versuch einer Langzeitbeziehung gewesen. 1954 hatte sie sich bei einem Betriebsausflug des DEFA-Studios in den 21 Jahre älteren jüdischen Journalisten Georg Honigmann verliebt. Er leitete die DEFA-Kurzfilmabteilung „Das Stacheltier“. Sie gehörte zu den eingeladenen Gast-Schauspielern – von Anfang an hatte sie neben ihrer Theaterarbeit für Film, Funk und Fernsehen gearbeitet. Ihr erster DEFA-Film war 1951 „Das Beil von Wandsbek“ gewesen, 1954 drehte sie „Eine Sommerliebe“.

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Gisela May 1958 mit Georg Honigmann und seiner Tochter Barbara, heute Schriftstellerin. Foto: privat

Gisela May hatte nicht vorgehabt, sich in einer Ehe zu binden. „Ich war mit meinem Beruf verheiratet, der mich sehr in Anspruch nahm. Die Idee, zu heiraten, wäre mir auch bei keinem anderen Mann gekommen.“ Nach zwei Jahren war klar, sie wollten sich nicht mehr trennen. Georg Honigmann ließ sich scheiden. Am 15. Mai 1956 gaben sie sich in Wernigerode, wo Giselas Großeltern lebten, das Jawort. „Wir liebten uns sehr, mir gefiel Georgs jüdischer Witz, seine Melancholie, Verletzbarkeit und Gelassenheit. Mit ihm fast ein Jahrzehnt meines Lebens verbracht zu haben, ist Glück und Gewinn an menschlicher Bereicherung, wofür ich dankbar bin“, erzählte mir Gisela May. Ihr Beruf, der sich zu sehr in das Privatleben eingeschlichen hatte, führte zur Trennung. „Vielleicht wäre so es soweit nicht gekommen, hätte ich nicht zwei fehlgeschlagene Schwangerschaften gehabt … Aber das ist alles so lange her“, resümierte sie im Rückblick.

Der Beruf Schauspielerin, stand für sie bereits fest, als sie Dreizehn war. Die musischen Gene hatte Gisela May von ihrer Mutter Käte, die aus gut bürgerlichem Hause stammte, Klavier spielte, malte und eine große Leidenschaft fürs Theater hegte. Selbst Schauspielerin zu werden, wurde ihr von den Eltern verwehrt. Glück für ihre Tochter Gisela. Die Mutter förderte ihre künstlerischen Ambitionen, eingedenk dessen, was ihr versagt wurde. Unterstützt wurde sie von einem Freund der Familie, dem Lehrer und Musiker Alfred Schmidt-Sas. Er wurde 1943 von den Nazis als Kopf der Widerstandsgruppe „Sas“ hingerichtet.

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Porträt von 1979 

Gisela May erinnerte sich mit warmen Gefühlen an ihn. „Ich war von seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit angezogen. Er förderte meine Neugier auf Literatur, entwickelte mein musikalisches Gehör und lehrte mich, die Natur bewusst zu erleben.“ Auf seine Anregung hin begann sie Tagebuch zu schreiben, eine Gewohnheit, die sie beibehielt. Ein Leben lang die liebste und wichtigste Person blieb für Gisela May ihre Mutter Käte. „Obwohl ich schon mit Siebzehn zu Hause ausgezogen bin, hatten wir eine starke Bindung. Vielleicht, weil wir uns so ähnlich waren. Meine Mutter war ihr ganzes Leben immer greifbar, wenn ich sie brauchte. Ich vermisse sie sehr. Dagegen hilft auch das hohe Alter nicht.“

Nach dem sogenannten Pflichtjahr für Mädchen, das sie im Haushalt einer Nazi-Familie ableistete, studierte Gisela May 1940-42 an der Schauspielschule in Leipzig. Die zwei Jahre vermittelten ihr das Nötigste. Das Handwerk für ihren Traumberuf erlernte sie danach an vielen kleinen Bühnen. „Mich hat niemand entdeckt. Ich habe mich mühsam und langsam voran gearbeitet.“ Ihre erste Rolle spielte sie an einem kleinen Dresdner Privattheater, dann ging es an eine Wanderbühne. Die nächste Etappe war Görlitz, als das letzte Kriegsjahr anbrach. Die Theater wurden geschlossen, die Schauspieler mussten an die Front, die Frauen in Rüstungsbetrieben Granaten drehen oder an der Front im Osten Gräben schippen. „Um die vorrückenden russischen Panzer aufzuhalten. Was für eine Absurdität!“ Gisela kam mit drei tschechischen Musikern, die als Fremdarbeiter den Theaterbetrieb in Görlitz aufrechterhalten hatten, nach Glogau. Bald wurden sie abkommandiert, die verwundeten Soldaten in Lazaretten mit Klein­kunstprogrammen zu unterhalten. Kurz vor Weihnachten 1944 wurde der Ort aufgegeben, die Künstler nach Hause geschickt.

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Der Komponist Hanns Eisler kehrte 1957 aus dem amerikanischen Exil nach Berlin zurück

8. Mai 1945, das Ende des deutschen Faschismus. Nazideutschland war besiegt, der Zweite Weltkrieg mit 70 Millionen Toten endlich vorbei. Ein neues Leben konnte beginnen. Gleich 1946 stand Gisela May wieder auf der Bühne, im neugegründeten Ensemble am Theater ihrer Heimatstadt Leipzig. Ein Jahr später ging sie nach Schwerin. Sie wollte zu Lucie Höflich, einer der berühmtesten deutschen Theaterschauspielerinnen, die am dortigen Staatstheater Direktorin und Regisseurin war.
Lernen am Objekt, also an der Rolle, hieß das für die junge Schauspielerin in den kommenden drei Jahren. Lucie Höflich weihte sie ein in die Geheimnisse ihrer einst unter Max Reinhardts Regie geschulten Darstellungskunst. In vielen kleinen, oft belanglosen Rollen trainierte Gisela May ihr handwerkliches Können, gewann sie Bühnensicherheit.

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2006  Foto: Silke Reents

Nach einem Engagement am Hallenser Landestheater schaffte sie, 27-jährig, 1951 endlich den lang ersehnten Sprung nach Berlin. Nicht, um dort Karriere zu machen. Es zog sie dorthin, weil sie „mit Schauspielern ersten Ranges auf der Bühnen stehen wollte, um geistreiche Dialoge wie Tennisbälle hin und her fliegen zu lassen.“ Aus dem Vorsprechen des Gretchen-Monologs aus „Faust“ ergab sich noch kein Engagement. Regisseur und Intendant Wolfgang Langhoff wollte sie noch im Ensemblespiel sehen und kam nach Halle. Sie spielte die Tatjana in Gorkis Stück „Feinde“ und überzeugte. Langhoff rief ihr nach der Vorstellung im Treppenhaus zu „Kommen Sie nach Berlin“. Zehn Jahre lang übertrug er der begabten Elevin die unterschiedlichsten Aufgaben, gab ihr die Gelegenheit, ihre schauspielerischen Möglichkeiten auszutesten. Sie erinnert sich in ihrem Buch: „Als Regisseur half er mir dabei in einer Weise, die vollständig meinen Intentionen entsprach: durch intellektuelle Klarheit und großes theatralisches Gespür.“
1957 kam es zu einer schicksalhaften Begegnung für die künstlerische Zukunft der damals 33-jährigen Gisela May, die sich als Theaterschauspielerin bereits einen Namen in Berlin gemacht hatte. Es hatte bei den Proben zu „Galilei“ einen ernsthaften Krach zwischen Ernst Busch und Bertolt Brecht gegeben. In dessen Folge Busch das Theater verließ und bei der „Konkurrenz“, dem Deutschen Theater, eine „Tucholsky“– und eine „Brecht“-Matinee veranstaltete. In beiden Programmen bekam Gisela May die Chance, an der Seite des von ihr verehrten Ernst Busch erstmals ihre musikalischen Fähigkeiten zu präsentieren. In einer Vorstellung saß Hanns Eisler im Publikum. Er erkannte ihr besonderes Talent für Chansons und die Möglichkeiten ihrer Stimme, deren Kraft, Vielseitigkeit und Virtuosität. Sie beeindruckte ihn so sehr, dass er nach der Vorstellung zu ihr in die Garderobe ging, sich vorstellte und sagte: „Das sollten Sie weitermachen.“

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1957 mit Ernst Busch am Deutschen Theater in „Die Kleinbürger“. Auszug aus „Es wechseln die Zeiten“ 

Die Arbeit mit ihm führte Gisela May auf den Weg zu der unvergleichlichen Interpretin der Lieder und Chansons von Brecht, Kurt Weill, Hanns Eisler, Ernst Busch. Bald galt sie weltweit als die Grand Dame des politischen Liedes und Chansons. Eisler lehrte sie, dass es bei der Interpretation darauf ankommt, die Grundhaltung eines Liedes zu finden und auf die eigene Persönlichkeit zu übertragen. Dass es auf technische Genauigkeit ankommt, um mit jedem Wort, jedem Ton den Zuhörer zu erreichen. „Ein Publikum, das den Text nicht versteht, kann nicht mitdenken“, sagte er ihr.
In diesem Sinne war vor allem Ernst Busch ihr ein Vorbild. Seine Haltung zum Publikum hat sie immer wieder tief beeindruckt: „Diese produktive Aggressivität, diese Art, in jedem Zuschauer einen Freund zu sehen oder auch einen Feind. Immer im direkten Zwiegespräch mit dem Auditorium.“ Gisela May beherrschte sowohl das gesprochene als auch das gesungene Wort bis zur Perfektion, gepaart mit Geist, Herz und Witz.

Mays Arbeit als Schauspielerin erreichte 1961 eine neue Ebene. Nach einem Gespräch mit Helene Weigel, Prinzipalin des Berliner Ensembles, am Silvesterabend im Künstlerklub „Die Möwe“, wechselte Gisela May an das Brecht-Theater. Endlich konnte sie ihren geliebten Brecht spielen, was damals nur am BE möglich war. Die Weigel, Brechts Witwe, hatte verfügt, dass die Aufführungsrechte seiner Stücke ausschließlich seinem Theater vorbehalten waren. Bei einem Cognac wurde der „Pakt“ angebahnt. In ihrer mütterlichen Art und bestem Wienerisch sagte die Weigel zur May: „Na, da kommst halt mal a bissl vorbei.“ Im Januar unterschrieb Gisela May ihren Vertrag mit dem BE. Aus dem „a bissl“ wurden 30 ungeheuer schöne, anstrengende und erfolgreiche Jahre für die so wandelbare Schauspielerin.

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Von 1978-1992 zog Gisela May als Mutter Courage ihren Marketenderinnen Karren über die Bühne des Berliner Ensembles. Es war ihre wichtigste und schwierigste Rolle. Foto: Wolfgang Behrendt

14 Jahre zog Gisela May in „Mutter Courage und ihre Kinder“ den Karren der Marketenderin über die Bühne des BE. 1978 hatte Helene Weigel ihre Paraderolle der Courage an Gisela May abgegeben. Ihr Respekt vor der Figur, die mit der Weigel über die Jahrzehnte verschmolzen war, ließ die inzwischen erfahrene Brecht-Schauspielerin beim Proben ungewollt die Weigel kopieren. „Ich erwischte mich dabei, dass ich sogar ihren Wiener Dialekt annahm.“
Sie musste sich befreien, eine eigene Sicht finden. Während Helene Weigel die mütterliche Seite der Courage hervorhob, ging es Gisela May um die Widersprüchlichkeit, die in der Figur der Marketenderin lag. Sie lebte davon, mit ihrem Karren voller Zeug den Tross der Soldaten zu begleiten und begriff nicht, dass es der Krieg war, der ihr die Söhne nahm. Es wurde für Gisela May die liebste und zugleich schwerste Rolle. Sie hat sie mit Charme, Witz und auch Härte geprägt.

Gisela May ließ sich in kein Schubfach stecken. Brecht war zwar die wichtigste, aber nur eine Seite ihrer Arbeit als Schauspielerin und Diseuse. Am Metropol Theater gab sie mit Bravour die Dolly in „Hello, Dolly“, stand in den heiteren Silversterschwänken „Drei reizende Schwestern“ vor der Kamera des Deutschen Fernsehfunks, unterhielt von 1984 bis 1989 als Gastgeberin in der musikalischen Fernsehreihe „Die Pfundgrube“ die Zuschauer. Sie sang auch Lieder junger unbekannter DDR-Poeten, die sie extra vertonen ließ.

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Erinnerungen an ein wundervolles, aufregendes Leben. Militzke Verlag 2002

Ihre Karriere als Diseuse lief parallel zu ihrer Schauspielarbeit am Theater, bei Funk und Fernsehen. Die ersten Angebote für Auslandsgastspiele waren bald nach ihren Auftritten in den beiden Matineen mit Ernst Busch gekommen. Aus Brüssel, Amsterdam und Mailand. Paolo Grassi, Direktor des Piccolo Teatros lud sie zu einem Brecht-Soloabend ein. Nach einem halben Jahr anstrengender Arbeit stand das Programm und wurde ein Riesenerfolg. Das Publikum rief „bis, bis“. Was soviel wie da capo bedeutete, von der Sängerin doch zunächst missverstanden wurde. Sie meinte Biest verstanden zu haben, ihre Dolmetscherin klärte sie auf. Milano war die Startrampe für die nun folgende internationale Karriere, die sie quer durch Europa, die USA und Australien führte. Politischer Höhepunkt ihres ersten Amerika-Gastspiels war ein zusätzliches Brecht-Programm vor den UNO-Delegierten in New York, denn die DDR gehörte damals noch nicht zu den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Sie sang das „Friedenslied“ von Brecht/Eisler, das von einem ergriffenen Auditorium mit demonstrativem Beifall bedacht wurde. „Selten spürte ich eine solche Übereinstimmung zwischen politisch-künstlerischer Absicht und unmittelbarer Wirkung“, erinnert sie sich in ihrem Buch.

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Porträt 1998. Foto Silke Reents

Dann kam 1989 die politische Wende in der DDR, 1990 der Beitritt zur BRD. Und am Berliner Ensemble hatte eine neue Intendanz das Sagen. Wie überall wurde Altes abgekippt. Brecht und seine Philosophie, mit dem Theater eine humanistische Weltsicht zu verbreiten, wollte man nicht mehr. Viele wichtigen Schauspieler wurden entlassen. Innerhalb von fünf Minuten erhielt Gisela May 1992 ihre Kündigung. Nach dem ersten Schock hat sie nach Möglichkeiten gesucht, etwas zu tun. Dachte daran, in ein Krankenhaus zu gehen, die Patienten zu unterhalten. Das kannte sie ja aus ihrer Jugend, als sie in Lazaretten auftrat. Aber es kam ein Rollenangebot von Renaissance-Theater. Sie nahm einen Lehrauftrag an der Franz-Liszt-Musikhochschule Weimar an, wurde im In- und Ausland gefragte Dozentin bei Meisterkursen und Workshops.

1993 kam eine Fernsehanfrage. Man bot ihr eine Rolle in der satirischen ARD-Krimireihe „Adelheid und ihre Mörder“ mit Evelyn Hamann an. Sie sagte zu. Immer offen für Neues, fand sie an dieser „Brotarbeit“, wie sie es formulierte, bald Gefallen. Bis 2003 spielte sie die „Muddi“ der Titelheldin. Dieses wundersame Mutter-Tochter-Gespann lebte vom Witz der beiden Actricen. Die Serie erlangte Kultstatus. Nun wurde Gisela May auch dem westdeutschen Publikum ein Begriff. Von dem bis heute kaum jemand weiß, dass die „Muddi von Adelheid“ fünf Jahrzehnte eine Diseuse und Brecht-Interpretin mit Weltruf war; die über 40 Schallplatten, CDs und Hörbücher aufgenommen hat. Am Ende unseres amüsanten und langen Gesprächs signierte mir Gisela May trotz ihres schlechten Augenlichts ihr Buch.img_6510-2

Junges Kino trifft „alte“ DEFA-Filme – Andres Veiel

Im Mai 2016 jährte sich die Gründung der DEFA zum 70. Mal. Die DEFA-Stiftung nimmt das Jubiläum zum Anlass, nicht nur auf herausragende Produktionen aus fünf Jahrzehnten aufmerksam zu machen, sondern auch dem Fortwirken des DEFA-Erbes im aktuellen Filmschaffen nachzuspüren. Aus diesem Grund lädt sie das ganze Jahr über jüngere deutsche Regisseurinnen und Regisseure dazu ein, im Kino Arsenal DEFA-Filme vorzustellen, die sie besonders beeindruckt oder in ihrer Arbeit beeinflusst haben.

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Andres Veiel Foto: Wilfried Böing

Andres Veiel (Jg. 1959) absolvierte nach einem Psychologiestudium Ende der 1980-er Jahre eine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung am Berliner Künstlerhaus Bethanien, begann dann aber Dokumentarfilme zu drehen. Bekannt wurde er mit seiner Dokumentation „Black Box BRD“ (2001). Es folgten u. a. „Die Spielwütigen“ (2004), „Der Kick“ (2005) und dann 2011 sein erster Spielfilm „Wer, wenn nicht wir“.

Andres Veiel präsentiert den DEFA-Film „Ich war neunzehn“ mit Jaecki Schwarz  der Rolle des jungen Deutschen Gregor Hecker. Es ist die Geschichte des Regisseurs Konrad Wolf, der in der Roten Armee diente. Schwarz wurde 1968 mit dem Film populär. „Das war mein erster Glücksfall als Schauspieler. Und er hängt mir 50 Jahre da­­nach noch an – im positiven Sinne. Erst kürzlich hielt ich an der FU Berlin einen Vortrag über den Film und die Arbeit mit Regisseur Konrad Wolf. In der Diskussion zeigte sich, dass auch die jungen Leute heute die Problemstellung verstehen“, erzählt er im Interview. Jaecki Schwarz‘ Vater war ein junger russischer Offizier, in den sich seine Mutter verliebt hatte.  Noch vor Jaeckis Geburt wurde sein Vater in die Sowjetunion zurückgeschickt. „Ich habe ihn nie kennengelernt“, sagt der heute 70-jährige Schauspieler.

Jaecki Schwarz (Gregor Hecker) und Dieter Mann (Unteroffizier) in "Ich war neunzehn"
Jaecki Schwarz und Dieter Mann Foto: DEFA-Stiftung

Filmabend am 6. 12. 2016 im Arsenal
19:00 Uhr
ICH WAR NEUNZEHN   (DDR 1967, R: Konrad Wolf, 119 min)
 Gregor Hecker, der mit seinen Eltern in die Sowjetunion emigriert war, kehrt 1945 als Leutnant der Sowjetarmee in seine Heimat zurück und versucht, Antworten auf Fragen nach Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Der nach Erinnerungen Konrad Wolfs facettenreich in Episoden gestaltete Antikriegsfilm beschreibt ohne Pathos und Larmoyanz die Schrecken des Krieges und macht die Schuld der Deutschen deutlich.

Im Anschluss ein Filmgespräch zwischen Andres Veiel und Dr. Ralf Schenk (DEFA-Stiftung)

21:30 Uhr  frühe Dokumentarfilme von Volker Koepp
TAG FÜR TAG (DDR 1979, 32 min)
Porträt einer selbstbewussten Schweißerin in einem Betrieb für Landtechnik in Schwaan (Mecklenburg)
FEUERLAND (DDR 1987, 30 min)
Das Alltags- und Nachtleben in Berlin-Mitte zwischen Chaussee-, Invaliden- und Wilhelm-Pieck-Straße
In Koepps frühen Filmen sind die Menschen organischer Teil einer Gegend, verwoben mit deren Vergangenheit und Gegenwart – einer Gegenwart, die sich vor allem in Arbeitsabläufen manifestiert. Sie sind Momentaufnahmen, die Wandelbarkeit und Beständigkeit des menschlichen Lebens zugleich dokumentieren.

Kino Arsenal
Potsdamer Straße 2,
10785 Berlin
Telefon: 030 26955100

 

 

Vom singenden, klingenden Bäumchen und anderen Märchen

Märchen begleiten mich, seit ich denken kann. Eine Geschichte, die mir immer zuerst einfällt, wenn ich mich zurückbesinne, ist die vom „kleinen Häwelmann“. Wie er in seinem Bett des nachts durchs Zimmer rollt, die Wand hinauf, an der Decke entlang bis der Mond einen Strahl durchs Schlüsselloch schickt. Auf dem fährt Häwelmann hinaus und in der Weltgeschichte umher…

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Diese kleine Erzählung, die sich Theodor Storm 1849 als Gute-Nacht-Geschichte für seinen Sohn ausdachte, hat mich als Kind sehr beschäftigt und vielleicht deshalb nicht losgelassen. Ich war Fünf, als ich sie von meiner Oma hörte. Als ich die Geschichte jetzt mal gegoogelt habe, stellte ich fest, dass sie ein Klassiker ist und vielfach verlegt wurde. Bei YuoTube fand ich eine Hörspielplatte von Litera, mit Arno Wyzniewski als Erzähler. Wunderschön.

Natürlich erzählte mir meine Oma auch Märchen wie „Der Wolf und sieben Geißlein“, „Rotkäppchen“ und „Tischlein deck dich“. Als ich dann lesen konnte, wurden „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ zu meiner ersten Lektüre. Die vier Bände des Kinderbuchverlages Berlin, die ich 1957 geschenkt bekam, sehen ziemlich zerlesen aus, stehen jedoch immer noch griffbereit im Bücherregal. Inzwischen sind viele der Märchen verfilmt worden, und ich gebe zu: Für einen schönen Märchenfilm lasse ich jeden Krimi sausen. Verrückt.

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Christel Bodenstein war die erste DEFA-Prinzessin. ©DEFA-Stiftung/Kurt Schütt

Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal Prinzessinnen und Prinzen treffen werde, die in den Märchenfilmen mein Kinderherz erobert hatten. Dieses Glück hat mir meine Arbeit als Journalistin beschert. Zu meinen Lieblingsfilmen gehört das DEFA-Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“. Der Film von Regisseur Francesco Stefani aus dem Jahr 1957 gilt als eine der reizvollsten und erfolgreichsten Märchenproduktionen der DEFA. Was wohl kaum jemand vermutet: Die Handlung beruht auf einem Märchenfragment der Brüder Grimm. 1964 strahlte der britische Fernsehsender BBC den DDR-Film als Miniserie in drei Teilen auf Englisch aus. Sie wurde bis 1980 mehrfach wiederholt.

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Die DEFA-Kulissenbauer zauberten einen echten See und einen Wasserfall  ins Studio. © DEFA-Stiftung/Kurt Schütt

Fasziniert bin ich bis heute von der farbenprächtigen Kulisse und den beiden Hauptdarstellern, Christel Bodenstein als wunderschöne, aber hochmütige Prinzessin und Eckart Dux als Prinz, der in einen Bären verwandelt wird. Nach Abschluss der Dreharbeiten haben sie sich nicht wiedergesehen, bis ich beide zum Interview über ihren Film einlud. Eckart Dux lebte damals in Westberlin, Christel Bodenstein im Ostteil der Stadt, in der DDR. Nach dem Mauerbau 1961 arbeitete Eckart Dux ausschließlich in Westdeutschland. Christel Bodenstein drehte und lebte in der DDR.

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Die Schauspielerin hat zu ihrem Märchen ein Spiel entwickelt. ©MatthiasB Photography

„Es war damals schwer, sich zu trennen, als es vorbei war. Die Chemie zwischen uns hat gestimmt“, gestand die heute 78-jährige Schauspielerin. „Auf die Idee aber, etwas miteinander anzufangen, kamen wir nicht. Ecki war ein schnuckeliges Kerlchen. Aber mit 18 empfindet man 30-Jährige wie Väter, außerdem  war er verheiratet“, verriet die  „Prinzessin“ und lachte. Über das Treffen nach fünf Jahrzehnten waren beide sehr glücklich. Der schöne Prinz feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag. Mit seiner Frau, einer Schnittmeisterin, und seinem Sohn lebt er in der Nähe von Wolfsburg. Manchmal arbeitet er noch als Synchron- und Hörspielsprecher.

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Glückliches Ende. Das Bäumchen singt und klingt im Zauberreich. © DEFA-Stiftung/Kurt Schütt  

Das Märchen-Traumpaar hatte bei den Dreharbeiten so einiges erlebt. „Mühevoll hatte man im Reich des Zwerges die Tauben verteilt. Dann wurde die Klappe geschlagen und alle stoben davon. Wir hatten eine sehr lange Pause…“, erinnerte sich Christel Bodenstein. Der Schecke des Prinzen war ein Zirkuspferd und rollte sich jedes Mal auf den Rücken, wenn er in die Knie ging. „Ich konnte reiten, wusste das aber nicht. Wir konnten es ihm auch nicht abgewöhnen. Also musste ich  abspringen, bevor er sein Kunststück machte.“

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Das Pferd aus dem Kunstschnee freizuschaufeln war für die Schauspielerin in Kraftakt. © DEFA-Stiftung/ Kurt Schütz

Dass „Das singende, klingende Bäumchen“ mal zum Kultfilm avancieren würde, hätte zur Produktionszeit vor 60 Jahren keiner geglaubt.  „Dass er im Zeitalter von Action- und computeranimierten Filmen noch so beliebt ist, bedeutet doch, dass sich auch die Kinder von heute gern in eine Märchenwelt hineinträumen“, meinen die beiden Hauptdarsteller. Die DEFA-Szenenbildner haben auch alles dafür getan, die Kulisse märchenhaft zu gestalten. Tief berührt hat mich der (Papp)-Fisch mit großen traurigen  Kulleraugen. Jedesmal, wenn ich den Film sehe, kommen mir die Tränen, wenn er im Eis feststeckt und das Pferd im Schnee versinkt.

Zum ersten Mal seit 1957 ist „Das singende, klingende Bäumchen“ in diesem Jahr fürs Fernsehen neu verfilmt worden. Eine Adaption der alten Geschichte mit mehr Action, umgesetzt mit den heutigen technischen Mitteln. Regie führte Wolfgang Eißler. Die Prinzessin verkörpert Jytte-Merle Böhrnsen, den Prinzen spielt Lucas Prisor und Heinz Hoenig den alten König. (Zu sehen am 25. 12. um 14.45 Uhr auf ARD)

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Christel Bodenstein und Steffi Kühnert (Amme) in der ARD-Produktion ©MatthiasB

Auch Christel Bodenstein hat darin eine kleine Rolle bekommen. „Ich bin eine Kräuterfrau, die es in unserem Film nicht gab.“ Gedreht wurde im Harz, im Potsdamer Schloss Belvedere sowie im Kloster Chorin. Für den Kinokenner bietet der Film noch ein kleines Extra, den sich die Filmemacher als Reminiszenz an die DEFA-Verfilmung haben einfallen lassen: Das im Schloss an der Wand hängende Porträtbild der verstorbenen Mutter der Prinzessin ist das Plakatmotiv der DEFA-Verfilmung. Ob der neue Film denselben Kultstatus erreicht wie das Original…? Die Kinopremiere auf dem 4. Thüringer Märchenfilm-Fest in Weimar war jedenfalls ein Erfolg.

Märchen aus Tschechien

Zu meinen absoluten Highlights gehört der Märchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Die tschechische Schauspielerin Marie Kyselková, die liebreizende Lada, lernte ich in Prag zusammen mit ihrem Märchenprinzen Josef Zíma kennen. Zwei Menschen, die genauso sympathisch sind wie in ihren Rollen. Schmunzelt erzählte mir die heute 80-Jährige. „Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Josef, aber Regisseur Martin Fric ließ sich darauf nicht ein.“ Erst ganz zum Schluss gestattete er den beiden einen Hochzeitskuss. Josef Zíma lacht und wiederholt die Kuss-Szene. Er ist in Tschechien ein beliebter Sänger und Moderator geworden.

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„Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“ mit Josef Zíma als Prinz und Marie Kyselková als Prinzessin © DEFA-Stiftung/Progressfilm

Das poesievolle Märchen, dem sein Regisseur keine große Bedeutung zumaß, ist in Tschechien Kulturerbe und dort wie in Deutschland nicht weniger Kult als Václav Vorličeks Adaption von Božena Nĕmcovás Aschenbrödel-Geschichte.
Marie Kyselková liebt ihre Rolle als Lada. Sie schwärmt: „Wenn ich unseren Film sehe, ist immer die Szene, in der wir die Ringe tauschen und uns Treue schwören, für mich der wichtigste Moment. Er weckt dieses wunderbare Gefühl des Wohlbefindens. Es ist eine starke Liebe vor der Kamera, die ans Herz geht.“

Wer ohne Märchen aufwächst, verpasst so vieles. Sie öffnen das Tor zu unserer Seele. Bringen uns dazu, uns emotional auszuleben, zu spüren, was uns berührt, was uns Angst macht. So lernen wir schon in jungen Jahren, uns mit Gut und Böse auseinanderzusetzen.
Und manchmal lernen auch Schauspieler aus ihren Märchenrollen. Wie Pavel Trávniček. Der tschechische Schauspieler spielte seine erste Rolle in der DEFA-Barrandov-Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Er war damals gerade 23 Jahre alt.

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Pavel Trávniček und Libuše Šafranková 1974 in dem Märchenfilm Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. ©DEFA-Stiftung/Filmstudio Barrandov/Jaromir Komarek

Heute erinnert er sich: „Ich war als junger Mann sorglos. Dachte, ich werde immer Prinzen spielen, immer schön sein. Ich habe den Ruhm genossen. Aber das Leben wird mit der Zeit komplizierter, musste ich lernen, und die Realitäten auf mich nehmen. Dennoch sollte sich jeder Mensch ein Stück Romantik in seinem Leben gönnen. Sie ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann.“ Seine deutsche Stimme ist der Schauspieler Peter Reusse, was viele vielleicht nicht wissen.
Pavel Trávničeks Paradies ist das Theater Skelet, das er 1997 gegründet hat. Sein privates Paradies sind ein Haus mit großem Garten bei Prag, wo er mit seiner dritten Frau, der Sängerin Monika Trávničková lebt. Sie erwarten im Dezember ihr Baby.

Eine wunderschöne Adaption des Grimm’schen Märchens von „Dornröschen“ schuf übrigens Václav Vorliček 1977 mit seinem Film „Wie man Prinzessinnen weckt“, mit der damals 17-jährigen Marie Horáková, dem 22-jährigen Jan Hrušínský und dem 24-jährigen Jan Kraus in den Hauptrollen. Der Regisseur erzählte mir, dass er auf der Suche nach der Prinzessin durch ganz Tschechien gereist war und sie dann unter Tausenden Mädchen in Prag fand. „Marie war ideal. Fotogen, geistreich und nicht auf den Mund gefallen. Sie konnte sich wunderbar in die lebenslustige Rosenprinzessin einfühlen.“

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Jan Hrušínský und Marie Horákova 1977 in „Wie man Prinzessinnen weckt“ 

Die beiden Jungs wollten nicht nur im Film das Herz der Schönen erobern und beschlossen, Marie mit einer Mutprobe zu imponieren. „Wir kletterten nachts aus dem Fenster unserer Hotelzimmer und balancierten über den Sims. Ich rutschte ab und fiel durch das Glasdach des Artriums sechs Meter tief auf eine Theke. Ich hatte Glück im Unglück und und brach mir nur ein Bein“, erinnerte sich Jan Hrušínský, der als Prinz Jároslav längst das Herz der Prinzessin entflammt hatte. Jans Bein musste bis zur Hüfte eingegipst werden, was die Dreharbeiten sehr kompliziert hat. Für den Sturz in den Teich wurde er bis zum Bauch in einen wasserdichten Sack gesteckt. Trotzdem drang Wasser ein, und der Kran schaffte es kaum, ihn aus dem Tümpel zu ziehen. Der Sack war mit 9 Grad kaltem Wasser zu einem riesigen Ballon aufgequollen.

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Marie Horákova und Jan Hrušinský verstehen sich heute noch gut. Manchmal tritt sie in seinem Theater Na Jezerce  auf. ©Jürgen Weyrich

Heute ist Jan Hrušínský hauptsächlich Intendant, Regisseur und Schauspieler in seinem eigenen Theater, dem „Divadlo Na Jezerce“.
Maries Herz hat übrigens keiner der beiden Jans damals mit dieser waghalsigen Aktion erobert. „Es waren nette Jungs, aber zum Verlieben reichte es nicht“, erzählte Marie mit Blick zu Jan Hrušínský. Sie hat Regie und Dramaturgie für Puppentheater studiert und eine Marionettenbühne gegründet. Dass Herz der vierfachen Mutter gehört den Kindern. Oft gibt sie Vorstellungen auf Kinderstationen. „Ich habe ein reiches Leben“, sagt sie. „Schöner könnte auch ein Märchen nicht enden.“

Warum gibt es überhaupt Märchen?

Mit den Märchen halten wir einen großen Schatz in den Händen, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. So ist es seit Jahrhunderten. Doch wer hat die Geschichten von Liebe, Abenteuer, Verwandlungen, von sprechenden Tieren, Drachen, Hexen, Prinzessinnen, Prinzen, Feen… erfunden? Woher kommen die Märchen, die uns als Große noch mit Kinderaugen in eine verwunschene Welt schauen lassen, die uns immer wieder in Bann zieht?img_6489
Sie sind uralt. Schon unsere Vorfahren schufen in ihrer Phantasie mächtige Wesen, gute und böse Geister, mit denen sie Ereignisse ihrer Umwelt zu erklären suchten. In der Zeit des Mittelalters sind es hauptsächlich Armut, Not, Hunger, Krieg, die das Leben der Menschen bestimmen und sich in den Märchen spiegeln. Verwoben darin die Sehnsucht nach Wohlstand, Glück und Gerechtigkeit. Man nannte sie Hungermärchen, erzählte sie sich in Spinnstuben und Wirtshäusern.

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Hänsel (Jürgen Micksch) und Gretel (Maren-Inken Bielenberg) in der Hubert-Schonger-Produktion 1954, Regie: Walter Janssen, ©spondo.de

Eins der bekanntesten ist „Hänsel und Gretel“. Am Ende des 17. Jahrhunderts verstand jeder, wenn Eltern in bitterster Not ihre Kinder in der Kälte aussetzten. Die Märchen in ihrer ursprünglichen Fassungen waren – wie die Welt, in der sie entstanden – alles andere als romantisch. Wie nah liegt da doch zu wünschen, es käme eine Fee und verwandele Haselnüsse in schöne Kleider, man träfe einen Königssohn, fände ein Tischleindeckdich oder einen Goldesel.

Dass uns die Welt der Märchen heute dennoch romantisch erscheint, liegt nicht zuletzt an den Brüdern Grimm, die sie zu einer Literatur für Kinder gemacht haben, was nicht vorgesehen war. Große Leute sollten durch die Texte wieder zur kindlichen Poesie finden. Jacob Grimm vermerkte 1812 für die erste Auflage der Kinder und Hausmärchen: „Das Märchenbuch ist mir gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht und das freut mich sehr.“ In späteren Ausgaben tilgten die Brüder alles, was an Hunger und Schrecken des armen Lebens heranreicht und für Kinderträume wenig Platz ließ.

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Die DEFA verfilmte „Rotkäppchen“, 1962  mit Blanche Kommerell in der Titelrolle. Die Eltern spielten Helga Raumer und Horst Kube. ©DEFA-Stiftung /Karin Blasig

Und so kommt es, dass Märchen, in denen Böses geschieht, am Ende doch gut ausgehen. Rotkäppchen wie auch die sieben Geißlein werden aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit. Schneewittchen, dem seine eifersüchtige Stiefmutter nach dem Leben trachtet, erlangt durch die Liebe eines jungen Königs das Leben zurück. Aschenputtel bekommt trotz aller Intrigen von Stiefschwestern und Stiefmutter den Prinzen.Und Dornröschen wird durch einen Kuss aus 100-jährigem Schlaf erweckt.

Die schönsten 20 Filme präsentiert Icestorm als Adventsangebot mit Spielen und einem Prinzessinnen-Kleid in einer prachtvollen „Märchenschatztruhe“ .

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Cinéma privé – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon

Seit Geraumen lädt das Filmmuseum Potsdam einmal im Monat zu einer ganz besondern Kino-Veranstaltung ein: Cinéma privé. Bekannte Persönlichkeiten aus  Kunst, Kultur, Sport und Politik dürfen an diesem Abend ihren Lieblingsfilm präsentieren, egal, ob anerkanntes Meisterwerk oder umstrittener Streifen.  Es ist schon sehr aufschlussreich, für welche Filme sich die  Prominenten begeistern.

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„Der Postmeister“ 1940 mit Hilde Krahl und Heinrich George (Foto:FMP)

Der ganz private Lieblingsfilm von Jurist und Politiker Gregor Gysi ist der BRD-Film „Rosen für den Staatsanwalt“  (1959) von Wolfgang Staudte. Die Wahl des beliebten Film- und Theaterschauspielers Horst Krause fiel auf Gustav Ucickys „Der Postmeister“ (1940) nach einer Erzählung von Alexander Puschkin.

Am 30. November stellt die  Schauspielerin und Musikerin Maria Simon ihren Lieblingsfilm vor:  das Oberschichten-Drama „The Riot Club“ (2014).  Der britische Regisseur  Lone Scherfing wählte für seine Darsteller noch unbekannte junge Schauspieler aus, um eine größtmögliche Authentizität zu vermitteln. Sam Claflin (Alistair) gab sein Schauspieldebüt in dem Fernsehmehrteiler „Die Säulen der Erde“ als Richard von Shiring. Max Ir0ns – er verkörpert Miles –  wird 2009 durch den Film „Das Bildnis des Dorian Gray“ bekannt.

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Sam Claflin und Max Irons (v.l.)

 Der Inhalt: Bald nachdem Alistair, ein Oberschichtsprössling, und Miles, der aus der Mittelschicht stammt, ihr Studium in Oxford angetreten haben, geraten sie ins Visier des elitär-dekadenten Riot Clubs.
Beide bestehen die Aufnahmeprüfung. Was Miles zunächst als großes Glück erscheint, wird durch eines der jährlichen Dinner zu Ehren des Namensgebers des Clubs, Lord Riot, in Frage gestellt. Miles‘ aus der Arbeiterschicht stammende Freundin Lauren wird erniedrigt, der Besitzer des Pubs, in dem das in totaler Zerstörung endende Gelage stattfindet, schwer verletzt. Auch in der Schilderung des Konflikts zwischen Miles und Alistair bezieht „The Riot Club“ deutlich Stellung gegen soziale Ungleichheit, zeigt aber auch die unverminderte Macht einer sich selbst schützenden, menschenverachtenden Kaste. 

Vor Beginn des Films erzählt Schauspielerin Maria Simon im Gespräch mit radioeins-Moderator Knut Elstermann, warum sie gerade diesen Film gewählt hat.

Cinéma privé bei radioeins – Der ganz private Lieblingsfilm von Maria Simon
Präsentiert von radioeins (rbb) und Märkische Allgemeine

Termin
Mittwoch, 30. November 2016, 19.00 Uhr „The Riot Club“
Wo: 
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall,
14467 Potsdam

Kartenreservierung: 0331-27181-12,
ticket@filmmuseum-potsdam.de

Vorschau:
Freitag, 09.12.16 Cinéma privé. Der ganz private Lieblingsfilm von Schauspielerin Martina Gedeck mit „Manche mögen´s heiß“ von Billy Wilder.

Katharina Lind: Das wahre Leben der Pechmarie

Zwar lässt uns das milde Wetter gerade nicht an den Winter denken, aber die Zeit ist nicht mehr fern. Also geben wir uns der Fantasie hin. Schneeflocken tanzen vor den Fenstern, die grauen Dächer der Häuser haben eine glitzernde weiße Haube bekommen. Alles um uns herum wirkt wie verzaubert. Kinder bauen Schneemänner, kein Hügel ist ihnen zu flach, um sich nicht auf den Schlitten zu werfen und mit Juchhe herunter zu zu rodeln.
Ein bisschen zu romantisch gedacht? Nun ja,  aber das sind Bilder meiner Kindheit.  Und dazu gehören auch die Märchenstunden bei „Meister Nadelöhr“. Nichts konnte mich davon abhalten.

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Band I der im Kinderbuchverlag Berlin 1957 erschienenen „Kinder- und Hausmärchen“ Foto: privat

„Die Kinder- und Hausmärchen der  Brüder Grimm“  waren meine erste Lektüre, als ich lesen konnte. Stundenlang saß ich im Sessel und ließ mich in die verwunschene Welt entführen, in der Tiere sprechen konnten,  sogar Brote und Äpfel, in der es Nixen und Hexen, Drachen und tapfere Prinzen gab, die eine schöne Prinzessin befreien mussten. Für Kinder ein unerschöpfliches Reservoire,  sich selbst einzubringen, mitzuspielen. Als die Kinematografie erfunden war, gehörten die Märchen mit zu den ersten Stoffen, die verfilmt wurden. Noch vor dem Kultmärchen „Aschenbrödel“, das 1916 von dem dänischen Regisseur Urban Gad erstmals auf die Leinwand gebracht wurde, kam 1908 die Geschichte von „Frau Holle“ als kleiner Stummfilm ins Kino. Produziert von dem Dresdener Filmpionier Heinrich Ernemann. Er betrieb ab 1889 Deutschlands größtes Unternehmen für die Produktion von Foto- und Filmkameras sowie Kinoprojektoren.

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Karin Ugowski war 1963 noch Studentin an der Schauspielschule, als sie die Goldmarie spielte. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Seither hat das Grimmsche Märchen  von Goldmarie und Pechmarie eine Reihe filmischer Adaptionen erfahren. 1947 und 1961 nahm sich der westdeutsche Filmproduzent Hubert Schonger des Märchens an. Bei der ersten Verfilmung achtete er sehr darauf, dass das gesamte Drehteam mit viel Gefühl und größtmöglicher Nähe zu kindlichen Erfahrungen zu Werke ging. Seine zweite „Frau Holle“-Verfilmung (1961) legte er in die Hände von Regisseur Peter Podehl, der sein Handwerk bei der DEFA gelernt hatte. Podehl hat am Drehbuch für den „Kleinen Muck“ mitgearbeitet und war der Stiefvater von Darsteller Thomas Schmidt. Die Kritik befand den Film als zu niedlich und ziemlich altmodisch.

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Die vier Bände der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ des Berliner Kinderbuchverlages waren mit wunderschönen Illustrationen versehen. Foto: privat 

Eine der bis heute besten Märchenverfilmungen gelang dem DEFA-Regisseur Gottfried Kolwitz 1963. Es war zugleich ein Experiment.„Wir drehten nicht realer Kulisse, der gesamte Film entstand im Studio in Babelsberg und ist aufgebaut wie ein Bilderbuch“ erzählte mir Karin Ugowski, die als Goldmarie damals ihr Filmdebüt gab. Mit den Liedern und seine farbenfrohen Dekorationen wirkt er wie ein klingendes Bilderbuch. Es war die neue Art, Märchenfilme auf die Bedürfnisse kleiner Kinder zuzuschneiden, ihnen beim Zuschauen auf einfache Weise die Erkenntnis zu vermitteln, was ist gut und was ist böse, was darf man und was soll man nicht tun. Man mag über die unverhohlene moralische Absicht denken, was man will. Verkehrt ist es jedenfalls nicht, den Kindern eine Richtlinie anzubieten, die ihnen hilft, sich zu orientieren. Und das ist heute nötiger denn je.

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DVD des DEFA-Märchens „Frau Holle“ mit Karin Ugowski als Goldmarie. Erhältlich im Online-Shop bei Icestorm

Für einen Beitrag zur DVD habe ich 2008 mit der Schauspielerin Katharina Lind ein Interview geführt.  Sie lebt im Prenzlauer Berg in Berlin und mochte keinen Fotografen bei unserem Gespräch dabei haben. Daher fehlen aktuelle Fotos von ihr. Am 4. Dezember wird Katharina Lind 80 Jahre. In unserem Gespräch erzählte sie auch von sich.

Interview mit Katharina Lind

Frau Lind, warum haben Sie sich mit mir in der Alten Nationalgalerie verabredet?
Die Arbeit an diesem Film liegt so viele Jahre zurück. Ich brauche eine inspirierende Atmosphäre, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Museen sind so ein Ort, wo sich die Zeiten treffen.

Waren Sie eigentlich begeistert, als man Ihnen die Rolle der hässlichen und faulen Pechmarie anbot?
Das nicht, aber es war ein Angebot, dass man nicht ausschlägt. Auch andere große Schauspieler haben Märchenfilme gedreht. Dafür muss man sich nicht schämen. Die DEFA hat viel Sorgfalt auf ihre Kinderfilme verwendet.

Der Film wirkt wie ein Bilderbuch, in dem mit jeder Szene eine neue Seite aufgeschlagen wird. Wie empfinden Sie das heute?
Wir haben alles im Studio in stilisierten Kulissen gedreht. Das war eine völlig neue Art der Inszenierung durch die Filmschöpfer. Die einfachen Bauten und Dekorationen vermitteln eine Märchenstimmung. Sicher der Grund für die große Beliebtheit des Films bis heute.

Die Rolle der Pechmarie hat Sie damals ganz schnell populär gemacht. Erinnern sich die Leute heute noch an Sie?
Das Märchen ist ja in der Winterzeit sehr präsent, „Frau Holle“ in aller Munde. Und ich bekomme tatsächlich noch Autogrammpost. Erwachsene schreiben, dass ich für sie in der Kinderzeit ein Vorbild war. Letztens erhielt ich einen wunderschönen Brief von einer Familie aus Suhl. In dem erzählt die Mutter, dass ihr fünfjähriger Sohn so werden will wie ich. Das berührt mich.

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Die Mutter (Elfriede Florin) zwingt ihre faule Tochter, in den Brunnen zu springen. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Was fasziniert die Kinder an der Pechmarie?
Sie mögen sie, weil sie sich gewehrt hat. Es ist ja die Negativfigur in dem Film, und viele Kinder identifizieren sich mit ihren unlöblichen Charaktereigenschaften. Kinder, die nicht perfekt sind, denen es schwerfällt, gehorsam zu sein, sich einzuordnen, Aufgaben zu erfüllen. Kinder haben ja die Tendenz, gern das Gegenteil von dem zu machen, was man von ihnen erwartet. Ein Urtrieb.

Und wie sehen Sie die Pechmarie?
Sie war menschlicher als die Goldmarie. Der Mensch lässt sich nicht gern reglementieren.

Was waren Sie für ein Kind?
Ich war ein sehr eigensinnig. Bin mit viel Schimpfe groß geworden, weil ich nichts so machen wollte, wie es mir vorgeschrieben wurde.

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Marie erklärt Frau Holle (Mathilde Danegger), dass sie nicht aufstehen will. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Kannten Sie als Kind das Märchen
Ich bin nicht mit Büchern aufgewachsen. Es war Kriegszeit. Wir lebten in Neuwedell, in Pommern. Meine Eltern hatten einen großen Bauernhof. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter musste alles allein bewirtschaften. Ein hartes Leben. Da war keine Zeit zum Lesen. Dann kam die Flucht 1945. Fast ein halbes Jahr waren wir mit Pferd und Wagen unterwegs. Ich habe böse Erinnerungen. Steckengeblieben sind wir dann auf einem Rittergut in Hohen Luckow. 1948 zogen wir in das Dorf Kurzen-Techow. Über diesen Ortswechsel war ich tief unglücklich. Es war ein Dorf, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagten. Und ich war ein wissbegieriges Kind.

Was war ihr erstes Buch?
Mein erstes Buch bekam ich mit zehn, zu Weihnachten 1946. Fabeln von Iwan Krylow. Keine Ahnung, woher meine Eltern das Buch hatten.

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Statt Gold wurde die Faule mit Pech übergossen. Das war schwarzer Schaum. Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Haben Sie Kinder?
Nein.

Haben Sie sich als Kind mal vorgestellt, auf der Bühne zu stehen?
Das nicht. Aber ich habe mich als etwas Besonderes gefühlt. Ich hatte immer eine eigene Meinung, eine andere Vorstellung vom Leben als meine Eltern. Meine Mutter sagte immer: Die ist nicht von uns. Die ist aus der Art geschlagen.

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Katharina Lind 1960 am Theater Meiningen in „Jeanne -oder Die Lerche. Foto: Eva Rauchstein

Inwiefern?
Die neugegründete FDJ verteilte damals Heftchen mit philosophischen Schriften. Die haben mich ungeheuer interessiert. Dann gab es die ersten Reclam-Hefte. Ich weiß noch, dass ich zuerst „Faust“ gelesen habe. Das Heft habe ich heute noch. Den „Hamlet“ las ich in der Kartoffelfurche gelesen, ich musste mich ja verstecken. Jemand der am Tage liest – das war sündhaft.

Führte Sie das zur Schauspielerei?
Nicht direkt. „Hamlet“ war Philosophie umgesetzt in Poesie. Innerlich war ich auf der Suche nach so etwas. Aber auf dem Dorf wurde mein Wissensdrang nicht befriedigt. Ich bewarb mich heimlich an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Rostock und lief mit 16 von zu Hause weg. Dieser harte Schnitt musste sein. Meine Eltern hatten kein Einsehen. Sie arbeiteten schwer und konnten keine Rücksicht auf meine Befindlichkeiten nehmen. Ich habe damals nicht daran gedacht, was ich alles zurücklasse. Aber was macht man als junger Mensch nicht alles, wenn man wissbegierig auf alles ist, was es in der Welt gibt.

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Szenenfoto aus dem DEFA-Film „Die goldene Gans“ Katharina Lind als Lies, Kaspar Eichel als Klaus und Renate Usko als Gert (v.l.) Foto: DEFA-Stiftung Roland Dressel

Was wollten Sie an der ABF studieren?
Geologie. Ich bin am 4. Dezember geboren, das ist der Namenstag der Heiligen Barbara. Sie steht für Bergwerk und Mineralogie. Und Steine hatten auf mich eine große Anziehungskraft. Ich habe Fossilien gesammelt, alles, was ich auf dem Feld gefunden habe.

Und was führte Sie 1955 an die Filmhochschule Babelsberg?
Der Zufall wollte, dass ich einen alten Zeitungsartikel fand, in dem stand, dass 1954 in Babelsberg eine Filmhochschule eröffnet worden ist. 1955 wurde das erste Schauspielfach aufgemacht, für das sie Studenten suchten. Ich fuhr nach Berlin. Total übernächtig habe ich aus „Faust“ und dem „Erlkönig“ vorgesprochen. Ich war wie im Rausch und hatte großen Eindruck hinterlassen. Dann wurde noch mal gesiebt, und ich war unter den zehn ausgewählten. Die Filmhochschule war wie ein Garten Eden. Wir gingen wie auf Wolken, hatten wirklich Flügel.

Und wie ging’s weiter?
Martin Hellberg, der bei uns lehrte, gab mir 1956 meine erste Filmrolle. Ich spielte eine Dirne in seinem Spanien-Film „Wo du hingehst“. Der Film taucht in offiziellen Filmografien von mir nie auf, weil ich da noch unter meinem Mädchennamen spielte. Roselind Vorlag. Den Namen änderte Helene Weigel, als sie mich nach meinem Studium am Berliner Ensemble engagierte. Sie fand, er passe nicht zu einer Schauspielerin. Seit 1958 lebe ich als Katharina Lind, meiner zweiten Identität.

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Die Schauspielerin 1976 Foto: DEFA-Stiftung Horst Blümel

Sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden, wie es verlief, oder hätten sich etwas anderes gewünscht?
Ich hätte mir nichts anderes gewünscht. Der Beruf war das Bestmögliche für mich. Ich habe unter Benno Besson am Deutschen Theater gespielt, 150 Vorstellungen im„Drachen“. Dann kam der Film „Die goldene Gans“, ich sang 1968 in Eisenach in Brechts „Dreigroschenoper“ die Polly, war in Meiningen, Greifswald und Brandenburg am Theater. In spielte eine Hauptrolle in der tschechischen Fernsehserie „In einer Stunde bist du wieder da“, habe viel synchronisiert. Es war ausgefüllt mein Leben bis zur Wende. Danach kam nichts mehr.  Jetzt liebe ich es, in Museen zu gehen, zu lesen.

Sind Sie als Schauspielerin wieder in ihr Dorf zurückgekehrt?
Meine Eltern lebten ja dort, und ich habe mich auch um sie gekümmert. Nach „Frau Holle“ war ich da eine Berühmtheit. Der Schmied machte nebenbei Kunstschmiedearbeiten und schenkte mir einen kunstvollen Rosenzweig, in dem eine Amsel sitzt. Seit dem Tod meiner Eltern gibt es keine Kontakte mehr zu den Leuten im Dorf.

Würden Sie eigentlich die Pechmarie heute noch mal spielen wollen?
Wenn das ginge, würde ich die Figur sehr gern noch mal spielen. Aber ganz anders. Noch trotziger und widersprüchlicher. So, wie die Kinder heute sind.

Filmtag mit Rolf Losansky

Am 15. September verstarb im Alter von 85 Jahren der Regisseur Rolf Losansky. Mehr als dreißig Jahre hat er Filme für Kinder und Jugendliche gedreht. „Ein Schneemann für Afrika“, „Moritz in der Litfaßsäule“ oder „… verdammt, ich bin erwachsen!“ begeisterten ein großes Kinopublikum. Das Filmmuseum Potsdam lädt am 3. Dezember zu einem fröhlichen Beisammensein mit Weggefährten, Freunden und der Familie ein.

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Regisseur Rolf Losansky mit Andreas Bieber und Marlene Marlow 2013 in Langerwisch, wo „Hans im Glück“ entstand. Foto: Boris Trenkel

Für Kinder läuft um
14:30 Uhr  „WIE MAN EINE KUH REITET“
Making Of „Hans im Glück”, 1999, Dok., R: Konstanze Weidhaas, ORB
15:00 Uhr  HANS IM GLÜCK, 1998,
Regie: Rolf Losansky
Die erfrischende Filmadaption des gleichnamigen Grimm-Märchens war Rolf Losanskys letzte abendfüllende Regiearbeit.

 

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Filmszene aus „Abschiedsdisco“  Quelle: Ost-Film

17:00 Uhr  „ABSCHIEDSDISCO“
Regie: Rolf Losansky, 1990, Darsteller: Holger Kubisch, Jaecki Schwarz
Inhalt: Henning ist erst fünfzehn Jahre alt, als seine erste Freundin stirbt. Um in Ruhe zu trauern, besucht er seinen Großvater, der als einer der letzten am Rande eines Braunkohlegebietes lebt, wo Bagger die Landschaft immer weiter abtragen. Henning durchstreift die verlassene Gegend und begegnet verlorenen Gestalten. Nachdenklich studiert er die sterbende Umgebung und pflanzt am Ende symbolisch einen Baum.

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Holger Kubisch als Henning in »Abschiedsdico“. Quelle: Ost-Film

Den Stoff wollte Rolf Losansky bereits 1983 verfilmen, doch wurde das Szenarium wurde durch die Hauptverwaltung Film abgelehnt. Hintergrund: Die ökologischen wie auch sozialen Auswirkungen des Braunkohlentagebaus galten lange als Tabu.  Auch 1986 konnte Rolf Losansky das  vorgelegte Drehbuch nicht realisieren.  Abschiedsdisco gehörte zu einer Reihe von Filmen, die nach längerer Verbotszeit im Jahr 1989 umgesetzt werden durften. „Damit war natürlich die Brisanz verpufft“, sagte der Regisseur in einem Interview später.

Ort:
Filmmuseum Potsdam
Breite Str. 1a/ Marstall
14467 Potsdam
Tel: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie ordentlich grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung, füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

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