Archiv der Kategorie: Nachruf

Zum Tod von Rolf Losansky: Sein Herz schlug für die Kinder

Wer ihn kannte und mochte, wünschte, er wäre nach seinem schweren Schlaganfall im Juli 2013 wieder auf die Beine gekommen und hätte das tun können, was ihm immer das Liebste gewesen war: Mit seinen wunderbaren Filmen zu Kindern reisen, sich ihren Fragen stellen und hören, was sie denken – über die Knirpse aus dem Kinderheim, die sich auf die Suche nach dem Dieb des „Wunderbunten Vögelchens“ machen, über „Moritz in der Litfaßsäule“ oder über Alex, der sich in seiner Phantasie jeden Tag als Indianer auf den „Langen Weg zur Schule“ begibt.

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Mai 2015. Regisseur Rolf Losansky (l.) mit seinen Darstellern Gojko Mitic und Frank Träger aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“

Die Aussicht war gering. Sein Sprachzentrum war schwer geschädigt, eine rechtsseitige Lähmung zwang den unermüdlich rotierenden Kinderfilm-Regisseur in den Rollstuhl. Doch er hat gekämpft, wollte es zwingen. Das verrieten mir seine Augen, als ich ihn vor ein paar Monaten besucht habe. Dieser Tage wollte ich wieder zu ihm nach Potsdam fahren. Zu spät. Gestern früh, am 15. September, hat Rolf Losansky aufgehört zu kämpfen. Vor drei Wochen war eine Gesichtsrose bei dem 85-Jährigen ausgebrochen. „Sie war sehr schmerzhaft, ich musste Papa ins Krankenhaus bringen. Zum Schluss wollte er nicht mehr“, erfahre ich von seiner Tochter Danka. „Drei Tage saß ich an seinem Bett, hielt seine Hand, als er ging“, sagt sie und: „Es tut sehr weh, aber es ist jetzt gut so.“

„Er war ein Kämpfer, warmherzig, immer fröhlich, manchmal auch mufflig, aber nie böse. Er ging freundlich mit den Menschen um, sogar mit seinen Neidern“, beschreibt sie ihren Vater, den seine DEFA-Kollegen, Schauspieler, Filmkinder und Freunde genau so in Erinnerung behalten werden. Wenn er mir von seinen Dreharbeiten erzählte, schwang darin immer eine Verschmitztheit und Komik mit, die – neben der großen Nachdenklichkeit – auch in seinen Filmen zu spüren ist. Rolf Losansky hat sich den Träumen, Sehnsüchten und Sorgen der Kinder angenommen, ihren Alltag in seinen Geschichten trickreich mit phantastischen Elementen verwoben, sodass Lehrreiches nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkam.

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Szene aus dem Film „Das Schulgespenst“ 1986

Seine Filme sind Gegenwartsmärchen, die mit einer komödiantischen, ironischen Erzählweise begeistern. „Das Schulgespenst“ (1986), „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) oder „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) haben in ihrer Thematik nichts an Aktualität verloren. „Ich habe 23 Spielfilme für Kinder gemacht“, erzählte er mir einmal. „Wenn ich sie heute zeige und die Kinder Zugabe rufen, weiß ich, dass ich es richtig gemacht habe. Kinder sind sehr kritisch. Sie sind ehrlich. Sie heucheln keine Begeisterung.“ Nie waren ihm ihre Fragen zuviel.

Nach der Wende hat er noch drei Filme gedreht, 1992 „Zirri – das Wolkenschaf“, 1993 „Friedrich und der verzauberte Einbrecher“ (gespielt von Rufus Beck) und 1998 die Märchenverfilmung „Hans im Glück“.

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Im Juni 2013 mit Andreas Bieber und Marlene Marlow, Hauptdarsteller in Losanskys Märchenfilm „Hans im Glück“

Persönliche Schicksalsschläge nahmen ihm die Kraft. Der ungeklärte Tod seines Sohnes, der Kapitän eines Containerschiffes war und im Bermuda Dreieck ums Leben kam, brach ihm das Herz. Posttraumatische Erinnerungen aus seiner Kindheit machten ihm zu schaffen. „Ich komme aus Frankfurt/Oder von der polnischen Seite, habe sowohl Panzerangriffe erlebt als auch schwere russische und amerikanische Bombenangriffe in Augsburg, wohin wir geflohen waren. Ich kann heute noch in keinen kleinen Keller gehen. Mit der Kraft der Jugend konnte ich die Bilder von Leichen, an denen ich vorbei gerannt bin, verdrängen. Je älter ich werde, desto häufiger suchen sie mich heim“, erzählte er in unserem ersten Interview. Als Berater und Mentor arbeitete er dann mit jungen Regisseuren. Er wollte in ihnen das Feuer wecken, das noch immer in ihm loderte. So wie die Altmeister der Regie Martin Hellberg, Kurt Maetzig und Andrew Thorndike in den 50er und 60er Jahren dieses Feuer in ihm entfacht hatten.

losanskyRolf Losansky ist auf Umwegen Regisseur geworden. Am 18. Februar 1931 als Sohn eines Schriftsetzers und einer Krankenschwester geboren, lernte er nach der Schule zunächst Buchdrucker. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät, studierte dann drei Semester Medizin, bevor ihn als 24-Jährigen „der Virus Film mit Haut und Haaren fraß“. Seine erste Regie-Assistenz bekam er bei DEFA-Regisseur Frank Beyer bei den Dreharbeiten für den Film „Königskinder“ mit Annekathrin Bürger und Armin Mueller-Stahl in den Hauptrollen. Mit seinem aufmerksamen Blick ersparte er dem Regisseur damals eine große Peinlichkeit und der DEFA hohe Kosten, hätte man den Fehler erst beim Schnitt entdeckt.  Im Atelier wurde eine Flugszene simuliert. Dazu ließ man hinter den Fenstern der Flugzeugattrappe auf einer Leinwand Wolken vorbeiziehen. Frank Beyer konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Schauspieler und übersah, dass die Wolken das Flugzeug überholten. Rolf Losansky, der später dazu kam, erfasste das mit einem Blick und rief: „Kamera aus!“ Man hatte den Film falsch herum eingelegt. „Das war so ein Tag, an dem man als Regie-Assistent abends zufrieden ins Bett geht. Und ich brannte darauf, bald selbst so ein Leben erzählen zu können“, erinnerte er sich beim Erzählen dieser Episode.

img_3885Als Regie-Assistent suchte er für den Film „Nackt unter Wölfen“ die Kinderdarsteller aus und merkte, dass ihm die Arbeit mit Kindern lag und Spaß machte. Seine Frau Annelore, die Liebe seines Lebens, brachte ihn auf die Idee, Filme für Kinder und Jugendliche zu drehen. Sie waren 35 Jahre glücklich verheiratet, als sie 1991 starb. „Sie war Lehrerin und hielt unsere Familie in Schwung“, erzählt Danka.  1963 drehte er dann mit dem Abenteuerfilm „Geheimnis der 17“ seinen ersten eigenen Kinderfilm und noch im selben Jahr dreht er mit der „Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ seinen ersten Erfolgsfilm.
Der Abschied von Rolf Losansky fällt schwer. Ich hoffe sehr, dass seine Filme, die er am Leben erhalten hat, nicht vergessen werden.

Von Brecht bis C. U. Wiesner – zum Tod von Stefan Lisewski

Es macht traurig. Schauspieler Stefan Lisewski ist tot. Er starb am 26. Februar im Alter von 82 Jahren. Unerwartet für alle. Ich habe ihn weniger auf der Bühne des Berliner Ensembles erlebt, wo er in nahezu allen Brecht-Stücken Hauptrollen spielte, als vielmehr in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen. Rothaarig, sportliche 1,90 Meter hochgewachsen und mit einer einprägsamen, ausdrucksstarken Stimme, war er ein besonderer Typ. Überzeugend in seinen künstlerischen Darstellungen und von Kollegen, insbesondere Filmpartnerinnen, zudem wegen seiner humorvollen Art, seiner Jungenhaftigkeit besonders gemocht. „Mit ihm zu drehen war stets ein Vergnügen“, erinnerte sich Annekathrin Bürger in einem unserer vielen Interviews. In den Erinnerungen an ihren ersten Film „Verwirrung der Liebe“ (1959) verriet mir Angelica Domröse, dass ihr Stefan Lisewski imponiert habe. „Er hat am BE gespielt!“

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Stefan Lisewski 2009 beim Filmtreff in Quedlinburg c/o Hans-Jürgen Furcht

Da, wo sie hin wollte, gehörte Lisewski von 1957 an zu den wichtigsten Schauspielern. Mit der Übernahme der Intendanz des BE durch Claus Peymann 1999 schied er – inzwischen 65 Jahre – aus dem Ensemble aus. Doch er blieb dem Theater bis zu seinem Tod verbunden. Mehr als 500 Mal hat er als Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ das Publikum im Theater am Schiffbauerdamm und bei Auslandsgastspielen wie in Griechenland und Italien begeistert. Man sah den Charakterdarsteller in „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Die Gewehre der Frau Carrar“, in „Das Leben des Galiliei“, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ oder im „ Kaukasischen Kreidekreis“. Noch am 21. Februar verkörperte er den Dogsborough in Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Weit mehr als 300 Mal stand er in dieser Rolle in der Inszenierung von Heiner Müller seit der Premiere 1995 auf der Bühne.

Ursprünglich war das Theater, die Schauspielerei nicht Lisewskis Lebensziel. Geboren am 6. Juli 1933 im polnischen Tczew (Dirschau), war er, elfjährig, mit seiner Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wie viele deutsche Umsiedler aus Pommern in Schwerin gelandet. Als Statist am Theater frönte er schon als Schüler seiner Leidenschaft fürs Schauspielen. Als ernsthaften Beruf für sich sah er das aber nicht. Er wollte Hütteningenieur werden und bewarb sich nach dem Abitur an der Bergakademie Freiberg. Doch die Lust zum Spielen war stärker, und so sprach er an der Berliner Schauspielschule vor – und wurde abgelehnt. Er ging als Praktikant ins Schwermaschinen-Kombinat Magdeburg und arbeitete dort am Schmelzofen.

Die Bühne lockte den damals 20-Jährigen jedoch sehr. Immer wieder übernahm er am Theater der Stadt Komparsenrollen und startete 1955 einen neuen Versuch an der Berliner Schauspielschule. Es klappte. Sein zweieinhalbjähriges Studium schloss er 1957 während der Dreharbeiten zu seinem ersten Film, „Das Lied der Matrosen“, ab und erlangte anschließend ein Engagement am Berliner Brecht-Ensemble. Er hat noch mit Helene Weigel und Ernst Busch zusammen gearbeitet und war sehr dankbar für die großartige Zeit, die ihn über die Grenze der DDR hinaus in die ganze Welt geführt hat, wie er in einem Interview zu seinem 70. Geburtstag sagte.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Film ich Stefan Lisewski zum ersten Mal gesehen habe. Es könnte „Das Lied der Matrosen“, der Musikfilm „Eine Hand voll Noten“ oder „Maibowle“ gewesen sein. Mittags, in einer der Halbzwei-Uhr-Testsendungen des DDR-Fernsehens in den 60er Jahren. Vielleicht war es auch „Die Jagd nach dem Stiefel“, ein Kinderfilm von Konrad Petzold, oder „Chronik eines Mordes“.

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Jedenfalls hat er sich mir eingeprägt. Sein Gesicht, seine Stimme, die ich sofort im Ohr habe, wenn ich den Namen höre oder lese. Auch Szenen, wie die mit Hildegard Alex beim Versuch zusammen in eine Badewanne zu steigen. Was praktisch ein Ding der Unmöglichkeit war, denn der Einsneunzig-Mann passte ja allein schon kaum hinein. „Wir hatten viel Spaß beim Probieren, wie das gehen soll“, erzählte mir Hilde Alex, als ich ihr meine Erinnerung einmal schilderte. Ich glaube, die Fernseh-Reihe hieß „Rund um die Uhr“. Das Komödiantische war die andere Seite des Charakterdarstellers, die populäre, die ihn beim Publikum so beliebt machte.

In den 70er und 80er Jahren hat der Schauspieler das Filmen zugunsten des Theaters zurückgefahren und sich mehr oder weniger auf Rollen in Kinderfilmen beschränkt. Diese Arbeit machte dem zweifachen Vater und Großvater sehr viel Freude. Regisseur Günter Meyer fand in dem Hünen die ideale Besetzung für den Riesen Otto in seiner Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“, Drehbuch „Eulenspiegel“-Autor C. U. Wiesner.

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Die Autorin mit Stefan Lisewski (M) im August 2013 im Treptower Park sowie mit Regisseur Günter Meyer (r.) und den Filmkindern Katrin Raukopf (2.v.r.) und Henning Lehmbäcker. c/o Boris Trenkel

Ihr verdanke ich, dass ich Stefan Lisewski im August 2013 persönlich kennenlernen durfte. Natürlich im Treptower Park unterm Riesenrad. Sein voller roter Haarschopf war ergraut, und es ging dem Schauspieler auch nicht gut. Er kämpfte mit Atemnot, aber seinen Humor hatte er nicht verloren. An den Film hatte er glänzende Erinnerungen. „Der ist losgegangen wie eine Rakete. Und geht es noch. Als ich jetzt längere Zeit im Krankenhaus war, haben mich die Schwestern kurz vor der OP gefragt: „Sind Sie nicht der Riese?“ – Erwachsene Leute, die damals Kinder waren. Es war ja auch eine tolle Geschichte dadurch, dass die uralten Märchenfiguren mit dem prallen Leben der DDR konfrontiert wurden. Daraus ergab sich wundervoll Satirisches. Wenn man älter wird und mal Revue passieren lässt, was man so gemacht hat, gehört das mit zu den schönsten Arbeits- und Urlaubserlebnissen, die ich hatte. Wir haben im Harz gedreht, auf der Burg Falkenstein. Wir haben an der Rappbodetalsperre gewohnt. Das war toll. Und wenn wir nachts gedreht haben, sind wir früh zu einem Bauern gefahren und haben warme Milch getrunken.“

Es war so einiges passiert bei den Dreharbeiten, das ihm im Nachhinein ein Schmunzeln ins Gesicht zauberte. „Auf dem Hexentanzplatz sollte ich auf ein fahrendes Auto springen. Das hat meinen sportlichen Ehrgeiz angestachelt. Aber es real zu versuchen, wäre dann doch zu gefährlich gewesen. Deshalb wurde es am Schneidetisch geschickt zusammenmontiert.“ Für die Anfangsszenen, in denen der Riese groß ist, hatte Stefan Lisewski bei einem Artisten Stelzen laufen gelernt. „Günter Meyer fand mich mit meinen 1,88 noch zu klein als Riese. Ich musste auf einen Stuhl steigen, damit er sehen konnte, wie das mit Stelzen sein würde.“

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Die Geister in der Spree. Szene aus der Serie „Spuk unterm Riesenrad“

Dass er bei der Flucht der Geister mit Boot auf der Spree einen Moment Todesangst hatte, ist auch so eine Geschichte. In der Hektik, die Szene noch vor Sonnenuntergang „in den Kasten“ zu kriegen, hatte niemand an die Eisengewichte in dem Ruderboot gedacht, die als Lastenausgleich für die Schauspieler, insbesondere den schweren Stefan Lisewski, in den Bug gelegt worden waren. Als das im Film nicht zu sehende Motorboot den Geisterkahn am Schlepptau in Bewegung setzte, neigte sich plötzlich der Bug des Ruderboots gen Wasser, immer tiefer, bis es schließlich versank – und mit ihm die Geister. „Ich hatte einen schweren Schafspelz an, der sich voll Wasser sog. Katja Paryla, die Hexe, und Siegfried Seibt, Rumpi, konnten ja schwimmen in ihren Sachen, ich nicht. Da war mir schon komisch, bis ich merkte, ich habe Boden unter den Füßen. Wir standen auf einer Sandbank mitten in der Spree.“ Mit seinem trockenen Witz würzte er als Hausmeister den „Spuk im Hochhaus“ und wirkte als Graf Bärenfels auch in der Serie „Spuk von draußen“ mit.

Für das Berliner Ensemble werden die Inszenierungen mit Stefan Lisewski wichtige Abschnitte in der Geschichte des Theaters sein. In seinen großen wie kleinen Filmrollen wird er lebendig bleiben, sich den vielleicht auch nachfolgenden Generationen einprägen.

 

Ohne Freiheit geht gar nichts – Zum Tod von Sonja Kehler

Vorbei. Das ist endgültig. Und der Tod ist endgültig. Sonja Kehler wird sich nie mehr zu Wort melden mit Brecht-Liedern, Eisler- oder Weill-Songs. Sie wird auf keiner Theaterbühne mehr stehen – sie hasste Stühle, weil sie beim Sitzen fast immer lag – und uns mit hintersinnigen Kästner-Texte begeistern, mit Versen von Ringelnatz oder uns die expressionistische Lyrik der deutsch-jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler nahebringen. Sonja Kehler hat sich von der Welt verabschiedet. Sie starb am 18. Januar in ihrer Wohnung in Berlin. Leise, ohne Anlass.

Leise war auch der letzte Abschied. Am 2. Februar, es wäre ihr 83. Geburtstag gewesen, wurde die international hoch geschätzte Schauspielerin und Diseuse von ihrer Familie und engen Freunden auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf bestattet.

Nur einmal habe ich die Künstlerin getroffen. In ihrer Berliner Wohnung. Für ein kleines Porträt, zu ihrem 76. Geburtstag. Zum 75. hatte es nicht geklappt. Mein Respekt, meine Hochachtung wirkten wie eine Bremse. Sie löste sie umgehend mit ihrer Gastfreundlichkeit, ihrer unkomplizierten Art, sich auf Menschen einzulassen. Eigentlich wollte sie nach Mecklenburg, wo sie in einem Bauernhaus auf dem Dorf lebte. Ihr Platz, um die Seele baumeln zu lassen, was aber höchst selten vorkam. Viele Freunde, ihre Lieblingsenkeltochter Paula und ihre Urenkel Oskar und Julia besuchten sie oft und gern. Auch, um ihre dänische Küche zu genießen.

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Im Januar 2009 traf ich Sonja Kehler in ihrer Berliner Wohnung zum Interview. Foto: Yorck Maecke

Damals, im Januar 2009, lagen gerade wieder ein paar Wochen Dänemark vor der rastlosen 76-Jährigen. Seit Mitte der 80-Jahre hatte Sonja Kehler an der staatlichen Schauspielschule in Odense als Gastdozentin gelehrt, an verschiedenen Theatern in Dänemark gearbeitet und dafür die Landessprache perfekt gelernt. Berlin war Zwischenstation, wenn sie mit ihrem Pianisten Milan Šamko zu Konzerten in Deutschland unterwegs war oder nach Spanien und Portugal geflogen ist, wo man die eigenwillige Künstlerin sehr schätzte. 2006 hatte man sie als Brechtexpertin nach Sevilla geholt, um das Theater-Ensemble bei der Einstudierung der „Dreigroschenoper“ zu unterstützen. Daraus ergaben sich weitere Arbeiten. 2007 erarbeitete sie mit dem international renommierten Professor für Choreographie und zeitgenössischen Tanz Paco Macià Vicente in Murcia den „Kaukasischen Kreidekreis“. Später folgte ein neues Brecht-Programm.

Dänemark war ihr eine Art künstlerischer Wahlheimat geworden. „Ich bin Mitte der 70-er Jahre zum ersten Mal in Kopenhagen aufgetreten, und es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnerte sie in unserem Gespräch. Danach wurde sie immer wieder eingeladen, auch nach Svendborg in das Haus mit dem Strohdach, in dem Brecht zwischen 1933 und 1939 gewohnt hat. Nach einem Workshop zur Arbeit mit Brecht war die Schauspielschule von Odense auf sie zugekommen und hatte gefragt, ob sie Interesse hätte, Interpretationsunterricht zu geben. „Ich war die einzige, die mit Brecht anders umging, sehr viel körperlicher.“

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Sie war eine der bedeutendsten Brecht-Interpreten, eine Künstlerin von internationalem Format und  Theaterpädagogin. Foto: Yorck Maecke

Für Sonja Kehler, die eigentlich Romanistik in Leipzig studiert hatte und nur durch puren Zufall zum Schauspiel und zum Gesang gekommen war, hieß Theater: Bewegung, Einsatz von Stimme und Körper. Wenn sie redete, redete alles an ihr mit. Arme, Hände, Finger, Augen – ein Stuhl wurde unter ihr zur Bühne. „Ein Schauspieler muss tanzen und singen können, ein Tänzer singen und spielen“, sagte sie. Nach dem Prinzip hat sie ihre Studenten unterrichtet. „Stimme und Körper“ hieß ihr Fach, und sie hat ein Lehrbuch geschrieben, wichtig für Sänger wie Schauspieler, das 2009 in Dänemark erschienen ist.

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Sie selbst bezeichnete sich als „singende Schauspielerin“. Der Theaterkritiker und Brechtforscher Prof. Dr. Ernst Schumacher (†2012) schrieb über sie: „Man kann von ihr wirklich sagen, sie sei eine gestische Schauspielerin. Das Anziehende, das Hinreißende ihres Vortrags besteht darin, dass sie zu jedem Gedicht, das sie singend vorträgt, einen eigenen Gestus zu finden vermag… wie sie die Züge ihres Gesichts dem, was sie singt, anpasst oder widersetzt, und natürlich, wie sie die Stimme moduliert und selbst gestisch wirken lässt und wie sie das Kunststück fertigbringt, sich in kaum einer Geste zu wiederholen.“

Ihre Art der Interpretation unterschied die Kehler von der anderen großen Brecht-Interpretin, Gisela May. Als Studentin hatte sie die May in einem Brechtkonzert in Leipzig erlebt und für sich beschlossen: „Das willste nie“. Deshalb hielt sie sich von Brecht-Texten auch lange fern, ließ sich DDR-Lyrik vertonen. 1967 gewann sie beim Chanson-Wettbewerb der DDR den Sonderpreis des Rundfunks. In die „Szene geschubst“, wie sagte, hat sie 1968 der Jenaer Komponist Tilo Medek († 6.2.2006). Er hatte ihr „Meine Wunder“, acht Lieder für Schauspielerstimme und Sinfonieorchester geschrieben. Das war neues Hören. Lächelnd erinnerte sie sich: „Ich stand auf der gleichen Bühne in Leipzig wie damals Gisela May und war richtig stolz.“

Allerdings gab es bei diesem, ihrem ersten Konzert gleich einen „Skandal“. Da stritten sich Kompetenzen über die Frage: Darf man zeitgenössische E-Musik mit U-Musik kombinieren – und dann auch noch eine Schauspielerin singen lassen? Ein Streit, der heute nur noch Schmunzeln hervorruft. Sonja Kehler hatte er genutzt. Sie bekam sehr viele Angebote, so dass für die damals 35-jährige Mutter zweier Töchter keine Notwendigkeit mehr für ein festes Theaterengagement bestand, um Geld zu verdienen. Sie spielte noch als Gast an verschiedenen Bühnen in der DDR, war die She Te in Brechts „Der gute Menschen von Sezuan“, an die 200 Mal die Eliza Doolittle in „My Fair Lady“. Sie feierte Erfolge als Luise in „Kabale und Liebe“, als Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ oder als Elisabeth in „Maria Stuart“.

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Mit ihrem ersten und eigenen Brecht-Programm trat sie 1971 auf. Drei Jahre später trug sie auf dem Eisler-Kongress in Berlin Eisler- und Dessau-Lieder vor. Sie machte Tourneen durch ganz Europa, Ost wie West, und avancierte zur herausragenden Brecht-Interpretin. Sonja Kehler entwickelte nun eigene literarische Programme, immer „gierig auf das Neue“. Wozu auch die wenig bekannten und eigenwilligen Lieder von Kurt Weill gehören. Paul Dessau hatte für sie Brechts Vers „Das Pferd“ vertont. Ein frecher Text über ein Pferd, das nichts taugt und deshalb Politiker wird. Sie durfte das singen – der Text war ja von Brecht und den konnte man in der DDR schlecht verbieten. Sie sang auch unerwünschte Texte von Sarah Kirsch, Günter Kuhnert und Volker Braun. „Meine Freiheit habe ich mir nicht nehmen lassen. Ich habe weltweit über 40 Konzerte im Jahr gegeben und es genossen, fremde Menschen kennenzulernen.“

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Die Diseuse und Schauspielern in ihrem Arbeitszimmer. Foto: Yorck Maecke

Eine Merkwürdigkeit hatte sich in den 80-ern ergeben. Die Künstlerin war „in Ungnade“ gefallen, weil nach einem Konzert im Westen ein Musiker weggeblieben war, nicht in die DDR zurückkehrte. Als Verantwortliche musste sie es büßen. Reiseverbot, keine Konzert, keine Plattenaufnahmen. Dann wurden die Devisen knapp und die „Künstler-Agentur der DDR“ schickte sie zur Arbeit ins kapitalistische Ausland.

Dickköpfig reizte es die Kehler immer, ihre schauspielerischen Grenzen auszutesten. Exzellent und international hoch beachtet war ihre liebevolle Interpretation von Rosa-Luxemburg-Texten, Briefe aus dem Gefängnis, mit der sie ab 1980 in einem Ein-Personen-Stück der Mitbegründerin der KPD ein künstlerisch-literarisches Denkmal gesetzt hat. Mit dem berühmten Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, der in der DDR als Paradebeispiel für subversives Denken galt. Das Programm wurde im Ausland 150 Mal aufgeführt, aber nur ein einziges Mal in DDR. Nach einem Auftritt in Westdeutschland wurde sie mal gefragt: „Wo würde Rosa Luxemburg eigentlich heute leben wollen? In der DDR?“ Da hat sie gelacht und geantwortet: „Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, wo für sie überhaupt eine Chance wäre. Sie würde wahrscheinlich wieder erschlagen werden.“ Das hat eine Zeitung gedruckt und die Kehler hatte wieder Trouble…

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Einen Ruhestand kannte Sonja Kehler bis zum Schluss nicht. „Nicht zu arbeiten, wäre richtiger Stress für mich“, hat sie immer gesagt. Das wusste niemand besser als ihr Mann, der Regisseur Harald Quist, mit dem sie seit 1975 verheiratet war. Außerdem wollte sie noch viel geben. „Je älter man wird, desto mehr hat man in diesem Beruf einzubringen. Das nicht zu tun, wäre Verschwendung.“ Sie gab bis zum Schluss Unterricht, hat inszeniert und ist mit eigenem Repertoire aufgetreten. Zum 80. Geburtstag hatte sie noch ein großes Konzert in Dänemark und ihren 81. Geburtstag hat sie während einer mehrwöchigen Arbeit mit Studenten wie so oft en passant begangen. Unvergesslich für alle, die sie erlebt haben, bleibt Sonja Kehler bei der „Langen Hanns Eisler Nacht“ am 8. September 2012. Die alte Dame bekam spontane Ovationen für ihren herausragenden Brecht-Vortrag „Ein Pferd klagt an“.

Eine Künstlerin von internationalem Format ist gegangen. Was sie uns hinterlassen hat, sind Platten mit ihren Chansons und Interpretationen von Bert Brecht, Kurt Weill, Paul Dessau und Hanns Eisler. Eine reiche Gabe.