Archiv der Kategorie: DEFA-Geschichten

Marianne Schilling – eine böse Königin mit viel Herz

So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz sollte das Kind sein, das sich die junge Königin wünschte. Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das sie Schneewittchen nannte… Sie starb und die neue Frau des Königs trachtete dem Mädchen, als es immer schöner wurde, nach dem Leben. Vor 55 Jahren, verfilmte die DEFA das beliebte Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“.
Am 6. Oktober 1961 hatte der Film mit der damals 19-jährigen Fernsehansagerin Doris Weikow als Schneewittchen und der Schauspielerin Marianne Christina Schilling als deren böse Stiefmutter Kino-Premiere. Er gehört zu den schönsten in der langen Tradition des DDR-Kinderfilms. Trotz des Erfolgs wechselte Doris Weikow nicht in die Schauspielerei. Die heute 75-Jährige blieb ihrem Beruf treu, in dem sie bis zum Ende des DFF 1991 vor der Kamera stand. Sie lebt am Rand von Berlin. Ganz anders Marianne Christina Schilling, die nie etwas anders sein wollte als Schauspielerin.

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Marianne Christina Schilling 2008. Foto: André Kowalski

Das Märchen selbst hat seine Wurzeln in Erzählungen, mit denen sich die Menschen in Vorzeiten die Abende verkürzten. Es gibt viele Versionen der Geschichte von „Schneewittchen“, die sich die Gebrüder Grimm zusammengesucht haben und daraus schließlich das uns heute bekannte Märchen strickten. Sie wollten, dass das Mädchen mutterseelenallein durch den großen Wald läuft. Die Region um Waldeck kannten die Autoren, sie liegt in der Nähe ihrer Heimatstadt Kassel. Überliefert ist, dass ihnen aus jenem Landstrich viele Geschichten zugetragen wurden. Spannendes Erzählgut, das in ihre Märchen einfloss. Das Schicksal der jungen Prinzessin Margarethe von Waldeck, die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte und vergiftet worden war, soll den Gebrüdern Grimm als Vorlage für „Schneewittchen“ gedient haben. In der Erstausgabe ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Schneewittchen erwacht, als ihr ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss. In zwei nicht veröffentlichten Versionen lässt die Königin das Kind auf einer Kutschfahrt im Wald aussteigen, damit es für sie Rosen pflückt oder ihren Handschuh aufhebt, und fährt weg. In einer der Versionen ist es übrigens der Vater, der sich ein Mägdlein weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz wünscht.

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Die Stiefmutter (Marianne Christina Schilling) mit ihrer Zofe (Steffi Spira). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Fast alle Völker Europas haben in ihrer Märchenwelt ein Schneewittchen. Besonders verbreitet war es in Italien. Dort fallen die Blutstropfen etwa auf Marmor oder Käse. In Russland verfasste Alexander Puschkin in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel „Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken“. Andere Märchen mit Schneewittchen-Motiven sind das griechische Märchen „Myrsina“, das italienische Märchen „Bella Venezia“, das schottische Märchen „Gold-Baum und Silber-Baum“, das armenische Märchen „Nourie Hadig“ oder auch das bekannte russische Märchen „Das Zauberspiegelchen“.

Nicht weniger zahlreich sind die Verfilmungen und filmischen Adaptionen des Märchens bis hin zur Parodie. 1916 kam „Schneewittchen“  in den USA als Stummfilm in die Kinos, 1937 produzierten die Walt Disney  Studios den bezaubernden Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“, dessen deutsche Version 1950 in Köln Premiere hatte. 1939 produzierte der Regisseur Carl Heinz Wolff den ersten deutschen Spielfilm von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“. Die heiter-beschwingte DEFA-Adaption mit eingängigen Liedern ist neben dem Zeichentrickfilm der Disney Studios die bekannteste Verfilmung des Märchens in Deutschland und zweifelsohne eine der besten. 7.597.495 Kinobesucher sahen den Film in der DDR.

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Zu Besuch bei Marianne Christina Schilling in Bremen

Ich hatte 2008 die Gelegenheit zu einem Besuch bei der bösen Königin, der Schauspielerin Marianne Christina Schilling. Ihr Haus in Bremen ist kein Schloss, doch sehr hübsch und auch ein bisschen märchenhaft.  Ich lernte eine warmherzige, liebenswerte und bezaubernde Frau kennen, die ganz gar nichts gemein hatte mit der bösen Stiefmutter. Es waren wunderbare Stunden, in denen wir uns über Märchen, Liebe und Schönheit unterhielten. Die Begegnung Marianne Christina Schilling gehört zu den Höhepunkten in meinem beruflichen Leben. 2012 ist die Schauspielerin im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie sie in unserem Gespräch sagte, hatte sie das schönste Leben, das sich jemand wünschen kann. Auch, wenn sie wegen ihrer Polyarthrose kaum noch laufen konnte und kaum aus dem Haus ging.  Sie hatte einen wunderbaren Mann an der Seite, den Schauspieler Harald Halgardt. Mit ihm hat sie bis zu ihrem Tod 66 Jahre zusammengelebt. Er umsorgte sie, seine große und einzige Liebe.

Das sehr persönliche Gespräch, das ich mit Marianne Christina Schilling damals für einen SUPERillu-Artikel geführt habe, hier zum Nachlesen.

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Der Prinz (Wolf-Dieter Panse) ist verzückt von Schneewittchen (Doris Weikow). Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was mögen Sie an dem Märchen?
Es ist ein schönes Märchen, das durch einen Kuss gut und gnädig ausgeht. Wo doch eigentlich soviel Böses geschehen sollte. – Ist das nicht wunderbar, wenn man durch den Kuss des Geliebten wieder lebendig wird?

Sie waren ja für das Böse zuständig.
Ja, obwohl mir Positives mehr gefällt. Aber es machte mir als Schauspielerin Freude, das zu spielen. Auch wenn ich privat gar nichts von Neid und Eifersucht auf Schönheit halte. Schauspieler lieben es nun mal, wenn sie ordentlich grimmig und böse sein dürfen.

Wie kamen Sie zu der Besetzung?
Das habe ich merkwürdiger Weise erst jetzt durch einen Fan erfahren, Bernd Awiszus. Er hat in den Potsdamer Archiven recherchiert und herausgefunden, dass es DEFA-Direktor Wilkening war, der sagte: Gebt mir auf diese junge Frau Acht, das ist ein großes Filmtalent. Ursprünglich war die Rolle mit einer anderen Schauspielerin besetzt. Das passte nicht.

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Die Schauspielerin mit Filmbildern

Die Rolle der bösen Königin hat Sie bekannt gemacht. Was hatten Sie sich danach erhofft?
Ach, ich habe mich erst einmal nur gefreut, einen Film drehen zu dürfen. Es war ja 1961 alles ein bisschen anders. Ich war noch ein junges Weib, ein hübsches attraktives. Als mein erster Film dann gleich so ein Riesenerfolg wurde, dachte ich: Jetzt geht es los. Aber gar nichts ging los. (Sie lacht.) Erst sechs Jahre später bekam ich wieder eine wunderbare Filmrolle – als Kellnerin Stephanie in „Das Tal der sieben Monde“, eine Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Polin im antifaschistischen Widerstandskampf.

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Die Bremer Schauspielerin Marianne Schilling in ihrem Reich

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Schneewittchen denken?
Es war ein ganz harmonisches Arbeiten mit Regisseur Dr. Gottfried Kolditz. Ich konnte meiner Phantasie freien Lauf lassen, und er gab mir das Gefühl, alles richtig zu machen.  Wir drehten in einer zauberhaften Dekoration. Man hatte in den DEFA-Ateliers einen Wald mit echten Bäumen aufgebaut, in dem ein Bächlein sprudelte. Sogar Eichhörnchen und Kröte waren lebendige Tiere. Was seine Tücken hatte. Das Eichhörnchen ging gern seine eigenen Wege und büxte aus. Einmal suchte es der ganze Stab  stundenlang. Es hatte sich in einem Rohr versteckt, das an einen Baum gebunden war. Die Kröte saß nie auf dem Stein, wenn sie gefilmt werden sollte. Tom Schilling inszenierte mit uns Schauspielern die Tänze –  es hatte alles Niveau.

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Erschrocken weicht die König vor dem Apfel zurück. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Haben Märchen in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ja sehr. Ich habe mein ganzes Leben immer so für mich gesponnen, mir meine eigenen Märchen ausgedacht. Meistens war ich eine Prinzessin, die befreit werde musste, und tüdelte mich an. Ich kann mir meine Jugend nicht anders vorstellen, als dass ich mir einen Gürtel um den Bauch gebunden, die Röcke gerafft und ein Märchen gespielt habe. Immer bin ich herumgetanzt. Natürlich habe ich auch viele Märchen gelesen. Musäus‘ Volksmärchen habe ich sehr geliebt. „Richilde“ ist eine Erzählung von ihm, die sehr an Schneewittchen erinnert, aber schon 30 Jahre früher erschienen ist. Ich liebte „Die sieben Schwäne“ von Ludwig Bechstein. Christian Anders hat mich interessiert. Mit den Grimm’schen Märchen hatte ich so meine Schwierigkeiten, weil ich sie so grob und auch teilweise grausam fand.

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Marianne Schilling liebte es, sich zu verkleiden. Foto: DEFA-Stiftung Karin Blasig

Was bedeutet Ihnen Schönheit?
Gutes Aussehen fand ich immer wichtig. Wenn man älter wird, verliert man vieles, was einen in der Jugend schmückt. Und ich denke, man sollte als Schauspielerin darauf achten, angenehm zu erscheinen. Wenn man in einer Rolle ist, verändert sich das Gesicht ja sowieso. Da darf es auch hässlich werden. Um so schöner ist die Rückverwandlung. Wie in meiner Rolle, in der ich aus mir ein altes hässliches Marktweib mache, um dann wieder in die wunderbaren Gewänder der Königin zu schlüpfen. Das hat mir viel Spaß gemacht.

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Marianne Schilling und Harald Halgardt lernten sich 1946 an der Jugendbühne in Bremen kennen und lieben. Sie blieben zusammen bis zum Tod der Schauspielerin 2012 Foto: André Kowalski

Sie halten sich immer noch daran?
 Ja, für mich und für meine Umgebung, meinen Mann. Er schafft es, unser Leben so zu erhalten, dass ich nichts vermisse. Da will ich nicht die verzuppelte Alte geben. Man darf sich auch als alte Frau nicht aufgeben. Auch wenn man sich die Krätze darüber ärgert, dass man so dick geworden ist. Die Neigung, füllig zu werden, hatte ich immer. Nur haben wir jungen Dinger uns damals alles runter gehungert, um schön schlank zu sein. Damit habe ich meinen Körper kaputt gemacht. Die Knochen bekamen zu wenig Aufbaustoffe, ich hatte Krebs. Und immer tapfer der Mann. Wenn Harald nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht nicht mehr so fröhlichen Gemütes, wie ich es immer noch bin. Er hat mich über alle Klippen hinweg gebracht, schmeißt den Laden.

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Liebevoll kümmerte sich Harald Halgardt um seine Frau. Sie liebte Bremer Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen 

Sie sind durch Ihre Krankheit hier oben in Ihrem Reich gefangen…
Das empfinde ich nicht so.  Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich aus meiner kleinen Welt hier oben wegzubewegen. Man fängt an, sich zu begnügen mit den Büchern, die man hat, der Musik und der Kunst. Und ich habe ja meinen wunderbaren Mann, der schon das ganze Leben für mich sorgt. Jetzt erst recht, wo ich kaum noch laufen kann. Und er hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das lässt unser Leben nicht langweilig werden.

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1957 in Leipzig als Geliebte Wallensteins (gespielt von Harald Halgardt) Foto: privat

Wo lernten Sie sich kennen?
Ich lernte Harald 1944 an der Jugendbühne hier in Bremen kennen. Ich war die künstlerische Leiterin  – ohne Ahnung. Harald sprach den „Prometheus“ vor. Ich werde nie vergessen: Er musste fünfmal „Bedecke deinen Himmel Zeus“ wiederholen, und da bekam ich einen solchen Lachanfall! Da hat es gefunkt. Das Theater ging pleite, wir blieben zusammen. Als Harald 1949 ein Engagement am „Theater der Jungen Welt“ in Leipzig bekam, ging ich mit. Wir waren Leipzigs erstes Liebespaar auf der Bühne, in „Wallenstein“.

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Harald Halgardt und Marianne Schilling waren das erste Liebespaar auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Foto: privat

Wie lange blieben Sie in der DDR?
Das war 35 Jahre unser Zuhause. 10 Jahre gaben wir in Leipzig alle großen Bühnenpaare, dann gingen wir nach Berlin, drehten bei der DEFA. Wir bekamen eine schöne Rolle nach der anderen. Am Berliner Ensemble habe ich 348-mal die Kopetzka im „Schwejk“ gesungen und gespielt. Ich war die letzte Untat der Weigel. Sie hat mich ohne Vorsprechen engagiert. Und das am BE! Als sie gestorben war, wurde ich raus gemobbt. 1984 sind wir zurück nach Bremen. Wir passten ideologisch nicht in den DDR-Topf, denn wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir die Welt kennen lernen wollten, Kunst und Kultur in den westlichen Ländern.

Sind Sie von Haus aus mit der Schauspielerei verbunden?
Wie man’s nimmt. Ich komme aus einer ganz verrückten Familie von Kunstmalern, Händlern, Schauspielern, Musikern und Gauklern. Ich bin Halbpolin. Meine Großmutter ist Baralin wie Papst Johannes Paul II. Meine Schwester hat nach Wadowice geheiratet, woher der Papst stammt, und ist eine geehelichte Wojtyla. Karol Wojtyla war ja mal Schauspieler. Meine Mutter hatte große Ähnlichkeit mit ihm, aber inwieweit wir mit ihm wirklich verwandt waren, weiß ich nicht.

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Wie blicken Sie auf Ihr Leben?
Man darf zufrieden sein. Was ich früher mit mir nie war. Ich habe mir jahrelang meine Fernsehrollen nicht angeguckt, weil ich mich nicht leiden konnte. Es ist sowieso rätselhaft, wie es im Leben so gekommen ist. Wir wollen es behutsam betrachten. Träume, die man hatte, sind zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Wie bei jedem Menschen.

Jutta Hoffmann – Es begann mit Peterchens Mondfahrt

Zwei Jubiläen fallen in diesem Jahr zusammen, und das ist ein schöner Zufall. Vor 70 Jahren, am 17. Mai 1946, wurde in Potsdam-Babelsberg die DEFA gegründet. Fünf Jahre zuvor, am 3. März 1941, kam in einem Dorf bei Halle ein Mädchen zur Welt, das einmal zu den bekanntesten Gesichtern der Deutschen Film-AG gehören sollte, die Schauspielerin Jutta Hoffmann. Sie wurde jetzt 75. Auf ihrem Weg liegen Filme mit Ewigkeitswert wie „Kleiner Mann – was nun?“ (1967), „Junge Frau von 1914“ (1970), „Anlauf“ (1971), „Der Dritte“ (1972), „Die Schlüssel“ (1974) und „Lotte in Weimar“ (1975). Und auch solche, die der kulturpolitischen Zensur nach dem 11. Plenum der ZK der SED 1965 zum Opfer fielen: „Karla“ und „Denk‚ bloß nicht, ich heule“, die erst 1990 zur Aufführung kamen.

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Zum 75. Geburtstag der Schauspielerin gab Icestorm Entertainment eine DVD-Edition mit vier ihrer besten Filme heraus (19,99€) 

Einem Millionen Publikum im Westen wurde Jutta Hoffmann als duldsame und zugleich aufmüpfige Ostverwandte des Westberliners Motzki in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt, die sich satirisch mit den deutsch-deutschen Befindlichkeiten kurz nach der Wende auseinandersetzt. Die Nation rieb sich daran. Jutta Hoffmann stritt für die Serie. Ein Blick ins Drehbuch genügte ihr, um es „wunderbar“ zu finden, weil es um etwas ging, das hinter der Fassade steckte. Lebenshaltungen. In einem Interview mit dem Journalisten Arno Luik sagte sie 1993: „Ich finde Motzki optimal. Da muss man schon genau schon genau hingucken, nicht einfach im Sessel hocken und das alles auf sich kippen lassen. Und wenn man sich darauf einlässt, amüsiert man sich. Sie erfahren etwas über Leute, die nicht in so Nobelheimen wie Sie herumsausen. Und ich dachte auch, dass ich ein bisschen was für die DDR-Leute machen müsste. Für Leute, die wieder in den Arsch gekniffen sind.“

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Jutta Hoffmann als Karla mit Klaus-Peter Pleßow. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Jutta Hoffmanns Haltung zur Kunst ist politisch. Leute, die sich mit der Wirklichkeit abmühen, interessieren sie. Und das nicht nur vor der Kamera. Denn auch sie ist eine, die sich abgemüht hat, mit ihrer Arbeit etwas zu bewegen. Da geht sie konform mit ihren Figuren. Mit der jungen Lehrerin Karla etwa, die geradlinig ist, ohne Anpassung und Betrug ihr Leben meistern will. Die ihren Schüler sagt: „Vorausgesetzt, es hat einer eine eigene Ansicht und plappert nicht nur nach, dann ist es hier und heute geradezu verwerflich, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten. Alles andere ist feige, wenn nicht Heuchelei.“

Im Film kommt eine Zeit der Anpassung. Karla gibt dem Druck der Schulbehörde nach. Es ist bequem, aber die Selbstverleugnung hält nicht an. Am Ende findet sie wieder zu sich selbst zurück. Jutta Hoffmann ist nicht unterdrückbar. Regisseur Egon Günther sagte 1971, nachdem er seinen zweiten Film, „Anlauf“, mit ihr gemacht hat: „In sieben von zehn Fällen gelingt es nicht, ihr ein X für ein U vorzumachen. Sie muss wissen, was sie tut. Mindestens muss, wenn die Regie Ziele verheimlicht, das kommt vor, ihr der Nutzen des Verheimlichens klar sein. Falsche Autoritätsansprüche durch Texte oder Anweisungen der Regie weist sie zurück, verbal oder durch entsprechendes Spiel auf Proben. Das ist ungeheuer wertvoll für das gegenseitige Vertrauen in der weiteren Arbeit.“

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Die DEFA verdankt dieser besonderen Partnerschaft ebenso besondere Filme. Die Zusammenarbeit mit Egon Günther hatte für Jutta Hofmann immer etwas Spielerisches. Er habe sie nie zu etwas gezwungen, was ihr fremd war. Sie vielmehr bestärkt, ihren Intentionen zu folgen, sich auf eine Rolle einzulassen und aus ihr herauszutreten, ins Private. Sie hat ihr Spiel gern unterbrochen, indem sie in die Kamera lachte oder einfach nichts tat.  Etwas, womit sie den Zuschauer zu sich heranzieht, fasziniert. „Wir hatten versucht, einen gemeinsamen Ton zu finden und uns auf diesen Ton einzustimmen. Irgendetwas, das zusammen klingt“, zitiert Ralf Schenk die Schauspielerin in seiner Vorbemerkung für das Buch „Jutta Hoffmann Schauspielerin“ (Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Verlag Das Neue Berlin, 2011). Für Egon Günther war die Arbeit mit Jutta Hoffmann immer „ein Hochgenuss“. Sie konnte spontan in eine Situation hineingehen und frei spielen.

Alles, was sie vor der Kamera tut, erscheint dem Zuschauer wahr, als würde es in dem Augenblick geschehen. Für den Film „Die Schlüssel“ gab es kein ausformuliertes Drehbuch. Viele Dialoge entstanden erst beim Drehen. Es war die hohe Kunst der Improvisation der Schauspieler Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz. Diese tragische Liebesgeschichte ist der beste Film, den die DEFA gemacht hat, meint die Hauptdarstellerin heute. Leider kam das DDR-Publikum kaum in den Genuss, ihn zu sehen.  Die polnische Vertretung in der DDR – der Film spielt in Krakau – hatte interveniert. Er würde nur Dreckecken zeigen, die Wirklichkeit verzerren. Also verschwand er nach nur wenigen Vorführungen aus dem Filmangebot der Kinos, wurde auch nicht im Fernsehen gezeigt und erhielt Export-Verbot. Die Zusammenarbeit mit dem sozialistischen Bruderland sollte nicht belastet werden.

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Jutta Hoffmann 1970 als Lenore in Egon Günthers Film „Junge Frau von 1914“ (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

Der Regisseur und die Schauspielerin waren sich 1969 auf dem DEFA-Gelände begegnet. Die gerade 28-Jährige hatte bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht durch ihre Arbeit am Maxim Gorki Theater („Frau Jenny Treibel“), Fernseh-Inszenierungen („Der tolle Tag“) und Frank Vogels Film „Julia lebt“ (DEFA 1963). Sie kannte Egon Günthers Film „Abschied“ und war hoch glücklich, als er ihr die weibliche Hauptrolle in seinem Film „Junge Frau von 1914“ nach dem Roman von Arnold Zweig anbot. Die zierliche Jutta Hoffmann, die ihm gerade bis zur Schulter reichte und dabei so viel Kraft in sich hatte, „so viel Ausdruck, leidenschaftliches Temperament und Zartheit des Gefühls mit sauberer sprachlicher Gestaltung verbindet“, war perfekt für die Rolle der Studentin und Bankierstochter Lenore, die sich mit den Umständen ihrer Zeit, dem beginnenden Ersten Weltkrieg, auseinandersetzt. Soldaten, eigentlich Brüder, töten sich, und Keiner hat Keinem etwas getan. Wie beiläufig fallen die Worte, während sich Lenore ihre Stiefel anzieht, um zu ihrem Hilfsdienst für heimkehrende Schwerverletzte zu gehen. Dass es diese Szene so gibt, hat die Schauspielerin durchgesetzt. Ursprünglich sollte nur das Interieur im Bild sein. Doch Jutta Hoffmann wollte diesen „schönen und wichtigen Text“ spielen.

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„Karla“ wurde u. a. am Schwielowsee gedreht. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Die Tochter eines Buchhalters in den Buna-Werken hatte nie etwas anderes werden wollen als Schauspielerin. Als das Hallenser Thalia-Theater 1946 wiedereröffnet wurde, ging sie oft mit den Eltern in die Vorstellungen. Sie sah „Peterchens Mondfahrt“ mit Heinz Rosenthal, einem Freund der Familie. Vor ihr taten sich Türen zu einer unbekannten Welt auf. Ihre ersten Bühnenerfahrungen machte sie im Laienspielzirkel. Mit Achtzehn bestand sie die Begabtenprüfung an der Theaterhochschule Leipzig, wurde trotzdem nicht immatrikuliert. Das Kontingent für Nicht-Arbeiterkinder war für dieses Jahr ausgeschöpft. So kam sie 1959 an die Filmhochschule Babelsberg.

Im Kopf die Vorstellung von einem Theater wie es Brecht auffasste, war sie von der Schauspiel-Lehre an der Hochschule enttäuscht. Ein Jahr studierte sie zusammen mit den später ebenfalls bekannten DDR-Schauspielern Sigrid Göhler, Peter Reusse, Klaus Gehrke, Günter Junghans. Sie brach das Studium ab, nachdem sie im Dezember 1960 ihr überdurchschnittliches Talent am Maxim Gorki Theater in dem Stück „Und das am Heiligabend“  gezeigt und die Leitung des Hauses  ihr angeboten hatte, als Elevin zu bleiben. Den Beruf von der Pike auf lernen, ja, das hörte sich gut für sie an. Mit der großartigen Marga Legal spielte sie 1961 „Rummelplatz“ und drehte im selben Jahr ihren ersten DEFA-Film, die Komödie „Das Rabauken-Kabarett“ unter der Regie von Werner W. Wallroth. Selbstkritisch stellte sie dabei fest, dass ihr zur wirklichen Schauspielerin noch Technik und Handwerkszeug fehlten. „Ich konnte Szenen in der Wiederholung nicht wie beim ersten Mal spielen. Ich hatte nur mich und mein bisschen Talent. Ich musste spielen lernen“, erinnert sie sich.

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Jutta Hoffmann mit Horst Jonischkan 1961 in ihrem ersten DEFA-Film „Das Rabauken-Kabarett“. c/o DEFA-Stiftung, Josef Borst

Sie hat es gelernt. Bei namhaften Filmregisseuren der DEFA wie Herrmann Zschoche, mit dem sie 1964 „Engel im Fegefeuer“ und ein Jahr später „Karla“ gedreht hat. Er wurde auch ihr erster Ehemann. Ihre gemeinsame Tochter Catharina kam 1962 zur Welt. Sie macht Musik für Kinder und ist als „Hexe Knickebein“ sehr beliebt. Regisseur Hans-Joachim Kasprzik besetzte Jutta Hoffmann 1966 mit der Rolle des Lämmchen in seiner Literaturverfilmung von Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. In diesem Film hat sie mich ungemein fasziniert. Sanft, fast scheu wirkend, entwickelt Lämmchen unter der „Hand“ von Jutta Hoffmann eine große Kraft. Bei ihrer Überlegung, wie die Figur spielen könnte, stellte sie sich ihre Mutter als junge Frau vor. Ihre Auffassung sei ideologisch falsch, wurde ihr vom  damaligen Fernsehchef Heinz Adameck vorgeworfen. Lämmchen sei Proletarierin, keine Kleinbürgerin. Die 25-Jährige widersprach verhement. Lämmchen sei dabei ihre Klasse zu verlassen, um mit dem Verkäufer Pinneberg, dem Mann mit dem weißen Kragen, zu leben. So wie Fallada das Mädchen sah, so wollte sie es spielen. Wenn das nicht passen würde, müsse man sie umbesetzen. Was nicht geschah.

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Mit Regisseur Egon Günther 1972 bei Dreharbeiten für „Der Dritte“. c/o DEFA-Stiftung, Heinz Wenzel

Ihre größten Fortschritte und Erfolge als Schauspielerin erreichte Jutta Hoffmann in der Zusammenarbeit mit Regisseur Egon Günther. Für ihre Rolle in „Der Dritte“ erhielt sie auf der Biennale in Venedig den Darstellerpreis „Venezia Critici“, auf dem Filmfest in Karlovy Vary den Hauptpreis als beste Schauspielerin. Zwei  Filme unter der Regie von Frank Beyer, an denen sie in Hauptrollen mitwirkt, liefen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“, Drehbuch Klaus Poche, wurde im „Schutze der Dunkelheit“ spät abends gesendet. Er gibt Bilder wider, die für einen DDR-Gegenwartsfilm ungewöhnlich sind, weil sie die Seelenlandschaft der Leute transparent machen. Das war suspekt. Die Filmkomödie „Das Versteck“, Szenen einer Ehe, wurde 1977 zugelassen, aber erst 1978 in ausgewählten Kinos gezeigt, weil Manfred Krug in den Westen ausgereist war. 1979 stand die inzwischen berühmte Hoffmann für den Film „Blauvogel“ das letzte Mal bei der DEFA vor der Kamera.

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Die Facetten der Schauspielerin Jutta Hoffmann zu erfassen, erscheint fast unmöglich. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase formuliert es 2011 so: „Ich habe Jutta Hoffmann in großen Rollen gesehen, die aus besonderen Momenten gemacht waren. Ein Blick, ein Gang, ein so oder so gesprochener Satz, ein Lachen, ein Schweigen. Ihr Gesicht und das Entstehen eines Gefühls. Sie spielt eine Handlung, keine Meinung, und das Publikum kann entdecken, was die Fantasie ihm erlaubt. Das halte ich bei der Schauspielerei für die Kunst.“

Als immerfort Lernende sah sich Jutta Hoffmann vor allem auch auf der Bühne – am Maxim Gorki Theater, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble. Da waren es namhafte Regisseure wie Fritz Bornemann, Albert Hetterle, Manfred Wekwerth, Luc Bondy und Thomas Langhoff, die ihre Begabungen herausfordern. Besonders geprägt habe sie die Arbeit mit Einar Schleef. Seine Inszenierung von August Strindbergs selbstmörderisch endender Liebesgeschichte mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle entließ ein aufgestörtes, erstauntes, sprachloses, befremdet reagierendes Berliner Publikum. Jutta Hoffmanns aufgewühltes, verzweifeltes bis anmutiges Spiel gipfelte am Schluss in einer Flucht über die Stuhlreihen an den Köpfen der Zuschauer vorbei. Nach wenigen Aufführungen wurde das Stück verboten.

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Für ihre Rolle als „Yerma“ 1984 an den Münchner Kammerspielen wurde Jutta Hoffmann von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt. (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

1982 erhielt  Jutta Hoffmann eine Arbeitserlaubnis für die Salzburger Festspiele, wenig später wurde sie an den Münchner Kammerspielen engagiert. Ab 1985 folgte ein fünfjähriges Engagement in Hamburg am Schauspielhaus. Sie zog dorthin, behielt jedoch ihren DDR-Pass, weil sie den anderen nicht wollte. Die DDR ist ihr immer Heimat geblieben. Dennoch war es ein Abschied und das Zurechtkommen mit der anderen Welt, in der man sie wenig bis gar nicht kannte, nicht eben leicht. Jutta Hoffmann brachte eine andere, nicht gewohnte Art des Spielens auf die West-Bühnen. Körperliches Erzählen nennt es der Münchner Dramaturg Michael Eberth. „Ihre Figuren sind ein Feuerwerk von Erfindungen und auch von Vitalität. Sie ist das Perfekteste, was jemals gesehen habe.“ 1984 wählte die Zeitschrift Theater heute sie zur Schauspielerin des Jahres. Vor allem die Arbeit mit Peter Zadek machte sie beim westdeutschen Theaterpublikum bekannt. 20011 erhielt sie einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.

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DVD-Box mit den verbotenen Filme der DEFA , herausgegeben von Icestorm Entertainment

1992 bis 2006 lehrte Jutta Hoffmann als Professorin für Darstellende Kunst an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Der Nachwuchs liegt ihr bis heute am Herzen. Zuvor hatte sie schon in Berlin und Wien als Dozentin angehende Schauspieler auf ihren Weg gebracht. In einem Interview wollte ich wissen, was sie daran reizt. „Erst mal etwas ganz Egoistisches: Ich kann mich mit meinem Beruf beschäftigen. Und dann: Gemeinsam mit den Studenten herauszufinden, was ihre Anlagen sind, das Besondere. Ihnen zu vermitteln, ihren Anlagen zu folgen und sich halten.“
1999 übernahm sie für vier Folgen im Brandenburger „Polizeiruf 110“ die Rolle der Hauptkommissarin Wanda Rosenbaum. Die Figur hat sie zusammen mit Drehbuchautor Stefan Kolditz erfunden. „Wir hatten uns überlegt, die Fälle mit Wandas Geschichte zu verknüpfen. Und mit vier Sujets war alles über sie, also mich, gesagt“, erzählte sie mir. Mit ihrem zweiten Mann, dem österreichischen Schauspieler Nikolaus Haenel und dem gemeinsamen Sohn Valentin ist sie 2005 zurück in den Osten gezogen, nach Potsdam. Sie begann auch fürs Radio zu arbeiten, nahm Hörspiele und Hörbücher auf. „Es macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich muss vorher unheimlich üben“, sagt sie.

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Anlässlich des 60. Geburtstages der DEFA wurden die DEFA-Stars Jutta Hoffmann, Gojko Mitič und Winfried Glatzeder 2006 mit der Goldenen Henne, dem größten deutschen Publikumspreis geehrt

Die Filmarbeit bleibt nach der ihrem Weggang aus der DDR im Westen und auch nach der Wende nahezu auf der Strecke. 1997 kommt der Film „Bandits“ in die Kinos. Über 700.000 CDs mit den Filmsongs wurden verkauft. 2003 stand Jutta Hoffmann mit ihrer ehemaligen Schülerin Marie Bäumer vor der Kamera, als deren Mutter in dem Beziehungsdrama „Der alte Affe Angst“. Was sie „ganz witzig“ fand. Im letzten Jahr drehte sie für den ARD-Film „Ein Teil von uns“, dessen Ausstrahlung im Herbst man nicht verpassen sollte. Ein Mutter-Tochter-Drama, in dem Jutta Hoffmann die psychisch kranke Mutter spielt. Die Alkoholikerin ist, die auf der Straße lebt und sich von niemandem bevormunden lässt. Eine Figur, die einmal mehr Jutta Hoffmanns große Schauspielkunst zeigt. Und sie wird uns wie in all ihren Filmen ein Abbild unserer Welt vorführen.

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Gojko Mitic – Noch nicht reif für die Bärenhaut

Wie geht ein Indianerhäuptling seinen 75. Geburtstag an? Keine Ahnung. Vielleicht mit einem großen PowWow. Unser Lieblingshäuptling Gojko Mitic, der alte DEFA-Chefindianer a. D., Held unserer Kindertage und Jugend, reitet  als Graf Hans Georg von Arnim über die Odertal-Freilichtbühne in Schwedt. „Die Verschwörung von Chorin“ heißt das Fantasiespektakel. Jetzt ist er in der Endphase der Proben und hat nur Zeit für ein kurzes Telefongespräch. „Am 12. ist die Premiere, danach wird ein bisschen gefeiert, und wenn die Turmuhr Zwölf schlägt, stoßen wir auf meinen Geburtstag an. Das war’s.“

Muskulös, attraktiv und eine Ausstrahlung, die ihn zum Helden machte. Gojko als Weitspähender Falke. Foto: privat
Muskulös, attraktiv und eine Ausstrahlung, die ihn zum Helden machte. Gojko als Weitspähender Falke. ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Er hat Feiern noch nie gemocht, schon gar nicht an Geburtstagen. Eine Ausnahme waren die Kindergeburtstage seiner Tochter Natalie, die inzwischen 22 Jahre und eine hübsche junge Frau ist. Sie wird natürlich bei der Premiere ihres Vaters in der Zuschauerarena sitzen und ihm die Daumen drücken, dass es ein Erfolg wird. Aber ist das überhaupt eine Frage? Die Uckermärkischen Bühnen jedenfalls haben daran keinen Zweifel. Sie setzen auf die Beliebtheit und Popularität von „Tokei-ihto“, „Ulzana“ & Co.

Gojko als Hans Georg von Arnim im Spektakel „Die Verschwörung von Chorin“
Gojko als Hans Georg von Arnim im Spektakel „Die Verschwörung von Chorin“. ©Udo Krause/Uckermärkische Bühnen

Schmuck sieht er aus in seinem Kostüm. Sein grauer Schopf ist unter einer Perücke mit langen dunklen Locken verschwunden. Ein „Musketier“-Bart ziert sein Gesicht. Irgendwie erinnert er mich an D’Artagnan, den er 1980 in Thale spielte. „Als ich mich bei den Proben das erste Mal mit Kostüm und Maske im Spiegel sah, war ich echt verblüfft“, sagt er. „Da guckte mich ein 40-Jähriger an“, lacht er. Das Temperament, die Sportlichkeit hat er allemal. Und wie 75 sieht er ohnehin nicht aus.

Gojko mit mir am Ufer seines Grundstücks. Foto: Boris Trenkel
Gojko mit mir am Ufer seines Grundstücks. © Boris Trenkel

Eigentlich wollte er diesen Sommer nicht auf der Bühne stehen, sondern sich ein bisschen um sich und seinen Garten kümmern, sein Häuschen genießen, das er sich 2011 gebaut hat. Mit Fußbodenheizung, großen Fenstern, den Blick auf Garten und Dahme. Das war immer sein Traum gewesen. Nun ja… Gojko ist jemand, der nicht nein sagen kann. Und so nahm er die Rolle an, als man ihn bat, dem Theater mit seiner Anwesenheit auf der Bühne ein bisschen unter die Arme zu greifen. „Und es war insofern verlockend: Die Zeit ist überschaubar und ich bin nicht so weit weg von zu Hause.“

Schlossfestspiele Schwerin, Musical SORBAS, mit Gojko Mitic in der Hauptrolle, als Alexis Sorbas. Freilichtbühne vor dem Schweriner Schloss. Premiere am 08.08.2009 Copyright: Andre Kowalski, Leibnizstrasse 45, 10629 Berlin, E-Mail: andrekowalski@t-online.de, fon: +49172 390 12 95, +493021476500, Bank: Berliner Bank AG, Konto-Nr.: 363 59 23 800, BLZ: 100 200 00, BIC: BE BE DE BB, IBAN: DE36 1002 0000 3635 9238 00, Veroeffentlichung nur gegen Honorar laut aktueller MFM-Liste, Urhebervermerk und Belegexemplar! Es gelten die AGB von Andre Kowalski, einzusehen unter www.andrekowalski.de!
Plauderei am Rande der Schweriner Schlossfestspiele 2009, wo Gojko „Alexis Sorbas“ sang ©Andrej Kowalski
Bis 31. Juli gibt der Serbe den Grafen und schlägt einen Bogen zu seiner ersten Komparsenrolle in den englischen Historien-Schinken „Lanzelot“. Da führte er in gewichtiger Rüstung als Double des damals bekannten Schauspielers und Regisseurs Cornel Wilde den Reitertross mit Lanze und Schwert in die Filmschlacht.

Gojko (l.) mit seinen Schulkameraden in seinem Heimatort Leskovac
Gojko (l.) mit seinen Schulkameraden in seinem Heimatort Leskovac ©Mitic

Tja, und wenn in Schwedt der letzte Beifall verklungen ist, wird auch nichts damit, die Seele baumeln zu lassen. „Winnetou“ hat ihn wieder eingeholt. Der österreichische Regisseur Philipp Stölzl („Der Medicus“) verfilmt für RTL drei der Karl-May-Geschichten neu, mit Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand. Gojko Mitic wird die Rolle des Indianers Tangoa übernehmen. Er hat gerade den Vertrag unterschrieben. „Es ist eine negative Figur“, sagt er. „Tangoa hat sich mit den Weißen verbündet und ist dem Alkohol verfallen. Am Ende wird er aber doch mit seinen roten Brüdern kämpfen.“ Was sonst, ein bisschen Gut muss schon sein, wenn Gojko am Werke ist.

Gojko als Häuptling Wakadeh (r.) mit Pierre Brice als Winnetou und Stewart Granger als Odl Shatterhand in „Unter
Gojko als Häuptling Wakadeh (r.) mit Pierre Brice als Winnetou und Stewart Granger als Old Shatterhand in „Unter Geiern“ (1964, F/BRD). Foto: privat

Einer der Produzenten ist Rialto Film, und es scheint nicht abwegig, dass von hier der Anstoß kam, eine der Indianer-Rollen mit Gojko Mitic zu besetzen. Denn gleich nach „Lanzelot“ ging es für den Sportstudenten als Komparse in italienischen Abenteuerfilmen weiter – „Römische Mädchen“, „Die Sieben von Theben“ und „Venezianische Katakomben“.

1963 bekam der damals 23-jährige Student seine erste Rolle als Indianerhäuptling in der deutsch-italienischen Koproduktion „Old Shatterhand“ mit Lex Barker in der Titelrolle und Pierre Brice als Winnetou. „Sein Tod hat mich getroffen, obwohl wir uns nur wenig kannten“, sagt Gojko. „Ich habe in Jugoslawien drei Filme mit ihm als Winnetou gedreht, nach Old Shatterhand noch Winnetou II und Unter Geiern. Als ich dann 1992 sein Nachfolger in Bad Segeberg wurde, habe ich einmal unter seiner Regie gespielt. Er inszenierte 1999 bei den Karl-May-Spielen Halbblut. Es ist traurig, dass er mit gerade 86 Jahren an einer Lungenentzündung starb.“

 Gojko und die Autorin 2013 in der Kalkbergarena Segeberg. Foto: York Maecke
Gojko und die Autorin 2013 in der Kalkberg-Arena Bad Segeberg. ©York Maecke

Der Tod fragt nicht, ob er gelegen kommt. Aber Gojko tut alles, um ihn sich lange vom Leib zu halten. Tägliches Schwimmen in der Dahme, wenn er Frühling beginnt, Rudern und Radfahren gehören immer noch zu seinem Tagesablauf, wenn er nicht gerade unterwegs ist. Wie jetzt. Die Dreharbeiten für die neuen Winnetou-Filme, die Ende des Sommers beginnen sollen, führen Gojko an die alten Schauplätze in Kroatien zurück. Eine Rückkehr zu den Wurzeln in seiner Heimat Serbien, die er 1968 verlassen hat.

Gojko als Tokei-ihto in seinem ersten DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin
Gojko als Tokei-ihto in seinem ersten DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin © DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

„Die Entscheidung fällte damals eigentlich das Publikum in der DDR“, sagt er. „Es hat mich nach „Die Söhne der Großen Bärin“ und „Chingachgook – Die große Schlange“ so gefeiert und ins Herz geschlossen, da konnte ich nicht mehr zurück.“ Und außerdem war schon der nächste Film bei der DEFA auf ihn programmiert, „Spur des Falken“. Das ging so weiter, die DEFA drehte mit ihm insgesamt 134 im Hinstorff Verlag Indianerfilme in den folgenden Jahren. „Seitdem ist Berlin sein Zuhause. „Ich fühle schon nach drei Tage Heimweh hierher, wenn ich weg bin. Aber Serbien wird immer mein Heimat bleiben“, sagt er.

Pferdewechsel im Galopp war für Gojko kein Problem. Foto: privat
Pferdewechsel im Galopp war für Gojko kein Problem. ©DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Es war in Gojkos Lebensplan eigentlich nicht vorgesehen, dass Schauspieler zu werden. Er hat in Belgrad ein Sportstudium absolviert und das Diplom zu Sportpädagogen gemacht. „Als Komparse während meiner Studienzeit habe ich die Schauspielerei als Hobby betrachtet, um ein paar Dinare zu verdienen. Ernst wurde es, als mich DEFA-Produzent Hans Mahlich als Tokei-ihto besetzt hat.“

012 Vorpremiere Chemnitz Mai 82
Gespräch mit Chemnitzer Schülern nach dem Film „Der lange Ritt zur Schule“. Neben Gojko sitzen Schauspieler Günter Schubert und Regisseur Rolf Losansky

 

Den Häuptlingen folgten viele andere Rollen und Gelegenheiten, sich in zahlreichen Fernsehproduktionen als Charakterdarsteller zu profilieren. Regisseur Rudi Kurz gab ihm 1972 im Mehrteiler „Das Geheimnis der Anden“ eine Hauptrolle, dann in „Visa für Ocantros“.

Bei Moskau drehte er die DDR-Fernsehserie „Archiv des Todes“
1977 als Partisan Muratow in dem DEFA-Film „Ich will dich sehen“ © DEFA-Stiftung/Michael Göthe

Noch während der Dreharbeiten sagte er dem Bergtheater Thale für die Rolle des „Spartacus“ zu. Er bestand die Feuerprobe auf dem Theaterboden glanzvoll und feierte in den Jahren darauf weitere Erfolge als „Diener zweier Herren“ und als D‘Artagnan ind „Die drei Musketiere“. An der Seite von Inge Keller, der Grande Dame der Schauspielkunst, überzeugte er als korrupter Höfling in der Literaturverfilmung „Die Liebe und die Königin“. Mit Agnes Kraus bringt er in der Komödie „Alma schafft alle“ seine komische Seite zum Klingen. Und er spielte gern in Kinderfilmen mit. Regisseur Rolf Losansky besetzte ihn oft, so in „Der lange Ritt zur Schule“. Wieder mal mit Rolf Hoppe als Cowboy. Die beiden Männer verbindet seit „Spur des Falken“ eine herzliche Freundschaft.

Gojko Mitic mit der Autorin in Belgrad. Hier auf der Kalemegdan-Festung. Foto Boris Trenkel
Gojko Mitic mit der Autorin in Belgrad. Hier auf der Kalemegdan-Festung. © Boris Trenkel

Nach dem Fall der Mauer startete er mit kleinen Rollen wie in „Der Kinoerzähler“. Der Durchbruch kam für Gojko 1995 mit der Hauptrolle neben Gudrun Landgrebe im ARD-Film „Herberge für einen Frühling“. Inzwischen sind reichlich neue Rollen dazugekommen. Als Killer in den TV-Krimireihen „Der Solist“, „SOKO Leipzig“, „SOKO Wien“, im Kinofilm „Esperanza“ und der SAT.1-Prduktion „In einem wilden Land“. Kürzlich sah man ihn in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“. Nach seinem Erfolg als „Sorbas“ pflegt er nun auch wieder sein musikalisches Talent wieder. Spielt Gitarre, wie einst als Student in Belgrad, und arbeitet an einem musikalischen Programm. Auftritte, Lesungen – es nimmt kein Ende. „Und das ist auch gut so“, sagt Gojko. Man darf sich im Alter nicht auf die Bärenhaut legen, dann ist das Leben bald vorbei.“ Na, dann bleib noch lange gesund, Gojko!

Peter Reusse – Sie nannten ihn den James Dean des Ostens

Peter Reusse – gibt es den noch? Aber sicher! Er ist quicklebendig und ungeheuer produktiv – als Schriftsteller, Maler, Bildhauer. Allerdings hat er sich vor Jahren weggemacht aus der Großstadt Berlin, als nach der Einheit der Kampf um den Altbau in der Geschwister-Scholl-Straße 4 gegen die Investoren nicht zu gewinnen war und die Straße zur Baustelle wurde. Zu Hause ist er seitdem am Kolberg in Heidesee, der höchsten Erhebung im Landkreis Dahme-Spree. Da besuchte ich ihn kürzlich, um den Leser von SUPERillu zu erzählen, was so hinter der Kamera bei den Dreharbeiten der DEFA-Films „Ein irrer Duft von frischem Heu“ passiert ist. Kann man in Heft 24 lesen, die DVD erscheint in der Kultkino-Reihe mit Heft 25, am 11. Juni. Peter Reusse kam das recht. „Es gibt da so Gerüchte“, sagt er bei der Terminabsprache am Telefon, „ich hätte mich hier draußen vergraben. So ein Quatsch!“ Na, dann räumen wir die Gerüchte doch einfach aus.

Lässig mit Lotte
Lässig mit Lotte © B.Beuchler

Eigentlich sieht er aus wie er immer aussah. Kleine blitzende Augen im inzwischen leicht durchfurchten Gesicht, die lockigen Haare – in schönem Schneeweiß – unter einem Hut versteckt. Peter Reusse hat etwas Jungenhaftes, das sich scheinbar nicht verliert. Egal wie alt er wird. Die Zeitung taz stilisierte den in der DDR sehr bekannten Schauspieler zum „James Dean des Ostens“. Das half ihm allerdings, im neuen Land gut besetzt zu werden.

Aber es ist schon komisch:  Reusse kam wie der Hollywoodschauspieler im Februar zur Welt, nur zehn Jahre später, 1941. Dean starb 1955 mit 24 Jahren bei einem Autounfall. Er fuhr gegen einen Baum. Wie er im Alter von Reusse ausgesehen hätte? Vermutlich so jungenhaft und zerknautscht wie er.

Die Begrüßung am Tor zum grünen Paradies der Reusses mit hohen Bäumen, Sträuchern, Blumen, Keramiken ist herzlich. Umarmung gleich über den Zaun, auch mit Ehefrau Sigrid Göhler. Wir kennen uns lange, haben uns aber auch lange nicht gesehen. Und dann kommt Lotte angerannt, ein Mischling mit Beagle-Anteil aus Spanien. Verrückt nach Streicheleinheiten und freigebig mit Hundeküsschen.

Hinter Reusses' Haus aiuf dem Kollberg erstreckt sich ein Garten Eden
Hinter Reusses Haus auf dem Kolberg, der höchsten Erhebung im Landkreis Dahme-Spree erstreckt sich ein Garten Eden © Nikola Kuzmanic

Sigrid Göhlers rechter Arm steckt in einer Bandage, fest installiert am Körper. Sie ist auf die Schulter gestürzt, dabei sind Sehnen gerissen, erfahre ich. Die Operation war gerade. Es schmerzt. Peter Reusse umsorgt seine Frau. Die zwei feierten kürzlich ihre Goldene Hochzeit, haben zwei Kinder und vier Enkel. Auch Hündin Lotte nimmt Rücksicht, ist brav. „Den ganzen Sommer muss ich mit dem Ding rumlaufen, das wird nicht lustig“, stöhnt ihr Frauchen. „Na ja…“

Hündin Lotte sitzt brav vor Frauchen Sigrid Göhler und schaut, was Herrchen will
Hündin Lotte sitzt brav vor Frauchen Sigrid Göhler und schaut, was Herrchen wohl will © Nikola Kuzmanic

Die Schauspielerin war die erste Frau im der DDR-Kriminalfilmreihe „Polizeiruf 110“, zuvor „Blaulicht“. Als Leutnant Arndt ermittelte sie des öfteren gegen ihren Mann. Peter Reusse wurde beim DDR-Fernsehen gern als Typ besetzt, der nicht ganz astrein ist. „Wir amüsieren uns inzwischen, wenn wir zufällig im Fernsehen mal alte Filme sehen und sie mich verhaftet“, sagt er, als wir auf seine Schauspieler-Vergangenheit zu sprechen kommen, die 1961 mit der DEFA-Komödie „Das Rabauken-Kabarett“ begann. Da war er Student an der Filmhochschule Babelsberg. 80 Filme sind es bis 1993 geworden. Eine Unmenge „Polizeirufe 110“, aber auch großartige Filme wie „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1964), „Heimkehr in ein fremdes Land“ (1976) oder die Literaturverfilmung „Zwischen Pankow und Zehlendorf“ (1991) nach Rita Kuczynskis Roman „Wenn ich kein Vogel wär“.

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Moment der Nachdenklichkeit beim Fotoshooting. © Nikola Kuzmanic

Die meisten Filmrollen nach der Wende hatten jedoch wenig mit dem zu tun, was er als Schauspieler von sich erwartete. „Sie waren belanglos“, sagt er. Auch wenn er mit Iris Berben, Nadja Tiller, Gaby Dohm (sie bekam 1992 von ihm ihren ersten richtigen Filmkuss) und Charles Aznavour gedreht hat.

Der Absturz 1993 kam für den Schauspieler unvermittelt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er traf ihn, als er eine wirklich gute Rolle hatte, die Proben gut liefen, er den Regisseur mochte, die Arbeit Spaß gemacht hat. Am 22. März 1993, drei Jahre nach der Einheit, bei einer simplen Durchlaufprobe zu Eugene O’Neils Stück „Der Eismann kommt“ erlitt er auf der Bühne des Deutschen Theaters einen Gedächtnisverlust. Ein klassisches Burnout, das hieß damals nur nicht so.

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Peter Reusse und Lotte beim Kuscheln. Sie ist der dritte Hunde der Familie @ Nikola Kuzmanic

Drei Monate Therapie in der Bonhoeffer-Nervenklinik, Suche nach Antworten, warum ihm das passiert ist. Peter Reusse will heute nicht mehr über diese Lebenskrise reden. Ohne seine Frau hätte er die Zeit vermutlich nicht überlebt. Der Gedanke an sie, die ihn immer gestützt hat, bewahrte ihn davor, sich aus dem Leben zu bringen. In seinem Buch „Der Eismann geht“ (Fischer Taschenbuch Verlag, 1996) hat er alles aufgeschrieben, sein Schicksal reflektiert. Eine Bühne oder ein Filmset hat er seit damals nicht mehr betreten.

Eismann Reusse
Während seiner  Therapie schrieb Peter Reusse Tagebuch. Daraus entstand 1996 sein Buch „Der Eismann geht“

Nach der Therapie nahm er einen neuen Lebensanlauf, in dem er nun seine anderen Talente, die er immer so nebenher als Hobby pflegte, in seinen beruflichen Mittelpunkt zu rückte. Das Malen zum Beispiel. Es war sein „Feierabendbier“ nach den Vorstellungen am Deutschen Theater, an dem er 30 Jahre engagiert war. „Ich habe keine Humpen gestemmt mit den Kollegen, sondern bin nach Hause und habe mich an die Staffelei gesetzt oder Skizzen gemacht, um mich runter zu trudeln.“ In seiner Freizeit hat er Keramiken modelliert.

Er hätte auch Maler werden können, Bildhauer, eine Zulassung zum Studium an der Kunsthochschule Weißensee hatte er. Aber er war auch an der Filmhochschule angenommen worden. Und warum ging er dorthin? Es waren die lukrativeren Aussichten, rumzukommen in der Welt. Das wollte er immer.

Zum Wichtigsten Lebenselement ist das Schreiben geworden. „Ich habe immer schon geschrieben, seit meiner Schulzeit“, sagt Reusse. Er schrieb Geschichten, Artikel, Reiseberichte für Zeitungen, Theaterstücke, Künstlerporträts. „Unter Pseudonym“, sagte er. Sogar die Partei (SED) beschäftigte sich wegen eines Artikels mit ihm bzw. Sascha Rüss wie er sich nannte. Seine Geschichte „Knock Out“, die im Jugendmagazin „Neues Leben“ erschienen war, hatte für den Geschmack der Funktionäre zu viele Anglismen. Heute fällt aus dem Rahmen, wer keine benutzt.

Hier Reusse

Nach dem „Eismann“ erschienen im selben Jahr seine ironisch-satirischen Ost-West-Geschichten unter dem Titel „Hier und drüben und drunter“. Von da an veröffentlichte er fast jedes Jahr ein Buch. Sehr amüsant zu lesen sind seine Schauspieler-Anekdoten „Da capo für eine Leiche“, poetisch „Indian Summer“. Aktuell steht seine satirische Wendegeschichte „Bürzel – oder Steh auf im Land Sibebe“ in den Buchläden. Sie erzählt von einem Gemüsehändler aus dem Prenzlauer Berg, der ein Buch geschrieben hat und mit seinem Trabi in die noch alten Bundesländer fährt, um es zum Verlag zu bringen.  Durch eine Verwechselung landet er bei Helmut Kohl. Der muss gerade über einen Millionenkredit für die Noch-DDR entscheiden. Und Bürzel hat plötzlich die Chance, den zu bewilligen.

Peter Reusse ist zufrieden, nein, glücklich geworden mit dem neuen Leben. Er muss sich nicht mehr in fremde Hände begeben, um eine Sinnerfüllung in seinem Tun zu finden. Er braucht nicht mehr auf gute Rollen zu warten, gute Regisseure. Die Hast, die Aufregung, die sein Schauspielerleben bestimmten, ist einer inneren Ruhe gewichen. Er hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden, so sagt man wohl. Und das nicht zuletzt, weil er mit seiner Mine eine starke Frau an seiner Seite hat. Vor 50 Jahren haben sie sich versprochen: „Du bist min, ich bin din.“ Und das lebenslänglich, wie er in seinem Buch „Der Eismann geht“ schreibt.

Peter Reusse, Schauspieler, Schriftsteller, Maler. Heidensee 30.04.2015 Foto: Nikola Text: Beuchler Peter Reusse 40.jpg
Im Atelier. Peter Reusse bringt mich zum Lachen © Nikola Kuzmanic

Vieles, was früher war, hat er als Erinnerungsstücke in einer Laube im Garten. Auf dem Weg dahin kommen wir an einem Männerkopf aus Keramik auf einem Baumstumpf vorbei. Reusse grinst. „Das ist der Schuster des Zaren, dem gehörte das Haus mal.“ Ob er wirklich so aussah? „Keine Ahnung“, sagt Reusse, „auf jeden Fall hatte er  einen Kosakenschnauzer.“

In der Hütte sausen meine Augen hin und her. Überall hängt was. Ein Steckbrief, ein Bauarbeiterhelm, Filmfotos, eine Eintrittskarte zu einem Joe-Cocker-Konzert, Zeitungsausschnitte, Szenenfotos vom Theater. Bilder und Zeichnungen, die er gemalt hat, Skizzen. Eine Staffelei ist auch da. Neben einem alten Ohrensessel. Ich mit meinen 1,75 m musste beim Eintreten den Kopf einziehen. „Das ist mein Atelier, und die hier“, er nimmt eine olle Schiffermütze vom Haken. „mein Lebensretter.“  Dieses Utensil, sprich Requisit, trug er, als ihm bei den Dreharbeiten für die Rudi-Strahl-Komödie „Ein irrer Duft von frischem Heu“ 1977 ein Eisenhaken aus drei Meter Höhe mitten auf den Schädel knallte. „Die Mütze verteilte die Fallkraft. Sonst wäre ich tot gewesen, sagte mir der Arzt damals.“ Er lacht, ich muss tief Luft holen. Wir verlassen das Refugium und streifen durch den Garten. Nikola Kuzmanic, der Fotograf, braucht noch ein paar Motive.

Fotograf Nikola Kusmanic mit Peter Reusse im Disput
Fotograf Nikola Kuzmanic mit Peter Reusse im Disput

Wer Peter Reusse heute sehen will, muss nachts durch die Programme von RBB und MDR zappen, da laufen immer noch mal Filme mit ihm. Leibhaftig trifft ihn auf Veranstaltungen, in denen er zusammen mit seiner Frau aus seinen Büchern liest. Eigentlich erzählen sie die Geschichten und Anekdoten wie Hörspiele. Denn in beide sind ja von Hause aus Schauspieler. Dieses Erbgut haben sie übrigens gut angelegt in ihrem Sohn Sebastian und Enkelin Linn Reusse, Kind ihrer Tochter Bettina.

Rolf Hoppe – Der Mann mit den vielen Gesichtern

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler und für mich ein ganz besonderer Mensch. In wenigen Tagen, genauer, am 6. Dezember, feiert Rolf Hoppe seinen 85. Geburtstag. Die Geschichten über sein Leben hat er in zwei Büchern erzählt – und einiges davon mir, seit wir uns  1997 für ein Porträt kennengelernt haben. Seitdem telefonieren wir so zwei-, dreimal im Jahr oder auch öfter. Es sind stets vergnügliche Plaudereien, bei denen hin und wieder eine Verabredung herauskommt. Wie im Mai, weil man sich gern wieder sieht.

Mein Hausbesuch bei diesem Mimen – bei ihm ist diese Formulierung nicht zu hoch gegriffen – führte zu einer ganz besonderen Titelgeschichte in der SUPERillu (Heft 23/15). Denn zum ersten Mal war seine Frau Friederike dabei. Zur großen Freude ihres Mannes. Nachdem sie sich aber zunächst wie immer konsequent geweigert hatte, „in einem Artikel zu erscheinen“. Sie habe da nichts verloren. Punkt. Wohl aber doch, so sieht das Rolf Hoppe. Doch dazu später noch mehr.

Hoppes Haus2795
Rolf Hoppe war 62, als er sich seinen Traum von einem kanadischen Blockhaus erfüllte© Bärbel Beuchler

Kurz nach meinem Besuch in seinem Domizil in Weißig war Rolf Hoppe mit dem Deutschen Schauspielerpreis geehrt worden. Nicht für eine Rolle, sondern für sein Lebenswerk, für  60 Jahre darstellerisches Schaffen. Weit über 400 Rollen prägte er auf der Bühne, vor der Kamera oder in Hörspielen, jede eine Zäsur.

Schauspieler Rolf Hoppe
Das Porträt von Rolf Hoppe fotografierte York Maecke

Der Deutsche Schauspielerpreis wurde 2012 ins Leben gerufen. Eine Anerkennung von Schauspielern für Schauspieler. Im letzten Jahr wurde Senta Berger mit diesem Preis geehrt, die beiden Jahre zuvor Götz George und Katharina Thalbach. Rolf Hoppe empfindet es als große Ehre, ihn bekommen zu haben. „Du kennst mich ja. Ich bin in solchen Sachen ein Fluchttier, wie meine Frau. Aber da bin ich hingegangen, weil ich mich sehr gefreut habe über diese Anerkennung. Dass Menschen an einen denken, denen man mit seiner Arbeit Freude gebracht hat, ist das eine. Aber dass es Kollegen sind, die meine Arbeit würdigen, macht mich froh. Man wird ja schnell vergessen, wenn man alt und nicht mehr so präsent ist.“ Eine bittere Wahrheit für viele andere, nicht für den Mimen mit dem weißen Bart, der so gern lacht und Späße beim Gespräch macht. Der sich vor fast 70 Jahren die Kindheit  in die Tasche gesteckt hat.

Schauspieler Rolf Hoppe
Interview mit dem Schauspieler in seinem Refugium. Hier bewahrt er Erinnerungen an seine Kindheit als Bäckerlehrling in seinem Heimatort Ellrich und seine Filmrollen auf  ©Yoerk Maecke

Nicht mehr präsent! Davon kann bei ihm  wirklich nicht die Rede sein. Erst im Sommer stand er für den Kinofilm „Die Blumen von gestern“ vor der Kamera. Hoppe spielt einen Historiker, dessen Spezialgebiet der Holocaust ist. Im letzten Jahr hat er in Irland für den ZDF-Zweiteiler „Pfeiler der Macht“  gedreht und davor den Fernsehfilm „Ohne dich“. Es sind inzwischen die Rollen der Alten, Weisen, Intellektuellen, Juden, Familienoberhäupter mit geheimnisvollen Punkten im Leben, die den fast 85-Jährigen noch ein-, zweimal im Jahr vor die Kamera locken. „Es ist alles nicht mehr so ideal. Das ganze Drumherum bis ich vor der Kamera stehe ist anstrengender geworden“, sagt er. „Aber es ist schön, dass man mich Alten noch will.“ Inzwischen begleitet Enkel Oscar seinen Großvater bei den Produktionen. „Dann bin ich nicht so allein und habe jemanden, der weiß, wann ich wo sein muss.“

Frau Hoppe schaut zu, wie York Maecke ihren Mann fotografiert
Frau Hoppe schaut zu, wie York Maecke ihren Mann fotografiert

Schauspieler mit der Gabe eines Rolf Hoppe sind selten. Regisseur István Szabó, in dessen Film „Mephisto“ er als Nazi-General Göring 1981 international berühmt wurde – trotzdem mag er die Rolle nicht besonders – sagte über ihn: „Er ist der Mann fürs Ambivalente. Hoppe kann mächtig und zugleich zerbrechlich wirken. Das Böse verbirgt sich bei ihm hinter verführerischer Leutseligkeit, scheinbar Gutem. Das Heuchlerische und Intrigante, das Doppelbödige hinter Liebenswürdigkeit, scheinbarer Ehrlichkeit.“

Zärtlich drückt Rolf Hoppe seien Frau an sich. Seit 55 Jahren sind sie zusammen
Zärtlich drückt Rolf Hoppe seine Friederike an sich. Seit 55 Jahren sind sie zusammen © York Maecke

Hoppe hat einen klaren Anspruch an den Beruf. Für ihn bedeutet Schauspieler zu sein, Geschichten erzählen, Menschen in ihrem Widerspruch zeigen. „Wenn einer dumm wirkt, muss er einen hellen Geist haben. Wenn einer dick ist, muss er agil sein“. Populärstes Paradebeispiel ist der Indianerhasser Bashan im DEFA-Film „Spur des Falken“, in dem der schwergewichtige Hoppe mit seiner Wendigkeit beim Reiten selbst Gojko Mitic verblüffte. Die hohe Kunst des Schauspielers zeigte sich in seiner Rolle als Präfekt in „Mario und der Zauberer“ unter der Regie von Klaus Maria Brandauer. Dessen Worte: „Dieser  Hoppe ist genial. Er beherrscht die Szene ohne etwas zu sagen. Nur mit seinen Blicken, seinen Gesten.“  Seine Körpersprache, seine Mimik und vor allem seine Stimme mit den unendlich vielen Modulationen sind Hoppes Kapital, in dem das Geheimnis seines Erfolgs liegt.

Rolf Hoppe will mit seinem Spiel aufklären, nicht dogmatisch, sondern auf eine unterhaltende Weise, die zugleich den Ernst erkennen lässt. Er macht das auf so wunderbare Weise, dass selbst die Kinder es verstehen. Für sie hat er besonders gern gedreht. Zu seinen liebsten Rollen gehören für ihn der verschlagene und der gute König in dem Kinderfilm „Lorenz im Land der Lügner“ und der wundersame Schneider „Meister Röckle“.

Die Skulptur ist das Geschenk eines Bildhauers
Die Skulptur ist das Geschenk eines Bildhauers. Irgendwie hat sie Ähnlichkeit mit Hoppe © Bärbel Beuchler

Der Dresdner Filmkritiker Karl Knietzsch fand in einem Gespräch mit Hoppe für die DDR-Kinozeitschrift „Filmspiegel“ ein treffsicheres Bild. „Rolf, wenn du’n Pferd geworden wärst (Hoppe mag Pferde), dann außen ‘n Kaltblüter, aber innen todsicher ‘n Vollblut!“ Diese besondere Fähigkeit ist es, die diesen leisen, fast schüchtern wirkenden Mann so besonders und für Regisseure immer wieder anziehend macht. „Ich suche in einer Figur das, was sie menschlich macht. Frage, wovon versteht sie was, wovor hat sie Angst. Egal, wie groß oder klein eine Rolle ist. Bei den kleinen ist am schwersten, macht aber am meisten Spaß“, erzählt er mir. Das ist sein Credo.

Hoppe ist ein Weltstar, auch wenn er sich als solchen nicht empfindet. Er ist nicht der Typ, der nach vorn prescht ins Rampen- oder Scheinwerferlicht. Keiner, der immer das Sagen haben will. Mit solchen Leuten kommt er schwer zurecht. „Wenn ich merke, da hat einer das Bedürfnis an der Spitze zu sein, bin ich ganz still und lasse ihn. Henry Hübchen ist so einer – über den darf ich das sagen, der weiß es.“ Sie haben zusammen für die Krimi-Reihe „Commissario Laurenti“ in Triest gedreht. Hübchen in der Titelrolle, Hoppe spielte den alten Doktor Galvano. Eine Rolle, wie für ihn gemacht.  Und er genoss es, durch die Straßen der geschichtsträchtigen norditalienischen Hafenstadt an der Grenz zu Slowenien und Österreich zu spazieren.

Triest Italien
Im Juni 2007 besuchte ich Rolf Hoppe bei den Dreharbeiten für die ARD-Reihe „Commissario Laurenti in Triest © York Maecke

Rolf Hoppe, der am Nikolaustag 1930 im Harzstädtchen Ellrich das Licht erblickte, hat nie etwas anderes gewollt, als Schauspieler zu sein. Seit er als Kind ein Puppentheater geschenkt bekam und den Spaß am Spielen, Verwandeln entdeckte. Und – dass man den Menschen damit, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Lachen geben kann. Der Krieg hatte es den Menschen genommen. Diesem Traum ist er nachgegangen. So intensiv, dass er 1950 im Märchenstück „Die Prinzessin und der Schweinehirt“ mit Fieber auftritt und nach mehreren Vorstellungen die Stimme verliert. „ Lähmung der Stimmlippen, weil ich mich überschrien hatte. Ich wusste nicht damit umzugehen. Das war die schlimmste Zeit, die ich erlebt habe.“

Die Bühne war passé, aber er gab nicht auf, arbeitete als Tierpfleger im Zirkus Aeros, und fand in Halle einen Professor für Logopädie. Er lernte wieder sprechen. Statt  Zigaretten zu rauchen, empfahl ihm Prof. Wizzak, es mit der Pfeife zu probieren, die schade der Stimme nicht. „Ich war baff“, sagt Hoppe. Die Pfeife wurde ihm zum unabkömmlichen Requisit.

Wie eine kleine Robbe sieht der schwarze Stein aus.  Von allen Drehorten brachte sich der Schauspieler Steine mit
Wie eine kleine Robbe sieht der schwarze Stein aus. Jeder Stein ist ein Mitbringsel von den Drehorten – Erinnerungen an den Kaukasus, China, Amerika, die Mongolei, Rumänien… er wollte und hat die Welt gesehen ©Bärbel Beuchler

1946 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne, in der Titelrolle von  Friedrich Wolfs Stück „Prof. Mamlock“ im Laientheater in Ellrich. Es wurde für ihn ein Riesenerfolg. Sein erster. Von da an stand für ihn fest, dass er die Schauspielerei ernsthaft, als Beruf, betreiben will. Nach zwei Ablehnungen für eine Schauspielausbildung in Weimar und Halle studierte er 1949/50 an der Schauspielschule des Theaters Erfurt. Das ist ein ganz Besessener, der zerrupft sich für eine Rolle – hieß es unter den Studenten. Rolf Hoppe ist ein Perfektionist. Es muss stimmen, was er spielt. So ließ er sich nicht davon abbringen, in der Operette „Feuerwerk“ mit den zur Rolle gehörenden Clownslatschen 2,50 Meter über dem Boden auf einem Drahtseil zu balancieren. Er schaffte das bis zur Generalprobe. Da stürzte er ab und landete mit Prellungen und Platzwunden im Geraer Krankenhaus.

Das war 1960. Ein Aufenthalt mit Folgen. Die drei Jahre jüngere OP-Schwester Friederike fand Gefallen an ihm und er an ihr. Von da an wird sie ihn durchs Leben begleiten, seine Träume mittragen, in denen es auch zwei Kinder gibt. Mit großer Zärtlichkeit erzählt er von seinen Töchtern Josephine und Christine, die in seine Fußstapfen getreten sind. Christine hat die große Präsenz ihres Vaters, wenn sie am Dresdner Staatsschauspiel auf der Bühne steht. „Das Mädel spielt die ganz großen Rollen, mit großer Wirkung.“ In seiner Stimme schwingt unbändiger Stolz mit.

Der Denker hinterm Fenster
Der Denker hinterm Fenster © Bärbel Beuchler

Für Rolf Hoppe waren Träume nie Schäume. Was im Leben nicht ging – und das war wenig, denn sogar der Traum vom eigenen Hof-Theater erfüllte sich 2005 – erspielte er sich. Vor allem in seinen Filmrollen. Da ritt der Pferdenarr in den Indianerfilmen durch den Wilden Westen. Er war Gaukler, Artist, König, Lokführer. Doch das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn ihm seine Frau Friederike nicht den Alltag abgenommen hätte. Dafür hat sie ihren Beruf aufgegeben. „Wir sind seit 55 Jahren zusammen, nie konnte ich sie auch nur zu einem Foto für die Zeitung überreden, dabei gehört sie doch zu meinem Leben. Ohne sie wäre ich manchmal hilflos gewesen“, gesteht er. Es machte ihn traurig.

Frederike Hoppe hat Spaß beim Zugucken
Friederike Hoppe hat Spaß beim Zugucken © Bärbel Beuchler

Dann passierte das große Wunder. Während Fotograf York Maecke nach meinem Gespräch Aufnahmen von Hoppe machte, erzählte mir seine Frau Friederike von ihrem Leben an der Seite des Workaholics. Ja, das war Rolf Hoppe. Um so mehr genoss die Familie die Zeit mit ihm, die Ferien in Ungarn, als Szabó ihn für seinen Film gewinnen wollte. Seine Frau und die beiden Töchter Josephine und Christine begleiteten ihn nach Salzburg, wo er sieben Jahre den Mammon im „Jedermann“ spielte.

Die  kleine, resolute Frau ließ ihn seinen Beruf ausleben, der ihn glücklich macht. „Dass ich Rolf kennenlernte, war die Erfüllung einer unbestimmten Sehnsucht. Ich wollte einen Mann, der einen besonderen Beruf hatte. Aber ich wusste nicht, was für einen.“ Als Rolf wieder gesund war damals, ging sie zu ihm ins Theater und bat ihn, ihr zwei Karten zu besorgen. „Ich war hin und weg von seiner Eleganz und habe mich in ihn verliebt.“ Es war eine glückliche Fügung. Zum Abschied unseres Besuches fragte mich Rolf Hoppe noch: „Wie hast du das nur angestellt, dass sie dir so viel erzählt. Sie weiß doch, dass du Journalistin bist. Und dass sie sich auch noch fotografieren ließ! Ich bin so glücklich darüber.“

Das muss man nicht kommentieren.

PS: Wer Lust auf einen Besuch in Rolf Hoppes Hof-Theater hat, hier findet er Spielplan und Adresse.

http://www.hoftheater-dresden.com

TV Sendetermine:

′ OHNE DICH | Regie Alexandre Powelz
25.11.2015 | 20:15 Uhr |ARTE

ROLF HOPPE
Portrait – zum 85. Geburtstag –
06.12.2015 | 12:40 Uhr | MDR

DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL | Regie Václav Vorlíček
29.11.2015 | 12:00 Uhr | KiKa
06.12.2015 | 14:20 Uhr | WDR

MEPHISTO | Regie István Szabó
07.12.2015 | 23:40 Uhr | MDR