Zum Tod von Hilmar Thate: Zurück ins Universum

Die einen sehen ihn als aufmüpfigen LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (DDR-TV-Serie 1976), die anderen behalten ihn als „König von St. Pauli“ (ARD-TV-Serie 1997), den menschelnden Besitzer des Striptease-Lokals „Blaue Banane“ auf St. Pauli, in Erinnerung. Zwei Rollen, die Hilmar Thate populär gemacht haben – auf konträre Weise in konträren Gesellschaften. In diesen hinterließ er ebenso nachhaltige Spuren auf dem Theater: in Berlin – Ost und West –, München, Hamburg, Bochum, Wien, Basel… Wenn er auf der Bühne stand, war es wie ein Sog, mit dem er die Zuschauer schier atemlos hielt. Herausragend sein Spiel als „Richard III.“ 1972 am Deutschen Theater oder als Mephisto 1990 in der „Faust“-Inszenierung des Schillertheaters.

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Mit Hilmar Thate 2006. Foto: York Maecke

Für mich war Hilmar Thate mehr als nur der brillante Schauspieler. Er war seit 2006, als wir uns für ein Interview trafen und sofort einen Draht zueinander fanden, ein Freund und ein wundervoller Gesprächspartner. Neben dem Ernst der Sache, wenn wir diskutierten über die Belange des Lebens, Politik und was uns bewegte, beim Blick auf die Welt, haben wir viel gelacht. Schon am Mittwoch, es war der 14. September, hat Hilmar Thate dieses Leben verlassen. Er war 85 Jahre alt geworden. Zurück bleiben seine Frau Angelica Domröse sowie seine Söhne Hanno und Sebastian.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Vor dem Kino Babylon mit seiner Frau Angelica 2009 Foto: André Kowalski

Er hat dieses Leben verlassen – es so zu formulieren, ist legitim. „Unsere Existenz ist ein Kreislauf. Wir haben als kleine Elementarteilchen schon beim sogenannten Urknall existiert. Ich kann mich nicht mit der Erde zufrieden geben“, philosophierte er einmal, als er gerade Stephen Hawkins Buch „Der große Wurf. Die neue Erklärung des Universums“ las.

Ich habe ihn mal gefragt, ob der Tod ihm Angst mache, und er antworte mit Schiller: „Der Körper ist der Attentäter des Geistes.  – Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst.“

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Faksimile aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, Lübbe 2006

Es war mir unvorstellbar, dass etwas seinen regen Geist, der so tiefgründige Gedanken hervorbrachte, auslöschen könnte. Es ging ihm schon eine Weile nicht gut, wie ich von Angelica Domröse bei meinen sporadischen Anrufen erfuhr. Als wir Ende Juli telefonierten, erzählte sie: „Er geht nicht mehr ans Telefon, aber ich frage ihn, ob er dich sprechen möchte.“ Er wollte nicht. Und wir hatten oft und lange miteinander telefoniert. „Die Krankheit schlich sich langsam ein, über drei, vier Jahre“, sagte sie.

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Mit Manfred Krug 1976 in „Daniel Druskat“, Repro aus „Neulich, als ich noch Kind war“

Und so lange ist auch mein letztes Interview mit ihm her. Damals fragte ich ihn, was ihn in seinem Alter – er war gerade 80 geworden – noch vorwärts treibe. „Das Denken“, antwortete er. „Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.“

Zeit seines Lebens suchte er nach dem Sinn seines Daseins. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin, ich weiß nur, dass es anfängt und wieder aufhört irgendwann. Dazwischen passieren lustige Erlebnisse, schöne Dinge, reizvolle Zustände. Es gibt Spaß und Schmerz. Das, was man Leben nennt.“ Er wollte nie lebend ein Elend ertragen und musste doch machtlos hinnehmen, dass ihn sein Körper verriet. Dass das Denken aufhörte. Angelica Domröse, mit der er 40 Jahre die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens durchmaß, beschützte ihn, schirmte ihn ab. Sie brachte soviel Kraft auf, wie sie nur konnte, für ein würdiges Dasein in den letzten Monaten.

img_3690Beide hatten 1980 die DDR verlassen. Nicht freiwillig. Nach der Unterzeichnung der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 gerieten sie in Konflikte mit dem Staat. Man drängte sie, die Unterschrift zurückzunehmen. Sie taten es nicht. „Wir wurden unserer Existenzgrundlage beraubt, ich bekam keine Rollen mehr. Aber ich bereue meine Unterschrift im Nachhinein nicht eine Sekunde“, stand Hilmar Thate zu der Entscheidung. Es war nicht wegen Biermann, sondern ihr Protest gegen die ideologische Gängelung der Kunst. Hilmar wurde erlaubt, in Basel zu spielen. 1978 am Theatre Nanterrre. Nach der Rückkehr wurde es immer schwieriger für beide Spitzenschauspieler. Ein Angebot vom Schiller-Theater ließ den Gedanken ans Weggehen aufkeimen.

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Als George mit Ehefrau Angelica Domröse in der Titelrolle „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Foto: Anneliese Heuer (Repro)

Eine Zerreißsituation, in der sie Rat bei einem guten Freund, dem Schriftsteller Stefan Heym, suchten. „Tut es, ihr gehört auf die Bühne, das ist hier nicht möglich“, riet er ihnen. Hilmar Thate schrieb einen Brief an des Politbüro der SED. „Auf jeden Satz kam es da an. Als ich ihn zur Poststelle des ZK am Hausvogteiplatz brachte, plagte mich eine Beklemmung“, erinnerte er sich, als wir über diese Zeit und ihren Ausreise sprachen. Aber das Angebot, in der DDR wohnen bleiben und dauerhaft im Westen arbeiten, lehnte Hilmar Thate aus moralischen Gründen ab. „Ich komme vom Dorf, mein Vater war Schlosser, ich wollte kein Privilegierter sein.“
1980 siedelten sie nach Westberlin über. „Es gibt keine  Rückkehr für euch“, gab ihnen DDR-ChefideologeKurt Hager persönlich mit auf den Weg. „Die Riege der alten Männer an der Spitze der DDR hat mit ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit das Land ruiniert“, war Hilmar Thate überzeugt.

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Der zehnjährige Hilmar

Ein neuer Anfang in einer Welt des Kapitalismus, die eigentlich nicht ihre war. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in Peter Zadeks Inszenierung „Jeder stirbt für sich allein“ und zusammen mit Angelica im Schlosspark-Theater als George in Edward Albees († 16.9.2016) Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Sie bauten sich ein neues Leben auf.

Thate hatte über 30 DEFA- und Fernsehfilme in der DDR gedreht, parallel zu seiner Theaterarbeit. 1954 holte Wolfgang Staudte den  Schauspieldebütanten vom Cottbuser Theater vor die Kamera für seinen Film „Einmal ist keinmal“. 1958 gelang dem Jungschauspieler, von Helene Weigel ans Berliner Ensemble engagiert zu werden, das er bis 1970 mitgeprägt hat. „Wir traten wie Weltklasseleute auf – und vielleicht waren wir es auch dann und wann“, resümierte er die Zeit und das Theater. Für seine Darstellung des Daniel Druskat bekam er den Nationalpreis der DDR und hat ihn nicht zurückgegeben nach der Wende. Die das taten, waren für ihn Opportunisten. Er hat seine kritische Sicht auf die Gesellschaft auch im Westen behalten und dies auch in seinen Rollen spüren lassen. Er arbeitete unter der Regie von Peter Zadek, Ingmar Bergman und George Tabori, stand für Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Dieter Wedel vor der Kamera. Hilmar Thate war ein leidenschaftlicher Schauspieler, kraftvoll, hochsensibel. „Immer wieder stehe ich vor jeder neuen Rolle wie der Ochs vorm neuen Tor“, beschrieb er seine Arbeit. Er selbst zählte zu seinen schönsten Arbeiten die Rolle des Sportreporters Robert Krohn in Rainer Werner Fassbinders Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ an der Seite von Rosel Zech, mit der ihn bis zu ihrem Tod 2011 eine enge Freundschaft verband.

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Als Herodot 1949 am Theater Cottbus

Für den Film „Hitlerkantate“ stand Hilmar Thate 2004 das letzte Mal vor der Kamera. Er mochte nicht mehr spielen, was ihm angeboten wurde. Seine unablässige Lust, vor Publikum zu spielen, erfüllte er sich mit Soloauftritten, in denen er Lieder und Texte von Brecht und Weill vortrug oder mit Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“. Der Dorfjunge, der immer wissen wollte, wie die Welt weitergeht hinter dem Ende von Dölau, hat seine Sehnsucht stillen können. Ob er den Sinn seines Daseins gefunden hat? Jetzt am Ende, wo es aufgehört hat? Als „Sternenasche“, wie er es formulierte, kehrt er zurück in den Kreislauf des Universums.

Mehr über den Schauspieler in dem Beitrag Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche 

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