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Walter Beck – Ein Leben zwischen Märchen und Wirklichkeit (1)

Ursprünglich wollte ich ein Porträt über Walter Beck noch zu seinen Lebzeiten schreiben. Nach meinem Sommerurlaub sollte ich zu ihm nach Blankenfelde kommen. So hatten wir es verabredet, als wir im vergangenen Jahr am 24. Mai miteinander telefonierten. Nun wird daraus eine Hommage postum. Am 23. Juni 2024 ist der Regisseur beliebter Märchenfilme wie „König Drosselbart“, Dornröschen“ , „Froschkönig“ oder „Der Bärenhäuter“ verstorben. Knapp drei Monate vor seinem 95. Geburtstag am 19. September. Es ginge ihm nicht so gut, antwortete er damals auf meine Nachfrage. Er klang dennoch munter. „Das ist reine Täuschung“, lachte er. Wir sinnierten darüber, ob es in so hohem Alter nicht ratsam sei, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nein, fremde Leute in seinem Haus, die in seinen Tagesablauf eingreifen, das könne er nicht ertragen. Ich erzählte ihm von meiner Mutter, die sich fast hundertjährig noch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, sich „kontrollieren“ zu lassen, wie sie es ausdrückte. „Ja, das verstehe ich“, sagte er. „Wer sein Leben lang eigenständig gewesen ist, will das auch im Alter nicht aufgeben. Und wenn es nicht mehr geht, dann ist eben Schluss.“ Das dies nur vier Wochen nach unserem Telefonat passieren würde, darauf war ich nicht gefasst. Im Gegenteil. Wir freuten uns darauf, nach so langer Telefonbekanntschaft einander persönlich kennenzulernen.

Walter Beck im Jahr 2000 vor dem Mont Blanc. Das Foto nahm seine Frau Inge auf. Mit ihrem Lada und einem Campinganhänger bereisten sie nach der Wende Frankreich und die Schweiz Quelle: „Mär und mehr“, © Privatarchiv Walter Beck

Es war sein ausdrücklicher Wunsch an seine Familie, Stillschweigen über seinen Tod zu bewahren. So erfuhr auch ich erst Monate später, warum ich ihn nach meiner Rückkehr nicht erreicht habe. Ich kann seinen Wunsch verstehen. Die bundesdeutsche Filmbranche wollte nach der Wende von ihm nichts wissen, hat sich nicht für seine Lebensleistung interessiert, nicht dafür, was er an Erfahrungen und Ideen in die nun gemeinsame Kinder- und Märchenfilm-Produktion einzubringen vermocht hätte. Was sollte ihm da eine scheinbare Anteilnahme nach seinem Tod? Sofern sein Ableben überhaupt wahrgenommen würde. Doch es gibt Menschen, die ihn und vor allem das, womit er gewirkt hat, schätzen. Seine Filme begegnen uns noch immer auf dem Bildschirm, sei es zu Weihnachten, Ostern oder Pfingsten. Da mutieren wir älteren Zuschauer zu Wiederholungstätern, unsere Kinder und Enkel werden zu Entdeckern. Es ist schon, so wie er sagte: „Wer Filme für Kinder macht, hinterlässt ein lebendiges Erbe. Da verschwindet kaum etwas im Archiv, denn alle drei, vier Jahre sitzt ein neues Publikum vor den Bildschirmen.“ Leider muss man heute so gut gemachte, anspruchsvolle Filme mit echten Geschichten, wie sie Walter Beck und andere DEFA-Kinderfilmregisseure auf die Leinwand brachten, mit der Lupe in den Kinderprogrammen suchen.

Regisseur Walter Beck mit dem 12jährigen Rainer Haupt als Jampoll 1968 bei den Dreharbeiten zu „Käuzchenkuhle“ © DEFA-Stiftung/Dieter Lück, Jörg Erkens, Klaus Mühlstein

Der Anlass für unsere Bekanntschaft war sein Film Käuzchenkuhle“, zu dem ich für einen Artikel im Januar 2016 recherchiert habe. Die Handlung spielt 1968 in der DDR. Das Drehbuch schrieben Walter Beck und Günter Kaltofen nach dem gleichnamigen Jugendroman von Horst Beseler. Das 1965 erschienene Buch ist damals schnell populär und als Schullektüre in den Lehrplan der DDR-Schulen aufgenommen worden. Es gilt heute als ein herausragendes Werk der DDR-Kinder- und Jugendliteratur.

Die vier Freunde Kristian (Peter Brock), Schraube (Jürgen Schoberth), Linde (Annette Böttche) und Jampoll (Rainer Haupt) beobachten den verdächtigen Kohlweis am Mummelsee © DEFA-Stiftung/Jörg Erkens, Dieter Lück, Klaus Mühlstein

In seinem Tenor weicht der Film vom Roman ab. Dessen Vergangenheitsbewältigung erschien Walter Beck in der „Summe allzu bedrückend“. In seinem Film mochte er dieses deprimierende Element nicht an junge Zuschauer weiterreichen.Zum Nachdenken über die Wirkungen der Vergangenheit für die Gegenwart mag ich sie ermuntern. Quälerische Seelen mag ich ihnen ersparen. Sie sollen die Gefühle des Großvaters verstehen, nicht erleiden. Die Vergangenheit soll als wichtig für die Gegenwart erkannt werden. Nicht aber soll das Vergangene das Gegenwärtige dominieren,“ schreibt er in einem Text für sein arbeitsbiografisches Kaleidoskop Mär und mehr“, den er mir damals für meinen Artikel zur Verfügung gestellt hatte.

Manfred Krug in der Rolle des verschmitzten, dennoch umsichtigen Kriminalhauptmanns gewinnt schnell das Vertrauen Jampolls © DEFA-Stiftung/Jörg Erkens, Dieter Lück, Klaus Mühlstein

Ich habe mir den Film noch einmal angesehen. Es ist ein spannender und unterhaltsamer Kinderfilm, der einen bewegenden Konflikt mit einem außergewöhnlichen Kriminalgeschehen verbindet und dabei die Leichtigkeit eines Ferienfilms hat. Ich stimme da voll mit Dieter Wien überein, der den janusköpfigen Kohlweis spielt, und als solcher die Kriminalgeschichte auslöst. Er vermittelte mir damals den Kontakt zu Walter Beck. Nicht Dramatik und Aktion schlechthin halten die Spannung, sondern die Verhaltensweisen, der Kinder. Ihr Tun in einer außergewöhnlichen Lage hat der Regisseur ins Zentrum rückt. Für das junge Publikum wird miterlebbar, was warum geschieht. Es kann mitdenken, seine Schlüsse selber ziehen. Was der Regisseur übrigens in jedem seiner Filme angestrebt hat. Mit vielfältigen heiteren Elementen konterkarierte er den dunklen Tenor des Kriminalfalls. Es sollte ja auch ein fröhlicher Ferienfilm sein. Walter Beck gewann neben Dieter Wien weitere erstklassige Schauspieler für die Besetzung: Walter Flörchinger als Großvater, Manfred Krug als legeren Kriminalhauptmann. Ein Bonmot ist die „Piepsrolle“ von Vera Oelschlägel als Bahnhofsvorsteherin mit Nickelbrille, Rattenschwänzen und Sommersprossen, die sie sich selbst zugelegt hat. Der Regenschirm, den ihr der Regisseur – entgegen der Dienstvorschrift der Deutschen Reichsbahn – noch in die Hand gedrückt hat, tut sein Übriges. Der Spaß der Schauspielerin an der Rolle schlägt durch, am Anfang wie am Ende.

In seinem Begleitbrief vom 10. April 2016 schrieb mir Walter Beck: „Wenn das Buch, von dem ich Ihnen erzählt habe, fertig ist, möchten Sie es lesen. Ich auch. Es wird nämlich zu meinen Lebzeiten nicht fertig. Das denke ich schon lange, und immer mehr mache ich mich mit dieser Vorstellung vertraut. Ich bin jetzt gerade im Jahre 1962 der Geschichte des DEFA-Spielfilms für Kinder. Man könnte also meinen, es sei ein Drittel der Arbeit geschafft. Aber da lauern noch viele Überraschungen. Es soll ja ein Buch werden mit belegten Fakten. Das scheint mir notwendig, weil heutzutage über die DDR viel Unsinn geplappert wird.“ Er hat das Manuskript seines arbeitsbiografischen Kaleidoskops Mär und mehr“ vollendet. Im August 2024 bekam ich von der DEFA-Stiftung dankenswerter Weise zur Vorbereitung auf mein geplantes Porträt eine Kopie, auf die ich mich im Folgenden, meine Gespräche mit Walter Beck ergänzend, gestützt habe.

Wohin soll denn die Reise geh’n …

Ich habe Walter Beck nie getroffen. Wir konnten uns aber durch unsere Telefonate, die oft in meinen Fragen zu seinen Filmen ihren Anfang nahmen und dann ins Persönliche hinüberglitten, und unseren kleinen Briefwechseln ganz gut kennenlernen. Im Laufe dessen habe ich viel über seine Auffassung von Filmen für Kinder erfahren. Kinder seien ein höchst aufgeschlossenes und erlebnishungriges Publikum und dem Film, seit es ihn gibt, in besonderer Weise zugetan. Das habe er sehr früh schon erkannt. Er erzählte, wie er 1952 als Regie-Assistent mit dem gerade mal fünf Jahre älteren Regisseur Herbert Ballmann die dokumentarische Filmerzählung Blaue Wimpel im Sommerwind“ über aufregende Ferienwochen Junger Pioniere drehte. Der Film spiegelt ein frohes, interessantes Pionierleben und die Verbundenheit der Heranwachsenden mit ihrem Land, der DDR. Er endet mit einem Bericht über das I. Pioniertreffen im August desselben Jahres in Dresden.

Szene auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“ aus dem DEFA-Dokumentarfilm „Blaue Wimpel im Sommerwind“, bei dem Walter Beck 1952 als Regie-Assistent seine ersten Erfahrungen mit Kindern vor der Kamera machte Quelle: Youtube © DEFA-Stiftung/ Götz Neumann

Es war nicht zu überhören, mit wieviel Freude sich Walter Beck an diese Dreharbeiten erinnert. „Ich bin bei den Aufnahmen im Norden und Süden der Republik herumgekommen. Wir fuhren mit dem Segelschulschiff von Rostock auf die Ostsee hinaus. Viele wurden seekrank. Es gibt von mir ein Foto, wie ich über der Reling hänge“, lachte er. Kameramann Götz Neumann hielt sich wie ein echter Seemann, kroch bei kräftiger Brise auf das Bugspriet, in die Toppen und filmte, was ihm vor die Linse kam. Es entstanden atemberaubende Aufnahmen.

Die Suche nach einem Wimpel in den Felsen des Elbsandsteingebirges erfordert Geschicklichkeit und Mut Quelle: Youtube © DEFA-Stiftung/Götz Neumann

In der Sächsischen Schweiz kletterten die DEFA-Filmleute mit den Kindern durch die Felsen im Elbsandsteingebirge, paddelten mit jungen Naturforschern auf der Havel und beobachteten mit ihnen Seeadler, Käuze und anderes Getier. Ein bisschen verspürte der damals 22jährige Regie-Assistent Walter Beck die Abenteuerlust des Entdeckers aus seinen Kindertagen in sich. Die Eltern hatten mit ihm ausgedehnten Radtouren entlang des Rheins und des Neckars unternommen. Später folgten Urlaube mit dem Faltboot. „Wir verbrachten viel Freizeit auf den Flüssen und den umliegenden Altgewässern.“ Als die Familie 1937 Mannheim verließ und nach Berlin-Reinickendorf umzog, führten ihn die familiären Ausflüge und Urlaube vom Tegeler See in die Gewässer rund um Berlin, in den Spreewald, über die Oder bis hin zur Mecklenburgischen Seeplatte und der Elbe. „Gegen ein Entgelt von 50 Pfennig konnte man dazumal ein Jahr lang überall an den Ufern sein Zelt aufschlagen, wo das Schild „Zeltplatz“ angenagelt war. An Toiletten, geschweige denn Duschen, war gar nicht zu denken“, so erzählte er mir. Ich kenne das von meinen Paddeltouren. Man wäscht sich und sein Geschirr im See, und wenn es pressiert, verkrümelt man sich irgendwo ins Gebüsch. Allerdings ist Zelten heute nicht mehr überall erlaubt. Zum Schutz der Natur.

Aufmerksam beobachtet der junge Naturforscher Lothar, wie eine Vogelmutter ihr Junges füttert Quelle: Youtube © DEFA-Stiftung/Götz Neumann

„Blaue Wimpel im Sommerwind“ war Walter Becks erster Kontakt zum Film mit Kindern, und er entdeckte bei sich, welche besondere Freude ihm diese Arbeit macht. „Während der Drehzeit habe ich viel gesehen, viel gelernt, und vor allem kamen wir mit vielen Kindern zusammen. Mir fiel auf, wie spielfreudig und unbekümmert sie sich in den kleinen Episoden vor der Kamera bewegten. Das hatte schon schauspielerische Elemente, obwohl sie nur sich selbst spielten.“

Mag der Unterbildkommentar auf uns auch pathetisch wirken, so liegt das am Duktus jener Zeit. Es kommt uns nicht zu, dies mit unserem heutigen Draufblick zu bemängeln, gar zu kritisieren. „Die Sprache damals war eine andere, gediegen, ausgefeilt, hochdeutsch, wo heute schlimmerweise Alltagssprache, Slang, Einzug gehalten hat“, bemerkte Walter Beck dazu. Der Gewinn dieses Dokumentarfilms, finde ich, sind die poesievollen Bildern von Landschaft und Natur, die fröhlichen Gesichter der Kinder, die Kameramann Götz Neumann eingefangen hat, und ihre lebhaften Erzählungen. Ich sage es jetzt auch mal pathetisch: Sie verkörperten die lichte Zukunft eines Landes, das es nicht mehr gibt. Und heute erscheint uns die Zukunft kaum licht.

Ein Junge aus der Kurpfalz

Dass er sich einmal als Regisseur in einem Filmbetrieb wiederfinden würde, und mit großem Enthusiasmus, experimentierfreudig und unermüdlich Filme für ein junges Publikum schafft, war nicht sein ursprünglicher Lebensplan. Zur Welt kam Walter Beck am 19. September 1929 in Mannheim. Die Mutter war Schneiderin, der Vater Schlosser im Straßenbahn-Depot. Im Abendstudium bildete er sich zum Elektro-Ingenieur weiter. Seine Leidenschaft für alles, was mit Technik zu tun hat, übertrug sich auf seinen Sohn. Er wollte alles lernen, was der Vater konnte, wie er Elektro-Ingenieur werden. In diesem Beruf vereinten sich die Neigungen und Talente des Jungen, der ein ausgeprägtes Verständnis für Mathematik und Physik hatte, sich in Abstraktes hineindenken konnte. In der bescheidenen Werkstatt, die sein Vater im Keller hatte, lernte er so nützliche Fähigkeiten wie tischlern, löten, schlossern, den Umgang mit Schaltern, Relais, Transformatoren, Gleichrichtern sowie allerhand Werkzeug und Technik. Sie bauten einen Transistor, machten mit den selbstgebauten Fernrohren des Vaters Exkursionen in die Sternenwelt. Die handwerklichen Fähigkeiten haben Walter Beck in vielen Lebenslagen geholfen, wenn es zum Beispiel etwas zu reparieren gab oder im Garten gebaut werden sollte. Auch bei der Filmarbeit, wenn er Aufnahmeverfahren ausprobierte. Über seinen Garten hat er gern gesprochen. Hier hat er sich in Bewegung gehalten, gepflanzt und gebuddelt, wie es das Wetter zuließ. „Mit 94 geht das alles etwas langsamer, ist mühsamer“, sagte er bei unserem letzten Gespräch.

In Mannheim bewohnte die Familie eine Mansardenwohnung in einem gutbürgerlichen Haus im Stadtteil Lindenhof, nahe dem Rhein. So manches aus seinen sieben hier verbrachten Kinderjahren hat Walter Beck zeitlebens begleitet und – wie er rückblickend konstatierte – seine späteren Lebensabschnitte mehr bestimmt, als er es wahrnahm. Er beschrieb für mich den Hof hinter den Häuserblocks, auf dem er mit anderen Kindern gespielt hat, langgestreckt und begrünt. „Wir hatten auch zwei jüdische Spielkameraden, Ada und Kostek, die im selben Haus wie ich wohnten. Zwei liebenswürdige Kinder“, erinnerte er sich. Was aus seinen beiden Hoffreunden geworden ist, hat er nie erfahren. Ein Foto ist ihm von den beiden geblieben. Wegen des kürzeren Arbeitsweges für seinen Vater zog die Familie im Sommer 1936 nach Neckarau, noch bevor die landesweite Ächtung und Verfolgung der Juden auch das Haus Nr. 16 in der Mannheimer Haardtstraße erreichte.

Ostern 1936 kam Walter Beck noch in Mannheim zur Schule. Seinen Klassenkameraden hatte er voraus, schon rechnen und lesen zu können. Von klein an interessierte er sich für Zahlen und Buchstaben. Der Vater brachte von der Arbeit alte Abreißkalender mit nach Hause, klebte die Blätter mit den Ziffern auf Karton und schon war ein Kartenspiel fertig. Im Nu prägte sich der Dreikäsehoch die Zahlen ein und fand alsbald heraus, dass man sie auch zusammenzählen oder voneinander abziehen konnte. Ähnlich funktionierte das mit dem Lesen. Kaum wusste er, wie die Buchstaben heißen, begann er – wo immer er Wörter sah – sie laut zu lesen. Sein Lehrer in der ersten Klasse erkannte schnell, dass der Unterricht den Sechsjährigen unterforderte, und wollte ihn in die zweite Klasse vorversetzen lassen. Der erwähnte Umzug nach Neckarau verhinderte das. Ein weiterer Anlauf in der neuen Schule schlug aus dem gleichen Grund fehl. Der Vater hatte im Dezember 1936 eine Anstellung als Konstrukteur bei der Firma Siemens-Schuckert in Berlin angenommen, und sie zogen wieder um.

Von Neckarau ist Walter Beck das kleine Kino im Gedächtnis geblieben, das sich gegenüber ihrem Wohnhaus befand. Wann immer er neben der Schule Zeit fand, saß er in dem schmalen Zuschauerraum, lachte über Charlie Chaplin, Pat und Patachon und mochte vor allem die Filme mit Shirley Temple. Amerikas berühmtester Kinderstar war nur wenig älter als sein Bewunderer im Mannheimer Vorort Neckarau, der vielleicht sogar ein bisschen verliebt war in das niedliche Mädchen. So könnte man seine Hervorhebung deuten. Und dann gab es einmal eine Woche lang ein Gratis-Programm der Firma Sunlicht. Das blieb in seinem Unterbewusstsein. In einem längeren Werbefilm wurde die Herstellung von Seifen und Waschpulver erklärt. Fasziniert von den Trickszenen ging er jeden Tag in die Vorstellungen. Bald kannte er die Szenenfolgen auswendig und wusste, wie irgendwelche Enzyme – kleine Figuren mit Besen – den Schmutz aus den Fasern „kehren“. Die Idee, statt Elektro-Ingenieur mal Filmemacher zu werden, kam ihm nicht. Ob das ein Mosaiksteinchen auf dem Weg in Richtung Regie war? Er glaubte, nicht. An seinem Vorhaben, Elektro-Ingenieur zu werden, konnte damals nichts rütteln.

Neue Heimat Berlin

1937 verließ die Familie Mannheim in Richtung Berlin. Für Walter Beck und seine Mutter gab es einen Zwischenstopp bei seinem Onkel in Torgau, bis der Vater ein paar Monate später in Moabit eine Wohnung gefunden hatte. Die war nicht schön und zu teuer. Sie zogen ziemlich bald nach Berlin-Reinickendorf um. Der Zweitklässler kam in die 5. Volksschule und brachte sich erneut als „besonders leistungsfähig“ ins Gespräch. Auf seinem Zeugnis vom März 1938 steht der Vermerk, dass er „von der 7. in die 5. Klasse vorversetzt“ wird. Die Schuljahre wurden damals andersherum gezählt.

Walter Beck besuchte die Humboldt-Oberrealschule in Tegel von 1939 bis 1941. Die Schule wurde 1903 als Realschule gegründet und schrittweise zum Gymnasium ausgebaut Quelle: tegelportal.de © Geschichtsforum Tegel

Walter Beck übersprang das dritte Schuljahr und wurde im August 1939 in die 5. Klasse – heute die 4. Klasse – an der Humboldt-Oberrealschule versetzt. Er fand, dass das schon ein Grund war, stolz zu sein. Er musste sich später aber eingestehen, dass es ihm der Lehrstoff nicht mehr einfach so zuflog. Es brauchte schon gezieltes und intensives Lernen, um das Schulpensum erfolgreich zu bewältigen. Neu war für ihn das Fach Kunst. In seinem Elternhaus spielte diese Form der Betrachtung der Welt keine Rolle. Einen Hauch davon, was Kunst ist, verschaffte ihm sein Onkel Paul. Er besuchte mit seinem Neffen die Mannheimer Kunsthalle. Die wundersame Welt ließ den Fünfjährigen für den Moment staunen und verflüchtigte sich. Sein Klassenlehrer an der Tegeler Schule führte die Schüler spielerisch an das große Thema. Sie erarbeiteten nach Daniel Defoes Abenteuergeschichte „Robinson Crusoe“ ein Theaterstück, das sie mit selbst gebauten Marionetten aufführten. Walter begleitete das Spiel mit seinem Akkordeon, hätte aber viel lieber mit den Marionetten agiert. Diese Theateraufführung blieb nachhaltig in seiner Erinnerung. Dennoch nahm er sie nicht als Zeichen für seine berufliche Zukunft wahr. Denn die hieß für ihn immer noch Elektro-Ingenieur.

Es ist das Jahr des Kriegsbeginns. In der Nacht des 31. August 1939 fingierten SS-Leute einen polnischen Anschlag auf die deutsche Radio-Station bei Gleiwitz. Ein perfides Manöver, mit dem die Hitler-Regierung vor der Welt seinen Überfall auf Polen am 1. September 1939 rechtfertigte, und das deutsche Volk auf den lange vorbereiteten „totalen Krieg“ einschwor. Walter Beck und seinen Mitschüler erschien die Inszenierung glaubhaft – wie den meisten Deutschen. Man hatte eine wirkungsvolle psychologische Kriegsvorbereitung betrieben. Unbeabsichtigt gegenteilig aufklärend wirkte auf ihn ein Dokumentarfilm, der das völlig zerstörte Warschau zeigte. Walter Becks Vater hatte darauf bestanden, dass sie sich diesen Film gemeinsam ansehen. Vor den Augen des Zehnjährigen fügten sich die Bilder zu einem nicht endenden Trümmerfeld. Der Begriff Krieg, für den er von seinem Vater als Sechsjähriger einmal eine Erklärung eingefordert hatte, die ihm in vielem unverständlich war, offenbarte sich hier als etwas Bestürzendes, etwas Schreckliches. Dem war nichts Triumphales, nichts Heldenhaftes abzugewinnen, wie es der Kommentator zu suggerieren suchte. Wie tief der Krieg und seine Folgen in das Leben des Jungen eingreifen würde, konnte er nicht ahnen.

Ferien auf dem Zeltplatz Baumwerder am Tegeler See im Kriegssommer 1940 Quelle: Screenshot aus „Mär und mehr“ © Privatarchiv Walter Beck

Die Kriegsjahre wurden für Walter Beck zu einer „Odyssee“. Viermal musste er die sogenannte Kinderlandverschickung über sich ergehen lassen, war monatelang von zu Hause fort. Zunächst touchierte der Krieg sein Leben nur. Im September 1939 gab es zweimal Luftalarm, einmal im Oktober. In der Schule war der Krieg unfreiwilliger Lehrer im Geographieunterricht. Auf der Landkarte werden Städte erobert, Flüsse überschritten. Namen prägen sich dem kindlichen Gehirn ein und werden nicht vergessen: Lublin, Lemberg, Narvik, Cherbourgh, El Alamein, später Minsk, Welikie Luki, Dnepropetrowsk, Sewastopol… Das deutsche Kapital hatte seine Gladiatoren in den Kampf um die Weltherrschaft geschickt. Das blieb nicht unbeantwortet. Im Juli 1940 fielen in Kreuzberg die ersten Bomben auf Berlin. Der Tegeler Forst und der See mit seinen Inseln blieb noch verschont. Auf dem Zeltplatz Baumwerder machte Walter Beck noch einmal Ferien mit seinen Eltern.

Unfreiwillige Reisen

Ansichten des Dorfes Stara-Skiba, in das Walter Beck im September 1940 für drei Monate verschickt wurde Quelle: Google/polska-org.pl

Als sich die Luftalarme häuften, auch andere Stadtteile betroffen waren, wurden die Kinder aufs Land „verschickt“. Drei Monate verbrachte Walter Beck 1940 bei einer Bauernfamilie im niederschlesischen Alt-Scheibe, polnisch Stara-Skiba. Das war eine Welt, die er nicht kannte. Er erlebte, wie schwer sich Mann, Frau und Kinder mit einem Pferd und sechs Kühen im Stall tagtäglich mühen mussten. In dieser Hinsicht war der Aufenthalt für ihn ein Erkenntnisgewinn. Aber das Dorf hatte nur eine kleine Grundschule, die Mittelschule in Friedeberg war nur umständlich mit der Eisenbahn zu erreichen. Zum ersten Mal verließ den lernbegierigen Jungen die Lust auf Schule. Es hielt ihn auch niemand zum Lernen an. Stattdessen erkundete er mit seinem neuen Fotoapparat, einer schlichten Box, die ihm der Vater zum 11. Geburtstag in die „Verbannung“ geschickt hatte, lieber Wald und Flur.

Das Dorf Wilczkowice 2021. Am Horizont ist der See zu erkennen, davor lag der Park mit der Heilanstalt Quelle: Screenshot „Najpiękniejsza Małopolska Wieś 2021“ © Gmina Brzeszce

Im Dezember 1940 kam er zurück nach Berlin. Kaum hatte er sich an einen halbwegs normalen Schulalltag gewöhnt, hieß es wieder unfreiwillig auf Reisen gehen. Diesmal für die lange Zeit von einem Dreivierteljahr. Im Januar 1941 wurde er mit vielen seiner Mitschüler nach Marschallsfelde „ausgesiedelt“. Zwar waren einige Lehrer seiner Schule dabei, aber nicht unbedingt die beliebtesten, wie sich Walter Beck erinnerte. Um das Schullager wurde eine Bannmeile gezogen, die die Kinder nicht überschreiten durften, Kontakt zur Dorfbevölkerung war ihnen verboten. Im Frühjahr wurden sie nach Wilczkowice verlegt. Bis 1945 hieß das Dorf Wolfskirch. Hier waren sie in den Häusern einer leergeräumten Heilanstalt untergebracht. „Wohin die Insassen gekommen sind, lässt sich leicht mutmaßen. Über ihren Verbleib machten wir uns keine Gedanken“, zog Walter Beck in seinen Erinnerungen den Bogen ins Heute. Die Kinder genossen die vielfältigen Spielmöglichkeiten, die ihnen der Park und die Umgebung mit dem nahen See boten. Trotz alledem sehnte sich der Elfjährige nach Hause. Ihm fehlten seine Eltern, die gemeinsamen Ausflüge, ihm fehlte es, mit dem Vater zu reden, mit ihm in der Werkstatt zu sein. Ende August ging es endlich zurück nach Berlin.

Das Foto zeigt den Eingang des ehemaligen Eosander-Gymnasiums im April 1955. Es wurde nach der Gründung der DDR 1949 nach dem ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck benannt. Quelle: Wikipedia © Bundesarchiv/Zentralbild Funck Hein-Schä

So konnte er seinen Geburtstag dieses Mal zu Hause feiern. Die Eltern waren inzwischen nach Pankow umgezogen. Zu seiner großen Überraschung hatte er in der neuen Wohnung ein eigenes Zimmer. Was ihm nicht gefiel, war der erneute Schulwechsel. Das Eosander-von-Göte-Realgymnasium in der Kissingenstraße 12. war jedoch so schlecht nicht. Er brauchte nur acht Minuten zu Fuß von seinem neuen Zuhause in der Laudaer Straße. Die Schule – heute das Rosa-Luxemburg-Gymnasium – wurde 1907 eröffnet und war bis Kriegsende ausschließlich für begabte Knaben ab der 5. Klasse bestimmt. Walter Beck besuchte mittlerweile die sechste Klasse und hatte seine Freude an den Herausforderungen. Besonders Physik und Mathematik lagen ihm. Trotz fortwährender Fliegeralarme und Bombenangriffe wurde in der Schule ein straffer Unterricht abgehalten.

Im Sommer 1942 flogen die sowjetische Luftwaffe und die Royal Air Force schwere Bombenangriffe auf Berlin. Für Tausende Berliner Kinder hieß es wieder Kofferpacken und Abschied von den Eltern nehmen. „Wir wurden diesmal nach Ahlbeck gebracht. Zum ersten Mal sah ich die Ostsee“, erzählte Walter Beck. Es war eine aufregende Reise mit einem umfunktionierten Ausflugsdampfer, die zwei Tage dauerte. Für Walter Beck und die anderen Kinder war es ein Abenteuer, das sie zur Ostsee brachte. Meer, Ostsee – das klang in den Ohren des Jungen nach ein paar Wochen spannender Erlebnisse. Schließlich war Ferienzeit, der Krieg weit fort.

Das Schiffshebewerk Niederfinow wurde im März 1934 in Betrieb genommen. Hier fährt ein Frachtkahn von Berlin über den Oder-Havel-Kanal kommend in den oberen Hebetrog ein. Im Hintergrund ist die 36 Meter tiefer liegende Oder zu erkennen. Quelle: Ansichtskarte © Georg Neumann/Neumann Verlag Eberswalde

Fasziniert erlebte er, wie ihr Schiff über eine Schleuse vom Oder-Havel-Kanal in die 36 Meter tiefer gelegene Oder gehoben wurde. Ein Hotelzimmer mit Meerblick entschädigte ihn etwas für die Trennung von zu Hause. Satt hatte er bald die geräucherten Flundern, die es jeden Tag zum Abendessen gab. Aber was ist das alles gegen die Ostsee! Der Zwölfjährigen genoss das Schwimmen im Meer. Als er im September nach Hause kam, konnte er seinem Vater stolz sein Fahrtenschwimmer-Zeugnis präsentieren. Ein eigenes Faltboot mit einem kleinen Segel sollte die Belohnung dafür sein. Das hatte ihm der Vater kurz vor dem Krieg versprochen. Doch der Krieg verhinderte, dass er sein Versprechen wahrmachen konnte. Es gab keine Faltboote mehr zu kaufen. Und als endlich Frieden war, gab es den Vater nicht mehr.

Nach seiner Rückkehr im September 1942 war Walter Beck nun ein ganzes Jahr zu Hause bei den Eltern, musste nicht die Schule oder die Klasse wechseln. Sein größter Wunsch hieß, nicht mehr „verschickt“ werden. Auch wenn er viele Nächte im Luftschutzkeller verbringen musste. Er hat nie die angstvollen Minuten vergessen, wenn in dem kleinen, mit einem Holzpfosten abgestützten Raum das Pfeifen der Bomben zu vernehmen war. Andererseits war es auch eine Beruhigung, wenn man eine Bombe pfeifen hörte. Dank seiner Physikkenntnisse wusste der Dreizehnjährige, die fällt nicht aufs Haus. Auf der Rückseite der Möbel hatte der Vater vorsichtshalber Klebezettel mit Namen und Adresse angebracht. So wusste man wenigstens, wem sie gehören, sollte doch einmal eine Bombe das Haus treffen. Es war ein glücklicher Zufall, dass dies bis Kriegsende nicht passierte.

Seine Hoffnung, nicht mehr verschickt zu werden, zerschlug sich 1943. Alle Schulen in Berlin wurden wegen der massiven Luftangriffe der Alliierten geschlossen. Gesetzlich wurde bestimmt, sie in Gänze zu evakuieren. Alle Klassen der Eosander-Schule Pankow mussten samt ihrer Lehrer nach Zakopane, in die Tatra. Vor der faschistischen Besetzung ein namhafter Wintersport- und Kurort. Wie sich Walter Beck noch erinnerte, war davon nichts mehr zu spüren.

In den einstigen Ferienpensionen waren nun „verschickte“ Kinder untergebracht, in einigen hatte man verwundete Soldaten einquartiert. „Die polnische Bevölkerung war uns alles andere wohlgesonnen. Wenn wir für unser Lager Kartoffeln oder Kohle mit den Panjewagen vom Bahnhof holten, warteten hinter den Büschen schon Einheimische mit Eimern und Körben. Der Kutscher verlor plötzlich die Rückwand des Wagens und eine Lawine Kartoffeln rollte auf die Straße. Damals hatte ich kein Verständnis, geschweige denn die Vorstellung, dass mich der Hunger in der Nachkriegszeit zu ähnlichem Verhalten bringt“, erzählte mir Walter Beck. Er wurde der Bibliotheksbeauftragte für das KLV-Lager. Die Leiterin der deutschen Bücherei nahm sein Interesse wahr. Zwei-, dreimal in der Woche durfte er ihr beim Einordnen und Katalogisieren von Büchern helfen, was ihm nicht nur einen breiten Einblick in die Literatur verschaffte, sondern auch etwas mehr Bewegungsfreiheit. Er konnte, was nicht erlaubt war, Streifzüge durch den Ort machen.

Zakopane um 1940. Quelle/ © dziennikpolski24.pl/niezwykle-zdjecia-dawnego-zakopanego-galeria/gh

Der Aufenthalt in Zakopane mag, so erzählt, wie eine idyllische Jugendzeit wirken, schreibt Walter Beck in „Mär und mehr“. „Wir spielten Theater, machten Wanderungen in die Tatra. Es gab Gerüchte, dass sich Partisanen in den Wäldern aufhalten. Kam den Lehrern etwas verdächtig vor, etwa ein Lagerfeuer irgendwo in der Ferne, kehrten wir um. Wenn wir ihn auch nicht direkt spürten, der Krieg war für uns allgegenwärtig. Wir verfolgten die Frontberichterstattung und was in Berlin passiert, wo wir unsere Eltern wussten.“

Der Krieg hatte mit der Schlacht bei Stalingrad 1942/43 begonnen, sich gegen seine Verursacher zu richten. Die Wehrmacht erlitt durch die Rote Armee eine schwere Niederlage nach der anderen. Die Front im Osten rückte immer weiter gen Westen, kam auch Zakopane immer näher. Ein Bannführer der ortsansässigen Hitlerjugend wollte die 13-, 14jährigen „kriegstauglich“ machen. Walter Beck: „Er war ohne jegliches Empfinden. Er scheuchte uns über die Waldwiesen, brüllte herum. Wir empfanden nur Hass, und haben ihn dann einfach stehengelassen.“ Ihr Mathematik- und Physiklehrer, Dr. Pannewitz, ein kleiner Mann, sorgte dafür, dass der Bannführer nie wieder in ihrem Haus erschien. Die Jungs, die ihn ohnehin verehrten, nannten ihn von Stund an den „kleinen General“.

Nicht fürs Sterben geboren

In Deutschland wurde in Kino-Wochenschauen und Nachrichten die Propaganda-Trommel gerührt. Es waren perfekte Manipulationen mit bearbeiteten Bildern und falschen Informationen, wie man heute weiß. Walter Becks Vater hielt sich in Berlin mit dem Kurzwellenempfänger, den er mit seinem Sohn gebaut hatte, über die tatsächliche Frontlage auf dem Laufenden. Heimlich schaltete er auch „Feindsender“ ein. Er machte sich große Sorgen, dass sein Sohn in Zakopane nicht mehr sicher ist und setzte alles daran, dass man ihn aus dem KLV-Lager abkommandiert. Dazu aber bedurfte es der Zustimmung der Reichsjugendführung, und die prüfte lange die Gründe. „Meine Mutter hatte eine Schwangerschaft erfunden und dass sie mit mir zu Verwandten ins Badische wollte“, erinnerte sich Walter Beck. Im Juni 1944 saß er schließlich im Zug nach Hause.

Die Tuchhallen mit ihren Arkaden bilden seit dem 14. Jahrhundert den Mittelpunkt des Krakauer Marktes. Sie gehören zu den bedeutendsten Renaissance-Bauten Mitteleuropas. Ihren Namen verdanken sie dem Handel mit Tuchen. In den mittelalterlichen Krämerläden wird bis heute gehandelt. Im Obergeschoss befindet sich eine Gemäldegalerie Quelle: das-polen-magazin.de © Brigitte Jaeger-Dabek /September 2010

Den mehrstündigen Zwischenaufenthalt in Krakau nutzte er, stets neugierig auf Unbekanntes, für eine Besichtigung der Altstadt. Er hatte in einem Reisehandbuch von den historischen Sehenswürdigkeiten gelesen. Er durchstreifte die berühmten Tuchhallen am Markt, und konnte sich nicht sattsehen an der Renaissance-Architektur, den Krämerläden mit ihren Tüchern und Stoffen. In der Marienkirche wollte er sich den berühmten Hochalter des Bildschnitzers Veit Stoß ansehen. Enttäuscht musste er feststellen, dass der Platz an dem er stehen sollte, leer war. In Baedekers Reisehandbuch (Leipzig, 1943) las er später, man habe das einmalige Kunstwerk vor Bombenangriffen schützen wollen, und deshalb nach Nürnberg, „in die Heimat des Künstlers“, umgesiedelt. Dort sei er in einem Kunstbunker unter Burg „verwahrt“ worden. Die Wahrheit ist: Der Altar war als Beutekunst von dem Kunsthistoriker und SS-Oberführer Kajetan Mühlmann, Hitlers erfolgreichstem Kunsträuber, „beschlagnahmt“ worden, und sollte das Prunkstück im geplanten „Führermuseum“ in Linz werden. Nach Kriegsende brachte die US-Army der Stadt Krakau ihr Eigentum zurück.

Dass ihm die Aktivitäten seines Vaters das Leben gerettet haben, ist sich Walter Beck nachgerade sicher. Und das nicht nur dieses eine Mal. 1944 wurde das faschistische Deutschland im Osten von der beständig näher rückenden Roten Armee und den von Westen kommenden Alliierten in die Zange genommen. Der Niedergang des „Großdeutschen Reiches“ war abzusehen. Die Angst saß den Menschen im Nacken. In einem letzten Aufbäumen – etwas anderes war es nicht – holten die Nazis Mann und Maus zum Dienst an der Front. Im Oktober 1944 wurde der nunmehr 15jährige Walter Beck zu Schanzarbeiten nach Meseritz, jenseits der Order, beordert. „Kommt nicht in Frage!“ bestimmte der Vater und bestand auf einer medizinischen Untersuchung seines Sohnes vor dem Einsatz. Im damals noch unversehrten Potsdamer Palais Barberini traf der Junge auf eine Ärztin, die offenbar auch nicht viel mit dem Krieg am Hut hatte, und ihm eine Fülle von Krankheiten bescheinigte, die schwere körperliche Arbeit verunmöglichten. Der überzeugende Befund beunruhigte seine Eltern. Der Hausarzt gab nach eingehender Untersuchung konspirativ Entwarnung, diagnostizierte seinem „Patienten“ aber ein fiktives Zwölffingerdarm-Geschwür. Dadurch entkam Walter Beck der Wehrmacht, der Kriegsmarine, der Luftwaffe und der Waffen-SS, die ihn alle einziehen wollten. So hat ihm der Vater erneut geholfen, zu überleben.

Überreste des Kampfes in einem Waldgebiet zwischen Storkow, Märkisch Buchholz und Halbe. Hier waren am 27. April 1945 die Reste der 9. Armee und nach Westen flüchtende Zivilisten von den sowjetischen Truppen zusammengedrängt und in Gefangenschaft genommen worden. Auf beiden Seiten ließen Tausende ihr Leben. Bei der Kesselschlacht um Halbe zwischen dem 24. und 28. April 1945 starben ca. 30.000 deutsche Soldaten, 10.000 Zivilisten und 20.000 sowjetische Soldaten Quelle: Liberation Route Europa © Gedenkstätte Seelower Höhen

Sich selbst konnte der Vater nicht retten. Der Elektroingenieur, war Anfang März 1945 für „Hitlers letztes Aufgebot“, den Volkssturm, rekrutiert und an die vordringende Ostfront an der Oder geschickt worden. Seine Dienststelle, das Schaltwerk der Siemens-Schuckert-Werke, konnte die Einberufung nicht mehr verhindern. Zweimal gelang es Walter Beck, seinen Vater am Standort in Müllrose zu besuchen. Die Front bewegte sich über ein paar Wochen nicht weiter. Es war die Ruhe vor dem letzten Sturm. „Ich erlebte die Atmosphäre unmittelbar hinter einer stehenden Front, die auf den nächsten Angriff wartet, der der letzte sein wird“, lese ich bei Walter Beck. Bei der mörderischen Kesselschlacht um Halbe im April 1945 geriet sein Vater in Gefangenschaft. Sein letztes Lebenszeichen war eine Postkarte aus dem Gefangenenlazarett in Trebbin.

Bomben, ein Drehbuch und die Befreiung

Die Berliner Schulen blieben wegen der zunehmenden Fliegerangriffe weiter geschlossen. Walter Beck wechselte zum Schuljahresbeginn im Herbst 1944 an die 1. Städtische Oberschule für Jungen in Potsdam, das heutige Humboldt-Gymnasium. Die S-Bahn hielt auch am Bahnhof „Babelsberg – UFA-Stadt“. Hier mal auszusteigen und zu gucken, ob sich nicht vielleicht ein Blick von der Filmproduktion erhaschen lässt, kam ihm nicht in den Sinn. Ufa war für Oberschüler lediglich ein Synonym für Film, eine Welt, der er ausschließlich im Kino begegnete.

Heinrich George verkörperte in dem NS-Propaganda-Film des Regisseurs Werner Klingler das patriarchalisch regierende Oberhaupt der Lübecker Familie Degenhardt. Statt seinen Ruhestand zu genießen, meldet sich der hochdekorierte Kriegsveteran des Ersten Weltkrieges im Zweiten Weltkrieg nach dem Bombardement Royal Air Force auf die Stadt meldet er sich zum Dienst zurück Quelle: Filmportal © DIF

Nur einmal, Anfang 1945, traf er in der Realität darauf, als der Schauspieler Heinrich George an der Station zustieg. Ein massiger Mann, der sich beidhändig auf seinen Stock vor sich stützte und abweisend starrte. Niemand wagte es, sich ihm zu nähern oder gar sich neben ihn zu setzen, schildert Walter Beck die Situation in seinen Aufzeichnungen. Georges Erscheinung war ihm vertraut durch die Rollen des Postmeistersin der Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Puschkin, des Patriarchen Degenhardt in dem Durchhaltefilm Die Degenhardts“ (1944) und des Nettelbeck in „Kolberg“ (1943/44). Diese beiden Filme wurden sofort nach Kriegsende von den Alliierten verboten.

Von einem ruhigen Lernen konnte in jenen Wochen nicht mehr die Rede sein. Die Luftalarme kamen nun auch am Tage und führten zu häufigem Unterrichtsausfall. Angstvoll hockte Walter Beck dann im Splittergraben in der Nähe des Bahnhofs und sah beunruhigt den Flugzeugen nach, die mit ihrer tödlichen Bombenlast in Richtung Berlin flogen. Wohl war ihm erst, wenn er zurück in Berlin seine Mutter wohlbehalten an ihrer Kasse im Kino „Lichtburg“ in der Memhardstraße vorfand. Erleichtert setzte er sich dann in den Saal und sah sich Filme an. Manche mehrfach, wie schon als kleiner Junge in Neckarau. Die UFA-Unterhaltungsschnulze „Hallo Janine!“ sah er so oft, dass er aus dem Gedächtnis Einstellungen und Dialoge in sein Schulheft schrieb. Sein erstes „Drehbuch“. Zu bedeuten hatte das für seinen Berufswunsch immer noch nichts.

Als Walter Beck am Morgen des 15. April in Potsdam ankam, sah er sich auf seinen Weg zur Schule von Trümmern umgeben. Das Alte Rathaus (l) war ausgebrannt, unversehrt stemmte der goldene Atlas trotzig die Erdkugel. Vom Palais Barberini war nur noch der Mittelbau als Skelett übrig. Quelle: Wikimedia © Max Baur/Bundesarchiv, Bild 170-378 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE

Sein Leben lang hat er das Bedrohliche, das von den dröhnenden Flugzeugmotoren ausging, nicht vergessen. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 vernichtete ein anglo-amerikanischer Bombenhagel Potsdams Innenstadt, auch die 1. Städtische Oberschule am Kanal brannte aus. Dagegen haben auch die „diensthabenden“ Luftschutzwachen der Schüler, die Nächtens für den Bedarfsfall als Löschtrupp bereitstanden, nichts ausrichten können. Sie haben das eher als Abenteuer gesehen. Wie ernst und lebensgefährlich das tatsächlich wurde, hat sich keiner der Jungen vorgestellt. Walter Beck fand an jenem Morgen nur noch eine Ruine vor. Die Brandbomben hatten die ganze Innenstadt Potsdams in ein Trümmermeer verwandelt. Der Krieg und seine Folgen war dem 15jährigen hier ganz nah gekommen.

Das Ende des Krieges erlebte er zusammen mit seiner Mutter und anderen Frauen aus dem Haus in ihrem Luftschutzkeller in der Pankower Lauder Straße. Es war ein seltsames und zugleich prägendes Erlebnis. Der Luftschutzkeller war wegen der fortwährenden Luftangriffe und der Granateinschläge zu ihrem alltäglichen Lebensraum geworden. Jede Nacht gab es Fliegeralarm. Das Bettzeug, das sie sonst immer hin- und hergetragen hatten, blieb gleich für die Nacht dort. Minen und Bomben, die inzwischen viele Gebäude im Umkreis zerstört hatten, schienen um die Häuser in der Landauer Straße einen Bogen zu machen. Mit einer großen Offensive hatte Mitte April 1945 die Eroberung Pankows durch die Rote Armee eingesetzt. In Luftschutzbunkern und Häuserkellern suchten Rotarmisten nach NASDAP-Leuten und Wehrmachtssoldaten.

Walter Beck wusste nicht mehr genau, in welcher Nacht sie ihn ihr Haus kamen, und der Krieg für ihn endete. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Einmal werde ich unsanft geweckt. Vor mir fuchtelt ein Rotarmist mit einer Pistole und behauptet: »Du bist Soldat«! Dieser erste Feind, dem ich begegne, nimmt den Luftschutzhelm vom Haken an der Wand und stülpt ihn mir auf. Ich bin irritiert, daß ein Soldat den Unterschied zu einem Stahlhelm der Wehrmacht nicht kennt. Er bleibt wiederholt dabei, daß ich ein Soldat bin. Die versammelten Frauen des Hauses versichern lauthals, daß ich kein Soldat bin. Nach einigem Zögern läßt er sich überraschenderweise überzeugen, dass dieses schlaftrunkene Jüngelchen, das ich damals war, kein Soldat ist und keine Gefahr für ihn und seine Kameraden darstellt, und eilt in den nächsten Keller. In solcher Weise kommt der Frieden über mich.“

Frieden ist mehr als das Ende des Krieges

Letzte schwere Kämpfe mit vielen Toten gab es in Pankow-Süd in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945. Dann setzte eine allgemeine Waffenruhe ein. Um 14.00 Uhr gab das zur „Festung“ erklärte Berlin unter General Helmuth Weidling den Widerstand auf. Das endgültige Ende des zweiten Weltkrieges und damit der Untergang des faschistischen Deutschen Reiches wurde mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht“ in der Nacht zum 7. Mai besiegelt. Sie trat am 8. Mai in Kraft.

Walter Beck und seine Mutter konnten in ihre Wohnung zurückkehren. Putz war von den Wänden gefallen, Fenster von den Erschütterungen zerbrochen. Ansonsten fanden sie alles vor, wie sie es verlassen hatten. Ein Glück, das viele Bewohner den benachbarten Straßen nicht hatten. Sie standen vor den Trümmern ihres Lebens. Die meisten Menschen hatten damals keine Vorstellung, wie es für sie weitergehen könnte. Walters Mutter mühte sich, schneiderte Mäntel aus Wolldecken, Kleider aus Tischdecken und Bettwäsche, um sich und ihren Sohn durchzubringen. Der Fünfzehnjährige tat, was er konnte, um sie zu unterstützen. Stand stundenlang an für Wasser aus den Pumpen in den Kleingärten, die das Wohngebiet umgaben, wartete oft bei einem der wenigen offenen Bäckereien, um ein Brot zu ergattern. Es reichte nicht immer für alle in der Schlange. Der Hunger war Dauergast am Tisch. Manchmal fuhr der Fünfzehnjährige auf „Betteltour“ in die umliegenden Dörfer. Hamstern war aus seiner Sicht ein unpassendes Wort. Es ging um die Beschaffung von Notwendigem zum Überleben. Zumindest für ihn.

Und jeden Tag hoffte er, etwas über den Verbleib des Vaters zu erfahren, darauf, dass er zurückkam. Heimkehrer aus der Nachbarschaft nährten diese Hoffnung. Über Jahre, ja, Jahrzehnte hielt sie sich, denn es kam keine Todesnachricht. Was war mit dem Kriegsgefangenen Beck, der sich zuletzt aus dem Gefangenenlazarett der Roten Armee in Trebbin gemeldet hatte, geschehen? Eine Antwort darauf fand Walter Beck nie. Das Schicksal seines Vaters blieb ungewiss. Er ist wie Hunderttausende in diesem Krieg verschollen. Das ist ein Verlustschmerz, der zwar weniger wird, aber nie vergeht, weil er eine vage Hoffnung in sich trägt. Sie begleitete Walter Beck bis ins hohe Alter. Und an manchen Tagen verführte sie ihn zu der Illusion, er würde dem Vater doch noch irgendwann begegnen. „Wirklich tot ist er mir bis heute nicht, obwohl er, lebte er noch, inzwischen weit über hundert Jahre alt wäre.“ Im Februar 1956 hat die Mutter den Vater für tot erklären lassen

Der entsetzlichste Krieg der Menschheitsgeschichte war zu Ende. Was er hinterließ, waren Hunger, Not, Seuchen und eine große Hoffnungslosigkeit bei vielen, die ihn überlebt haben. Da waren jene, die die Befreiung von der Naziherrschaft als Chance nahmen, ein neues, friedliebendes Deutschland zu schaffen. Dann gab es diejenigen, die sich aus ihrer faschistischen Ideologie heraus als Besiegte begriffen, die die Verbrechen der Nazis leugneten, die diese im Namen des deutschen Volkes millionenfach begangen haben. Fast ein ganzes Volk hätte sich eingestehen müssen, dass es Mörder waren, denen es zugejubelt hat, denen es gehorsam gefolgt war. Sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen, bedeutete, sich seiner Mitschuld am Krieg bewusst zu werden. Und wie wir wissen, man blicke auf den Ukraine-Krieg und seine Hintergründe, sitzt der braune Ungeist noch in vielen Köpfen fest.

Dies sind noch nicht die Gedanken des 15jährigen Walter Beck. Sie haben sich wie ein Mosaik über die Zeit geformt. Dieser Frieden, der nun eintrat, war mehr als das Ende des Krieges. Er zog eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung nach sich. Es war der Anfang von etwas ganz anderem, wie Walter Beck schon bald mitbekam. Er befand sich in einer Welt, die nichts mehr mit der Welt zu tun hatte, in die er hineingeboren wurde, die in den wichtigsten Jahren seines Heranwachsens sein Denken geprägt hat.

Was ihm bis zu jenem Punkt klar und richtig erschienen war, verzerrte sich, konnte ihm nicht mehr als Orientierung dienen. Er war erst Fünfzehn und fragte sich, was werden wird. „Der gesellschaftliche Bruch ist enorm. Er fällt für mich in eine individuelle Entwicklungsphase, die ohnehin bei jedem ein Umbruch ist“, schreibt er rückblickend auf diese Zeit. Jetzt hätte er den Vater gebraucht, der ihn nie mit seinen Fragen allein gelassen hatte. Nun musste er seine Antworten, seinen Weg ohne ihn finden. Bei all der Unsicherheit jener Zeit hielt der Junge jedoch an seinem Ziel fest: Er würde das Abitur machen, dann ein Ingenieurstudium aufnehmen, dem Vorbild des Vaters folgen. So wie es sein Plan seit Kindertagen war. Dass er nicht an einer technischen Universität studieren, sondern sich dem Filmschaffen zuwenden würde, lag damals außerhalb seines Denkens.

Die Schulen blieben bis zum 1. Oktober 1945 geschlossen. Es musste alles neu organisiert, das Leben wieder in Gang gebracht werden. Die Verwaltungen für alle Bereiche waren zusammengebrochen. Verkehr, Wohnungswesen, Kultur und Bildung. Für die Schulen wurden neue Lehrmaterialien gebraucht, die frei waren von nationalsozialistischem Gedankengut. Ebenso Lehrer. Walter Beck hätte sich in den Monaten bis dahintreiben lassen, in Trümmern nach Brauchbaren suchen können, um es zu verhökern. Wie es viele Kinder und Jugendliche in der Zeit des Hungers und der Not taten. Ihm schien das nicht sinnvoll. Er meldete sich bei der örtlichen „Arbeitseinsatzstelle“ Pankow, der einzigen Verwaltung, die sich gleich hatte bilden dürfen. Hier hatten sich Menschen zusammengefunden, die sich daran machten, die elementarsten Voraussetzungen für ein menschliches Leben wiederherzustellen. Jeder sollte ein Dach über den Kopf kriegen, Lebensmittel mussten beschafft und verteilt werden, Versorgungsleitungen und Straßen instandgesetzt werden.

Der Junge bestaunte ihren Enthusiasmus, ihre Kraft. Woher nehmen sie das alles, fragte er sich. Sie hungerten wie er, hatten in Gefängnissen und Konzentrationslagern Schlimmes erlebt. Das wollte er gern ergründen. Wider Erwarten schickte man Walter Beck nicht zum Zuschaufeln von aufgerissenen Straßen oder auf den Güterbahnhof, sondern stellte den Jungen als Boten an. Er trug Rentenanweisungen und andere Benachrichtigungen aus. Seine Sportlichkeit kam ihm da sehr zugute. Alle Haustüren waren fest verschlossen, manche verrammelt, weil die Leute misstrauisch waren gegen jeden, der klopfte oder klingelte. In manche Häuser musste er über die Treppenhausfenster einsteigen. „Ich erlangte als Fassadenkletterer einige Geübtheit“, erinnerte er sich und lachte.

Das erste Mal eine Arbeitsstelle zu haben, sei an sich schon ein Erlebnis gewesen, erzählte Walter Beck. Aber es veränderte sich auch etwas in seinem Denken. Bei seinen Botengängen gewann er erschreckende Einblicke in die verzweifelte Lage vieler Menschen, die er so vorher nicht wahrgenommen hatte. Ihm und seiner Mutter ging es vergleichsweise gut. Trotz des Hungers. Wie froh war er da, in der Arbeitseinsatzstelle auf Männer und Frauen zu treffen, die selbst da, wo es aussichtlos schien, anpackten, Wege und Möglichkeiten fanden. Kommunisten und Sozialdemokraten, die selbst da Hoffnung verbreiteten, wo kaum ein Horizont zu sein schien, die eine Vorstellung von der Zukunft hatten. Ihnen dabei zu helfen, war für den Fünfzehnjährigen sinnvoll.

Teil 2: Zeit der Neufindung

Sein Erbe sind „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ und „Die Märchenbraut“

Ich hatte gerade den Nachruf für die Schauspielerin Ursula Karusseit in meinen Blog gestellt, als im Radio die Nachricht kam, dass Václav Vorlíček tot ist. Vor diesem Moment habe ich mich schon eine Weile gefürchtet. Ganz gegen seine Art hatte er auf meine Mails zu Weihnachten nicht geantwortet, auch nicht auf die Neujahrswünsche. Ich wusste, dass er nicht gesund war. Aber er tat das immer ab. Im Juni 2017 antwortete er auf meine Geburtstagsglückwünsche zu seinem 87: „Danke vielmals und ich grüsse Dich herzlich so viel, wie möglich! Dein treuer und noch lebender Freund V.V. “ Im Oktober des Jahres zuvor hatten wir uns noch einmal getroffen, als ich mit meinem Mann zu einem Kurzbesuch in Prag war. Schon damals machte ich mir Sorgen, denn der sonst so Humorvolle und Gesprächige war sehr still. Es gehe ihm nicht so gut, gestand er da. Am 5. Februar hat der Krebs das Leben des wunderbaren Menschen und großartigen Regisseurs Václav Vorlíček ausglöscht.

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Václav Vorlíček bei der Arbeit im Filmstudio Barrandov  Foto: Boris Trenkel

Meine Freundschaft mit Václav Vorlíček begann im November 2007, als ich mit ihm für die SUPERillu über seinen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sprach. Seit 48 Jahren ist sein romantisches und  humorvolles Märchen die weltweit erfolgreichste Verfilmung des Aschenbrödel-Stoffes. Es war Ende November 2007, ein scheußliches Wetter. Der Wind fegte über die Karlsbrücke und uns stürmischen Schneeregen ins Gesicht, als ich mich mit Václav Vorlíček traf. So ungefähr war es auch, als er im November 1972 mit den Dreharbeiten für »Aschenbrödel« begann. Gespannt wartete ich mit dem Fotografen Boris Trenklel nahe der Karlsbrücke. Wir kannten uns nicht, und doch erkannten wir uns sofort, als er vor dem Café Savoy an der Vítězná aus der Straßenbahn stieg. Ein eleganter älterer Herr, hochgewachsen, mit kariertem Hut und Lederjacke. Eine große Brille betonte die freundlichen blauen Augen.

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Der Regisseur mit einer Darstellerin seines Films „Saxanas Reise ins Märchenland“ Foto: Boris Trenkel

Siebenundsiebzig war er damals, wirkte weit jünger. Eine wunderbare Freundschaft entstand zwischen uns, der ich aufregende Begegnungen mit den Märchenhelden meiner Kindheit und hier nun zu lesende Geschichten verdanke. Ich lernte Marie Kyselková und Josef Zíma kennen, Prinzessin Lada und Prinz Radovan aus meinem Lieblingsmärchenfilm „Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“. Für einen Beitrag zu seinem Film „Die Prinzessin und der Abendstern“ trommelte Václav Vorlíček für mich die Hauptdarsteller Zlata Adamovská, Julie Jurístová, Ivana Andrlová und Juraj Durdiak  zusammen. Der „Prinz“ reiste extra aus dem 300 km entfernten Bratislava an.

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Ivana Andrlová und Juraj Durdiak mit ihrem „Vacek“ im Mai 2010 vor Schloss Ploskovice, das die Kulisse für das Märchen „Der Prinz und der Abendstern“ war. Foto: Jürgen Weyrich

Wenn „ihr Vacek“ sie brauchte, waren seine Schauspieler zur Stelle. Verschoben sogar Theaterproben oder nahmen sich von Großmutterpflichten ein paar Stunden frei, wie Marie Kyselková. Sie hat in der Nacht zum 21. Januar ihre freundlichen, liebevollen Augen geschlossen.

Václav Vorlíček war immer auf der Suche nach Stoffen für neue, phantasievolle Geschichten. Neben seinem Bett stapelten sich links und rechts Bücherberge, hatte er mir mal augenzwingernd verraten, Quellen seiner schier unerschöpflichen Kreativität.  „Irgendwoher muss ich meine Ideen ja nehmen“, hat er damals lachend gestanden. Fast hundert Filme, Fernsehserien, Drehbüchern und Dokumentationen hat er in seine mehr als 60 Arbeitsjahren geschaffen. Angefangen hat es 1953 mit dem Kurzfilm „Politická karikatura“ , den er als Student drehte. Gleich nach dem Studium drehte er seinen ersten Kinderfilm, die Abenteuergeschichte „Der Fall Lupinek“. Viele seiner Arbeiten gewannen Preise, wurden ins Ausland verkauft wie die Parodie „Wer will Jessie umbringen?“, das utopische  Comedy-Abenteuer á la 007 „Das Ende des Geheimagenten W4C“ oder die Komödie „Sir, Sie sind eine Witwe!“, die dem damals 36-jährigen Regisseur internationales Ansehen bis in die USA einbrachten. Für sein Lebenswerk wurde Václav Vorlíček 2017 mit dem Kristallglobus des Internationalen Filmfestivals in Karlovy Vary ausgezeichnet.

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Mit Václav auf der Brücke an der Insel Kampa Foto: Boris Trenkel

„Ich habe das Glück, Filme machen zu können, die international verständlich sind“, erzählte er mir. Der amerikanische Produzent William Snyder lud ihn und Autor Miloš Macourek 1969 nach New York ein. Zwei Monate waren sie dort und arbeiteten an einem Remake von „Wer will Jessie töten“ in Farbe mit. Das Original war schwarzweiß. Dieser Reise erwuchs die verrückte Komödie „Sir, Sie sind eine Witwe!“, die wiederum ein Publikumserfolg auch im Ausland wurde. Danach kam die Märchenkomödie „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ mit der populären Sängerin Petra Černocká. In Tschechien bewegte sich Václav Vorlíček damit nach ganz oben auf der Liste der Film- und Fernsehregisseure. Sein Meisterstück wurde 1972 „Tři oříšky pro Popelku“„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. In Amerika zu bleiben kam ihm nicht in den Sinn. „Ich hatte meine Frau und zwei Töchter in Prag, und es ist nicht das Land für tschechische Patrioten.“ Von Letzterem ist er bis heute überzeugt, auch wenn der Sozialismus in der damaligen ČSSR nicht das Non-plus-Ultra seiner Lebensvorstellung war.

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Mit Václav Vorlíček und Maria Horaková  2012 in Prag im Gespräch über den FilmWie man Prinzessinnen weckt“ Foto:Jürgen Weyrich

Der 1930 geborene Prager hatte ein ausgeprochenes Gespür für filmische Wirkungen und immer Ideen, wie man sie erzielt. Poesie, Witz und Humor waren die Basis, Kulisse, Kostüme, die Auswahl der Darsteller und die Filmmusik machten sein Erfolgsrezept komplett. Schon in seinen Studentenfilmen favorisierte er Parodie und Komödie als sein Genre. Er wagte sich das auch bei politischen Themen. In seinem Diplomfilm „Die Richtlinie“ (1955) nahm er das Reiseverbot ins Ausland aufs Korn. „Wir durften nicht mal nach Warschau fahren“, erklärte er.

Mit seinem Konzept schaffte er es, Top-Schauspieler wie Vlastimil Brodský (bekannt aus dem DEFA-Film „Jakob der Lügner“) und Miloš Kopecký zu bekommen. Sie drehten ohne Honorar. Diesen Film entdeckte Vorlíčeks Enkel Tomas, heute Drehbuchautor, während seines Studiums im Archiv der Filmhochschule und hat ihn für den Großvater digital kopiert. Es wurde sein Geburtsgeschenk zu dessen 80. Die Überraschung war gelungen. „Ich wusste nicht, dass der Film noch existiert“, erzählte mir Václav bei meinem Besuch 2011.

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Im Juli 2013 trafen wir uns auf der Kampa mit Jaromír Hanzlík, der die Titelrolle in der Märchenkomödie „Wie ertränkt man Dr. Mraček…“ spielte. Foto: Jürgen Weyrich

Als ich Vacláv einmal fragte, ob er manchmal ans Aufhören denke, schüttelte er nur den Kopf. Seit dem Tod seiner Frau Sofíe 2009 sorgten die Töchter Katja und Suzanna dafür, dass sein Kühlschrank immer voll war, seine Enkelin kümmerte sich um den Haushalt des Großvaters. „Ich bin gut versorgt, mach dir keine Sorgen“, beruhigte er mich nach seinem schweren Unfall 2013, als ich ihn ein paar Monate später wieder einmal zum Interview traf. Ein Auto hatte ihn am Fußgängerüberweg überfahren. „An mir war kein Knochen heil. Aber der liebe Gott“, er lachte und zeigte mit dem Stock nach oben, „hat noch keinen Platz für mich.“

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Mit Václav Vorlíček beim Interview in den Prager Barrandov-Filmstudios 2007 Foto: Boris Trenkel

Wir saßen bei unseren Gesprächen oft auf der Prager Insel Kampa. Sein Lieblingsplatz. „Als Jungs sind wir hier in der Moldau getaucht, obwohl die Erwachsenen uns das verboten haben. Uns würden die Wassermänner holen, warnten sie. Ganz tief unten auf dem Grund sollten sie hausen, die letzten Herrscher der  böhmischen Gewässer. Wir hatten  Angst, aber wir waren auch neugierig und sind von einem Felsen in die Moldau gesprungen.  Wir versuchten, auf den Grund zu tauchen. Aber wir haben nie einen Wassermann zu Gesicht bekommen.“ Also ließ er als Erwachsener seine Fantasie spielen und holte sie in seinem Film „ Wie soll man Dr. Mráček ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ ans Licht. Unter seinen vielen Filmen sind die beliebtesten seine acht Märchen. Deren Zauber liegt in ihrer Poesie, die Václav Vorlíček so wunderbar filmisch umzusetzen vermochte. Sie werden noch von Generationen geliebt werden.

 

Zum Tod von Rolf Losansky: Sein Herz schlug für die Kinder

Wer ihn kannte und mochte, wünschte, er wäre nach seinem schweren Schlaganfall im Juli 2013 wieder auf die Beine gekommen und hätte das tun können, was ihm immer das Liebste gewesen war: Mit seinen wunderbaren Filmen zu Kindern reisen, sich ihren Fragen stellen und hören, was sie denken – über die Knirpse aus dem Kinderheim, die sich auf die Suche nach dem Dieb des „Wunderbunten Vögelchens“ machen, über „Moritz in der Litfaßsäule“ oder über Alex, der sich in seiner Phantasie jeden Tag als Indianer auf den „Langen Weg zur Schule“ begibt.

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Mai 2015. Regisseur Rolf Losansky (l.) mit seinen Darstellern Gojko Mitic und Frank Träger aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“

Die Aussicht war gering. Sein Sprachzentrum war schwer geschädigt, eine rechtsseitige Lähmung zwang den unermüdlich rotierenden Kinderfilm-Regisseur in den Rollstuhl. Doch er hat gekämpft, wollte es zwingen. Das verrieten mir seine Augen, als ich ihn vor ein paar Monaten besucht habe. Dieser Tage wollte ich wieder zu ihm nach Potsdam fahren. Zu spät. Gestern früh, am 15. September, hat Rolf Losansky aufgehört zu kämpfen. Vor drei Wochen war eine Gesichtsrose bei dem 85-Jährigen ausgebrochen. „Sie war sehr schmerzhaft, ich musste Papa ins Krankenhaus bringen. Zum Schluss wollte er nicht mehr“, erfahre ich von seiner Tochter Danka. „Drei Tage saß ich an seinem Bett, hielt seine Hand, als er ging“, sagt sie und: „Es tut sehr weh, aber es ist jetzt gut so.“

„Er war ein Kämpfer, warmherzig, immer fröhlich, manchmal auch mufflig, aber nie böse. Er ging freundlich mit den Menschen um, sogar mit seinen Neidern“, beschreibt sie ihren Vater, den seine DEFA-Kollegen, Schauspieler, Filmkinder und Freunde genau so in Erinnerung behalten werden. Wenn er mir von seinen Dreharbeiten erzählte, schwang darin immer eine Verschmitztheit und Komik mit, die – neben der großen Nachdenklichkeit – auch in seinen Filmen zu spüren ist. Rolf Losansky hat sich den Träumen, Sehnsüchten und Sorgen der Kinder angenommen, ihren Alltag in seinen Geschichten trickreich mit phantastischen Elementen verwoben, sodass Lehrreiches nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkam.

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Szene aus dem Film „Das Schulgespenst“ 1986

Seine Filme sind Gegenwartsmärchen, die mit einer komödiantischen, ironischen Erzählweise begeistern. „Das Schulgespenst“ (1986), „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) oder „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) haben in ihrer Thematik nichts an Aktualität verloren. „Ich habe 23 Spielfilme für Kinder gemacht“, erzählte er mir einmal. „Wenn ich sie heute zeige und die Kinder Zugabe rufen, weiß ich, dass ich es richtig gemacht habe. Kinder sind sehr kritisch. Sie sind ehrlich. Sie heucheln keine Begeisterung.“ Nie waren ihm ihre Fragen zuviel.

Nach der Wende hat er noch drei Filme gedreht, 1992 „Zirri – das Wolkenschaf“, 1993 „Friedrich und der verzauberte Einbrecher“ (gespielt von Rufus Beck) und 1998 die Märchenverfilmung „Hans im Glück“.

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Im Juni 2013 mit Andreas Bieber und Marlene Marlow, Hauptdarsteller in Losanskys Märchenfilm „Hans im Glück“

Persönliche Schicksalsschläge nahmen ihm die Kraft. Der ungeklärte Tod seines Sohnes, der Kapitän eines Containerschiffes war und im Bermuda Dreieck ums Leben kam, brach ihm das Herz. Posttraumatische Erinnerungen aus seiner Kindheit machten ihm zu schaffen. „Ich komme aus Frankfurt/Oder von der polnischen Seite, habe sowohl Panzerangriffe erlebt als auch schwere russische und amerikanische Bombenangriffe in Augsburg, wohin wir geflohen waren. Ich kann heute noch in keinen kleinen Keller gehen. Mit der Kraft der Jugend konnte ich die Bilder von Leichen, an denen ich vorbei gerannt bin, verdrängen. Je älter ich werde, desto häufiger suchen sie mich heim“, erzählte er in unserem ersten Interview. Als Berater und Mentor arbeitete er dann mit jungen Regisseuren. Er wollte in ihnen das Feuer wecken, das noch immer in ihm loderte. So wie die Altmeister der Regie Martin Hellberg, Kurt Maetzig und Andrew Thorndike in den 50er und 60er Jahren dieses Feuer in ihm entfacht hatten.

losanskyRolf Losansky ist auf Umwegen Regisseur geworden. Am 18. Februar 1931 als Sohn eines Schriftsetzers und einer Krankenschwester geboren, lernte er nach der Schule zunächst Buchdrucker. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät, studierte dann drei Semester Medizin, bevor ihn als 24-Jährigen „der Virus Film mit Haut und Haaren fraß“. Seine erste Regie-Assistenz bekam er bei DEFA-Regisseur Frank Beyer bei den Dreharbeiten für den Film „Königskinder“ mit Annekathrin Bürger und Armin Mueller-Stahl in den Hauptrollen. Mit seinem aufmerksamen Blick ersparte er dem Regisseur damals eine große Peinlichkeit und der DEFA hohe Kosten, hätte man den Fehler erst beim Schnitt entdeckt.  Im Atelier wurde eine Flugszene simuliert. Dazu ließ man hinter den Fenstern der Flugzeugattrappe auf einer Leinwand Wolken vorbeiziehen. Frank Beyer konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Schauspieler und übersah, dass die Wolken das Flugzeug überholten. Rolf Losansky, der später dazu kam, erfasste das mit einem Blick und rief: „Kamera aus!“ Man hatte den Film falsch herum eingelegt. „Das war so ein Tag, an dem man als Regie-Assistent abends zufrieden ins Bett geht. Und ich brannte darauf, bald selbst so ein Leben erzählen zu können“, erinnerte er sich beim Erzählen dieser Episode.

img_3885Als Regie-Assistent suchte er für den Film „Nackt unter Wölfen“ die Kinderdarsteller aus und merkte, dass ihm die Arbeit mit Kindern lag und Spaß machte. Seine Frau Annelore, die Liebe seines Lebens, brachte ihn auf die Idee, Filme für Kinder und Jugendliche zu drehen. Sie waren 35 Jahre glücklich verheiratet, als sie 1991 starb. „Sie war Lehrerin und hielt unsere Familie in Schwung“, erzählt Danka.  1963 drehte er dann mit dem Abenteuerfilm „Geheimnis der 17“ seinen ersten eigenen Kinderfilm und noch im selben Jahr dreht er mit der „Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ seinen ersten Erfolgsfilm.
Der Abschied von Rolf Losansky fällt schwer. Ich hoffe sehr, dass seine Filme, die er am Leben erhalten hat, nicht vergessen werden.

In memoriam DEFA-Legende Kurt Maetzig. Sein Prinzip hieß Wahrheit

Es gibt Menschen, die sollten, nein, dürften nie vergessen werden. Für das, was sie bewegt haben, für das, was sie wollten und dafür, dass sie einfach großartige Menschen waren. Für mich ist DEFA-Regisseur Kurt Maetzig so ein Mensch. Heute, am 25. Januar, wäre er 105 Jahre alt geworden. Insofern lichtet sich die Reihe derjenigen, die ihn kannten, denen sein Name noch etwas sagt oder die seine Filme gesehen haben. „Ehe im Schatten“, „Die Buntkarierten“, „Der Rat der Götter“, „Schlösser und Katen“ – die heute eigentlich wieder in den Geschichtsunterricht gehörten – oder sein zweiteiliges Epos über den kommunistischen Arbeiterführer Ernst Thälmann, das ihn in die Ecke eines Parteipropagandisten beförderte.

Ich habe all diese Filme als Zwölf-, Dreizehnjährige im Testprogramm des Deutschen Fernsehfunks gesehen, das jeden Tag mittags von halb zwei bis drei Uhr lief. Mit ihnen ging ich in eine Zeit, die ich nicht erlebt habe, die aber als jüngste Vergangenheit noch nah genug war, um mental in Beziehung mit dem Geschehen zu treten. Damals hätte ich nie vermutet, dass ich einmal den Mann, der sie gemacht hat, kennenlernen und ihm in Gesprächen näher kommen würde. Am 8. August 2012 ist Kurt Maetzig gestorben. Da war er 101 und ein halbes Jahr alt. Von einem Tag auf den anderen konnte er die Beine nicht mehr bewegen, war ans Bett gefesselt. Sein wacher Geist, der kurz zuvor noch in einem beweglichen Körper wohnte, konnte das nicht hinnehmen. Er schaltete die Lebensfunktionen ab.

Der Filmemacher Maetzig war ein Avantgardist, ein mehrfacher. „Einer muss immer der Erste sein“, sagte er mit der Weisheit des Alters. Bei ihm habe es sich aus den Umständen ergeben. Mit zwölf baute er sich sein erstes Radio, noch bevor es etwas zu empfangen gab. Erst nach Wochen tat sich etwas in dem Apparat. „Es rauschte, dann hörte ich wie eine Stimme meldete: Sie hören die erste Probesendung der Berliner Funkstunde. Ich holte mir bei der Post ein Abonnement und war der Radiohörer Nummer 1 in Berlin.“

Das erfuhr ich so nebenbei, als ich Kurt Maetzig 2008 zum ersten Mal besuchte. Er blieb Zeit seines Lebens ein Technik-Freak. Zum 90. Geburtstag schenkte die DEFA-Stiftung dem Mitgründer der international renommierten DDR-Filmstudios in Babelsberg eine Homepage. Er kaufte sich einen Computer und eroberte sich das Internet als Tor zur Welt, als Kommunikationsmittel. Das Wichtigste war ihm, immer den Durchblick im politischen und gesellschaftlichen Weltgeschehen zu haben.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Bambi-Premiere – Regisseur Kurt Maetzig erhielt 1948 für seinen Film „Ehe im Schatten“ den gerade ins Leben gerufenen Kinopreis der „Film-Revue“

Der Anlass für meinen Besuch damals war ein ganz besonderer. Die Verleihung des „Bambi“ feierte in dem Jahr 60. Geburtstag. Die Auszeichnung war 1948 von dem Karlsruher Verleger Karl Fritz und seiner Zeitschrift »Film-Revue« als Kinopreis ins Leben gerufen worden. In der Liste der Preisträger standen für das Jahr die Schauspieler Jean Marais und Marika Rökk. Den damals wichtigsten „Bambi“-Gewinner hatte man vergessen: den DEFA-Regisseur Kurt Maetzig. Sein Debütfilm „Ehe im Schatten“ war 1947 die erfolgreichste Kinoproduktion und 1948 zum besten deutschen Nachkriegsfilm gewählt worden. Der gerade 37-Jährige – und hier war er wieder Avantgardist – hat sich als erster deutscher Regisseur auf der Leinwand mit dem Antisemitismus und den Folgen der Nürnberger Rassengesetzen im „Dritten Reich“ auseinandergesetzt. „Ehe im Schatten“ ist die Geschichte des Schauspieler-Ehepaares Joachim Gottschalk und seiner jüdischen Frau Meta, das 1941 den Freitod wählten, statt seine Liebe preiszugeben.

Geschehnisse, die auch mit Maetzigs Leben zu tun hatten. Seine Mutter war die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Hamburger Teehändlerfamilie. Die Eltern ließen sich scheiden, damit der Vater seinen Betrieb, eine Film-Kopieranstalt, nicht verliert. Der Sohn blieb bei der Mutter und konnte nicht verhindern, dass sie sich 1943 vergiftete, nachdem sie den Deportationsbescheid erhalten hatte. Als der Krieg vorbei war, sah sich der Chemiker und Filmtechniker in der Verantwortung, die Filmindustrie im Osten Deutschlands wieder in Gang zu setzen. Gemeinsam mit dem Schauspieler Hans Klering – ab 1946 einer der DEFA-Direktoren –, dem Kameramann Werner Krien, den Filmszenenbildnern Carl Haacker und Willy Schneider, dem Schauspieler und Produktionsleiter Adolf Fischer sowie dem Kaufmann, Elektrotechniker und Beleuchter Alfred Lindemann gründete Kurt Maetzig im August 1945 ein Filmaktiv zur Vorbereitung einer neuen Filmproduktion – die DEFA. „Damals war nicht klar, dass ich Regisseur werde. Ich hatte die Gesamtleitung der ostdeutschen Kino-Wochenschau Der Augenzeuge. Aber als die Novelle Es wird schon nicht so schlimm von Hans Schweikart auf meinem Schreibtisch lag, wusste ich, das muss ich selbst machen.“ Es wurde für ihn eine Lebensentscheidung. Der Schauspieler und Regisseur Schweikart († 1975), in erster Ehe mit der jüdischen Schauspielerin Käthe Nevill verheiratet, geriet wie Maetzigs Eltern unter den Druck der Rassengesetze. Käthe Nevill wanderte nach Palästina aus. Den „Halbjuden“ Kurt Maetzig bewahrten seine Forschungen auf dem Gebiet der Filmtechnik und der Photochemie vor dem KZ, denn der Film war für die Nationalsozialisten zu einem wichtigen Instrument der ideologischen Manipulation des deutschen Volkes geworden, und seine Arbeiten wurden als wichtig angesehen.

Die Befreiung im Mai 1945 begrüßte Maetzig, der ein kleines Labor in Werder betrieb, zusammen mit 20 Zwangsarbeitern, zu denen er Kontakt bekommen hatte. „SS-Leute hatten vor meinem Labor einen Franzosen niedergeschlagen und liegen gelassen. Ich habe ihn reingeholt, in mein Bett gelegt und gesund gepflegt. Diese kleine Geste, die für mich selbstverständlich war, brachte mir das Vertrauen der Leute ein. Als die Rote Armee einrückte, versammelten wir uns in meiner Wohnung, und ich habe eine Flasche Wein aufgemacht, einen 1933er Chateau d’Yquem. Er war in dem Jahr gekeltert worden, in dem Hitler an die Macht kam. Ich hatte mir damals geschworen, die Flasche an dem Tag zu öffnen, an dem seine Macht zu Ende ist“, erinnerte er sich an diesen Moment großen Glücks.

Fortan ging es ihm um nichts mehr und nichts weniger als eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus, eine Welt, in der die Menschen Frieden haben. Er gehörte zu den Leuten, die das Ende als Anfang verstehen konnten. Nichts schien in dieser Zeit nach einem Krieg mit fast 70 Millionen Toten einleuchtender, als die Gesellschaft anders zu machen. Für diese Überzeugung, dieses Ideal trat er mit seinen Filmen an, wollte die gute Sache befördern. Kompromisslos sein in der Auseinandersetzung mit Vergangenem wie Gegenwärtigem. In einem Gespräch anlässlich seiner Ehrung mit dem DEFA-Stiftungspreis kurz vor seinem 100. Geburtstag resümierte er: „Wie meine Mutter immer sagte: Alles hat seine zwei bis 17 Seiten. Und wenn nicht 17, so ist doch zu erkennen, dass die Kunst fast immer mehrere Deutungen zulässt. Das sind ihre Schönheit und Stärke, aber auch die Quelle von Misshelligkeiten und Enttäuschungen. Mein Bestreben, mich immer der Wahrheit zu nähern und künstlerisch zu gestalten, war die feste Linie in meinen Planungen. Es ist nicht immer gelungen.“

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Kurt Maetzig 2006 zum 60-jährigen DEFA-Jubiläum mit Berlins OB Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Foto: Michael Handelmann

Sein gesellschaftskritischer Film „Das Kaninchen bin ich“, wanderte 1965 wie viele andere DEFA-Produktionen dieses Jahres als „staatsfeindlich“ in den Giftschrank. Zwei Jahre später kam „Das Mädchen auf dem Brett“ in die Kinos, in seinen Augen der ehrlichste Film in der nachfolgenden Zeit der Kompromisse. Ausnahme vielleicht „Januskopf“ mit Armin Mueller-Stahl, der die aktuellen Probleme der Humangenetik visionär vorwegnahm. 1975 drehte Kurt Maetzig seinen letzten Film, nahm mit 65 Jahren Abschied von der DEFA, die ihm drei Jahrzehnte Lebensinhalt und Heimat war. Die ihm „mehr als das Land oder der Ort oder die Straße oder der familiäre Umkreis“ bedeutet hat. „Ich wollte keine Kompromisse mehr machen, die ja nicht weniger geworden wären“, erklärte er mir seine Entscheidung. Ich fragte ihn, welchen Film er jetzt drehen würde, wenn er die Chance dazu hätte. „Ich würde Voltaires Candide oder Der Optimismus verfilmen. Candide geht durch alle Schrecknisse der Welt, ausgerüstet mit den Lehren seines Lehrers Pangloss, der ihm gesagt hat: Es ist zwar schrecklich auf der Welt, es passieren überall furchtbare Sachen, aber es ist doch die beste aller Welten, die beste, die wir uns vorstellen können.“ Und so empfand es auch der Filmemacher Maetzig.

 Interview aus dem Jahr 2008.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Regisseur Prof. Kurt Maetzig am 26. 3. 2008 in seinem Haus. Foto: Boris Trenkel

Was war das Besondere an „Ehe im Schatten“? 
Die Aufführung des Films 1947 war ein kulturelles Ereignis ersten Ranges. Und das wurde auch dadurch unterstrichen, dass es der einzige und letzte deutsche Film war, der in allen vier Berliner Sektoren am selben Tag seine Uraufführung erlebte – am 3. Oktober 1947. Und er fand im Osten wie im Westen große Beachtung. „Ehe im Schatten“ ist der erste deutsche Film, der sich mit der Verfolgung der Juden in der Nazizeit beschäftigt hat. Und das in einer Form, die die verhärteten Herzen aufzuschließen vermochte. In Westdeutschland hat man das Thema überhaupt nicht aufgegriffen. Man hat es verscharrt. Weg damit, gar nicht daran denken. Und möglichst nicht darüber reden.

Wie reagierte das Kinopublikum?
Als der Film zu Ende war, blieben die Leute erschüttert sitzen. Tief betroffen und oft sehr erschüttert. Es gab keinen Beifall, es stand auch niemand auf, um wegzugehen. Es war minutenlang still – und ich weiß als Regisseur, wie lang eine Minute ist. Dann standen sie auf und verließen schweigend das Kino. Nicht nur in Berlin, auch in München und Hamburg, wo ich zu den Premieren war. Diese Erschütterung des Publikums war einmalig in dieser Zeit, in der große Depression herrschte, weil sich das, woran die Leute geglaubt hatten, nicht eingestellt hatte. Der Endsieg war nicht eingetroffen, das Hitlerreich zusammengebrochen. Und nun plötzlich ein so tiefes Erlebnis, ein so tiefer emotioneller Zugang zur Gegenposition zu dem, was sie zwölf Jahre von den Nazis gehört hatten. Das war eine enorme Sache.

Prof. Kurt Maetzig , erster Bambigewinner
Nach 60 Jahren darf ich ihm im Dezember 2008 eine Kopie seines ersten Bambis, das zerbrochen ist, seinem Haus in Wildkuhl überreichen. Foto: Boris Trenkel

Was empfanden Sie? 
Das hat die Presse natürlich registriert und gedeutet. Und es hat auch in mir Hoffnungen und vielleicht sogar Illusionen ausgelöst darüber, was die Kunst vermag. Ob sie tief eingewurzelte Vorurteile wie Antisemitismus zu überwinden vermag. Ich hatte mir gedacht, wenn das überall so ist – und das war überall so –, dass das Ansehen dieses Films eine solche Erschütterung auslöst, wird das auch in der Tiefe die Einstellung der Menschen zu Fragen wie Antisemitismus von Grund auf verändern. Es passierte nicht. Er kommt wieder. Eine Sache auszumerzen, die sich über tausend Jahre im deutschen Volk und auch anderen Völkern verwurzelt hat, ist nicht mit einem Film und auch nicht mit zehn guten Filmen zu leisten.

Glauben Sie heute noch, dass Kunst die Menschen beeinflussen kann?
Das war meine Überzeugung, die mich durch die Jahrzehnte meiner schöpferischen Tätigkeit geleitet hat. Dafür bin ich angetreten. Ich gehe nicht so weit, dass ich heute sage, Kunst hat überhaupt keine Wirkung. Ich glaube nach wie vor, dass eine solche verändernde Wirkung möglich ist. Doch ich schränke das jetzt sehr ein. Die Kunst wirkt tropfenweise über lange Strecken. Nicht so schnell, so direkt und so eindeutig, wie wir uns das gedacht und gewünscht haben. Es sind doch nur begrenzte Wirkungen.

Also hatten Sie sich – und alle, die daran glaubten – einer Illusion hingegeben? 
Es war eine Utopie, eine richtige Utopie. Eine, die danach drängt, sich zu verwirklichen. Sie bleibt ein Fernziel, dem man sich schrittweise nähern kann. Es als Illusion abzutun, würde ich nicht für richtig halten. Das wäre der Ausschlag des Pendels nach der anderen Seite. Alles Große, was die Menschheit geschaffen hat, begann als Utopie, wird angestrebt und schrittweise verwirklicht. Die Demokratie ist auch so eine Utopie. Das heutige System, das wir haben, schon als Demokratie zu bezeichnen, halte ich für übertrieben. Wahlen allein machen keine Demokratie. Die sind nur ein Schritt auf dem Weg.

„Ehe im Schatten“ ist Ihre erste Arbeit als Spielfilmregisseur. Sie hatten bis dahin Kurz- und Dokumentarfilme für den „Augenzeugen“ gedreht. Was bewog Sie, sich an diese große Aufgabe zu wagen?
Hans Schweikart, damals Intendant der Münchner Kammerspiele, schickte mir auf vier Schreibmaschinenseiten eine Erzählung, die der Abriss für den Film wurde. Als ich sie gelesen hatte, wusste ich sofort, ich muss diesen Film selbst machen, denn ich hatte im Familienkreis, auch im Kreise meiner Freunde ähnliche schreckliche Schicksale in allen Nuancen erlebt. Und dieses Gefühl: Das muss ich machen, war mein Antrieb.

Kurt Maetzig ; Regisseur, 1. Bambi-Gewinner
Er war dem Leben und den Menschen zugetan. Foto: Boris Trenkel

Also war der Film für Sie die Verarbeitung der eigenen Familiengeschichte? Ihre jüdische Mutter hat sich 1943 das Leben genommen, als sie deportiert werden sollte.  
Ja. Aber nehmen Sie bitte ernst, was im Vorspann des Films steht. „Dieser Film ist all denen gewidmet, die als Opfer fielen.“ Das sind die vielen jüdischen Opfer, aber nicht nur sie. Es ist ein antifaschistischer Film geworden. Mir war wichtig, dass das ein Film wird, der die beiden Gegenpole, die Faschisten auf der einen und die Opfer auf der anderen Seite, nicht als Extreme zeigt. Der Film beschränkt sich auf ein ganz kleines Spektrum von Menschen – Künstler, Intellektuelle. Mir hat sehr daran gelegen, das Thema der Judenverfolgung in Deutschland mit dem Opportunismus der bürgerlichen Intellektuellen zu verweben. Darum kommen immer wieder solche dummen Sprüche vor wie: „Es wird schon nicht so schlimm“. Und: „Das betrifft uns doch gar nicht…“ Statt gegen die Sache zu kämpfen, versuchte jeder, nur durchzukommen. Also reiner Opportunismus. Man konnte sich das Schrecklichste auch gar nicht vorstellen. Die Unterdrückung und schließlich Vernichtung der Juden vollzog sich in kleinen Schritten. Es kamen immer neue Gesetze. Und ich hörte: „Na ja, damit ist ja nun die äußerste Grenze erreicht. Nun kann nichts Schlimmes mehr passieren…“ Diese enge Verknüpfung des Opportunismus der Intellektuellen mit dem Thema der Judenverfolgung ist das, was ihn künstlerisch zur Tragödie macht. Diese eigene Mitschuld an dem, was passierte, ist keine Schuld im politischen Raum, keine Schuld, für die man jemand vor Gericht stellen könnte.

Sie waren 1933, als Hitler an die Macht gehievt wurde, 22 Jahre. Hatten Sie damals schon eine Ahnung, wohin dieser Weg führt?
Natürlich habe ich nicht von Anfang an gewusst, was Hitler uns bringt. Es hat sich mir stückweise entschleiert. Und ich habe die Nazizeit als ein Antifaschist erlebt und fest damit gerechnet, dass der Faschismus am Ende des Krieges besiegt sein wird. Ich habe immer darauf gehofft, dass das ganze Volk Hitler bekämpft, wenn es erkennt, welches Unheil er über die Welt bringt.

100. Geburtstag von Kurt Maetzig
Meine letzte persönliche Begegnung mit Kurt Maetzig bei der Gala anlässlich seines 100. Geburtstages im Filmmuseum Potsdam. Foto: Boris Trenkel

Das war sehr mutig.
Was ist Mut? Die Überwindung der Angst. Und ich hatte Angst. Ich habe sehr genau gewusst, wie gefährlich es ist, sich gegen Hitler zu stellen, und ich musste meine Angst überwinden. Ich habe mich damals in schwerster Situation auch an den deutschen Klassikern festgehalten. Bei Schiller habe ich in der „Vorrede zur Geschichte des Abfalls der Niederlande“ den Satz gefunden: „Groß und beruhigend ist der Gedanke, dass gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist. Dass der Widerstand eines ganzen Volkes auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, edelmütige Beharrung seine Hilfsquellen endlich erschöpfen kann.“ Solche Gedanken haben mich geleitet, dadurch bin ich Antifaschist geworden.

Sie haben sich dann mit Ihrer Kunst für den Sozialismus engagiert. Trifft es Sie, wenn man Sie als einen Propagandisten der DDR bezeichnet?
Nein, das trifft mich überhaupt nicht. Propaganda heißt ja nichts anderes, als eine Sache befördern wollen. Und die Ziele, die sich dieser Staat gestellt hat, waren auch meine Ziele. Was glauben Sie, was es für eine Erschütterung war, als wir 1956 von den stalinistischen Verbrechen erfuhren. Von den umgebrachten unschuldigen Menschen. Wie sollte man damit weiterleben? Da habe ich mich damals zu der Sicht durchgerungen: Das, was da geschehen ist, hat die Idee des Sozialismus beschmutzt, die Sache, der wir gedient haben, diskreditiert. Aber das Ziel, das wir erreichen wollen, eine Welt ohne Faschismus und Krieg, bleibt unbeschädigt. Es ist auch heute mein Ziel, nach wie vor gültig als Ideal. Es ging immer darum, eine gerechte Welt, eine Welt ohne Faschismus und Krieg zu haben. Und das hatte bis 1989 auch eine große Strahlwirkung auf Westdeutschland.